Archiv für den Monat: November 2015

zu Besuch im Antiquariat: Carol Greyson

Bibliothek zu Babel

In der letzten Zeit hatten allerhand unbekanntere Autoren mein Antiquariat besucht. Ein Großteil von ihnen waren Indies – also unabhängige Schreiber – gewesen. Meine Erfahrungen mit ihnen waren, das musste ich mir eingestehen, recht angenehmer Natur gewesen.
„Nett von euch“, sagte ich in die ungefähre Richtung der Buchregale, „dass ihr mir so interessante Gäste geschickt habt.“ Auf einem Verkaufspodest lagen mehrere Dunkle Romantik Bücher. Ich ging zu ihnen, tätschelte eine kostbare Originalausgabe von „Juliette“ und strich Mary Shelleys „Frankenstein“ über den Rücken. Über den Buchrücken, selbstredend. Die alten Werke von Lord Byron, E.T.A. Hoffmann, Charles Baudelaire und Gustave Flaubert lagen dort einträchtig neben Poe und Nerval. „Hmm, alles Klassiker. Ich frage mich, ob dieses Genre vielleicht auch …“

Ich konnte meinen Satz nicht zu Ende sprechen, denn eine Frau betrat mein Ladenlokal. Da der Zufall mir nur selten auf die Schulter klopfte, ging ich erst mal davon aus, dass dies keine normale Kundin war. Deshalb machte ich mir die Mühe und musterte sie eingehender. Sie war eine sportlich-elegante Erscheinung. Sie machte auf mich einen – wie soll ich sagen? – britischen Eindruck. Hinter einer Brille warteten intelligente, neugierige Augen.

„Guten Tag, meine Gnä‘gste. Was darf ich für Sie tun?“ Hatte ich gerade Gnädigste gesagt? Mein Blick flog nochmal zu den Büchern auf dem Tisch. Kleine Ungeheuer!
„Carola Kickers“, stellte sie sich vor, „ich bin auf der Suche nach ein paar …“
… Büchern, wollte sie wohl sagen. Doch vermutlich nicht der treffendste Begriff. Ich half ihr den Satz richtig zu beenden: „… Inspirationen.“
„… Büchern“, korrigierte sie mich streng. Dann lächelte sie entwaffnend.
„Oh“, machte ich. „Entschuldigen Sie, Carola. Ich habe sie eventuell falsch eingeschätzt. Sie sind also keine Schriftstellerin?“
„Oh doch, sogar in verschiedenen Genres.“ Während sie sprach, ging Carola zu dem Tisch, betrachtete kurz die ausgelegten Bücher und schob dann einige von ihnen behutsam zu Seite. Dann lehnte sie sich mit dem Po sachte an die Tischkante. „Allerdings lese und rezensiere ich auch. Auch da bin ich in den Genres recht flexibel – von Krimi bis Liebesroman darf alles dabei sein – außer vielleicht Science-Fiction. Das ist nicht so sehr mein Thema.“ Sie nahm einen besonders alten Schmöker in die Hand, tastete vorsichtig über den ledernen Einband. Mit den Fingern zeichnete sie die eingeprägten Buchstaben nach. Ich selbst tat dies auch nur zu oft. Von daher ahnte ich ihre Gedanken: fühlbare Worte … Sie redete allerdings einfach weiter: „Aber natürlich ist beides bislang eher Hobby, wobei ich auch beruflich mit Sprachen zu tun habe – vorwiegend als freie Übersetzerin und Texterin. Und wenn ich mal von all den Buchstaben …“ Sie nahm die Hand fort von dem Buch, „… eine Auszeit brauche, arbeite ich alte Möbel auf, und zwar im sogenannten Shabby chic Stil.“
Nun richtete sich ihr Augenmerk plötzlich auf dem Tisch. Sie dachte offensichtlich darüber nach, was man daraus zaubern konnte. „Ich führe kein Möbelantiquariat“, merkte ich schmunzelnd an.
„Wie bitte?“
„Ach, nur so.“ Irgendwie sollte ich mich doch lieber nur auf tatsächlich Gesagtes beschränken. „Sie sind ganz schön fleißig!“, kommentierte ich also ehrlich beeindruckt Carolas Schaffen. „Wie bewältigt man so ein Pensum?“
„Mit zunehmendem Alter muss man Prioritäten setzen. Erst die Kunden, dann die Bücher. Manchmal schiebe ich auch einen ruhigen Tag dazwischen, an dem ich gerne im Garten arbeite – das natürlich vorwiegend im Frühjahr und Sommer oder bei gutem Wetter. Aber Sie haben Recht, als Freiberufler hat man keine geregelten Arbeitszeiten.“
„Kommt da das Schreiben nicht zu kurz?“, fragte ich.
Sie seufzte schwer. „Dieses Jahr schon, allein bedingt durch meinen Umzug. Dann kamen auch noch andere Dinge dazwischen wie die Augenoperation von meinem Katerchen Mr. Pattapu. Den kennen Sie doch hoffentlich?“
Irgendwo im Regal neben mir wackelte ein Büchlein. Als ich einen Blick dorthin warf, zwinkerte es mir zu. Ja, Bücher können zwinkern. Und ja, ich weiß, dass sie keine Augen haben.

„Im gleichen Verlag – Stuber Publishing – habe ich bereits zwei Liebesromane veröffentlichen können: ‚…und das letzte Wort hat die Liebe‘ und ‚Der Modenkönig‘, meine aktuelle Neuerscheinung. Aber falls sie mich nur aus dem Dark Fantasy Bereich kennen sollten, sagt Ihnen die Vampirsaga um Jason Dawn vielleicht etwas oder ‚Die Götterbrut‘. Wenn Sie Lust haben, stöbern Sie doch einfach mal auf meiner Homepage.“
„Hm, viele Bücher sind das. Aber nicht alle bei einem Verlag. Warum?“
„Meine Erfahrungen mit Verlagen sind nicht die besten. Heute bin ich froh, größtenteils zu den Self-Publishern zu gehören. Allerdings hätte ich nichts dagegen, wieder bei so fleißigen Verlagen wie Stuber Publishing zu unterschreiben, die ihre Autoren auch unterstützen.“
Ja, ja. Verlag ist nicht gleich Verlag. Manchmal braucht es etwas länger, bis man als Autor das richtige Zuhause findet. Über dieses Thema könnte man lange diskutieren. Aber ich spürte, dass dafür gerade nicht der richtige Zeitpunkt war. Deshalb fragte ich nur: „Und aktuell?“

Carola stieß sich sachte vom Tisch ab, schob sorgsam die Bücher wieder zurück an ihren angestammten Platz. „Derzeit lasse ich das Jahr ruhig ausklingen. 2016 wird es dann das erste zweisprachige Kinderbuch mit schönen Illustrationen von mir geben. Aber darüber möchte ich noch nicht zuviel verraten. Von Mr. Pattapu ist der Comic auch noch in Arbeit, leider hat meine Illustratorin eine böse Sehnenscheidenentzündung, die bereits Wochen andauert. Ich hoffe aber, dass er auch 2016 fertig werden wird.“

