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Buchland

zu Besuch im Antiquariat: Kerstin Fricke

Es war kurz vor Ladenschluss. Das Geld in der Kasse war bereits gezählt und Beatrice hatte die Lücken in den Regalen längst wieder aufgefüllt. Trotzdem galt es noch zehn Minuten totzuschlagen. Erst dann würde ich die Tür abschließen und das kleine Schildchen im Fenster umdrehen, damit der Schriftzug „geschlossen“ von draußen lesbar würde.
Meine Bea zückte ihr Smartphone und wischte darauf herum. Da ich diese allgegenwärtigen Taschencomputer nicht wirklich leiden konnte, fragte ich gereizt: „Was machen Sie da, Bea? Es ist noch nicht Feierabend.“
„Haben Sie noch was für mich zu tun?“ Das war weniger eine Frage, als eine Herausforderung. Doch da der Boden geputzt und auch die restliche Arbeit erledigt waren, fiel mir beim besten Willen keine sinnvolle Arbeitsanweisung ein. Sie hätte natürlich den Keller aufräumen können, aber das war wohl in der verbleibenden Zeit nicht gänzlich zu bewältigen …
„Ich bestelle Kinokarten für meinen Mann und mich“, erklärte sie und tippte wieder auf dem Display herum. „Da läuft nochmal The Shape of Water. Ich mag Guillermo del Toros Filme. Möchten Sie vielleicht mitkommen?“
Ich rümpfte die Nase. „Filme? Ich glaube, ich nehme mir lieber ein gutes Buch zur Hand.“
Als hätte Beatrice damit gerechnet, drückte sie mir prompt eine tiefblaue Softcoverausgabe in die Hand. „Na dann, viel Spaß damit.“

Misstrauisch beäugte ich den Titel. „The Shape of Water“ von Guillermo del Toro und Daniel Kraus. Ein Buch zum Film. Na ja, warum nicht? Ich schaute mir die Seite mit dem Impressum an. Übersetzerin ist eine gewisse Kerstin Fricke.
„Tja“, sagte ich. Meine Worte richteten sich nicht speziell an meine Angestellte. Ich redete mit dem Raum und war mir sicher, dass meine Freunde, die Bücher, gut zuhörten. „Ich könnte mir tatsächlich vorstellen, dass es interessant werden könnte, etwas mehr über Frau Fricke zu erfahren.“
„Über wen?“, fragte Beatrice, die das Impressum ja nicht gelesen hatte, verwirrt.
Da bimmelte auch schon das Glöckchen über der Tür.

In den Strahlen des hereinfallenden Sonnenlichts schien der Kopf der Frau, die den Raum betrat, in einer rötlichen Aura zu schweben. Doch als sie näher kam, wandelte sich der Zaubereffekt in langes rotes Haar. Die Silhouette ihres Körpers blieb aber dunkel, da Hose und Shirt schwarz waren. Einen einzigen Akzent setzte ihre Tasche, auf der ein „Simons Cat“ Motiv aufgedruckt war.
Ich griff nach meinem Gehstock und mühte mich nach vorne zu meinem Gast. „Guten Tag, Frau Fricke“, rief ich, gab mich betont gut gelaunt und plauderte einfach drauf los, damit gar nicht erst die Frage aufkam, woher ich ihren Namen wusste. „Plana mein Name. Mir gehört diese bescheidene Buchhandlung. Was darf ich für Sie tun? Ich schätze, Sie sind der Typ Mensch, der gerne in meiner Science Fiction Ecke stöbert. Oder doch lieber Fantasy? Vielleicht eine der anspruchsvolleren Graphic Novels? ‚Claudias Story‘ vielleicht? Da haben Sie eine gehörige Portion Fantastik drin …“
Ich musste Luft holen. Um dies zu überbrücken, wedelte ich kurz mit der Ausgabe „Shape of Water“. „Ihr Buch“, behauptete ich etwas zu atemlos. „Hab ich im Impressum gelesen. Sie haben es übersetzt …“ Dummer Fehler! Da gab ich mir so Mühe lästige Fragen zu vermeiden und gab dann prompt eine Steilvorlage.
„Mich würde schon interessieren“, sagte Frau Fricke mit einem Hauch Misstrauen in der Stimme, „wie viele Menschen sich tatsächlich das Impressum ansehen und den Namen des Übersetzers überhaupt registrieren.“ Ihr Blick flog kurz auf einige Übersetzungen von Andreas Brandhorst, die irgendwo im Regal herumstanden. „Es gibt ja einige bekannte Größen, aber im Allgemeinen hat man doch das Gefühl, dass es dem Leser völlig egal ist, wer ein Buch übersetzt hat. Nur wenn es etwas zu motzen gibt, ist der Übersetzer beziehungsweise die Übersetzerin natürlich an allem schuld.“
„Nuuun.“ Ich schmunzelte. „Nuuun. Dieses Antiquariat ist nicht wie andere Buchläden. Und deshalb ist es hier auch wichtig, wer ein Buch übersetzt hat … Glauben Sie mir: Hier ist es ganz und gar nicht egal, wer ein Buch übersetzt hat.“
Beatrice wuselte heran. Sie stellte wortlos ein paar Gläser und was zu trinken auf den Tresen, zwinkerte mir verschwörerisch zu, grüßte dann noch kurz zum Abschied, und entfloh in den Feierabend. Sie wollte ja ins Kino … Kino? Ach ja!
„Haben Sie zuerst den Film ‚The Shape of Water‘ gesehen“, fragte ich Frau Fricke, „oder hielten Sie zuerst das Skript in den Händen?“

Meine Besucherin entschied sich dazu, ihre Verwunderung abzulegen. „Ich habe lustigerweise zuerst den Trailer gesehen und in der Woche darauf die Anfrage bekommen, ob ich den Roman übersetzen möchte. Das Buch war längst im Druck, als der Film in die Kinos kam …
Während des Übersetzens hatte ich übrigens nicht die geringste Ahnung, dass sich Buch und Film teilweise stark voneinander unterscheiden, und da ich vom Film nichts außer dem Trailer kannte, machte es mich schon ziemlich nervös, dass darin einiges anders aussah, als es im Buch beschrieben wurde. Da es leider keinen Kontakt zur Synchronisationsfirma gab, hatte ich schon ein bisschen Sorge, dass ich manches anders übersetzen würde, als es letztlich im Film auftaucht. Zum Glück sind mir da jedoch nur einige Kleinigkeiten im Kino aufgefallen.“

Ich blätterte fahrig durch die Seiten. Eine Geschichte, die eigentlich woanders schon erzählt wurde. „Wenn man bislang nur den Film gesehen hat, warum sollte man sich auch noch das Buch zulegen?“
Frau Fricke lächelte. „Der Film und das Buch unterscheiden sich in mancherlei Hinsicht. Nur die Hauptstory entstand in Zusammenarbeit von Guillermo del Toro und Daniel Kraus; alles Weitere haben sie unabhängig voneinander geschrieben. Insofern lohnt es sich durchaus, nach dem Kinobesuch das Buch zur Hand zu nehmen, da man darin viel mehr Hintergrundinformationen bekommt und auch den Geschichten von Nebenfiguren wie beispielsweise Stricklands Ehefrau Lainie oder Elisas Nachbar Giles viel mehr Platz eingeräumt wird.“

