Archiv für den Monat: Januar 2016

zu Besuch im Antiquariat: Astrid Korten

Aus irgendeinem Grunde hatte ich beschlossen, mal einen Tag mit Krimis und Thrillern einzulegen. Ich saß nun seit Stunden in meinem Ohrensessel und verschmolz vermutlich langsam mit dem durchgesessenen Polster. Neben mir stand ein Bücherwagen, übervoll mit dem, was das Genre hergab. Und das war nicht wenig, obwohl ich mich nur mit den deutschen Neuerscheinungen befasste.
Statistisch betrachtet galoppierte die Literatur der Realität davon. Im Jahr gibt es in unserem Lande nicht mal dreihundert Tötungsdelikte. Dem steht eine doppelte und dreifache Menge an geschriebenem Mord und Totschlag gegenüber. Aber das ist bestimmt auch besser so.
Ich hatte gerade ein weiteres Buch leergelesen. „Eiskalte Umarmung“. Nachdenklich betrachtete ich das Cover. Kalt, das passte. Das Design war in blassen Grau- und Blautönen gehalten. Allerdings gab es zusätzliche viel Blutsprattler quer über das Motiv. Rote Flecken waren für Grafikdesigner offensichtlich ein Muss.
„Kann mir mal einer sagen, warum jeder Thriller obligatorisch mit Körperflüssigkeiten eingesaut werden muss?“

Als kurz darauf das Glöckchen über der Ladentür bimmelte, wäre ich gerne überrascht gewesen. Ich war es nicht. Sicherheitshalber las ich auf dem Buchdeckel noch schnell den Namen der Autorin, stand dann auf und humpelte nach vorne in den Verkaufsraum. „Astrid Korten?“, fragte ich. Ohne ihre Antwort abzuwarten, ergriff ich mit beiden Händen ihre Rechte und begrüßte sie herzlich. „Willkommen in meinem bescheidenen Antiquariat. Was führt Sie zu mir?“
„Hallo Herr Plana“, erwiderte sie freundlich. „Darf ich mich ein wenig umsehen?“
„Natürlich gerne“, sagte ich. Vermutlich hätte ich noch mehr geredet, aber ich unterbrach mich, als ich sah, dass mein Gast kurz die Augen schloss, innehielt und … schnupperte.
„Ich liebe den Geruch von Büchern und versuche immer schöne Ersterscheinungen oder generell schöne Bücher aus den 40er und 50er Jahre zu ergattern. Möglichst in Leder gebundene Romane. Wo gibt’s das denn sonst noch, außer im Antiquariat. In den Niederlanden habe ich einige Erstexemplare gefunden. Und heute versuche ich mein Glück mal bei Ihnen.“
Oh, dachte ich, eine Sammlerin. Das sollte mich aber nicht ablenken. In erster Linie war diese Dame eine Autorin. „Ich habe gerade ein Buch von Ihnen gelesen. Sehr schön. Sehr spannend. ‚Ich bin die Sehnsucht, ein Prinz und schön wie die Liebe.‘ Solche Sätze machen Gänsehaut.“ Während ich sprach führte ich sie in mein Arbeitszimmer und bot ihr den Sitzplatz an meinem Sekretär an. Dabei nahm ich mir die Zeit, sie eingehender zu betrachten: Schwarze Lederjacke, schwarze Hose und im Kontrast dazu ein buntgetupfter Schal. Bei weitem auffälliger war aber die überaus fröhliche Natur der Frau. Ihre blauen Augen strahlten mit den roten Haaren förmlich um die Wette.
Erschrocken stellte ich etwas zu spät fest, dass sie meinen Blick erwiderte. Ich beeilte mich also, den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen: „Allerdings habe ich mich gerade gefragt, warum Thriller immer gleich präsentiert werden? Sind Verlage da vielleicht etwas uninspiriert, wenn sie nur nach ‚Schema F‘ präsentieren?“

