Archiv für den Monat: Juni 2018

Planas Buchantiquariat

zu Besuch im Antiquariat: Bianca Bolduan

Da die Welt ja nicht nur aus Büchern besteht und auch die realen Geschicke, die mich in meinem Antiquariat nur selten erreichten, in gedruckter Form festgehalten wurden, griff ich heute mal wieder zur Zeitung. Die tagesaktuellen Berichte überflog ich nur. Die kommunale Politik stritt über Kindergärten und die internationale Politik erinnerte an eben einen jener Kindergärten. Nicht gerade ein Stimmungsaufheller. Den Sportteil ignorierte ich geflissentlich und landete somit zügig im Kulturteil.

„Anzahl der Unternehmen im Einzelhandel mit Büchern geht zurück.“

Diese Überschrift beanspruchte natürlich direkt meine ganze Aufmerksamkeit. Nachdem ich den dazugehörigen Artikel zu Ende gelesen hatte, befand sich meine Laune endgültig im Keller.
Ich seufzte schwer.
„Was gibt’s?“, fragte Beatrice, die vom Laden aus in mein Arbeitszimmer sah.
„5127“, sagte ich lakonisch.
„Äh … Ja?“
„2003 gab es noch 5127 Buchgeschäfte in Deutschland.“
Beatrice kam ein paar Schritte heran. „Was möchten Sie mir damit sagen?“
Mit dem Finger tippte ich wütend auf die Zeitung. „Jetzt sind es nur noch 3600.“
Beatrice zuckte mit den Schultern. In ihrem Gesicht spiegelte sich dennoch ein Anflug von Betroffenheit. „Der Kampf gegen die Internetriesen ist hart. Da werden viele Alteingesessene einfach aufgegeben haben.“
Ich kannte zwar schon vorher die Antwort auf meine Frage, doch ich stellte sie trotzdem: „Aber kommen nicht auch ein paar neue Buchhändler nach?“
„Dazu braucht man verdammt viel Mut“, stellte Beatrice fest, „und vielleicht ein bisschen Wahnsinn.“
„Man muss verrückt sein, wenn man sich mit einem Buchladen selbstständig macht?“ Jetzt war ich wirklich deprimiert.

In diesem Moment bimmelte das Glöckchen an der Tür. Eine Frau betrat den Laden, orientierte sich kurz und schritt dann zielsicher zu den Büchern von Marion Zimmer Bradley. Sie schien sich für „Avalon“ und „Trapez“ zu begeistern. Eine gute Wahl, dachte ich.
Da es in meinem Buchantiquariat nur selten Zufälle gab, wartete ich geduldig ab. Und wirklich! Dieses leise Wispern drang wieder leise und vielstimmig an mein Ohr. Es drang aus den Regalen zu mir heran und verriet mir, mit wem ich es zu tun hatte: „Bianca Bolduan.“
„Eine Buchhändlerin?“, rief ich erstaunt.
Sie quittierte es mir mit einem amüsierten Grinsen.
Ich betrachtete meine Besucherin genauer. Eine schlanke Frau Mitte Fünfzig, graumelierte Haare, lässig gekleidet in Boots, Jeans und T-Shirt. Die kleinen Accessoires waren vermutlich das Auffälligste an ihr: ein Lederarmband, ein Silberarmreif, ein Lederband mit Edelstein um den Hals und jede Menge Lachfalten um die Augen. Ein Stubenhocker war sie offenbar nicht, denn die Sommersonne hatte ihr einen braunen Teint verliehen.

„Plana“, sagte ich und reichte ihr zum Gruß die Hand. „Herr Plana. Mir gehört dieses bescheidene Antiquariat. Bücher sind …“ Ich schmunzelte über mein kleines Wortspiel, das vermutlich nur ich selbst verstand. „… mein Leben.“
„… Wo Sie doch Ihr eigenes haben …“ Ihr Grinsen verbreiterte sich zu einem ironischen Lächeln.
„Sie sind Buchhändlerin?“ Ich ließ ihre Hand los, schritt um den Verkaufstresen herum, auf die Seite des Verkäufers, und beugte mich interessiert über die Tischfläche. „Wie lange denn schon?“
Frau Bolduan nahm den gegenüberliegenden Platz ein: Die Seite der Leser. „Lieber Herr Plana, ich sehe mich gar nicht so sehr als Händlerin, eher als Brückenbauer zwischen Büchern von Selfpublishern und interessierten Lesern. Deshalb habe ich 2015 die ‚Wortwerke Buchhandlungen‘ gegründet. Inzwischen habe ich vier Filialen – und es sollen noch viel mehr werden.“

