Archiv für den Monat: Dezember 2015

zu Besuch im Antiquariat: Astrid Vollenbruch

BuchlandWeihnachtsendspurt. Während Beatrice im Verkaufsraum sich die Hacken heiß lief, hatte ich es mir in meinem Ohrensessel gemütlich gemacht. Hier hinten im Arbeitszimmer drang wenig vom adventlichen Stress durch. Mit einem aufgeschlagenen Manuskript auf dem Schoß und geschlossenen Augen zählte ich, wie oft das Türglöckchen bimmelte. Dabei sehnte ich mich insgeheim nach den vergangenen ruhigeren Zeiten.

„Na“, sagte ich schließlich zu der losen Blattsammlung, die mal ein Buch werden wollten, „dann will ich es nochmal mit dir versuchen.“ Ich hatte Mühe mich in des Werk zu vertiefen. Natürlich konnte es daran liegen, dass mich der Trubel im Verkaufsraum doch etwas zu sehr ablenkte. Jedoch befürchtete ich, dass der mit Maschine getippte Text schlicht und ergreifend schlecht war. Das war sehr schade, denn ich spürte, dass jede einzelne Seite mit sehr viel Herzblut verfasst worden war. Aber zwischen „gut“ und „gut gemeint“ lagen in diesem Falle Welten. Der Verfasser dieser Zeilen, ein gewisser John Doe, hatte mir sein Skript überlassen, weil er meine Meinung dazu hören wollte. Tja … Müder Plot, unglaubhafte Charaktere und eine endlose Liste handwerklicher Fehler. Die Grundidee war so toll! Nur leider fehlte Herrn Doe allerhand schriftstellerisches Wissen. „Der gute Mann braucht Hilfe“, sagte ich schließlich. „Fundierte Hilfe.“

„Herr Plana?“ Beatrice lugte um die Ecke. „Hier ist Besuch für Sie.“

Neben ihr erschien eine Frau. Sie war von kräftiger Statur, trug eine Brille und war sehr schlicht, mit dunkelgrauem Wintermantel und schwarzer Hose gekleidet. Einziger Farbtupfer war der türkisfarbene Pulli. Auf Schminke jedweder Art hatte sie verzichtet. Ich schätzte sie auf etwa 50 Jahre.

Obwohl sie augenscheinlich eine imposante Persönlichkeit zu sein schien, erweckte sie den Eindruck am liebsten die Flucht zu ergreifen. Beatrice war schon wieder in den Laden entschwunden. Somit lag es wohl an mir, ein Gespräch zu beginnen. Also versuchte ich es mit einem Lächeln: „Hm. Ich habe keine keine Ahnung, warum das Schicksal Sie zu mir geführt hat. Ich muss gestehen, dass es mich nicht gewundert hätte, wenn ein gewissen John Doe hier auf der Matte gestanden hätte …“ Ich unterbrach mich selbst, dachte kurz an meine Worte von vorhin. Fundierte Hilfe für John Doe. „Sie sind nicht zufällig Schriftstellerin, Lektorin oder Erste Hilfe für Autoren?“

Meine Besucherin antwortete zunächst recht zögerlich. Es lag ihr anscheinend nicht, über sich selbst zu reden. „Ein bisschen von allem. Ich habe ein paar Bücher geschrieben, ein paar weitere lektoriert oder korrigiert, ein paar Karten gezeichnet und 2007 ein Forum für Textkritik gegründet, das Federfeuer, in dem Autoren und Autorinnen Texte vorstellen, an denen sie gerade arbeiten. Nicht, um Lob für ‚Das habe ich gerade geschrieben‘ einzuheimsen, sondern um sich fachliche Kritik anderer Autoren abzuholen.“ Oh, das war ein Thema, das ihr lag. Sie kam richtig in Fahrt. „Wir klopfen Texte auf Plot, Handwerk und Sprache ab und helfen uns gegenseitig, handwerkliche Fehler zu erkennen. Das klingt jetzt einfach, ist es aber nicht. Als Autor ist man gegenüber den eigenen Texten meist betriebsblind – logisch, denn wenn man die eigenen Fehler selber sofort sehen könnte, würde man sie nicht machen. Da hilft der Blick anderer Schreiberlinge enorm. Und zweitens ist es eine schwierige Sache, mit Kritik umzugehen. Deshalb legen wir sehr viel Wert darauf, nicht den Autor zu kritisieren („Du kannst nicht schreiben, lern lieber töpfern“), sondern zu sagen, was uns am Text seltsam vorkommt oder was logisch, technisch oder sprachlich nicht funktioniert. Aber obwohl wir dabei so freundlich und sachlich wie möglich vorgehen, sind die meisten Autoren doch zunächst mal am Boden zerstört. Kritik tut immer weh, auch wenn sie berechtigt ist, und obwohl alle sagen, dass sie extra wegen der Kritik gekommen sind, ändert das nichts daran, dass es weh tut. Das darf man nicht unterschätzen. Deshalb haben wir auch einen sozialen Bereich, in dem wir uns gegenseitig wieder auffangen.“

Etwas unvermittelt endete ihre begeisterte Rede und eine Lücke entstand. Ich reagierte einen Hauch zu spät, weil mein Kleinhirn wegen irgendwas protestierte: Ich hatte etwas vergessen. „Ich Bauer!“, stellte ich plötzlich fest und streckte endlich die Hand zum Gruße aus. „Wir haben uns noch gar nicht miteinander bekannt gemacht. Plana, mein Name. Guten Tag!“

„Guten Tag, Herr Plana“, sagte mein Gast. „Ich bin Astrid. Astrid Vollenbruch.“

„Astrid Vollenbruch?“ Ich lauschte in mich hinein. Nein, eigentlich lauschte ich, was meine Freunde tuschelten. Die Bücher um uns herum waren mit einem Mal ziemlich aufgeregt. „Sie haben die ‚Drei Fragezeichen‘ geschrieben.“

„Hm, ja, das ist jetzt aber auch schon Jahre her. Ich bin durch André Marx, mit dem ich seit Ewigkeiten befreundet bin, an die ??? geraten. Eines Tages fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, einen Band beizusteuern. Ich war und bin kein Fan der Reihe, aber es reizte mich, es auszuprobieren. Also habe ich sechs Einzelbände, eine Trilogie und zwei Bücher zu den Filmen geschrieben, zwei Bücher übersetzt und dann beschlossen, dass ich lieber wieder zur Fantasy zurückkehren wollte. Es war eine spannende Zeit, in der ich viel über Fans, Autoren und das Verlagswesen gelernt habe. Außerdem habe ich auch gelernt, wie es sich anfühlt, wenn ein eigenes Buch plötzlich gerichtlich verboten wird, weil meine Arbeit für Kosmos genau in die Zeit des Rechtsstreites mit EUROPA fiel.“

„Seltsam, dass ich bisher kein Bild mit Ihnen verbinden konnte.“ Ich hoffte, dass ich Astrid mit meiner nächsten Frage nicht zu nahe trat. „Sind Sie sehr Öffentlichkeitsscheu? Interviews oder Lesungen mit Ihnen sind mir nicht bekannt.“