Frau Korten schüttelte den Kopf. „Stimmt nicht. Jeder Verlag hat so seine eigene Vorstellung. Nicht jedes Cover wird mit Blut besprenkelt. Mein letzter Roman über die digitale Überwachung ‚Eiskalte Verschwörung‘ hat keinen einzigen Spritzer.
Eiskalte Umarmung war mein erstes Manuskript. Der Thriller hat so seine eigene Geschichte. Ich habe das Manuskript 2004 geschrieben und es hatte schon einige ‚Gesichter‘. Ich finde es grandios, dass es heute ein modernes Cover hat und insbesondere dieses. Die Hand ist das Symbol des Täters. Ich habe mit 13 meinen ersten Thriller geschrieben mit dem grauenvollen Titel „De hand om de hoek“. Insofern fand ich es großartig, dass der dotbooks-Verlag sich für dieses Cover entschieden hat. Heut steht „diese Hand“ für meinen Erfolg. Eiskalte Umarmung war ein Platz 1 Besteller als Ebook und stand in der Jahresbestsellerliste von Thalia. Es gibt auch eine Fortsetzung. Ansonsten können meine „eiskalten“ Titel unabhängig voneinander gelesen werden.“
„De hand om de hoek?“ Ich zählte eins und eins zusammen. „Sie sind Niederländerin? Das hört man gar nicht.“
Sie lachte. „„Ik kann het ook anders, als het moet. Königin Beatrix ist wie bei Hape Kerkeling meine Paraderolle im Freundeskreis. Nur …“ Sie zwinkerte verschwörerisch. „… bin ich besser als Hape.“
Inzwischen hatte ich mich in meinem Ohrensessel fallen lassen. Ich schlug die Beine übereinander, faltete die Hände im Schoß und beugte mich leicht vor. „Sie schreiben Suspence Thriller und Psychothriller. Das heißt, Sie erzeugen Spannung durch die Erwartungshaltung des Lesers und durch das emotionale Erleben Ihrer Romanfiguren. Oder würden Sie die beiden Untergenres anders beschreiben?“
„Ich spiele mit der Angst des Lesers, besonders in ‚Eiskalte Umarmung‘. Auch geht es in meinen Büchern manchmal sehr heftig zu.“ Die Autorin hob ironisch die Brauen. „Deshalb die Blutspritzer auf dem Cover.“ Dann erklärte sie: „Gewalt ist die Sprache der Sprachlosen. So wort- und weltgewandt meine Figuren auch sein mögen, so leiden sie doch unter emotionalem Analphabetismus. Ich zitiere jetzt mal die Kritik: ‚Um ihre Antagonisten noch furchteinflößender erscheinen zu lassen, evoziert Korten eine Ästhetik der Brutalität, die jedoch niemals als inflationäre Effekthascherei, sondern als behutsam dosiertes Stilmittel eingesetzt wird. Korten schafft somit eine beängstigende Atmosphäre kalter Sterilität, beherrscht aber gleichzeitig die Kunst, nicht gänzlich emotionslos zu verbleiben.‘ Gewalt steht hier als Metapher für den Missbrauch und ist nicht nur die Versehrung des Körpers.“
„Psychopathen sind ja in realen Leben eher spärlich gesät“, behauptete ich. „Im Genre sind sie jedoch recht häufig zu finden. Wird das Thema für eine Autorin nicht irgendwann langweilig und ausgereizt?“
„Oh, nein. Tagtäglich geschehen in Deutschland Verbrechen, nur stehen sie nicht immer in der Zeitung. Es ist faszinierend das Böse zu beschreiben, zumal es ein Alltagsgesicht hat. Als Autorin pervertiere ich das Böse auf poetische Weise wie es die Gebrüder Grimm bereits taten, benutze aber auch bewusst die milchig-glasige Darstellung, wie auch Dürrenmatt die Wahrnehmungsspiele ständig durchexerzierte, von den Physikern an. Er manifestiert es in seinen Ansprüchen an den Kriminalroman. Und ich treibe es auf die Spitze. Bei mir steht die Gewalt nicht nur für die Versehrung des menschlichen Körpers, sondern für das Böse.“
Es gibt auch viel Liebe in der Welt. Und auch das Gute. Aber spannender sind natürlich Thriller. Ich sprach meinen Gedankengang nicht laut aus. Stattdessen sagte ich: „Für einen stimmigen Thriller braucht es eine gute Recherche.“
„Mein ‚Grundstoff‘ ist immer ein aktuelles Thema wie die Schönheitsindustrie, der Sektenkult, der Missbrauch während einer Psychotherapie, oder in meinem brisanten Top-Thriller ‚Eiskalte Verschwörung‘, die digitale Überwachung. In einem Roman klassische Ermittlerarbeit zu beschreiben, das ist nicht so mein Ding. Das können andere Kollegen besser. Ich greife besondere Themen auf und schreibe ungewöhnliche Thriller, in denen die Fiktion durchaus Realität sein kann. Bei meinen Recherchen lasse ich mich von Forensikern, Psychologen, Gentechnologen, Pathologen und Mediziner oder anderen Experten beraten. Aus diesen Gesprächen leite ich die Handlung der Figuren ab.“
„Wie kommt man an so viele Fachberater? Ich meine: Sie gehen wohl kaum in die nächste Polizeidienststelle und fragen nach dem Pathologen.“
Frau Kortens Erwiderung erstaunte mich doch etwas: „Ganz einfach: Ich rufe sie an, erkläre mein Anliegen.“ Sie schob aber noch eine plausible Ergänzung hinterher. „Ich habe durch meine Tätigkeit als Unternehmerin sehr viele Kontakte. Und mittlerweile ein Beraterteam, das ich ansprechen kann. Recherche ist das A und O eines guten Romans.“
Ich erlaubte mir eine kurze Pause, in der ich dem Wispern der Bücher lauschte. Sie hatten mir noch viel über meinen Überraschungsgast zu erzählen. Emsig, emsig ist Frau Korten. Dazu wollte ich mehr erfahren. „Sie sehen mir aber nicht so aus, als würden Sie sich mit einem Thema zufriedengeben. Ich schätze, dass Sie noch mehr Projekte pflegen?“
„Ich schreibe Biografien, KGs wie ‚Kreislauf der Angst‘ oder ‚Sibirien‘ (stand im Finale Int. Writemovie Contest), und Kinderbücher wie Karo – eine Himmelsbotin, und Drehbücher.“
„Drehbücher auch?“ Wann war ich das letzte Mal im Kino? Äh, war ich überhaupt schon mal im Kino? Ich hatte doch meine lieben Bücher. „Habe ich schon mal ein Filmplakat oder einen Fernsehfilmabspann übersehen, wo Astrid Korten erwähnt wird?“
Frau Korten hob den Zeigefinger und wackelte mit ihm verneinend hin und her. „Drehbücher schreibe ich unter einem Pseudonym, das ich nicht preisgeben möchte.“
„Aha.“ Da war ich also in einer rhetorischen Sackgasse gelandet. Ein Themenwechsel war angebracht. „Was ist denn für Sie der besondere Reiz am Beruf der Autorin? Das Publikum? Der Schaffensprozess oder der schnöde Mammon?“
„Schreiben bedeutet für mich: ein Sternenfunkeln aus Wörtern, mitten ins Herz eines anderen Menschen. Oder wie meine Protagonistin es formuliert hat: Schreiben ist das Herz, das meinen Geist in Liebe aufsteigen lässt, als schwimmende Buchstaben mit Himmel und Hölle unter meinen Füßen oder tanzende Winde in der Nähe von den Engeln.“