„Wie viel Eigenes darf in eine Übersetzung mit einfließen?“, fragte ich. „Nicht jeder Humor, nicht jede Redewendung lässt sich aus anderen Sprachen übertragen. Da muss man als Übersetzerin doch gewiss improvisieren.“
„Klar.“ Jetzt lachte sie sogar. „Das Übersetzen gleicht im Grunde genommen einem Drahtseilakt, da man einerseits möglichst nah am Original bleiben, andererseits aber auch eine gut lesbare deutsche Fassung abliefern muss. Demzufolge muss man immer wieder abwägen, wie man schwer übersetzbare Passagen übertragen und was man notfalls auch mal weglassen oder erklären sollte. Als Übersetzer steht man jedoch nicht allein da, sondern kann sich im Zweifelsfall auch mit dem Lektorat und dem Ansprechpartner im Verlag beraten.
Manchmal zermartert man sich dann bei Wortspielen, Witzen oder Reimen schon ziemlich das Gehirn, aber das gehört zum Job dazu, und wenn man hinterher eine gute Lösung gefunden hat, freut man sich umso mehr – erst recht, wenn es auch den Lesern positiv auffällt.“

„Filmbücher, ich denke da zum Beispiel an ‚Star Wars‘ oder ‚Terminator‘, sind ja eigentlich nur eine weitere Methode, um mit einer teuren Lizenz mehr Geld zu verdienen“ behauptete ich. Etwas Provokation konnte ja nicht schaden. „Jedoch locken sie die Fans des Franchises oft mit zusätzlichen Szenen, Hintergrundwissen und besonderen Einblicken in die emotionalen Entwicklungen des Protagonisten. Dagegen wirft man Buchverfilmungen vor, dass sie meist oberflächlich und zudem falsch besetzt sind.
Da fragt man sich doch, woran es liegt, dass man mit Filmen mehr Geld verdient. Oder?“
„Puh, schwierige Frage. Ich habe schon früh gern das Buch zum Film gelesen – angefangen mit ‚Star Wars – , um die Bilder noch einmal Revue passieren zu lassen.“ Sie grinste, als sie einen kleinen Nebensatz einschob: „So was wie das Internet gab es ja damals noch nicht.“ Sie nahm einen Schluck Wasser aus einem Glas. „Das Schwierige bei Buchverfilmungen ist meiner Ansicht nach, dass man als Leser ja schon ein relativ festes Bild der Charaktere im Kopf hat – und bei jedem unterschiedlich sein kann. Daher ist es nahezu unmöglich, diesen Erwartungen zu entsprechen. Gut gelöst wurde es beispielsweise bei ‚Der Herr der Ringe‘ oder ‚Game of Thrones‘. Wahrscheinlich ist der Durchschnittsmensch jedoch eher lesefaul und lässt sich lieber berieseln, was den Erfolg von Kinofilmen und auch Streaming-Diensten erklärt, während die Buchverkäufe ja immer weiter zurückgehen.“
Ein kleiner, schweigsamer Moment schlich sich melancholisch durch mein Antiquariat.

Damit diese Pause nicht zu lang wurde, bemühte ich mich, den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen: „Zurück zu Ihrem Beruf! Wie sieht denn so ein Werdegang aus? Wie wird man Übersetzerin und Lektorin für einen so großen Verlag wie Knaur?“
„Na, da bin ich wirklich kein klassisches Beispiel. Viele Übersetzer haben das klassisch studiert, während ich Quereinsteiger bin. Während meines Informatikstudiums bekam ich die Gelegenheit, nebenbei an der Übersetzung von Computerspielen mitzuarbeiten, und irgendwann hatte ich dann auch Lust, mich mal an einen Roman zu wagen. Anfangs habe ich vor allem für einige Kleinverlage gearbeitet, doch mit zunehmender Erfahrung kamen dann auch von größeren Verlagen schöne Aufträge.“

Meine nächste Frage wollte ich mit ein paar prominenten Namen zu würzen. „Del Toro, George R. R. Martin, Emily Bleeker, Nanci Haviland und sehr viele andere ließen bereits ihre Werke von Ihnen übersetzen. Wie gut ist der Kontakt bei der Arbeit zu den einzelnen Autoren?“
„Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal bekommt man vom Verlag gleich bei Auftragsübernahme zu hören, dass der Kontakt zum Autor nur über den Verlag zu laufen hat“, gab sie zu, „aber meist ist es völlig in Ordnung, wenn ich die Autoren selbst kontaktiere, was ja oft problemlos über die sozialen Medien möglich ist. Bisher bekam ich immer ein sehr positives Feedback von den Autoren, die auch sehr bestrebt darum sind, Fragen zu beantworten oder mögliche Fehler oder Ungereimtheiten auszumerzen.“
„Diese Auswahl an Autoren umfasst ein breites Spektrum. Von Liebesroman bis Fantastik scheint alles dabei zu sein. Darunter sind Bestseller und nicht ganz so bekannte Titel. Welche Übersetzungsarbeiten machen da am meisten Spaß?“
„Am meisten Spaß machen mir die Genres, die ich auch ‚privat‘ gern lese, also Scifi, Fantasy und Krimis/Thriller. Dabei ist die Bekanntheit des Autors/der Autorin zweitrangig; solange es eine spannende, interessante, ungewöhnliche Geschichte ist, die mich auch als Leserin fesseln würde, setze ich mich morgens noch viel lieber an den Schreibtisch. Wobei ich das mit den Genres vielleicht relativieren sollte, denn ich hatte auch schon richtig unterhaltsame und gut geschriebene Liebesromane ebenso wie schlechte Krimis auf dem Tisch. Es ist schon ein paarmal vorgekommen, dass ich mich mit Feuer und Flamme an eine Übersetzung gemacht habe und mit der Zeit merkte, dass das ein ziemlicher Murks ist, was der Autor/die Autorin da zu Papier gebracht hat.“
Meine Neugier siegte. Und da Bea ja weg war und wir, beinahe, vollkommen unter uns, fragte ich: „Haben Sie vielleicht eine kleine Geschichte aus dem Nähkästchen für mich?“
Sie beugte sich vor. „Lustigerweise hat sich die Tatsache, dass ich Computerspiele übersetze und auch spiele durchaus auf die Buchübersetzungen ausgewirkt.
Meinen ersten größeren Sciencefiction-Roman durfte ich tatsächlich aufgrund der Tatsache übersetzen, dass ich am Warhammer-MMO mitgearbeitet hatte und der Lektor, der damals das Projekt betreute, ein großer Warhammer-Fan war und ist und sich deshalb an mich erinnerte. Eine andere Reihe wurde mir beispielsweise angeboten, weil ich großer ‚Mass Effect‘- und ‚Dragon Age‘-Fan bin, ebenso wie die Lektorin. Und mit einem anderen Verlagslektor habe ich mich, als ich mich auf der Buchmesse bei ihm vorstellte, erst einmal eine Viertelstunde lang über Comics und Graphic Novels unterhalten. In dieser Hinsicht ist es anscheinend von Vorteil für mich, ein Nerd zu sein, weil man bei abgefahrenen Projekten gern mal an mich denkt – wogegen ich rein gar nichts einzuwenden habe.“

Langsam humpelte ich wieder in die Ecke mit den fantastischen Büchern. Ich hätte den Stock mitnehmen sollen. „Welches ist denn Ihr allerliebstes Genre? Oder haben Sie, wenn Sie Feierabend machen, genug von Literatur?“
„Wenn ich richtig tief in einer Buchübersetzung stecke und die auch noch eilig ist, habe ich abends tatsächlich keine Muße mehr zum Lesen und schaue mir lieber eine Serie an, aber im Allgemeinen habe ich immer mindestens ein Buch auf dem Nachtisch und eins für längere U-Bahn-Fahrten in der Tasche. Dabei lese momentan vor allem Scifi und habe ein paar neue, großartige Autoren und Autorinnen für mich entdeckt.“
Neue Autoren? Das legte eine ganz andere Frage nahe, fand ich. Es war eine Frage, die ich schon länger stellen wollte. Eigentlich die ganze Zeit über. Es war eine jener Fragen, die quasi im Raum schwebten. „Schreiben Sie auch eigene Bücher? Ich meine, dass das ja irgendwie fast schon zwangsläufig der Fall sein muss.“
Als Antwort bekam ich wieder ein Lächeln. Es war eines dieser speziellen Art: Es konnte alles oder auch gar nichts sagen: „Bisher noch nicht; aber das kann vielleicht noch kommen …“
Inzwischen hatte ich das Bücherregal erreicht. Ich drückte und schob die verschiedenen Bände ein wenig zusammen, so dass etwas Platz entstand. Eine Lücke, in der man ziemlich genau noch ein Buch hineinschieben konnte. Mit einer einladenden Geste deutete ich darauf und sagte nur: „Reserviert.“