Carola hatte sich nun vor ein Wandregal gestellt und las interessiert die diversen Titel. Es überraschte mich, dass sie ausgerechnet in dieser Ecke meines Ladens gedankenverloren mein Angebot bestaunte. Das war definitiv keine dunkle Romantik.
„Gute Besserung“, sagte ich.
Carola legte kurz die Stirn in Falten. „Was?“
„An die Illustratorin“, schob ich nach.
Sie nickte stumm, zog sich einen besonders kostbaren Band heraus. Als sie darin blätterte, hatte sie mich schon fast vollkommen vergessen.
„Auf der Suche nach Büchern …“, wiederholte ich den Anfang unseres Gesprächs.
Obwohl ich eigentlich mit mir selbst gesprochen hatte, antwortete Carola: „… Inspirationen.“
In der Hand hielt sie eine sehr, sehr alte Bibel.

zu Besuch: Rebekka Mand

Im AntiquariatDer Stapel Bücher auf meinem Sekretär hatte eine Höhe erreicht, die ihn leicht schwanken ließ. Da waren allerhand Sachbücher und ein paar Prosatexte. Da waren die Bücher von Régis Boyer und Snorri Sturlunson neben den Romanen von Bernard Cornwell, Frans G. Begntsson, Kari Köster-Lösche und Rebecca Gable.

Auf den ersten Blick mochte die Auswahl willkürlich erscheinen, aber inhaltlich ließen sie sich alle über ein Thema aus: Wikinger. Naja. Um korrekt zu bleiben, muss ich eigentlich den Begriff Nordmänner bemühen. Die rauen Kerle waren anhand ihrer Beutezüge, ihren Vikings, bekannt geworden, doch bot die Lektüre weitaus mehr als epische Schlachten a la Hollywood oder Schlägereien im kindgerechten Zeichentrick.

In den letzten Stunden hatte ich mich eingelesen. Einfach so. Aus Lust und Laune. Überrascht hatte ich feststellen müssen, dass das Nordvolk mich zu fesseln wusste. Das meine ich natürlich im literarischen Sinne.

„Inspirierend“, resümierte ich, nachdem ich den letzten Band der „Uthred-Saga“ zugeschlagen hatte. „Es wäre schön, wenn man in das Regal noch ein paar Titel mehr einsortieren könnte. Was Prosaisches zum Beispiel. Nicht staubtrocken zu lesen, weniger Historienroman, dafür mehr Abenteuer mit einem Schuss Lovestory“, zählte ich meine Wünsche auf.

Die Bücher um mich herum tuschelten leise. Doch ich verstand nicht wirklich. Ich schaute mich um, ob sich vielleicht irgendwo ein Schatten im Regal nach vorne schob, ob sich etwas auf dem Beistellwagen unauffällig manifestierte oder sich sonst irgendwas seinen Weg aus den Tiefen des Buchlandes zu mir suchte.

Nichts dergleichen geschah. Stattdessen klingelte das Türglöckchen im Laden und eine junge Frau trat herein. „Kundschaft“, seufzte ich. Da Beatrice mal wieder nicht da war, musste ich mich nach vorne bemühen. Ich murmelte unwirsch vor mich hin, da ich leicht angesäuert war, dass mein spezieller Bücherwunsch nicht erfüllt worden war. Auf meinen Gast musste das ziemlich grantig wirken. Da kam ein alter Antiquar auf sie zu, brabbelte unverständlich und knurrte dann relativ unhöflich: „Sie wünschen?“ Ich sollte dringend mein Benehmen aufpolieren! Mühsam streckte ich also mein Kreuz in eine aufrechtere Position und malte ein freundlicheres Lächeln in mein Gesicht.

„Rebekka Mand“, stellte sich die Frau vor. Dabei hob sie die Hände in einer zunächst abwehrenden Geste zwischen uns. Mit der Linken hielt sie ein Buch, das auf diese Weise in mein Blickfeld kam. „Von den Grenzen der Erde“, las ich. Ein hübsches, sehr aussagekräftiges Cover. Die Künstlerin, die das gestaltet hatte, hatte echt was drauf. Als ich das Bild genauer betrachtete, erkannte ich unter anderem die Silhouette eines Wikingerbootes.

„Ah“, machte ich, verzichtete aber darauf, meine plötzliche Begeisterung zu erläutern. Ich fragte auch gar nicht, was sie zu mir führte. Buchlandmagie reichte mir vollkommen als Erklärung. „Frau Mand! Sie bringen mir ein Buch mit. Wie schön!“ Ich musterte sie.

Gekleidet in einer hellbraunen Lederjacke, darunter ein schlichter, langer Pullover, Jeans und schwarze Boots, stand sie vor mir. Ein buntes Tuch setzte einen besonderen Akzent zum Outfit. Viel markanter fand ich allerdings die rotgefärbten Haare, die sich keck bis zum Kinn streckten. Sie ließ meine stumme Bewertung ihrer Person unbeteiligt über sich ergehen. Lieber schaute sie flüchtig im Laden um.

„Eine Autorin“, stellte ich fest, „kein Zweifel. Was haben Sie denn da für ein Buch?“ Sie richtete ihre Aufmerksamkeit nun doch auf meine Person und versuchte meine Grantigkeit von gerade eben, mit einem ausgewählt freundlichen Lächeln zu entwaffnen.

„Von den Grenzen der Erde“, antwortete sie. Und ja: Ich konnte dieses stolze Funkeln in ihren Augen aufblitzen sehen. Da hatte jemand das Erstlingswerk in der Hand und am Schreiben so richtig Blut geleckt.

„Wovon handelt es?“, fragte ich ehrlich interessiert.

„Es ist ein klassischer Abenteuerroman mit einer Prise Fantastik.“

„Wikinger?“

„Nordmänner!“ Korrigierte sie mich beiläufig. „Erzählt werden zunächst zwei Geschichten, die sich irgendwann zu einer verbinden. Da wäre zum einen die Geschichte von Lynn, einer irischen Königstochter, deren Dorf von Nordmännern angegriffen wird. Während Lynn und ihre Mutter als Sklavinnen nach Norwegen gebracht werden, stirbt Lynns Vater bei dem Überfall. Dank Lynns besonderer Gabe, den Toten ins Jenseits zu folgen, erfährt sie von ihrem Vater von einem Schatz, den er für sie versteckt haben soll. Fortan verfolgt Lynn das Ziel, zurück nach Hause zu gelangen und den Schatz zu finden. Und dann ist da Eirik, jüngster Sohn einer dänischen Sippe, dem nichts Wichtiger ist als sein Schiff und seine Freiheit. Als er beides zu verlieren droht, kommt ihm Lynns Schatz gerade recht.“ An dieser Stelle holte Rebekka kurz Luft. „Es ist eine Geschichte von Familie, Heimat , Freundschaft und Verrat. Und ja, auch von Liebe.“

Wie bestellt, dachte ich bei mir. Ich zwinkerte dem Buchregal hinter dem Verkaufstresen kurz zu. Ich bin mir sicher, wenn Bücher hätten zurückzwinkern können, sie hätten es just in diesem Moment getan.

