Im Antiquariat

zu Besuch im Antiquariat: Norman Liebold

In den Sommermonaten blieb es in meinem kleinen Buchantiquariat immer besonders ruhig. Dabei war es egal, ob ein Azorenhoch brütende Hitze oder ein Atlantiktief ständig Regen in die Straße trieb. Im muffigen Halbdunkel zwischen den staubigen Regalen, vollgestopft mit Büchern aller Art, machte ich in dieser Zeit meine ganz eigenen Kurzurlaube im Land der Phantasie. Wenn die Ladentür dann manchmal doch aufging, einen Kunden wie Strandgut hereinspülte und mich von den Gestaden ferner Welten zurückholte, empfand ich das eher als störend.

Es war an ein Tag Anfang August. Das Glöckchen im Rahmen der Tür kündigte einen Besucher an. Mit einem Seufzer warf ich „Navigator“ beiseite, stemmte mich aus meinem Sessel hoch und schlurfte in den Verkaufsraum hinter den Tresen.
Dort stand ein Mann mit den Händen in den Hosentaschen. Ich musterte ihn: Den Kopf zierte eine Glatze, das Gesicht wurde von einem Bart und einer Brille dekoriert. Markant gekleidet mit einem Mittelalterhemd. Darüber trug er eine Lederschultertasche. An der Hüfte machte ich eine dazu passende Ledergürteltasche aus. Ich schätzte meinen Besucher auf vierzig. Oder so.
Einer Ahnung folgend, legte ich den Kopf schief, lauschte dem Wispern meiner Bücher und bekam auch rasch die Antwort, nach der mir verlangte: Als hätte ich es nicht geahnt! Das war der Verfasser meiner aktuellen Lektüre …

Deshalb bemühte ich mich, meinen zu mürrischen Gesichtsausdruck abzulegen, hob die Mundwinkel freundlich und fragte: „Was darf ich für Sie tun, Herr Liebold?“
„Ich…“, begann er und zog leicht die rechte Augenbraue nach oben, überlegte einen Moment. „Um ehrlich zu sein, weiß ich das nicht genau. Eigentlich wollte ich zum Bahnhof, aber dann konnte ich nicht an dieser Tür hier vorbeigehen. Etwas zog mich an. Oder hinein. Mh.“ Er schaute sich um. „Ein Antiquariat“, stellte er fest. Er schaute sich kurz um, dann begann er zu lächeln. „Ein wirklich Schönes… vielleicht können Sie wirklich etwas für mich tun. Ich suche schon länger ein paar Büchlein, die man nicht mehr aufgelegt hat.“ Er musterte mich mit einem schwer zu deutenden Blick, dann nannte er schnell hintereinander weg Bücher von Arno Gruen, Erich Fromm, Castaneda und einige heute reichlich verschollene Autoren. Als ich nickte und die Bücher ohne großes Suchen aus dem einen oder anderen Regal zog, wandelte sich der Blick in Erstaunen. Und das Erstaunen in die Freude eines kleinen Kindes.
Trotzdem hatte ich das Gefühl, er wolle mich testen. Sollte er ruhig. „Das ist beeindruckend.“ Er streichelte die Bücher, die ich vor hin hingelegt hatte. Dann grinste er mich an. „Haben Sie vielleicht sogar… nein, das ist absurd.“
„Nur zu. Fragen kostet schließlich nichts“, stellte ich fest.
„Nun ja… es ist ein Buch von mir. Manuskript und alle Dateien sind weg. Und es gab nur eine Auflage von 100 Stück. Und ich finde einfach keines. Das ist schon ziemlich lang her, wissen Sie. Ich habe die selbst heraus gebracht, Kopierladen und handzusammengetackert. Geschichten sind wie Kinder, und die sind verschollen.“

Jetzt musste ich tatsächlich überlegen, ob ich mich so weit aus dem Fenster lehnen wollte. Natürlich würde ich das Buch im Keller finden – wie jedes andere Buch auch. Aber für ein Antiquariat, so gut es auch sein mochte, wäre das doch ein wenig zu … unwahrscheinlich. Andererseits wirkte der Mann mit seinem anachronistischen Hang, als würde ihn das eine oder andere Magische und Unwahrscheinliche nicht gleich aus der Bahn werfen.
Diplomatisch sagte ich also: „Schreiben Sie mir doch den Titel und das Erscheinungsjahr auf, und ich schaue, was ich tun kann. Übrigens …“ Ein Themenwechsel kam nun gerade recht. „… ich war gerade dabei ein Buch von Ihnen zu lesen. Überaus philosophisch muss ich sagen. Sind alle Ihre Bücher so?“

„Das kann ich nicht sagen.“ Seine Hand fuhr zum Bart und ordnete ein paar Strähnen, eine Geste der Unsicherheit, wollte mir scheinen. „Was ist denn philosophisch? ‚Navigator‘ dreht sich um unsere Gesellschaft und den Platz von uns in einem System, das mit Zahlen und Funktionen arbeitet, nicht mit Menschen und Schicksalen. Ich hoffe, es ist unterhaltsam. Und witzig, auch. Es sind Geschichten über ungewöhnliche Menschen, die dem – nennen wir’s mal so – System den Stinkefinger zeigen. Wenn das Philosophie für Sie ist – ein interessanter Standpunkt, den ich teilen könnte – dann ja. Dann sind alle meine Bücher irgendwie philosophisch.“ Wieder die Finger am Bart. „Aber letztendlich passiert das im Leser, oder? Oder auch nicht. Das ist seine Sache, finde ich.“

Na, da stapelte gerade jemand tief. Wer sich so viele Gedanken ums Menschsein macht, stellte schon gewisse Ansprüche an seine Leserschaft. Nun gut. „Allerdings sind die Handlungsstränge und auch die jeweiligen Botschaften im Subtext sehr – wie soll ich sagen – komprimiert. Sie möchten schnell auf den Punkt kommen und keinen Raum für Fehlinterpretation lassen, oder?“
Jetzt grinste er. „Sie würden staunen, was alles aus den Geschichten herausgelesen wird. Das finde ich großartig. Fehlinterpretationen würde ich das nicht nennen. Alles passiert beim Leser. Ich sehe es etwas anders. Bücher sind längere Briefe an Freunde. Diskussionen. Eine zugespitzte These formulieren weckt Widerspruch. Widerspruch lässt nachdenken. Über sich, über die eigene Haltung zum Thema. Manche finden meine Geschichten zu eindeutig. Ich finde, das Abenteuer fängt danach an – ich will keinem meine Meinung zwischen den Zeilen unterjubeln, dass er sie dann auch noch für seine eigene Idee hält. Ich stell sie vor ihn hin, provoziere ihn ein wenig, lade zum Widerspruch ein. Und… ich mag kurze, dichte, gut geschliffene Sachen. Nicht ganz kurz, aber auch nicht Fantasy-Schmöker von tausend Seiten und zwanzig Bänden. Ich mag es, einen Text am Stück zu lesen – intensiv zu lesen –  und dann noch über ihn nachdenken zu können. Novellen mag ich gern. Also schreibe ich meistens auch so. Und zum Vorlesen bei Lesungen finde ich sie auch am Schönsten: eine ganze Geschichte in einer fesselnden Stunde vortragen, keine Fetzen aus einem Roman. Aber klar, manchmal wirds dann doch ein Roman oder eine Kurzgeschichte. Die Geschichte weiß schon, was sie braucht.“

Ja, diese letzte Aussage konnte ich unterschreiben. Da fühlte sich wohl jemand in seinen Gedanken zuhause. „Kurzgeschichten und Romane; Science-Fiction, Fantasy und Gegenwartsliteratur – so richtig festlegen wollen Sie sich nicht. Wo sehen Sie Ihren Schwerpunkt?“
Herr Liebold schien ein bisschen empfindlich zu sein, er maß mich mit einem skeptischen Blick. „Sie bewerten gern, Herr Plana…“, sagte er.
Hatte ich mich vorgestellt? Jetzt war es an mir, überrascht zu sein. „Sie wissen, wer ich bin?“

Er lächelte mit leichtem Triumph. „Schuss ins Blaue. Ich gehe zum Bahnhof und finde mich in einem sehr malerischen Antiquariat wieder, von dem ich nichts wusste. Und ich liebe Antiquariate. Sie kennen meinen Namen, lesen gerade ein Buch von mir und haben äußerst schwer aufzutreibende Bücher griffbereit.“ Er legte den Kopf schief. „Ich habe Buchland gelesen, wissen Sie?“ Er machte eine vielsagende Pause, bevor er weitersprach. „Mit Geschichten ist das so eine Sache, das geht mir oft so. Ich schreibe etwas, dessen Thematik mich nicht loslassen will. Mir begegnen Dinge, die dazu gehören — oder die vielleicht meine subjektive Wahrnehmung zurechtbiegt, damit es so aussieht. Und Dinge passieren, als hätte ich sie schreibend in die Wirklichkeit geholt. Wahrscheinlich auch sehr einfach psychologisch zu erklären. Self fulfilling prophecy. Manchmal aber denke ich, es ist mehr als das…
Nein, ich beantworte schon ihre Frage. Das ist mein Schwerpunkt: die Wirklichkeit. Oder das, was Sie und ich und irgendein anderer dafür hält. Und was vielleicht wirklich dahinter steht. Oder auch nicht. Die Welt changiert, wir bauen sie zusammen aus dem, was uns begegnet – Vorgekautes, Gefiltertes aus den Medien, eigene Erlebnisse, Momente, wo man etwas mehr zu sehen scheint… einen Schritt beiseite treten, sehen, wie die Perspektive sich verschiebt. Der Kartenstempler, der an schaffe schaffe Häuslebaue, an Geldanlagen und Versicherungen glaubt, sollte den Nischenkünstler kennenlernen, der mit der Hand im Mund durch die Welt treibt und sich auch nicht sicherer oder unsicherer fühlt. Beides ist wahr und unwahr. Die meisten unserer Ängste, Weltbilder, Meinungen, Glauben sind kopfzusammengeschraubtes Konstrukt, das halt zeitweise ganz gut funktioniert. Bis Sand ins Getriebe kommt.
Entschuldigen Sie, ich ufere aus. Das ist halt mein Thema. Und ob das in Form eines Science-Fiction, Fantasy oder als versuchte Spiegelung der Gegenwart passiert, mh, ich habe das Gefühl, dass ich da nicht wirklich etwas zu entscheiden habe, das entscheidet die Geschichte. Und sie zielt immer auf die Seele und die Augen. Und ganz ehrlich. In dem Moment, wo ich glaube, die Wirklichkeit des Hier und Jetzt verstanden zu haben und sie als Geschichte abzubilden meine, schaffe ich letztlich auch nur Fantasy. Wer kann schon ernsthaft glauben, diese unendliche Komplexität verstanden zu haben? Wir basteln Modelle, bestenfalls.“