Die Poesie der Worte hing angenehm in der staubigen Luft des Antiquariats. Astrid Korten war schon lange gegangen. Eigentlich wollte ich noch ein paar Thriller lesen. Auf dem Tisch warteten noch Michael Robotham, Ilona Bulazel, Catherine Shepherd, Andreas Gruber. Ich entschied mich dagegen. Auf den Covern war mir zu viel Blut.

zu Besuch im Antiquariat: Petra Rudolf

Ich wachte etwas orientierungslos in meinem Sessel auf. Dabei zuckte ich wohl leicht, denn das Buch auf meinem Schoß rutschte von meinem Schoß und fiel lautstark zu Boden. Ich schmatzte zweimal. Mein Mund war ausgetrocknet, als hätte ich zwei Wochen nichts sagen dürfen. „Beim Lesen eingeschlafen, alter Mann“, diagnostizierte ich mir. Kein Wunder. Obwohl die Story an sich eigentlich gut war, war meine Lektüre nüchtern und schmucklos gewesen. Das schlichte Coverdesign mit dem wenig kreativ gezeichneten Raumschiff vor einem Kratermond hätte mich warnen müssen.
Naja. Vielleicht war ich dem Buch gegenüber unfair. Ich beschloss, dass ich es erst mal zur Seite legen würde. „Später“, sagte ich zu ihm. Dann griff ich nach meinem Stock und mühte mich nach vorne in den Verkaufsraum.

Beatrice war bereits in den Feierabend entschwunden. Etwas überhastet, wie mir schien, denn entgegen ihrer sonstigen Sorgfalt, hatte sie auf der Theke einige Bücher liegen lassen. Das war gar nicht ihre Art. Ich schaute genauer hin und musste feststellen, dass ich die Autoren zweier Werke kannte: Astrid Vollenbruch und Rebekka Mand. Außerdem waren da noch Bücher von Tädeus Fivaz, Liv Scales, Alexandra Bauer und Peter Semüller.
Instinktiv spürte ich, dass die Bücher nicht zufällig bei einander lagen. Was mochte der Grund sein? Also fragte ich, völlig folgerichtig: „Die Bücher liegen hier nicht zufällig bei einander. Was mag der Grund dafür sein?“

In diesem Augenblick bimmelte die Ladentür und eine Frau trat über die Schwelle. Zunächst stöberte sie in der Ecke mit den mittelalterlichen Tagebüchern, verlor aber doch bald wieder das Interesse. Sie suchte wohl was ganz Bestimmtes. Dann sah sie die Bücher vor mir und sagte: „Na, so ein Zufall, da hat jemand meine Belegexemplare geplündert.“
Irritiert schaute ich sie an. „Nein“, hörte ich mich sagen. „Es sei denn, Sie sind Frau Vollenbruchmandbauer.“ Einen ironischen Unterton konnte ich mir einfach nicht verkneifen.

„Nein“, widersprach sie, „Ich heiße Petra Rudolf.“
Das sagte mir jetzt erst mal nichts. Jedoch überkam mich die Neugier. Das könnte ein interessantes Gespräch werden. Irgendwie. Deshalb musterte ich die Dame etwas genauer.
Sie war vom modischen Standpunkt aus eine eher schlichte Type. Jeans und Shirt konnte man als halbwegs sportliches Outfit bezeichnen. Dazu passend trug sie ein Paar unauffällige Stiefel.
„Da Sie offensichtlich nicht die Autorin dieser Werke sind …“, begann ich, ohne zu wissen, wie ich den Satz beenden wollte.
Frau Rudolf erkannte meine Verlegenheit und half mir: „… muss ich die Illustratorin sein.“
Oh, das war ja wirklich eine ausgefallene Wendung. „Sie gestalten Buchcover?“
Sie lächelte. „Alles Mögliche. Cover, Concept Art für Spiele, Illustrationen für Pen&Paper-Rollenspiele und Innenillus für Bücher. Meistens für Kinderbücher, wir Erwachsenen brauchen solche visuellen Hilfestellungen ja nicht mehr.“ Ihre Stimme hatte bei letzterer Aussage einen merkwürdigen Unterton, der sagte: „Und ob gehören Illus auch in Bücher für Erwachsene!“ Schade, dass sie es nicht aussprach.
Ich fragte: „Wie kommt man denn zum passenden Motiv?“
Mit einem Nicken deutete Frau Rudolf in die vage Richtung der Bücher. „Manchmal sind es Ideen der Autoren, manchmal frage ich nach einer Textstelle aus dem Buch, die besonders viel darüber aussagt, und die als Titelmotiv gut passt. Ich mag es, wenn man einem Buch ansehen kann, was drin steckt, ohne, dass es gleich zum stereotypen Genreschinken wird.“
Stereotypen gab es in den Genres tatsächlich genug: der obligatorische Blutfleck auf dem Thriller, das Raumschiff vor dem Planeten oder der nackenbeißende Lover, der sein Liebchen ablutschte. Allerhand Beispiele fielen mir da auf Anhieb ein.
Mit Fotos arbeitete Frau Rudolf offensichtlich nicht. Ihre Motive schienen alle gemalt zu sein. Doch im Computerzeitalter wollte das nichts heißen. „Arbeiten Sie mit Pinsel und Stift oder voll digital?“
„Meistens digital mit dem Grafiktablett, manchmal auch mit dem Bleistift. Digital lassen sich die Bilder besser für den Druck optimieren, und es bieten sich ganz andere Möglichkeiten als mit traditionellen Methoden.“ Mein Gast zuckte kurz mit den Schultern und fügte dann sowas wie ein Geständnis an. „Ab und an kleckse ich auch mit Ölfarbe herum.“