Ihre Antwort war gleichsam überraschend, wie überzeugend: „Wenn ich sichtbar sein wollte, wäre ich Schauspielerin geworden, nicht Autorin. Ich rede nicht gerne über mich selbst. Hin und wieder habe ich Interviews gegeben, per Email, am Telefon oder auch auf der Buchmesse in Frankfurt, aber Lesungen lehne ich strikt ab. Ich bin der Meinung, dass niemand zwischen einem Leser und einem Buch stehen sollte, am wenigsten der Autor. Solange ich ein Buch schreibe, gehört es mir, aber sobald ich es veröffentliche, gehört es den Lesern und Leserinnen, und ich verschwinde. Das ist natürlich eine radikale Position, aber ich verlange ja nicht, dass alle sie teilen.“

Nun, der alte Antiquar in diesem Raum fand diese Ansicht überaus erfrischend. In erster Linie sollte das Wort und nicht die Person dahinter zählen. Mancher egozentrische Schriftsteller mit samt seinen Allüren konnte sich da eine Scheibe von abschneiden.

Die Bücher wisperten wieder, versuchten mir etwas über Astrid zu erzählen. Ich verstand sie nicht richtig. Also fragte ich nach: „Wurdest Du nicht sogar mal durch eine Komparsin ersetzt, weil du selbst nicht kommen wolltest?“

Astrid schüttelte den Kopf. „Nein, das war ein bisschen anders. Das Hörspiel zu meiner ???-Trilogie ‚Geisterbucht‘ wurde von Ohrkanus zum besten Hörspiel des Jahres 2012 gewählt. Ich habe an der Preisverleihung nicht teilgenommen, weil ich dafür nicht extra nach Berlin fahren konnte und weil ich mit der Hörspielproduktion nichts zu tun hatte. Stattdessen kamen wie üblich die Sprecher der ??? auf die Bühne. Ich weiß nicht einmal, was es für ein Preis war und wer ihn letztlich mitgenommen hat.“

Die Schöpferin des Werks offenkundig nicht, komplettierte ich im Geiste die Erzählung. Wie schade …

Ich setzte mich in Bewegung und schlenderte unauffällig die Regalreihen entlang. Natürlich fand ich prompt, was ich suchte in einem der Regale. Astrid Vollenbruch. Alle Titel. Es war, als hätten sich die Bücher ganz von selbst dort eingefunden, nur um just von mir entdeckt zu werden. Überrascht zog ich die Augenbraue hoch. „Glitzende Pferde?“

„Die sind aber auch auffällig…“ Lag da ein Hauch Sarkasmus in ihrer Stimme? „’Einhornzauber‘ beruht auf einer Idee von Kosmos. Sie wollten etwas Ähnliches wie ‚Sternenschweif‘, nur für eine ältere Zielgruppe von 10-12 Jahren. Fantasy ist ja mein bevorzugtes Genre, aber rosa Glitzer jetzt nicht so. Also habe ich gesagt: Gut, ich schreibe es, aber mein Einhorn ist schwarz. Und die Geschichte spielt auf meiner eigenen Welt, die ich schon seit dreißig Jahren entwickle. Der Verlag war einverstanden, gab mir freie Hand, und ich schrieb drauflos. Es wurde eine recht solide Fantasygeschichte, die bis heute treue Leserinnen findet und die ich seit Band 7 in Eigenregie weiterführe. Ohne Glitzercover. Den siebten Band, ‚Seelendieb‘, kann man als E-Book bei Amazon und als gedrucktes Buch direkt bei mir kaufen.“

Das Zielpublikum schien mir damit festgezurrt. Aber aus dem Augenwinkel erkannte ich, dass neben den ganzen Kinder- und Jugendbüchern noch mehr stand. „Sie sind also eingefleischte Kinder- und Jugendbuchautorin?“

„Ähm, nein. Eigentlich überhaupt nicht. Ich schreibe Fantasy“ Das sagte sie recht resolut. „In den Jugendbuchbereich bin ich durch Freundschaft und Zufall geraten. Die ??? haben Spaß gemacht, und Einhornzauber beschäftigt mich bis heute, aber seit den 70er Jahren bin ich rettungslos der High Fantasy verfallen. Ich fing mit Fanfiction zum ‚Mabinogion‘ an (das ist eine uralte keltische Sagensammlung), suchte eine Weile herum und fand schließlich mein Thema mit ‚Rabenzeit‘.“

Meine Hand verselbständigte sich und griff sich ein schwarzes Buch. Sinnigerweise war eine Möwe darauf abgebildet. Ich beschloss, nicht darauf einzugehen. Vielmehr blätterte ich interessiert im Innern des Werkes. „Fantasy? So richtig mit Karte, Orks und Elben?“ Ich war ehrlich erstaunt. „Sind Sie eine von Tolkiens zahlreichen Erben und Erbinnen? Oder hat Rabenzeit andere literarische Eltern?“

Sie zählte an zwei Fingern ab: „Fantasy, ja, Karte, ja.“ Den dritten Finger hob sie nicht. „Orks und Elben, nein. Natürlich hat Tolkiens ‚Herr der Ringe‘ mich beeinflusst, ebenso wie viele andere. In den 70ern machte sich die Fantasy auf die Reise in andere Gedankenwelten. Es ging um ungewöhnliche, exotische Schauplätze, aber auch um Alternativgesellschaften, fremde Kulturen und die Definition dessen, was Menschsein bedeutet, wenn es andere Grundbedingungen vorfindet. Als sich die meisten männlichen Autoren entweder in technische SF-Spielereien oder in immer neue Mordmethoden mit Schwert und Magie verabschiedeten, folgte ich Autorinnen wie C.J. Cherryh, Tanith Lee, Ursula K. Le Guin. Marion Zimmer Bradley war vom feministischen Standpunkt aus interessant, bis ich merkte, dass sie auf der Entweder-Oder-Schwelle stehengeblieben war: Sie schrieb über Kulturen, in denen Männer dominierten und Frauen nur die Wahl hatten, entweder behütete Sexsklavin oder unberührbare Kriegerin zu sein. Das war mir zu wenig. Also fing ich an, zu überlegen, wie eine Welt aussehen könnte, in der es den krankhaften Frauenhass unserer Welt nie gegeben hat. Araun fing als klassische pseudomittelalterliche Fantasywelt an und entwickelte sich zu einem lebendigen Organismus ohne den Dualismus, auf dem hier so viel gründet. Es gibt keine klassische Abgrenzung von Völkern wie ‚Mensche‘, ‚Zwerge‘ oder ‚Orks‘, sondern Dutzende von intelligenten Arten, die sich teilweise auch noch mit Elementargeistern verbunden haben. Und die Menschen sind auch keineswegs die ‚Krone der Schöpfung‘, sondern höchstens irgendwo im Mittelfeld kulturschaffender Spezies. Es gibt keinen Monotheismus und kein Schwarz/Weiß/Entweder/Oder, und die Götter sind keine menschliche Erfindung, sondern Geister mit unterschiedlicher Macht.

