zu Besuch im Antiquariat: Astrid Korten

Im AntiquariatAus irgendeinem Grunde hatte ich beschlossen, mal einen Tag mit Krimis und Thrillern einzulegen. Ich saß nun seit Stunden in meinem Ohrensessel und verschmolz vermutlich langsam mit dem durchgesessenen Polster. Neben mir stand ein Bücherwagen, übervoll mit dem, was das Genre hergab. Und das war nicht wenig, obwohl ich mich nur mit den deutschen Neuerscheinungen befasste.
Statistisch betrachtet galoppierte die Literatur der Realität davon. Im Jahr gibt es in unserem Lande nicht mal dreihundert Tötungsdelikte. Dem steht eine doppelte und dreifache Menge an geschriebenem Mord und Totschlag gegenüber. Aber das ist bestimmt auch besser so.
Ich hatte gerade ein weiteres Buch leergelesen. „Eiskalte Umarmung“. Nachdenklich betrachtete ich das Cover. Kalt, das passte. Das Design war in blassen Grau- und Blautönen gehalten. Allerdings gab es zusätzliche viel Blutsprattler quer über das Motiv. Rote Flecken waren für Grafikdesigner offensichtlich ein Muss.
„Kann mir mal einer sagen, warum jeder Thriller obligatorisch mit Körperflüssigkeiten eingesaut werden muss?“

Als kurz darauf das Glöckchen über der Ladentür bimmelte, wäre ich gerne überrascht gewesen. Ich war es nicht. Sicherheitshalber las ich auf dem Buchdeckel noch schnell den Namen der Autorin, stand dann auf und humpelte nach vorne in den Verkaufsraum. „Astrid Korten?“, fragte ich. Ohne ihre Antwort abzuwarten, ergriff ich mit beiden Händen ihre Rechte und begrüßte sie herzlich. „Willkommen in meinem bescheidenen Antiquariat. Was führt Sie zu mir?“
„Hallo Herr Plana“, erwiderte sie freundlich. „Darf ich mich ein wenig umsehen?“
„Natürlich gerne“, sagte ich. Vermutlich hätte ich noch mehr geredet, aber ich unterbrach mich, als ich sah, dass mein Gast kurz die Augen schloss, innehielt und … schnupperte.
„Ich liebe den Geruch von Büchern und versuche immer schöne Ersterscheinungen oder generell schöne Bücher aus den 40er und 50er Jahre zu ergattern. Möglichst in Leder gebundene Romane. Wo gibt’s das denn sonst noch, außer im Antiquariat. In den Niederlanden habe ich einige Erstexemplare gefunden. Und heute versuche ich mein Glück mal bei Ihnen.“
Oh, dachte ich, eine Sammlerin. Das sollte mich aber nicht ablenken. In erster Linie war diese Dame eine Autorin. „Ich habe gerade ein Buch von Ihnen gelesen. Sehr schön. Sehr spannend. ‚Ich bin die Sehnsucht, ein Prinz und schön wie die Liebe.‘ Solche Sätze machen Gänsehaut.“ Während ich sprach führte ich sie in mein Arbeitszimmer und bot ihr den Sitzplatz an meinem Sekretär an. Dabei nahm ich mir die Zeit, sie eingehender zu betrachten: Schwarze Lederjacke, schwarze Hose und im Kontrast dazu ein buntgetupfter Schal. Bei weitem auffälliger war aber die überaus fröhliche Natur der Frau. Ihre blauen Augen strahlten mit den roten Haaren förmlich um die Wette.
Erschrocken stellte ich etwas zu spät fest, dass sie meinen Blick erwiderte. Ich beeilte mich also, den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen: „Allerdings habe ich mich gerade gefragt, warum Thriller immer gleich präsentiert werden? Sind Verlage da vielleicht etwas uninspiriert, wenn sie nur nach ‚Schema F‘ präsentieren?“