Ich zog, einigermaßen verblüfft, die Augenbrauen hoch. Vier Filialen in so kurzer Zeit? „Meine Mitarbeiterin würde eine Geschäftsgründung als verr … mutig bezeichenen. Im Augenblick schließen so viele Mitbewerber. Wenn sich Ihr Geschäft trotz der schwierigen Marktlage behauptet, muss es ein außergewöhnliches Konzept haben, vermute ich.“
Das Wort, dass mir statt „mutig“ um ein Haar über die Lippen gekommen wäre, war ihr nicht entgangen. „Ein wenig verrückt muss man sein, um ein solches Projekt aus dem Boden zu stampfen. Überall gehen Buchhandlungen kaputt – und ich baue welche auf. Aber unser Konzept ist ein etwas anderes: Wir vermieten Regalplätze für Bücher von selbstverlegenden Autoren und dem Programm aus kleinen Verlagen. Für einen geringen monatlichen Betrag wird das Buch in drei Filialen präsentiert. Und wir verzichten auf das Arbeiten mit Margen. Die Verkaufserlöse werden zu 100% ausgezahlt.“
Ich richtete mich auf. „Und das funktioniert?“
Jetzt stützte sich Frau Bolduan auf den Tresen, nahm den von mir freigegebenen Platz ein. „Ja, durchaus, obwohl wir das Konzept gerade noch einmal dem recht schnellen Wachstum anpassen mussten. Geplant war das in der Form ja auch nie. Ich wollte einen Laden machen, in dem ich meine Bücher verkaufe, Seminare gebe, Workshops anbiete und – weil ich ja eh im Laden bin – auch die Bücher meiner Autorenkollegen mit anbiete. Das war im Frühjahr 2015. Inzwischen ist ‚Wortwerke‘ ein Franchise-Unternehmen mit vier Standorten geworden – und weitere sollen dazukommen.“

„Da kann man schon stolz drauf sein“, mischte sich Beatrice unvermittelt in unser Gespräch ein. Unverholene Bewunderung lag in ihrer Stimme.
„Als ich mit ‚Wortwerke‘ anfing“, sagte Frau Bolduan, „stieß ich auf die Videoclips bei Youtube, die vom Börsenverband des deutschen Buchhandels gedreht wurden und immer die schönsten Buchhandlungen Deutschlands zeigen. Damals dachte ich, dass es ja so toll wäre, wenn mein kleiner ‚Wortwerke‘-Laden eines Tages auch diesen Titel tragen würde. Toll, aber unvorstellbar. Und, was soll ich sagen? Seit April 2018 gehören wir mit unserer Filiale in Halle in die Reihe der ‚schönsten Buchhandlungen Deutschlands‘! Ob ich stolz darauf bin? Aber sowas von!!!“
Beatrice kam zu uns herüber. Ihre Gedanken waren ihr ins Gesicht geschrieben. Sie hatten nichts mit meinem staubigen kleinen Laden zu tun. Sie dachte an lichtdurchflutete Geschäftsräume mit freundlichem Ambiente. „So ein Erfolg kommt nicht von selbst. Da steckt bestimmt viel Arbeit drin. Wie sieht bei Ihnen denn ein typischer Arbeitstag aus?“
Frau Bolduan lachte herzlich. „Wenn es eines gab, was mir als junger Mensch schon klar war, dann, dass ich nie einen ‚typischen Arbeitstag‘ haben wollte. Deshalb bin ich auch nicht nur Unternehmerin, sondern auch Coach und arbeite ganz aktiv im Tierschutz. Und Autorin bin ich auch noch. Deshalb beginnt mein Tag immer sehr früh und teilt sich locker flockig in die Bereiche ‚Wortwerke-Büroarbeit‘, ‚Schreiben‘, ‚Seminare vorbereiten und geben‘ und meinen Pflegehunden auf. Dazu kommen ein riesiger Garten und jede Menge eigenes Viehzeug.
Mein durchschnittlicher aktiver Teil eines Tages hat rund 16 Stunden, doch ich sehe es nicht als ‚Arbeit‘ im herkömmlichen Sinne an. Ich bin so vielschichtig unterwegs, das ‚Arbeit‘ und ‚Freizeit‘ nahtlos ineinander übergehen. Manche Bereiche liegen mir gar nicht. Öde Buchhaltung nervt mich, aber das gehört halt dazu. Doch es kann eben jeden Tag sein, dass ich plötzlich eine gute Idee für das Coaching habe und sofort anfangen kann. Ich habe keinen Chef, der mir im Nacken sitzt, ich bin in der glücklichen Lage, jederzeit arbeiten oder Freizeit machen zu können. Fünf-Tage-Woche? Kenne ich nicht. Ich lebe sieben Tage in der Woche, ich ‚arbeite‘ auch an sieben Tagen in der Woche. Und Freizeit habe ich auch an sieben Tagen in der Woche. Klingt ‚ver-rückt‘, nicht? Ist es auch.“