Ölfarbe? Außergewöhnlich. Für diese Art zu malen musste man sich Zeit nehmen. Ich mag Leute, die sich Zeit nehmen. Deshalb schnappte ich mir mein Stock, ging kurz nach nebenan und kam dann mit zwei Tassen und einer Thermoskanne zurück. Ich goss uns beiden ein.
„Zeit hat man“, sagte ich verschmitzt, „oder man nimmt sie sich.“ Darauf erwartete ich keine Antwort. Also sprach ich, nachdem ich kurz an meiner Tasse genippt hatte, einfach weiter: „Für wie wichtig halten Sie denn die Grafik auf einem Buch? Was sagt ein Motiv über die Qualität des Inhalts aus?“
„Oft steckt hinter einem guten Cover auch ein gutes Buch, weil Künstler sich oft mehr Mühe geben, wenn sie nicht nur fürs Geld arbeiten, aber oft gibt es einfach zu wenig Informationen. Das ist mir zum Glück bisher erspart geblieben.“ Nun nippte sie an ihrem Kaffee. Ich versuchte zu erkennen, ob er ihr schmeckte. Ohne Erfolg. „Unter den Covern, die ich gestaltet und gemalt habe, ist nicht eines, das ich nicht mag, und etwas wie ein eindeutiges Lieblingscover habe ich auch nicht … weil ich an jedem gerne gearbeitet habe.
Man kann einem Cover ansehen, ob es nur fürs Marketing oder tatsächlich fürs Buch gemalt wurde. Eine Garantie für ein gutes Buch dahinter gibt es natürlich nicht. Und umgekehrt verstecken sich auch so einige hervorragende Bücher hinter Stockphotos.“

Während Frau Rudolf sprach, wanderte mein Blick wieder zu den Buchdeckeln. Aufwändige Ornamente, Comiczeichnungen, Landschaften und charismatische Charakterdarstellungen, mal bunt, mal blass, aber immer stimmig. „Einen festen Stil pflegen Sie nicht. Ihre Arbeit ist sehr wandelbar.“
Für mich war diese Aussage eine reine Feststellung. Frau Rudolf verstand es als Kompliment: „Danke. Daran liegt mir eine Menge.“
„Und wie und wo lernt man das? Und wie sieht dann ein Werdegang aus?“
„Angefangen habe ich mit Cartoons und Karikaturen. Beruflich ging’s dann ab in die Gamesbranche. Ein Studium dazu gab es damals noch nicht, also habe ich sowohl das Schreiben für Spiele wie auch Concept Art im Austausch mit anderen und in Eigenregie gelernt. Als ich mit selbständig gemacht habe, kam ein Comic dazu, ‚Wayfarers Moon‘.“

„Das hört sich nach einem kreativen Menschen an“, sagte ich. „Machen Sie nur Auftragsarbeiten? Oder haben Sie auch eigene Projekte?“ Insgeheim fragte ich mich, ob ich nicht vielleicht etwas von dieser jungen Dame irgendwo bei mir im Antiquariat finden konnte. Vielleicht eine Kurzgeschichte? Oder eine Grafic Novel?
„Eigene Comics hatte ich zwar angefangen, aber einer ist genug Arbeit. Zusammen mit dem Autor von ‚Wayfarers Moon‘ arbeite ich auch an einem Indie-Game.“ Frau Rudolf deute auf ihre Tasse. „Und wenn ich genug Zeit und Kaffee habe, schreibe ich.“

„Sie sind auch Autorin?“ Eigentlich hätte ich in diesem Moment überrascht die Augenbrauen hochziehen müssen. Ich tat es nicht, ganz einfach, weil es keine wirkliche Überraschung war. „In welchem Regal finde ich denn Ihren Roman?“
„Bei den ungeschriebenen Büchern. Im Regal steht bisher nur eine Kurzgeschichte in einer Anthologie: ‚Die Reise der Hexensteine‘. Und wenn’s auch etwas anderes als Prosa sein darf, ein paar Artikel über Gameskultur für das Bookazine ‚WASD‘.“
Unter der Kasse war eine Schublade mit dem üblichen Sammelsurium an Kugelschreibern, alten Bonbons und Quittungsblöcken. Ich kramte beiläufig darin herum und fand schließlich ein sauberes Blatt Papier sowie einen guten Bleistift. Beides schob ich der Illustratorin über die Tischfläche entgegen. „Ich bin neugierig“, sagte ich herausfordernd. „Mal angenommen ich hätte einen Krimi geschrieben. Eine alte Frau lebt mit ihren beiden Dobermännern und Personal – sagen wir mal Butler und Zimmermädchen – in einer großen Villa. Im Haus und im Garten passieren ein paar klassische Morde a la Miss Marple … Genre: Krimikomödie. Nur eine Skizze, bitte. Wie würde das bei einer Petra Rudolf aussehen?“
Und Petra Rudolf griff, während wir noch ein wenig plauderten, tatsächlich zu Stift und Papier. Was soll ich sagen? Das Bild wurde – wie von mir erwartet – einfach großartig!

zu Besuch im Antiquariat: Andreas Brandhorst

Planas BuchantiquariatNormalerweise findet ihr an dieser Stelle kleine Prosatexte, in denen Herr Plana mit seinen Gästen plaudert. Heute ist Andreas Brandhorst zu Gast. Er kann der Form des „Storytelling-Interviews“ leider nicht viel abgewinnen, weil ihm das zu sehr von der Person ablenkt. Deshalb verzichte ich im Sinne meines Gastes darauf und beschränke mich auf die schlichten Fragen.