 

Planas Buchantiquariat

zu Besuch im Antiquariat: Bianca Bolduan

Da die Welt ja nicht nur aus Büchern besteht und auch die realen Geschicke, die mich in meinem Antiquariat nur selten erreichten, in gedruckter Form festgehalten wurden, griff ich heute mal wieder zur Zeitung. Die tagesaktuellen Berichte überflog ich nur. Die kommunale Politik stritt über Kindergärten und die internationale Politik erinnerte an eben einen jener Kindergärten. Nicht gerade ein Stimmungsaufheller. Den Sportteil ignorierte ich geflissentlich und landete somit zügig im Kulturteil.

„Anzahl der Unternehmen im Einzelhandel mit Büchern geht zurück.“

Diese Überschrift beanspruchte natürlich direkt meine ganze Aufmerksamkeit. Nachdem ich den dazugehörigen Artikel zu Ende gelesen hatte, befand sich meine Laune endgültig im Keller.
Ich seufzte schwer.
„Was gibt’s?“, fragte Beatrice, die vom Laden aus in mein Arbeitszimmer sah.
„5127“, sagte ich lakonisch.
„Äh … Ja?“
„2003 gab es noch 5127 Buchgeschäfte in Deutschland.“
Beatrice kam ein paar Schritte heran. „Was möchten Sie mir damit sagen?“
Mit dem Finger tippte ich wütend auf die Zeitung. „Jetzt sind es nur noch 3600.“
Beatrice zuckte mit den Schultern. In ihrem Gesicht spiegelte sich dennoch ein Anflug von Betroffenheit. „Der Kampf gegen die Internetriesen ist hart. Da werden viele Alteingesessene einfach aufgegeben haben.“
Ich kannte zwar schon vorher die Antwort auf meine Frage, doch ich stellte sie trotzdem: „Aber kommen nicht auch ein paar neue Buchhändler nach?“
„Dazu braucht man verdammt viel Mut“, stellte Beatrice fest, „und vielleicht ein bisschen Wahnsinn.“
„Man muss verrückt sein, wenn man sich mit einem Buchladen selbstständig macht?“ Jetzt war ich wirklich deprimiert.

In diesem Moment bimmelte das Glöckchen an der Tür. Eine Frau betrat den Laden, orientierte sich kurz und schritt dann zielsicher zu den Büchern von Marion Zimmer Bradley. Sie schien sich für „Avalon“ und „Trapez“ zu begeistern. Eine gute Wahl, dachte ich.
Da es in meinem Buchantiquariat nur selten Zufälle gab, wartete ich geduldig ab. Und wirklich! Dieses leise Wispern drang wieder leise und vielstimmig an mein Ohr. Es drang aus den Regalen zu mir heran und verriet mir, mit wem ich es zu tun hatte: „Bianca Bolduan.“
„Eine Buchhändlerin?“, rief ich erstaunt.
Sie quittierte es mir mit einem amüsierten Grinsen.
Ich betrachtete meine Besucherin genauer. Eine schlanke Frau Mitte Fünfzig, graumelierte Haare, lässig gekleidet in Boots, Jeans und T-Shirt. Die kleinen Accessoires waren vermutlich das Auffälligste an ihr: ein Lederarmband, ein Silberarmreif, ein Lederband mit Edelstein um den Hals und jede Menge Lachfalten um die Augen. Ein Stubenhocker war sie offenbar nicht, denn die Sommersonne hatte ihr einen braunen Teint verliehen.

„Plana“, sagte ich und reichte ihr zum Gruß die Hand. „Herr Plana. Mir gehört dieses bescheidene Antiquariat. Bücher sind …“ Ich schmunzelte über mein kleines Wortspiel, das vermutlich nur ich selbst verstand. „… mein Leben.“
„… Wo Sie doch Ihr eigenes haben …“ Ihr Grinsen verbreiterte sich zu einem ironischen Lächeln.
„Sie sind Buchhändlerin?“ Ich ließ ihre Hand los, schritt um den Verkaufstresen herum, auf die Seite des Verkäufers, und beugte mich interessiert über die Tischfläche. „Wie lange denn schon?“
Frau Bolduan nahm den gegenüberliegenden Platz ein: Die Seite der Leser. „Lieber Herr Plana, ich sehe mich gar nicht so sehr als Händlerin, eher als Brückenbauer zwischen Büchern von Selfpublishern und interessierten Lesern. Deshalb habe ich 2015 die ‚Wortwerke Buchhandlungen‘ gegründet. Inzwischen habe ich vier Filialen – und es sollen noch viel mehr werden.“

Ich zog, einigermaßen verblüfft, die Augenbrauen hoch. Vier Filialen in so kurzer Zeit? „Meine Mitarbeiterin würde eine Geschäftsgründung als verr … mutig bezeichenen. Im Augenblick schließen so viele Mitbewerber. Wenn sich Ihr Geschäft trotz der schwierigen Marktlage behauptet, muss es ein außergewöhnliches Konzept haben, vermute ich.“
Das Wort, dass mir statt „mutig“ um ein Haar über die Lippen gekommen wäre, war ihr nicht entgangen. „Ein wenig verrückt muss man sein, um ein solches Projekt aus dem Boden zu stampfen. Überall gehen Buchhandlungen kaputt – und ich baue welche auf. Aber unser Konzept ist ein etwas anderes: Wir vermieten Regalplätze für Bücher von selbstverlegenden Autoren und dem Programm aus kleinen Verlagen. Für einen geringen monatlichen Betrag wird das Buch in drei Filialen präsentiert. Und wir verzichten auf das Arbeiten mit Margen. Die Verkaufserlöse werden zu 100% ausgezahlt.“
Ich richtete mich auf. „Und das funktioniert?“
Jetzt stützte sich Frau Bolduan auf den Tresen, nahm den von mir freigegebenen Platz ein. „Ja, durchaus, obwohl wir das Konzept gerade noch einmal dem recht schnellen Wachstum anpassen mussten. Geplant war das in der Form ja auch nie. Ich wollte einen Laden machen, in dem ich meine Bücher verkaufe, Seminare gebe, Workshops anbiete und – weil ich ja eh im Laden bin – auch die Bücher meiner Autorenkollegen mit anbiete. Das war im Frühjahr 2015. Inzwischen ist ‚Wortwerke‘ ein Franchise-Unternehmen mit vier Standorten geworden – und weitere sollen dazukommen.“