In der festen Absicht, das Gespräch wieder an mich zu reißen, fragte ich: „Und dazu kommen dann Messebesuche und so was?“
„Mit „Wortwerke“ sind wir inzwischen auch zwei Mal auf der Leipziger Buchmesse gewesen. Mein Ding ist das nicht. Und unter dem Strich bringt es auch nichts, rein wirtschaftlich gesehen. Waren Sie schon einmal auf einer Buchmesse?“
Ja“, warf ich kurz ein.
Doch Frau Bolduan sprach schon weiter. „Millionen von Büchern, fünf überfüllte Hallen und jede Menge Menschen. Wer, bitte, erinnert sich einen Monat später noch an all die Bücher, die er sich angesehen hat? Wir von ‚Wortwerke‘ überlegen gerade, wie wir auf andere Art unser Sortiment filialübergreifend präsentieren können.“

„Da bleibt aber nicht viel Zeit für Eigenes, oder?“ Meine wispernden Freunde legten ihr Veto ein und ich erinnerte mich rechtzeitig, an das, was Frau Bolduan über ihren Tagesablauf erzählt hatte. Bevor Frau Bolduan mir also antworten konnte, hatte ich deshalb schon eine bessere Frage parat: „Sie sind auch Autorin*?“
„Ja, und zwar schon sehr lange. Die ersten Veröffentlichungen hatte ich mit 14 Jahren, dann kamen einige Jahre mit einer künstlerischen Pause, dann wieder Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften u.ä.
Meine erste Publizierung als ‚Selfpublisher-Voll-Autorin‘ war 2010, seither habe ich dreizehn Bücher veröffentlicht. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Diese Kreativität ist das, was ich jeden Tag tun ‚muss‘, um mich wirklich lebendig zu fühlen. Ich kann gut einmal ohne Bücher sein, selbst eine Zeit ohne Pflegehunde gönne ich mir hin und wieder.“ Sie machte eine kaum merkliche Pause. „Aber ein Tag ohne das Schreiben ist für mich wirklich ein unglücklicher Tag. Dabei ist es mir gleich, ob ich an einem Manuskript schreibe, einen Blogbeitrag vorbereite oder an einer Rede bastle, die Hauptsache ist, mein Sprachapparat läuft auf Hochtouren.“

„Bei all der Literatur in Ihrem Leben, muss da sehr viel Herzblut drin stecken. Kommt da die Familie und das Privatleben nicht zu kurz?“
„Ich habe das große Glück, eine sehr aktive Familie zu haben. Andere würden uns verrückt nennen, ich nenne uns kreativ. Mein Partner ist Tierarzt bei ‚Tierärzte ohne Grenzen‘ und oft in Krisengebieten unterwegs. Meine Tochter, mein Schwiegersohn und meine Enkelkinder sind jeweils im Sport sehr erfolgreich und ich bin mehrmals im Jahr mit den Hunden auf Tour und dann einige hundert Kilometer zu Fuß unterwegs. Und trotz unserer Unterschiedlichkeit und unserem oft Nicht-Dasein verbringen wir die Zeit, die wir dann haben, sehr intensiv mit ‚Qualitätsfreizeit‘. Ich liiiiebe meine Enkelkinder und verbringe gern Zeit mit ihnen. Dennoch stehe ich nicht jederzeit zur Verfügung. Und genau aus diesen zugegebenermaßen oft nur wenigen Stunden in der Woche, die ich mit meiner Familie und meinen Freunden verbringe, ziehe ich meine Kraft für all das, was ich mache. Nichts in meinem Leben wäre ohne all das andere möglich.“