Ich nahm mir eine Papiertüte und legte die zwischen uns liegenden Bücher vorsichtig hinein. Das Knistern und Rascheln überbrückte das entstandene Schweigen. Die Tüten vom Antiquariat waren das einzige unbedruckte Papier im Haus, denn Wort-Werbung für Worte wollte ich nicht. Es gibt genug davon.
Ich schaute meinen Gegenüber an und sagte: „Als Autor muss man sich in der heutigen Zeit mehr denn je selbst inszenieren. Zumindest habe ich manchmal den entsprechenden Eindruck. Facebook, Twitter und das ganze Zeugs gehört da zum Pflichtprogramm. Gibt es im Web Selfies von Norman Liebold? Oder gehen Sie andere Wege um eine Leserschaft zu finden?“
„Das ist eine schwierige Frage. Relevant ist der Moment, wo ich vor meinen Zuhörern sitze, stehe, herumspringe und ihnen eine Geschichte zu besten gebe. Relevant ist der Moment, wo ein Leser in einer meiner Erzählungen versinkt. Relevant ist der Moment, wo mein Füller über das Papier gleitet. Alles andere – ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Muss man das? Mein Herz sagt: alles Unsinn, der vom Eigentlichen ablenkt und die Zeit von den relevanten Dingen stielt. Aber da ist die Angst, dass es dieses Pflichtprogramm gibt. Dass es ohne nicht geht. Der Weg als Autor heute und vielleicht schon immer, zumal mit Texten abseits dess Mainstreams, ist schon schwierig. Unzählige ringen um die Aufmerksamkeit potentieller Leser. Oft sind die am Lautesten, deren Zeug man wohl in dem Brei der Halle der überflüssigen Bücher wiederfinden würde und die viel Zeit zu haben scheinen, Twitter, Facebook, das Web und was weiß ich noch alles mit aufmerksamkeitsdefizitärer Selbstdarstellung zu füttern. Ob das etwas bringt? Ich weiß es nicht. Bemerke ich es bei einem Autor, frage ich mich, ob er nichts besseres zu tun und das nötig hat. Auf der anderen Seite… so gern ich den ganzen Kram einfach ignorieren würde, ich mach schon ein Stück weit mit. Ich hoffe so, dass die, die es interessiert, finden, was sie wollen und ich denen, die es nicht interessiert, nicht auf die Nerven falle. Selfies gibt es nicht, Bilder schon. Photos, die von mir gemacht wurden auf der Bühne. Manchmal stelle ich auch ein paar Bilder ein von einer neuen Grafik, einem schönen Ort, der in einer Story auftauchen wird, ein Bild vom Manuskript, wenn sich eine Geschichte der Vollendung nähert. Ja, ich schreibe noch – oder richtiger: wieder – von Hand. Und ich hoffe, irgendwann entweder die Gewissheit zu haben, dass nur die drei relevanten Dinge relevant genug sind, dass ich jede Form von Selbstddarstellung sein lassen kann – abgesehen von der auf der Bühne, um eine Geschichte zum Leben zu erwecken für mein Publikum.“

Eine interessante Persönlichkeit, dieser Herr Liebold. Wir plauderten noch ein Weilchen angeregt über Gott und die Welt, über Bühne und Bild, über Sinn und System. Vor allem aber über Literatur. Als sich schlussendlich die Ladentür hinter ihm schloss, sah ich ihm nach; wartete bis seine Silhouette im Licht der bereits untergehenden Sonne verschwand. „Manchmal ist es doch recht angenehm“, sagte ich zu meinen Freunden in den Regalen, „von den Gestaden ferner Welten zurückgeholt zu werden.“ Dann schaute ich erwartungsvoll zur anderen Seite der Straßenschlucht. „Ich bin gespannt, welches Strandgut als nächstes hereingespült wird.“

Herr Plana plaudert über Schrift

BuchlandAm Anfang war das Wort.  Oder … Nein, wenn wir ehrlich sind, war es vermutlich ein Grunzen. Zumindest wird es irgendein fast vollkommen unartikulierter Laut gewesen sein, den vor zirka 450.000 Jahren einem unserer Vorvorvorfahren über die Lippen gekommen ist.
Das Besondere an diesem Grunzen lag in der Tatsache, dass es das Samenkorn zur Entwicklung der Sprache enthielt. Es trug Sinn. Vermutlich bedeutete es so viel wie: „Hör auf damit, sonst Keule auf Kopf.“ Ich kann mich diesbezüglich natürlich auch irren.
Sprache ist – so sagt man – eines der Definitionsmerkmale der Intelligenz. Und Schrift ist das Konservieren von Sprache. Beides machte erst das möglich, was wir heute Zivilisation nennen. Auf dem Wege zum Begriff „Schrift“ ritzten Jahrtausende nach besagtem ersten vorzeitlichen Grunzen die Phönizier ihre Keilschrift in Ton und die Chinesen malten ihre Ideogramme. Endlich konnte man Verträge schließen, Bestandslisten verfassen und „Hör auf damit, sonst Keule auf Kopf“ in brieflicher Form weitergeben.
Wenn wir einige Schritte in der Geschichte von Sprache und Schrift überspringen, dann kommen wir im Hier und Jetzt an …
… Wochenende. Ich sitze hinter meinem Antiquariat im Garten. Die halbstarken Jungs, die im benachbarten Spielplatz abhängen, versuchen ihren Mädels lautstark zu imponieren. Vögel zwitschern. Die Sonne scheint. Willkommen im Vorstadtidyll. Der richtige Ort, die richtige Zeit um nach einem Buch zu greifen. Soll ich vielleicht mit Bilbo Beutlin nach Beutelsend entfliehen? Tolkiens „Herr der Ringe“ bietet ein so wunderbares Beispiel. Das Werk ist ein in Worte gepresster Höhepunkt, der durch die Fähigkeit Sprache mit dem Stift festhalten, erst ermöglicht wurde. Schrift ist nicht nur reine Kommunikation. Denn unser Verstand erlaubt es uns, mit den Worten zu spielen.
Zwar sagt ein Bild manchmal mehr als tausend Worte, doch ebenso können tausend Worte wunderbare Bilder – sogar ganze Filme – in unseren Köpfen erzeugen, ohne dass wir sie tatsächlich sehen müssen. Literatur ist die Verzauberung der Schrift.
Welche Höhen hat unsere Kultur auf den Schwingen der Schrift erreicht! Lyrik, Prosa, Philosophie … Hach!
„Ey, voll krass, ey“, kreischt einer der Teenager auf dem Spielplatz. Das hecktische Klackern einer geschüttelten Spraydose erklingt und zieht mich zurück auf den Boden der Tatsachen.
Graffiti sollen ja angeblich auch eine Kunstform der Schrift sein. In wenigen Minuten wird das Wort „Fuck“ auf dem Altkleidercontainer stehen. Für mich ist das nicht mehr als ein vorkulturelles Grunzen.
Und ich würd‘ gern sagen: „Hört auf damit. Sonst Keule auf Kopf.“
Im Antiquariat

zu Besuch im Antiquariat: Michael E. Vieten

Natürlich gibt es sie: Diese schwierigen Kunden, die den Laden nach dem perfekten Buch absuchen und doch nicht fündig werden, weil sie ganz besondere …
„Wird dieses Buch Ihren Ansprüchen gerecht?“ Beatrice hielt der jungen Frau einen Thriller vor das Gesicht. Die Kundin hob ihre Brille, um unter dem Rand vorbei zu linsen. Nachdem sie die Überschrift gelesen hatte, rümpfte sie die Nase. Es war ihr sichtlich egal, was da als Klappentext auf der Rückseite stand. Offenbar gefiel ihr schon der Titel nicht. Vielleicht lag es auch einfach am Cover.
„Oder lieber jenes?“ Meine Bea reichte ihr mit schwindender Geduld den nächsten Krimi. Seit fast einer halben Stunde suchten sie nun nach einem Buch. Die antiquarischen Bände hatten sie gleich ausgelassen und ausschließlich die aktuelle Belletristik durchforstet. Jedoch zwischen all meinen Büchern gab es nicht das rechte Werk.
Wieder verneinte die Dame. Beatrice warf mir einen flehentlichen Blick zu. Ich schüttelte nur amüsiert den Kopf. Ist es nicht schön, der Chef zu sein? Wenn man keine Lust auf gewisse Leute hat, dann kann man sich rasch – wie Bea sagen würde – verpieseln.
„Herr Plana“, sagte Beatrice laut, „Sie hatten doch neulich davon gesprochen, dass es da dieses eine Buch gibt, das jeder mal gelesen haben sollte.“
Raffiniertes Aas! Über ein Buch, das jeder mal gelesen haben sollte, hatten wir selbstredend nie gesprochen. Trotzdem hatte meine Angestellte es mit diesem Kniff geschafft, mich in die Beratung einzubinden.
Ich griff blind in das Regal hinter mich. Unauffällig las ich noch schnell, welcher Autor mir da in die Finger gehuscht war. „Michael E. Vieten“, hörte ich mich sagen. „Lesen Sie unbedingt den -äh- Fall Siebenschön.“
Skeptisch schaute die Kundin zunächst mich und dann das Taschenbuch an.

Natürlich hatte die Dame das Buch nicht gekauft. „Das ist ja ein Regionalkrimi“, hatte sie abfällig behauptet. „Ich komme nicht aus Trier!“ Und dann war sie, ohne etwas zu kaufen, davon gerauscht.
Jetzt saß ich in meinem Ohrensessel im angrenzenden Arbeitszimmer und überflog die ersten Seiten von „Das Eisrosenkind“. Das war der Nachfolgeband zum „Fall Siebenschön.“
„Interessant“, stellte ich fest. „Diesen Herrn Vieten möchte ich gerne mal kennenlernen.“
Und weil ich bereits ahnte, was als Nächstes passieren würde, stemmte ich mich von meinem Sitzplatz hoch, griff nach meinem Stock und humpelte Richtung Tür. Dort trat gerade ein Mann in den Laden. Wie schön, dass die spezielle Magie meines Antiquariats so wunderbar und prompt funktionierte. „Guten Abend, Herr Vieten“, rief ich etwas zu schnell. Ich erntete ein Stirnrunzeln, denn mein Gegenüber hatte sich ja eigentlich noch gar nicht vorgestellt. Deshalb bemühte ich mich, rasch weiterzusprechen. „Willkommen in meinem bescheidenen Buchgeschäft. Was darf ich für Sie tun? Wonach würden Sie in einem Buchantiquariat suchen?“
Herr Vieten lächelte zum Gruß und fuhr sich dann beiläufig mit der Hand durchs Haar. „Wonach ich suchen würde? Oh, das ist ganz leicht zu beantworten. Wilhelm Buschs Gesamtwerk in sechs Bänden. Fackelverlag 1959 zum Beispiel. Eine wunderbare, unbeschädigte gebundene Ausgabe mit einem großen Bild vom Autor mit Signatur und all seinen herrlichen Illustrationen. Wenn ich es nicht schon hätte. Denn diesen Schatz fand ich vor Jahren in einem Antiquariat.“
„Hm“, machte ich, „sowas hätte ich natürlich auch gern.“ Bekam ich leuchtende Augen?
„Ich werde mich nie davon trennen, beeilte sich Herr Vieten zu sagen, „und es jemandem vererben, der es zu schätzen weiß. Nach etwas Ähnlichem würde ich also wieder suchen. Zum Beispiel Werke in verwandtem Zustand von Pearl S. Buck. Darüber würde ich mich sehr freuen.“
„Ah.“ Ich nickte eifrig. „Ich schaue gleich mal. Vielleicht habe ich hinten noch was von John Sedges.“ Selbstverständlich lief ich nicht direkt ins Arbeitszimmer. Viel zu neugierig war ich auf meinen Gast. Ich fragte deshalb: „Sie sind Autor, nicht wahr?“ Dabei musterte ich ihn unauffällig, denn das Aussehen einer Person verrät so einiges.