Frau Korten schüttelte den Kopf. „Stimmt nicht. Jeder Verlag hat so seine eigene Vorstellung. Nicht jedes Cover wird mit Blut besprenkelt. Mein letzter Roman über die digitale Überwachung ‚Eiskalte Verschwörung‘ hat keinen einzigen Spritzer.
Eiskalte Umarmung war mein erstes Manuskript. Der Thriller hat so seine eigene Geschichte. Ich habe das Manuskript 2004 geschrieben und es hatte schon einige ‚Gesichter‘. Ich finde es grandios, dass es heute ein modernes Cover hat und insbesondere dieses. Die Hand ist das Symbol des Täters. Ich habe mit 13 meinen ersten Thriller geschrieben mit dem grauenvollen Titel „De hand om de hoek“. Insofern fand ich es großartig, dass der dotbooks-Verlag sich für dieses Cover entschieden hat. Heut steht „diese Hand“ für meinen Erfolg. Eiskalte Umarmung war ein Platz 1 Besteller als Ebook und stand in der Jahresbestsellerliste von Thalia. Es gibt auch eine Fortsetzung. Ansonsten können meine „eiskalten“ Titel unabhängig voneinander gelesen werden.“
„De hand om de hoek?“ Ich zählte eins und eins zusammen. „Sie sind Niederländerin? Das hört man gar nicht.“
Sie lachte. „„Ik kann het ook anders, als het moet. Königin Beatrix ist wie bei Hape Kerkeling meine Paraderolle im Freundeskreis. Nur …“ Sie zwinkerte verschwörerisch. „… bin ich besser als Hape.“
Inzwischen hatte ich mich in meinem Ohrensessel fallen lassen. Ich schlug die Beine übereinander, faltete die Hände im Schoß und beugte mich leicht vor. „Sie schreiben Suspence Thriller und Psychothriller. Das heißt, Sie erzeugen Spannung durch die Erwartungshaltung des Lesers und durch das emotionale Erleben Ihrer Romanfiguren. Oder würden Sie die beiden Untergenres anders beschreiben?“
„Ich spiele mit der Angst des Lesers, besonders in ‚Eiskalte Umarmung‘. Auch geht es in meinen Büchern manchmal sehr heftig zu.“ Die Autorin hob ironisch die Brauen. „Deshalb die Blutspritzer auf dem Cover.“ Dann erklärte sie: „Gewalt ist die Sprache der Sprachlosen. So wort- und weltgewandt meine Figuren auch sein mögen, so leiden sie doch unter emotionalem Analphabetismus. Ich zitiere jetzt mal die Kritik: ‚Um ihre Antagonisten noch furchteinflößender erscheinen zu lassen, evoziert Korten eine Ästhetik der Brutalität, die jedoch niemals als inflationäre Effekthascherei, sondern als behutsam dosiertes Stilmittel eingesetzt wird. Korten schafft somit eine beängstigende Atmosphäre kalter Sterilität, beherrscht aber gleichzeitig die Kunst, nicht gänzlich emotionslos zu verbleiben.‘ Gewalt steht hier als Metapher für den Missbrauch und ist nicht nur die Versehrung des Körpers.“
„Psychopathen sind ja in realen Leben eher spärlich gesät“, behauptete ich. „Im Genre sind sie jedoch recht häufig zu finden. Wird das Thema für eine Autorin nicht irgendwann langweilig und ausgereizt?“
„Oh, nein. Tagtäglich geschehen in Deutschland Verbrechen, nur stehen sie nicht immer in der Zeitung. Es ist faszinierend das Böse zu beschreiben, zumal es ein Alltagsgesicht hat. Als Autorin pervertiere ich das Böse auf poetische Weise wie es die Gebrüder Grimm bereits taten, benutze aber auch bewusst die milchig-glasige Darstellung, wie auch Dürrenmatt die Wahrnehmungsspiele ständig durchexerzierte, von den Physikern an. Er manifestiert es in seinen Ansprüchen an den Kriminalroman. Und ich treibe es auf die Spitze. Bei mir steht die Gewalt nicht nur für die Versehrung des menschlichen Körpers, sondern für das Böse.“