Am Abend, Frau Bolduan hatte mein Antiquariat längst verlassen, ließ ich meinen Blick durch den Verkaufsraum streifen. Hier war alles wie ehedem. Ja … Wie ehedem.
Auf dem Tresen lag die Zeitung. Der Artikel mit dem sperrigen Titel „Anzahl der Unternehmen im Einzelhandel mit Büchern geht zurück“ war noch immer aufgeschlagen. Irgendwo in den Zeilen und Spalten stand anklagend die Zahl 3600.
„Harte Zeiten“, sagte ich zu den Büchern. Sie widersprachen mir nicht. „Vielleicht braucht man hin und wieder ein paar Leute, die verrückt sind. Verrückt genug, neue Wege zu gehen.“ Ich nahm die Zeitung und warf sie in den Papierkorb. „3604.“

zu Besuch im Antiquariat: Britta Röder

Der Juni war gekommen. Nachdem sich der Winter sich in diesem Jahr nur zögerlich verabschiedet hatte und der Frühling sich nur durch ein paar rasch verblühende Osterglocken bemerkbar gemacht hatte, jagten nun heftige Gewitterwolken die jüngste Hitzewelle vor sich her.
Genau so plötzlich wie Petrus sich für schlechtes Wetter entschieden hatte, entschied sich meine Bea dazu, den Laden auf Vordermann zu bringen. Sie polierte und wischte, räumte das Inventar von A nach B und vermutlich auch wieder zurück. Was man anscheinend so machen muss, wenn man den Frühjahrsputz verpasst hatte und … – wenn man nicht ich war.
Das Schaufenster dekorierte sie gleich auch neu. Als ich vorsichtig aus dem Arbeitszimmer hinüber in den Verkaufsraum blickte, achtete ich sorgsam darauf, dass sie mich nicht bemerkte. Es lag mir wirklich nichts daran, von meinem Personal zum Arbeiten abkommandiert zu werden. Immerhin lagen neben meinem Ohrensessel noch genug gute Bücher, die gelesen werden wollten.
Trotzdem obsiegte die Neugier. Ich wollte wissen, welche Werke es dieses Mal in die Auslage schaffen würden.
„Sie können ruhig herkommen“, sagte Beatrice, „und die Titel aus der Nähe begutachten. Ich habe hier unter anderem Cornelia Funke, Michael Ende und Walter Moers. Die möchten gerne auf saubere Staffeleien gestellt werden. Nehmen Sie sich einen Lappen und …“
„Bücher über Bücher?“, stellte ich begeistert fest. „Dann sollten auch noch Robin Sloan und Kai Mayer dazu. Und vielleicht noch Ihr Buchland, Beatrice.“
Meine Bea schnaubte. „Ich mach doch hier keine Werbung für das eigene Buch! Das wär‘ megapeinlich.“
„Klappern gehört zum Geschäft, liebe Bea. Sie sollten mal eine Signierstunde machen. Autogramme geben, oder so.“
„Autogramme?“ Sie drehte sich zu mir um. „Haben Sie noch andere Vorschläge? Sinnvolle? Für die Deko?“
„Hm“, machte ich. „Wie wäre es mit Britta Röder?“
„Britta Röder.“ Beatrice zog die Stirn kraus. „Wer ist das?“
Ich nahm dies zum Anlass, mit dem linken Auge zu zwinkern. Nicht in Beas Richtung. Meine konspirative Geste galt meinen lieben Büchern, die den unauffälligen Wink natürlich sofort verstanden.

Die Ladentür schwang auf und eine Frau betrat das Antiquariat. Schlicht gekleidet in Jeans, blauer Bluse, flachen Schuhen und einer schwarzen Umhängetasche, hätte man den Eindruck gewinnen können, dass sie in unserem Städtchen einen Urlaub verbringen wollte.