Ich schätzte Michael E. Vieten auf über fünfzig. Sein Gesicht wurde von einem gepflegten Bart geziert. Er gab sich hemdsärmelig, leger. Seine Hände steckten tief in den Hosentaschen seiner Jeans. Markant war die Weste, die er trug. In den vielen Taschen schienen ihn allerhand Dinge durch seinen Alltag zu begleiten.
„Ich schreibe Romane und Erzählungen. Hin und wieder ein Gedicht. Aber ich bin kein echter Lyriker. Ich bevorzuge Prosa. Einfache Sprache. Kurze Sätze. Auch ein einzelnes Wort kann durchaus reichen, eine komplexe Situation oder Gefühle zu beschreiben.
Mit Kurzgeschichten fing es an. Mystery. „Unheimliche Begegnungen – Aus der Zwischenwelt“ wurde daraus. 10 Geschichten von Menschen aus dem Diesseits mit Begegnungen aus dem Jenseits.
Dann ein Drama. ‚Das Leben und Sterben des Jason wunderlich‘. Ein Roman über die Last des Lebens, unerfüllte Träume und verlorene Hoffnung. ‚Veronika beschließt zu sterben‘ von Paulo Coelho und überwiegend eigene Erlebnisse hatten mich inspiriert.
Beide Manuskripte fanden keinen Verlag. Ich veröffentlichte sie selbst und folgte dem Rat einer Literaturagentur. Ich schrieb meinen ersten Krimi. ‚Atemlos – beim Sterben ist jeder allein‘. Ein einsamer Kommissar jagt einen gefährlichen Serienmörder. Es folgte ‚Atemlos (2) – Von des Todes zarter Hand‘. Eine Ballade. Eine ‚Bonnie & Clyde-Geschichte‘. Ein rasanter Krimi aus Trier. Diese Manuskripte fanden trotzdem keinen Verlag, verkaufen sich aber ganz gut. Die Agentur gab inzwischen auf.
Erst mit meinem dritten Krimi, der aus den beiden ‚Atemlos‘ Bänden hervorging, fand ich Beachtung. Der acabus-Verlag schickte mir einen Vertrag. ‚Christine Bernard – der Fall Siebenschön‘ war der Auftakt zu einer Krimiserie. Eine junge Kommissarin von der Kriminalpolizei in Trier sucht eine verschwundene Frau und ihre sechs Töchter. Gerade erschien der zweite Fall für die sympathische Ermittlerin. ‚Christine Bernard – das Eisrosenkind‘. Sie ermittelt im Fall zweier verschwundener Kinder. Die Serie wird fortgesetzt.
Inzwischen werde ich von einer Agentin vertreten. Ihr liegt das Manuskript von ‚Herbstlicht‘ zur Vermittlung vor. Ein Roman für das Genre ‚Romance‘. Das Ergebnis meiner Schreibpausen zwischen zwei Fällen für die Reihe ‚Christine Bernard‘. Zur Zerstreuung, sozusagen. Meine Arbeit am Manuskript zu einem dritten Fall ist bereits abgeschlossen. Zur Auflockerung, bis ich mit Fall 4 beginne, schreibe ich diesmal einen Endzeitroman. Das wolle ich schon lange tun.“

Ich zog die Augenbrauen zusammen. „Lyrik, Balladen und Thriller?“
„Und sogar einen Bildband zum Thema: ‚Zufriedenheit‘“.
„Das ist aber ein weiter literarischer Spagat“, stellte ich fest.
„Stimmt, aus mir wurde noch kein Genreautor. Aber ich konzentriere mich auf Prosa. Ich überlasse es meinen Lesern, mich einem bestimmten Genre zuzuordnen. Vielleicht, wenn ich irgendwann alle meine Manuskripte geschrieben habe, an denen mir so viel liegt, konzentriere ich mich auf das Genre, in dem ich am besten wahrgenommen werde.“

„Lyrik ist ja nicht gerade das, was zurzeit gekauft wird“, sagte ich. „Von Balladen kennt man eher die alten Sachen aus dem Schulunterricht …“
Herr Vieten zuckte mit den Schultern. „Die großen und kleinen Dramen im Leben von Menschen interessieren mich und ich verarbeite sie gerne zu Balladen. Die beiden ‚Atemlos‘-Bände zum Beispiel. Tragische Protagonisten. Erst überlegt handelnd, dann vom Schicksal getrieben.“
Plötzlich musste ich wieder an die eigenwillige Kundin von vorhin denken. Ich zeigte meinem Gast die Ausgabe „Siebenschön“, in der ich gerade eben noch gelesen hatte. Das Buch in meinen Händen zu sehen, erfreute ihn sichtlich. Die Lachfältchen machten ihn gleich nochmal so sympathisch. Ich fragte: „Würden Sie Ihre Christine Bernard Bücher als Regionalkrimis bezeichnen? Und wenn ja: Schränkt das nicht die Leserschaft zu sehr ein? Ein Sachse liest vermutlich selten Storys von der Mosel.“
„Wenn es der Sache dient, dürfen diese Krimis auch als „regional“ bezeichnet werden. Vielleicht dient diese Romanserie eines Tages mal als Vorlage für einen Trier-Tatort? Wer weiß das?
Aber ist nicht jedes Buch regional? Ein Krimi, der in New York spielt, ist ein Regionalkrimi. Eben in New York.
Wer sich für den Schauplatz nicht interessiert, der legt das Buch aus der Hand.
Ein Sachse liest vielleicht gerne etwas von woanders, oder er bevorzugt heimische Schauplätze, weil er sich dort auskennt. Vielleicht lebt er aber auch nicht mehr in Sachsen, und er liest deswegen gerne etwas aus der Heimat. Oder hat er vielleicht keine guten Erinnerungen an seine alte Heimat? Dann wird er… Oder er war an der Mosel im Urlaub… Oder er wollte da immer schon mal hin? Vielleicht hat er eine Flasche Wein von dort geschenkt bekommen?
Ich mache mir darüber nicht so viele Gedanken. Wenn ein Leser eines meiner Bücher kauft, freue ich mich darüber sehr. Aus welchen Beweggründen auch immer er zugegriffen hat.“
„Christine Bernard – das würde ich jetzt instinktiv französisch aussprechen“, stellte ich fest. „Lieschen Schmitz als Name der Protagonistin wäre vermutlich zu regional gewesen?“
Herr Vieten nickte. „Ich gebe es zu. Dahinter steckt Kalkül. Christine Bernard ist in Luxemburg geboren und in Deutschland aufgewachsen. Ihr Vater ist Luxemburger, ihre Mutter Portugiesin. Ein durchaus denkbarer Lebenslauf in der Gegend rund um Trier.
Und wenn mein Verlag meinem Gedankengang folgt, dann läge eine Übersetzung ins Französische für die Märkte Luxemburg/Belgien und Frankreich nahe.
Hinzu kommt die verbreitete Frankophilie im englischsprachigen Raum. Alles Französische ist überwiegend positiv besetzt. Ein riesiges Potential. Habe ich mir so ausgedacht.“
Ich ließ meinen Blick kurz über die anderen Thriller im Verkaufraum streifen. Beatrice hatte auf einem Tisch die Top Ten dekoriert. „Blutrünstig ist der Fall Siebenschön ja nicht. Dabei gehören doch möglichst brutale Ausgangssituationen, Obduktionen und Gewaltorgien zurzeit fest ins Genre. Sehen Sie sich eher als ein Erbe der alten Klassiker von Doyle und Christie?“
„Eher Mankell oder Larsson, aber ich lehne Verrohung in der Literatur und natürlich in unserer Gesellschaft grundsätzlich ab. Ich werde keinen Beitrag dazu leisten.“ War das ein politisches Statement? Bestimmt. Doch der Autor redete dann doch lieber über den Schreibstil weiter: „Dass etwas Schlimmes passiert ist, darf ich andeuten, aber nicht bis in jedes Detail beschreiben. Ich möchte lieber erzählen, wie sich Menschen deswegen fühlen und wie sie es bewältigen. Oder auch nicht. ‚Jason Wunderlich‘ zum Beispiel hat die Last des Lebens überwältigt. Und die Mutter eines entführten und getöteten Kindes in ‚Christine Bernard – Das Eisrosenkind‘ ebenfalls.
Ich bevorzuge Empathie anstelle primitiver Reize. Wie dünn die Zivilisationsschicht über dem Tier in uns ist, können wir beinahe täglich im Fernsehen sehen. Ich möchte nicht dazu beitragen, es hervorzulocken.“
Wow! Der Mann sprach mir aus der Seele. Bei vielen Texten und Filmen ging es in meinen Augen nur noch um eine möglichst kreative und sensationshaschende Darstellung. Ich finde es gut, dass es da Ausnahmen gibt. Aber da gab es bestimmt so viel andere Meinungen, wie es Bücher gab.
„Eine einfache Frage, die manchmal lange und komplizierte Antworten bekommt: Warum schreiben Sie?“
Herr Vieten legte den Kopf schief und zog ein wenig die Schultern hoch. „An einem Tag, ein paar Jahre vor meinem 50. Geburtstag, habe ich mir die Frage gestellt: ‚Was hast du aus den Talenten gemacht, die Gott dir auf deinen Weg mitgab?‘
Sofort stellte sich mir die nächste Frage: ‚Was genau sind denn deine Talente?‘
Ich begann, darüber nachzudenken und Menschen, die mir nahestehen, danach zu fragen. Ihre Antworten deckten sich mit dem, was ich immer schon gerne getan habe: Erzählen, Geschichten erfinden. Dann begann ich damit, sie zu veröffentlichen.“

Später am Abend. Herr Vieten war längst gegangen. Ich saß wieder in meinem Ohrensessel, ein Glas Rotwein in der Hand. „Vielleicht“, sagte ich zu mir, „gibt es keine Bücher, die man unbedingt gelesen haben muss. Aber es gibt Bücher, die muss man sehr empfehlen.“ Ich prostete meinen Freunden in den Regalen kurz zu und las weiter.

zu Besuch im Antiquariat: Andrea Bottlinger

Im AntiquariatNatürlich weiß ich, dass ich kein einfacher Mensch bin. Schon gar nicht, wenn ich erkältet bin. Und ich war nicht nur erkältet. Ich hatte eine schwere Grippe. Vielleicht stand ich auch schon kurz vor dem Ableben. Beatrice hätte das doch sehen müssen. Ich brauchte heißen Tee, meinen Ohrensessel und eine Decke. Gegen treue Fürsorge hätte ich auch nichts gehabt. Irgendwas, das mir gezeigt hätte, dass …
„Seien Sie nicht so wehleidig!“ Ich kommentierte Beas Aussage mit einem missmutigen Schniefen. Dann schnäuzte ich demonstrativ geräuschvoll meine verstopfte Nase. Mit dem anschließenden Versuch durch Selbige einzuatmen, erntete ich trotzdem nur mäßigen Erfolg.
Beatrice ließ sich davon nicht beeindrucken. „Lesen Sie was, dann geht es Ihnen bestimmt was besser. Es lenkt Sie von Ihrem Selbstmitleid ab.“
„Ich kann doch jetzt nicht’s les’n“, klagte ich, „wenn mir so die Aug’n trän’n. Ich kann mich auch gar nicht‘ konzentrieren.“
„Ein Groschenheft oder was Fan-Fiction strengt Ihre Hochliteratur gewöhnten Synapsen bestimmt nicht zu sehr an.“ Sie schnappte sich im Vorbeigehen ihren Mantel und schickte sich an zu gehen. Sie wollte tatsächlich erbarmungslos Feierabend machen und mich in meinem Antiquariat alleine lassen.
„Fan-Fiction? Ich habe doch keine Ahnung von sowas“, rief ich meiner Angestellten hinterher. Als ich ihr aus dem Arbeitszimmer in den Laden nachhinkte, sah ich gerade noch, wie sich die Tür hinter ihr schloss. „Fan-Fiction“ ich seufzte. „Nichts für mich.“

