Alle Beiträge von Markus_Walther

zu Besuch im Antiquariat: Monika Loerchner

Es begann ein neuer Tag im Antiquariat. Ich war bereit für allerhand Schandtaten und voller Motivation die Dinge, die mich erwarteten, in Angriff zu nehmen.
Nun …
Ehrlich gesagt, ist das ein wenig geflunkert. Der Tag war zwar tatsächlich neu, doch ich blieb noch der alte Mann, der ich anscheinend immer schon gewesen war. Der Blick in den Spiegel hatte mir das vorhin bewiesen. Entsprechend missmutig schlurfte ich die Stiege aus meiner Wohnung hinunter in das Antiquariat.
Eigentlich hätte ich vor einer Viertelstunde den Laden aufschließen müssen. Aber im August, mitten in der Urlaubszeit, verirrte sich sowieso niemand in meinen muffigen Bücherfundus. Wozu dann also die Eile?

Jemand pochte heftig gegen die Schaufensterscheibe und bat auf diese Weise ungeduldig um Einlass. „Wer hat es denn da so eilig in Planas Buchantiquariat zu kommen?“, fragte ich meine Freunde in den Verkaufsregalen. Ein vielstimmiges Wispern, das zwischen ihren Seiten raschelte, erhielt ich als prompte Antwort.
„Eine Schriftstellerin?“ Ich zog angenehm überrascht eine Augenbraue hoch. Literarischen Besuch hatte ich seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr bekommen. Neugierig schaute ich mir die Person durch das Fenster an, während ich gleichzeitig die Tür aufschloss.
Ich schätzte die dunkelhaarige Dame auf Mitte dreißig. Vielleicht etwas jünger. Sie machte einen recht sympathischen Eindruck.

„Guten Morgen und herzlich willkommen in meinem bescheidenen, kleinen Bücherladen“, begrüßte ich sie. „Was darf ich für Sie tun? Hier bleiben, wenn es sich um das geschriebene Wort handelt, keine Wünsche offen.“
„Guten Morgen“. Ihr Blick streifte mich nur beiläufig und wandte sich dann meinen geschätzten Freunden zu. Sie schloss die Augen und atmete tief ein und aus, was mir ein Schmunzeln entlockte. Endlich mal wieder eine Kundin, die das unverwechselbare Bouquet meiner Bücher zu schätzen wusste!

Mit einem leisen Seufzen öffnete sie die Augen. „Ich wollte mich eigentlich erstmal in Ruhe umschauen.“ Täuschte ich mich, oder schwang da ein leicht vorwurfsvoller Ton mit? So viel zu spät war ich doch gar nicht! „Aber wenn Sie mich schon fragen … Haben Sie zufällig eine illustrierte Ausgabe von Dumas‘ ‚Der Graf von Monte Christo‘ da?“
„Die sechs Einzelbände? Oder doch lieber eine Gesamtausgabe?“ Das Bisschen Angeberei konnte ich mir nicht verkneifen. „Ich hätte beides in einer ansonsten vergriffenen Auflage hier. Oder soll es ein Reprint sein?“ Ohne wirklich danach zu suchen, griff ich in eines der Regale und holte ein Exemplar der schmucken Gesamtausgabe hervor und legte sie auf den Verkauftresen. „Ist das Ihre übliche Lektüre? Sie müssen wissen: Ich schätze meine Mitmenschen gerne nach ihren Lesegewohnheiten ein. Was lesen Sie so in Ihrer Freizeit?“

Sie runzelte die Stirn. „Was ich lese? Fast alles, würde ich sagen. Solange die Qualität stimmt. Liebesgeschichten vertrage ich nur in geringem Maße und sie dürfen auch nicht zu schmalzig sein. Mit Erotik und zu viel Brutalität dagegen können Sie mich jagen.“

Neben der Kasse lag plötzlich ein weiteres Buch, gerade so, als hätte es immer schon da gelegen. Ein subtiler Hinweis meiner Freunde, wen ich vor mir hatte. Ein Hauch Magie aus dem Buchland. Nicht handlungstragend, aber ein stimmungsvoller Effekt. Beiläufig schob ich also den Roman „Hexenherz“ in ihr Blickfeld. Der Untertitel „Eisiger Zorn“ blitzte kurz im Strahl eines verirrten Sonnenstrahls auf.
„Oh! Das ist ja …“ Amüsiert beobachtete ich, wie meiner Besucherin das Blut in die Wangen schoss. „Äh, also … Haben Sie dieses Buch schon gelesen? Das da?“, stotterte sie. „Das ist nämlich, nun, also zufällig meins. Also nicht meins im Sinne, dass es mir gehört, sondern, also, ich habe es geschrieben.“
Langsam, fast ehrfürchtig machte sie einen Schritt nach vorne, lächelte, streckte die rechte Hand aus und strich zärtlich über das Cover ihres Buches.

„Sie sind also Frau Monika Loerchner?“ Ich tat überrascht. Dann deutete ich auf das Paperback. „Hexen! Ich tippe mal ganz vorsichtig, dass es kein Historienroman ist. Fantastik? Und inhaltlich eine emanzipierte Story über eine Frau, die sich in einem feindlichen Umfeld beweisen muss?“
Sie lachte. „Ein bisschen Historie ist es schon. Wenn Sie unbedingt ein Genre haben wollen, sehen Sie es als ‚Eventualgeschichte‘ an. Oder als ‚Alternative History‘, das klingt schmissiger. Mit der ‚emanzipierten Story über eine Frau‘ haben Sie aber ganz schön drumherum geredet. Tatsächlich sind es die Männer, die sich in ‚Eisiger Zorn‘ emanzipieren müssen. Was sie aber nicht können, weil sie über keine Magie verfügen.“
Ich beugte mich interessiert vor. „Also sind alle Frauen Hexen oder wie stelle ich mir das vor?“
Sie wog den Kopf auf eine Art hin und her, die wohl „Jein“ heißen soll. „Jein. Jede gebärfähige Frau ist auch der Magie fähig, sofern diese erweckt wurde und sie weder schwanger ist, noch die Zeit ihrer Magieerneuerung hat. Sie wissen schon: Einmal im Monat sind Frauen ja bekanntlich etwas anders … In dieser Zeit erneuert sich ihre Magie, das ist die große Schwachstelle der Hexen.“

Ich stutzte und erwischte mich dabei, dass ich die Stirn krauszog. „Und was genau ist daran jetzt eventualhistorisch?“
„Nun, ich gehe in meinem Buch davon aus, dass es Hexen wirklich gegeben hat. Nur hat die Inquisition mit ihren Vorstellungen völlig falsch gelegen: Zum einen war fast jede Frau eine Hexe, sie musste nur ihre Magie erwecken lassen. Zum anderen war dieses Wissen einer kleinen, machtgierigen Elite vorbehalten, die es eifersüchtig hütete. Bis eines Tages die Freundin zweier Hexen unschuldig, da unwissend und unerweckt, auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Daraufhin beschlossen die Schwestern, ihr Wissen mit der ganzen Welt zu teilen und die Magie jeder Frau zu erwecken. Es folgte der ultimative Kampf Frauen gegen Männer, die sogenannten ‚Hexenkriege‘. Wie das Ganze ablief, kann man anhand kleiner Auszüge aus den Geschichtsbüchern nachlesen, die ich im zweiten Teil des Buches den einzelnen Kapiteln vorangestellt habe. Die eigentliche Geschichte, Helenas Geschichte, spielt 550 Jahre später, im Jahr 2016, hier mitten in Deutschland. Oder besser gesagt“, sie lächelte breit, „inmitten des Goldenen Reiches, in dem natürlich die Frauen das Sagen haben. Und die Männer“, sie zuckte mit den Schultern, „Nun, sagen wir mal so: Frauen sind auch nicht besser darin, fair zu sein.“

Ich beschloss, die Dinge beim Namen zu nennen. „Also werden in Ihrem Buch die Männer diskriminiert?“
Sie nickte. „Ja. Und unfruchtbare Frauen, sogenannte ‚Fräulein‘.“
„Auch von der Hauptperson, dieser Helena?“
Meine Besucherin lachte. „Oh ja! Helena ist so etwas wie ein weiblicher Macho. Man muss ja bedenken, dass es in der Gesellschaft, in der sie lebt, seit Jahrhunderten vollkommen normal ist und als von der Göttin gewollt gilt, dass die Frauen die Oberhand haben.“
„Es gibt also eine weibliche Göttin?“
„Logisch: Warum sonst sollten nur Frauen über Magie verfügen? Wenn Frauen von einer höheren Macht so absolut bevorzugt werden, ist es klar, dass man diese höhere Macht dem Weiblichen zuordnet“
Ich ertappe mich, wie ich zustimmend nickte. Das ist tatsächlich logisch.

„Diskriminierung im Allgemeinen und der Kampf der Geschlechter im Speziellen wurden also verpackt in einem Roman? Denken Sie, dass Frauen, wenn sie denn die Führung übernehmen würden, tatsächlich ein Dominanzverhalten wie Männer an den Tag legen würden?“
„Hm.“ Sie neigte den Kopf leicht zur Seite und schwieg eine Weile. „Na ja“, begann sie dann, „um ehrlich zu sein glaube ich nicht, dass sich Männer und Frauen da groß unterscheiden. Fakt ist doch, dass sich oft erst, wenn ein Mensch absolute Macht bekommt, herausstellt, wie er wirklich ist. Erst wenn er tun kann was er will, zeigt sich doch, ob er wirklich gut oder schlecht ist. Macht hat schon vielen Menschen den Kopf verdreht, da sind Frauen keine Ausnahme. Natürlich sind Männer und Frauen nicht gleich. So denke ich etwa, dass es Homosexuelle in einem Matriarchat besser hätten; dafür denke ich sind Frauen untereinander harscher. In der Summe aber glaube ich nicht, dass es einen großen Unterschied machen würde, wenn ein Geschlecht allein an der Macht wäre, das ist immer schlecht und verkehrt: Wie soll die Welt funktionieren, wenn eine Hälfte die andere unterdrückt?“

„Ist die Geschichte als Metapher anzusehen, die zwischen den Zeilen unserer Gesellschaft einen Spiegel vorhalten möchte? Oder möchten Sie mit Ihrem Werk nur gut und spannend unterhalten?“
„Beides natürlich. Helena ist ja das perfekte Beispiel für nicht böse gemeinten, aber tatsächlich sehr schädlichen Alltagssexismus. Und der funktioniert in beide Richtungen. Aufzuzeigen, wie verquer manche Verhaltensweisen dem anderen Geschlecht gegenüber sind, hat auch mir selbst den Spiegel vorgehalten, ich bin da ja auch nicht perfekt.“
Während ihrer Ausführungen hat sich die Schriftstellerin bis an den Verkaufstresen herangeschoben, wo sie nun versuchte, möglichst unauffällig den Buchdeckel der Monte Christo-Gesamtausgabe zu heben und darunter zu schielen. Sie suchte nach dem Preis. Ich seufzte. Erstautoren verdienen oft nicht viel Geld und dieses besondere Dumas-Schätzchen hatte natürlich seinen Preis.