„Da kann man schon stolz drauf sein“, mischte sich Beatrice unvermittelt in unser Gespräch ein. Unverholene Bewunderung lag in ihrer Stimme.
„Als ich mit ‚Wortwerke‘ anfing“, sagte Frau Bolduan, „stieß ich auf die Videoclips bei Youtube, die vom Börsenverband des deutschen Buchhandels gedreht wurden und immer die schönsten Buchhandlungen Deutschlands zeigen. Damals dachte ich, dass es ja so toll wäre, wenn mein kleiner ‚Wortwerke‘-Laden eines Tages auch diesen Titel tragen würde. Toll, aber unvorstellbar. Und, was soll ich sagen? Seit April 2018 gehören wir mit unserer Filiale in Halle in die Reihe der ‚schönsten Buchhandlungen Deutschlands‘! Ob ich stolz darauf bin? Aber sowas von!!!“
Beatrice kam zu uns herüber. Ihre Gedanken waren ihr ins Gesicht geschrieben. Sie hatten nichts mit meinem staubigen kleinen Laden zu tun. Sie dachte an lichtdurchflutete Geschäftsräume mit freundlichem Ambiente. „So ein Erfolg kommt nicht von selbst. Da steckt bestimmt viel Arbeit drin. Wie sieht bei Ihnen denn ein typischer Arbeitstag aus?“
Frau Bolduan lachte herzlich. „Wenn es eines gab, was mir als junger Mensch schon klar war, dann, dass ich nie einen ‚typischen Arbeitstag‘ haben wollte. Deshalb bin ich auch nicht nur Unternehmerin, sondern auch Coach und arbeite ganz aktiv im Tierschutz. Und Autorin bin ich auch noch. Deshalb beginnt mein Tag immer sehr früh und teilt sich locker flockig in die Bereiche ‚Wortwerke-Büroarbeit‘, ‚Schreiben‘, ‚Seminare vorbereiten und geben‘ und meinen Pflegehunden auf. Dazu kommen ein riesiger Garten und jede Menge eigenes Viehzeug.
Mein durchschnittlicher aktiver Teil eines Tages hat rund 16 Stunden, doch ich sehe es nicht als ‚Arbeit‘ im herkömmlichen Sinne an. Ich bin so vielschichtig unterwegs, das ‚Arbeit‘ und ‚Freizeit‘ nahtlos ineinander übergehen. Manche Bereiche liegen mir gar nicht. Öde Buchhaltung nervt mich, aber das gehört halt dazu. Doch es kann eben jeden Tag sein, dass ich plötzlich eine gute Idee für das Coaching habe und sofort anfangen kann. Ich habe keinen Chef, der mir im Nacken sitzt, ich bin in der glücklichen Lage, jederzeit arbeiten oder Freizeit machen zu können. Fünf-Tage-Woche? Kenne ich nicht. Ich lebe sieben Tage in der Woche, ich ‚arbeite‘ auch an sieben Tagen in der Woche. Und Freizeit habe ich auch an sieben Tagen in der Woche. Klingt ‚ver-rückt‘, nicht? Ist es auch.“

In der festen Absicht, das Gespräch wieder an mich zu reißen, fragte ich: „Und dazu kommen dann Messebesuche und so was?“
„Mit „Wortwerke“ sind wir inzwischen auch zwei Mal auf der Leipziger Buchmesse gewesen. Mein Ding ist das nicht. Und unter dem Strich bringt es auch nichts, rein wirtschaftlich gesehen. Waren Sie schon einmal auf einer Buchmesse?“
Ja“, warf ich kurz ein.
Doch Frau Bolduan sprach schon weiter. „Millionen von Büchern, fünf überfüllte Hallen und jede Menge Menschen. Wer, bitte, erinnert sich einen Monat später noch an all die Bücher, die er sich angesehen hat? Wir von ‚Wortwerke‘ überlegen gerade, wie wir auf andere Art unser Sortiment filialübergreifend präsentieren können.“

„Da bleibt aber nicht viel Zeit für Eigenes, oder?“ Meine wispernden Freunde legten ihr Veto ein und ich erinnerte mich rechtzeitig, an das, was Frau Bolduan über ihren Tagesablauf erzählt hatte. Bevor Frau Bolduan mir also antworten konnte, hatte ich deshalb schon eine bessere Frage parat: „Sie sind auch Autorin*?“
„Ja, und zwar schon sehr lange. Die ersten Veröffentlichungen hatte ich mit 14 Jahren, dann kamen einige Jahre mit einer künstlerischen Pause, dann wieder Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften u.ä.
Meine erste Publizierung als ‚Selfpublisher-Voll-Autorin‘ war 2010, seither habe ich dreizehn Bücher veröffentlicht. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Diese Kreativität ist das, was ich jeden Tag tun ‚muss‘, um mich wirklich lebendig zu fühlen. Ich kann gut einmal ohne Bücher sein, selbst eine Zeit ohne Pflegehunde gönne ich mir hin und wieder.“ Sie machte eine kaum merkliche Pause. „Aber ein Tag ohne das Schreiben ist für mich wirklich ein unglücklicher Tag. Dabei ist es mir gleich, ob ich an einem Manuskript schreibe, einen Blogbeitrag vorbereite oder an einer Rede bastle, die Hauptsache ist, mein Sprachapparat läuft auf Hochtouren.“

„Bei all der Literatur in Ihrem Leben, muss da sehr viel Herzblut drin stecken. Kommt da die Familie und das Privatleben nicht zu kurz?“
„Ich habe das große Glück, eine sehr aktive Familie zu haben. Andere würden uns verrückt nennen, ich nenne uns kreativ. Mein Partner ist Tierarzt bei ‚Tierärzte ohne Grenzen‘ und oft in Krisengebieten unterwegs. Meine Tochter, mein Schwiegersohn und meine Enkelkinder sind jeweils im Sport sehr erfolgreich und ich bin mehrmals im Jahr mit den Hunden auf Tour und dann einige hundert Kilometer zu Fuß unterwegs. Und trotz unserer Unterschiedlichkeit und unserem oft Nicht-Dasein verbringen wir die Zeit, die wir dann haben, sehr intensiv mit ‚Qualitätsfreizeit‘. Ich liiiiebe meine Enkelkinder und verbringe gern Zeit mit ihnen. Dennoch stehe ich nicht jederzeit zur Verfügung. Und genau aus diesen zugegebenermaßen oft nur wenigen Stunden in der Woche, die ich mit meiner Familie und meinen Freunden verbringe, ziehe ich meine Kraft für all das, was ich mache. Nichts in meinem Leben wäre ohne all das andere möglich.“

Am Abend, Frau Bolduan hatte mein Antiquariat längst verlassen, ließ ich meinen Blick durch den Verkaufsraum streifen. Hier war alles wie ehedem. Ja … Wie ehedem.
Auf dem Tresen lag die Zeitung. Der Artikel mit dem sperrigen Titel „Anzahl der Unternehmen im Einzelhandel mit Büchern geht zurück“ war noch immer aufgeschlagen. Irgendwo in den Zeilen und Spalten stand anklagend die Zahl 3600.
„Harte Zeiten“, sagte ich zu den Büchern. Sie widersprachen mir nicht. „Vielleicht braucht man hin und wieder ein paar Leute, die verrückt sind. Verrückt genug, neue Wege zu gehen.“ Ich nahm die Zeitung und warf sie in den Papierkorb. „3604.“

