zu Besuch im Antiquariat: Astrid Vollenbruch

BuchlandWeihnachtsendspurt. Während Beatrice im Verkaufsraum sich die Hacken heiß lief, hatte ich es mir in meinem Ohrensessel gemütlich gemacht. Hier hinten im Arbeitszimmer drang wenig vom adventlichen Stress durch. Mit einem aufgeschlagenen Manuskript auf dem Schoß und geschlossenen Augen zählte ich, wie oft das Türglöckchen bimmelte. Dabei sehnte ich mich insgeheim nach den vergangenen ruhigeren Zeiten.

„Na“, sagte ich schließlich zu der losen Blattsammlung, die mal ein Buch werden wollten, „dann will ich es nochmal mit dir versuchen.“ Ich hatte Mühe mich in des Werk zu vertiefen. Natürlich konnte es daran liegen, dass mich der Trubel im Verkaufsraum doch etwas zu sehr ablenkte. Jedoch befürchtete ich, dass der mit Maschine getippte Text schlicht und ergreifend schlecht war. Das war sehr schade, denn ich spürte, dass jede einzelne Seite mit sehr viel Herzblut verfasst worden war. Aber zwischen „gut“ und „gut gemeint“ lagen in diesem Falle Welten. Der Verfasser dieser Zeilen, ein gewisser John Doe, hatte mir sein Skript überlassen, weil er meine Meinung dazu hören wollte. Tja … Müder Plot, unglaubhafte Charaktere und eine endlose Liste handwerklicher Fehler. Die Grundidee war so toll! Nur leider fehlte Herrn Doe allerhand schriftstellerisches Wissen. „Der gute Mann braucht Hilfe“, sagte ich schließlich. „Fundierte Hilfe.“

„Herr Plana?“ Beatrice lugte um die Ecke. „Hier ist Besuch für Sie.“

Neben ihr erschien eine Frau. Sie war von kräftiger Statur, trug eine Brille und war sehr schlicht, mit dunkelgrauem Wintermantel und schwarzer Hose gekleidet. Einziger Farbtupfer war der türkisfarbene Pulli. Auf Schminke jedweder Art hatte sie verzichtet. Ich schätzte sie auf etwa 50 Jahre.

Obwohl sie augenscheinlich eine imposante Persönlichkeit zu sein schien, erweckte sie den Eindruck am liebsten die Flucht zu ergreifen. Beatrice war schon wieder in den Laden entschwunden. Somit lag es wohl an mir, ein Gespräch zu beginnen. Also versuchte ich es mit einem Lächeln: „Hm. Ich habe keine keine Ahnung, warum das Schicksal Sie zu mir geführt hat. Ich muss gestehen, dass es mich nicht gewundert hätte, wenn ein gewissen John Doe hier auf der Matte gestanden hätte …“ Ich unterbrach mich selbst, dachte kurz an meine Worte von vorhin. Fundierte Hilfe für John Doe. „Sie sind nicht zufällig Schriftstellerin, Lektorin oder Erste Hilfe für Autoren?“