Mit einem Zwinkern drückte ich das Buch etwas näher an sie ran. Gleichzeitig lenkte ich die Aufmerksamkeit zurück auf ihr eigenes Werk. „Was war der Auslöser, die Keimzelle der Story?“
„Nach einer langen Pause begann ich wieder zu schreiben und nahm an einigen Schreibwettbewerben teil. Einer davon forderte den Beginn einer Geschichte, die es so noch nie gegeben hatte.“ Monika senkte ihre Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. „Und während ich darüber nachdachte, lief eine dieser Teenie-Fantasyserien im Fernsehen. Sie wissen schon: attraktive männliche Vampire, attraktive weibliche Hexen, alles immer im Verborgenen. Das hat mich genervt.“ Sie sprach wieder in normaler Lautstärke weiter. „Wie bei allen Verschwörungstheorien: Wenn es tatsächlich Vampire geben würde, dann würde das – wie etwa bei True Blood – herauskommen, in Sachen Hexen ebenso. Und schon war dieser ‚Was wäre wenn …?‘-Gedanke geboren. Dann kamen noch zig andere Dinge hinzu und eins ergab das Andere.“

„Romane mit einer zweiten Überschrift wie ‚Eisiger Zorn‘ lassen vermuten, dass es eine Fortsetzung gibt …“, stellte ich fest.
Wieder deutete sie per Kopfbewegungen ein „Jein“ an. „Tatsächlich erscheint das nächste Buch, das in der Hexenherzwelt spielt, im September 2018. Mir ist aber wichtig, keine Fortsetzung im klassischen Sinne zu schreiben, sondern eine neue Geschichte, die man auch ohne Vorwissen aus ‚Eisiger Zorn‘ lesen kann.“

Da ich keine Alte mit Warze auf der Nase vor mir hatte, ließ ich mich zu einer weiteren, nicht ganz ernst gemeinten Frage hinreißen: „Mich würde interessieren, wie es bei einer Hexenautorin daheim aussieht. Pentagramme auf dem Fußboden im Keller und vor der Haustür einen Kräutergarten?“
Sie lacht. „Tut mir leid, aber da muss ich Sie auf ganzer Linie enttäuschen! Wir mögen kräftige Farben, Kontraste und viel Licht. Und Grünpflanzen – obwohl die bei uns ein hartes Dasein fristen. Da mein Mann ein eigenes Hobbyzimmer hat, verteilen die Kinder und ich uns großzügig mit über das Wohnzimmer, sprich: Bücher und Spielzeug bilden ein mildes Grundchaos. Also eher Lego auf dem Fußboden, im Keller die Waschmaschine im Dauereinsatz und in der Küche vertrocknete Kräuter auf der Fensterbank.“

Das hörte sich wirklich nicht nach einer Hobbyhexe an. „Und was bringt Magie in Ihr Leben?“
„Mein Mann und meine Kinder natürlich. Familie und Freunde. Die ganze Welt. Sie wissen schon, wie beim Freiherrn von Eichendorf: ‚Schläft ein Lied …‘ – Man muss nur die Augen offen halten. Ach ja, und natürlich Bücher! Wie dieses hier.“ Sie hält den Dumas hoch. „Wie viel wollen Sie nochmal dafür haben …?“
Ich musste eine Antwort schuldig bleiben. Zwei Kinder stürmten in meinen Laden, gefolgt von einem Mann. „Sorry“, sagte er zu Frau Loerchner, „das Eis ist aufgegessen. Bist du hier fertig?“

Und so verließen sie kurz darauf meinen Antiquariat. Ob sie bemerkt hatte, dass ich ihr unauffällig den Graf von Monte Christo in die Tasche gesteckt hatte? Egal … Früher oder später würde sie es bemerken. Zufrieden blickte ich mein Spiegelbild, das sich im Schaufenster abzeichnete, an. Mit diesem verschmitzen Lächeln sah mein Gesicht gar nicht mehr so alt aus.

Chaos und Ordnung

Der Tag war noch jung und frisch, als ich das Antiquariat betrat. Beatrice stand am rückwärtigen Verkaufsregal und räumte eines der Bretter leer. Die Bücher, aus ihrem staubigen Schlaf geweckt, stapelten sich nun auf dem Tresen neben der Kasse, warteten ungeduldig darauf, wieder zurück an ihren Platz gestellt zu werden.
Beatrice“ sagte ich verwundert, „was treiben Sie da?“
Ich mache sauber!“ Es klang tatsächlich etwas vorwurfsvoll. „Herr Plana, wann haben Sie das letzte Mal einen Lappen in der Hand gehabt?“
Einen Lappen?“ Ich war tatsächlich leicht perplex und das brachte mich in eine ungewohnte Defensive. Ich versuchte mich in einer Rechtfertigung: „Das ist ein Bücherantiquariat. Da gehört eine leichte Staubschicht zum guten Ton.“
Ich glaube nicht, dass eine Staublunge zu den üblichen Berufskrankheiten einer Buchhändlerin gehört.“
Dem konnte ich nicht widersprechen. Außerdem war sie ja meine Angestellte. Es war schließlich ihre Aufg …
Sie können sich den Staubwedel nehmen“, unterbrach sie meine Gedankengänge.
Just in diesem Augenblick bimmelte das Türglöckchen.
Eine Frau und ein Mann gesellten sich zu uns. Die Tatsache, dass sie Hand in Hand in den Laden kamen, verriet mir schon einiges. Doch ich nahm mir die Muße, sie eingehender zu betrachten.
Sie war mittelgroß, ziemlich schmal von Statur, hatte dunkelbraune Haare und ein sehr markantes Tattoo auf dem nackten Oberarm. Sie machte einen freundlichen, sympathischen Eindruck, wenngleich sie mir etwas träumerisch, entrückt vorkam.
Ihr Begleiter wirkte etwas kräftiger. Sein ebenfalls braunes Haar zeigte allerdings schon ein paar unschmeichelhafte, gräuliche Einschläge. Seine intelligenten Augen blitzten hinter runden Brillengläsern.
Beatrice schickte sich an, den Lappen aus der Hand zu legen. Doch da der Staubwedel für mich keine Option war, bedeutete ich ihr, dass sie mit ihrer Arbeit ruhig fortfahren könne.
Was kann ich für Sie tun?“
Man hat mir gesagt, dass sie neuerdings auch aktuelle Titel im Sortiment haben“, sagte der Mann. Ich wusste es noch nicht richtig einzuschätzen, aber irgendwie erschien mir das Gesagte herausfordernd und lauernd. „Und … Außerdem hat man mir gesagt, dass Sie Ihren Kunden an der Nasenspitze ansehen können, welches Buch Sie gerne hätten.“
Um mich herum setzte das Wispern der Bücher ein. Ich lauschte.
Das klappt nie, Heinz“ flüsterte die Frau ihrem Liebsten zu.
Wart’ ab, Judith“, raunte der Mann zurück.
Das Flüstern um mich herum verebbte. Nun wusste ich mehr. „Ich gehe recht in der Annahme, dass sie gerne einen Roman hätten? Vielleicht etwas aus der Fantastik?“
Misstrauisch und zögerlich nickte Judith. Heinz setzte ein triumphierendes „Hab-ich-doch-gesagt-Lächeln auf.

Es war für die beiden alles nur ein Spiel. Sie wollten nicht wirklich dieses Buch kaufen. Sie wollten nur wissen, ob ich es in meinem Sortiment führe. Wenn es doch immer so einfach wäre, Menschen glücklich zu machen! Ich ließ mich auf das Spiel ein und tat so, als würde ich nach einem passenden Buch suchen.
Entschuldigen Sie das Chaos. Meine Mitarbeiterin macht gerade etwas Ordnung.“ Jetzt griff ich fast blind in eine Auslage. Das entsprechende Buch hüpfte mir fast in die Hand. „Das hier dürfte genau das Richtige für Sie sein“, sagte ich süffisant lächelnd und reichte das Werk an die Frau. „Von J.H. Praßl. – dürfte ganz Ihr Geschmack sein.“

Nachlese: Herr Plana auf der Buchmesse

Eigentlich mag ich ja die Stille, die Ruhe und den Ohrensessel in meinem Antiquariat. Aber meine Bea meinte, dass ich mich wenigstens aus beruflichem Interesse mal in die Ferne wagen solle. Also hat sie mich in meinen alten Käfer gesetzt, mir Frankfurt auf der Landkarte gezeigt und mich Richtung Süden geschickt. Das Gedränge war wirklich nicht meins. Diese Marktschreierei im Namen der Literatur entspricht nicht meiner Mentalität. Und diese allgegenwärtigen verkleideten Leute, diese Cosplayer, schienen Realität mit Fiktion zu verwechseln (was sie mir aber eigentlich richtig sympatisch machte).

Ich wollte gerade gehen, da fand ich diese Abteilung mit antiquarischen Büchern. Ab diesem Moment war es um mich geschehen …

alte Bücher
Wurderbar erhalten. Ein Schmuckstück in der antiquarischen Abteilung
Galaries Historiques de Versailles
Würde in Planas Buchantiquariat einen Ehrenplatz bekommen
Terry Pratchett als Buchstütze
Terry Pratchett als Buchstütze. Nicht antiquarisch – aber schön anzusehen.
Buch mit Schließen
Dieses Buch wird ein paar Kilo wiegen. Herrlich anzusehen!
History of England
History of England
Geschnitzte Bücher
Holzbücher für Holzköpfe? Nein, das ist Kunst.
Kunst im Buch
Kunst im Buch als Sonderformat, damit die Bilder in Originalgröße dargestellt werden können.