„Guten Morgen, Frau Röder“, begrüßte ich sie. „Wie schön, dass Sie den Weg in mein bescheidenes Antiquariat gefunden haben. Was für -ähm- ein Zufall. Wir haben uns gerade über Romane über Bücher unterhalten.“ Ich ließ ihr keine Zeit, sich zu wundern und ging direkt in medias res. „Ihr Roman ‚Die Buchwanderer*‘ reiht sich ja auch nahtlos in dieses Subgenre der Belletristik. Ich muss zu meinem Bedauern zugeben, dass ich ihn noch nicht gelesen habe. Möchten Sie mir etwas darüber erzählen?“
„Guten Morgen, Herr Plana. Die Freude ist ganz auf meiner Seite.“ Keineswegs überrascht lächelte sie mich an. „Ich muss gestehen, dass ich nicht ganz zufällig hier bin. Ich habe Sie nämlich schon gelesen und war nun sehr gespannt, ob ich Sie hier auch einmal ‚in Echt‘ treffen kann. Natürlich erzähle ich Ihnen gerne mehr zu meinem Roman ‚Die Buchwanderer‘. Als ich die Geschichte das erste Mal im Kopf hatte, da war mir überhaupt nicht bewusst, damit ein bestimmtes Genre zu bedienen. Ich lese einfach nur gerne und viel, wobei es mir die Klassiker schon immer sehr angetan haben. Ich habe einfach nur ein Buch geschrieben über das, was ich besonders liebe. Die Idee zum Buchtitel ‚Die Buchwanderer‘ hatte übrigens mein Mann an einem Sonntagmorgen beim Frühstück. Da lag das Manuskript bereits beim Verlag.

Ich deute auf eine Ausgabe von ‚Tintenblut‘. „Dass sich die Protagonisten in die Handlung einer Geschichte hineinlesen oder Figuren einem Buch entfliehen, hat es schon in anderen Storys gegeben. Was ist das Alleinstellungsmerkmal Ihrer Geschichte?“
Frau Röder schlenderte zu einem der Regale und zog Thor Heyerdahls Abenteuerbericht ‚Ra‘ heraus. Ich stellte fest, dass sie etwas kurzsichtig war. Ihr Blick folgte angestrengt den Zeilen des Klappentextes. Ob sie ihre Brille vergessen hatte? Sie steckte das Buch zurück an seinen Platz. „Meine Protagonisten wandern durch ‚Romeo und Julia‘, ‚Eugen Onegin‘ und ‚Don Quichote‘, sie begegnen den berühmten Figuren, sprechen mit ihnen, interagieren mit ihnen und erleben dabei dennoch ihre völlig eigene Geschichte. Obwohl sie sich innerhalb dieser berühmten Vorlagen bewegen, verändern sie diese nie. Die Originale bleiben intakt. Ganz bewusst habe ich Originaltextpassagen eingefügt und als solche gekennzeichnet. Trotzdem können sich meine Protagonisten dem Sog der jeweiligen Geschichte, in der sie sich bewegen, nicht immer ganz entziehen. Sie laufen Gefahr, mit ihrer Umgebung zu verschmelzen. Wobei sich die Frage stellt, ob es ihnen am Ende gelingt, ihre eigene Geschichte zu schreiben. Das eigene Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren. Ob das ein Alleinstellungsmerkmal ist, weiß ich nicht, aber das ist meine Idee hinter meinem Buch.“

„Ich könnte mir vorstellen“, sagte ich, „dass Leute, die eine Liebeserklärung an die Literatur schreiben, eine ziemlich große Hausbibliothek ihr Eigen nennen. Wie groß ist Ihr Bücherregal?“
Ihre Antwort ließ mein Herz einen kleinen Hüpfer machen. „Meine Bücher zu zählen habe ich längst aufgegeben. Die Zahl liegt irgendwo im Vierstelligen Bereich. Aber im Vergleich zu anderen Viellesern bin ich noch recht harmlos. Früher wollte ich jedes gelesene Buch unbedingt auch besitzen. Bei über fünfzig Büchern im Jahr geht das aber irgendwann nicht mehr. Daher leihe ich mir sehr viel aus. Heute betrachte ich die Stadtbücherei Darmstadt als eine Verlängerung meines Bücherregals.“