In diesem Moment öffnete sich die Tür. Eine verspätete Kundin, wie mir schien. Beatrice hatte offensichtlich beim Gehen nicht zugesperrt.
„Wir haben geschlossen“, knurrte ich, bevor ich richtig hingesehen hatte. „Wegen Krankheit“, schob ich vorwurfsvoll nach. „ich soll mich mit Fan-Fiction kurieren. Das kann dauern. Kommen Sie doch morgen wieder …“ Alter Mann, du hast keine Manieren. Mit Mühe zwang ich mich zu etwas mehr Freundlichkeit. Ich schaffte sogar ein gequältes Lächeln und musterte die junge Dame, die da vor mir stand. Sie blinzelte durch eine verkratzte Brille, das braue Haar hing ihr wirr ins Gesicht. Dazu kamen eine schwarze Hose und ein schwarzer Pulli, auf dem irgendwas über Zombies stand.
Ich räusperte mich. Wie mochte ich in ihren Augen aussehen? Wie ein grantiger Kauz? Irgendwie musste ich aus der Nummer rauskommen. „… es sei denn, Sie verstehen was von Fan-Fiction.“
„Zufälligerweise tue ich das tatsächlich. Ich habe mich in meiner Magisterarbeit unter anderem damit beschäftigt und in mehreren Büchern, die ich zusammen mit meinem Kollegen Christian Humberg geschrieben habe. Also nicht nur damit. Aber Fan-Fiction ist ein wichtiger Teil des Fanseins. Wenn einen ein Werk wirklich begeistert, dann möchte man oft eigene Geschichten in der entsprechenden Welt oder mit seinen Lieblingscharakteren erfinden.“
Das änderte natürlich alles. Das Buchland hatte mir mal wieder den passenden Gast geschickt. Schlagartig vergaß ich meine Beschwerden, schaltete mein Hirn auf „erwartungsvoll“. Ohne große Mühe schüttelte ich mein Missbefinden ab und fragte drauf los: „Sie scheinen eine Fachfrau für sowas zu sein. Sind Sie Autorin, Lektorin oder Herausgeberin? Darf ich Ihren Namen wissen?“
„Ich heiße Andrea Bottlinger und bin sowohl Autorin als auch Lektorin und hin und wieder auch Übersetzerin, vor allem im Bereich Fantasy, Horror und Science-Fiction.“
Das war wohl reinste Buchland-Magie! Fan-Fiction wurde gerade ein zunehmend interessantes Thema für mich. Nein, korrigierte ich mich. Mein Gast wurde zunehmen interessant. „Sie schreiben aber bestimmt nicht nur Literatur dieser Gattung, oder?“
„Also, Fan-Fiction schreibe ich gar nicht. Ich schreibe zum einen lustige Sachbücher über Fans und das Fandom. Da kommt Fan-Fiction gerne mal vor. Mit ‚Geek Pray Love‘ haben mein Co-Autor Christian Humberg und ich sogar den Deutschen Phantastik Preis gewonnen. Ansonsten bin ich die Exposéautorin der Horror-Reihe ‚Dorian Hunter‘, schreibe auch hin und wieder Hörspiele und habe den Urban Fantasy Roman ‚Aeternum‘ so wie die Cyberpunk-Reihe ‚Beyond‘ verfasst.“
Ich humpelte zum nächstbesten Verkaufsregal und natürlich fand ich direkt was ich suchte: Die Bücher von Andrea Bottlinger. Eine sechsbändige Reihe mit dem Titel Beyond, ein Taschenbuch namens „Aeternum“ und … einige Hefte. „Blah!“ Nein, das war keine Aussage meinerseits, sondern das, was dort als Überschrift stand.
„Blah?“, fragte ich.
„Dass das noch jemand kennt. Haben Sie die selbst ausgedruckt? Die gab es nämlich eigentlich nur als PDF. Das war ein Kurzgeschichten-Magazin, das ich als Studentin herausgegeben habe. Das hat sehr viel Spaß gemacht, nur leider hat mir irgendwann die Zeit gefehlt.“

„Jetzt haben ich Sie schon so ausgequetscht, Andrea. Ich habe ganz vergessen zu fragen, was Sie in meinen Laden geführt hat. Was kann ich für Sie tun?“
„Haben Sie ‚Lye Street‘ von Alan Campbell? Die Printversion war eine limitierte Ausgabe und irgendwann nur noch gebraucht für über 50 Euro zu haben. Inzwischen kriegt man es natürlich als eBook, aber Bücher, die mir wichtig sind, habe ich gerne im Toten-Baum-Format. Da weiß ich, dass ich sie auch in 30 Jahren noch lesen kann.“
Ah! Eine Frau, die die Vorzüge des Gedruckten zu erkennen weiß. „Ein dünneres Büchlein, wenn ich mich recht entsinne. Was für eingefleischte Leser der Dark Fantasy, oder? Ich finde, dass die Vorlieben in der Literatur viel über einen Menschen aussagen. Ich werde morgen mal in meinen Keller gehen und nachsehen, was ich für Sie tun kann. Schauen Sie dann doch einfach nochmal vorbei.“ Mit einem kurzen Lächeln flocht ich eine Pause ein. Jetzt wollte der Mann im Antiquariat mal beraten werden: „Meine Bea -äh- meine Mitarbeiterin hat mir empfohlen, dass ich etwas Fan-Fiction lesen soll. Was würden Sie mir empfehlen?“
Fanfiction-Empfehlungen? Das ist schwer. Aber es gibt eine Harry Potter Fanfiction, von einer Autorin und Künstlerin, die ich auch für ihre eigenen Werke sehr schätze. Der Text hat keinen Titel und ist von Ursula Vernon.“ Frau Bottlinger hob ein wenig das Kinn, betrachtete mich abschätzend. „Ich weiß wenig über Ihren Lesegeschmack, und normalerweise versuchen ich Bücher zu empfehlen, die mein Gegenüber tatsächlich mögen könnte. Aber Sie sehen mir aus wie ein Neil-Gaiman-Mensch. Versuchen Sie es zur Genesung vielleicht mal mit dem ‚Ozean am Ende der Straße‘. Das ist zwar keine Fan-Fiction, aber …“

Ich war wieder allein in meinem Antiquariat. Mein Unterbewusstsein teilte mir mit, dass ich mich vorhin wegen irgendwas unwohl gefühlt hatte. Doch dann war ich in den Keller gegangen, hatte drei Bücher geholt: Campbell, Gaiman und selbstverständlich Bottlinger.  Den Gaiman-Roman hob ich mir allerdings für später auf. Jetzt las ich erst mal amüsiert in ‚Geek Pray Love‘.
Dabei griff ich, ohne es recht zu merken, vollkommen unbewusst, nach einem Taschentuch. Keine Ahnung, warum.

Erotik in Büchern

Nun greifen wir tief in die Schublade, schieben die gewissen Hochglanzmagazine zur Seite und setzen uns die roten Ohren auf. Denn das verbotene Wort „Sex“ wird auch in der Literatur gebraucht. Böse Zungen behaupten sogar, dass sich bestimmte Bücher nur gerade deswegen verkaufen lassen.

Wir wollen das nicht. Uns interessiert selbstverständlich die Handlung des Romans. Wenn von Charlotte Roche bis Jean M. Auel so viele Autoren bereit sind, hinter die Schlafzimmertür zu schreiten, müssen wir ihnen ja nicht folgen. Blättern wir ganz schnell über die betreffende Stelle hinweg und schauen lieber, was danach Wichtiges passiert.

Okay. Kommando zurück. Wir sind schließlich alle erwachsen. Von Bienchen und Blümchen muss uns niemand mehr erzählen. Erotik hat nicht nur mit Fortpflanzung zu tun.  Warum also nicht darüber schreiben?

„Oh ja. Oh! Jaaa.“ Bei mir läuft gerade das Hörbuch von Ken Follett. „Die Säulen der Erde“. Ganz ehrlich? Ich muss jedes Mal schmunzeln, wenn mir die „gewissen“ Szenen vorgelesen werden.
Man stelle sich die Sprecher im Studio vor: Wie sie vor dem Mikrophon sitzen und in bester Nullhundertneunzig-Manier stöhnen und keuchen sollen. Sie schmatzen auch!
Hinter der Scheibe des Toningenieurs ist in jenem Augenblick der Regisseur nach Luft japsend vom Stuhl gekippt. Ganz blau angelaufen ist er. Lachkoller können weh tun!

Bleiben wir bei diesem Beispiel: Hätte der Roman über den Bau einer Kathedrale ohne Sexszene anders ausgesehen? Vermutlich nicht. Aber etwas Intimität mit den Protagonisten darf ruhig sein. Das macht Stimmung. Es vertieft die Bindung. Wir können uns leichter mit den Menschen zwischen den Zeilen identifizieren, wenn wir ihn auch in intimste Bereiche begleiten. Tabus sind ja auch gar nicht nötig. Da ist nur der Leser mit seinem Buch …

Stellen wir also fest: Tabus sind wirklich nicht nötig. Nicht bei den „Säulen der Erde“.
„Oh ja. Oh! Jaaa.“ Die gleiche wörtliche Rede hätte natürlich auch auf dem Lokus passieren können. Ganz ohne Sex. Der Prior der Kathedrale hatte nämlich bestimmt Verstopfung und Hämorrhoiden. Er freut sich so, dass …

Halt!
Nein, sooo sehr wollen wir uns mit dem Protagonisten denn doch nicht identifizieren …

zu Besuch im Antiquariat: Rebecca Gablé

Normalerweise findet ihr an dieser Stelle kleine Prosatexte, in denen Herr Plana mit seinen Gästen plaudert. Heute ist Rebecca Gablé im Antiquariat zu Gast. Sie hat darum gebeten, die reine Form des Interviews zu verwenden. Herr Plana hat somit heute einen freien Tag …

Frage:
Rebecca Gablé ist Ihr Künstlername. Ein Akzent auf dem E bittet darum, das Pseudonym französisch auszusprechen. Wie entstand der Name und woher kommt der französische Bezug?

Antwort:
Gablé ist der Mädchenname meiner Mutter, die französische Vorfahren hatte, und Rebecca hätte ich beinah geheißen. Ich habe mir das Pseudonym auf Wunsch meines Verlages ausgedacht, weil man meinen bürgerlichen Namen dort zu lang und wenig einprägsam fand. Ich wollte aber einen Künstlernamen, der einen persönlichen Bezug hat.

Frage:
Sie erzählen auf Ihrer Homepage, wie „Das Lächeln der Fortuna“ entstand. Die Geschichte „wucherte“ und entstand auf eine recht organische Art und Weise. Bastei Lübbe erklärte sich bereit, das fertige Manuskript zu veröffentlichen. Allerdings mussten Sie Ihr Werk um sage und schreibe 300 Seiten kürzen. Aus dreihundert Seiten machen andere Autoren ein ganzes Buch. Da müssen doch bestimmt ganze Handlungsstränge amputiert worden sein. Was haben die Leser verpasst?

Antwort:
Eigentlich gar nichts, denn inzwischen gibt ist auch die ungekürzte Fassung im Handel. Es stimmt aber, dass für die ursprüngliche Veröffentlichung ein ganzer Handlungsstrang den Kürzungen zum Opfer gefallen ist. Davon abgesehen wurden viele Szenen gestrafft, Dialoge gekürzt etc. Außerdem habe ich in Absprache mit meiner Lektorin den Schluss umgeschrieben. Das ungekürzte Originalmanuskript war ein Jahrzehnt lang verschollen, und ich war glücklich, als es wieder auftauchte und für die ganz harten Waringham-Fans zugänglich gemacht werden konnte. Aber ganz ehrlich? Die gekürzte Fassung ist das bessere Buch.