 

zu Besuch im Antiquariat: Leander Wattig

Es war einer dieser Tage, an denen es mir an innerer Ruhe fehlte. Auf der Straße lärmten die Autos, am Himmel dröhnten die Flugzeuge und Beatrice schob lautstark Möbel im Verkaufsraum meines Antiquariats hin und her. Meine Mitarbeiterin war mal wieder im Deko-Fieber. Werbebanner, Staffeleien, Poster. Sockel, Podeste, Ständer. Alles bekam heute einen neuen Platz zugewiesen.
Ich saß im angrenzenden Arbeitszimmer in meinem Ohrensessel und versuchte zu lesen. Doch als mir schließlich auffiel, dass ich diese verflixte Zeile nun zum vierten oder fünften Mal las, ohne sie tatsächlich zu verstehen, klappte ich meinen Stanislaw Lem zu.

„Beatrice!“, rief ich. „Haben Sie erbarmen. Bevor Sie bei mir angefangen haben, hat mein Laden auch ohne Werbung funktioniert!“
„Bevor ich bei Ihnen angefangen habe“, gab Beatrice keuchend zurück, „war Ihr Laden eine verstaubte Einöde, Herr Plana. Klappern gehört zum Geschäft.“ Die Geräuschkulisse unterstrich ihre Aussage: Klappernd – wie der für später erhoffte Werbeeffekt – zog sie ein Regal von der einen Seite zur anderen des Raumes. „Es würde helfen, wenn Sie kurz mit anfassen würden.“
Ich schnaubte. Das sollte als Antwort genügen. Dann nahm ich meinen Stock und schlurfte zu meiner Internetmaschine. Vielleicht würde mich eine kurze Reise in die Weiten des Webs etwas ablenken. Beatrice hatte mir doch neulich dieses „Twitter“ und dieses „Facebook“ erklärt. Mal sehen, wer was mit Büchern macht …

Den Rest des Nachmittags verbrachte ich mit einer unbestimmten Recherche zum Thema Literatur. Insbesondere über einen Namen stolperte ich dabei sprichwörtlich immer wieder. Ich ertappte mich dabei, wie ich leise sagte: „Diesen Herrn würde ich doch gerne mal kennenlernen.“
Just in diesem Moment klingelte das Messingglöckchen an der Ladentür. Ein junger Mann, ich schätzte ihn auf Mitte dreißig, betrat mein Antiquariat. Leger in Jeans und Shirt gekleidet machte er einen sehr … alltagsgeeigneten Eindruck auf mich.
„Guten Tag, Herr Wattig“, begrüßte ich ihn freundlich. Natürlich hatte ich ihn gleich erkannt. Es waren mir nicht gerade wenige Fotos dieser Person vorhin im Internet begegnet. Ich ignorierte sein Erstaunen und tat, als wäre es das Normalste der Welt, dass ich ihn mit Namen ansprach. Mit aller Selbstverständlichkeit führte ich ihn in mein Arbeitszimmer, bot ihm höflich einen Sitzplatz an und fragte dann: „Kaffee, Tee, Wasser oder Wein?“
„Zuhause würde ich schwarzen Tee bevorzugen.“ Mein Gast lächelte unverbindlich. „Aber ich glaube, ich möchte jetzt lieber einen Kaffee.“
Also mopste ich mir Beas Thermoskanne und schenkte uns zwei Tassen ein. „Was lockt Sie denn in mein bescheidenes Antiquariat?“
Herr Wattig lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und ließ seinen Blick über die Bücherregale streifen. „Ich liebe Antiquariate. Mein Großvater hatte selbst eines. Und sie sind ja absolut modern, indem die Buchausstattung auch für neue Bücher wieder wichtiger wird als Thema und Argument.“

Thema und Argument. So, so. Das war jemand, der offensichtlich nicht nur etwas mit Büchern machte, sondern auch gerne darüber redete. Wie schön! Eine gute Gelegenheit, ein kleines Interview anzufangen, dachte ich bei mir. Aber trotz meiner ganzen Infos, die mir das Internet eben beschert hatte, war ich mir immer noch nicht so richtig sicher, wen ich da eigentlich vor mir hatte. Das Einfachste wäre wohl, ihn zu fragen. „Es gibt im Literaturbetrieb die Autoren, die Lektoren, die Verleger und die Buchhändler. Und es gibt Leander Wattig. Wo ordnen Sie sich in dieses Gefüge ein?“
Herr Wattig lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander. Als er mir antwortete, strahlte er das Selbstbewusstsein eines geübten Redners aus. „All diese Leute und noch viele neue Gruppen dazu müssen ja miteinander ins Gespräch kommen – vor allem in diesen Zeiten des Wandels, die ganz neue Anforderungen stellen, die zudem zunächst einmal noch unbekannt sind. Da wird das immer wichtiger. Das unterstütze ich seit langem mit meinen eigenen und den Veranstaltungen im Auftrag, die ich organisiere.“

„Also gehören Sie zu den Menschen, die dafür sorgen, dass Schreiber, Leser und alle Leute dazwischen zueinander finden“, stellte ich lapidar fest. „Nicht nur im Internet, sondern auch in der wirklichen Welt.“ Ich nippte an meinem Kaffee und musterte nochmal meinen Gegenüber. ‚Ein Mensch, der so viel mit dem Internet zu tun hat‘, durchfuhr es mich, ‚hat vermutlich eine andere Einstellung zu Büchern, als ich.‘ „Woran erkennt man – wo sich scheinbar jeder dazu berufen fühlt, etwas zu veröffentlichen – ein gutes Buch?“
Herr Wattig antwortete nicht gleich. Der Moment, vielleicht nur ein Wimpernschlag, der verstrich, setzte auf die folgenden Sätze einen besonderen Akzent. „Ein gutes Buch ist erstmal eines, das gefällt. Das Schöne heute ist, dass das Publizieren so günstig geworden ist. Stichwort Self-Publishing. Früher wäre es unwirtschaftlich gewesen, diese eine Papageienbiografie zu publizieren, die am Ende 2,5 Leser findet. Heute ist das anders. Wenn diese Leser dann glücklich sind, ist alles fein. Das mag ich sehr an der Demokratisierung des Betriebes und da stört mich der Dünkel oft sehr, der aber zum Glück nachlässt. Ansonsten gibt es sicher Qualitätskriterien zu Inhalt und Form, die man anlegen kann. Das ist ein weites Feld. Am Ende können wir froh sein, wenn überhaupt gelesen wird.“

‚Das ist eine … schöne Argumentation‘, musste ich insgeheim zugeben. Zwei und ein halber Leser! Irgendwie fand ich die Vorstellung amüsant, dass man halbe Leser als Erfolg verbuchen konnte. Ich erlaubte mir ein Schmunzeln. Doch dann wollte ich rasch zurück zum Thema. „Wir leben in einer Zeit, in der im Internet lauthals erzählt wird, was man so macht. Insbesondere Autoren versuchen sich aus der Masse der Mitbewerber hervorzutun. Braucht man da wirklich noch einen Hashtag ‚Ich mach was mit Büchern‘?“
„Ich mach was mit Büchern“ habe ich 2009 gestartet, als diese Art Vernetzungsgedanke noch sehr neu war“, sagte Herr Wattig. „Entsprechend groß war die Resonanz von Hunderten Blogs und Hunderten Menschen. Die Berechtigung war groß. Heute gibt es da viel mehr und ich freue mich, dass der Grundgedanke sich durchgesetzt hat. Dazu war es ja gedacht. Die Plattform selbst ist heute einfach eine Art Blog, der Einblicke in den Buchbetrieb vermittelt und der treue Leser hat.“

Von vorne, aus dem Verkaufsraum hörten wir ein lautes Scheppern. Dann fluchte Beatrice. Ihre Worte möchte ich hier nicht wiederholen.  Aber sie sagte noch: „Sie brauchen mir nicht zu helfen!“ Das triefte vor Ironie, deshalb überhörte ich es geflissentlich.
„Werbung kann anstrengend sein, nicht wahr?“
Beatrice klang etwas angesäuert. „Ich. Komme. Klar.“

Wunderbar! Dann konnte ich ja mein Gespräch fortführen. „Vor fünf/sechs Jahren war Ihr Bücher-Hashtag auf Twitter ein Paradebeispiel für virales Marketing. Waren Sie davon überrascht oder war es geplant? Gibt es vielleicht ein Patentrezept für virales Marketing?“
Herr Wattig machte Anstalten, Beatrice helfen zu gehen. Ich bedeutete ihm mit einem Wink sitzen zu bleiben.
„Social Media ist ja letztlich nur eine Art, Informationen zu strukturieren, zu transportieren und zu filtern“, erklärte er mir. „Die Kommunikation wird dabei als Instrument genutzt. Der Hashtag wiederum dient einfach der Verschlagwortung – ein Prinzip, das Buchmenschen wohl bekannt ist. Insofern ist es in der Rückschau gar nicht überraschend, wenngleich in dem Moment nicht viele damit gerechnet haben, wie das ja immer so ist bei so neuen Feldner. Ein Patentrezept für Marketing gibt es nicht. Nur Erfahrungen, die man austauschen kann, um die Erfolgswahrscheinlichkeit zu erhöhen. Genau dafür veranstalte ich seit 2011 den Virenschleuder-Preis.“
Ich fragte: „War in der Anfangszeit damit Geld zu verdienen?“
„Marketing gibt ja eher Geld aus, als dass es welches verdient. Insgesamt werden die Leute natürlich geübter im Einsatz des Social-Media-Handwerkszeugs. Gleichzeitig wird der Kampf um Aufmerksamkeit aber natürlich immer intensiver, weil eben alle mitspielen. Alle schreiben ins Netz – das gilt im Bereich Social Media Marketing ebenso wie im Bereich Self-Publishing. Wir kennen das ja aus der Buchbranche seit langem: Viel Geld verdienen die wenigsten.“

‚Das ist eigentlich schade‘, dachte ich. ‚Bei der ganzen Arbeit, die dahinter steckt, sollte doch auch der Lohn stimmen.‘ Laut sagte ich nur: „Piraten, Raubkopierer, Gratismentalität … Wie sähe in Zeiten der unbegrenzten, digitalen Bücherwelt in Ihren Augen ein funktionierender Literaturbetrieb aus? Und wie verdienen künftig Autoren ihr Geld?“
Herr Wattig seufzte. „Gratismentalität ist ja ein oft bemühtes Stichwort. Die Buchbranche hat ja vielmehr das große Glück, dass der Buchnimbus so groß ist und das Verhalten so tief verankert ist, dass Menschen im Digitalen auch bereit sind, relevant Geld für Bücher auszugeben. Selbst wenn manche illegal herunterladen. Die Mehrheit der Leute zahlt gern mal für ein E-Book so viel, wie ein Monatsabo bei Spotify für gefühlt fast die ganze Musik dieser Welt kostet. Insofern gibt es auch Gründe, die Dinge nicht nur negativ zu sehen. Ohnehin muss auf solchen positiven Effekten aufgebaut werden, wenn man die Zukunft da erfolgreich gestalten will. Die Negativentwicklungen zu benennen ist jetzt keine Kunst.“

„Apropos Geldverdienen! Sind Sie hauptberuflich Buchmensch? Wie sieht denn ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?“
Ich erntete ein kurzes Lachen. Dann sagte Herr Wattig: „Selbst und ständig. Tatsächlich ist das sehr unterschiedlich. Ich bin viel auf Reisen, habe aber auch schnöde Office-Tage. Das hängt immer sehr von den Projekten ab. Gerade war ich drei Wochen auf Vortrags- und Pressereise in Brasilien und Mexiko, auch sowas gehört dazu. Aber auch nach 10 Jahren Selbstständigkeit macht all das großen Spaß und ich habe nicht vor, grundlegend etwas zu ändern.“
Das konnte ich mir vorstellen. Wer hätte gedacht, dass man im Auftrag der Bücher so weit herumkommt? Meine kleine Welt zwischen den Regalen meines Antiquariats kam mir ganz kurz zu klein vor. Dann erinnerte ich mich daran, dass gerade diese kleine Welt mein Tor ins Überall war.