zu Besuch im Antiquariat: Britta Röder

Der Juni war gekommen. Nachdem sich der Winter sich in diesem Jahr nur zögerlich verabschiedet hatte und der Frühling sich nur durch ein paar rasch verblühende Osterglocken bemerkbar gemacht hatte, jagten nun heftige Gewitterwolken die jüngste Hitzewelle vor sich her.
Genau so plötzlich wie Petrus sich für schlechtes Wetter entschieden hatte, entschied sich meine Bea dazu, den Laden auf Vordermann zu bringen. Sie polierte und wischte, räumte das Inventar von A nach B und vermutlich auch wieder zurück. Was man anscheinend so machen muss, wenn man den Frühjahrsputz verpasst hatte und … – wenn man nicht ich war.
Das Schaufenster dekorierte sie gleich auch neu. Als ich vorsichtig aus dem Arbeitszimmer hinüber in den Verkaufsraum blickte, achtete ich sorgsam darauf, dass sie mich nicht bemerkte. Es lag mir wirklich nichts daran, von meinem Personal zum Arbeiten abkommandiert zu werden. Immerhin lagen neben meinem Ohrensessel noch genug gute Bücher, die gelesen werden wollten.
Trotzdem obsiegte die Neugier. Ich wollte wissen, welche Werke es dieses Mal in die Auslage schaffen würden.
„Sie können ruhig herkommen“, sagte Beatrice, „und die Titel aus der Nähe begutachten. Ich habe hier unter anderem Cornelia Funke, Michael Ende und Walter Moers. Die möchten gerne auf saubere Staffeleien gestellt werden. Nehmen Sie sich einen Lappen und …“
„Bücher über Bücher?“, stellte ich begeistert fest. „Dann sollten auch noch Robin Sloan und Kai Mayer dazu. Und vielleicht noch Ihr Buchland, Beatrice.“
Meine Bea schnaubte. „Ich mach doch hier keine Werbung für das eigene Buch! Das wär‘ megapeinlich.“
„Klappern gehört zum Geschäft, liebe Bea. Sie sollten mal eine Signierstunde machen. Autogramme geben, oder so.“
„Autogramme?“ Sie drehte sich zu mir um. „Haben Sie noch andere Vorschläge? Sinnvolle? Für die Deko?“
„Hm“, machte ich. „Wie wäre es mit Britta Röder?“
„Britta Röder.“ Beatrice zog die Stirn kraus. „Wer ist das?“
Ich nahm dies zum Anlass, mit dem linken Auge zu zwinkern. Nicht in Beas Richtung. Meine konspirative Geste galt meinen lieben Büchern, die den unauffälligen Wink natürlich sofort verstanden.

Die Ladentür schwang auf und eine Frau betrat das Antiquariat. Schlicht gekleidet in Jeans, blauer Bluse, flachen Schuhen und einer schwarzen Umhängetasche, hätte man den Eindruck gewinnen können, dass sie in unserem Städtchen einen Urlaub verbringen wollte.

„Guten Morgen, Frau Röder“, begrüßte ich sie. „Wie schön, dass Sie den Weg in mein bescheidenes Antiquariat gefunden haben. Was für -ähm- ein Zufall. Wir haben uns gerade über Romane über Bücher unterhalten.“ Ich ließ ihr keine Zeit, sich zu wundern und ging direkt in medias res. „Ihr Roman ‚Die Buchwanderer*‘ reiht sich ja auch nahtlos in dieses Subgenre der Belletristik. Ich muss zu meinem Bedauern zugeben, dass ich ihn noch nicht gelesen habe. Möchten Sie mir etwas darüber erzählen?“
„Guten Morgen, Herr Plana. Die Freude ist ganz auf meiner Seite.“ Keineswegs überrascht lächelte sie mich an. „Ich muss gestehen, dass ich nicht ganz zufällig hier bin. Ich habe Sie nämlich schon gelesen und war nun sehr gespannt, ob ich Sie hier auch einmal ‚in Echt‘ treffen kann. Natürlich erzähle ich Ihnen gerne mehr zu meinem Roman ‚Die Buchwanderer‘. Als ich die Geschichte das erste Mal im Kopf hatte, da war mir überhaupt nicht bewusst, damit ein bestimmtes Genre zu bedienen. Ich lese einfach nur gerne und viel, wobei es mir die Klassiker schon immer sehr angetan haben. Ich habe einfach nur ein Buch geschrieben über das, was ich besonders liebe. Die Idee zum Buchtitel ‚Die Buchwanderer‘ hatte übrigens mein Mann an einem Sonntagmorgen beim Frühstück. Da lag das Manuskript bereits beim Verlag.

Ich deute auf eine Ausgabe von ‚Tintenblut‘. „Dass sich die Protagonisten in die Handlung einer Geschichte hineinlesen oder Figuren einem Buch entfliehen, hat es schon in anderen Storys gegeben. Was ist das Alleinstellungsmerkmal Ihrer Geschichte?“
Frau Röder schlenderte zu einem der Regale und zog Thor Heyerdahls Abenteuerbericht ‚Ra‘ heraus. Ich stellte fest, dass sie etwas kurzsichtig war. Ihr Blick folgte angestrengt den Zeilen des Klappentextes. Ob sie ihre Brille vergessen hatte? Sie steckte das Buch zurück an seinen Platz. „Meine Protagonisten wandern durch ‚Romeo und Julia‘, ‚Eugen Onegin‘ und ‚Don Quichote‘, sie begegnen den berühmten Figuren, sprechen mit ihnen, interagieren mit ihnen und erleben dabei dennoch ihre völlig eigene Geschichte. Obwohl sie sich innerhalb dieser berühmten Vorlagen bewegen, verändern sie diese nie. Die Originale bleiben intakt. Ganz bewusst habe ich Originaltextpassagen eingefügt und als solche gekennzeichnet. Trotzdem können sich meine Protagonisten dem Sog der jeweiligen Geschichte, in der sie sich bewegen, nicht immer ganz entziehen. Sie laufen Gefahr, mit ihrer Umgebung zu verschmelzen. Wobei sich die Frage stellt, ob es ihnen am Ende gelingt, ihre eigene Geschichte zu schreiben. Das eigene Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren. Ob das ein Alleinstellungsmerkmal ist, weiß ich nicht, aber das ist meine Idee hinter meinem Buch.“

„Ich könnte mir vorstellen“, sagte ich, „dass Leute, die eine Liebeserklärung an die Literatur schreiben, eine ziemlich große Hausbibliothek ihr Eigen nennen. Wie groß ist Ihr Bücherregal?“
Ihre Antwort ließ mein Herz einen kleinen Hüpfer machen. „Meine Bücher zu zählen habe ich längst aufgegeben. Die Zahl liegt irgendwo im Vierstelligen Bereich. Aber im Vergleich zu anderen Viellesern bin ich noch recht harmlos. Früher wollte ich jedes gelesene Buch unbedingt auch besitzen. Bei über fünfzig Büchern im Jahr geht das aber irgendwann nicht mehr. Daher leihe ich mir sehr viel aus. Heute betrachte ich die Stadtbücherei Darmstadt als eine Verlängerung meines Bücherregals.“

„Und welche Titel fanden Sie besonders inspirierend? Oder war die Geschichte zu den Buchwanderern ‚schwupps‘ einfach da?“
„Inspirierend fand und finde ich vieles. Die Klassiker haben mich sehr geprägt, allen voran die der französischen und russischen Literatur, einfach weil ich diese während des Studiums so zahlreich gelesen habe. Ich bin schlicht begeistert von Büchern, die es schaffen über ihre eigene Zeit hinaus, ihrer Leserschaft etwas Unvergängliches mitzugeben. Bücher, die keiner Mode unterliegen, die zeitlos sind.
Aber auch Zeitgenössisches fesselt mich. Wobei ich es sehr schätze, wenn Literatur unbequem ist, d.h. den Leser aus seiner Komfortzone herausholt und ihn auch mit unbequemen Sichtweisen konfrontiert. Ganz im Sinne von Kafka, der in einem Brief an seinen Freund Oskar Pollak schrieb: ‚man sollte überhaupt nur noch solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? […] Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.‘“ Frau Röder machte eine kurze Pause, holte tief Luft und platzierte ein kurzes Lächeln in ihrer Rede. Dann sprach sie weiter. „Und zur Entstehung der Buchwanderer: Das, was schwupps einfach da war, das war die Idee. Die Geschichte selbst hat sich dann beim Schreiben entwickelt. Ich habe tatsächlich beim Schreiben erst entschieden, welchen Klassiker ich als nächsten mit einbeziehen werde. Wobei ich niemals lange überlegen musste. Ich habe mich einfach treiben lassen und im passenden Moment fiel mir der jeweils nächste Schritt ein. In diesem Sinne ist mein Roman ganz organisch gewachsen. Diese Art des Schreibens habe ich bisher nicht abgelegt. Ich plotte nicht. Ich habe eine Idee und schreibe darauf los. Natürlich habe ich einen Plan, weiß worauf ich hinaus will, aber wie ich dahin komme, ist am Anfang noch völlig offen. Daher bin ich beim Schreiben leider auch sehr langsam.“