Meine Besucherin antwortete zunächst recht zögerlich. Es lag ihr anscheinend nicht, über sich selbst zu reden. „Ein bisschen von allem. Ich habe ein paar Bücher geschrieben, ein paar weitere lektoriert oder korrigiert, ein paar Karten gezeichnet und 2007 ein Forum für Textkritik gegründet, das Federfeuer, in dem Autoren und Autorinnen Texte vorstellen, an denen sie gerade arbeiten. Nicht, um Lob für ‚Das habe ich gerade geschrieben‘ einzuheimsen, sondern um sich fachliche Kritik anderer Autoren abzuholen.“ Oh, das war ein Thema, das ihr lag. Sie kam richtig in Fahrt. „Wir klopfen Texte auf Plot, Handwerk und Sprache ab und helfen uns gegenseitig, handwerkliche Fehler zu erkennen. Das klingt jetzt einfach, ist es aber nicht. Als Autor ist man gegenüber den eigenen Texten meist betriebsblind – logisch, denn wenn man die eigenen Fehler selber sofort sehen könnte, würde man sie nicht machen. Da hilft der Blick anderer Schreiberlinge enorm. Und zweitens ist es eine schwierige Sache, mit Kritik umzugehen. Deshalb legen wir sehr viel Wert darauf, nicht den Autor zu kritisieren („Du kannst nicht schreiben, lern lieber töpfern“), sondern zu sagen, was uns am Text seltsam vorkommt oder was logisch, technisch oder sprachlich nicht funktioniert. Aber obwohl wir dabei so freundlich und sachlich wie möglich vorgehen, sind die meisten Autoren doch zunächst mal am Boden zerstört. Kritik tut immer weh, auch wenn sie berechtigt ist, und obwohl alle sagen, dass sie extra wegen der Kritik gekommen sind, ändert das nichts daran, dass es weh tut. Das darf man nicht unterschätzen. Deshalb haben wir auch einen sozialen Bereich, in dem wir uns gegenseitig wieder auffangen.“

Etwas unvermittelt endete ihre begeisterte Rede und eine Lücke entstand. Ich reagierte einen Hauch zu spät, weil mein Kleinhirn wegen irgendwas protestierte: Ich hatte etwas vergessen. „Ich Bauer!“, stellte ich plötzlich fest und streckte endlich die Hand zum Gruße aus. „Wir haben uns noch gar nicht miteinander bekannt gemacht. Plana, mein Name. Guten Tag!“

„Guten Tag, Herr Plana“, sagte mein Gast. „Ich bin Astrid. Astrid Vollenbruch.“

„Astrid Vollenbruch?“ Ich lauschte in mich hinein. Nein, eigentlich lauschte ich, was meine Freunde tuschelten. Die Bücher um uns herum waren mit einem Mal ziemlich aufgeregt. „Sie haben die ‚Drei Fragezeichen‘ geschrieben.“

„Hm, ja, das ist jetzt aber auch schon Jahre her. Ich bin durch André Marx, mit dem ich seit Ewigkeiten befreundet bin, an die ??? geraten. Eines Tages fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, einen Band beizusteuern. Ich war und bin kein Fan der Reihe, aber es reizte mich, es auszuprobieren. Also habe ich sechs Einzelbände, eine Trilogie und zwei Bücher zu den Filmen geschrieben, zwei Bücher übersetzt und dann beschlossen, dass ich lieber wieder zur Fantasy zurückkehren wollte. Es war eine spannende Zeit, in der ich viel über Fans, Autoren und das Verlagswesen gelernt habe. Außerdem habe ich auch gelernt, wie es sich anfühlt, wenn ein eigenes Buch plötzlich gerichtlich verboten wird, weil meine Arbeit für Kosmos genau in die Zeit des Rechtsstreites mit EUROPA fiel.“

„Seltsam, dass ich bisher kein Bild mit Ihnen verbinden konnte.“ Ich hoffte, dass ich Astrid mit meiner nächsten Frage nicht zu nahe trat. „Sind Sie sehr Öffentlichkeitsscheu? Interviews oder Lesungen mit Ihnen sind mir nicht bekannt.“

Ihre Antwort war gleichsam überraschend, wie überzeugend: „Wenn ich sichtbar sein wollte, wäre ich Schauspielerin geworden, nicht Autorin. Ich rede nicht gerne über mich selbst. Hin und wieder habe ich Interviews gegeben, per Email, am Telefon oder auch auf der Buchmesse in Frankfurt, aber Lesungen lehne ich strikt ab. Ich bin der Meinung, dass niemand zwischen einem Leser und einem Buch stehen sollte, am wenigsten der Autor. Solange ich ein Buch schreibe, gehört es mir, aber sobald ich es veröffentliche, gehört es den Lesern und Leserinnen, und ich verschwinde. Das ist natürlich eine radikale Position, aber ich verlange ja nicht, dass alle sie teilen.“

Nun, der alte Antiquar in diesem Raum fand diese Ansicht überaus erfrischend. In erster Linie sollte das Wort und nicht die Person dahinter zählen. Mancher egozentrische Schriftsteller mit samt seinen Allüren konnte sich da eine Scheibe von abschneiden.