Ich hob meine Hand und zählte an den Fingern ab: „Sie sind im Vorstand der Theodor Fontane Gesellschaft, sind Eventveranstalter, Gründer von Orbanism, Dozent an der Universität der Künste in Berlin und gern gesehener Redner.“ Nachdem ich beim Daumen angekommen war, hörte ich lieber auf, die Aktivitäten des Leander Wattig aufzulisten. „Sie scheinen mit Ihren Ideen und Ihrem Können oft offene Türen eingerannt zu haben. Täuscht der Eindruck?“
„So offen waren die oft nicht.“ Er schüttelte den Kopf. „Vielmehr bin ich oft mit der Nase dagegen gerannt. Manche haben sich dadurch weiter geöffnet. In der Rückschau wirkt das dann immer sehr folgerichtig. Wenn ich aber mit meinen Themen 2007/08 zu eingefleischten Branchenleuten kam, haben sie mich oft angeschaut, als wäre ich grad vom Mond gelandet. Aber das gehört eben dazu, wenn man seinen Weg gehen will: Man muss auf das eigene Urteil vertrauen.“

Irgendwann war es wohl Abend geworden. Der Lärm auf der Straße war verklungen, mein unverhoffter Besuch hatte sich verabschiedet und auch Beatrice war mit ihren Arbeiten fertig geworden. Das Schaufenster sah in der Tat sehr ansprechend aus. Alte Klassiker, aktuelle Bestseller und auch ein paar unbekanntere Independendbücher waren dort ausgestellt worden.

Eine kleine Familie – Vater, Mutter, Kind – schauten sich von draußen begeistert die Auslage an. Ich sah ihnen an den Nasenspitzen an, dass sie gleich hereinkommen würden, um ein Buch über irgendwelche Vögel zu kaufen. ‚Zwei Komma Fünf Leser‘, durchfuhr es mich.
Ganz schön schlau, dieser Herr Wattig.

zu Besuch im Antiquariat: Norman Liebold

In den Sommermonaten blieb es in meinem kleinen Buchantiquariat immer besonders ruhig. Dabei war es egal, ob ein Azorenhoch brütende Hitze oder ein Atlantiktief ständig Regen in die Straße trieb. Im muffigen Halbdunkel zwischen den staubigen Regalen, vollgestopft mit Büchern aller Art, machte ich in dieser Zeit meine ganz eigenen Kurzurlaube im Land der Phantasie. Wenn die Ladentür dann manchmal doch aufging, einen Kunden wie Strandgut hereinspülte und mich von den Gestaden ferner Welten zurückholte, empfand ich das eher als störend.

Es war an ein Tag Anfang August. Das Glöckchen im Rahmen der Tür kündigte einen Besucher an. Mit einem Seufzer warf ich „Navigator“ beiseite, stemmte mich aus meinem Sessel hoch und schlurfte in den Verkaufsraum hinter den Tresen.
Dort stand ein Mann mit den Händen in den Hosentaschen. Ich musterte ihn: Den Kopf zierte eine Glatze, das Gesicht wurde von einem Bart und einer Brille dekoriert. Markant gekleidet mit einem Mittelalterhemd. Darüber trug er eine Lederschultertasche. An der Hüfte machte ich eine dazu passende Ledergürteltasche aus. Ich schätzte meinen Besucher auf vierzig. Oder so.
Einer Ahnung folgend, legte ich den Kopf schief, lauschte dem Wispern meiner Bücher und bekam auch rasch die Antwort, nach der mir verlangte: Als hätte ich es nicht geahnt! Das war der Verfasser meiner aktuellen Lektüre …

Deshalb bemühte ich mich, meinen zu mürrischen Gesichtsausdruck abzulegen, hob die Mundwinkel freundlich und fragte: „Was darf ich für Sie tun, Herr Liebold?“
„Ich…“, begann er und zog leicht die rechte Augenbraue nach oben, überlegte einen Moment. „Um ehrlich zu sein, weiß ich das nicht genau. Eigentlich wollte ich zum Bahnhof, aber dann konnte ich nicht an dieser Tür hier vorbeigehen. Etwas zog mich an. Oder hinein. Mh.“ Er schaute sich um. „Ein Antiquariat“, stellte er fest. Er schaute sich kurz um, dann begann er zu lächeln. „Ein wirklich Schönes… vielleicht können Sie wirklich etwas für mich tun. Ich suche schon länger ein paar Büchlein, die man nicht mehr aufgelegt hat.“ Er musterte mich mit einem schwer zu deutenden Blick, dann nannte er schnell hintereinander weg Bücher von Arno Gruen, Erich Fromm, Castaneda und einige heute reichlich verschollene Autoren. Als ich nickte und die Bücher ohne großes Suchen aus dem einen oder anderen Regal zog, wandelte sich der Blick in Erstaunen. Und das Erstaunen in die Freude eines kleinen Kindes.
Trotzdem hatte ich das Gefühl, er wolle mich testen. Sollte er ruhig. „Das ist beeindruckend.“ Er streichelte die Bücher, die ich vor hin hingelegt hatte. Dann grinste er mich an. „Haben Sie vielleicht sogar… nein, das ist absurd.“
„Nur zu. Fragen kostet schließlich nichts“, stellte ich fest.
„Nun ja… es ist ein Buch von mir. Manuskript und alle Dateien sind weg. Und es gab nur eine Auflage von 100 Stück. Und ich finde einfach keines. Das ist schon ziemlich lang her, wissen Sie. Ich habe die selbst heraus gebracht, Kopierladen und handzusammengetackert. Geschichten sind wie Kinder, und die sind verschollen.“

Jetzt musste ich tatsächlich überlegen, ob ich mich so weit aus dem Fenster lehnen wollte. Natürlich würde ich das Buch im Keller finden – wie jedes andere Buch auch. Aber für ein Antiquariat, so gut es auch sein mochte, wäre das doch ein wenig zu … unwahrscheinlich. Andererseits wirkte der Mann mit seinem anachronistischen Hang, als würde ihn das eine oder andere Magische und Unwahrscheinliche nicht gleich aus der Bahn werfen.
Diplomatisch sagte ich also: „Schreiben Sie mir doch den Titel und das Erscheinungsjahr auf, und ich schaue, was ich tun kann. Übrigens …“ Ein Themenwechsel kam nun gerade recht. „… ich war gerade dabei ein Buch von Ihnen zu lesen. Überaus philosophisch muss ich sagen. Sind alle Ihre Bücher so?“

„Das kann ich nicht sagen.“ Seine Hand fuhr zum Bart und ordnete ein paar Strähnen, eine Geste der Unsicherheit, wollte mir scheinen. „Was ist denn philosophisch? ‚Navigator‘ dreht sich um unsere Gesellschaft und den Platz von uns in einem System, das mit Zahlen und Funktionen arbeitet, nicht mit Menschen und Schicksalen. Ich hoffe, es ist unterhaltsam. Und witzig, auch. Es sind Geschichten über ungewöhnliche Menschen, die dem – nennen wir’s mal so – System den Stinkefinger zeigen. Wenn das Philosophie für Sie ist – ein interessanter Standpunkt, den ich teilen könnte – dann ja. Dann sind alle meine Bücher irgendwie philosophisch.“ Wieder die Finger am Bart. „Aber letztendlich passiert das im Leser, oder? Oder auch nicht. Das ist seine Sache, finde ich.“

Na, da stapelte gerade jemand tief. Wer sich so viele Gedanken ums Menschsein macht, stellte schon gewisse Ansprüche an seine Leserschaft. Nun gut. „Allerdings sind die Handlungsstränge und auch die jeweiligen Botschaften im Subtext sehr – wie soll ich sagen – komprimiert. Sie möchten schnell auf den Punkt kommen und keinen Raum für Fehlinterpretation lassen, oder?“
Jetzt grinste er. „Sie würden staunen, was alles aus den Geschichten herausgelesen wird. Das finde ich großartig. Fehlinterpretationen würde ich das nicht nennen. Alles passiert beim Leser. Ich sehe es etwas anders. Bücher sind längere Briefe an Freunde. Diskussionen. Eine zugespitzte These formulieren weckt Widerspruch. Widerspruch lässt nachdenken. Über sich, über die eigene Haltung zum Thema. Manche finden meine Geschichten zu eindeutig. Ich finde, das Abenteuer fängt danach an – ich will keinem meine Meinung zwischen den Zeilen unterjubeln, dass er sie dann auch noch für seine eigene Idee hält. Ich stell sie vor ihn hin, provoziere ihn ein wenig, lade zum Widerspruch ein. Und… ich mag kurze, dichte, gut geschliffene Sachen. Nicht ganz kurz, aber auch nicht Fantasy-Schmöker von tausend Seiten und zwanzig Bänden. Ich mag es, einen Text am Stück zu lesen – intensiv zu lesen –  und dann noch über ihn nachdenken zu können. Novellen mag ich gern. Also schreibe ich meistens auch so. Und zum Vorlesen bei Lesungen finde ich sie auch am Schönsten: eine ganze Geschichte in einer fesselnden Stunde vortragen, keine Fetzen aus einem Roman. Aber klar, manchmal wirds dann doch ein Roman oder eine Kurzgeschichte. Die Geschichte weiß schon, was sie braucht.“