‚Rabenzeit‘ spielt allerdings in einem Land, in dem die Menschen glauben, dass von Elementargeistern eine schreckliche Bedrohung ausgeht. Deshalb wird die Magie seit Jahrhunderten unterdrückt und zerstört. Die Geschichte erzählt davon, wie sich der junge König von Ryondar mit diesem Erbe auseinandersetzt, während ihm gleichzeitig ein Pulverfass politischer Intrigen um die Ohren fliegt. Er ist die zentrale Figur, aber die Handlung wird von drei Frauen getragen: von seiner Schwester, einer Handwerkerin und einer Musikantin.“

Das war alles sehr interessant. So interessant, dass ich ‚Rabenzeit‘ schon mal griffbereit in meinen Ohrensessel legte. Gleich würde ich es mir zu Gemüte führen. Sobald ich endlich allein war. Meine Neugierde wollte eilig befriedigt sein. Nur das Buch und sein Leser. Nicht die Autorin. Niemand sollte zwischen mir und dem Buche stehen …

Vorher musste ich aber noch etwas anderes erledigen: Ich drückte John Does Manuskript Astrid in die Hand. „Das ist genau das Richtige für Sie. Glauben sie mir“, sagte ich. „Genau das Richtige. Für Sie und Ihr Federfeuer.“

zu Besuch im Antiquariat: David Safier

Im AntiquariatKurz nachdem ich an diesem Morgen die Ladentür aufgesperrt hatte, lief ich mit dem Gesicht in ein Spinngewebe, das im Türrahmen hing. Wenn ein Tag so anfängt, dann setzt man seine Erwartungen für den weiteren Verlauf ziemlich niedrig an. Meine Laune war auf jeden Fall mit einem Schlag auf dem Tiefststand. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass die Kaffeemaschine kaputt war. Koffeinentzug kann für einen alten Mann wie mich ziemlich hart sein.
Ich grummelte leise fluchend in meinen nicht vorhandenen Bart und wischte mir mit leidlichem Erfolg die klebrigen Spinnfäden von der Stirn. „Wenn ich das kleine Miststück erwische …“
Natürlich gehören kleine, achtbeinige Krabbelviecher in einem Buchantiquariat quasi zum Inventar. Ihre Netze musste man als Deko betrachten. Sie waren unabdingbar, wie eine dünne Schicht Staub auf den Regalen und etwas nasser Sand im Fußabtreter. Aber trotzdem! „Wenn ich das kleine Miststück …“, wiederholte ich mich, „… erwische!“
In diesem Moment sah ich den Missetäter. Auf einem Tisch voller Bücher hatte es sich die Spinne auf einem kostbaren Folio mit dem Titel „Mr. William Shakespeare’s Comedies, Histories and Tragedies“ bequem gemacht.
Ich widersetzte mich dem Drang, das Tier sofort platt zu machen. Ein Blutfleck auf dem Buch wäre unverzeihlich. Ich holte mir also ein Glas, stülpte es über das Insekt und setzte es auf diese Weise gefangen. Dann beugte ich mich darüber und sagte, nicht ohne Häme: „Nicht dein Tag heute.“
Die Ladentür öffnete sich hinter mir. Schritte kam heran und ein Mann trat neben mich. Amüsiert lächelnd schaute auch er in das gläserne Minigefängnis. Das Spinnchen schaute zurück. „Da hat wohl jemand mieses Karma.“
Mit der Zeit hatte ich es verlernt, an Zufälle zu glauben. Ich richtete mich auf, musterte den Ankömmling und erkannte ihn beinahe sofort. „Safier?“, fragte ich überrascht. Meine Laune besserte sich schlagartig. Welche Ehre! „David Safier?“
„In persona.“

Tja, manchmal hat man geringe Erwartungen an den Tag und wird dann umgehend eines besseren belehrt. Das Buchland hielt für mich doch immer die richtigen Aufmunterungen bereit.
Und so plauderten mein Gast und ich ein wenig. Etwas Smalltalk. Doch im weiteren Verlauf des Gesprächs stellte ich fest, dass mir da ein paar Fragen auf der Zunge brannten. „Sie sind ein äußerst erfolgreicher Drehbuchautor. Adolf Grimme Preis, Emmy, deutscher Fernsehpreis. Dann ging es von der Mattscheibe fort zum gedruckten Buch: Das Romandebüt ‚Mieses Karma‘ traf den Nerv der Leser. Wo war das Hochgefühl größer? Zu sehen, wie die ersten selbstverfassten Dialoge verfilmt wurden? Oder das erste gedruckte Buch in den Händen zu halten? Oder war es von Anfang an nur reines Geschäft und Brotjob?“
Herr Safier lehnte lässig am Verkauftresen und strich sachte über das zerfurchte Holz der Tischplatte. Er mochte anscheinend das Holzwurm-Design. „Hach, Herr Plana, man kann doch nicht für Brot und Butter schreiben, das muss schon von Herzen kommen. Sie verkaufen Ihre Bücher doch auch von Herzen! Ein Hochgefühl haben mir beide Sachen bereitet. Und da gibt es ja viele Stellen im Prozess, wo man es bekommen kann. Zum Beispiel sieht man ja schon Drehmuster lange bevor Sachen auf die Mattscheibe kommen, oder man sieht sein Buch im Verlagskatalog, bevor es in die Läden kommt.“ Er machte eine kurze Pause. Dann betonte er: „Alles ist sehr aufregend.“
Im Regal neben mir fand ich eine Taschenbuchausgabe von „Jesus liebt mich“. Da lag es vollkommen verkehrt, denn zwischen den Schmuckausgaben vom Alten und Neuen Testament hatte es gewiss nichts zu suchen.
„Es folgten ziemlich kurz hintereinander die Romane ‚Plötzlich Shakespeare‘, ‚Happy Family‘ und ‚Muh!‘. Wenn ich diese Bücher hier im Laden einsortieren müsste, würde ich Sie wohl ins Genre Fantasy stellen. Obwohl: Elben und Orks kommen nicht drin vor und die obligatorische Landkarte einer frei erfundenen Welt sucht ein argloser Leser auch vergebens. Soll ich Ihre Bücher lieber der Komödie zuordnen?“
Ich erntete ein Lachen. „Tja, ein Mann im Verlag sagte zu mir: Du bist ein Autor ‚sui generis‘. Ich hatte natürlich keine Ahnung, was das heißen sollte (habe ja nur in Bremen mein Kleines Latinum gemacht). Er sagte, das bedeute so etwas wie ‚Ein Autor eigener Art‘. Wenn Sie es unbedingt einordnen wollen, würde ich sagen: Ich schreibe Komödien mit fantastischem Einschlag und Herz.“
„Hm, vielleicht sollte ich wirklich mal ein Verkaufsregal mit dem Genre ‚fantastischer Einschlag und Herz‘ einführen“, sagte ich. Insgeheim überlegte ich schon, welche Autoren ich dazu einsortieren könnte. Auf Anhieb fiel mir keiner ein. „Wie schreiben Sie? Exposition, Konfrontation und Auflösung? Sind Ihre Werke 3-Akter oder eher klassische 5-Akter? Folgen Sie einem strengen Plot oder haben Sie eine Ausgangssituation und schreiben dann nach Bauchgefühl?“„Ich habe als Drehbuchautor zwar sehr viel Handwerk gelernt in allen möglichen dramaturgischen Korsetten. Aber ich schreibe lieber drauf los, lasse mich von den Figuren selber entführen. Wie sagte Stephen King, der sicherlich bei Ihnen als großer amerikanischer Beschreiber des kleinstädtischen Amerikas ganze Regale füllt: ‚Wenn ich überrascht bin, was die Figuren tun, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es der Leser auch ist.‘“
Ein schönes Zitat. King und Safier in Beziehung zueinander gesetzt … Ich verwarf den Gedanken, deren Bücher in ein Regal zu stellen genau so rasch, wie er gekommen war.