Beatrice, die sich bis jetzt unauffällig im Hintergrund gehalten hatte, schob einen Bücherwagen zu uns herüber. Beinahe schüchtern brachte sie sich in unser Gespräch ein. „Ich hab‘ da noch was gefunden“, sagte sie, griff zwischen die sorgsam aneinandergereihten Titel und drückte mir alsdann ein Taschenbuch in die Hand.
Ich warf einen kurzen Blick auf das Cover. „Sie haben auch noch einen zweiten Roman geschrieben? Ein Roadmovie zum Lesen. Hört sich etwas unorthodox an. Ganz etwas anderes, oder?“
Zwischen den Atemzügen*“ ist eine klassische Roadstory“, erklärte Frau Röder. „Wenn Sie wollen, dann könnte man sagen, dass ich auch hier wieder ein belletristisches Genre bediene. Ist also absolut nicht unorthodox, ist einfach eine Reisegeschichte – und in diesem Sinne bleibe ich meinem Thema, das ich mit den Buchwanderern schon angeschnitten hatte, die ja auch Reisende sind, irgendwie treu.“

Irgendwie kamen mir prompt ein paar Roadmovies in den Sinn. Kevin Kostner, Dustin Hoffman und Dennis Hopper winkten mir von imaginären Leinwänden zu. „Wie kommt man darauf?“
Britta Röder grinste. Hatte sie meinen wirren Gedankengang erraten? „Ich reise gerne. Die Idee, einfach so ins Auto zu springen und alles hinter sich zu lassen, hat mich schon immer fasziniert. Nur macht das in der Realität natürlich kaum jemand. Außer es treiben einen besondere Umstände an. Und um die geht es in meinem Roman.“

Auch wenn es vielleicht unhöflich war, nahm ich mir die Zeit und blätterte ein wenig in den Seiten. Ein paar Zeilen Text drängten sich ganz besonders in mein Bewusstsein. „Denken Sie tatsächlich, dass nur auf den Tod und den Zufall Verlass ist? Oder haben Sie Ihre ganz eigene Lebensphilosophie?“
„Sie spielen auf das Eingangszitat meines Roman an.“ Frau Röder nickte. „Ja, ich stehe tatsächlich hinter diesem Zitat. Der Tod ist uns allen sicher. Auf ihn ist zu hundert Prozent Verlass. Sich der eigenen Sterblichkeit bewusst zu sein, hilft ungemein das Leben zu genießen, es zu schätzen. Dieses Bewusstsein macht einen demütig und dankbar für das kostbare Geschenk des Lebens und verleitet hoffentlich auch dazu Respekt zu haben, vor dem Leben anderer Menschen und vor dem Leben an sich.
Die Vorstellung, dass das eigene Leben dem Prinzip des Zufalls unterliegt, ist natürlich unbehaglich. Aber dadurch nicht weniger wahr. Auf die Umstände, in die wir hineingeboren werden, haben wir keinen Einfluss. Auf die Schläge, die das Leben austeilt, leider auch nicht. Egal ob man es Schicksal, Zufall, Fügung oder sonst wie nennt, die Karten, die uns das Leben zuspielt, sind zufällig.
Das bedeutet allerdings nicht, dass wir frei von jeglicher Selbstbestimmung wären. Im Gegenteil. Was wir aus dem machen, was wir bekommen, liegt ganz alleine bei uns. Die Freiheit, die aus diesem Chaos resultiert, ist grenzenlos und birgt eine gewaltige Aufgabe, eine Lebensaufgabe, für jeden von uns.“

Interessante Ansichten einer interessanten Person, dachte ich bei mir. Deshalb wollte ich mich mit ihr nicht nur über ihre Bücher unterhalten. „Von Berufswegen sind Sie nicht nur Autorin. Aber Sie haben trotzdem auch zum Broterwerb mit Worten zu tun, oder?“
„Ich arbeite in Frankfurt in einem richtig großen Fachzeitschriftenverlag. Egal ob im Verkauf, im Marketing oder wie derzeit in einer Redaktion (wir haben in unserem Verlag dutzende Redaktionen), das Wort ist schon immer mein Instrument gewesen.“

Ich überflog kurz die Auslage auf dem Bücherwagen. Aber ich sah nur noch Titel anderer Autoren. Hätte Frau Röder noch mehr veröffentlichen lassen, dann hätte es bestimmt auch hier gelegen. Hmmm. „Zwei Bücher – und dann lange Zeit nichts. Kommt denn da noch was? Oder haben Sie der Literatur schon den Rücken zugekehrt?“
Sie lachte laut auf und schüttelte den Kopf. „Oh nein, natürlich habe ich dem Schreiben nicht den Rücken gekehrt. Ich schreibe immer zu. Aber nebenbei bin ich auch noch in anderen Projekten aktiv. So zum Beispiel ehrenamtlich im Orga-Team der Riedbuchmesse, einer kleinen Buchmesse, die hier in meiner Nachbarschaft, in Stockstadt am Rhein, jährlich stattfindet. Dafür unterhalte ich ganzjährig ein News-Portal. Dann arbeite ich gerade redaktionell an einem regionalen Kulturatlas mit, der im September 2018 erscheinen wird. Dafür habe ich einige Interviews geführt und aufgezeichnet. Sehr spannend. Und ab und an schreibe ich kleine Kolumnen für ein ansässiges Stadtmagazin.
Das alles macht viel Freude, frisst aber leider auch einen Großteil der wenigen Zeit, die mir zum Schreiben bleibt. Doch ehrlich gesagt sind diese ganzen Aktionen auch eine perfekte Ausrede. Denn ich schreibe ja trotzdem ohne Unterlass. Zwei Romane liegen in der Schublade ebenso wie einige Kurzgeschichten. Wenn ich ganz ehrlich bin, dann muss ich gestehen, dass es mir inzwischen sehr schwer fällt, meine Texte loszulassen. Meine eigenen Ansprüche sind seit der ersten Veröffentlichung enorm gewachsen. Hinzu kommt, dass ich von Haus aus wirklich eine extreme Langsamschreiberin bin.
Aber aktuell arbeite ich gerade an einem Manuskript, das ich unbedingt, sobald es abgeschlossen ist, an meinen Verlag schicken werde.
Und auch meine Kurzgeschichten möchte ich gerne zu einem Band zusammenfassen. Ich bin also voller konkreter Pläne.“