Ja, diese letzte Aussage konnte ich unterschreiben. Da fühlte sich wohl jemand in seinen Gedanken zuhause. „Kurzgeschichten und Romane; Science-Fiction, Fantasy und Gegenwartsliteratur – so richtig festlegen wollen Sie sich nicht. Wo sehen Sie Ihren Schwerpunkt?“
Herr Liebold schien ein bisschen empfindlich zu sein, er maß mich mit einem skeptischen Blick. „Sie bewerten gern, Herr Plana…“, sagte er.
Hatte ich mich vorgestellt? Jetzt war es an mir, überrascht zu sein. „Sie wissen, wer ich bin?“

Er lächelte mit leichtem Triumph. „Schuss ins Blaue. Ich gehe zum Bahnhof und finde mich in einem sehr malerischen Antiquariat wieder, von dem ich nichts wusste. Und ich liebe Antiquariate. Sie kennen meinen Namen, lesen gerade ein Buch von mir und haben äußerst schwer aufzutreibende Bücher griffbereit.“ Er legte den Kopf schief. „Ich habe Buchland gelesen, wissen Sie?“ Er machte eine vielsagende Pause, bevor er weitersprach. „Mit Geschichten ist das so eine Sache, das geht mir oft so. Ich schreibe etwas, dessen Thematik mich nicht loslassen will. Mir begegnen Dinge, die dazu gehören — oder die vielleicht meine subjektive Wahrnehmung zurechtbiegt, damit es so aussieht. Und Dinge passieren, als hätte ich sie schreibend in die Wirklichkeit geholt. Wahrscheinlich auch sehr einfach psychologisch zu erklären. Self fulfilling prophecy. Manchmal aber denke ich, es ist mehr als das…
Nein, ich beantworte schon ihre Frage. Das ist mein Schwerpunkt: die Wirklichkeit. Oder das, was Sie und ich und irgendein anderer dafür hält. Und was vielleicht wirklich dahinter steht. Oder auch nicht. Die Welt changiert, wir bauen sie zusammen aus dem, was uns begegnet – Vorgekautes, Gefiltertes aus den Medien, eigene Erlebnisse, Momente, wo man etwas mehr zu sehen scheint… einen Schritt beiseite treten, sehen, wie die Perspektive sich verschiebt. Der Kartenstempler, der an schaffe schaffe Häuslebaue, an Geldanlagen und Versicherungen glaubt, sollte den Nischenkünstler kennenlernen, der mit der Hand im Mund durch die Welt treibt und sich auch nicht sicherer oder unsicherer fühlt. Beides ist wahr und unwahr. Die meisten unserer Ängste, Weltbilder, Meinungen, Glauben sind kopfzusammengeschraubtes Konstrukt, das halt zeitweise ganz gut funktioniert. Bis Sand ins Getriebe kommt.
Entschuldigen Sie, ich ufere aus. Das ist halt mein Thema. Und ob das in Form eines Science-Fiction, Fantasy oder als versuchte Spiegelung der Gegenwart passiert, mh, ich habe das Gefühl, dass ich da nicht wirklich etwas zu entscheiden habe, das entscheidet die Geschichte. Und sie zielt immer auf die Seele und die Augen. Und ganz ehrlich. In dem Moment, wo ich glaube, die Wirklichkeit des Hier und Jetzt verstanden zu haben und sie als Geschichte abzubilden meine, schaffe ich letztlich auch nur Fantasy. Wer kann schon ernsthaft glauben, diese unendliche Komplexität verstanden zu haben? Wir basteln Modelle, bestenfalls.“

Ich nahm mir eine Papiertüte und legte die zwischen uns liegenden Bücher vorsichtig hinein. Das Knistern und Rascheln überbrückte das entstandene Schweigen. Die Tüten vom Antiquariat waren das einzige unbedruckte Papier im Haus, denn Wort-Werbung für Worte wollte ich nicht. Es gibt genug davon.
Ich schaute meinen Gegenüber an und sagte: „Als Autor muss man sich in der heutigen Zeit mehr denn je selbst inszenieren. Zumindest habe ich manchmal den entsprechenden Eindruck. Facebook, Twitter und das ganze Zeugs gehört da zum Pflichtprogramm. Gibt es im Web Selfies von Norman Liebold? Oder gehen Sie andere Wege um eine Leserschaft zu finden?“
„Das ist eine schwierige Frage. Relevant ist der Moment, wo ich vor meinen Zuhörern sitze, stehe, herumspringe und ihnen eine Geschichte zu besten gebe. Relevant ist der Moment, wo ein Leser in einer meiner Erzählungen versinkt. Relevant ist der Moment, wo mein Füller über das Papier gleitet. Alles andere – ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Muss man das? Mein Herz sagt: alles Unsinn, der vom Eigentlichen ablenkt und die Zeit von den relevanten Dingen stielt. Aber da ist die Angst, dass es dieses Pflichtprogramm gibt. Dass es ohne nicht geht. Der Weg als Autor heute und vielleicht schon immer, zumal mit Texten abseits dess Mainstreams, ist schon schwierig. Unzählige ringen um die Aufmerksamkeit potentieller Leser. Oft sind die am Lautesten, deren Zeug man wohl in dem Brei der Halle der überflüssigen Bücher wiederfinden würde und die viel Zeit zu haben scheinen, Twitter, Facebook, das Web und was weiß ich noch alles mit aufmerksamkeitsdefizitärer Selbstdarstellung zu füttern. Ob das etwas bringt? Ich weiß es nicht. Bemerke ich es bei einem Autor, frage ich mich, ob er nichts besseres zu tun und das nötig hat. Auf der anderen Seite… so gern ich den ganzen Kram einfach ignorieren würde, ich mach schon ein Stück weit mit. Ich hoffe so, dass die, die es interessiert, finden, was sie wollen und ich denen, die es nicht interessiert, nicht auf die Nerven falle. Selfies gibt es nicht, Bilder schon. Photos, die von mir gemacht wurden auf der Bühne. Manchmal stelle ich auch ein paar Bilder ein von einer neuen Grafik, einem schönen Ort, der in einer Story auftauchen wird, ein Bild vom Manuskript, wenn sich eine Geschichte der Vollendung nähert. Ja, ich schreibe noch – oder richtiger: wieder – von Hand. Und ich hoffe, irgendwann entweder die Gewissheit zu haben, dass nur die drei relevanten Dinge relevant genug sind, dass ich jede Form von Selbstddarstellung sein lassen kann – abgesehen von der auf der Bühne, um eine Geschichte zum Leben zu erwecken für mein Publikum.“

Eine interessante Persönlichkeit, dieser Herr Liebold. Wir plauderten noch ein Weilchen angeregt über Gott und die Welt, über Bühne und Bild, über Sinn und System. Vor allem aber über Literatur. Als sich schlussendlich die Ladentür hinter ihm schloss, sah ich ihm nach; wartete bis seine Silhouette im Licht der bereits untergehenden Sonne verschwand. „Manchmal ist es doch recht angenehm“, sagte ich zu meinen Freunden in den Regalen, „von den Gestaden ferner Welten zurückgeholt zu werden.“ Dann schaute ich erwartungsvoll zur anderen Seite der Straßenschlucht. „Ich bin gespannt, welches Strandgut als nächstes hereingespült wird.“

Herr Plana plaudert über Schrift

BuchlandAm Anfang war das Wort.  Oder … Nein, wenn wir ehrlich sind, war es vermutlich ein Grunzen. Zumindest wird es irgendein fast vollkommen unartikulierter Laut gewesen sein, den vor zirka 450.000 Jahren einem unserer Vorvorvorfahren über die Lippen gekommen ist.
Das Besondere an diesem Grunzen lag in der Tatsache, dass es das Samenkorn zur Entwicklung der Sprache enthielt. Es trug Sinn. Vermutlich bedeutete es so viel wie: „Hör auf damit, sonst Keule auf Kopf.“ Ich kann mich diesbezüglich natürlich auch irren.
Sprache ist – so sagt man – eines der Definitionsmerkmale der Intelligenz. Und Schrift ist das Konservieren von Sprache. Beides machte erst das möglich, was wir heute Zivilisation nennen. Auf dem Wege zum Begriff „Schrift“ ritzten Jahrtausende nach besagtem ersten vorzeitlichen Grunzen die Phönizier ihre Keilschrift in Ton und die Chinesen malten ihre Ideogramme. Endlich konnte man Verträge schließen, Bestandslisten verfassen und „Hör auf damit, sonst Keule auf Kopf“ in brieflicher Form weitergeben.
Wenn wir einige Schritte in der Geschichte von Sprache und Schrift überspringen, dann kommen wir im Hier und Jetzt an …
… Wochenende. Ich sitze hinter meinem Antiquariat im Garten. Die halbstarken Jungs, die im benachbarten Spielplatz abhängen, versuchen ihren Mädels lautstark zu imponieren. Vögel zwitschern. Die Sonne scheint. Willkommen im Vorstadtidyll. Der richtige Ort, die richtige Zeit um nach einem Buch zu greifen. Soll ich vielleicht mit Bilbo Beutlin nach Beutelsend entfliehen? Tolkiens „Herr der Ringe“ bietet ein so wunderbares Beispiel. Das Werk ist ein in Worte gepresster Höhepunkt, der durch die Fähigkeit Sprache mit dem Stift festhalten, erst ermöglicht wurde. Schrift ist nicht nur reine Kommunikation. Denn unser Verstand erlaubt es uns, mit den Worten zu spielen.
Zwar sagt ein Bild manchmal mehr als tausend Worte, doch ebenso können tausend Worte wunderbare Bilder – sogar ganze Filme – in unseren Köpfen erzeugen, ohne dass wir sie tatsächlich sehen müssen. Literatur ist die Verzauberung der Schrift.
Welche Höhen hat unsere Kultur auf den Schwingen der Schrift erreicht! Lyrik, Prosa, Philosophie … Hach!
„Ey, voll krass, ey“, kreischt einer der Teenager auf dem Spielplatz. Das hecktische Klackern einer geschüttelten Spraydose erklingt und zieht mich zurück auf den Boden der Tatsachen.
Graffiti sollen ja angeblich auch eine Kunstform der Schrift sein. In wenigen Minuten wird das Wort „Fuck“ auf dem Altkleidercontainer stehen. Für mich ist das nicht mehr als ein vorkulturelles Grunzen.
Und ich würd‘ gern sagen: „Hört auf damit. Sonst Keule auf Kopf.“