Ich tippte mit dem Zeigefinger auf das gelbe Taschenbuch und sagte: „Ich habe festgestellt, dass Sie gerne eine weibliche Ich-Erzählerin verwenden. Ist das ein Zufall? Oder möchten Sie damit verhindern, dass Ihre Leser den realen David mit der fiktiven Figur der Erzählung ungewollt verbinden?“
„Nein.“ Herr Safier verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe ja eine ungewöhnliche Sicht auf die Dinge: Ich glaube ja, dass Männer und Frauen gar nicht so unterschiedlich sind. Es wird viele Frauen überraschen, aber auch wir Männer haben Gefühle. Wir können sie nur nicht so gut ausdrücken. Und da es in meinen Romanen viel um Gefühle geht, fällt es mir leichter aus der Perspektive einer Frau zu formulieren.“
Zielpublikum Frau? Ich wusste, dass dieser Mann auch anders konnte. „Nach so vielen lustigen Büchern war ich überrascht, dass Ihnen als nächstes ein Buch wie ‚28 Tage lang‘ aus Ihrer Feder floss.“ Während ich sprach, stellte ich „Jesus liebt mich“ geistesabwesend zurück an seinen alten Platz. „Trotzdem könnte ich mir vorstellen, dass es für Sie persönlich das wichtigste Werk ist. Erzählen Sie mir was darüber?“
Safiers Gesichtszüge wurde eine Spur ernsthafter. „Also grundsätzlich bedeuten mir all meine Bücher viel. Aber bei ‚28 Tage lang‘, einen Holocaust-Roman, spielt natürlich eine große Rolle, dass meine Familie väterlicherseits Opfer der Nationalsozialisten wurde. Mein Vater musste aus Wien fliehen, seine Eltern starben. Aber wichtig war für mich auch das Thema: Im Warschauer Ghetto kann man das Schlimmste sehen, wozu Menschen fähig sind, aber auch das Großartigste. Das hat mich seit über zwanzig Jahren fasziniert, und deswegen habe ich diesen Roman geschrieben.“

Das Glas, in dem sich die Spinne mit erfolglosen Fluchtversuchen abmühte, rückte wieder ins Zentrum meiner Aufmerksamkeit und somit auch der Ausgangspunkt unseres Gesprächs. „Jetzt steht ganz frisch die Fortsetzung von ‚Mieses Karma‘ in den Buchgeschäften. Ich darf also davon ausgehen, dass Sie der ‚Komödie mit fantastischem Einschlag und Herz‘ treu bleiben.“ Ich wartete keine Antwort auf meine rhetorische Frage ab, sondern redete einfach weiter. „Fortsetzungen … Hm, tja. Das schlägt die Brücke zurück zum Film. Sie sind momentan mit Kinofilmen beschäftigt. Ich bin so neugierig! Dürfen Sie mir darüber was verraten?“
„Na, wir sind ja hier in unserem Buchladen unter uns!“ Herr Safier winkte mich ganz nah zu sich heran. Als sich fast unsere Nasenspitzen berührten, flüsterte er: „‚Happy Family‘ wird ein großer Animationsfilm werden, der 2017 ins Kino kommen wird. Und auch an einer Verfilmung für ‚28 Tage lang‘ wird gearbeitet.“

Leider musste Herr Safier irgendwann gehen. Nachdem er den Laden verlassen hatte, nahm ich mir ein Blatt Papier, schob es vorsichtig unter das Glas. Das kleine Spinnengefängnis war nun transportabel.
Das Blatt auf der flachen Hand, die Spinne mittig darauf und darüber das umgestülpte Glas – so trat ich hinaus auf die Straße. Ich schlenderte zur nächsten Blumenrabatte und entließ das Insekt dort in die Freiheit.
Gutes Karma.

Linktipp: Gutes Karma

zu Besuch im Antiquariat: Prinz Rupi

Im Antiquariat

Es war lange nach Ladenschluss. Im Laden hatte ich einen Klapptisch und zwei Stühle aufgebaut. Ein guter Roter, Mineralwasser, bauchige Weingläser und etwas Weißbrot standen bereit. Ich war also bestens vorbereitet. Trotzdem war ich ein wenig nervös.
Nein, ich erwartete keinen Damenbesuch. In einem Buchantiquariat machte man keine Candle-Light-Dinner. Schon gar nicht ohne Candle. Ich hatte einen Herrn eingeladen, seines Zeichens ein Prinz. Außerdem war er Autor, Selfpublisher und Publisher. Ich mochte weder diese englischen Begriffe, noch mochte ich alles, was mit Druckkostenzuschüssen zu tun hatte. Und doch war ich neugierig. Neugierig auf die Person, neugierig auf ihr Tun und neugierig auf …

Die Türglocke bimmelte. „Guten Abend“, sagte der Prinz beim Hereintreten und stellte sich auch sogleich vor. „Wilhelm Ruprecht Frieling. Aber Freunde nennen mich Rupi.“
Viel Gesicht zeigte der Kopf. Hinter der hohen Stirn wuchsen graue, vergleichsweise lange, graue Haare. Wache, humorvoller Augen blitzten mich durch eine dezente Brille an. Er trug einen Anzug, ein hellblaues Hemd und keine Krawatte. Ich war beinahe enttäuscht, dass er mir nicht auf Anhieb unsympathisch war.
„Wie schön, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind“, sagte ich höflich. Ich ging ihm entgegen, reichte ihm die Hand und lud ihn dann mit einer Geste an meine improvisierte kleine Tafel. Als wir platzgenommen hatten, deutete ich auf die Flaschen: „Burgunder oder Wasser?“
Rupi lehnte sich entspannt zurück und überraschte mich dann mit leicht gehobener Sprache: „Danke, mein Lieber. Einen Tropfen vom Elixier der Könige von Burgund und dazu ein stilles Wasser nehme ich gern.“
Also goss ich ihm ein. „Wie kommt’s denn zu dem royalen Beinamen? Prinz … So einen royalen Titel verleiht man sich doch nicht selbst.“
„Der stammt aus einer Zeit, in der ich täglich ein Buch produzierte und damit schnell Verleger von mehr als zehntausend Büchern war“, erklärte Rupi gelassen. „Die Presse bezeichnete mich daraufhin als ‚Bücherprinz‘, und daraus ist erst im Freundeskreis, dann in der Öffentlichkeit ‚Prinz Rupi‘ geworden.“