Beatrice hatte den Buchwagen fortgeschoben und widmete sich wieder ihrem verspäteten Frühjahrsputz. Auch ich spürte, dass sich diese kleine Unterhaltung dem Ende näherte. Also wartete ich geduldig, dass Frau Röder sich vielleicht noch ein Buch aussuchen würde.
Sie tat es nicht.
Stattdessen griff sie in ihre Tasche. „Lieber Herr Plana“, sagte sie leise. Dabei beugte sie sich diskret vor. „Ich hätte da noch eine kleine Bitte.“
Ich spürte plötzlich Beas neugierigen Blick in meinem Nacken. Etwas verunsichert fragte ich: „Ja?“
Frau Röder zog eine Ausgabe von ‚Buchland*‘ heraus und reichte sie mir. „Es kommt ja nicht oft vor, dass einem eine leibhaftige Buchfigur begegnet.“ Sie drückte mir einen Kugelschreiber in die Hand. „Dürfte ich Sie um ein kleines Autogramm bitten?“

zu Besuch im Antiquariat: Carsten Sebastian Henn

Schnuppernd hielt ich meine Nase in die Luft. Ich musste zugeben, dass mein Antiquariat schon lange nicht mehr so gut gerochen hatte. Nicht, dass mir der Duft von Staub und altem Papier nicht mehr behagte, doch die Aromen von Schokolade bildeten in meiner krummen Nase einen angenehmen Kontrast zur gewohnten Melange.
„Erwarten Sie einen Gast?“ Beatrice betrachtete misstrauisch den Tisch und die zwei Stühle, die ich in die Mitte des Verkaufsraums gezogen hatte. Weingläser, ein Riesling von der Mosel und erlesene Pralinen standen darauf bereit. „Haben Sie ein Rendezvous?“ Warum hörte sich das so … ungläubig an? „Damenbesuch?“, hakte sie nach.
Ich schnaubte. „Nein, kein Damenbesuch.“ Und um Missverständnissen vorzubeugen, sagte ich noch: „Kein Rendezvous.“
„Und ich dachte schon.“ Bea schmunzelte, was diesen Dialog auch nicht unbedingt besser machte.
„Wenn Sie es genau wissen möchten, meine Liebe“, sagte ich etwas pikiert, „mir ist aufgefallen, dass ich schon ziemlich lange kein kultiviertes Gespräch mehr geführt habe.“ Ob sie das als Spitze verstand? Sie ließ sich nichts anmerken. Deshalb redete ich einfach weiter. „Und da ich gerade einen kulinarischen Krimi ausgelesen habe, habe ich beschlossen, den Verfasser der kurzweiligen Lektüre einzuladen.“
„Kulinarischer Krimi?“
Ich deutete auf den Tisch. Wie von Zauberhand neben der Flasche platziert, lag dort nun eine Taschenbuchausgabe von „Die letzte Praline*“.
„Aha“, machte Beatrice. Sie schaute demonstrativ auf ihre Armbanduhr, merkte etwas über ihren Feierabend an und verabschiedete sich.

Kurz darauf bimmelte das Türglöckchen aufgeregt und kündigte meinen Besucher an. Vor mir stand ein dunkelhaariger Mann, gekleidet in Jeans, Hemd und blauer Strickjacke. Ich schätzte ihn auf etwas über vierzig. „Guten Abend, Herr Henn. Wie schön, dass Sie sich die Zeit für mich und mein kleines Antiquariat nehmen.“
„Ich freu mich sehr, dass Sie mich in Ihr Reich eingeladen haben. Antiquariate ziehen mich immer magisch an – ich könnte dort ja ein altes Kochbuch finden.“ Er schaute sich um und nahm dann zielsicher Kurs auf das entsprechende Bücherregal. Vielleicht erkannte er einen Buchrücken – oder er roch es einfach.
„Ist ein Riesling das Richtige für Sie? Ich habe gehört, dass Sie Winzer sind. Oder doch lieber ein Kölsch?“
„Riesling geht immer.“ Er setzt sich und warft einen Blick auf das altertümliche Etikett. „Ist ja sogar einer von der Mosel. Da habe ich auch meine Weinberge in Steilstlagen, die ich zusammen mit Freunden bewirtschafte. Die Lage heißt St. Aldegunder Himmelreich und drohte brach zu fallen. Da haben wir uns zusammengetan, um sie zu retten und selbst zu bewirtschaften. Seitdem weiß ich was ‘im Schweiße seines Angesichts’ wirklich bedeutet – und bin sehr demütig geworden, was die Arbeit der Winzer betrifft.
Leider musste ich nach fünf Jahren meine Arbeit 2017 einem Winzer übertragen, da ich gerade jede freie Minute für den neuen Roman brauche. Vielleicht stapfe ich demnächst wieder selbst in den Wingert.“
Ich betrachtete meinen Gast genauer. Ein freundlicher Zeitgenosse, der eher introvertiert wirkte. Er sprach ruhig, konnte aber sein rheinisches Naturell dadurch nicht verbergen. Ich schenkte ihm ein. „Wird man zum Winzer, weil man kulinarische Literatur verfasst? Oder verfasst man kulinarische Literatur, weil man Winzer ist?“
„Man verfasst kulinarische Literatur und wird Winzer, weil man Wein und Speisen liebt, und seiner Leidenschaft gefolgt ist. Normalerweise führt diese Leidenschaft dazu, dass ich zunehme.“ Er strich liebevoll über seinen Bauch. „Durch die Schufterei im Weinberg gleicht sich das erfreulicherweise etwas aus.“ Carsten Henn zog etwas aus seiner grauen Filzumhängetasche. „Habe Ihnen eine Flasche mitgebracht, passt hervorragend zu einem historischen Roman, der italienisch zubereitet ist.“ Er zwinkerte mir zu und stellte die Flasche, die ein Etikett mit Rebstock zierte, auf den Tisch.
„Danke.“ Angenehm überrascht zog ich eine Augenbraue hoch und strich mit dem Daumen über das Motiv. Dann deutete ich aber auf das Buch auf der Tischplatte. „Die Reihe Ihrer Veröffentlichungen ist lang. Sachbücher und Romane – Sie schreiben gerne übers Essen und Trinken. Aus Passion oder weil es eine Nische im Literaturbetrieb ist, die Sie gut bedienen können?“
„Wer ein Thema wählt, weil es eine unbesetzte Nische ist, wird vielleicht erfolgreich, völlig glücklich wird er damit aber nicht. Denn der Erfolg oder das Lob wäre für etwas, das nicht aus dem Herzen entsprungen ist. Ich schreibe immer nur nach dem Lustprinzip. Also über das Thema, auf das ich die größte Lust habe. Karrieretechnisch ist das nicht immer clever, aber das ist mir schlicht egal.“
Ich musste feststellen, dass mir diese Antwort irgendwie imponierte. Andererseits gab ihm der Erfolg durchaus recht. „Um einen Roman über Whiskey oder Champagner zu schreiben“, stellte ich fest, „muss man bestimmt viel recherchieren. Nicht nur in heimischen Regionen. Das kostet bestimmt viel Zeit und Geld. Außerdem braucht man die richtigen Kontakte. Wie muss ich mir das vorstellen? Sagt Ihr Verleger: Machen Sie mal drei Wochen Urlaub in Frankreich, besuchen Sie diese vorgegebenen Personen, interviewen Sie sie zum Thema Essen und dann machen Sie einen lustigen Krimi daraus! Die Spesenrechnung bitte an die Rechnungsabteilung.
„Ach, wäre das schön!“ Er lachte und nahm einen langen Schluck Riesling. „Zwar lassen sich Recherchereisen steuerlich absetzen, aber die Verlage zahlen nichts an Spesen. Dabei ist die Recherche so essenziell, sie inspiriert enorm und vor allem vermittelt sie einem Gerüche, Geräusche, Geschmäcker und ein Gefühl für einen Handlungsort, wie es kein Reiseführer könnte. Das Schöne ist, dass Menschen einem Schriftsteller bei der Recherche gerne helfen – vielleicht spekulieren sie darauf, im Buch als besonders schöne Leiche zu enden.“ Er zwinkerte mir zu.
Deshalb erlaubte ich es mir, etwas mehr die Mundwinkel zu heben. Nein, ich lächelte sogar. „Und nach der Recherche“, fragte ich, „beginnt regelmäßig die Diät beziehungsweise der -äh- Entzug?“
„Sollte! Aber ich bin ja ein durch und durch inkonsequenter Mensch, was lustvolles Genießen betrifft. Da kann eine Diät dann auch mal nur einen Nachmittag dauern.“
Das sah man dem Guten nun wirklich nicht an. „So ein Roman mit Vorgabe spult ja eine ganze Menge an Wissen ab. Haben Sie manchmal Bedenken, dass sich die Story zu sehr um das Thema beugen muss? Ein Leser möchte ja in erster Linie unterhalten, aber nicht belehrt werden. Driften Sie vielleicht hin und wieder in den ‚Infodump‘?“
„Das ist immer eine Gefahr, da man so viel faszinierendes Wissen anhäuft, das man mit den Leserinnen und Lesern teilen möchte. Deshalb habe ich schon beim ersten Roman ein Glossar im Anhang entworfen, um das alles hineinzupacken. Der Fluss eines Romans darf nicht durch Informationsvermittlung gestört werden. Meine Hauptfigur Prof. Dr. Dr. Dr. Adalbert Bietigheim doziert allerdings gerne, so dass ganz automatisch viel über ein Thema seinen Weg zwischen die Seiten findet. Ich hoffe, auf augenzwinkernde Art.“