zu Besuch im Antiquariat: Michael E. Vieten

Natürlich gibt es sie: Diese schwierigen Kunden, die den Laden nach dem perfekten Buch absuchen und doch nicht fündig werden, weil sie ganz besondere …
„Wird dieses Buch Ihren Ansprüchen gerecht?“ Beatrice hielt der jungen Frau einen Thriller vor das Gesicht. Die Kundin hob ihre Brille, um unter dem Rand vorbei zu linsen. Nachdem sie die Überschrift gelesen hatte, rümpfte sie die Nase. Es war ihr sichtlich egal, was da als Klappentext auf der Rückseite stand. Offenbar gefiel ihr schon der Titel nicht. Vielleicht lag es auch einfach am Cover.
„Oder lieber jenes?“ Meine Bea reichte ihr mit schwindender Geduld den nächsten Krimi. Seit fast einer halben Stunde suchten sie nun nach einem Buch. Die antiquarischen Bände hatten sie gleich ausgelassen und ausschließlich die aktuelle Belletristik durchforstet. Jedoch zwischen all meinen Büchern gab es nicht das rechte Werk.
Wieder verneinte die Dame. Beatrice warf mir einen flehentlichen Blick zu. Ich schüttelte nur amüsiert den Kopf. Ist es nicht schön, der Chef zu sein? Wenn man keine Lust auf gewisse Leute hat, dann kann man sich rasch – wie Bea sagen würde – verpieseln.
„Herr Plana“, sagte Beatrice laut, „Sie hatten doch neulich davon gesprochen, dass es da dieses eine Buch gibt, das jeder mal gelesen haben sollte.“
Raffiniertes Aas! Über ein Buch, das jeder mal gelesen haben sollte, hatten wir selbstredend nie gesprochen. Trotzdem hatte meine Angestellte es mit diesem Kniff geschafft, mich in die Beratung einzubinden.
Ich griff blind in das Regal hinter mich. Unauffällig las ich noch schnell, welcher Autor mir da in die Finger gehuscht war. „Michael E. Vieten“, hörte ich mich sagen. „Lesen Sie unbedingt den -äh- Fall Siebenschön.“
Skeptisch schaute die Kundin zunächst mich und dann das Taschenbuch an.

Natürlich hatte die Dame das Buch nicht gekauft. „Das ist ja ein Regionalkrimi“, hatte sie abfällig behauptet. „Ich komme nicht aus Trier!“ Und dann war sie, ohne etwas zu kaufen, davon gerauscht.
Jetzt saß ich in meinem Ohrensessel im angrenzenden Arbeitszimmer und überflog die ersten Seiten von „Das Eisrosenkind“. Das war der Nachfolgeband zum „Fall Siebenschön.“
„Interessant“, stellte ich fest. „Diesen Herrn Vieten möchte ich gerne mal kennenlernen.“
Und weil ich bereits ahnte, was als Nächstes passieren würde, stemmte ich mich von meinem Sitzplatz hoch, griff nach meinem Stock und humpelte Richtung Tür. Dort trat gerade ein Mann in den Laden. Wie schön, dass die spezielle Magie meines Antiquariats so wunderbar und prompt funktionierte. „Guten Abend, Herr Vieten“, rief ich etwas zu schnell. Ich erntete ein Stirnrunzeln, denn mein Gegenüber hatte sich ja eigentlich noch gar nicht vorgestellt. Deshalb bemühte ich mich, rasch weiterzusprechen. „Willkommen in meinem bescheidenen Buchgeschäft. Was darf ich für Sie tun? Wonach würden Sie in einem Buchantiquariat suchen?“
Herr Vieten lächelte zum Gruß und fuhr sich dann beiläufig mit der Hand durchs Haar. „Wonach ich suchen würde? Oh, das ist ganz leicht zu beantworten. Wilhelm Buschs Gesamtwerk in sechs Bänden. Fackelverlag 1959 zum Beispiel. Eine wunderbare, unbeschädigte gebundene Ausgabe mit einem großen Bild vom Autor mit Signatur und all seinen herrlichen Illustrationen. Wenn ich es nicht schon hätte. Denn diesen Schatz fand ich vor Jahren in einem Antiquariat.“
„Hm“, machte ich, „sowas hätte ich natürlich auch gern.“ Bekam ich leuchtende Augen?
„Ich werde mich nie davon trennen, beeilte sich Herr Vieten zu sagen, „und es jemandem vererben, der es zu schätzen weiß. Nach etwas Ähnlichem würde ich also wieder suchen. Zum Beispiel Werke in verwandtem Zustand von Pearl S. Buck. Darüber würde ich mich sehr freuen.“
„Ah.“ Ich nickte eifrig. „Ich schaue gleich mal. Vielleicht habe ich hinten noch was von John Sedges.“ Selbstverständlich lief ich nicht direkt ins Arbeitszimmer. Viel zu neugierig war ich auf meinen Gast. Ich fragte deshalb: „Sie sind Autor, nicht wahr?“ Dabei musterte ich ihn unauffällig, denn das Aussehen einer Person verrät so einiges.

Ich schätzte Michael E. Vieten auf über fünfzig. Sein Gesicht wurde von einem gepflegten Bart geziert. Er gab sich hemdsärmelig, leger. Seine Hände steckten tief in den Hosentaschen seiner Jeans. Markant war die Weste, die er trug. In den vielen Taschen schienen ihn allerhand Dinge durch seinen Alltag zu begleiten.
„Ich schreibe Romane und Erzählungen. Hin und wieder ein Gedicht. Aber ich bin kein echter Lyriker. Ich bevorzuge Prosa. Einfache Sprache. Kurze Sätze. Auch ein einzelnes Wort kann durchaus reichen, eine komplexe Situation oder Gefühle zu beschreiben.
Mit Kurzgeschichten fing es an. Mystery. „Unheimliche Begegnungen – Aus der Zwischenwelt“ wurde daraus. 10 Geschichten von Menschen aus dem Diesseits mit Begegnungen aus dem Jenseits.
Dann ein Drama. ‚Das Leben und Sterben des Jason wunderlich‘. Ein Roman über die Last des Lebens, unerfüllte Träume und verlorene Hoffnung. ‚Veronika beschließt zu sterben‘ von Paulo Coelho und überwiegend eigene Erlebnisse hatten mich inspiriert.
Beide Manuskripte fanden keinen Verlag. Ich veröffentlichte sie selbst und folgte dem Rat einer Literaturagentur. Ich schrieb meinen ersten Krimi. ‚Atemlos – beim Sterben ist jeder allein‘. Ein einsamer Kommissar jagt einen gefährlichen Serienmörder. Es folgte ‚Atemlos (2) – Von des Todes zarter Hand‘. Eine Ballade. Eine ‚Bonnie & Clyde-Geschichte‘. Ein rasanter Krimi aus Trier. Diese Manuskripte fanden trotzdem keinen Verlag, verkaufen sich aber ganz gut. Die Agentur gab inzwischen auf.
Erst mit meinem dritten Krimi, der aus den beiden ‚Atemlos‘ Bänden hervorging, fand ich Beachtung. Der acabus-Verlag schickte mir einen Vertrag. ‚Christine Bernard – der Fall Siebenschön‘ war der Auftakt zu einer Krimiserie. Eine junge Kommissarin von der Kriminalpolizei in Trier sucht eine verschwundene Frau und ihre sechs Töchter. Gerade erschien der zweite Fall für die sympathische Ermittlerin. ‚Christine Bernard – das Eisrosenkind‘. Sie ermittelt im Fall zweier verschwundener Kinder. Die Serie wird fortgesetzt.
Inzwischen werde ich von einer Agentin vertreten. Ihr liegt das Manuskript von ‚Herbstlicht‘ zur Vermittlung vor. Ein Roman für das Genre ‚Romance‘. Das Ergebnis meiner Schreibpausen zwischen zwei Fällen für die Reihe ‚Christine Bernard‘. Zur Zerstreuung, sozusagen. Meine Arbeit am Manuskript zu einem dritten Fall ist bereits abgeschlossen. Zur Auflockerung, bis ich mit Fall 4 beginne, schreibe ich diesmal einen Endzeitroman. Das wolle ich schon lange tun.“

Ich zog die Augenbrauen zusammen. „Lyrik, Balladen und Thriller?“
„Und sogar einen Bildband zum Thema: ‚Zufriedenheit‘“.
„Das ist aber ein weiter literarischer Spagat“, stellte ich fest.
„Stimmt, aus mir wurde noch kein Genreautor. Aber ich konzentriere mich auf Prosa. Ich überlasse es meinen Lesern, mich einem bestimmten Genre zuzuordnen. Vielleicht, wenn ich irgendwann alle meine Manuskripte geschrieben habe, an denen mir so viel liegt, konzentriere ich mich auf das Genre, in dem ich am besten wahrgenommen werde.“