„Täglich ein Buch? Puh.“ Ich rümpfte die Nase „Das hört sich ziemlich nach Quantität und nicht nach Qualität an. … Ich mache keinen Hehl draus: Ich mag keine eBooks. Eben aus diesem Grunde. Wenn alles und jeder veröffentlichen kann und in diesem Tempo Bücher auf den Markt wirft, dann entwertet sich das geschriebene Wort. Ein guter Wein braucht doch auch seine Zeit. Ich biete Ihnen doch auch keinen Rotwein aus dem TetraPack an.“
Mein Gegenüber hob beschwichtigend die Hände. „Nun, die Bücher stammten doch nicht aus meiner Feder, sondern von den jeweiligen Autoren. Und Qualität bemisst sich nicht unbedingt nach dem quantitativen Output eines Verlages. Damals waren es auch noch Papierbücher; die E-Book-Revolution begann in Deutschland erst 2011 und auch die belegt eigentlich erst einmal nur, wie viele Autoren mit dem dringenden Wunsch unterwegs sind, veröffentlicht zu werden.“
„Ach, das hörte sich eingangs so an, als wären das alles eigene Buchprojekte gewesen.“ Ich räusperte mich. „Entschuldigung.“ Dann nippte ich an meinem Glas. „Hier spricht also der Verleger, nicht der Autor. Trotzdem ist es erstaunlich viel. Wie bemessen Sie sie denn den Wert eines Manuskripts, dass Sie veröffentlichen?“
„Als Verleger war ich bis 2003 tätig. Maxime war, jedem Autor die Möglichkeit einzuräumen, sein Buch so optimal wie möglich an den Start zu bringen. Ich war mit diesem Konzept eine Art Early Adopter im Buchmarkt. ‚Wert‘ ist ein Begriff, den ich in diesem Zusammenhang für vermessen halte. Sicherlich gibt es einen ‚Marktwert‘, den letztlich das Publikum durch seine Nachfrage bestimmt. Dann misst jeder Autor seinem Werk einen eigenen ‚Wert‘ bei. Als Verleger musste ich über die subjektive Wertigkeit eines Buchprojekts hinwegsehen, was nicht bedeutet, dass mir persönlich nicht das ein oder andere Vorhaben besonders wertig erschien. Worin liegt denn für Sie der Wert einer Veröffentlichung?“
Ich schaute mich kurz in meinem Antiquariat um. Hier standen einträchtig Klassiker und Raritäten neben einigen neueren Hardcovern. Sie warteten auf meine gescheite Erwiderung auf Rupis Frage. „Hm, das würde eine ziemlich lange Antwort meinerseits werden. Aber in erster Linie würde ich sagen, dass der Verleger nicht nur dem Autoren, sondern auch dem Leser verpflichtet sein sollte. Immerhin bezahlt dieser den Preis für ein Buch, von dem er erwartet, dass es seinen Ansprüchen genügt. Die Aufgabe eines Verlags ist ja nicht nur Papier bedrucken zu lassen und dann in der Welt zu verbreiten.“

Der Bücherprinz beugte sich vor und erklärte leise: „Jeder Autor sehnt sich danach, einen Verlag zu finden, der ihm Heimat ist und Brücken zum Publikum baut. Als Verleger hielt ich es mit Alfred Döblin: ‚Der Verleger schielt mit einem Auge nach dem Schriftsteller, mit dem anderen nach dem Publikum. Aber das dritte Auge, das Auge der Weisheit, blickt unbeirrt ins Portemonnaie.‘ Insofern sind gute Autoren das Kapital jedes gesunden Verlages.“
„Hm-m.“ Ich zog eine Augenbraue hoch und verschränkte die Arme. „Wenn ich mal ganz böse fragen darf: Womit hat der Verleger Prinz Rupi denn damals mehr Geld verdient? An dem Bedürfnis des Autors oder an den Lesern der Vanity Press?“
„Worin liegt die Boshaftigkeit der Frage???“ Mein Gegenüber gab sich überrascht. Doch er lächelte dabei freundlich. „Geld verdient habe ich mit der Dienstleistung für unsere Autoren. Und da wir gute Arbeit geleistet haben, haben wir auch gut verdient.“
„Warum haben Sie dann als Verleger dann Schluss gemacht?“
Rupi wurde plötzlich sehr ernst. „Eine zweite Chemotherapie ließ mir keine andere Wahl. Diese für mich persönlich harte Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit fand aber im genau richtigen Augenblick statt, denn „the next big thing“ – die E-Book-Revolution und die Marktreife der On-Demand-Druckereien zeichnete sich ab.“ Er machte eine kurze Pause, nutzte sie, um sich dem Wein zu widmen. „Mein Leben als Verleger erzähle ich übrigens in meiner Lebensabschnittsgeschichte ‚Der Bücherprinz‘.“