Ich nahm Rebekka das Taschenbuch aus der Hand und blätterte nicht zu schnell durch die eng bedruckten Seiten. Dabei fragte ich: „Wie viel davon ist Prosa? Und was davon ist historisch?“

„Die Geschichte und ihre Figuren entspringen komplett meiner Fantasie. Was das Setting betrifft, habe ich mir jedoch sehr viel Mühe gegeben, dieses arg klischeegebeutelte Völkchen so authentisch wie möglich darzustellen. So findet z.B. Lynn in Norwegen keine wilden Barbaren vor, sondern Menschen wie sie. Sie knüpft dort Freundschaften und findet ein Stück Heimat.

Es war mir wichtig, das Alltagsleben der Nordmänner, ihre Kultur und die mythologischen Aspekte möglichst realistisch darzustellen, die Figuren ihrer Zeit und ihren Werten gemäß handeln zu lassen. Aber in erster Linie soll das Buch natürlich Spaß machen.“

Ich gab meinem Gast das Buch nicht zurück. Stattdessen legte ich es neben die Kasse. Um von meinem Tun ein wenig abzulenken, fragte ich: „Wie kommt man denn gerade auf Nordmänner? Ich meine, mittelalterliche Königshäuser, ein Medicus oder eine Päbstin verkaufen sich doch bestimmt viel besser.“

„Aber davon gibt es doch schon so viele! Ich habe mich nicht hingesetzt und mir bewusst dieses Thema ausgesucht. Die Geschichten finden mich, nicht anders herum …“ Diese Aussage machte mir diese Rebekka doch glatt sympathisch! Ich hätte es ihr gesagt, doch ich wollte ihre Rede nicht unterbrechen. „… in diesem Fall waren es die Nordmänner, und je mehr ich mich mit ihnen befasste, umso mehr war ich davon überzeugt, dass es genau diese Geschichte und dieses Volk ist, worüber ich schreiben muss.“

Auf dem Buchcover fand ich ein kleines weißes Logo: „Qindie“. Das war doch die Bezeichnung von diesem Autorenkollektiv, das sich aus Indieautoren mit Qualitätsanspruch geformt hatte. Ich gab mich entsetzt, denn gute Bücher brauchten in meinen Augen einfach ein gutes Verlagshaus.: „Sie haben den Weg der Selbstveröffentlichung gewählt … Warum?“

Rebekka guckte mich etwas verständnislos an. „Ja, warum denn nicht, lieber Herr Plana? Als Indie-Autorin stehen mir alle Wege offen. Ich entscheide selbst, welchen davon ich gehen möchte. Ich habe mich sehr lange damit auseinandergesetzt und mich ganz bewusst dafür entschieden. Tatsächlich hat kein Verlag jemals ein Exposé des Romans gesehen. Böse Zungen mögen jetzt munkeln, dass es die Angst vor dem Scheitern ist, die mich davon abgehalten hat. Ich will nicht abstreiten, dass dieser Aspekt anfangs eine Rolle gespielt haben könnte. Inzwischen jedoch habe ich genug positives Feedback erhalten, um meine Position als Selfpublisherin selbstbewusst vertreten zu können. Wenn jetzt ein Verlag anklopfen und mir ein Angebot unterbreiten würde, müsste ich schon sehr genau darüber nachdenken, ob ich es annehme.“

„Ich bin wohl ein ewig Gestriger“, gab ich zu. „Selfpublisher, eBooks und der ganze Kram sind für einen alten Bibliothekar weder im Kopf noch im Regal leicht einzuordnen. Entschuldigen Sie, Rebekka.“

Ich gab Rebekka ihr Buch nun doch zurück. Im matten Licht des Antiquariats fiel ihr nicht auf, dass meine Freunde in den Regalen einen kleinen Zaubertrick vollführt hatten. Egal ob Indie oder nicht: Das Buchland mochte ganz offensichtlich die Wikinger in diesem Buch, denn die Brauntöne auf dem Buchcover hatten sich in ein dezentes Grün verwandelt. Auch das Motiv war nun ein anderes. Die verschnörkelten Buchstaben kündeten nun von einem neuem Abenteuer und „Von den Hütern der Schlange“.

„Wie lebt es sich denn bei einer Wikinger-Autorin?“, fragte ich beiläufig. „Hängen im Haus überall Holzschilde und Schwerter rum?“

„Ich muss Sie leider enttäuschen, werter Herr Plana. Ich lebe nicht in einem Skáli (so nannten die Nordmänner ihre Langhäuser) und schlafe auch nicht mit meinen Angehörigen auf Fellen auf einer Schlafbank. Wir, das heißt mein Mann, unser Sohn, der Hund und ich, leben ganz stinknormal in einem Einfamilienhäuschen in einem Neubaugebiet in der Nähe von Köln. Wir haben das Haus erst letztes Jahr fertig gebaut, leben also gewissermaßen noch halb auf einer Baustelle. Das einzige Zugeständnis an mein großes Interessensgebiet ist ein Wikingertrinkhorn in unserem Wohnzimmerschrank.“ Rebekka machte eine kurze Pause und gestand dann mit einer entschuldigenden Geste: „Allerdings besuchen wir sehr gerne Mittelaltermärkte und tauchen ein in frühere Zeiten. Gerade zur Weihnachtszeit üben diese Spektakel einen besonderen Reiz auf mich aus.“

„Das hört sich irgendwie alles ein wenig nach Hobby an. Ist das Schreiben für Sie noch kein Beruf?“

Rebekka schüttelte den Kopf. „Wenn ich nicht schreibe, gehe ich meiner Arbeit als Sozialarbeiterin nach, denn leider kann ich allein von den Buchverkäufen (wie die meisten) nicht leben.“

„Das ist bedauerlich“, sagte ich, „aber in Zeiten, wo Urheberrecht kaum noch was wert ist … Denken Sie auch, dass ein gedrucktes Buch immer noch den besten Kopierschutz bietet? Oder mögen Sie die digitalen Ausgaben Ihres Werks lieber?“

Rebekka dachte mit furchtsamem Blick auf die vielen Bücher gründlich nach, bevor sie antwortete. „Ich gehöre zu jenen, die ein echtes Buch in den Händen zu schätzen wissen, aber ich bin auch dankbar für die digitalen Medien. Mein eigenes Buch in den Händen zu halten ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl, viel schöner, als es auf einem E-Reader zu betrachten. Und ein Haus ohne Bücher ist für mich sowieso ein leeres Haus. Deshalb biete ich meine Bücher sowohl in gedruckter, als auch in digitaler Form an. Ich selbst habe meine Lieblingsbücher gerne zum Anfassen um mich herum – jedoch lese ich sie inzwischen lieber auf meinem Reader, weil er so schön praktisch und handlich ist. Anfangs war ich sehr skeptisch, ob diese Technik sich überhaupt durchsetzen würde. Inzwischen gehöre ich zu jenen, die davon profitieren. Die eBook-Ausgabe meines Romans verkauft sich um ein Vielfaches besser, als die gedruckte.“