„Und welche Titel fanden Sie besonders inspirierend? Oder war die Geschichte zu den Buchwanderern ‚schwupps‘ einfach da?“
„Inspirierend fand und finde ich vieles. Die Klassiker haben mich sehr geprägt, allen voran die der französischen und russischen Literatur, einfach weil ich diese während des Studiums so zahlreich gelesen habe. Ich bin schlicht begeistert von Büchern, die es schaffen über ihre eigene Zeit hinaus, ihrer Leserschaft etwas Unvergängliches mitzugeben. Bücher, die keiner Mode unterliegen, die zeitlos sind.
Aber auch Zeitgenössisches fesselt mich. Wobei ich es sehr schätze, wenn Literatur unbequem ist, d.h. den Leser aus seiner Komfortzone herausholt und ihn auch mit unbequemen Sichtweisen konfrontiert. Ganz im Sinne von Kafka, der in einem Brief an seinen Freund Oskar Pollak schrieb: ‚man sollte überhaupt nur noch solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? […] Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.‘“ Frau Röder machte eine kurze Pause, holte tief Luft und platzierte ein kurzes Lächeln in ihrer Rede. Dann sprach sie weiter. „Und zur Entstehung der Buchwanderer: Das, was schwupps einfach da war, das war die Idee. Die Geschichte selbst hat sich dann beim Schreiben entwickelt. Ich habe tatsächlich beim Schreiben erst entschieden, welchen Klassiker ich als nächsten mit einbeziehen werde. Wobei ich niemals lange überlegen musste. Ich habe mich einfach treiben lassen und im passenden Moment fiel mir der jeweils nächste Schritt ein. In diesem Sinne ist mein Roman ganz organisch gewachsen. Diese Art des Schreibens habe ich bisher nicht abgelegt. Ich plotte nicht. Ich habe eine Idee und schreibe darauf los. Natürlich habe ich einen Plan, weiß worauf ich hinaus will, aber wie ich dahin komme, ist am Anfang noch völlig offen. Daher bin ich beim Schreiben leider auch sehr langsam.“

Beatrice, die sich bis jetzt unauffällig im Hintergrund gehalten hatte, schob einen Bücherwagen zu uns herüber. Beinahe schüchtern brachte sie sich in unser Gespräch ein. „Ich hab‘ da noch was gefunden“, sagte sie, griff zwischen die sorgsam aneinandergereihten Titel und drückte mir alsdann ein Taschenbuch in die Hand.
Ich warf einen kurzen Blick auf das Cover. „Sie haben auch noch einen zweiten Roman geschrieben? Ein Roadmovie zum Lesen. Hört sich etwas unorthodox an. Ganz etwas anderes, oder?“
Zwischen den Atemzügen*“ ist eine klassische Roadstory“, erklärte Frau Röder. „Wenn Sie wollen, dann könnte man sagen, dass ich auch hier wieder ein belletristisches Genre bediene. Ist also absolut nicht unorthodox, ist einfach eine Reisegeschichte – und in diesem Sinne bleibe ich meinem Thema, das ich mit den Buchwanderern schon angeschnitten hatte, die ja auch Reisende sind, irgendwie treu.“

Irgendwie kamen mir prompt ein paar Roadmovies in den Sinn. Kevin Kostner, Dustin Hoffman und Dennis Hopper winkten mir von imaginären Leinwänden zu. „Wie kommt man darauf?“
Britta Röder grinste. Hatte sie meinen wirren Gedankengang erraten? „Ich reise gerne. Die Idee, einfach so ins Auto zu springen und alles hinter sich zu lassen, hat mich schon immer fasziniert. Nur macht das in der Realität natürlich kaum jemand. Außer es treiben einen besondere Umstände an. Und um die geht es in meinem Roman.“

Auch wenn es vielleicht unhöflich war, nahm ich mir die Zeit und blätterte ein wenig in den Seiten. Ein paar Zeilen Text drängten sich ganz besonders in mein Bewusstsein. „Denken Sie tatsächlich, dass nur auf den Tod und den Zufall Verlass ist? Oder haben Sie Ihre ganz eigene Lebensphilosophie?“
„Sie spielen auf das Eingangszitat meines Roman an.“ Frau Röder nickte. „Ja, ich stehe tatsächlich hinter diesem Zitat. Der Tod ist uns allen sicher. Auf ihn ist zu hundert Prozent Verlass. Sich der eigenen Sterblichkeit bewusst zu sein, hilft ungemein das Leben zu genießen, es zu schätzen. Dieses Bewusstsein macht einen demütig und dankbar für das kostbare Geschenk des Lebens und verleitet hoffentlich auch dazu Respekt zu haben, vor dem Leben anderer Menschen und vor dem Leben an sich.
Die Vorstellung, dass das eigene Leben dem Prinzip des Zufalls unterliegt, ist natürlich unbehaglich. Aber dadurch nicht weniger wahr. Auf die Umstände, in die wir hineingeboren werden, haben wir keinen Einfluss. Auf die Schläge, die das Leben austeilt, leider auch nicht. Egal ob man es Schicksal, Zufall, Fügung oder sonst wie nennt, die Karten, die uns das Leben zuspielt, sind zufällig.
Das bedeutet allerdings nicht, dass wir frei von jeglicher Selbstbestimmung wären. Im Gegenteil. Was wir aus dem machen, was wir bekommen, liegt ganz alleine bei uns. Die Freiheit, die aus diesem Chaos resultiert, ist grenzenlos und birgt eine gewaltige Aufgabe, eine Lebensaufgabe, für jeden von uns.“