 

Frage:
Sie haben lange Zeit Terry Pratchett (und auch andere Autoren) übersetzt. Hat Sir  Pratchett Sie in Ihrer eigenen Art zu schreiben beeinflusst? Sind ihre eigenen Werke zum Beispiel philosophischer oder gar humoristischer geworden?

Antwort:
Terry Pratchett zählt zu den besten Schriftstellern der Welt, und nach den vielen von mir übersetzten Scheibenweltromanen wäre es gelogen zu sagen, dass er mich nicht beeinflusst hat. Jedes gute Buch hinterlässt Spuren – auf meiner Webseite habe ich darüber geschrieben, zum Beispiel hier: http://andreasbrandhorst.de/buecher-die-mich-beeindruckt-haben/ -, und die Bücher von Terry waren bzw. sind wirklich ausgezeichnet. So habe ich immer wieder über seine Fähigkeit gestaunt, zwei Personen auf einer Buchseite zu charakterisieren und lebendig werden zu lassen, manchmal nur durch ihren Dialog! Ich bedauere seinen Tod sehr. Über viele Jahre hinweg haben wir in Kontakt gestanden und uns ausgetauscht. Dass jemand wie er, einer der hellsten Köpfe überhaupt, ausgerechnet an Alzheimer sterben musste, hat mich sehr bestürzt. Welch eine bittere Ironie des Schicksals! Um auf die Frage zurückzukommen: Nein, philosophischer oder gar humoristischer sind meine Werke dadurch nicht geworden, aber vielleicht tiefgründiger.

Frage:
Die Leserbewertungen bei Terry Pratchetts Büchern sprechen eine deutliche Sprache: Seine letzten Werke sind im Durchschnitt schlechter bewertet worden. Liegt’s an den neuen Übersetzern oder an der Erkrankung Pratchetts?

Antwort:
Dazu kann ich nicht viel sagen. Ich kenne die Originale nicht, aber ich weiß, dass Terry Pratchetts Werke viele Klippen enthalten, die schwer zu umschiffen sind, und ich weiß auch, wie viel manchmal im Verlag noch am Text geändert wird. Terrys Erkrankung hat sicher eine Rolle gespielt, kein Zweifel.

Frage:
Ihre Kantaki-Romane waren Ihr Durchbruch in der Science Fiction. Zuvor sind sie als Autor von Heftromanen in Erscheinung getreten. Ihr Spektrum im Genre ist weit gesteckt. Der Hype geht aber im Augenblick mehr Richtung Star Wars. Können Sie dieser Art Storys etwas abgewinnen?

Antwort:
Als Autor von Heftromanen bin ich vor 40 Jahren in Erscheinung getreten – den letzten Heftroman habe ich, wenn ich mich richtig erinnere, vor etwa 35 Jahren geschrieben. Seitdem ist viel geschehen. Ich habe viel übersetzt und den Schwerpunkt meiner Arbeit zu Beginn des neuen Jahrtausends wieder auf das eigene Schreiben gelegt. Aber natürlich mit ganz anderen Voraussetzungen und einer ganz anderen Herangehensweise. Dass Star Wars derzeit enormen Erfolg hat, war vorauszusehen, aber er wäre falsch zu glauben, das würde eine Entwicklung auf dem Buchmarkt widerspiegeln. Dem ist nicht so. Die literarische SF bewegt und entwickelt sich unabhängig von SF-Filmen. Meine Romane sind anders aufgebaut als ein Star-Wars-Film, und es geht dabei auch um andere Themen – zum Glück sind sie erfolgreich genug, dass ich davon leben kann. Natürlich mag ich Star Wars, was da auf der großen Leinwand gezeigt wird, ist schon sehr beeindruckend. Aber es gibt einen SF-Film, der mich noch mehr beeindruckt hat: Interstellar. Die Figurenzeichnung von Vater und Tochter fand ich bemerkenswert gut gelungen; der Film hat mich tief bewegt.

Frage:
SciFi erhebt ja oft den Anspruch Spiegel unserer Zeit zu sein. In wie weit trifft das auf Ihre Romane zu? Oder haben Sie eine andere Intention beim Schreiben?

Antwort:
William Faulkner hat in seiner Nobelpreisrede gesagt, das Einzige, worüber es zu schreiben lohne, sei das menschliche Herz im Konflikt mit sich selbst. George R. R. Martin hat in einem Interview diese Worte von Faulkner zitiert und gemeint, dass es in erster Linie um die Figuren gehe – alles andere sei Kulisse. Recht hat er. Mir geht es immer um die Romanfiguren, und oft konfrontiere ich sie mit Dingen, die mich beschäftigen, wie zum Beispiel Unsterblichkeit und Maschinenintelligenz wie in „Das Schiff“, im Oktober 2015 bei Piper erschienen. Anders ausgedrückt: Ich schreibe immer über Menschen, auch wenn es um Aliens geht.

