Archiv für den Monat: Juli 2019

Buchland

Shakespears Enkel

Der Sommer döste mit dumpfer Stille in der Straße, legte eine alles erdrückende Schwüle wie eine Decke über die Häuser. Kein Mensch war dort draußen auf der Straße zu sehen. Keine Kundschaft. Einmal mehr kam es mir deshalb so vor, als würde in meinem kleinen Buchantiquariat die Zeit stillstehen.
Ich stand hinter dem Verkaufstresen und gab mich, entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten, ganz der gepflegten Langeweile hin. Selbst mir war es zum Lesen zu warm.
„Interessanter Besuch wäre jetzt schön“, stellte ich, nachdem mir das Ins-Leere-Starren schließlich doch zu dumm wurde, fest. Meine Freunde, die Bücher in den überfüllten Regalen, wisperten plötzlich miteinander. Es klang, als würden sie sich beratschlagen. Als ob sie nicht wüssten, welcherart Besuch für mich interessant wäre! Doch dann …

„Amen!“, war mein erster Gedanke, als sich dann plötzlich doch die Tür öffnete. Das Wort „interessant“ wurde in meinem Kopf augenblicklich durch „imposant“ ersetzt, denn ein hünenhafter Geistlicher betrat meinen Laden. Ihn schmückte ein schwarzer Habit mit Zingulum und Kapuze. Auf den zweiten Blick erkannte ich jedoch, dass die Aufmachung des Mannes vermutlich nur eine sehr hochwertige Kostümierung darstellte. War nicht irgendwo in der Nähe ein mittelalterliches Literaturfestival? Egal, denn er sah in dieser Aufmachung keineswegs lächerlich aus. Ganz im Gegentum! Das war jemand, der an einem Tag in schwarzer Kluft und mit offenem Haar bei einem Festival headbangen konnte um dann am nächsten Tag im feinen Anzug mit aller Autorität eine Rede auf einem Kongress hielt.

„Wen haben wir denn da?“, flüsterte ich vor mich hin. Und aus den Regalen bekam ich kaum hörbare Antwort: Björn Bedey. Ein eingefleischter Buchmensch, wie mir meine Freunde diskret versicherten. Aus dem Norden. Also begrüßte ich ihn mit einem allgemeingültigen „Moin!“

Was soll ich sagen? Buchmensch war schlicht eine Untertreibung, denn vor mir stand ein Schriftsteller, Verleger, Herausgeber und vermutlich einiges mehr. Dieser Mann lebte Literatur und es fiel mir nicht schwer, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Schon bald saßen wir beide in meinem Arbeitszimmer und plauderten über Buchmessen, Autoren, Verlage und über „Shakespears Enkel“, einer ganz speziellen Verlagsbuchhandlung.

Es kam mir fast so vor, als würden wir uns schon jahrelang kennen. Am liebsten hätte ich mit ihm einen kleinen Spaziergang durch mein Buchland gemacht. Stattdessen lenkte ich nochmal das Gespräch auf Shakespears Enkel. „Der Acabus-Verlag, Salomo Publishing, Lysandra Books und Edition Roter Drache haben also dieses Gemeinschaftsprojekt gestartet: Eine Verlagsbuchhandlung für unabhängige Verlage – warum braucht es sowas?“

Herr Bedey lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme ineinander. „Weil die Leser bessere Bücher verdient haben als die ewigen Übersetzungen, die in den großen Buchhandelsketten zu finden sind. Bücher von unabhängigen Verlagen, die eben meist nicht in den herkömmlichen Buchhandlungen zu finden sind. Interessierte Leser sind auf Messen angewiesen, um auch mal in solchen Büchern stöbern zu können. Ansonsten kann man dies nur virtuell auf den Verlagsseiten im Internet oder bei Online-Händlern tun. In unsere Buchhandlungen nach Dresden oder auch Meißen kommen Interessierte bis zu 100 Kilometer weit angereist, um in diesen Bücherschatz eintauchen zu können.“

Dresden gehört nicht unbedingt zum nördlichen Teil des Landes. „Moin“ sagte man dort vermutlich nicht mehr. „Nach welchen Kriterien wurde denn der Standort der ersten Buchhandlung in Dresden ausgewählt?“

„Nach dem Angebot“, erklärte Herr Bedey. „Katharina Salomo von Salomo Publishing hatte die Möglichkeit, günstig ein Ladenlokal zu mieten – dies war zugleich auch die Initialzündung des Projektes. Innerhalb der Verlegerschaft haben wir davor schon öfter über solch ein Projekt geredet, aber durch dieses Ladenlokal wurde es erst konkret.“

„Geht die Buchhandlung in Serie?“, fragte ich. „Wird es Filialen geben? Für den acabus Verlag würde sich zum Beispiel doch eher ein Ladenlokal in der Hamburger City anbieten.