Es gibt auch viel Liebe in der Welt. Und auch das Gute. Aber spannender sind natürlich Thriller. Ich sprach meinen Gedankengang nicht laut aus. Stattdessen sagte ich: „Für einen stimmigen Thriller braucht es eine gute Recherche.“
„Mein ‚Grundstoff‘ ist immer ein aktuelles Thema wie die Schönheitsindustrie, der Sektenkult, der Missbrauch während einer Psychotherapie, oder in meinem brisanten Top-Thriller ‚Eiskalte Verschwörung‘, die digitale Überwachung. In einem Roman klassische Ermittlerarbeit zu beschreiben, das ist nicht so mein Ding. Das können andere Kollegen besser. Ich greife besondere Themen auf und schreibe ungewöhnliche Thriller, in denen die Fiktion durchaus Realität sein kann. Bei meinen Recherchen lasse ich mich von Forensikern, Psychologen, Gentechnologen, Pathologen und Mediziner oder anderen Experten beraten. Aus diesen Gesprächen leite ich die Handlung der Figuren ab.“
„Wie kommt man an so viele Fachberater? Ich meine: Sie gehen wohl kaum in die nächste Polizeidienststelle und fragen nach dem Pathologen.“
Frau Kortens Erwiderung erstaunte mich doch etwas: „Ganz einfach: Ich rufe sie an, erkläre mein Anliegen.“ Sie schob aber noch eine plausible Ergänzung hinterher. „Ich habe durch meine Tätigkeit als Unternehmerin sehr viele Kontakte. Und mittlerweile ein Beraterteam, das ich ansprechen kann. Recherche ist das A und O eines guten Romans.“
Ich erlaubte mir eine kurze Pause, in der ich dem Wispern der Bücher lauschte. Sie hatten mir noch viel über meinen Überraschungsgast zu erzählen. Emsig, emsig ist Frau Korten. Dazu wollte ich mehr erfahren. „Sie sehen mir aber nicht so aus, als würden Sie sich mit einem Thema zufriedengeben. Ich schätze, dass Sie noch mehr Projekte pflegen?“
„Ich schreibe Biografien, KGs wie ‚Kreislauf der Angst‘ oder ‚Sibirien‘ (stand im Finale Int. Writemovie Contest), und Kinderbücher wie Karo – eine Himmelsbotin, und Drehbücher.“
„Drehbücher auch?“ Wann war ich das letzte Mal im Kino? Äh, war ich überhaupt schon mal im Kino? Ich hatte doch meine lieben Bücher. „Habe ich schon mal ein Filmplakat oder einen Fernsehfilmabspann übersehen, wo Astrid Korten erwähnt wird?“
Frau Korten hob den Zeigefinger und wackelte mit ihm verneinend hin und her. „Drehbücher schreibe ich unter einem Pseudonym, das ich nicht preisgeben möchte.“
„Aha.“ Da war ich also in einer rhetorischen Sackgasse gelandet. Ein Themenwechsel war angebracht. „Was ist denn für Sie der besondere Reiz am Beruf der Autorin? Das Publikum? Der Schaffensprozess oder der schnöde Mammon?“
„Schreiben bedeutet für mich: ein Sternenfunkeln aus Wörtern, mitten ins Herz eines anderen Menschen. Oder wie meine Protagonistin es formuliert hat: Schreiben ist das Herz, das meinen Geist in Liebe aufsteigen lässt, als schwimmende Buchstaben mit Himmel und Hölle unter meinen Füßen oder tanzende Winde in der Nähe von den Engeln.“

Die Poesie der Worte hing angenehm in der staubigen Luft des Antiquariats. Astrid Korten war schon lange gegangen. Eigentlich wollte ich noch ein paar Thriller lesen. Auf dem Tisch warteten noch Michael Robotham, Ilona Bulazel, Catherine Shepherd, Andreas Gruber. Ich entschied mich dagegen. Auf den Covern war mir zu viel Blut.

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