Planas Buchantiquariat

zu Besuch im Antiquariat: Bianca Bolduan

Da die Welt ja nicht nur aus Büchern besteht und auch die realen Geschicke, die mich in meinem Antiquariat nur selten erreichten, in gedruckter Form festgehalten wurden, griff ich heute mal wieder zur Zeitung. Die tagesaktuellen Berichte überflog ich nur. Die kommunale Politik stritt über Kindergärten und die internationale Politik erinnerte an eben einen jener Kindergärten. Nicht gerade ein Stimmungsaufheller. Den Sportteil ignorierte ich geflissentlich und landete somit zügig im Kulturteil.

„Anzahl der Unternehmen im Einzelhandel mit Büchern geht zurück.“

Diese Überschrift beanspruchte natürlich direkt meine ganze Aufmerksamkeit. Nachdem ich den dazugehörigen Artikel zu Ende gelesen hatte, befand sich meine Laune endgültig im Keller.
Ich seufzte schwer.
„Was gibt’s?“, fragte Beatrice, die vom Laden aus in mein Arbeitszimmer sah.
„5127“, sagte ich lakonisch.
„Äh … Ja?“
„2003 gab es noch 5127 Buchgeschäfte in Deutschland.“
Beatrice kam ein paar Schritte heran. „Was möchten Sie mir damit sagen?“
Mit dem Finger tippte ich wütend auf die Zeitung. „Jetzt sind es nur noch 3600.“
Beatrice zuckte mit den Schultern. In ihrem Gesicht spiegelte sich dennoch ein Anflug von Betroffenheit. „Der Kampf gegen die Internetriesen ist hart. Da werden viele Alteingesessene einfach aufgegeben haben.“
Ich kannte zwar schon vorher die Antwort auf meine Frage, doch ich stellte sie trotzdem: „Aber kommen nicht auch ein paar neue Buchhändler nach?“
„Dazu braucht man verdammt viel Mut“, stellte Beatrice fest, „und vielleicht ein bisschen Wahnsinn.“
„Man muss verrückt sein, wenn man sich mit einem Buchladen selbstständig macht?“ Jetzt war ich wirklich deprimiert.

In diesem Moment bimmelte das Glöckchen an der Tür. Eine Frau betrat den Laden, orientierte sich kurz und schritt dann zielsicher zu den Büchern von Marion Zimmer Bradley. Sie schien sich für „Avalon“ und „Trapez“ zu begeistern. Eine gute Wahl, dachte ich.
Da es in meinem Buchantiquariat nur selten Zufälle gab, wartete ich geduldig ab. Und wirklich! Dieses leise Wispern drang wieder leise und vielstimmig an mein Ohr. Es drang aus den Regalen zu mir heran und verriet mir, mit wem ich es zu tun hatte: „Bianca Bolduan.“
„Eine Buchhändlerin?“, rief ich erstaunt.
Sie quittierte es mir mit einem amüsierten Grinsen.
Ich betrachtete meine Besucherin genauer. Eine schlanke Frau Mitte Fünfzig, graumelierte Haare, lässig gekleidet in Boots, Jeans und T-Shirt. Die kleinen Accessoires waren vermutlich das Auffälligste an ihr: ein Lederarmband, ein Silberarmreif, ein Lederband mit Edelstein um den Hals und jede Menge Lachfalten um die Augen. Ein Stubenhocker war sie offenbar nicht, denn die Sommersonne hatte ihr einen braunen Teint verliehen.

„Plana“, sagte ich und reichte ihr zum Gruß die Hand. „Herr Plana. Mir gehört dieses bescheidene Antiquariat. Bücher sind …“ Ich schmunzelte über mein kleines Wortspiel, das vermutlich nur ich selbst verstand. „… mein Leben.“
„… Wo Sie doch Ihr eigenes haben …“ Ihr Grinsen verbreiterte sich zu einem ironischen Lächeln.
„Sie sind Buchhändlerin?“ Ich ließ ihre Hand los, schritt um den Verkaufstresen herum, auf die Seite des Verkäufers, und beugte mich interessiert über die Tischfläche. „Wie lange denn schon?“
Frau Bolduan nahm den gegenüberliegenden Platz ein: Die Seite der Leser. „Lieber Herr Plana, ich sehe mich gar nicht so sehr als Händlerin, eher als Brückenbauer zwischen Büchern von Selfpublishern und interessierten Lesern. Deshalb habe ich 2015 die ‚Wortwerke Buchhandlungen‘ gegründet. Inzwischen habe ich vier Filialen – und es sollen noch viel mehr werden.“