„Das ist der Plan. In Meißen betreiben wir bereits eine zweite Buchhandlung.“ Bedey lächelte augenzwinkernd. „In jeder deutschen Stadt sollte eine Filiale von Shakespeares Enkel zu finden sein, die von unabhängigen Verlagen aus der Region betrieben wird. Wenn die Leser dieser Zeilen einen Vermieter kennen, der ein Ladengeschäft vermietet und sich mit einer kulturfördernden Miete um das Buch verdient machen möchte, bitte melden! In Hamburg sind wir leider noch nicht fündig geworden.“

„Leser dieser Zeilen“ … Ich stutzte kurz. Doch wenn man in einem Buchantiquariat zwischen all den geschriebenen Worten saß, dann konnte selbst ich manchmal die Perspektive verlieren. Es kam mir tatsächlich oftmals so vor, als wäre auch ich nur der Protagonist einer Geschichte. Ich räusperte mich und beschloss, lieber mein kleines Interview fortzuführen. „Eine Buchhandlung, die von Verlagen selbst bestückt wird. Hmmm. Wird da die Wertschöpfungskette um den klassischen Buchhändler gekürzt?“

Der Verleger schüttelte energisch den Kopf. „In der Buchhandlung werden Buchhändler arbeiten. Sobald eine Filiale auf eigenen Beinen stehen kann, soll das Tagesgeschäft von gelernten Buchhändlern versehen werden. Die haben das gelernt und sicher auch einen neutraleren Blick auf die Titel. Schließlich nehmen wir den anderen Buchhandlungen auch nichts weg – dort“, erklärte er mit einem gewissen Bedauern, „sind unsere Titel ja meist nicht zu finden.“ Vielleicht war das auch als kleiner Vorwurf zu verstehen.

„Hand auf’s Herz: ‚Unabhängige Verlage‘ ist eine Wortbeschönigung für Klein- und Kleinstverlag“, behauptete ich provokativ. „Oder begründet sich das Wort ‚unabhängig‘ im Vergleich zu den Global Playern irgendwie?“

„Naja – unabhängig meint schon, in der Programmplanung wirklich frei zu sein – dies sieht man vielen Verlagsprogrammen auch an. Ich persönlich finde ‚inhabergeführt‘ aussagekräftiger. Die Bandbreite hinsichtlich der Verlagsgröße ist aber schon immens. Von Kleinstverlagen, die im Nebenerwerb betrieben werden, bis hin zu mittelständischen Verlagen ist alles vertreten.“

Mir fiel plötzlich auf, dass ich mit Norman Liebold, Monica Loerchner, Britta Röder, Michael E. Vieten und Danise Juno bereits einige Autoren aus dem Verkaufssortiment der Verlagsbuchhandlung bei mir zu Gast hatte. „In Ihren Läden sind meines Wissens nur deutschsprachige Autoren zu finden. Hätte ‚Shakespeares Enkel‘ dann nicht lieber ‚Goethes Enkel‘ heißen sollen? Politisch korrekt gegendert, wo in der Literatur doch jedes Wort wichtig ist, hätte es vermutlich auch ‚Enkelkinder‘ heißen müssen, oder?“

„Ja – wobei ich jetzt nicht den Herrn Goethe genommen hätte, sondern beispielsweise Herrn Hölderlin. Die Buchhandlungen werden zur Zeit von zwei Verlegerinnen und zwei Verlegern betrieben und die Benennung ‚Shakespeares Enkel‘ fand dort eine Mehrheit – ich kann aber gut damit leben – wer kennt heute noch Hölderlin?“
Hinter mir fiel vor Schreck ein alter Gedichtband aus dem Regal. Ich nahm meinen Gehstock, stand auf und ging zu dem Buch. Tröstend tätschelte ich seinen Rücken und stellte es zurück an seinen Platz. Dann drehte ich mich wieder zu meinem Gast um und antwortete. „Sie. Ich. Viele liebe Buchmenschen und … vielleicht auch Shakespears Enkel.“