Frage:
Thomas Lockwood, Robert Lamont, Andreas Werning, Andreas Weiler und Horst Brand. Das sind allerhand Namen für ein und die selbe Person. Hat es einen Grund, dass sie sich so viele Pseudonyme zulegten?

Antwort:
Diese Pseudonyme hat ein anderer Andreas Brandhorst benutzt, vor 35 Jahren, als er Heftromane schrieb. Aber da ich seit damals keine Heftromane mehr schreibe, benutze ich auch keine Pseudonyme mehr. Der Andreas Brandhorst von heute, der dieses Jahr 60 wird, kommt seit vielen Jahren ohne sie aus.

 

Andreas Brandhorst im Web: http://andreasbrandhorst.de/
und auf Facebook: https://www.facebook.com/andreas.brandhorst.autor

 

Vielen Dank für das Interview.

Zu Besuch im Antiquariat: Richard Dübell

Bibliothek zu BabelNatürlich war es mir schon früh aufgefallen: Beatrice wollte pünktlich Feierabend machen. Sie räumte zeitig auf, wischte zwischen den Füßen der letzten stöbernden Kunden den Boden und zählte bereits eine Stunde vor Ladenschluss das Geld in der Kasse. Ich wäre nicht ich gewesen, wenn ich mir daraus nicht einen Spaß gemacht hätte, sie deshalb mit immer neuen Aufgaben zu behelligen. So schnell hatte sie noch nie Staub gewischt, die Auslage umsortiert und die Deckenlampe poliert. Naja, Letztere hatte sie eigentlich noch nie säubern müssen. Das hatte den Effekt, dass Beatrice begriff, dass ich Schabernack mit ihr trieb. Außerdem war es nun ungemütlich hell im Verkaufsraum. Beatrice klappte die Leiter zusammen, steckte den Lappen in den Putzeimer und schaute mich mit blitzenden Augen an. „Fällt Ihnen noch eine Schikane ein? Oder kann ich jetzt endlich gehen?“
Vorsicht Fräulein! Ich bin der Chef, dachte ich. Obendrein benahm ich mich gerade wie ein ausgemachtes Arschloch, bescheinigte ich mir. „Schikane?“ Ich tat harmlos. Doch dann zwinkerte ich ihr verschmitzt zu. „Wo soll’s denn heute hingehen?“
„Krimidinner. 19.00 Uhr! Ingo lädt mich ein.“
Ah, diese fast noch neumodischen Veranstaltungen mit mörderischen Literaturbezug. Nichts für mich. Ein guter Killer gehörte für mich zwischen die Seiten eines Buches gepresst. Trotzdem griff ich in die Kasse und zog ein paar Scheine heraus. „Hier“, hörte ich mich sagen. „Das Dessert geht auf mich. Grüßen Sie Ihren Mann von mir.“