Ja, ich sollte tatsächlich meinen Gast endlich auf seine Tätigkeit als Schreiber ansprechen. „Als Sachbuchautor richten Sie sich immer noch an Schriftsteller und solche, die es werden wollen. Möchten Sie mir ein wenig darüber erzählen?“
„Mir hat die Welt der Autoren viel gegeben. Ich bewege mich jetzt bald ein halbes Jahrhundert darin, und so ist es mir ein Bedürfnis, ein wenig von den gesammelten Erfahrungen zurückzugeben. Deshalb schreibe ich Ratgeber für Autoren und solche, die es werden wollen.“
„Und als Schriftsteller der Belletristik sind Sie auch aktiv“, sagte ich, „was ist denn da Ihr Alleinstellungsmerkmal?“
„Einer meiner Schwerpunkte sind Opernverführer.“ Prinz Rupi zwinkerte verschmitzt. „Mein Alleinstellungsmerkmal ist, dass ich als einziger Autor Opern wie ‚Der Ring des Nibelungen‘ so erzähle, dass auch Laien dem komplexen Geschehen auf der Bühne folgen können.“
„Eine tolle Idee“, stellte ich amüsiert fest. „Wie kommt man darauf? Ich meine Opern und Otto-Normal-Verbraucher …“
Rupi stand auf. Sein Glas Wein, das ich vorausschauend nochmals aufgefüllt hatte, nahm er mit. Er schlenderte an den Buchregalen vorbei und erlaubte sich eine etwas ausgiebigere Rede. „Ich möchte Ihnen, lieber Herr Plana, ein Geheimnis verraten. Ich entstamme einer Generation, die mit den ‚Beatles‘ und den ‚Rolling Stones‘, mit Jimi Hendrix und den ‚Cream‘ aufgewachsen ist. Ich war ein begeisterter Hippie, trampte durch die Welt und ließ mein Haarkleid meterlang wachsen. Mit klassischer Musik wurde ich in meiner Jugend erstmals konfrontiert, als Gruppen wie die ‚Nice‘ und die holländischen ‚Ekseption‘ klassische Stücke für die Popmusik aufbereiteten. Durch Ian Anderson, besser bekannt als ‚Jethro Tull‘, wurde mir Bach erschlossen. – Aber die Oper?“ Rupi schwenkte sachte das Glas, nahm dann einen Schluck des Roten, kaute ihn andächtig, bevor er ihn schluckte. „Die Oper war für mich ein Ort, in dem sich alte Leute mit grauen Gesichtern in schwarzen Roben trafen. Das war kein Beat Club, kein Underground-Schuppen, keine Musikhalle. Nun gut, ich schaute mir Mozarts phantasievolle ‚Zauberflöte‘ an. Ich fand auch Gefallen an den angeblich leichten italienischen Komponisten und vergoss manche Träne bei ‚Madame Butterfly‘ und ‚La Bohème‘. – Aber Wagner?
Richard Wagner, der schrieb doch die Musik, bei der sich massige Frauen und tumbe Typen stundenlang ansingen und ihre Sätze immer wiederholen, obwohl sie dadurch nicht verständlicher werden. Und da war doch auch noch diese Geschichte mit den Nazis, die ihn gut fanden. Nee, diesen Wagner, den wollte ich nicht mal mit der Kohlenzange anfassen.
Das Leben meinte es gut mit mir. Eines Tage besuchte mich ein guter Freund, der beruflich mit der Oper verknüpft ist und sich den ‚Ring des Nibelungen‘ in der Berliner Staatsoper ansehen wollte. Ich konnte es nicht fassen: Ein Mann, der nach San Francisco flog, um ‚Grateful Dead‘- Konzerte zu besuchen, wollte sich Wagner reinziehen und fand den auch noch toll? Ich begleitete ihn zur Oper und ließ mir in der S-Bahn die Handlung des ‚Ring‘ erzählen. Wow, das klang ganz anders, als was ich bisher gehört und in den klugen Feuilletons gelesen hatte! Die Geschichte faszinierte mich derart, dass ich am liebsten gleich mit in die Aufführung gekommen wäre. Doch dummerweise war alles ausverkauft.
Neugierig geworden hörte ich mir das Werk auf CD an, und versank innerhalb kürzester Zeit tief in Wagners vierteiligem Monumentalwerk. Immer tiefer tauchte ich in den Rhein ein, besuchte die Welt der Zwerge und begegnete Menschen, deren Schicksal weitgehend von Göttern vorbestimmt schien. Und da ich mich vorher mit der Handlung der Oper befasst hatte, wurde sie mir plötzlich transparent und leicht verständlich. Dann kam die Musik, die mich sofort packte: Das war purer Rock ‚n‘ Roll. Es war genau diese Art des musikalischen Gesamtkunstwerks, von dem wir in Zeiten von Love, Peace und Happiness geträumt hatten. Ich war ergriffen, ich war begeistert, ich war fasziniert. So wurde ich Wagnerianer. Das ist zwanzig Jahre her.“ Der Prinz blickte gedankenverloren in das Glas, als könnten sich dort vergangene Zeiten auf der Oberfläche des Getränks spiegeln. Sie taten es nicht. Nach einem kurzen Seufzen sprach er deshalb einfach weiter. „Heute bin ich überzeugt, dass über den inhaltlichen Einstieg Richard Wagners ‚Ring des Nibelungen‘ erschlossen werden kann. Das ist einer der Gründe, warum ich einen Opernverführer verfasst habe. Deshalb unterstütze ich Künstler, die Wagner einem jungen Publikum erschließen wollen. Deshalb werbe ich hier für den Ring.“ Jetzt holte er tief Luft und hob die Stimme. Er intonierte richtig! „Tauchen wir also ein in die Welt der Götter und Halbgötter, die vieles wissen, und manches vorausahnend die Geschicke der Welt leiten. Da sie nicht alles selber machen können, bedienen sie sich der Menschen, und um diese für ihren quasi göttlichen Erfüllungsauftrag vorzubereiten, setzen sie die gleich selbst in die Welt. Das macht ja auch viel mehr Spaß!
Nun ist es aber so, dass Neid und Gier das Leben auf der Erde wesentlich mitbestimmen, und da sind es besonders die Zwerge, die sich unrühmlich hervortun. Denn tief unter dem Rhein, und hier beginnt unsere Geschichte, existiert ein unheimliches Zwergenreich, dass ‚Nibelheim‘ genannt wird. Hier wiederum herrscht ein Widerling namens Alberich. Der ist so abgrundtief hässlich und schmuddelig ist, dass sich selbst in der dunkelsten Ecke keine findet, die ihn lieben mag. Dieser Nibelung ist es nun, der aus seiner tiefen Höhle emporkrabbelt, um dem Gesang der drei Rheintöchter Wellgunde, Woglinde und Floßhilde zu lauschen, die im schimmernden Rhein baden …“
Ruprecht verstummte plötzlich, schaute sich um, als hätte er für den Moment die Orientierung verloren. Er nahm wieder Platz. Tja, auch das war ein Stück der speziellen Magie meines Ladens. Manchmal vergaß man sich und alles um sich herum beim Parlieren.

Bevor die Stille im Raum zu groß wurde, ergriff ich also lieber das Wort: „Da frage ich mich: Sie sind Verleger, Redakteur, Schriftsteller, außerdem – soweit ich weiß – Journalist, Fotograf und Internetpionier. In Sachen Wort und Bild scheinen Sie mir die ‚eierlegende Wollmilchsau‘ zu sein. Was können Sie nicht? Oder machen Sie nicht?“
Rupi nahm sich ein Stück vom Brot, formte lässig es zwischen Daumen und Zeigefinger zu einem Kügelchen und warf es sich in den Mund. Hap! Weg war es. „Fotograf ist mein erster erlernter Beruf, danach habe ich den Journalismus von der Pike auf gelernt. Ansonsten trete ich mit meinem Programm ‚Prinz Rupi erzählt den Ring‘ auf, teile mein Wissen als Referenz auf Veranstaltungen wie Barcamps und dem Selfpublisher-Day und bin auch organisatorisch als 2. Vorsitzender des Selfpubisher-Verbandes tätig. Was ich nicht kann? Ich kann keine Romane schreiben, die fehlen in meinem Portfolio.“