„Schöne neue eBook-Welt“, murmelte ich. Das Mittelalter verpackt in einem Gerät der Zukunft. Unabhängig. Independent. Ich gestattete mir ein Seufzen. „Ich werde mich wohl nie mit diesen Dingern anfreunden können.“ Ich schüttelte diese Gedanken ab und konzentrierte mich wieder auf diese nette Person vor mir. „Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen, Rebekka Mand. Ich weiß, Ihre Nordmänner sind was ganz Besonderes. Ich bin schon ganz gespannt auf den Print Ihrer Hüter der Schlange …“

Erstaunt unterbrach sie mich: „Woher wissen Sie von meinem neuen …?“

Ja huch, da hätte ich mir doch beinahe meinen kleinen magischen Scherz versaut.

 

Lesezeichen

Natürlich gibt es sie, diese Banausen, die bei jeder kurzen Lesepause einem Buch Gewalt antun. Mit einem dämonischen Handgriff verunstalten sie die zuletzt gelesene Seite. Rohe Gewalt an der oberen Ecke des Papiers: ein Eselsohr. Ein Knick in der Kultur der Wörter.
Um wie vieles kultivierter ist da das Lesezeichen! Der Platzhalter des Zeigefingers, der erst später wieder über die Zeilen huschen wird, um den Augen den Weg zu geleiten.

Lesezeichen sagen viel über den Leser aus.

Da gibt es diese eleganten Hochglanzkartons mit Motiv und Lesebändchen für die gehobenen Lesegewohnheiten. Oder der preiswerte Werbeträger im Paperback des Discountlesers. Der Kassenbon der Buchhandlung oder der Registrierstreifen der Bücherei mussten vermutlich ebenso oft als Lesezeichen herhalten, wie der PostIt-Zettel in neongelb. Schnupfnasen verwenden manchmal -allzeit bereit- Taschentücher. Das ist allerdings nicht zu empfehlen, denn die Verleimung der Seiten leidet darunter mit der Zeit Ist ein Fahrschein zwischen den Seiten zu finden, dann enttarnt sich ein belesener Berufspendler als bibliophil. Kontrolleure bringen diese Lesezeichenverwender immer wieder in arge Schwierigkeiten.

Aber wie erwähnt, ist alles besser, als ein Eselsohr. Der richtige Umgang mit einem Buch hat etwas mit Respekt zu tun.
Erinnern wir uns an die Zeit, als Bücher selten waren und von daher kostbar. Dass wir es uns heutzutage erlauben dürfen, Papier im Überfluss zu verbrauchen, es zu knicken, zu zerkneulen, zu zerreißen und wegzuwerfen ist ein ungeheures Privileg. Ein Privileg, dass uns erst seit wenigen Generationen zuteil wird. Das Setzen, Drucken, Binden ist inzwischen so preiswert, dass sich selbst Kleinstauflagen profitabel verlegen lassen.

Das geschriebene Wort wird zum Wegwerfartikel.
Von Ebooks möchte ich an dieser Stelle mal nicht reden, obwohl … Ich sag nur: „gratis“ und „1,- Euro“ oder „Raubkopie“

Es ist nicht mehr wirklich schade, wenn ein Buch mal im Müll landet. Man kann es jederzeit in unbegrenzter Menge nachbestellen. Da vergisst man schnell, wie außergewöhnlich es ist, lesen zu können und lesen zu dürfen. Also bitte: Keine Eselsohren!
Obwohl … Es gibt Augenblicke im Leben eines Lesers, da … Vor einiger Zeit habe ich einen Teil meiner ausgelesenen Bücher verschenkt. Eine Freundin, sammelte für eine Jugendbücherei. Beim Sichten der kleinen Wortschätze fiel ein von mir vergessenes „Lesezeichen“ heraus. Von der Luft getragen segelte es, einer Feder gleich, hin und her. In unschuldigem Weiß entlarvte es einen Teil meiner Lesegewohnheiten. Es verriet meinen mangelnden Respekt vor dem geschriebenen Wort.

Ich Banause!

Dass ich Bücher nicht an angemessenen Orten lese.
Eine quälende Sekunde später berührte das „Lesezeichen“ den Boden.
„Jetzt weiß sie, wo du deine Bücher liest“, schien das dreilagige Papier zu flüstern.

zu Besuch: Christa Kuczinski

Buchland

Mit herunterhängenden Schultern schaute ich hinaus auf die Straße. Trübsinnig. Diese Jahreszeit machte mich trübsinnig. Die Tropfen sprattelten gegen das Schaufenster und herangewehte Blätter klebten auf dem Glas wie schmutzige Herbstdeko. Zu allem Übel wurde es schon dunkel. Über den Häusern auf der gegenüberliegenden Seite ging der Vollmond auf, der sich zwischen den ekligen Wolken hervorzupressen schien. „Es fehlt nur noch, dass irgendwo ein Wolf heult“, sagte ich leise zu den Büchern in der Auslage, „dann wäre das Ambiente komplett.“
Beatrice hatte heute Morgen das Schaufenster dekoriert. Nun lagen da allerhand Bücher, wo leicht bekleidete Männer hinter leicht bekleideten Frauen standen, um sie in den Nacken zu küssen. Es konnten natürlich auch Nackenbeißer sein. Verliebte und erotische Vampire gab es zurzeit ja einige. „Frauen Fantasy“, hatte mir Beatrice erklärt, „ist im Moment sehr gefragt. Wir müssen ja nicht immer die Sachen anbieten, die nur Ihnen gefallen.“ Als ob sie ansonsten meinen Geschmack berücksichtigen würde …
Eigentlich hatte ich nicht wirklich etwas gegen dieses Untergenre. An Tagen wie diesen konnten Storys mit Spannung und Liebesgeschichte selbst mich auf andere Gedanken bringen.

