Archiv für den Monat: Februar 2016

zu Besuch im Antiquariat: Andrea Bottlinger

Im AntiquariatNatürlich weiß ich, dass ich kein einfacher Mensch bin. Schon gar nicht, wenn ich erkältet bin. Und ich war nicht nur erkältet. Ich hatte eine schwere Grippe. Vielleicht stand ich auch schon kurz vor dem Ableben. Beatrice hätte das doch sehen müssen. Ich brauchte heißen Tee, meinen Ohrensessel und eine Decke. Gegen treue Fürsorge hätte ich auch nichts gehabt. Irgendwas, das mir gezeigt hätte, dass …
„Seien Sie nicht so wehleidig!“ Ich kommentierte Beas Aussage mit einem missmutigen Schniefen. Dann schnäuzte ich demonstrativ geräuschvoll meine verstopfte Nase. Mit dem anschließenden Versuch durch Selbige einzuatmen, erntete ich trotzdem nur mäßigen Erfolg.
Beatrice ließ sich davon nicht beeindrucken. „Lesen Sie was, dann geht es Ihnen bestimmt was besser. Es lenkt Sie von Ihrem Selbstmitleid ab.“
„Ich kann doch jetzt nicht’s les’n“, klagte ich, „wenn mir so die Aug’n trän’n. Ich kann mich auch gar nicht‘ konzentrieren.“
„Ein Groschenheft oder was Fan-Fiction strengt Ihre Hochliteratur gewöhnten Synapsen bestimmt nicht zu sehr an.“ Sie schnappte sich im Vorbeigehen ihren Mantel und schickte sich an zu gehen. Sie wollte tatsächlich erbarmungslos Feierabend machen und mich in meinem Antiquariat alleine lassen.
„Fan-Fiction? Ich habe doch keine Ahnung von sowas“, rief ich meiner Angestellten hinterher. Als ich ihr aus dem Arbeitszimmer in den Laden nachhinkte, sah ich gerade noch, wie sich die Tür hinter ihr schloss. „Fan-Fiction“ ich seufzte. „Nichts für mich.“

In diesem Moment öffnete sich die Tür. Eine verspätete Kundin, wie mir schien. Beatrice hatte offensichtlich beim Gehen nicht zugesperrt.
„Wir haben geschlossen“, knurrte ich, bevor ich richtig hingesehen hatte. „Wegen Krankheit“, schob ich vorwurfsvoll nach. „ich soll mich mit Fan-Fiction kurieren. Das kann dauern. Kommen Sie doch morgen wieder …“ Alter Mann, du hast keine Manieren. Mit Mühe zwang ich mich zu etwas mehr Freundlichkeit. Ich schaffte sogar ein gequältes Lächeln und musterte die junge Dame, die da vor mir stand. Sie blinzelte durch eine verkratzte Brille, das braue Haar hing ihr wirr ins Gesicht. Dazu kamen eine schwarze Hose und ein schwarzer Pulli, auf dem irgendwas über Zombies stand.
Ich räusperte mich. Wie mochte ich in ihren Augen aussehen? Wie ein grantiger Kauz? Irgendwie musste ich aus der Nummer rauskommen. „… es sei denn, Sie verstehen was von Fan-Fiction.“
„Zufälligerweise tue ich das tatsächlich. Ich habe mich in meiner Magisterarbeit unter anderem damit beschäftigt und in mehreren Büchern, die ich zusammen mit meinem Kollegen Christian Humberg* geschrieben habe. Also nicht nur damit. Aber Fan-Fiction ist ein wichtiger Teil des Fanseins. Wenn einen ein Werk wirklich begeistert, dann möchte man oft eigene Geschichten in der entsprechenden Welt oder mit seinen Lieblingscharakteren erfinden.“
Das änderte natürlich alles. Das Buchland hatte mir mal wieder den passenden Gast geschickt. Schlagartig vergaß ich meine Beschwerden, schaltete mein Hirn auf „erwartungsvoll“. Ohne große Mühe schüttelte ich mein Missbefinden ab und fragte drauf los: „Sie scheinen eine Fachfrau für sowas zu sein. Sind Sie Autorin, Lektorin oder Herausgeberin? Darf ich Ihren Namen wissen?“
„Ich heiße Andrea Bottlinger und bin sowohl Autorin als auch Lektorin und hin und wieder auch Übersetzerin, vor allem im Bereich Fantasy, Horror und Science-Fiction.“
Das war wohl reinste Buchland-Magie! Fan-Fiction wurde gerade ein zunehmend interessantes Thema für mich. Nein, korrigierte ich mich. Mein Gast wurde zunehmen interessant. „Sie schreiben aber bestimmt nicht nur Literatur dieser Gattung, oder?“
„Also, Fan-Fiction schreibe ich gar nicht. Ich schreibe zum einen lustige Sachbücher über Fans und das Fandom. Da kommt Fan-Fiction gerne mal vor. Mit ‚Geek Pray Love*‘ haben mein Co-Autor Christian Humberg und ich sogar den Deutschen Phantastik Preis gewonnen. Ansonsten bin ich die Exposéautorin der Horror-Reihe ‚Dorian Hunter*‘, schreibe auch hin und wieder Hörspiele und habe den Urban Fantasy Roman ‚Aeternum‘ so wie die Cyberpunk-Reihe ‚Beyond‘ verfasst.“
Ich humpelte zum nächstbesten Verkaufsregal und natürlich fand ich direkt was ich suchte: Die Bücher von Andrea Bottlinger. Eine sechsbändige Reihe mit dem Titel Beyond, ein Taschenbuch namens „Aeternum“ und … einige Hefte. „Blah!“ Nein, das war keine Aussage meinerseits, sondern das, was dort als Überschrift stand.
„Blah?“, fragte ich.
„Dass das noch jemand kennt. Haben Sie die selbst ausgedruckt? Die gab es nämlich eigentlich nur als PDF. Das war ein Kurzgeschichten-Magazin, das ich als Studentin herausgegeben habe. Das hat sehr viel Spaß gemacht, nur leider hat mir irgendwann die Zeit gefehlt.“