Ich zog, einigermaßen verblüfft, die Augenbrauen hoch. Vier Filialen in so kurzer Zeit? „Meine Mitarbeiterin würde eine Geschäftsgründung als verr … mutig bezeichenen. Im Augenblick schließen so viele Mitbewerber. Wenn sich Ihr Geschäft trotz der schwierigen Marktlage behauptet, muss es ein außergewöhnliches Konzept haben, vermute ich.“
Das Wort, dass mir statt „mutig“ um ein Haar über die Lippen gekommen wäre, war ihr nicht entgangen. „Ein wenig verrückt muss man sein, um ein solches Projekt aus dem Boden zu stampfen. Überall gehen Buchhandlungen kaputt – und ich baue welche auf. Aber unser Konzept ist ein etwas anderes: Wir vermieten Regalplätze für Bücher von selbstverlegenden Autoren und dem Programm aus kleinen Verlagen. Für einen geringen monatlichen Betrag wird das Buch in drei Filialen präsentiert. Und wir verzichten auf das Arbeiten mit Margen. Die Verkaufserlöse werden zu 100% ausgezahlt.“
Ich richtete mich auf. „Und das funktioniert?“
Jetzt stützte sich Frau Bolduan auf den Tresen, nahm den von mir freigegebenen Platz ein. „Ja, durchaus, obwohl wir das Konzept gerade noch einmal dem recht schnellen Wachstum anpassen mussten. Geplant war das in der Form ja auch nie. Ich wollte einen Laden machen, in dem ich meine Bücher verkaufe, Seminare gebe, Workshops anbiete und – weil ich ja eh im Laden bin – auch die Bücher meiner Autorenkollegen mit anbiete. Das war im Frühjahr 2015. Inzwischen ist ‚Wortwerke‘ ein Franchise-Unternehmen mit vier Standorten geworden – und weitere sollen dazukommen.“

„Da kann man schon stolz drauf sein“, mischte sich Beatrice unvermittelt in unser Gespräch ein. Unverholene Bewunderung lag in ihrer Stimme.
„Als ich mit ‚Wortwerke‘ anfing“, sagte Frau Bolduan, „stieß ich auf die Videoclips bei Youtube, die vom Börsenverband des deutschen Buchhandels gedreht wurden und immer die schönsten Buchhandlungen Deutschlands zeigen. Damals dachte ich, dass es ja so toll wäre, wenn mein kleiner ‚Wortwerke‘-Laden eines Tages auch diesen Titel tragen würde. Toll, aber unvorstellbar. Und, was soll ich sagen? Seit April 2018 gehören wir mit unserer Filiale in Halle in die Reihe der ‚schönsten Buchhandlungen Deutschlands‘! Ob ich stolz darauf bin? Aber sowas von!!!“
Beatrice kam zu uns herüber. Ihre Gedanken waren ihr ins Gesicht geschrieben. Sie hatten nichts mit meinem staubigen kleinen Laden zu tun. Sie dachte an lichtdurchflutete Geschäftsräume mit freundlichem Ambiente. „So ein Erfolg kommt nicht von selbst. Da steckt bestimmt viel Arbeit drin. Wie sieht bei Ihnen denn ein typischer Arbeitstag aus?“
Frau Bolduan lachte herzlich. „Wenn es eines gab, was mir als junger Mensch schon klar war, dann, dass ich nie einen ‚typischen Arbeitstag‘ haben wollte. Deshalb bin ich auch nicht nur Unternehmerin, sondern auch Coach und arbeite ganz aktiv im Tierschutz. Und Autorin bin ich auch noch. Deshalb beginnt mein Tag immer sehr früh und teilt sich locker flockig in die Bereiche ‚Wortwerke-Büroarbeit‘, ‚Schreiben‘, ‚Seminare vorbereiten und geben‘ und meinen Pflegehunden auf. Dazu kommen ein riesiger Garten und jede Menge eigenes Viehzeug.
Mein durchschnittlicher aktiver Teil eines Tages hat rund 16 Stunden, doch ich sehe es nicht als ‚Arbeit‘ im herkömmlichen Sinne an. Ich bin so vielschichtig unterwegs, das ‚Arbeit‘ und ‚Freizeit‘ nahtlos ineinander übergehen. Manche Bereiche liegen mir gar nicht. Öde Buchhaltung nervt mich, aber das gehört halt dazu. Doch es kann eben jeden Tag sein, dass ich plötzlich eine gute Idee für das Coaching habe und sofort anfangen kann. Ich habe keinen Chef, der mir im Nacken sitzt, ich bin in der glücklichen Lage, jederzeit arbeiten oder Freizeit machen zu können. Fünf-Tage-Woche? Kenne ich nicht. Ich lebe sieben Tage in der Woche, ich ‚arbeite‘ auch an sieben Tagen in der Woche. Und Freizeit habe ich auch an sieben Tagen in der Woche. Klingt ‚ver-rückt‘, nicht? Ist es auch.“