Frage:
Historienromane, in denen so viel Recherche steckt, haben wenig mit z.B.  den alten Mantel- und Degenfilmen aus Hollywood bzw. Frankreich gemein. Sagen wir mal, Sie würden sich heute „Die drei Musketiere“ oder „Der Mann mit der eisernen Maske“ anschauen … Wäre die Darstellung  für Sie unfreiwillig komisch?

Antwort:
Die spielen im französischen Barock, nicht im Mittelalter. Vom Barock habe ich keine Ahnung, vom französischen schon mal gar nicht, darum kann ich diese grandiosen Abenteuergeschichten einfach genießen, ganz gleich, wie absurd sie in historischer Hinsicht sein mögen. Schwerer tue ich mich mit Verfilmungen historischer Stoffe, bei denen ich mich auskenne. Wenn in einem Film, der im 12. Jahrhundert spielt, etwa eine Kutsche durchs Bild rollt, bin ich geneigt, das Kino zu verlassen bzw. den DVD-Player anzuhalten. Noch viel schlimmer ist es, wenn historische Ereignisse wissentlich falsch dargestellt werden, weil es den Drehbuchautoren besser in den Kram passt – die erfolgreiche TV-Serie „Die Tudors“ ist dafür ein gutes Beispiel. Da heiratet z.B. die Schwester von Heinrich VIII. den König von Portugal, was niemals passiert ist. So etwas ist unseriös und eine erzählerische Bankrotterklärung.

Frage:
Angefangen haben Sie mit Kriminalromanen. Ein ziemlich weiter Spagat, der allerdings gelungen ist. Könnten Sie sich vorstellen, noch weitere Genres zu bedienen?

Antwort:
Ich hätte da eine Idee für einen Schauerroman.

Frage:
Gleich die erste Veröffentlichung „Jagdfieber“ wurde für den Friedrich-Glauser-Krimipreis nominiert. Die Welle des Erfolgs riss danach nicht ab. Fällt es da nicht schwer, „auf dem Teppich zu bleiben“?

Antwort:
Ich bin sehr dankbar für meinen Erfolg, und mir ist bewusst, dass viele Autorinnen und Autoren ihn niemals haben, obwohl sie ihn mindestens genauso verdient hätten. Aber man muss sich immer klar machen, dass die Unterhaltungsbranche (und dazu gehört der Buchmarkt, ob er nun will oder nicht), unberechenbar ist und der Erfolg auch morgen ganz plötzlich vorbei sein kann. Man sollte ihn also nicht überbewerten – es gibt eine Menge anderer Dinge im Leben, die wichtiger sind.

Frage:
Kleiner Hausbesuch: Wie viel Mittelalter begegnet einem Gast im Hause Gablé? Schwerter an der Wand, Minnesänger im CD-Player und ein gewaltiger offener Kamin?

Antwort:
Mittelalter findet man bei mir nur in den Bücherregalen – hauptsächlich in Form von Fachliteratur. Ich besitze allerdings ein Schwert, das mein verstorbener Verleger Stefan Lübbe mir geschenkt hat. Es ist nicht alt, aber wir haben zusammen einen Tag in einer Schmiede verbracht und zugeschaut, wie es entstand.

 

Frau Gablé, ich bedanke mich für das Interview.

 

 

zu Besuch im Antiquariat: Astrid Korten

Im AntiquariatAus irgendeinem Grunde hatte ich beschlossen, mal einen Tag mit Krimis und Thrillern einzulegen. Ich saß nun seit Stunden in meinem Ohrensessel und verschmolz vermutlich langsam mit dem durchgesessenen Polster. Neben mir stand ein Bücherwagen, übervoll mit dem, was das Genre hergab. Und das war nicht wenig, obwohl ich mich nur mit den deutschen Neuerscheinungen befasste.
Statistisch betrachtet galoppierte die Literatur der Realität davon. Im Jahr gibt es in unserem Lande nicht mal dreihundert Tötungsdelikte. Dem steht eine doppelte und dreifache Menge an geschriebenem Mord und Totschlag gegenüber. Aber das ist bestimmt auch besser so.
Ich hatte gerade ein weiteres Buch leergelesen. „Eiskalte Umarmung“. Nachdenklich betrachtete ich das Cover. Kalt, das passte. Das Design war in blassen Grau- und Blautönen gehalten. Allerdings gab es zusätzliche viel Blutsprattler quer über das Motiv. Rote Flecken waren für Grafikdesigner offensichtlich ein Muss.
„Kann mir mal einer sagen, warum jeder Thriller obligatorisch mit Körperflüssigkeiten eingesaut werden muss?“

Als kurz darauf das Glöckchen über der Ladentür bimmelte, wäre ich gerne überrascht gewesen. Ich war es nicht. Sicherheitshalber las ich auf dem Buchdeckel noch schnell den Namen der Autorin, stand dann auf und humpelte nach vorne in den Verkaufsraum. „Astrid Korten?“, fragte ich. Ohne ihre Antwort abzuwarten, ergriff ich mit beiden Händen ihre Rechte und begrüßte sie herzlich. „Willkommen in meinem bescheidenen Antiquariat. Was führt Sie zu mir?“
„Hallo Herr Plana“, erwiderte sie freundlich. „Darf ich mich ein wenig umsehen?“
„Natürlich gerne“, sagte ich. Vermutlich hätte ich noch mehr geredet, aber ich unterbrach mich, als ich sah, dass mein Gast kurz die Augen schloss, innehielt und … schnupperte.
„Ich liebe den Geruch von Büchern und versuche immer schöne Ersterscheinungen oder generell schöne Bücher aus den 40er und 50er Jahre zu ergattern. Möglichst in Leder gebundene Romane. Wo gibt’s das denn sonst noch, außer im Antiquariat. In den Niederlanden habe ich einige Erstexemplare gefunden. Und heute versuche ich mein Glück mal bei Ihnen.“
Oh, dachte ich, eine Sammlerin. Das sollte mich aber nicht ablenken. In erster Linie war diese Dame eine Autorin. „Ich habe gerade ein Buch von Ihnen gelesen. Sehr schön. Sehr spannend. ‚Ich bin die Sehnsucht, ein Prinz und schön wie die Liebe.‘ Solche Sätze machen Gänsehaut.“ Während ich sprach führte ich sie in mein Arbeitszimmer und bot ihr den Sitzplatz an meinem Sekretär an. Dabei nahm ich mir die Zeit, sie eingehender zu betrachten: Schwarze Lederjacke, schwarze Hose und im Kontrast dazu ein buntgetupfter Schal. Bei weitem auffälliger war aber die überaus fröhliche Natur der Frau. Ihre blauen Augen strahlten mit den roten Haaren förmlich um die Wette.
Erschrocken stellte ich etwas zu spät fest, dass sie meinen Blick erwiderte. Ich beeilte mich also, den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen: „Allerdings habe ich mich gerade gefragt, warum Thriller immer gleich präsentiert werden? Sind Verlage da vielleicht etwas uninspiriert, wenn sie nur nach ‚Schema F‘ präsentieren?“

Frau Korten schüttelte den Kopf. „Stimmt nicht. Jeder Verlag hat so seine eigene Vorstellung. Nicht jedes Cover wird mit Blut besprenkelt. Mein letzter Roman über die digitale Überwachung ‚Eiskalte Verschwörung‘ hat keinen einzigen Spritzer.
Eiskalte Umarmung war mein erstes Manuskript. Der Thriller hat so seine eigene Geschichte. Ich habe das Manuskript 2004 geschrieben und es hatte schon einige ‚Gesichter‘. Ich finde es grandios, dass es heute ein modernes Cover hat und insbesondere dieses. Die Hand ist das Symbol des Täters. Ich habe mit 13 meinen ersten Thriller geschrieben mit dem grauenvollen Titel „De hand om de hoek“. Insofern fand ich es großartig, dass der dotbooks-Verlag sich für dieses Cover entschieden hat. Heut steht „diese Hand“ für meinen Erfolg. Eiskalte Umarmung war ein Platz 1 Besteller als Ebook und stand in der Jahresbestsellerliste von Thalia. Es gibt auch eine Fortsetzung. Ansonsten können meine „eiskalten“ Titel unabhängig voneinander gelesen werden.“
„De hand om de hoek?“ Ich zählte eins und eins zusammen. „Sie sind Niederländerin? Das hört man gar nicht.“
Sie lachte. „„Ik kann het ook anders, als het moet. Königin Beatrix ist wie bei Hape Kerkeling meine Paraderolle im Freundeskreis. Nur …“ Sie zwinkerte verschwörerisch. „… bin ich besser als Hape.“
Inzwischen hatte ich mich in meinem Ohrensessel fallen lassen. Ich schlug die Beine übereinander, faltete die Hände im Schoß und beugte mich leicht vor. „Sie schreiben Suspence Thriller und Psychothriller. Das heißt, Sie erzeugen Spannung durch die Erwartungshaltung des Lesers und durch das emotionale Erleben Ihrer Romanfiguren. Oder würden Sie die beiden Untergenres anders beschreiben?“
„Ich spiele mit der Angst des Lesers, besonders in ‚Eiskalte Umarmung‘. Auch geht es in meinen Büchern manchmal sehr heftig zu.“ Die Autorin hob ironisch die Brauen. „Deshalb die Blutspritzer auf dem Cover.“ Dann erklärte sie: „Gewalt ist die Sprache der Sprachlosen. So wort- und weltgewandt meine Figuren auch sein mögen, so leiden sie doch unter emotionalem Analphabetismus. Ich zitiere jetzt mal die Kritik: ‚Um ihre Antagonisten noch furchteinflößender erscheinen zu lassen, evoziert Korten eine Ästhetik der Brutalität, die jedoch niemals als inflationäre Effekthascherei, sondern als behutsam dosiertes Stilmittel eingesetzt wird. Korten schafft somit eine beängstigende Atmosphäre kalter Sterilität, beherrscht aber gleichzeitig die Kunst, nicht gänzlich emotionslos zu verbleiben.‘ Gewalt steht hier als Metapher für den Missbrauch und ist nicht nur die Versehrung des Körpers.“
„Psychopathen sind ja in realen Leben eher spärlich gesät“, behauptete ich. „Im Genre sind sie jedoch recht häufig zu finden. Wird das Thema für eine Autorin nicht irgendwann langweilig und ausgereizt?“
„Oh, nein. Tagtäglich geschehen in Deutschland Verbrechen, nur stehen sie nicht immer in der Zeitung. Es ist faszinierend das Böse zu beschreiben, zumal es ein Alltagsgesicht hat. Als Autorin pervertiere ich das Böse auf poetische Weise wie es die Gebrüder Grimm bereits taten, benutze aber auch bewusst die milchig-glasige Darstellung, wie auch Dürrenmatt die Wahrnehmungsspiele ständig durchexerzierte, von den Physikern an. Er manifestiert es in seinen Ansprüchen an den Kriminalroman. Und ich treibe es auf die Spitze. Bei mir steht die Gewalt nicht nur für die Versehrung des menschlichen Körpers, sondern für das Böse.“
Es gibt auch viel Liebe in der Welt. Und auch das Gute. Aber spannender sind natürlich Thriller. Ich sprach meinen Gedankengang nicht laut aus. Stattdessen sagte ich: „Für einen stimmigen Thriller braucht es eine gute Recherche.“
„Mein ‚Grundstoff‘ ist immer ein aktuelles Thema wie die Schönheitsindustrie, der Sektenkult, der Missbrauch während einer Psychotherapie, oder in meinem brisanten Top-Thriller ‚Eiskalte Verschwörung‘, die digitale Überwachung. In einem Roman klassische Ermittlerarbeit zu beschreiben, das ist nicht so mein Ding. Das können andere Kollegen besser. Ich greife besondere Themen auf und schreibe ungewöhnliche Thriller, in denen die Fiktion durchaus Realität sein kann. Bei meinen Recherchen lasse ich mich von Forensikern, Psychologen, Gentechnologen, Pathologen und Mediziner oder anderen Experten beraten. Aus diesen Gesprächen leite ich die Handlung der Figuren ab.“
„Wie kommt man an so viele Fachberater? Ich meine: Sie gehen wohl kaum in die nächste Polizeidienststelle und fragen nach dem Pathologen.“
Frau Kortens Erwiderung erstaunte mich doch etwas: „Ganz einfach: Ich rufe sie an, erkläre mein Anliegen.“ Sie schob aber noch eine plausible Ergänzung hinterher. „Ich habe durch meine Tätigkeit als Unternehmerin sehr viele Kontakte. Und mittlerweile ein Beraterteam, das ich ansprechen kann. Recherche ist das A und O eines guten Romans.“
Ich erlaubte mir eine kurze Pause, in der ich dem Wispern der Bücher lauschte. Sie hatten mir noch viel über meinen Überraschungsgast zu erzählen. Emsig, emsig ist Frau Korten. Dazu wollte ich mehr erfahren. „Sie sehen mir aber nicht so aus, als würden Sie sich mit einem Thema zufriedengeben. Ich schätze, dass Sie noch mehr Projekte pflegen?“
„Ich schreibe Biografien, KGs wie ‚Kreislauf der Angst‘ oder ‚Sibirien‘ (stand im Finale Int. Writemovie Contest), und Kinderbücher wie Karo – eine Himmelsbotin, und Drehbücher.“
„Drehbücher auch?“ Wann war ich das letzte Mal im Kino? Äh, war ich überhaupt schon mal im Kino? Ich hatte doch meine lieben Bücher. „Habe ich schon mal ein Filmplakat oder einen Fernsehfilmabspann übersehen, wo Astrid Korten erwähnt wird?“
Frau Korten hob den Zeigefinger und wackelte mit ihm verneinend hin und her. „Drehbücher schreibe ich unter einem Pseudonym, das ich nicht preisgeben möchte.“
„Aha.“ Da war ich also in einer rhetorischen Sackgasse gelandet. Ein Themenwechsel war angebracht. „Was ist denn für Sie der besondere Reiz am Beruf der Autorin? Das Publikum? Der Schaffensprozess oder der schnöde Mammon?“
„Schreiben bedeutet für mich: ein Sternenfunkeln aus Wörtern, mitten ins Herz eines anderen Menschen. Oder wie meine Protagonistin es formuliert hat: Schreiben ist das Herz, das meinen Geist in Liebe aufsteigen lässt, als schwimmende Buchstaben mit Himmel und Hölle unter meinen Füßen oder tanzende Winde in der Nähe von den Engeln.“