Die Bücher wisperten wieder, versuchten mir etwas über Astrid zu erzählen. Ich verstand sie nicht richtig. Also fragte ich nach: „Wurdest Du nicht sogar mal durch eine Komparsin ersetzt, weil du selbst nicht kommen wolltest?“

Astrid schüttelte den Kopf. „Nein, das war ein bisschen anders. Das Hörspiel zu meiner ???-Trilogie ‚Geisterbucht‘ wurde von Ohrkanus zum besten Hörspiel des Jahres 2012 gewählt. Ich habe an der Preisverleihung nicht teilgenommen, weil ich dafür nicht extra nach Berlin fahren konnte und weil ich mit der Hörspielproduktion nichts zu tun hatte. Stattdessen kamen wie üblich die Sprecher der ??? auf die Bühne. Ich weiß nicht einmal, was es für ein Preis war und wer ihn letztlich mitgenommen hat.“

Die Schöpferin des Werks offenkundig nicht, komplettierte ich im Geiste die Erzählung. Wie schade …

Ich setzte mich in Bewegung und schlenderte unauffällig die Regalreihen entlang. Natürlich fand ich prompt, was ich suchte in einem der Regale. Astrid Vollenbruch. Alle Titel. Es war, als hätten sich die Bücher ganz von selbst dort eingefunden, nur um just von mir entdeckt zu werden. Überrascht zog ich die Augenbraue hoch. „Glitzende Pferde?“

„Die sind aber auch auffällig…“ Lag da ein Hauch Sarkasmus in ihrer Stimme? „’Einhornzauber‘ beruht auf einer Idee von Kosmos. Sie wollten etwas Ähnliches wie ‚Sternenschweif‘, nur für eine ältere Zielgruppe von 10-12 Jahren. Fantasy ist ja mein bevorzugtes Genre, aber rosa Glitzer jetzt nicht so. Also habe ich gesagt: Gut, ich schreibe es, aber mein Einhorn ist schwarz. Und die Geschichte spielt auf meiner eigenen Welt, die ich schon seit dreißig Jahren entwickle. Der Verlag war einverstanden, gab mir freie Hand, und ich schrieb drauflos. Es wurde eine recht solide Fantasygeschichte, die bis heute treue Leserinnen findet und die ich seit Band 7 in Eigenregie weiterführe. Ohne Glitzercover. Den siebten Band, ‚Seelendieb‘, kann man als E-Book bei Amazon und als gedrucktes Buch direkt bei mir kaufen.“

Das Zielpublikum schien mir damit festgezurrt. Aber aus dem Augenwinkel erkannte ich, dass neben den ganzen Kinder- und Jugendbüchern noch mehr stand. „Sie sind also eingefleischte Kinder- und Jugendbuchautorin?“

„Ähm, nein. Eigentlich überhaupt nicht. Ich schreibe Fantasy“ Das sagte sie recht resolut. „In den Jugendbuchbereich bin ich durch Freundschaft und Zufall geraten. Die ??? haben Spaß gemacht, und Einhornzauber beschäftigt mich bis heute, aber seit den 70er Jahren bin ich rettungslos der High Fantasy verfallen. Ich fing mit Fanfiction zum ‚Mabinogion‘ an (das ist eine uralte keltische Sagensammlung), suchte eine Weile herum und fand schließlich mein Thema mit ‚Rabenzeit‘.“