In der festen Absicht, das Gespräch wieder an mich zu reißen, fragte ich: „Und dazu kommen dann Messebesuche und so was?“
„Mit „Wortwerke“ sind wir inzwischen auch zwei Mal auf der Leipziger Buchmesse gewesen. Mein Ding ist das nicht. Und unter dem Strich bringt es auch nichts, rein wirtschaftlich gesehen. Waren Sie schon einmal auf einer Buchmesse?“
Ja“, warf ich kurz ein.
Doch Frau Bolduan sprach schon weiter. „Millionen von Büchern, fünf überfüllte Hallen und jede Menge Menschen. Wer, bitte, erinnert sich einen Monat später noch an all die Bücher, die er sich angesehen hat? Wir von ‚Wortwerke‘ überlegen gerade, wie wir auf andere Art unser Sortiment filialübergreifend präsentieren können.“

„Da bleibt aber nicht viel Zeit für Eigenes, oder?“ Meine wispernden Freunde legten ihr Veto ein und ich erinnerte mich rechtzeitig, an das, was Frau Bolduan über ihren Tagesablauf erzählt hatte. Bevor Frau Bolduan mir also antworten konnte, hatte ich deshalb schon eine bessere Frage parat: „Sie sind auch Autorin*?“
„Ja, und zwar schon sehr lange. Die ersten Veröffentlichungen hatte ich mit 14 Jahren, dann kamen einige Jahre mit einer künstlerischen Pause, dann wieder Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften u.ä.
Meine erste Publizierung als ‚Selfpublisher-Voll-Autorin‘ war 2010, seither habe ich dreizehn Bücher veröffentlicht. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Diese Kreativität ist das, was ich jeden Tag tun ‚muss‘, um mich wirklich lebendig zu fühlen. Ich kann gut einmal ohne Bücher sein, selbst eine Zeit ohne Pflegehunde gönne ich mir hin und wieder.“ Sie machte eine kaum merkliche Pause. „Aber ein Tag ohne das Schreiben ist für mich wirklich ein unglücklicher Tag. Dabei ist es mir gleich, ob ich an einem Manuskript schreibe, einen Blogbeitrag vorbereite oder an einer Rede bastle, die Hauptsache ist, mein Sprachapparat läuft auf Hochtouren.“

„Bei all der Literatur in Ihrem Leben, muss da sehr viel Herzblut drin stecken. Kommt da die Familie und das Privatleben nicht zu kurz?“
„Ich habe das große Glück, eine sehr aktive Familie zu haben. Andere würden uns verrückt nennen, ich nenne uns kreativ. Mein Partner ist Tierarzt bei ‚Tierärzte ohne Grenzen‘ und oft in Krisengebieten unterwegs. Meine Tochter, mein Schwiegersohn und meine Enkelkinder sind jeweils im Sport sehr erfolgreich und ich bin mehrmals im Jahr mit den Hunden auf Tour und dann einige hundert Kilometer zu Fuß unterwegs. Und trotz unserer Unterschiedlichkeit und unserem oft Nicht-Dasein verbringen wir die Zeit, die wir dann haben, sehr intensiv mit ‚Qualitätsfreizeit‘. Ich liiiiebe meine Enkelkinder und verbringe gern Zeit mit ihnen. Dennoch stehe ich nicht jederzeit zur Verfügung. Und genau aus diesen zugegebenermaßen oft nur wenigen Stunden in der Woche, die ich mit meiner Familie und meinen Freunden verbringe, ziehe ich meine Kraft für all das, was ich mache. Nichts in meinem Leben wäre ohne all das andere möglich.“

Am Abend, Frau Bolduan hatte mein Antiquariat längst verlassen, ließ ich meinen Blick durch den Verkaufsraum streifen. Hier war alles wie ehedem. Ja … Wie ehedem.
Auf dem Tresen lag die Zeitung. Der Artikel mit dem sperrigen Titel „Anzahl der Unternehmen im Einzelhandel mit Büchern geht zurück“ war noch immer aufgeschlagen. Irgendwo in den Zeilen und Spalten stand anklagend die Zahl 3600.
„Harte Zeiten“, sagte ich zu den Büchern. Sie widersprachen mir nicht. „Vielleicht braucht man hin und wieder ein paar Leute, die verrückt sind. Verrückt genug, neue Wege zu gehen.“ Ich nahm die Zeitung und warf sie in den Papierkorb. „3604.“