Die Poesie der Worte hing angenehm in der staubigen Luft des Antiquariats. Astrid Korten war schon lange gegangen. Eigentlich wollte ich noch ein paar Thriller lesen. Auf dem Tisch warteten noch Michael Robotham, Ilona Bulazel, Catherine Shepherd, Andreas Gruber. Ich entschied mich dagegen. Auf den Covern war mir zu viel Blut.

zu Besuch im Antiquariat: Petra Rudolf

Im AntiquariatIch wachte etwas orientierungslos in meinem Sessel auf. Dabei zuckte ich wohl leicht, denn das Buch auf meinem Schoß rutschte von meinem Schoß und fiel lautstark zu Boden. Ich schmatzte zweimal. Mein Mund war ausgetrocknet, als hätte ich zwei Wochen nichts sagen dürfen. „Beim Lesen eingeschlafen, alter Mann“, diagnostizierte ich mir. Kein Wunder. Obwohl die Story an sich eigentlich gut war, war meine Lektüre nüchtern und schmucklos gewesen. Das schlichte Coverdesign mit dem wenig kreativ gezeichneten Raumschiff vor einem Kratermond hätte mich warnen müssen.
Naja. Vielleicht war ich dem Buch gegenüber unfair. Ich beschloss, dass ich es erst mal zur Seite legen würde. „Später“, sagte ich zu ihm. Dann griff ich nach meinem Stock und mühte mich nach vorne in den Verkaufsraum.

Beatrice war bereits in den Feierabend entschwunden. Etwas überhastet, wie mir schien, denn entgegen ihrer sonstigen Sorgfalt, hatte sie auf der Theke einige Bücher liegen lassen. Das war gar nicht ihre Art. Ich schaute genauer hin und musste feststellen, dass ich die Autoren zweier Werke kannte: Astrid Vollenbruch und Rebekka Mand. Außerdem waren da noch Bücher von Tädeus Fivaz, Liv Scales, Alexandra Bauer und Peter Semüller.
Instinktiv spürte ich, dass die Bücher nicht zufällig bei einander lagen. Was mochte der Grund sein? Also fragte ich, völlig folgerichtig: „Die Bücher liegen hier nicht zufällig bei einander. Was mag der Grund dafür sein?“

In diesem Augenblick bimmelte die Ladentür und eine Frau trat über die Schwelle. Zunächst stöberte sie in der Ecke mit den mittelalterlichen Tagebüchern, verlor aber doch bald wieder das Interesse. Sie suchte wohl was ganz Bestimmtes. Dann sah sie die Bücher vor mir und sagte: „Na, so ein Zufall, da hat jemand meine Belegexemplare geplündert.“
Irritiert schaute ich sie an. „Nein“, hörte ich mich sagen. „Es sei denn, Sie sind Frau Vollenbruchmandbauer.“ Einen ironischen Unterton konnte ich mir einfach nicht verkneifen.

„Nein“, widersprach sie, „Ich heiße Petra Rudolf.“
Das sagte mir jetzt erst mal nichts. Jedoch überkam mich die Neugier. Das könnte ein interessantes Gespräch werden. Irgendwie. Deshalb musterte ich die Dame etwas genauer.
Sie war vom modischen Standpunkt aus eine eher schlichte Type. Jeans und Shirt konnte man als halbwegs sportliches Outfit bezeichnen. Dazu passend trug sie ein Paar unauffällige Stiefel.
„Da Sie offensichtlich nicht die Autorin dieser Werke sind …“, begann ich, ohne zu wissen, wie ich den Satz beenden wollte.
Frau Rudolf erkannte meine Verlegenheit und half mir: „… muss ich die Illustratorin sein.“
Oh, das war ja wirklich eine ausgefallene Wendung. „Sie gestalten Buchcover?“
Sie lächelte. „Alles Mögliche. Cover, Concept Art für Spiele, Illustrationen für Pen&Paper-Rollenspiele und Innenillus für Bücher. Meistens für Kinderbücher, wir Erwachsenen brauchen solche visuellen Hilfestellungen ja nicht mehr.“ Ihre Stimme hatte bei letzterer Aussage einen merkwürdigen Unterton, der sagte: „Und ob gehören Illus auch in Bücher für Erwachsene!“ Schade, dass sie es nicht aussprach.
Ich fragte: „Wie kommt man denn zum passenden Motiv?“
Mit einem Nicken deutete Frau Rudolf in die vage Richtung der Bücher. „Manchmal sind es Ideen der Autoren, manchmal frage ich nach einer Textstelle aus dem Buch, die besonders viel darüber aussagt, und die als Titelmotiv gut passt. Ich mag es, wenn man einem Buch ansehen kann, was drin steckt, ohne, dass es gleich zum stereotypen Genreschinken wird.“
Stereotypen gab es in den Genres tatsächlich genug: der obligatorische Blutfleck auf dem Thriller, das Raumschiff vor dem Planeten oder der nackenbeißende Lover, der sein Liebchen ablutschte. Allerhand Beispiele fielen mir da auf Anhieb ein.
Mit Fotos arbeitete Frau Rudolf offensichtlich nicht. Ihre Motive schienen alle gemalt zu sein. Doch im Computerzeitalter wollte das nichts heißen. „Arbeiten Sie mit Pinsel und Stift oder voll digital?“
„Meistens digital mit dem Grafiktablett, manchmal auch mit dem Bleistift. Digital lassen sich die Bilder besser für den Druck optimieren, und es bieten sich ganz andere Möglichkeiten als mit traditionellen Methoden.“ Mein Gast zuckte kurz mit den Schultern und fügte dann sowas wie ein Geständnis an. „Ab und an kleckse ich auch mit Ölfarbe herum.“

Ölfarbe? Außergewöhnlich. Für diese Art zu malen musste man sich Zeit nehmen. Ich mag Leute, die sich Zeit nehmen. Deshalb schnappte ich mir mein Stock, ging kurz nach nebenan und kam dann mit zwei Tassen und einer Thermoskanne zurück. Ich goss uns beiden ein.
„Zeit hat man“, sagte ich verschmitzt, „oder man nimmt sie sich.“ Darauf erwartete ich keine Antwort. Also sprach ich, nachdem ich kurz an meiner Tasse genippt hatte, einfach weiter: „Für wie wichtig halten Sie denn die Grafik auf einem Buch? Was sagt ein Motiv über die Qualität des Inhalts aus?“
„Oft steckt hinter einem guten Cover auch ein gutes Buch, weil Künstler sich oft mehr Mühe geben, wenn sie nicht nur fürs Geld arbeiten, aber oft gibt es einfach zu wenig Informationen. Das ist mir zum Glück bisher erspart geblieben.“ Nun nippte sie an ihrem Kaffee. Ich versuchte zu erkennen, ob er ihr schmeckte. Ohne Erfolg. „Unter den Covern, die ich gestaltet und gemalt habe, ist nicht eines, das ich nicht mag, und etwas wie ein eindeutiges Lieblingscover habe ich auch nicht … weil ich an jedem gerne gearbeitet habe.
Man kann einem Cover ansehen, ob es nur fürs Marketing oder tatsächlich fürs Buch gemalt wurde. Eine Garantie für ein gutes Buch dahinter gibt es natürlich nicht. Und umgekehrt verstecken sich auch so einige hervorragende Bücher hinter Stockphotos.“

Während Frau Rudolf sprach, wanderte mein Blick wieder zu den Buchdeckeln. Aufwändige Ornamente, Comiczeichnungen, Landschaften und charismatische Charakterdarstellungen, mal bunt, mal blass, aber immer stimmig. „Einen festen Stil pflegen Sie nicht. Ihre Arbeit ist sehr wandelbar.“
Für mich war diese Aussage eine reine Feststellung. Frau Rudolf verstand es als Kompliment: „Danke. Daran liegt mir eine Menge.“
„Und wie und wo lernt man das? Und wie sieht dann ein Werdegang aus?“
„Angefangen habe ich mit Cartoons und Karikaturen. Beruflich ging’s dann ab in die Gamesbranche. Ein Studium dazu gab es damals noch nicht, also habe ich sowohl das Schreiben für Spiele wie auch Concept Art im Austausch mit anderen und in Eigenregie gelernt. Als ich mit selbständig gemacht habe, kam ein Comic dazu, ‚Wayfarers Moon‘.“

„Das hört sich nach einem kreativen Menschen an“, sagte ich. „Machen Sie nur Auftragsarbeiten? Oder haben Sie auch eigene Projekte?“ Insgeheim fragte ich mich, ob ich nicht vielleicht etwas von dieser jungen Dame irgendwo bei mir im Antiquariat finden konnte. Vielleicht eine Kurzgeschichte? Oder eine Grafic Novel?
„Eigene Comics hatte ich zwar angefangen, aber einer ist genug Arbeit. Zusammen mit dem Autor von ‚Wayfarers Moon‘ arbeite ich auch an einem Indie-Game.“ Frau Rudolf deute auf ihre Tasse. „Und wenn ich genug Zeit und Kaffee habe, schreibe ich.“