Interessante Ansichten einer interessanten Person, dachte ich bei mir. Deshalb wollte ich mich mit ihr nicht nur über ihre Bücher unterhalten. „Von Berufswegen sind Sie nicht nur Autorin. Aber Sie haben trotzdem auch zum Broterwerb mit Worten zu tun, oder?“
„Ich arbeite in Frankfurt in einem richtig großen Fachzeitschriftenverlag. Egal ob im Verkauf, im Marketing oder wie derzeit in einer Redaktion (wir haben in unserem Verlag dutzende Redaktionen), das Wort ist schon immer mein Instrument gewesen.“

Ich überflog kurz die Auslage auf dem Bücherwagen. Aber ich sah nur noch Titel anderer Autoren. Hätte Frau Röder noch mehr veröffentlichen lassen, dann hätte es bestimmt auch hier gelegen. Hmmm. „Zwei Bücher – und dann lange Zeit nichts. Kommt denn da noch was? Oder haben Sie der Literatur schon den Rücken zugekehrt?“
Sie lachte laut auf und schüttelte den Kopf. „Oh nein, natürlich habe ich dem Schreiben nicht den Rücken gekehrt. Ich schreibe immer zu. Aber nebenbei bin ich auch noch in anderen Projekten aktiv. So zum Beispiel ehrenamtlich im Orga-Team der Riedbuchmesse, einer kleinen Buchmesse, die hier in meiner Nachbarschaft, in Stockstadt am Rhein, jährlich stattfindet. Dafür unterhalte ich ganzjährig ein News-Portal. Dann arbeite ich gerade redaktionell an einem regionalen Kulturatlas mit, der im September 2018 erscheinen wird. Dafür habe ich einige Interviews geführt und aufgezeichnet. Sehr spannend. Und ab und an schreibe ich kleine Kolumnen für ein ansässiges Stadtmagazin.
Das alles macht viel Freude, frisst aber leider auch einen Großteil der wenigen Zeit, die mir zum Schreiben bleibt. Doch ehrlich gesagt sind diese ganzen Aktionen auch eine perfekte Ausrede. Denn ich schreibe ja trotzdem ohne Unterlass. Zwei Romane liegen in der Schublade ebenso wie einige Kurzgeschichten. Wenn ich ganz ehrlich bin, dann muss ich gestehen, dass es mir inzwischen sehr schwer fällt, meine Texte loszulassen. Meine eigenen Ansprüche sind seit der ersten Veröffentlichung enorm gewachsen. Hinzu kommt, dass ich von Haus aus wirklich eine extreme Langsamschreiberin bin.
Aber aktuell arbeite ich gerade an einem Manuskript, das ich unbedingt, sobald es abgeschlossen ist, an meinen Verlag schicken werde.
Und auch meine Kurzgeschichten möchte ich gerne zu einem Band zusammenfassen. Ich bin also voller konkreter Pläne.“

Beatrice hatte den Buchwagen fortgeschoben und widmete sich wieder ihrem verspäteten Frühjahrsputz. Auch ich spürte, dass sich diese kleine Unterhaltung dem Ende näherte. Also wartete ich geduldig, dass Frau Röder sich vielleicht noch ein Buch aussuchen würde.
Sie tat es nicht.
Stattdessen griff sie in ihre Tasche. „Lieber Herr Plana“, sagte sie leise. Dabei beugte sie sich diskret vor. „Ich hätte da noch eine kleine Bitte.“
Ich spürte plötzlich Beas neugierigen Blick in meinem Nacken. Etwas verunsichert fragte ich: „Ja?“
Frau Röder zog eine Ausgabe von ‚Buchland*‘ heraus und reichte sie mir. „Es kommt ja nicht oft vor, dass einem eine leibhaftige Buchfigur begegnet.“ Sie drückte mir einen Kugelschreiber in die Hand. „Dürfte ich Sie um ein kleines Autogramm bitten?“