Meine Hand bewegte sich fast automatisch zu einer kleinen Staffelei, auf der ein Taschenbuch stand. Ich nahm es und las den dünnen Schriftzug des Titels. „Roseend“, flüsterte ich, „Wölfin des Lichts. Ich frage mich, wer wohl diese Christa Kuczinski ist.“
Mir war, als würden die Bücher im Raum lauter wispern. Diskutierten sie? Ich zuckte mit den Schulter und legte das Buch zurück an seinen Platz. Just in diesem Moment öffnete sich die Tür und eine Frau trat über die Schwelle.
Lange Haare, ein bemerkenswert freundliches Lächeln und wache Augen hinter den Gläsern einer unauffälligen, aber eleganten Brille, versprachen mir angenehmen Besuch. „Guten Abend“, sprach ich meine potenzielle Kundin an, „was kann ich für Sie tun, Frau …?“
„Kuczinski. Christa Kuczinski.“
Mein Blick flog zur Auslage, zu den Büchern, zum aufgedruckten Autorennamen. „War ja klar“, entfuhr es mir.
„Wie bitte?“ Mein Gast war über meine Reaktion ehrlich verwirrt.
„Ach nichts. Meine Freunde“, ich deutete in eine unbestimmte Richtung und meinte insgeheim die anwesenden Bücher, „haben mich nur mit einer kleinen Überraschung aus dem Konzept gebracht. In so einem Buchantiquariat kann man manchmal“, ich tippte mir an den Kopf, „etwas merkwürdig werden. Vor allem, wenn man zu lang allein ist. Entschuldigen Sie.“ Ich erlaubte mir ein Seufzen, um meine nächsten Worte inhaltlich abzugrenzen. „Möchten Sie vielleicht etwas mit mir plaudern? Ich sehe Ihnen an der Nasenspitze an, dass Sie Literatur so sehr lieben, dass sie selbst gerne mal zum Stift greifen.“ Ok, der letzte Satz war ein wenig geflunkert, hatte ich doch eben noch ihren „Nackenbeißer“ in der Hand gehalten. Aber ich wollte mich nicht mit umständlichen Erklärungen aufhalten. Stattdessen sagte ich: „Sie sind doch Autorin, nicht wahr? Erzählen Sie mal was über sich.“
„Ja“, sagte Christa sichtlich erstaunt. „Ich bin Autorin. Woher wissen Sie …?“
Mit einem süffisanten Lächeln überging ich die Frage. Außerdem hob ich auffordernd meine Augenbraue. Sie verstand und plauderte tatsächlich drauf los.

„Ich … Ich bin schon den ganzen  Vormittag unterwegs; das Weihnachtsshopping vor dem ersten Ansturm zu erledigen, ist mir inzwischen zu einer liebgewordenen Tradition geworden.“ Sie deutete zum Schaufenster. „Ihre wundervollen Bücher in der Auslage sind ein bezaubernder und offenbar auch magischer Anblick. Sie sind schuld daran, dass ich an diesem Ort gestrandet bin.“ Eine Windbö schlug klatschend gegen das Fenster und unterstrich ihren nächsten Satz stimmungsvoll. „Hier ist ein perfektes Plätzchen, um kurz zu verschnaufen. Ganz nach meinem Geschmack.“
Nun beäugte sie interessiert die Bücher im Regal zu ihrer Rechten. Dabei nestelte sie gedankenverloren mit einer Hand am Saum ihres bunt gestreiften Wollpullovers, den sie lässig über einer verwaschenen Jeans trug. Mir drängte sich der Eindruck auf, dass sie lieber in den Büchern geschmökert hätte, als sich mit mir zu unterhalten. Ich übte mich in Geduld. Zeit war eine Messeinheit, die innerhalb meines kleinen Reichs anders tickte.
„Sie möchten also etwas über mich erfahren.“ Ihre Aufmerksamkeit galt nun plötzlich doch nicht mehr den Büchern. Sie schaute mir herausfordern in die Augen. „Nun ja … Wissen Sie ..? Ich bin über Ihr ‚Buchland‘ und auch über Sie im Bilde.“ Sie hielt inne, zwinkerte den  Büchern, denen sie nun wieder mehr Beachtung schenkte als mir, verschwörerisch zu. Sie ließ mir jedoch keine Zeit nachzufragen, wie sie das meinte. Sie sprach einfach weiter. „Da ist es nur gerecht, dass Sie auch etwas über mich erfahren. Vermutlich fragen sie sich, ob ich mich in einer Vollmondnacht in den bösen Wolf verwandle und anstelle meiner braunen Haare, gar schwarzes, oder graues Fell besitze. Letzteres könnte sich in einigen Jahren bewahrheiten, ich stehe nicht unbedingt auf Friseursalons, in denen man sich die Wartezeit, mit saisonalen Bubiköpfen und spektakulären Friseurkreationen, die vor dem heimischen Spielgel eher zu einer Lachnummer ausarten, die Zeit vertreibt. Daher rührt vermutlich auch meine Vorliebe für lange Haare …“ Jetzt griff ihre Hand prüfend nach dem Haarband, das ihre seidigen Haare zusammenhielt und auf diese Weise verhinderte, dass sie ein Eigenleben entwickelten.

„Na, über Frisuren habe ich mich schon lange nicht mehr unterhalten.“ Vom Regalbrett unter der Verkaufstheke holte ich zwei Gläser und eine Flasche Wasser und goss uns ein. „Na ja, über Werwölfe im Grunde auch nicht“, gab ich zu. „Sie schreiben also Werwolfromane. Neben Elben, Orks, Zombies und Vampiren gibt es da ja inzwischen allerhand davon. Was glauben Sie, liebe Christa, macht den Reiz dieser Gattung aus? Und was ist das Besondere Ihrer Werke. Haben Sie ein Alleinstellungsmerkmal im Genre?“
Die Autorin nippte an ihrem Glas, als wäre es ein kostbarer Wein, besann sich dann aber des tatsächlichen Inhalts und nahm einen großen Schluck. „Vermutlich ist es das Mysterium des Übersinnlichen, des Weiteren eine, hoffentlich gesunde Mischung an attraktiven Protagonisten und ein spürbares Gefahrenpotenzial, das die Neugier der Menschen zu wecken vermag. Okay, bei Orks lässt die Attraktivität zu Wünschen übrig. Aber Elben, Vampire, Werwölfe und inzwischen auch vereinzelt Zombies; wer den Film ‚Warm Bodies‘ kennt, stimmt mir vermutlich zu, reflektieren in der heutigen Literatur eine großherzige Männlichkeit gepaart mit einem ausgeprägten Beschützerinstinkt. Eine explosive und reizvolle Mischung.“ Christa lächelte versonnen. „In Roseend wollte ich den Spieß keinesfalls drehen, sondern zu meinen Gunsten verbiegen. Es schien mir reizvoll, weiblichen Werwölfen eine Chance zu geben und zwischenmenschliche und …  ‚wölfische‘ Beziehungen und die daraus resultierende Konflikte in den Vordergrund zu stellen“, fügte sie hinzu, während ihre grünen Augen einen verträumten Ausdruck annahmen. Die Begeisterung, für dieses phantastische Genre spiegelte sich wahrlich in ihrem Gesicht wider.