„Sie sind auch Autorin?“ Eigentlich hätte ich in diesem Moment überrascht die Augenbrauen hochziehen müssen. Ich tat es nicht, ganz einfach, weil es keine wirkliche Überraschung war. „In welchem Regal finde ich denn Ihren Roman?“
„Bei den ungeschriebenen Büchern. Im Regal steht bisher nur eine Kurzgeschichte in einer Anthologie: ‚Die Reise der Hexensteine‘. Und wenn’s auch etwas anderes als Prosa sein darf, ein paar Artikel über Gameskultur für das Bookazine ‚WASD‘.“
Unter der Kasse war eine Schublade mit dem üblichen Sammelsurium an Kugelschreibern, alten Bonbons und Quittungsblöcken. Ich kramte beiläufig darin herum und fand schließlich ein sauberes Blatt Papier sowie einen guten Bleistift. Beides schob ich der Illustratorin über die Tischfläche entgegen. „Ich bin neugierig“, sagte ich herausfordernd. „Mal angenommen ich hätte einen Krimi geschrieben. Eine alte Frau lebt mit ihren beiden Dobermännern und Personal – sagen wir mal Butler und Zimmermädchen – in einer großen Villa. Im Haus und im Garten passieren ein paar klassische Morde a la Miss Marple … Genre: Krimikomödie. Nur eine Skizze, bitte. Wie würde das bei einer Petra Rudolf aussehen?“
Und Petra Rudolf griff, während wir noch ein wenig plauderten, tatsächlich zu Stift und Papier. Was soll ich sagen? Das Bild wurde – wie von mir erwartet – einfach großartig!

zu Besuch im Antiquariat: Andreas Brandhorst

Planas BuchantiquariatNormalerweise findet ihr an dieser Stelle kleine Prosatexte, in denen Herr Plana mit seinen Gästen plaudert. Heute ist Andreas Brandhorst zu Gast. Er kann der Form des „Storytelling-Interviews“ leider nicht viel abgewinnen, weil ihm das zu sehr von der Person ablenke. Deshalb verzichte ich im Sinne meines Gastes darauf und beschränke mich auf die schlichten Fragen.

 

Frage:
Sie haben lange Zeit Terry Pratchett (und auch andere Autoren) übersetzt. Hat Sir  Pratchett Sie in Ihrer eigenen Art zu schreiben beeinflusst? Sind ihre eigenen Werke zum Beispiel philosophischer oder gar humoristischer geworden?

Antwort:
Terry Pratchett zählt zu den besten Schriftstellern der Welt, und nach den vielen von mir übersetzten Scheibenweltromanen wäre es gelogen zu sagen, dass er mich nicht beeinflusst hat. Jedes gute Buch hinterlässt Spuren – auf meiner Webseite habe ich darüber geschrieben, zum Beispiel hier: http://andreasbrandhorst.de/buecher-die-mich-beeindruckt-haben/ -, und die Bücher von Terry waren bzw. sind wirklich ausgezeichnet. So habe ich immer wieder über seine Fähigkeit gestaunt, zwei Personen auf einer Buchseite zu charakterisieren und lebendig werden zu lassen, manchmal nur durch ihren Dialog! Ich bedauere seinen Tod sehr. Über viele Jahre hinweg haben wir in Kontakt gestanden und uns ausgetauscht. Dass jemand wie er, einer der hellsten Köpfe überhaupt, ausgerechnet an Alzheimer sterben musste, hat mich sehr bestürzt. Welch eine bittere Ironie des Schicksals! Um auf die Frage zurückzukommen: Nein, philosophischer oder gar humoristischer sind meine Werke dadurch nicht geworden, aber vielleicht tiefgründiger.

Frage:
Die Leserbewertungen bei Terry Pratchetts Büchern sprechen eine deutliche Sprache: Seine letzten Werke sind im Durchschnitt schlechter bewertet worden. Liegt’s an den neuen Übersetzern oder an der Erkrankung Pratchetts?

Antwort:
Dazu kann ich nicht viel sagen. Ich kenne die Originale nicht, aber ich weiß, dass Terry Pratchetts Werke viele Klippen enthalten, die schwer zu umschiffen sind, und ich weiß auch, wie viel manchmal im Verlag noch am Text geändert wird. Terrys Erkrankung hat sicher eine Rolle gespielt, kein Zweifel.

Frage:
Ihre Kantaki-Romane waren Ihr Durchbruch in der Science Fiction. Zuvor sind sie als Autor von Heftromanen in Erscheinung getreten. Ihr Spektrum im Genre ist weit gesteckt. Der Hype geht aber im Augenblick mehr Richtung Star Wars. Können Sie dieser Art Storys etwas abgewinnen?

Antwort:
Als Autor von Heftromanen bin ich vor 40 Jahren in Erscheinung getreten – den letzten Heftroman habe ich, wenn ich mich richtig erinnere, vor etwa 35 Jahren geschrieben. Seitdem ist viel geschehen. Ich habe viel übersetzt und den Schwerpunkt meiner Arbeit zu Beginn des neuen Jahrtausends wieder auf das eigene Schreiben gelegt. Aber natürlich mit ganz anderen Voraussetzungen und einer ganz anderen Herangehensweise. Dass Star Wars derzeit enormen Erfolg hat, war vorauszusehen, aber er wäre falsch zu glauben, das würde eine Entwicklung auf dem Buchmarkt widerspiegeln. Dem ist nicht so. Die literarische SF bewegt und entwickelt sich unabhängig von SF-Filmen. Meine Romane sind anders aufgebaut als ein Star-Wars-Film, und es geht dabei auch um andere Themen – zum Glück sind sie erfolgreich genug, dass ich davon leben kann. Natürlich mag ich Star Wars, was da auf der großen Leinwand gezeigt wird, ist schon sehr beeindruckend. Aber es gibt einen SF-Film, der mich noch mehr beeindruckt hat: Interstellar. Die Figurenzeichnung von Vater und Tochter fand ich bemerkenswert gut gelungen; der Film hat mich tief bewegt.

Frage:
SciFi erhebt ja oft den Anspruch Spiegel unserer Zeit zu sein. In wie weit trifft das auf Ihre Romane zu? Oder haben Sie eine andere Intention beim Schreiben?

Antwort:
William Faulkner hat in seiner Nobelpreisrede gesagt, das Einzige, worüber es zu schreiben lohne, sei das menschliche Herz im Konflikt mit sich selbst. George R. R. Martin hat in einem Interview diese Worte von Faulkner zitiert und gemeint, dass es in erster Linie um die Figuren gehe – alles andere sei Kulisse. Recht hat er. Mir geht es immer um die Romanfiguren, und oft konfrontiere ich sie mit Dingen, die mich beschäftigen, wie zum Beispiel Unsterblichkeit und Maschinenintelligenz wie in „Das Schiff“, im Oktober 2015 bei Piper erschienen. Anders ausgedrückt: Ich schreibe immer über Menschen, auch wenn es um Aliens geht.

Frage:
Thomas Lockwood, Robert Lamont, Andreas Werning, Andreas Weiler und Horst Brand. Das sind allerhand Namen für ein und die selbe Person. Hat es einen Grund, dass sie so viele Pseudonyme zulegten?

Antwort:
Diese Pseudonyme hat ein anderer Andreas Brandhorst benutzt, vor 35 Jahren, als er Heftromane schrieb. Aber da ich seit damals keine Heftromane mehr schreibe, benutze ich auch keine Pseudonyme mehr. Der Andreas Brandhorst von heute, der dieses Jahr 60 wird, kommt seit vielen Jahren ohne sie aus.

 

Andreas Brandhorst im Web: http://andreasbrandhorst.de/
und auf Facebook: https://www.facebook.com/andreas.brandhorst.autor

 

Vielen Dank für das Interview.

Zu Besuch im Antiquariat: Richard Dübell

Bibliothek zu BabelNatürlich war es mir schon früh aufgefallen: Beatrice wollte pünktlich Feierabend machen. Sie räumte zeitig auf, wischte zwischen den Füßen der letzten stöbernden Kunden den Boden und zählte bereits eine Stunde vor Ladenschluss das Geld in der Kasse. Ich wäre nicht ich gewesen, wenn ich mir daraus nicht einen Spaß gemacht hätte, sie deshalb mit immer neuen Aufgaben zu behelligen. So schnell hatte sie noch nie Staub gewischt, die Auslage umsortiert und die Deckenlampe poliert. Naja, Letztere hatte sie eigentlich noch nie säubern müssen. Das hatte den Effekt, dass Beatrice begriff, dass ich Schabernack mit ihr trieb. Außerdem war es nun ungemütlich hell im Verkaufsraum. Beatrice klappte die Leiter zusammen, steckte den Lappen in den Putzeimer und schaute mich mit blitzenden Augen an. „Fällt Ihnen noch eine Schikane ein? Oder kann ich jetzt endlich gehen?“
Vorsicht Fräulein! Ich bin der Chef, dachte ich. Obendrein benahm ich mich gerade wie ein ausgemachtes Arschloch, bescheinigte ich mir. „Schikane?“ Ich tat harmlos. Doch dann zwinkerte ich ihr verschmitzt zu. „Wo soll’s denn heute hingehen?“
„Krimidinner. 19.00 Uhr! Ingo lädt mich ein.“
Ah, diese fast noch neumodischen Veranstaltungen mit mörderischen Literaturbezug. Nichts für mich. Ein guter Killer gehörte für mich zwischen die Seiten eines Buches gepresst. Trotzdem griff ich in die Kasse und zog ein paar Scheine heraus. „Hier“, hörte ich mich sagen. „Das Dessert geht auf mich. Grüßen Sie Ihren Mann von mir.“