„Jetzt haben ich Sie schon so ausgequetscht, Andrea. Ich habe ganz vergessen zu fragen, was Sie in meinen Laden geführt hat. Was kann ich für Sie tun?“
„Haben Sie ‚Lye Street‘ von Alan Campbell? Die Printversion war eine limitierte Ausgabe und irgendwann nur noch gebraucht für über 50 Euro zu haben. Inzwischen kriegt man es natürlich als eBook, aber Bücher, die mir wichtig sind, habe ich gerne im Toten-Baum-Format. Da weiß ich, dass ich sie auch in 30 Jahren noch lesen kann.“
Ah! Eine Frau, die die Vorzüge des Gedruckten zu erkennen weiß. „Ein dünneres Büchlein, wenn ich mich recht entsinne. Was für eingefleischte Leser der Dark Fantasy, oder? Ich finde, dass die Vorlieben in der Literatur viel über einen Menschen aussagen. Ich werde morgen mal in meinen Keller gehen und nachsehen, was ich für Sie tun kann. Schauen Sie dann doch einfach nochmal vorbei.“ Mit einem kurzen Lächeln flocht ich eine Pause ein. Jetzt wollte der Mann im Antiquariat mal beraten werden: „Meine Bea -äh- meine Mitarbeiterin hat mir empfohlen, dass ich etwas Fan-Fiction lesen soll. Was würden Sie mir empfehlen?“
Fanfiction-Empfehlungen? Das ist schwer. Aber es gibt eine Harry Potter Fanfiction, von einer Autorin und Künstlerin, die ich auch für ihre eigenen Werke sehr schätze. Der Text hat keinen Titel und ist von Ursula Vernon.“ Frau Bottlinger hob ein wenig das Kinn, betrachtete mich abschätzend. „Ich weiß wenig über Ihren Lesegeschmack, und normalerweise versuchen ich Bücher zu empfehlen, die mein Gegenüber tatsächlich mögen könnte. Aber Sie sehen mir aus wie ein Neil-Gaiman-Mensch. Versuchen Sie es zur Genesung vielleicht mal mit dem ‚Ozean am Ende der Straße‘. Das ist zwar keine Fan-Fiction, aber …“

Ich war wieder allein in meinem Antiquariat. Mein Unterbewusstsein teilte mir mit, dass ich mich vorhin wegen irgendwas unwohl gefühlt hatte. Doch dann war ich in den Keller gegangen, hatte drei Bücher geholt: Campbell, Gaiman und selbstverständlich Bottlinger.  Den Gaiman-Roman hob ich mir allerdings für später auf. Jetzt las ich erst mal amüsiert in ‚Geek Pray Love‘.
Dabei griff ich, ohne es recht zu merken, vollkommen unbewusst, nach einem Taschentuch. Keine Ahnung, warum.