Schön geantwortet, dachte ich bei mir. Ob sie sich vielleicht etwas aus der Reserve locken ließ? Das wollte ich mal ausprobieren: „Gibt es Bücher oder Filme, die Sie zu ‚Roseend‘ inspiriert haben?“
„Ein netter Versuch mehr oder weniger unverfänglich auf ‚Twillight‘ anzuspielen. Es überrascht mich etwas, dass sie diesen Trend mitverfolgen“, sagte sie und schenkte mir ein verschmitztes Lächeln. „Der erste Band, ‚Wölfin des Lichts‘, entstand tatsächlich etwa zur selben Zeit, in der ‚Twillight‘ in aller Munde war. Damals hatte ich mich allerdings dafür entschieden, weder die Bücher zu lesen, noch mir die Filme anzusehen, um einer Beeinflussung zu entgehen. Außerdem war ich zu sehr mit meiner eigenen Schreibe beschäftigt, um nachzuschauen, was oder wer genau gerade die Bestsellerliste erschüttert.“
„Aha“, sagte ich langsam. Also nicht der Bestsellerliste hinterhergehechelt. Schön! Trotzdem fragte ich: „Wie viel Erotik gibt es denn in Ihren Büchern? ich hab mir sagen lassen, dass der Buchmarkt ja förmlich nach heißen Szenen schreit.“
Christa überraschte mich mit ihrer Antwort ein wenig. „So zumindest hat es den Anschein. Dennoch denke ich, dass heiße Szenen allein, nicht genügen, um Leser dauerhaft an ein Genre zu binden. Erotik findet Frau natürlich auch in ‚Roseend‘, aber ich stehe eher auf Anspielungen anstelle heruntergelassener Schlüpfer. Daran wird sich auch zukünftig nicht viel ändern.“

„Wie geht es jetzt weiter? Bleiben Sie dem Genre treu? Ich meine … Nackenbeißer und so.“
Während ich sprach, trank sie nochmal, verschluckte sich prompt und prustete dann beinahe laut los. Sie fing sich, fixierte mich tadelnd mit dem Blick und rieb sich dabei die Nase. Da war wohl etwas Kohlensäure im Riecher gelandet … „Entschuldigen Sie, dass ich lache, aber das Wort  Nackenbeißer erinnert mich seltsamerweise an die Serie ‚The Walking Dead‘. Unter einem Werwolf-Biss stelle ich mir lieber ein animalisch anmutiges Knabbern vor. Wenn Sie das phantastische Genre meinen: ja. Zumindest für zwei weitere Romane. Einer davon, ‚Aberness‘, ist ein Jugendroman, der im Sommer 2016 veröffentlicht wird. Des Weiteren liegt noch ein Plot für einen weiteren überaus phantastischen Roman herum. Aber vermutlich schreibe ich im Dezember erst einen völlig magiefreien Frauenroman, der mir seit Längerem durch den Kopf geistert. Gerade die dunkle Jahreszeit wirkt auf mich überaus inspirierend.“

Beiläufig drehte ich mich kurz zum Bücherregal hinter mir, griff routiniert nach einem Band, der vor ein paar Sekunden vielleicht noch nicht da gestanden hatte. Wer weiß? Ein Hauch Magie durfte justament nicht fehlen.

Während ich das Buch sorgsam in einer Tüte verpackte, führte ich mein kleines Interview einfach fort: „Ich denke, dass Sie kein Selfpublisher sind. Was für Erfahrungen haben Sie denn mit Verlagen gemacht?“
Plötzlich wurde sie ganz ernst: „Gute und Schlechte. Gerade in Anfangszeiten, stolpert man gern in gut getarnte Fallen. Aber am Ende ist alles gut ausgegangen.“ Schon kam das Lächeln wieder in ihr Gesicht zurück. „Momentan arbeite ich mit zwei Verlagen zusammen und bin sehr zufrieden.“
Das war schön zu hören. Vor mir stand eine Frau, die auch ein paar Rückschläge hatte hinnehmen müssen und sich trotzdem die Leidenschaft fürs Schreiben immer bewahrt hat. Jetzt hatte sie also ihren Weg gefunden. „Aktuell schreiben Sie auch etwas?“
„Es wäre furchtbar (für mich und hoffentlich auch für meine Leser), wenn dem nicht so wäre. Ich schreibe an einem weiteren Jugendroman, ‚Ava‘. Das ist der Name meiner Hauptprotagonisten. Über einen treffenderen Titel mache ich mir, wie bei jedem meiner Romane, erst Gedanken, wenn das Projekt mit dem berühmt gefürchteten Wort ‚Ende‘ abgeschlossen ist.“

Ende? Was für ein gutes Stichwort! Zwar plauderten wir noch ein wenig, aber irgendwann geleitete ich meinen Gast doch zur Tür. Das Wetter war inzwischen besser geworden. Meine Stimmung sowieso. Wegen der Vorfreude. Ja. Ich freute mich auf Christas überraschtes Gesicht, das sie machen würde, wenn sie zuhause die Tüte mit meinem Geschenk aufmachen würde. Es war ein Buch.
Ein Buch.
Ein Buch, das sich noch nicht öffnen ließ. Das konnte man erst, wenn es an der Zeit war. Doch das war nicht die einzige Besonderheit an meinem Geschenk. Ja, ich freute mich auf ihr überraschtes Gesicht, auch wenn ich es hier nicht sehen würde. Denn das Cover und der Buchrücken des Buches waren noch fast leer. Nur ganz wenig Text: Christa Kuczinski stand oben. Drei schlichte große Buchstaben darunter. „AVA“.

zu Besuch: Angela Gäde

Ich rieb mir mit Daumen und Mittelfinger müde über die Augen. Die staubige Luft und die alten Schriften hatten mich mehr ermüdet, als ich es mir hätte eingestehen wollen. Und jetzt war da auch noch dieser Termin. Eine junge Autorin hatte sich angemeldet. Außerhalb der Geschäftszeiten!
Ich schaute auf meine Taschenuhr. Oh, mein Besuch würde ja schon gleich kommen. Also griff ich nach meinem Stock, der dienstbereit am Ohrensessel lehnte, und stemmte mich mit seiner Hilfe mühsam in die Senkrechte. Den Weg nach vorne in den Verkaufsraum bewältigte ich leise fluchend. Nächstes Mal würde ich Beatrice herbestellen. Wofür hatte man denn Personal?
„Alles muss man selber machen“, flüsterte ich mir selbst zu, dann griff ich nach dem Schlüssel und schloss die Ladentür auf. Wie auf Bestellung trat auch schon mein Gast vor das Antiquariat. Ihr Blick streifte kurz die Auslage in meinem Schaufenster. Entgegen meiner sonstigen Angewohnheiten hatte ich ein paar Urban Fantasy Titel darin dekoriert. Ganz unpassend dazu standen an der Seite noch einige Liebesromane. Natürlich hatte ich es mir verkniffen ‚Frühlingserinnerungen‘ oder einen Roman mit dieser Emma hinzustellen. Nein, das ist nicht meine Art. Trotzdem hatte ich mich zu einem -zugegebenermaßen etwas fiesen- Entgegenkommen entschieden. ‚Kartoffel, Reis und Döner‘, das zurzeit nicht mehr im Buchhandel erhältlich war, wurde von einem Spotlicht angestrahlt. Auf diese wenig subtile Weise bildete es den Blickfänger im Schaufenster.