„Lyrik ist ja nicht gerade das, was zurzeit gekauft wird“, sagte ich. „Von Balladen kennt man eher die alten Sachen aus dem Schulunterricht …“
Herr Vieten zuckte mit den Schultern. „Die großen und kleinen Dramen im Leben von Menschen interessieren mich und ich verarbeite sie gerne zu Balladen. Die beiden ‚Atemlos‘-Bände zum Beispiel. Tragische Protagonisten. Erst überlegt handelnd, dann vom Schicksal getrieben.“
Plötzlich musste ich wieder an die eigenwillige Kundin von vorhin denken. Ich zeigte meinem Gast die Ausgabe „Siebenschön“, in der ich gerade eben noch gelesen hatte. Das Buch in meinen Händen zu sehen, erfreute ihn sichtlich. Die Lachfältchen machten ihn gleich nochmal so sympathisch. Ich fragte: „Würden Sie Ihre Christine Bernard Bücher als Regionalkrimis bezeichnen? Und wenn ja: Schränkt das nicht die Leserschaft zu sehr ein? Ein Sachse liest vermutlich selten Storys von der Mosel.“
„Wenn es der Sache dient, dürfen diese Krimis auch als „regional“ bezeichnet werden. Vielleicht dient diese Romanserie eines Tages mal als Vorlage für einen Trier-Tatort? Wer weiß das?
Aber ist nicht jedes Buch regional? Ein Krimi, der in New York spielt, ist ein Regionalkrimi. Eben in New York.
Wer sich für den Schauplatz nicht interessiert, der legt das Buch aus der Hand.
Ein Sachse liest vielleicht gerne etwas von woanders, oder er bevorzugt heimische Schauplätze, weil er sich dort auskennt. Vielleicht lebt er aber auch nicht mehr in Sachsen, und er liest deswegen gerne etwas aus der Heimat. Oder hat er vielleicht keine guten Erinnerungen an seine alte Heimat? Dann wird er… Oder er war an der Mosel im Urlaub… Oder er wollte da immer schon mal hin? Vielleicht hat er eine Flasche Wein von dort geschenkt bekommen?
Ich mache mir darüber nicht so viele Gedanken. Wenn ein Leser eines meiner Bücher kauft, freue ich mich darüber sehr. Aus welchen Beweggründen auch immer er zugegriffen hat.“
„Christine Bernard – das würde ich jetzt instinktiv französisch aussprechen“, stellte ich fest. „Lieschen Schmitz als Name der Protagonistin wäre vermutlich zu regional gewesen?“
Herr Vieten nickte. „Ich gebe es zu. Dahinter steckt Kalkül. Christine Bernard ist in Luxemburg geboren und in Deutschland aufgewachsen. Ihr Vater ist Luxemburger, ihre Mutter Portugiesin. Ein durchaus denkbarer Lebenslauf in der Gegend rund um Trier.
Und wenn mein Verlag meinem Gedankengang folgt, dann läge eine Übersetzung ins Französische für die Märkte Luxemburg/Belgien und Frankreich nahe.
Hinzu kommt die verbreitete Frankophilie im englischsprachigen Raum. Alles Französische ist überwiegend positiv besetzt. Ein riesiges Potential. Habe ich mir so ausgedacht.“
Ich ließ meinen Blick kurz über die anderen Thriller im Verkaufraum streifen. Beatrice hatte auf einem Tisch die Top Ten dekoriert. „Blutrünstig ist der Fall Siebenschön ja nicht. Dabei gehören doch möglichst brutale Ausgangssituationen, Obduktionen und Gewaltorgien zurzeit fest ins Genre. Sehen Sie sich eher als ein Erbe der alten Klassiker von Doyle und Christie?“
„Eher Mankell oder Larsson, aber ich lehne Verrohung in der Literatur und natürlich in unserer Gesellschaft grundsätzlich ab. Ich werde keinen Beitrag dazu leisten.“ War das ein politisches Statement? Bestimmt. Doch der Autor redete dann doch lieber über den Schreibstil weiter: „Dass etwas Schlimmes passiert ist, darf ich andeuten, aber nicht bis in jedes Detail beschreiben. Ich möchte lieber erzählen, wie sich Menschen deswegen fühlen und wie sie es bewältigen. Oder auch nicht. ‚Jason Wunderlich‘ zum Beispiel hat die Last des Lebens überwältigt. Und die Mutter eines entführten und getöteten Kindes in ‚Christine Bernard – Das Eisrosenkind‘ ebenfalls.
Ich bevorzuge Empathie anstelle primitiver Reize. Wie dünn die Zivilisationsschicht über dem Tier in uns ist, können wir beinahe täglich im Fernsehen sehen. Ich möchte nicht dazu beitragen, es hervorzulocken.“
Wow! Der Mann sprach mir aus der Seele. Bei vielen Texten und Filmen ging es in meinen Augen nur noch um eine möglichst kreative und sensationshaschende Darstellung. Ich finde es gut, dass es da Ausnahmen gibt. Aber da gab es bestimmt so viel andere Meinungen, wie es Bücher gab.
„Eine einfache Frage, die manchmal lange und komplizierte Antworten bekommt: Warum schreiben Sie?“
Herr Vieten legte den Kopf schief und zog ein wenig die Schultern hoch. „An einem Tag, ein paar Jahre vor meinem 50. Geburtstag, habe ich mir die Frage gestellt: ‚Was hast du aus den Talenten gemacht, die Gott dir auf deinen Weg mitgab?‘
Sofort stellte sich mir die nächste Frage: ‚Was genau sind denn deine Talente?‘
Ich begann, darüber nachzudenken und Menschen, die mir nahestehen, danach zu fragen. Ihre Antworten deckten sich mit dem, was ich immer schon gerne getan habe: Erzählen, Geschichten erfinden. Dann begann ich damit, sie zu veröffentlichen.“

Später am Abend. Herr Vieten war längst gegangen. Ich saß wieder in meinem Ohrensessel, ein Glas Rotwein in der Hand. „Vielleicht“, sagte ich zu mir, „gibt es keine Bücher, die man unbedingt gelesen haben muss. Aber es gibt Bücher, die muss man sehr empfehlen.“ Ich prostete meinen Freunden in den Regalen kurz zu und las weiter.

zu Besuch im Antiquariat: Andrea Bottlinger

Im AntiquariatNatürlich weiß ich, dass ich kein einfacher Mensch bin. Schon gar nicht, wenn ich erkältet bin. Und ich war nicht nur erkältet. Ich hatte eine schwere Grippe. Vielleicht stand ich auch schon kurz vor dem Ableben. Beatrice hätte das doch sehen müssen. Ich brauchte heißen Tee, meinen Ohrensessel und eine Decke. Gegen treue Fürsorge hätte ich auch nichts gehabt. Irgendwas, das mir gezeigt hätte, dass …
„Seien Sie nicht so wehleidig!“ Ich kommentierte Beas Aussage mit einem missmutigen Schniefen. Dann schnäuzte ich demonstrativ geräuschvoll meine verstopfte Nase. Mit dem anschließenden Versuch durch Selbige einzuatmen, erntete ich trotzdem nur mäßigen Erfolg.
Beatrice ließ sich davon nicht beeindrucken. „Lesen Sie was, dann geht es Ihnen bestimmt was besser. Es lenkt Sie von Ihrem Selbstmitleid ab.“
„Ich kann doch jetzt nicht’s les’n“, klagte ich, „wenn mir so die Aug’n trän’n. Ich kann mich auch gar nicht‘ konzentrieren.“
„Ein Groschenheft oder was Fan-Fiction strengt Ihre Hochliteratur gewöhnten Synapsen bestimmt nicht zu sehr an.“ Sie schnappte sich im Vorbeigehen ihren Mantel und schickte sich an zu gehen. Sie wollte tatsächlich erbarmungslos Feierabend machen und mich in meinem Antiquariat alleine lassen.
„Fan-Fiction? Ich habe doch keine Ahnung von sowas“, rief ich meiner Angestellten hinterher. Als ich ihr aus dem Arbeitszimmer in den Laden nachhinkte, sah ich gerade noch, wie sich die Tür hinter ihr schloss. „Fan-Fiction“ ich seufzte. „Nichts für mich.“

In diesem Moment öffnete sich die Tür. Eine verspätete Kundin, wie mir schien. Beatrice hatte offensichtlich beim Gehen nicht zugesperrt.
„Wir haben geschlossen“, knurrte ich, bevor ich richtig hingesehen hatte. „Wegen Krankheit“, schob ich vorwurfsvoll nach. „ich soll mich mit Fan-Fiction kurieren. Das kann dauern. Kommen Sie doch morgen wieder …“ Alter Mann, du hast keine Manieren. Mit Mühe zwang ich mich zu etwas mehr Freundlichkeit. Ich schaffte sogar ein gequältes Lächeln und musterte die junge Dame, die da vor mir stand. Sie blinzelte durch eine verkratzte Brille, das braue Haar hing ihr wirr ins Gesicht. Dazu kamen eine schwarze Hose und ein schwarzer Pulli, auf dem irgendwas über Zombies stand.
Ich räusperte mich. Wie mochte ich in ihren Augen aussehen? Wie ein grantiger Kauz? Irgendwie musste ich aus der Nummer rauskommen. „… es sei denn, Sie verstehen was von Fan-Fiction.“
„Zufälligerweise tue ich das tatsächlich. Ich habe mich in meiner Magisterarbeit unter anderem damit beschäftigt und in mehreren Büchern, die ich zusammen mit meinem Kollegen Christian Humberg geschrieben habe. Also nicht nur damit. Aber Fan-Fiction ist ein wichtiger Teil des Fanseins. Wenn einen ein Werk wirklich begeistert, dann möchte man oft eigene Geschichten in der entsprechenden Welt oder mit seinen Lieblingscharakteren erfinden.“
Das änderte natürlich alles. Das Buchland hatte mir mal wieder den passenden Gast geschickt. Schlagartig vergaß ich meine Beschwerden, schaltete mein Hirn auf „erwartungsvoll“. Ohne große Mühe schüttelte ich mein Missbefinden ab und fragte drauf los: „Sie scheinen eine Fachfrau für sowas zu sein. Sind Sie Autorin, Lektorin oder Herausgeberin? Darf ich Ihren Namen wissen?“
„Ich heiße Andrea Bottlinger und bin sowohl Autorin als auch Lektorin und hin und wieder auch Übersetzerin, vor allem im Bereich Fantasy, Horror und Science-Fiction.“
Das war wohl reinste Buchland-Magie! Fan-Fiction wurde gerade ein zunehmend interessantes Thema für mich. Nein, korrigierte ich mich. Mein Gast wurde zunehmen interessant. „Sie schreiben aber bestimmt nicht nur Literatur dieser Gattung, oder?“
„Also, Fan-Fiction schreibe ich gar nicht. Ich schreibe zum einen lustige Sachbücher über Fans und das Fandom. Da kommt Fan-Fiction gerne mal vor. Mit ‚Geek Pray Love‘ haben mein Co-Autor Christian Humberg und ich sogar den Deutschen Phantastik Preis gewonnen. Ansonsten bin ich die Exposéautorin der Horror-Reihe ‚Dorian Hunter‘, schreibe auch hin und wieder Hörspiele und habe den Urban Fantasy Roman ‚Aeternum‘ so wie die Cyberpunk-Reihe ‚Beyond‘ verfasst.“
Ich humpelte zum nächstbesten Verkaufsregal und natürlich fand ich direkt was ich suchte: Die Bücher von Andrea Bottlinger. Eine sechsbändige Reihe mit dem Titel Beyond, ein Taschenbuch namens „Aeternum“ und … einige Hefte. „Blah!“ Nein, das war keine Aussage meinerseits, sondern das, was dort als Überschrift stand.
„Blah?“, fragte ich.
„Dass das noch jemand kennt. Haben Sie die selbst ausgedruckt? Die gab es nämlich eigentlich nur als PDF. Das war ein Kurzgeschichten-Magazin, das ich als Studentin herausgegeben habe. Das hat sehr viel Spaß gemacht, nur leider hat mir irgendwann die Zeit gefehlt.“