Als Beatrice gegangen war, griff ich ins Fach unter dem Tresen. Irgendein Buch, das mir am Abend die Einsamkeit vertreiben sollte. Als ich die Buchstaben auf dem Deckel las, zog ich überrascht eine Augenbraue hoch. „Waverley oder ’s ist sechzig Jahre her“ Ein historischer Roman von Sir Walter Scott. Die Originalausgabe, die ich gerade in der Hand hielt, war so alt, dass sie selbst zum Gegenstand eines historischen Romans werden könnte. „Historische Romane“, sagte ich zu den Büchern um mich herum, „wären auch mal ein Thema zum Plaudern.“
Im selben Moment betrat ein Mann mein Antiquariat. Die sportliche Gestalt in Sportsakko, Hemd und Jeans gekleidet, hätte mit diesem ergrauten Ivanhoe-Bart vermutlich ebenso gut in ein mittelalterliches Gewand gepasst. Doch die Bikerstiefel starteten eine andere Assoziationskette in mir.
„Grüß Gott“, sagte er.
Natürlich bemühte ich mich um eine gleichwertige Antwort: „Gott zum Gruße.“ Ich musterte ihn nochmals und entschied mich dann, sein überaus freundliches Lächeln zu erwidern. „Ich tippe mal darauf, dass Sie Schriftsteller sind.“ Auf die spezielle Magie meines Buchlands konnte ich mich doch immer verlassen. „Um genau zu sein, dürften Historienromane Ihre Passion sein.“ Ich deutete auf meine Waverley-Ausgabe. „Wo in meinem Bücherregal finde ich Ihre Werke? In der Nähe von Ken Follet, neben Rebecca Gablé, Noah Gordon oder doch eher bei Alfred de Vigny?“
Mein Gast bemühte sich um ein sauberes Hochdeutsch. Doch er konnte nicht mal im Ansatz seinen niederbayrischen Dialekt abstellen. „Meine Bücher finden Sie vermutlich zwischen Raymond Chandler und Andreas Eschbach, was aber hauptsächlich daran liegt, dass mein Nachname mit D beginnt. Abgesehen davon würde ich mich auch rein schriftstellerisch geehrt fühlen, dort zu stehen, denn Chandler ist eines meiner großen Vorbilder, und Eschbach finde ich als Kollegen sehr sympathisch – ein hervorragender Erzähler am Abendessentisch mit trockenem Humor und dem gleichen Rotweingeschmack…
Ich würde mich aber auch neben Ken Follett wohlfühlen wegen des hohen Tempos in seinen Romanen, neben George MacDonald Fraser wegen seiner Fähigkeit, Historie und Story untrennbar miteinander zu verknüpfen, neben Stephen King wegen seiner lebensnahen Charakter und neben Terry Pratchett wegen seines überschäumenden Humors und der tiefen Menschlichkeit, die in seinen Geschichten aufscheint. An einen der zynisch-sozialkritischen Schmöker von Tom Wolfe würden sich meine Bücher auch gern mal ankuscheln.“
Das waren allerhand Hinweise. Ich sortierte sie geistig. Ein Autor aus Bayern mit einem D am Anfang … Eschenbach … Chandler … Dann kombinierte ich und wagte einen Schuss ins Blaue: „Sie sind Richard Dübell?“ Ein Nicken als Antwort. Also streckte ich ihm die Hand und neigte anerkennend mein Haupt. „‚Der Tuchhändler‘, ‚Die Teufelsbibel‘, ‚Der Jahrhundertsturm‘ und noch einige andere Bücher sind mir in angenehmer Erinnerung. Ich hätte gedacht, dass Sie älter si-“ ich unterbrach mich selbst und korrigierte dann die Richtung, in die das Gespräch gehen sollte. „Was steht für Sie denn an erster Stelle? Der Unterhaltungswert? Oder sind Sie ein großer Erklärer vergangener Zeiten? Sehen Sie einen Lehrauftrag im historischen Roman?“
Dübell verschränkte die Arme hinter dem Rücken und begann damit ein Wenig auf und ab zu gehen. „Für mich gibt es da keine Priorität. In einem historischen Roman müssen vier Dinge unbedingt eine Einheit bilden: die Epoche, der Ort der Handlung, die Story und die Charaktere. Ich halte es für falsch, eine x-beliebige Geschichte nur deshalb zum Beispiel ins Mittelalter zu versetzen, weil das Mittelalter gerade in ist. Oder mit Charakteren zu arbeiten, deren persönliche Entwicklung gegen jede historische Wahrscheinlichkeit geht, oder tatsächlich historische Persönlichkeiten ihres Wiedererkennungswertes agieren zu lassen, sich dann aber nicht die Mühe zu machen, sie so ‚echt‘ wie möglich zu gestalten. Oder – wenn man sich als historischer Autor einen schönen Handlungsort wie zum Beispiel Venedig aussucht, dann eine Geschichte zu erzählen, die auch überall anders hätte spielen können. Ich gebe mir immer die größte Mühe, alles so miteinander zu verweben, dass eine organisch wirkende Einheit daraus entsteht. Nur dann habe ich das Gefühl, meine Leserinnen und Leser nicht betrogen zu haben.
Daher sehe ich auch den Unterhaltungswert und den zweifellos vorhandenen Lehrauftrag des historischen Romans auf gleicher Höhe. Ich weiß, dass der Markt speziell den pädagogischen Wert nicht immer so ernst nimmt, sonst würden nicht zuweilen historische Romane Bestseller werden, bei denen die Integrität von Dramaturgie und Historie nicht so ganz stimmig ist. Aber was mich betrifft, werde ich meinen diesbezüglichen Standard nicht senken. Natürlich kann es vorkommen, dass der Ablauf geschichtlicher Ereignisse nicht ganz zur Dramaturgie passt. Meistens ist das der Fall, wenn die historischen Geschehnisse zu komplex sind oder zu langsam ablaufen. In solchen Fällen gestatte ich mir, die Dramaturgie über die historische Detailgenauigkeit zu stellen; und erkläre die Abweichungen dann im Nachwort. Bei der Konzeption meiner Geschichten versuche ich solche Konflikte aber schon von Haus zu vermeiden.“
„Der Weg zum Sachtext ist aber dennoch nicht weit, oder?“
Dübell blieb stehen und drehte sich zu mir um. „Sagen wir mal so – aus dem, was man bei den Recherchen herausgefunden hat, lassen sich jederzeit schöne, faktenreiche Sachtexte ableiten. Ich recherchiere ja nicht nur im Internet oder in Büchereien, sondern spreche vor Ort mit Historikern und Archivaren, besuche alle wichtigen Handlungsorte meiner Romane und mache auch ganz praktische hands-on-Recherche – historische Kochrezepte, die ich nachkoche, oder die Anfertigung historischer Gewänder, das Schwertkampftraining usw… Da kommt dann schon eine große Menge Fachwissen zusammen. Ab und zu habe ich die Möglichkeit genutzt, dieses Fachwissen in historischen Artikeln bei PM History auszubreiten, was immer jede Menge Spaß gemacht hat, besonders weil ich den ironischen Unterton, den ich in meinen Romanen anwende, auch in den Artikel beibehalten durfte.“
Geschichtliche Sachtexte für ein hochwertiges populärwissenschaftliches Magazin – ja, ich konnte mir gut vorstellen, dass das diesem Herrn lag.