Das Glöckchen bimmelte und sie trat ein. „Fräulein Gäde!“, sagte ich und reichte der jungen Frau freundlich die Hand. Dabei musterte ich sie. Natürlich blieb mein Blick zunächst an ihrer Haarpracht hängen. Diese Naturlocken machten selbst Curly Sue eine ernsthafte Konkurrenz. Daran änderte auch der schwarze Bowler nichts, der die rotblonde Mähne nur leidlich zu bedecken vermochte.
Gekleidet war sie mit einer schwarzen Lederjacke, die bis zur Hüfte reichte. Ein rot-kariertes Hemd schaute unter der Jacke hervor. Blue Jeans und und blue -äh- blaue Chucks. Das würde ich nicht als graue Maus bezeichnen. Das buntes Halstuch unterstrich das kecke Outfit auf charmante Weise.
„Herr Plana?“
„Höchstpersönlich“, sagte ich.
Sie lächelte in höflicher Zurückhaltung. „Nabend.“
Ah, Ruhrpott dachte ich bei mir. Deshalb erwiderte ich ebenfalls mit „Nabend“ den Gruß.

Mit einer auffordernden Geste bat ich sie nach hinten ins Arbeitszimmer. Ich bot ihr als Sitzplatz den Bürostuhl am Sekretär und setzte mich selbst wieder in meinen Ohrensessel. Das war vielleicht nicht zu hundert Prozent galant, weil ich es nun eindeutig bequemer hatte, aber es fühlte sich irgendwie richtig an. Es schien sie nicht zu stören, denn ihre Aufmerksamkeit galt ganz diesem besonderen Zimmer. Ihr Blick huschte über die Bücher in meinen Regalen. Freude und verträumte Abwesenheit spiegelten sich auf ihrem Gesicht. Umgeben von Büchern machte sie auf mich den Eindruck, die Aufmerksamkeitsspanne einer Fliege zu haben. Aber das mochte täuschen.
„Schön hier?“, fragte ich amüsiert.
Die Antwort war ein ehrfürchtiges Nicken. Ah! So eine war sie. Ohne Zweifel eine Buchliebhaberin, die Einbände streichelte, Respekt vor alten Werken hatte und in Literatur mehr als eine Aneinanderreihung von Worten sah.
Trotzdem mussten wir jetzt irgendwie einen Anfang finden. Ich deutete auf ihre auffällig rote Tasche, die immer noch an einem Riemen über ihrer Schulter hing: „Haben Sie Ihre Bücher dabei? Welche sind es denn?“
„Eines meiner Bücher liegt schon vorne im Fenster …“
„Ach“, machte ich scheinheilig. „Erzählen Sie mal.“
„Darüber gibt es nicht viel zu erzählen. Es ist nicht mehr erhältlich und wartet auf eine Überarbeitung, allerdings ist dafür noch nicht die richtige Zeit. Das ist die Krux an der Sache, die Geschichten oder Bücher sagen mir, wann sie geschrieben werden wollen. Nur leider haben die nicht immer das beste Timing oder ich durchschaue es nicht.“

