Archiv für den Monat: Februar 2020

Science-Fiction

Was man heute als Science-Fiction beginnt,
wird man morgen vielleicht
als Reportage zu Ende schreiben müssen.“
Norman Mailer

Als Gene Roddenberry seinem Captain James T. Kirk für das Jahr 2265 einen Kommunikator in die Hand drückte, hat er vermutlich nicht an I-Phones oder E-Books gedacht.
Isaac Asimov dachte auch nicht an Intell‘s Mikrochips. Das positronische Gehirn seiner Roboter war nur ein Ersatz für die noch nicht stattgefundene Miniaturisierung. Mit den seinerzeit üblichen Lochstreifen hätte er seine Blechmänner logischerweise nicht in Gang bringen können.

Science-Fiction–Fans dürfen unsere Gegenwart durchaus als interessant bezeichnen, denn wir leben in der Science-Fiction früherer Generation.

Was hätte ein Leonardo da Vinci über unsere Flugzeuge gesagt? Und Jules Verne über den ICE? In achtzig Tagen um die Welt gilt heute nicht als Hetzjagd. Es ist Müßiggang für die betuchteren Weltenbummler.
Gen-Mais und USB-Sticks, Quadrophonie und künstliche Hüftgelenke: Wir sind fest im Griff der Zukunft.

In den letzten zwei Jahrzehnten haben uns viele Zukunftsvisionen der Science-Fiction nicht nur eingeholt. Sie haben uns überrollt. Das Erstaunen darüber haben wir im Informationsüberfluss glatt versäumt. So chatten wir im Cyberspace, den wir zwar ganz sachlich Internet nennen, ohne zu bemerken, dass William Gibson 1984 bereits den nächsten Schritt entworfen hat. Erwarten uns nicht schon bald Implantate, mit denen wir über das WLAN mit unserem Kühlschrank über die zu tätigenden Einkäufe diskutieren? „Verdammt nochmal! Ich will kein Altbier. Bestell mir bei www.Trinkazon.de gefälligst ein Kölsch.“
Die Frage wird längst nicht mehr dem Machbaren gewidmet. Die Genetik – beispielsweise – wird allenfalls von ethischen Vorstellungen gebremst. Vielleicht.

Sicher: Den „Heiligen Gral“ des immer wieder bemühten Hyperraums hat die Wissenschaft noch nicht erreicht. Über die Unmöglichkeit des Zeitreisens wird immer noch genau so heftig diskutiert, wie damals, als Albert Einstein die Zeit relativierte. ET, Alien oder „die Götter aus dem All“ sind uns selbst mit dem SETI-Programm nicht auf den Leim gegangen.
Aber wer möchte heute noch einen Roman schreiben, der von der Kolonialisierung des Mars berichtet? Sämtliche vermeintlichen Fakten, die bislang über den Roten Planeten gesammelt wurden, könnten mit der nächsten NASA-Mission bereits überholt sein.

Überraschende Visionen über das Künftige darf man im Mainstream der Science-Fiction kaum mehr erwarten. Vermutlich kämpfen deshalb Computerprogramme auf der Kinoleinwand Kung-Fu. (Ich stelle mir das gerne in der Jetztzeit vor: Word verkloppt Open Office in der „Matrix“).
In Bezug auf Lichtschwerter und Protonenblaster sind die Waffenschmiede unserer Zeit zu weitaus effektiveren Methoden gekommen. Und das Töten im modernen Krieg erscheint mit ferngelenkten Drohnen virtuellerer Natur zu sein, als das tägliche Gemetzel auf der heimischen Spielkonsole. Sogar den nuklearen Overkill dürfen wir seit zwei Generationen zu unseren Möglichkeiten zählen. Der „Rote Knopf“ in der Kommandozentrale der Großmächte wäre in jeder fiktiven Geschichte nur eine Spaßbremse, die der Armee des Protagonisten eine Eliminierung des Evil Overlords unmöglich macht.

Endet also ein Genre in der Bedeutungslosigkeit der entwicklungstechnischen Geschwindigkeit unserer Gesellschaft? Ich denke nicht.

Das wirklich Spannende am Thema Science-Fiction, reduziert sich nicht auf das Wechselspiel zwischen dem Schriftsteller und dem Wissenschaftler. – Ohne Zweifel haben sie sich in der Vergangenheit oftmals gegenseitig beeinflusst. Aber es geht nicht um den wissenschaftichen Blick in die Zukunft. Nicht wirklich.

Science“ macht nur einen geringfügigen Teil der „Fiction“ aus. Das wirklich Mächtige in dieser Literatur-, Film- und Kunstgattung ist …

… der Spiegel, der hin und wieder gerne der Gesellschaft in die Hand gedrückt wird. Die Gegenwart reflektiert sich in der möglichen Zukunft auf faszinierende Weise. Man muss nur genau hinschauen.

Jules Verne schrieb einmal an seinen Vater: „Alles, was ein Mensch sich vorstellen kann, werden andere Menschen verwirklichen können.“

Da halte ich es wie Han Solo. „Ich kann mir eine ganze Menge vorstellen.“
Nicht nur in der Wissenschaft.