Ich legte meinen Kopf schief und lauschte dem speziellen Wispern der Bücher, das nur ich hören konnte. Meine Freunde flüsterten mir etwas ungeduldig zu. Ich verstand den Namen nicht auf Anhieb. Doch dann entfuhr es mir beinahe entsetzt: „Perry Rhodan!“
Herr Dübell verstand meinen Ausruf als Frage und antwortete geflissentlich: „Ohne Perry Rhodan würde ich nicht hier stehen – oder den schönsten Beruf der Welt ausüben dürfen. Perry Rhodan hat mich zum Schreiben gebracht. Ich habe als Teenager und großer Perry-Rhodan-Fan zweimal bei Kurzgeschichtenwettbewerben des Pabel-Verlags mitgemacht und beide Male den ersten Preis gewonnen. Das hat mich motiviert, mich weiter mit dem Geschichtenerzählen zu befassen, und auch in Kontakt mit vielen anderen Fans gebracht, die gleichermaßen vom Schreiben begeistert waren.
Andreas Eschbach stammt aus dem Perry-Rhodan-Milieu; mit dem heutigen Chefredakteur von Perry Rhodan, Klaus N. Frick, habe ich damals auf Fan-Treffen ganze Nächte durchdiskutiert. Ich hege keine Scheu vor Groschenheften. Mir kommt es darauf an, dass eine Geschichte integer und gut erzählt ist. Solche Perlen lassen sich auch in Groschenheften finden; genauso wie sich nachlässig und schlampig hingeworfene Stories zwischen teuren Buchdeckeln finden. Ich habe es als große Ehre empfunden, 2012 als Gastautor zu einem Perry-Rhodan-Roman eingeladen worden zu sein. Der Band Nr. 2659 ist daraus entstanden. Er nimmt einen sehr stolzen Platz in meinem Buchregal ein. Derzeit bin ich in Gesprächen mit der Redaktion, einen weiteren Gastroman zu übernehmen.
Man könnte jetzt natürlich einwenden, dass zwischen Science Fiction und History schon ein extrem weiter Spagat nötig ist. Aber die Unterschiede sind gar noch so gewaltig. Beide Romangattungen spielen in Epochen und an Orten, die uns heutigen Lesern möglicherweise total fremd sind, die auf irgendeine Weise erklärt werden und in denen besonders lebensnahe Charaktere auftreten müssen, damit man als Leser über die Fremdartigkeit des Settings hinwegkommt.“

„Sie scheinen mir ein literarischer Tausendsassa zu sei“, sagte ich anerkennend. „Mittelalter in Kombination mit Futurismus. Und in der Gegenwart sind Sie bestimmt auch sehr aktiv. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie … wie soll ich sagen? … eine ziemliche Rampensau sein können.“
Die Auswahl meiner Worte schien meinen Gast nicht zu stören. Er redete gerne. „Es macht mir Spaß, mit Menschen in Kontakt treten zu können – und Geschichten zu erzählen. Ich liebe es, soviele Sinne wie möglich anzusprechen, nicht zuletzt, weil auch bei mir, wenn ich Geschichten oder Veranstaltungskonzepte erfinde, alle Sinne am Arbeiten sind. Dieses schöne Erlebnis möchte ich meinen Lesern/Gästen auch bieten. Meine Lesungen sind daher multimediale Auftritte, in denen ich meine Texte auf der Bühne mehr spiele als lese und den Vortrag mit Video-, Musik- und Geräuscheffekten unterstütze. In meiner Heimatstadt Landshut biete ich seit über zehn Jahren eine sehr erfolgreiche Erlebnisstadtführung mit kostümierten Schauspielern und der Einbeziehung der Teilnehmer an. Ein mittelalterliches Krimibankett, an das ich mich vor ein paar Jahren gewagt habe und das für 4 Aufführungen konzipiert war, wird kommenden März seine 25. Vorstellung erleben, und wir sind immer noch innerhalb weniger Tage ausverkauft, wenn wir die neuen Termine bekanntgeben. Schön ist es natürlich auch, wenn das Fernsehen sich für einen interessiert; nicht nur, um einen Bericht über einen zu bringen, sondern um eine Zusammenarbeit zu finden. Eine Reihe über außergewöhnliche historische Ereignisse, die ich im Auftrag von Pro7 konzipiert habe, wurde leider in letzter Minute doch nicht produziert; aber dafür habe ich einen Beitrag über Mittelaltermedizin für Welt der Wunder geschrieben und arbeite an einem weiteren über Wikinger. Und auch wenn Steven Spielberg noch immer nach meiner Telefonnummer sucht, tut sich was beim Thema Verfilmung. Das Bayerische Fernsehen verhandelt zur Zeit mit einer deutsch-österreichischen Produktionsfirma über die Verfilmung des ‚Tuchhändlers‘. Auf internationaler europäischer Ebene führe ich Gespräche über die mögliche Verfilmung weiterer historischer Romane.
Ich tue derzeit außerdem etwas, was mich mit großer Freude erfüllt – ich gebe in mehreren Klassen am hiesigen Gymnasium Aushilfsunterricht in Kunst. Ich habe bereits in der Vergangenheit ‚Schreiben‘ als Wahlfach angeboten, aber jetzt bin ich als Seiteneinsteiger in den richtigen Lehrbetrieb integriert, um eine in Mutterschutz gegangene Lehrerin zu vertreten. Jeder hat ja so seine Erinnerung an die Schule, als man selbst noch Schüler war. Jetzt die Chance zu bekommen, all das richtig zu machen, was man damals als falsch gemacht empfunden hat, ist ein großes Geschenk.“

„Irgendwie machen Sie alles“, stellte ich erstaunt fest.
„Nein“, sagte mein Gast. Dabei lächelte er vielsagend. „Wirklich nicht. Um Gotteswillen. Aber wenn ich was finde, was ich kann …“ Er schaute nun demonstrativ auf seine Armbanduhr. „Und deshalb muss ich jetzt sausen.“ Dübell hatte schon die Tür erreicht, als er sich nochmals zu mir umdrehte. „Vielen Dank fürs Zuhören!“
Ein eiliger Besuch. Aber sehr informativ. Ich schaute auch meine Uhr. Ja. Gleich 1900 Uhr. Um 19.00 Uhr würde für Beatrice das Krimidinner anfangen … Ich war mir gerade ziemlich sicher, wer dort der Hauptakteur sein mochte.