Das Bücher zu ganz bestimmten Zeiten geschrieben werden wollten, das kannte ich. Die Ansicht, dass es vielleicht ein ganz besonders gutes oder schlechtes Timing für die Veröffentlichung geben solle, fand ich allerdings … interessant. „Was wäre denn ein gutes Timing?“, hörte ich mich laut fragen.
Angela legte den Kopf schief, kaute kurz auf der Unterlippe und flocht dann auf amüsante Weise ein Zitat von Winston Churchill in ihre Antwort: „Wenn man den Statistiken, die man nicht selber gefälscht hat, glauben darf, dann sind Liebesromane im Sommer, Krimis im Herbst und Kinderbücher im Winter die Verkaufsschlager. Mein Liebesroman ‚Frühlingserinnerungen‘ erschien im September.“
Ich erlaubte mir ein Schmunzeln. Da hatte wohl jemand Hintergrundwissen in Sachen Buchmarketing und nutzte es nicht. „Ach, die liebe Inkonsequenz“, dachte ich still. Vernehmlich sagte ich stattdessen: „Mögen Sie mir etwas über Ihre anderen Bücher erzählen? Die ‚Hexe von Hitchwick‘ zum Beispiel. Die Namensgebung des Romans erinnert mich irgendwie an einen Titel von John Updike.“ Ich erlaubte mir ein hinterlistiges Schmunzeln. „Liegt Hitchwick in der Nähe von Eastwick?“
„Richtig!“ Angela lachte herzlich, „Eastwick liegt nur ein paar Meilen östlich von Hitchwick. Spaß beiseite, zu meiner Schande muss ich gestehen, die Ähnlichkeit ist mir bis zu einer Rezension von J. Mertens nicht aufgefallen. Peinlich. Ich habe mit Begriffen und Ortsnamen gespielt und plötzlich stand da Hitchwick. So ungefähr kam auch die Idee der Geschichte zustande. Inspiriert hat mich eine Halloween-Folge der Simpsons und Inspektor Barnaby. Idyllisches, englisches Dorf, das der Legende nach von einer Hexe heimgesucht wird, die es auf junge Mädchen abgesehen hat. Daraus wurde eine Kurzgeschichte, die im Endeffekt den Anfang des Buchs bildete. Als die Kurzgeschichte fertig war, ließen mich die Figuren und die Frage, was mit den Mädchen geschehen ist, nicht mehr los. Deswegen setzte ich Sug und Morgan auf den Fall an, schließlich sind sie Mitleider der Gesellschaft zur Wahrung des Wissens von Alexandria. Durch den hauseigenen Blog der Gesellschaft, http://uebersinnliche-geschichten.blogspot.de/, wurde zuerst Sug auf die Geschichte aufmerksam und die schickte den Link an Morgan weiter. Genau an der Stelle beginnt das Buch. Da sind wir auch schon bei dem Punkt, den ich an Büchern liebe und der das Besondere meiner eigenen Bücher darstellt. Das Verweben von Phantasie und Realität. Der Blog ‚Geschichten des Übersinnlichen‘ existiert wirklich. In ‚Emma, Zaunreiterin‘ lasse ich das Dortmund der Hexenverfolgung auferstehen. Die Emma und Agathe Reihe befasst sich mit Magie, Hexerei, Alchemie, was Sinn macht, da Emma eine Haguzza ist. Auf meiner Homepage, findet man eine Art Lexikon zu Emmas mystischer Welt, in dem Kräuter, Orte oder Rituale eingehender erläutert werden. Möglicherweise habe ich auch nur einen kleinen Recherche-Tick, den ich so ausleben kann.“
„Hm-m“, machte ich. Meine Gedanken wanderten nochmal zurück zu den ‚Frühlingserinnerungen‘. Das hat meines Wissens nichts mit Hexen zu tun … „Liebesromane! Ein großer Sprung in ein anderes Genre, wenn man sich sonst in fantastischen Regionen herumtreibt. Frühlingserinnerungen passt als Buch nicht unbedingt zwischen die Titel der Emma und Agatha Reihe. Welches Genre ist Ihnen denn lieber?“
Angela stand auf, schritt an meinen Regalen entlang und überflog die Titel, die auf die Buchrücken gedruckt und geprägt waren. Sie blieb unerwartet bei einer Ausgabe von ‚Die Muschelsucher‘ stehen. „Bei Emma und Agathe, aber noch mehr bei Sug und Morgan, kann ich mich so richtig ausleben. Blut tropft oder spritzt. Die Figuren zittern vor Angst, wenn sie allein in der Dunkelheit sitzen. In einem Liebesroman kommt das eher weniger gut an, wobei … Aber lassen wir das. Die Geschichte ‚Frühlingserinnerungen‘ war plötzlich da und wollte geschrieben werden, was nicht einfach war. In Liebesromanen Spannung zu erzeugen ist schwierig und ich habe großen Respekt vor einer Rosamunde Pilcher. Das meine ich ernst. Ich möchte mich nicht nur auf ein Genre beschränken. Es ist viel zu spannend, immer mal etwas Neues auszuprobieren.“
Wirklich kreative Geister scheinen sich da allesamt zu gleichen, stellte ich zufrieden fest. Ein Genre durfte, meiner Ansicht nach, nicht zu einem Gefängnis des Geistes werden.
Das machte mir die junge Frau ehrlich sympathisch.
Trotzdem musste ich ihr diese eine bestimmte Frage in jedem Fall noch stellen: „eBook oder richtiges Buch? Was nimmt eine Angela Gäde lieber in die Hand?“
„Welch eine diabolische Frage in einem Raum voll wunderschöner, ehrfurchtgebietender Bücher.“ Oh! Da begriff jemand die spezielle Magie in diesem Zimmer. „Lobe ich eBooks, befürchte ich von einem dieser Meisterwerke angefallen zu werden. Nun wäre es jedoch ziemlich heuchlerisch von mir, gegen eBooks zu sein, wenn meine Bücher ebenso in diesem Format erhältlich sind. Ich nehme die Gefahr auf mich. Ich mag eBooks.“ Ein Augenblick bedrückender Stille folgte. In dieser kurzen Pause blickte sich Angela um. Vielleicht schien sie sich tatsächlich etwas davor zu fürchten, dass ihr ein Buch an den Kopf flog. „Ein dickes Buch auf dem Reader zu lesen schont Nacken und Handgelenke. Meine Mutter muss sich zum Beispiel nicht mehr beschweren, dass die Schrift zu winzig ist, da man alles einstellen kann. Trotzdem bevorzuge ich gebundene Bücher. Ich arbeite viel am Computer, da fühlt sich mein Blick auf Papier wohler. Zudem bin ich einfach gern von ihnen umgeben.“
Das bedrohliche Knurren, das bei ihren Worten zunächst in der Luft gehangen hatte, vernahm nur ich. Mit den letzten drei Sätzen hatte es sich gottlob in ein entspanntes Schnurren verwandelt. Meine Freunde in den Regalen ließen sich heute leicht besänftigen.
Ich nickte ihnen zu, schenkte dann aber unserem Gast wieder meine volle Aufmerksamkeit. „Als was, liebe Angela, sehen Sie sich denn? Als Autorin oder als Schriftstellerin?“
„Ich bin Autorin und Schriftstellerin. Posts, Gastbeiträge, Auftragsarbeiten erledige ich als Autorin.“ Sie sagte dies mit einem sehr geschäftsmäßigen Unterton. Doch dann wurde ihre Stimme weicher. „Setze ich mich an meine Bücher, bin ich Schriftstellerin.“
„Können Sie vom Schreiben denn leben?“, setzte ich nach.
„Wenn ich abwechselnd auf eine Wohnung oder Essen verzichte, dann ja. Als Schriftsteller hat man meistens kein festes Einkommen. In manchen Monaten ist das Konto zufrieden, in anderen bekommt es Heulkrämpfe. Wichtig ist, dass der Kater genug Trockenfutter hat. Das ist schon fast ein Klischee. Mit zerzausten Haaren brütet der Schriftsteller über seinem Manuskript, während auf den anderen Papieren eine Katze friedlich schnurrt. Wo wir gerade dabei sind, lege ich noch ein Klischee drauf. Seit letztem Jahr leben wir auf dem Land. Meine bessere Hälfte hat in Hadamar eine tolle Arbeit bekommen und so zogen wir von Dortmund nach Hessen. Wenn wir so durch die Gegend gurken und z.B. an Maisfeldern vorbeikommen, muss ich automatisch an Stephen King denken. Ich weiß gar nicht warum … Die Landschaft ist unglaublich schön und inspirierend. Dafür ist Hessisch allerdings sehr schwer zu verstehen. Natürlich konnte ich mich nicht davon abhalten, alle Bücher über die Historie der Gegend auszuleihen. Zufälligerweise wohnen wir an einem Weg, der den Namen ‚Hexenschlucht‘ trägt.“
Castle in Maine in Verbindung mit den ländlichen Regionen von Hessen zu setzen … Das hatte was! In einer Hexenschlucht zu leben, bestimmt auch. Irgendwas sagte mir aber, dass es meine Besucherin nun eben dorthin zog. Sie wollte nach Hause. Es war also an der Zeit, das Gespräch zu beenden.

„Nun …“ Ich deutete auf die Tasche. „Mir scheint, dass Ihre Werke wirklich hierher gehören. Lassen Sie sie einfach da liegen.“
Ich hätte mit einigen Reaktionen ihrerseits gerechnet – allerdings nicht, mit einem hinterlistigen Grinsen. „Nun ja, da ihr Antiquariat etwas ganz Besonderes ist, habe ich Ihnen auch etwas Besonderes mitgebracht.“ Sie verbreiterte ihr Lächeln, griff in ihre Tasche und legte einen höchst interessant aussehenden eBook-Reader auf den Tisch. „Zufälligerweise fand ich diesen hier in einem kleinen Laden die Straße runter. Dort gibt es jede Menge Kuriositäten. Ich kenne Ihre Meinung zu eBooks, aber vielleicht kann ich sie doch verführen einen Blick zu riskieren“, sage sie und tippte mit dem Zeigefinger auf den Reader. „Sie finden dort alle meine Bücher. Aber natürlich lasse ich Ihnen die Wahl.“ Mit Bedacht zog sie ein Buch nach dem anderen aus ihrer Tasche und legte sie mir neben das Gerät. „Vielleicht sind Ihnen meine Bücher auch so besonders genug.“
Nun musste ich doch aufstehen. Und dann gab ich dieser Autorin, … dieser Schriftstellerin, meine Hand. Dabei deutete ich eine kurze Verbeugung an. „Nicht nur die Bücher sind mir besonders genug“, sagte ich augenzwinkernd.
Unauffällig ließ ich dabei das Lesegerät zurück in ihre offene Tasche gleiten.