Erotik in Büchern

Nun greifen wir tief in die Schublade, schieben die gewissen Hochglanzmagazine zur Seite und setzen uns die roten Ohren auf. Denn das verbotene Wort „Sex“ wird auch in der Literatur gebraucht. Böse Zungen behaupten sogar, dass sich bestimmte Bücher nur gerade deswegen verkaufen lassen.

Wir wollen das nicht. Uns interessiert selbstverständlich die Handlung des Romans. Wenn von Charlotte Roche bis Jean M. Auel so viele Autoren bereit sind, hinter die Schlafzimmertür zu schreiten, müssen wir ihnen ja nicht folgen. Blättern wir ganz schnell über die betreffende Stelle hinweg und schauen lieber, was danach Wichtiges passiert.

Okay. Kommando zurück. Wir sind schließlich alle erwachsen. Von Bienchen und Blümchen muss uns niemand mehr erzählen. Erotik hat nicht nur mit Fortpflanzung zu tun.  Warum also nicht darüber schreiben?

„Oh ja. Oh! Jaaa.“ Bei mir läuft gerade das Hörbuch von Ken Follett. „Die Säulen der Erde“. Ganz ehrlich? Ich muss jedes Mal schmunzeln, wenn mir die „gewissen“ Szenen vorgelesen werden.
Man stelle sich die Sprecher im Studio vor: Wie sie vor dem Mikrophon sitzen und in bester Nullhundertneunzig-Manier stöhnen und keuchen sollen. Sie schmatzen auch!
Hinter der Scheibe des Toningenieurs ist in jenem Augenblick der Regisseur nach Luft japsend vom Stuhl gekippt. Ganz blau angelaufen ist er. Lachkoller können weh tun!

Bleiben wir bei diesem Beispiel: Hätte der Roman über den Bau einer Kathedrale ohne Sexszene anders ausgesehen? Vermutlich nicht. Aber etwas Intimität mit den Protagonisten darf ruhig sein. Das macht Stimmung. Es vertieft die Bindung. Wir können uns leichter mit den Menschen zwischen den Zeilen identifizieren, wenn wir ihn auch in intimste Bereiche begleiten. Tabus sind ja auch gar nicht nötig. Da ist nur der Leser mit seinem Buch …

Stellen wir also fest: Tabus sind wirklich nicht nötig. Nicht bei den „Säulen der Erde“.
„Oh ja. Oh! Jaaa.“ Die gleiche wörtliche Rede hätte natürlich auch auf dem Lokus passieren können. Ganz ohne Sex. Der Prior der Kathedrale hatte nämlich bestimmt Verstopfung und Hämorrhoiden. Er freut sich so, dass …

Halt!
Nein, sooo sehr wollen wir uns mit dem Protagonisten denn doch nicht identifizieren …

zu Besuch im Antiquariat: Rebecca Gablé

Normalerweise findet ihr an dieser Stelle kleine Prosatexte, in denen Herr Plana mit seinen Gästen plaudert. Heute ist Rebecca Gablé im Antiquariat zu Gast. Sie hat darum gebeten, die reine Form des Interviews zu verwenden. Herr Plana hat somit heute einen freien Tag …

Frage:
Rebecca Gablé ist Ihr Künstlername. Ein Akzent auf dem E bittet darum, das Pseudonym französisch auszusprechen. Wie entstand der Name und woher kommt der französische Bezug?

Antwort:
Gablé ist der Mädchenname meiner Mutter, die französische Vorfahren hatte, und Rebecca hätte ich beinah geheißen. Ich habe mir das Pseudonym auf Wunsch meines Verlages ausgedacht, weil man meinen bürgerlichen Namen dort zu lang und wenig einprägsam fand. Ich wollte aber einen Künstlernamen, der einen persönlichen Bezug hat.