Meine Hand verselbständigte sich und griff sich ein schwarzes Buch. Sinnigerweise war eine Möwe darauf abgebildet. Ich beschloss, nicht darauf einzugehen. Vielmehr blätterte ich interessiert im Innern des Werkes. „Fantasy? So richtig mit Karte, Orks und Elben?“ Ich war ehrlich erstaunt. „Sind Sie eine von Tolkiens zahlreichen Erben und Erbinnen? Oder hat Rabenzeit andere literarische Eltern?“

Sie zählte an zwei Fingern ab: „Fantasy, ja, Karte, ja.“ Den dritten Finger hob sie nicht. „Orks und Elben, nein. Natürlich hat Tolkiens ‚Herr der Ringe‘ mich beeinflusst, ebenso wie viele andere. In den 70ern machte sich die Fantasy auf die Reise in andere Gedankenwelten. Es ging um ungewöhnliche, exotische Schauplätze, aber auch um Alternativgesellschaften, fremde Kulturen und die Definition dessen, was Menschsein bedeutet, wenn es andere Grundbedingungen vorfindet. Als sich die meisten männlichen Autoren entweder in technische SF-Spielereien oder in immer neue Mordmethoden mit Schwert und Magie verabschiedeten, folgte ich Autorinnen wie C.J. Cherryh, Tanith Lee, Ursula K. Le Guin. Marion Zimmer Bradley war vom feministischen Standpunkt aus interessant, bis ich merkte, dass sie auf der Entweder-Oder-Schwelle stehengeblieben war: Sie schrieb über Kulturen, in denen Männer dominierten und Frauen nur die Wahl hatten, entweder behütete Sexsklavin oder unberührbare Kriegerin zu sein. Das war mir zu wenig. Also fing ich an, zu überlegen, wie eine Welt aussehen könnte, in der es den krankhaften Frauenhass unserer Welt nie gegeben hat. Araun fing als klassische pseudomittelalterliche Fantasywelt an und entwickelte sich zu einem lebendigen Organismus ohne den Dualismus, auf dem hier so viel gründet. Es gibt keine klassische Abgrenzung von Völkern wie ‚Mensche‘, ‚Zwerge‘ oder ‚Orks‘, sondern Dutzende von intelligenten Arten, die sich teilweise auch noch mit Elementargeistern verbunden haben. Und die Menschen sind auch keineswegs die ‚Krone der Schöpfung‘, sondern höchstens irgendwo im Mittelfeld kulturschaffender Spezies. Es gibt keinen Monotheismus und kein Schwarz/Weiß/Entweder/Oder, und die Götter sind keine menschliche Erfindung, sondern Geister mit unterschiedlicher Macht.

‚Rabenzeit‘ spielt allerdings in einem Land, in dem die Menschen glauben, dass von Elementargeistern eine schreckliche Bedrohung ausgeht. Deshalb wird die Magie seit Jahrhunderten unterdrückt und zerstört. Die Geschichte erzählt davon, wie sich der junge König von Ryondar mit diesem Erbe auseinandersetzt, während ihm gleichzeitig ein Pulverfass politischer Intrigen um die Ohren fliegt. Er ist die zentrale Figur, aber die Handlung wird von drei Frauen getragen: von seiner Schwester, einer Handwerkerin und einer Musikantin.“

Das war alles sehr interessant. So interessant, dass ich ‚Rabenzeit‘ schon mal griffbereit in meinen Ohrensessel legte. Gleich würde ich es mir zu Gemüte führen. Sobald ich endlich allein war. Meine Neugierde wollte eilig befriedigt sein. Nur das Buch und sein Leser. Nicht die Autorin. Niemand sollte zwischen mir und dem Buche stehen …

Vorher musste ich aber noch etwas anderes erledigen: Ich drückte John Does Manuskript Astrid in die Hand. „Das ist genau das Richtige für Sie. Glauben sie mir“, sagte ich. „Genau das Richtige. Für Sie und Ihr Federfeuer.“

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