„Jetzt haben ich Sie schon so ausgequetscht, Andrea. Ich habe ganz vergessen zu fragen, was Sie in meinen Laden geführt hat. Was kann ich für Sie tun?“
„Haben Sie ‚Lye Street‘ von Alan Campbell? Die Printversion war eine limitierte Ausgabe und irgendwann nur noch gebraucht für über 50 Euro zu haben. Inzwischen kriegt man es natürlich als eBook, aber Bücher, die mir wichtig sind, habe ich gerne im Toten-Baum-Format. Da weiß ich, dass ich sie auch in 30 Jahren noch lesen kann.“
Ah! Eine Frau, die die Vorzüge des Gedruckten zu erkennen weiß. „Ein dünneres Büchlein, wenn ich mich recht entsinne. Was für eingefleischte Leser der Dark Fantasy, oder? Ich finde, dass die Vorlieben in der Literatur viel über einen Menschen aussagen. Ich werde morgen mal in meinen Keller gehen und nachsehen, was ich für Sie tun kann. Schauen Sie dann doch einfach nochmal vorbei.“ Mit einem kurzen Lächeln flocht ich eine Pause ein. Jetzt wollte der Mann im Antiquariat mal beraten werden: „Meine Bea -äh- meine Mitarbeiterin hat mir empfohlen, dass ich etwas Fan-Fiction lesen soll. Was würden Sie mir empfehlen?“
Fanfiction-Empfehlungen? Das ist schwer. Aber es gibt eine Harry Potter Fanfiction, von einer Autorin und Künstlerin, die ich auch für ihre eigenen Werke sehr schätze. Der Text hat keinen Titel und ist von Ursula Vernon.“ Frau Bottlinger hob ein wenig das Kinn, betrachtete mich abschätzend. „Ich weiß wenig über Ihren Lesegeschmack, und normalerweise versuchen ich Bücher zu empfehlen, die mein Gegenüber tatsächlich mögen könnte. Aber Sie sehen mir aus wie ein Neil-Gaiman-Mensch. Versuchen Sie es zur Genesung vielleicht mal mit dem ‚Ozean am Ende der Straße‘. Das ist zwar keine Fan-Fiction, aber …“

Ich war wieder allein in meinem Antiquariat. Mein Unterbewusstsein teilte mir mit, dass ich mich vorhin wegen irgendwas unwohl gefühlt hatte. Doch dann war ich in den Keller gegangen, hatte drei Bücher geholt: Campbell, Gaiman und selbstverständlich Bottlinger.  Den Gaiman-Roman hob ich mir allerdings für später auf. Jetzt las ich erst mal amüsiert in ‚Geek Pray Love‘.
Dabei griff ich, ohne es recht zu merken, vollkommen unbewusst, nach einem Taschentuch. Keine Ahnung, warum.

Erotik in Büchern

Nun greifen wir tief in die Schublade, schieben die gewissen Hochglanzmagazine zur Seite und setzen uns die roten Ohren auf. Denn das verbotene Wort „Sex“ wird auch in der Literatur gebraucht. Böse Zungen behaupten sogar, dass sich bestimmte Bücher nur gerade deswegen verkaufen lassen.

Wir wollen das nicht. Uns interessiert selbstverständlich die Handlung des Romans. Wenn von Charlotte Roche bis Jean M. Auel so viele Autoren bereit sind, hinter die Schlafzimmertür zu schreiten, müssen wir ihnen ja nicht folgen. Blättern wir ganz schnell über die betreffende Stelle hinweg und schauen lieber, was danach Wichtiges passiert.

Okay. Kommando zurück. Wir sind schließlich alle erwachsen. Von Bienchen und Blümchen muss uns niemand mehr erzählen. Erotik hat nicht nur mit Fortpflanzung zu tun.  Warum also nicht darüber schreiben?

„Oh ja. Oh! Jaaa.“ Bei mir läuft gerade das Hörbuch von Ken Follett. „Die Säulen der Erde“. Ganz ehrlich? Ich muss jedes Mal schmunzeln, wenn mir die „gewissen“ Szenen vorgelesen werden.
Man stelle sich die Sprecher im Studio vor: Wie sie vor dem Mikrophon sitzen und in bester Nullhundertneunzig-Manier stöhnen und keuchen sollen. Sie schmatzen auch!
Hinter der Scheibe des Toningenieurs ist in jenem Augenblick der Regisseur nach Luft japsend vom Stuhl gekippt. Ganz blau angelaufen ist er. Lachkoller können weh tun!

Bleiben wir bei diesem Beispiel: Hätte der Roman über den Bau einer Kathedrale ohne Sexszene anders ausgesehen? Vermutlich nicht. Aber etwas Intimität mit den Protagonisten darf ruhig sein. Das macht Stimmung. Es vertieft die Bindung. Wir können uns leichter mit den Menschen zwischen den Zeilen identifizieren, wenn wir ihn auch in intimste Bereiche begleiten. Tabus sind ja auch gar nicht nötig. Da ist nur der Leser mit seinem Buch …

Stellen wir also fest: Tabus sind wirklich nicht nötig. Nicht bei den „Säulen der Erde“.
„Oh ja. Oh! Jaaa.“ Die gleiche wörtliche Rede hätte natürlich auch auf dem Lokus passieren können. Ganz ohne Sex. Der Prior der Kathedrale hatte nämlich bestimmt Verstopfung und Hämorrhoiden. Er freut sich so, dass …

Halt!
Nein, sooo sehr wollen wir uns mit dem Protagonisten denn doch nicht identifizieren …

zu Besuch im Antiquariat: Rebecca Gablé

Normalerweise findet ihr an dieser Stelle kleine Prosatexte, in denen Herr Plana mit seinen Gästen plaudert. Heute ist Rebecca Gablé im Antiquariat zu Gast. Sie hat darum gebeten, die reine Form des Interviews zu verwenden. Herr Plana hat somit heute einen freien Tag …

Frage:
Rebecca Gablé ist Ihr Künstlername. Ein Akzent auf dem E bittet darum, das Pseudonym französisch auszusprechen. Wie entstand der Name und woher kommt der französische Bezug?

Antwort:
Gablé ist der Mädchenname meiner Mutter, die französische Vorfahren hatte, und Rebecca hätte ich beinah geheißen. Ich habe mir das Pseudonym auf Wunsch meines Verlages ausgedacht, weil man meinen bürgerlichen Namen dort zu lang und wenig einprägsam fand. Ich wollte aber einen Künstlernamen, der einen persönlichen Bezug hat.

Frage:
Sie erzählen auf Ihrer Homepage, wie „Das Lächeln der Fortuna“ entstand. Die Geschichte „wucherte“ und entstand auf eine recht organische Art und Weise. Bastei Lübbe erklärte sich bereit, das fertige Manuskript zu veröffentlichen. Allerdings mussten Sie Ihr Werk um sage und schreibe 300 Seiten kürzen. Aus dreihundert Seiten machen andere Autoren ein ganzes Buch. Da müssen doch bestimmt ganze Handlungsstränge amputiert worden sein. Was haben die Leser verpasst?

Antwort:
Eigentlich gar nichts, denn inzwischen gibt ist auch die ungekürzte Fassung im Handel. Es stimmt aber, dass für die ursprüngliche Veröffentlichung ein ganzer Handlungsstrang den Kürzungen zum Opfer gefallen ist. Davon abgesehen wurden viele Szenen gestrafft, Dialoge gekürzt etc. Außerdem habe ich in Absprache mit meiner Lektorin den Schluss umgeschrieben. Das ungekürzte Originalmanuskript war ein Jahrzehnt lang verschollen, und ich war glücklich, als es wieder auftauchte und für die ganz harten Waringham-Fans zugänglich gemacht werden konnte. Aber ganz ehrlich? Die gekürzte Fassung ist das bessere Buch.

Frage:
Historienromane, in denen so viel Recherche steckt, haben wenig mit z.B.  den alten Mantel- und Degenfilmen aus Hollywood bzw. Frankreich gemein. Sagen wir mal, Sie würden sich heute „Die drei Musketiere“ oder „Der Mann mit der eisernen Maske“ anschauen … Wäre die Darstellung  für Sie unfreiwillig komisch?

Antwort:
Die spielen im französischen Barock, nicht im Mittelalter. Vom Barock habe ich keine Ahnung, vom französischen schon mal gar nicht, darum kann ich diese grandiosen Abenteuergeschichten einfach genießen, ganz gleich, wie absurd sie in historischer Hinsicht sein mögen. Schwerer tue ich mich mit Verfilmungen historischer Stoffe, bei denen ich mich auskenne. Wenn in einem Film, der im 12. Jahrhundert spielt, etwa eine Kutsche durchs Bild rollt, bin ich geneigt, das Kino zu verlassen bzw. den DVD-Player anzuhalten. Noch viel schlimmer ist es, wenn historische Ereignisse wissentlich falsch dargestellt werden, weil es den Drehbuchautoren besser in den Kram passt – die erfolgreiche TV-Serie „Die Tudors“ ist dafür ein gutes Beispiel. Da heiratet z.B. die Schwester von Heinrich VIII. den König von Portugal, was niemals passiert ist. So etwas ist unseriös und eine erzählerische Bankrotterklärung.

Frage:
Angefangen haben Sie mit Kriminalromanen. Ein ziemlich weiter Spagat, der allerdings gelungen ist. Könnten Sie sich vorstellen, noch weitere Genres zu bedienen?

Antwort:
Ich hätte da eine Idee für einen Schauerroman.

Frage:
Gleich die erste Veröffentlichung „Jagdfieber“ wurde für den Friedrich-Glauser-Krimipreis nominiert. Die Welle des Erfolgs riss danach nicht ab. Fällt es da nicht schwer, „auf dem Teppich zu bleiben“?

Antwort:
Ich bin sehr dankbar für meinen Erfolg, und mir ist bewusst, dass viele Autorinnen und Autoren ihn niemals haben, obwohl sie ihn mindestens genauso verdient hätten. Aber man muss sich immer klar machen, dass die Unterhaltungsbranche (und dazu gehört der Buchmarkt, ob er nun will oder nicht), unberechenbar ist und der Erfolg auch morgen ganz plötzlich vorbei sein kann. Man sollte ihn also nicht überbewerten – es gibt eine Menge anderer Dinge im Leben, die wichtiger sind.

Frage:
Kleiner Hausbesuch: Wie viel Mittelalter begegnet einem Gast im Hause Gablé? Schwerter an der Wand, Minnesänger im CD-Player und ein gewaltiger offener Kamin?

Antwort:
Mittelalter findet man bei mir nur in den Bücherregalen – hauptsächlich in Form von Fachliteratur. Ich besitze allerdings ein Schwert, das mein verstorbener Verleger Stefan Lübbe mir geschenkt hat. Es ist nicht alt, aber wir haben zusammen einen Tag in einer Schmiede verbracht und zugeschaut, wie es entstand.

 

Frau Gablé, ich bedanke mich für das Interview.