Frage:
Sie erzählen auf Ihrer Homepage, wie „Das Lächeln der Fortuna“ entstand. Die Geschichte „wucherte“ und entstand auf eine recht organische Art und Weise. Bastei Lübbe erklärte sich bereit, das fertige Manuskript zu veröffentlichen. Allerdings mussten Sie Ihr Werk um sage und schreibe 300 Seiten kürzen. Aus dreihundert Seiten machen andere Autoren ein ganzes Buch. Da müssen doch bestimmt ganze Handlungsstränge amputiert worden sein. Was haben die Leser verpasst?

Antwort:
Eigentlich gar nichts, denn inzwischen gibt ist auch die ungekürzte Fassung im Handel. Es stimmt aber, dass für die ursprüngliche Veröffentlichung ein ganzer Handlungsstrang den Kürzungen zum Opfer gefallen ist. Davon abgesehen wurden viele Szenen gestrafft, Dialoge gekürzt etc. Außerdem habe ich in Absprache mit meiner Lektorin den Schluss umgeschrieben. Das ungekürzte Originalmanuskript war ein Jahrzehnt lang verschollen, und ich war glücklich, als es wieder auftauchte und für die ganz harten Waringham-Fans zugänglich gemacht werden konnte. Aber ganz ehrlich? Die gekürzte Fassung ist das bessere Buch.

Frage:
Historienromane, in denen so viel Recherche steckt, haben wenig mit z.B.  den alten Mantel- und Degenfilmen aus Hollywood bzw. Frankreich gemein. Sagen wir mal, Sie würden sich heute „Die drei Musketiere“ oder „Der Mann mit der eisernen Maske“ anschauen … Wäre die Darstellung  für Sie unfreiwillig komisch?

Antwort:
Die spielen im französischen Barock, nicht im Mittelalter. Vom Barock habe ich keine Ahnung, vom französischen schon mal gar nicht, darum kann ich diese grandiosen Abenteuergeschichten einfach genießen, ganz gleich, wie absurd sie in historischer Hinsicht sein mögen. Schwerer tue ich mich mit Verfilmungen historischer Stoffe, bei denen ich mich auskenne. Wenn in einem Film, der im 12. Jahrhundert spielt, etwa eine Kutsche durchs Bild rollt, bin ich geneigt, das Kino zu verlassen bzw. den DVD-Player anzuhalten. Noch viel schlimmer ist es, wenn historische Ereignisse wissentlich falsch dargestellt werden, weil es den Drehbuchautoren besser in den Kram passt – die erfolgreiche TV-Serie „Die Tudors“ ist dafür ein gutes Beispiel. Da heiratet z.B. die Schwester von Heinrich VIII. den König von Portugal, was niemals passiert ist. So etwas ist unseriös und eine erzählerische Bankrotterklärung.

Frage:
Angefangen haben Sie mit Kriminalromanen. Ein ziemlich weiter Spagat, der allerdings gelungen ist. Könnten Sie sich vorstellen, noch weitere Genres zu bedienen?

Antwort:
Ich hätte da eine Idee für einen Schauerroman.

Frage:
Gleich die erste Veröffentlichung „Jagdfieber“ wurde für den Friedrich-Glauser-Krimipreis nominiert. Die Welle des Erfolgs riss danach nicht ab. Fällt es da nicht schwer, „auf dem Teppich zu bleiben“?

Antwort:
Ich bin sehr dankbar für meinen Erfolg, und mir ist bewusst, dass viele Autorinnen und Autoren ihn niemals haben, obwohl sie ihn mindestens genauso verdient hätten. Aber man muss sich immer klar machen, dass die Unterhaltungsbranche (und dazu gehört der Buchmarkt, ob er nun will oder nicht), unberechenbar ist und der Erfolg auch morgen ganz plötzlich vorbei sein kann. Man sollte ihn also nicht überbewerten – es gibt eine Menge anderer Dinge im Leben, die wichtiger sind.

Frage:
Kleiner Hausbesuch: Wie viel Mittelalter begegnet einem Gast im Hause Gablé? Schwerter an der Wand, Minnesänger im CD-Player und ein gewaltiger offener Kamin?

Antwort:
Mittelalter findet man bei mir nur in den Bücherregalen – hauptsächlich in Form von Fachliteratur. Ich besitze allerdings ein Schwert, das mein verstorbener Verleger Stefan Lübbe mir geschenkt hat. Es ist nicht alt, aber wir haben zusammen einen Tag in einer Schmiede verbracht und zugeschaut, wie es entstand.

 

Frau Gablé, ich bedanke mich für das Interview.