Als Beatrice gegangen war, griff ich ins Fach unter dem Tresen. Irgendein Buch, das mir am Abend die Einsamkeit vertreiben sollte. Als ich die Buchstaben auf dem Deckel las, zog ich überrascht eine Augenbraue hoch. „Waverley oder ’s ist sechzig Jahre her“ Ein historischer Roman von Sir Walter Scott. Die Originalausgabe, die ich gerade in der Hand hielt, war so alt, dass sie selbst zum Gegenstand eines historischen Romans werden könnte. „Historische Romane“, sagte ich zu den Büchern um mich herum, „wären auch mal ein Thema zum Plaudern.“
Im selben Moment betrat ein Mann mein Antiquariat. Die sportliche Gestalt in Sportsakko, Hemd und Jeans gekleidet, hätte mit diesem ergrauten Ivanhoe-Bart vermutlich ebenso gut in ein mittelalterliches Gewand gepasst. Doch die Bikerstiefel starteten eine andere Assoziationskette in mir.
„Grüß Gott“, sagte er.
Natürlich bemühte ich mich um eine gleichwertige Antwort: „Gott zum Gruße.“ Ich musterte ihn nochmals und entschied mich dann, sein überaus freundliches Lächeln zu erwidern. „Ich tippe mal darauf, dass Sie Schriftsteller sind.“ Auf die spezielle Magie meines Buchlands konnte ich mich doch immer verlassen. „Um genau zu sein, dürften Historienromane Ihre Passion sein.“ Ich deutete auf meine Waverley-Ausgabe. „Wo in meinem Bücherregal finde ich Ihre Werke? In der Nähe von Ken Follet, neben Rebecca Gablé, Noah Gordon oder doch eher bei Alfred de Vigny?“
Mein Gast bemühte sich um ein sauberes Hochdeutsch. Doch er konnte nicht mal im Ansatz seinen niederbayrischen Dialekt abstellen. „Meine Bücher finden Sie vermutlich zwischen Raymond Chandler und Andreas Eschbach, was aber hauptsächlich daran liegt, dass mein Nachname mit D beginnt. Abgesehen davon würde ich mich auch rein schriftstellerisch geehrt fühlen, dort zu stehen, denn Chandler ist eines meiner großen Vorbilder, und Eschbach finde ich als Kollegen sehr sympathisch – ein hervorragender Erzähler am Abendessentisch mit trockenem Humor und dem gleichen Rotweingeschmack…
Ich würde mich aber auch neben Ken Follett wohlfühlen wegen des hohen Tempos in seinen Romanen, neben George MacDonald Fraser wegen seiner Fähigkeit, Historie und Story untrennbar miteinander zu verknüpfen, neben Stephen King wegen seiner lebensnahen Charakter und neben Terry Pratchett wegen seines überschäumenden Humors und der tiefen Menschlichkeit, die in seinen Geschichten aufscheint. An einen der zynisch-sozialkritischen Schmöker von Tom Wolfe würden sich meine Bücher auch gern mal ankuscheln.“
Das waren allerhand Hinweise. Ich sortierte sie geistig. Ein Autor aus Bayern mit einem D am Anfang … Eschenbach … Chandler … Dann kombinierte ich und wagte einen Schuss ins Blaue: „<a href=“http://www.duebell.de/“>Richard Dübell</a>? Sie sind Richard Dübell?“ Ein Nicken als Antwort. Also streckte ich ihm die Hand und neigte anerkennend mein Haupt. „‚Der Tuchhändler‘, ‚Die Teufelsbibel‘, ‚Der Jahrhundertsturm‘ und noch einige andere Bücher sind mir in angenehmer Erinnerung. Ich hätte gedacht, dass Sie älter si-“ ich unterbrach mich selbst und korrigierte dann die Richtung, in die das Gespräch gehen sollte. „Was steht für Sie denn an erster Stelle? Der Unterhaltungswert? Oder sind Sie ein großer Erklärer vergangener Zeiten? Sehen Sie einen Lehrauftrag im historischen Roman?“
Dübell verschränkte die Arme hinter dem Rücken und begann damit ein Wenig auf und ab zu gehen. „Für mich gibt es da keine Priorität. In einem historischen Roman müssen vier Dinge unbedingt eine Einheit bilden: die Epoche, der Ort der Handlung, die Story und die Charaktere. Ich halte es für falsch, eine x-beliebige Geschichte nur deshalb zum Beispiel ins Mittelalter zu versetzen, weil das Mittelalter gerade in ist. Oder mit Charakteren zu arbeiten, deren persönliche Entwicklung gegen jede historische Wahrscheinlichkeit geht, oder tatsächlich historische Persönlichkeiten ihres Wiedererkennungswertes agieren zu lassen, sich dann aber nicht die Mühe zu machen, sie so ‚echt‘ wie möglich zu gestalten. Oder – wenn man sich als historischer Autor einen schönen Handlungsort wie zum Beispiel Venedig aussucht, dann eine Geschichte zu erzählen, die auch überall anders hätte spielen können. Ich gebe mir immer die größte Mühe, alles so miteinander zu verweben, dass eine organisch wirkende Einheit daraus entsteht. Nur dann habe ich das Gefühl, meine Leserinnen und Leser nicht betrogen zu haben.
Daher sehe ich auch den Unterhaltungswert und den zweifellos vorhandenen Lehrauftrag des historischen Romans auf gleicher Höhe. Ich weiß, dass der Markt speziell den pädagogischen Wert nicht immer so ernst nimmt, sonst würden nicht zuweilen historische Romane Bestseller werden, bei denen die Integrität von Dramaturgie und Historie nicht so ganz stimmig ist. Aber was mich betrifft, werde ich meinen diesbezüglichen Standard nicht senken. Natürlich kann es vorkommen, dass der Ablauf geschichtlicher Ereignisse nicht ganz zur Dramaturgie passt. Meistens ist das der Fall, wenn die historischen Geschehnisse zu komplex sind oder zu langsam ablaufen. In solchen Fällen gestatte ich mir, die Dramaturgie über die historische Detailgenauigkeit zu stellen; und erkläre die Abweichungen dann im Nachwort. Bei der Konzeption meiner Geschichten versuche ich solche Konflikte aber schon von Haus zu vermeiden.“
„Der Weg zum Sachtext ist aber dennoch nicht weit, oder?“
Dübell blieb stehen und drehte sich zu mir um. „Sagen wir mal so – aus dem, was man bei den Recherchen herausgefunden hat, lassen sich jederzeit schöne, faktenreiche Sachtexte ableiten. Ich recherchiere ja nicht nur im Internet oder in Büchereien, sondern spreche&nbsp; vor Ort mit Historikern und Archivaren, besuche alle wichtigen Handlungsorte meiner Romane und mache auch ganz praktische hands-on-Recherche – historische Kochrezepte, die ich nachkoche, oder die Anfertigung historischer Gewänder, das Schwertkampftraining usw… Da kommt dann schon eine große Menge Fachwissen zusammen. Ab und zu habe ich die Möglichkeit genutzt, dieses Fachwissen in historischen Artikeln bei PM History auszubreiten, was immer jede Menge Spaß gemacht hat, besonders weil ich den ironischen Unterton, den ich in meinen Romanen anwende, auch in den Artikel beibehalten durfte.“
Geschichtliche Sachtexte für ein hochwertiges populärwissenschaftliches Magazin – ja, ich konnte mir gut vorstellen, dass das diesem Herrn lag.

Ich legte meinen Kopf schief und lauschte dem speziellen Wispern der Bücher, das nur ich hören konnte. Meine Freunde flüsterten mir etwas ungeduldig zu. Ich verstand den Namen nicht auf Anhieb. Doch dann entfuhr es mir beinahe entsetzt: „Perry Rhodan!“
Herr Dübell verstand meinen Ausruf als Frage und antwortete geflissentlich: „Ohne Perry Rhodan würde ich nicht hier stehen – oder den schönsten Beruf der Welt ausüben dürfen. Perry Rhodan hat mich zum Schreiben gebracht. Ich habe als Teenager und großer Perry-Rhodan-Fan zweimal bei Kurzgeschichtenwettbewerben des Pabel-Verlags mitgemacht und beide Male den ersten Preis gewonnen. Das hat mich motiviert, mich weiter mit dem Geschichtenerzählen zu befassen, und auch in Kontakt mit vielen anderen Fans gebracht, die gleichermaßen vom Schreiben begeistert waren.
Andreas Eschbach stammt aus dem Perry-Rhodan-Milieu; mit dem heutigen Chefredakteur von Perry Rhodan, Klaus N. Frick, habe ich damals auf Fan-Treffen ganze Nächte durchdiskutiert. Ich hege keine Scheu vor Groschenheften. Mir kommt es darauf an, dass eine Geschichte integer und gut erzählt ist. Solche Perlen lassen sich auch in Groschenheften finden; genauso wie sich nachlässig und schlampig hingeworfene Stories zwischen teuren Buchdeckeln finden. Ich habe es als große Ehre empfunden, 2012 als Gastautor zu einem Perry-Rhodan-Roman eingeladen worden zu sein. Der Band Nr. 2659 ist daraus entstanden. Er nimmt einen sehr stolzen Platz in meinem Buchregal ein. Derzeit bin ich in Gesprächen mit der Redaktion, einen weiteren Gastroman zu übernehmen.
Man könnte jetzt natürlich einwenden, dass zwischen Science Fiction und History schon ein extrem weiter Spagat nötig ist. Aber die Unterschiede sind gar noch so gewaltig. Beide Romangattungen spielen in Epochen und an Orten, die uns heutigen Lesern möglicherweise total fremd sind, die auf irgendeine Weise erklärt werden und in denen besonders lebensnahe Charaktere auftreten müssen, damit man als Leser über die Fremdartigkeit des Settings hinwegkommt.“

„Sie scheinen mir ein literarischer Tausendsassa zu sei“, sagte ich anerkennend. „Mittelalter in Kombination mit Futurismus. Und in der Gegenwart sind Sie bestimmt auch sehr aktiv. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie … wie soll ich sagen? … eine ziemliche Rampensau sein können.“
Die Auswahl meiner Worte schien meinen Gast nicht zu stören. Er redete gerne. „Es macht mir Spaß, mit Menschen in Kontakt treten zu können – und Geschichten zu erzählen. Ich liebe es, soviele Sinne wie möglich anzusprechen, nicht zuletzt, weil auch bei mir, wenn ich Geschichten oder Veranstaltungskonzepte erfinde, alle Sinne am Arbeiten sind. Dieses schöne Erlebnis möchte ich meinen Lesern/Gästen auch bieten. Meine Lesungen sind daher multimediale Auftritte, in denen ich meine Texte auf der Bühne mehr spiele als lese und den Vortrag mit Video-, Musik- und Geräuscheffekten unterstütze. In meiner Heimatstadt Landshut biete ich seit über zehn Jahren eine sehr erfolgreiche Erlebnisstadtführung mit kostümierten Schauspielern und der Einbeziehung der Teilnehmer an. Ein mittelalterliches Krimibankett, an das ich mich vor ein paar Jahren gewagt habe und das für 4 Aufführungen konzipiert war, wird kommenden März seine 25. Vorstellung erleben, und wir sind immer noch innerhalb weniger Tage ausverkauft, wenn wir die neuen Termine bekanntgeben. Schön ist es natürlich auch, wenn das Fernsehen sich für einen interessiert; nicht nur, um einen Bericht über einen zu bringen, sondern um eine Zusammenarbeit zu finden. Eine Reihe über außergewöhnliche historische Ereignisse, die ich im Auftrag von Pro7 konzipiert habe, wurde leider in letzter Minute doch nicht produziert; aber dafür habe ich einen Beitrag über Mittelaltermedizin für Welt der Wunder geschrieben und arbeite an einem weiteren über Wikinger. Und auch wenn Steven Spielberg noch immer nach meiner Telefonnummer sucht, tut sich was beim Thema Verfilmung. Das Bayerische Fernsehen verhandelt zur Zeit mit einer deutsch-österreichischen Produktionsfirma über die Verfilmung des ‚Tuchhändlers‘. Auf internationaler europäischer Ebene führe ich Gespräche über die mögliche Verfilmung weiterer historischer Romane.
Ich tue derzeit außerdem etwas, was mich mit großer Freude erfüllt – ich gebe in mehreren Klassen am hiesigen Gymnasium Aushilfsunterricht in Kunst. Ich habe bereits in der Vergangenheit ‚Schreiben‘ als Wahlfach angeboten, aber jetzt bin ich als Seiteneinsteiger in den richtigen Lehrbetrieb integriert, um eine in Mutterschutz gegangene Lehrerin zu vertreten. Jeder hat ja so seine Erinnerung an die Schule, als man selbst noch Schüler war. Jetzt die Chance zu bekommen, all das richtig zu machen, was man damals als falsch gemacht empfunden hat, ist ein großes Geschenk.“

„Irgendwie machen Sie alles“, stellte ich erstaunt fest.
„Nein“, sagte mein Gast. Dabei lächelte er vielsagend. „Wirklich nicht. Um Gotteswillen. Aber wenn ich was finde, was ich kann …“ Er schaute nun demonstrativ auf seine Armbanduhr. „Und deshalb muss ich jetzt sausen.“ Dübell hatte schon die Tür erreicht, als er sich nochmals zu mir umdrehte. „Vielen Dank fürs Zuhören!“
Ein eiliger Besuch. Aber sehr informativ. Ich schaute auch meine Uhr. Ja. Gleich 1900 Uhr. Um 19.00 Uhr würde für Beatrice das Krimidinner anfangen … Ich war mir gerade ziemlich sicher, wer dort der Hauptakteur sein mochte.