Irgendwie konnte ich mir das nicht so recht vorstellen. Da saß ein Mann vor mir, dem die Kreativität fast zu den Ohren rauskam und behauptete, keine Romane schreiben zu können. „Und was darf man als Nächstes von Ihnen erwarten?“
„Als Nächstes gibt es von mir einen Band mit biographischen Miniaturen unter dem Titel ‚Der Mann, der wie Jesus wirkte‘. Darin schildere ich Begegnungen mit ungewöhnlichen Menschen, die mir persönlich oder literarisch begegneten.“
„Literarische Begegnungen?“ Ich prostete dem Bücherprinz zu. „Sowas sollte ich auch mal ins Auge fassen …“

zu Besuch im Antiquariat: Danise Juno

Buchland

Es war einer dieser Tage. In meinem Kopf zogen sich die Gedanken wie weichgekauter Kaugummi in die Länge. Sortieren. Ich wollte die Bücher hinter dem Kassenbereich neu sortieren. Na ja. Wollen? Das war wohl das falsche Wort. Aber es wurde nötig. Jedoch … Wenn man versucht Autoren und ihre Werke nach einem vernünftigen Schema zu ordnen, stößt man irgendwann an gewisse Grenzen.
In den alten Bibliotheken vergangener Zeiten hatte man es sich einfach gemacht. Man hatte Folio zu Folio gestellt, Quart zu Quart, Oktav zu Oktav. Oder anders gesagt: Man hatte nach Größen sortiert. Angesichts der vielen Millionen Bücher, ist man – oh Wunder – von dieser Methode inzwischen abgekommen. Nach Farben zu sortieren, macht für gewöhnlich ebenso wenig Sinn.
Tja, dann bliebe noch die Möglichkeit nach Genre zu ordnen. Science-Fiction, Horror, Fantasy und so weiter. Das war mein Plan. Doch just in diesem Moment kamen mir die Bücher von Stephen King in die Finger. Der Gute war so ziemlich in jedem literarischen Tümpel mal fischen. Würde ich meinem Plan folgen und nach Genre sortieren, wären seine Bücher in diesem Raum beinahe in allen Regal zu finden.
„Ärks“, entfuhr es mir. Eventuell sollte ich doch lieber nach Nachnamen alphabetisch ordnen. Ja. Alle Kings, die hier im Laden verstreut waren, nebeneinander! Gesagt getan. Meine Laune hatte sich nach vollendeter Arbeit tatsächlich etwas gebessert, meine Hirnwindungen entknotet.
Dann fiel mein Blick auf den kleinen Stapel Bücher, die ich als nächstes einsortieren wollte. Richard Bachmann. „Das ist jetzt wohl ein Scherz“, beschwerte ich mich. Und ich hätte wetten können, dass da irgendwo jemand leise kicherte.

„Warum, vermaledeit nochmal, legen sich Autoren Pseudonyme zu? Bachmann ist King. King ist Bachmann. Das ist doch albern.“ Ich hätte mir meine Frage natürlich selbst beantworten können. Es gab viele Gründe für das Versteckspiel hinter fremden Namen. Aber …
„Vielleicht kann ich was dazu sagen“, sagte eine weibliche Stimme zu mir. Ich drehte mich erstaunt um. An der anderen Seite des Tresens stand eine Frau. Ich schätzte sie vielleicht auf knapp vierzig Lenze, oder so. Sie trug schwarze Jeans, halbhohe schwarze Stiefel mit flachem Absatz und eine dunkelrote Bluse in deren Spitzenärmel ihre Fingerspitzen kaum noch zu sehen waren. Darüber stach eine auffällige doppelreihige Kette aus schwarzen Perlen ins Auge. Die Haare: herbstdunkelrot, frisch geschnittener, kinnlanger Bob, offen, Seitenscheitel. „Markant“, dachte ich, „und selbstbewusst. Diese Frau brauchte bestimmt kein Pseudonym.“ Markant war auch das Make-up: Smoke Eyes und dunkler Lippenstift passend zur Bluse. Das bildete zur blassen Haut einen gewollt starken Kontrast.
„Guten Tag“, sagte ich leicht perplex, „Frau … äh.“
Sie zwinkerte mir mit ihren leuchtend grünen Augen zu: „Juno. Danise Juno.“
„Und, äh, was möchten Sie mir zu Pseudonymen erzählen?“
Sie tätschelte die oberste Ausgabe von „Todesmarsch“, als hätte das Buch etwas Trost verdient. „Es ist ganz und gar nicht albern ein Pseudonym zu verwenden. Manchmal ist ein Autor dazu sogar gezwungen, oder würden Sie einen blutigen Thriller von einer Autorin mit dem Namen Marianne Rosenzweig lesen wollen? Oder eine Liebesschmonzette von Bernhard Zipfelacker? Wie wäre es mit einem Horrorroman von Ingeborg Trautwein?“
Hm, dachte ich, ob sich Samuel Clemens deshalb wie eine Tiefenangabe der Bootsfahrer genannt hat? Mark Twain. Ich verkniff mir diese Randbemerkung. Stattdessen lauschte ich, mit leichtem Amüsement, dem Redefluss meines Gastes.

„Unbewusst verbindet man den Klang eines Namens mit gewissen Erwartungen. Sie brauchen nur an Haustiernamen zu denken. Es gilt inzwischen schon als Scherz seinen Dobermann Püppi zu nennen, weil man damit eher einen niedlichen, stupsnasigen Handtaschenhund assoziiert, statt eines großen Muskelpaketes mit Stachelhalsband.
Was bleibt einem da als Autor schon anderes übrig. Und selbst wenn sie als Autor das Glück haben sollten, einen solch klangvollen Namen wie Georg Held oder Barbara Falk zu tragen; wenn die Leser sie nach einigen Romanen als DEN Thriller Autor kennen und plötzlich haben sie Lust etwas ganz anderes auszuprobieren und schreiben einen High Fantasy Epos, dann werden viele ihrer eingefleischten Fans enttäuscht sein, weil sie von ihnen etwas ganz anderes erwarten.“
So einen langen Monolog hätte ich der Frau gar nicht zugetraut. Sie wirkte beim Betreten des Raumes doch eher anders. Aber sie war mit mir noch nicht fertig. Ihr flammendes Plädoyer für Pseudonyme brauchte seinen Platz.
„Aber jetzt denken wir noch einen Schritt weiter. Was passiert denn, wenn sie völlig unerwartet den großen Wurf, den Wahnsinnsbestseller geschrieben haben, der sich millionenfach verkauft?
Richtig, der Autor hat es geschafft. Großartig. Und dann kommen die Reporter, wühlen in ihrer Abfalltonne herum, befragen ihre Freunde und Verwandten auf der Suche nach Skandalen und Skandälchen, ihre Kinder werden belauert, vielleicht Schlimmeres. Man zahlt den Preis der Berühmtheit.
Das sind die Gründe, warum auch ich mich für ein Pseudonym entschieden habe. Mein Name klingt altbacken, ich will mich im Genre noch nicht wirklich festlegen und ich möchte nicht berühmt sein.“
„Ach“, sagte ich. „Sie sind Autorin?“ Beiläufig schaute ich mich um. Und tatsächlich lag auf dem Verkaufstresen plötzlich ein graues Taschenbuch. „Herbstlilie – Limbergens vergessene Kinder*“ von Danise Juno. Ein geheimnisvolles, leicht gruseliges Motiv, lud darunter zum Lesen ein. Das konnte nur ein Mysterybuch sein. Vielleicht auch ein Thriller. „Danise Juno? Das ist ein Pseudonym? Wie kommt man an so einen Namen?“

Danise holte tief Luft, seufzte und redete dann ein wenig langsamer und entspannter. „Einen geeigneten Künstlernamen zu finden ist nicht einfach. Wer die Wahl hat, hat die Qual. Der Doktor des Raumschiffs Voyager hat Jahrzehnte gebraucht, um sich auf einen Namen festzulegen.“
„Siehe da!“, sagte ich, „Ein Trekkie.“ Aber sie ging nicht darauf ein.
„Ich hatte nicht ganz so viel Zeit und doch tat ich mich damit nicht leicht.“
„Wie kam es also zu Danise Juno?“
„Eigentlich hatte ich mich bei der Namenssuche vertippt und schrieb Denise falsch. Als ich feststellte, dass es keine Suchbegriffstreffer gab, glaubte ich den perfekten Vornamen gefunden. Im Anschluss suchte ich nach einem Monatsnamen – oder ähnlich einfachem und kam auf den rheinischen Ausdruck für Juni – schließlich bin ich Rheinländerin. So entstand Juno. Doch was es mit diesem Namen tatsächlich auf sich hat, begriff ich erst viel später. Ein Bekannter stieß mich mit der Nase darauf, doch tat ich seine Feststellung mit einem Lächeln ab. Das war zu abwegig. Erst als kurz darauf zwei weitere Freunde unabhängig voneinander denselben Gedanken hatten und mich fragten, ob es eine Konvergenz der Namen meiner beiden Kinder sei, betrachtete ich mein Pseudonym genauer. Ich bekam eine Gänsehaut, als mit klar wurde, welch seltsame Dinge das Unterbewusstsein doch mit einem anstellt. Ich hatte, ohne es zu merken, eine weibliche Form von Dario und Julie gewählt.“

Schmunzelnd dachte ich an mein Buchland und die unglaubliche Magie, die darin steckte. „Geschichten sind so“, stellte ich fest. „Manchmal suchen sie sich klammheimlich ihren Weg in die Realität.“ Ich griff nach „Herbstlilie“ und ließ die Seiten am Daumen vorbei gleiten. Beim Blättern erahnte ich die komplexe Geschichte, die auf den Seiten auf ihre Leser wartete. „Verschwindende Grenzen zwischen Realität und Geschichte scheinen auch für Sie ein Thema zu sein.“

Danise nickte ernst. „Mein Bestreben ist es, diese Grenzen zumindest in einigen meiner Geschichten zu sprengen. Viel zu selten werfen wir einen Blick zurück über unsere Schulter. Wo kamen wir her? Und inwieweit beeinflusst das unsere eigene Zukunft? Damit meine ich nicht die Aufzählung von Heerführern in den Geschichtsbüchern, die Taten großer Männer und Frauen und ihrer unterlegenen Kontrahenten. Den wenigsten von uns ist es vergönnt, eine solch einflussreiche Persönlichkeit zu werden. Ich meine damit unsere eigenen Vorfahren, die vielleicht Bergarbeiter, Bauern, Dienstboten oder einfache Handwerker waren. Was haben sie geleistet, welchen Beitrag haben sie an dem, was aus uns wurde, wie haben sie gelebt? Auch sie haben gefühlt, gelitten und gelacht, doch ist ihre Geschichte mehr und mehr im grauen Nebel der Zeit verloren gegangen. Vielleicht verklärt zu Sagen und Legenden – reduziert auf einfache Überlieferungen, kleine Familiengeschichten und Anekdoten. Wäre es nicht schön zu wissen, wie sich die Ereignisse tatsächlich ereignet haben und mehr zu erfahren, als bloße Namen und Daten der Personen um die es sich in der Geschichte dreht.
In meinem Roman ‚Herbstlilie – Limbergens vergessene Kinder‘ versuche ich auf eindrückliche Art zu schildern, wie eine Legende entsteht und stelle ihr die wirklichen Ereignisse gegenüber. Meine Protagonistin Julia versucht in der heutigen Zeit diesen Sagen auf den Grund zu gehen und findet immer mehr Indizien zu den Personen aus diesen Legenden heraus, bis sich ein lebendiges Bild von ihnen zeichnen lässt. In den Kapiteln, die in der Vergangenheit spielen, biete ich dem Leser einen Einblick in das Leben und Fühlen dieser Menschen. Es ist, als würde man durch ein Fenster sehen und man kann die Ereignisse so erfahren, als sei man selbst dabei gewesen. Vielleicht mag man es sogar als lebendig gewordene Ahnenforschung bezeichnen.“

Danise Juno. Ich ertappte mich dabei, dass ich darüber nachdachte, wie die Autorin wirklich heißen mochte. Wenn sie sich noch nicht auf ein Genre festgelegt hatte und dann eventuell unter anderem Namen veröffentlichen wollte, wäre es doch interessant zu wissen, unter welchem Namen das passieren würde. Oder wenigstens den Titel des nächsten Werkes wollte ich wissen. Das galt es in einer Frage zu formulieren: „Ich würde gerne den Titel Ihres nächsten Werkes wissen.“ Äh, welch abweichender Sprachgebrauch zu meinen Gedanken, nicht?
„Nächsten Frühsommer ist die Veröffentlichung eines Thrillers geplant, der den Titel ‚Death Cache*‘ trägt. Es handelt sich um einen Geocaching-Thriller. Auch dort wird es wieder Rückblenden geben, die jedoch dieses Mal nicht ganz so weit zurückreichen, wie bei Herbstlilie. Man darf gespannt sein auf Geheimnisse, die in der Vergangenheit meiner Protagonisten lauern.
Des Weiteren ist eine Familiensaga geplant. Ich bin mir noch nicht schlüssig, ob der Aufbau wie bei Herbstlilie, verschlungenen Pfaden folgen wird, oder ob ich es einmal mit einer chronologischen Reihenfolge versuchen werde. Es warten dort viele Geheimnisse, ein großer Schuss Mystik und ein paar Legenden.
Erst danach wird es ein Wiedersehen mit Frank und Julia Meinert geben, die erneut das Münsterland unsicher machen werden. Julia kommt einer Legende auf die Spur, die sich in der Vergangenheit tatsächlich genau so ereignet haben soll. Ich bin schon gespannt, was sie so alles zu Tage fördern wird. Hoffentlich kann sie am Ende ihre Familie und ihre Ehe retten.“

Das hörte sich alles sehr interessant an. Viele Projekte waren das. Viele Bücher würden das werden. Bücher, die ich später auch noch einsortieren musste. Den Platz sollte ich dafür auch noch vormerken. „Ähm“, machte ich, „würden Sie Ihre Werke nach Namen oder nach Genre hier einsortieren?“
Ausnahmsweise war Danises Antwort nicht so umfangreich. Ich bekam nur ein Schulterzucken von ihr zu sehen …