„Sie sind auch Journalist, nicht wahr? Welcher Berufswunsch stand denn während Ihrer Jugend an erster Stelle?“, fragte ich.
„Ich unterscheide da nicht“, antworte Herr Henn und bediente sich vom Teller mit den Pralinen. „Schon in der Grundschule wollte ich schreiben, habe selber eine Schülerzeitung gemacht und kopiert. Ich liebe es mit Worten zu arbeiten, das ist mein Werkstoff – journalistisch wie literarisch.“
Da ich wusste, dass seine kulinarischen Geschichten nicht nur als Print veröffentlicht wurden, hatte ich noch eine weitere Frage in petto: „Die Hörbücher zu Ihren Romanen werden zum Teil von prominenten Persönlichkeiten eingelesen. Sie sind aber auch schon selbst ins Tonstudio* gegangen. Was ist Ihnen lieber?“
„Wenn Jürgen von der Lippe* oder Bernd Stelter* meine Texte vortragen, finde ich das wahnsinnig spannend. Sie haben ihre ganz eigene Interpretation meiner Geschichten – und lesen viel besser vor als ich.“

Man glaubt gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht, wenn man den Gaumen mit Köstlichkeiten verwöhnt. Wir plauderten noch ein Weilchen über Kochbücher, Krimis und Komödien. Doch schließlich zog es meinen Gast zu den Reiseführern. Er fand ein Exemplar, das sich mit dem Ort seines aktuellen Romans beschäftigte. Ich bot es ihm als kleines Geschenk an.
„Ich kaufe stets mit großer Vorfreude viel zu viele Bücher, die ich dann nicht gelesen bekomme, was mich immer ein wenig traurig macht“, gestand er. „Aber ich kann es nicht ändern!“ Und so wanderte auch dieses Buch in seine Tasche. Ich war mir sicher, dass es ein gutes Zuhause finden würde.
„Dann bin ich gespannt, was für ein Krimi daraus wird.“ Ich schmunzelte und korrigierte mich dann selbst. „Natürlich meine ich, was für ein kulinarischer Krimi daraus wird.“
Krimi?“ Herr Henn steckte unschuldig seine Hände in die Hosentaschen, zog die Schultern hoch und legte den Kopf schief. „Mein neuestes Buch ist eine Liebeskomödie, in der es darum geht, ob Liebe berechenbar ist.“ Er wollte wohl darauf aufmerksam machen, dass er auch anderes schreiben konnte.
Das zweifelte ich nicht an. Aber trotzdem fragte ich: „Eine Liebeskomödie?“
„Sie handelt von Sternen am Himmel und in Champagnergläsern …“
„Eine Liebeskomödie?“, bohrte ich.
„Sie heißt Eine Prise Sterne* …“
„Eine Liebeskomödie?“
„… und spielt in meiner Heimatstadt Köln, was immer zu einem besonders persönlichen Schreibprozess führt.“
„Eine Liebeskomödie?“, hakte ich nochmals nach. Ich hätte das Spiel den ganzen Abend fortsetzen können.
Herr Henn sah es ein und gab seufzend auf. „Ja, eine Liebeskomödie … eine kulinarische Liebeskomödie.“
Ich wusste es.

zu Besuch im Antiquariat: Monika Loerchner

Es begann ein neuer Tag im Antiquariat. Ich war bereit für allerhand Schandtaten und voller Motivation die Dinge, die mich erwarteten, in Angriff zu nehmen.
Nun …
Ehrlich gesagt, ist das ein wenig geflunkert. Der Tag war zwar tatsächlich neu, doch ich blieb noch der alte Mann, der ich anscheinend immer schon gewesen war. Der Blick in den Spiegel hatte mir das vorhin bewiesen. Entsprechend missmutig schlurfte ich die Stiege aus meiner Wohnung hinunter in das Antiquariat.
Eigentlich hätte ich vor einer Viertelstunde den Laden aufschließen müssen. Aber im August, mitten in der Urlaubszeit, verirrte sich sowieso niemand in meinen muffigen Bücherfundus. Wozu dann also die Eile?

Jemand pochte heftig gegen die Schaufensterscheibe und bat auf diese Weise ungeduldig um Einlass. „Wer hat es denn da so eilig in Planas Buchantiquariat zu kommen?“, fragte ich meine Freunde in den Verkaufsregalen. Ein vielstimmiges Wispern, das zwischen ihren Seiten raschelte, erhielt ich als prompte Antwort.
„Eine Schriftstellerin?“ Ich zog angenehm überrascht eine Augenbraue hoch. Literarischen Besuch hatte ich seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr bekommen. Neugierig schaute ich mir die Person durch das Fenster an, während ich gleichzeitig die Tür aufschloss.
Ich schätzte die dunkelhaarige Dame auf Mitte dreißig. Vielleicht etwas jünger. Sie machte einen recht sympathischen Eindruck.

„Guten Morgen und herzlich willkommen in meinem bescheidenen, kleinen Bücherladen“, begrüßte ich sie. „Was darf ich für Sie tun? Hier bleiben, wenn es sich um das geschriebene Wort handelt, keine Wünsche offen.“
„Guten Morgen“. Ihr Blick streifte mich nur beiläufig und wandte sich dann meinen geschätzten Freunden zu. Sie schloss die Augen und atmete tief ein und aus, was mir ein Schmunzeln entlockte. Endlich mal wieder eine Kundin, die das unverwechselbare Bouquet meiner Bücher zu schätzen wusste!

Mit einem leisen Seufzen öffnete sie die Augen. „Ich wollte mich eigentlich erstmal in Ruhe umschauen.“ Täuschte ich mich, oder schwang da ein leicht vorwurfsvoller Ton mit? So viel zu spät war ich doch gar nicht! „Aber wenn Sie mich schon fragen … Haben Sie zufällig eine illustrierte Ausgabe von Dumas‘ ‚Der Graf von Monte Christo‘ da?“
„Die sechs Einzelbände? Oder doch lieber eine Gesamtausgabe?“ Das Bisschen Angeberei konnte ich mir nicht verkneifen. „Ich hätte beides in einer ansonsten vergriffenen Auflage hier. Oder soll es ein Reprint sein?“ Ohne wirklich danach zu suchen, griff ich in eines der Regale und holte ein Exemplar der schmucken Gesamtausgabe hervor und legte sie auf den Verkauftresen. „Ist das Ihre übliche Lektüre? Sie müssen wissen: Ich schätze meine Mitmenschen gerne nach ihren Lesegewohnheiten ein. Was lesen Sie so in Ihrer Freizeit?“

Sie runzelte die Stirn. „Was ich lese? Fast alles, würde ich sagen. Solange die Qualität stimmt. Liebesgeschichten vertrage ich nur in geringem Maße und sie dürfen auch nicht zu schmalzig sein. Mit Erotik und zu viel Brutalität dagegen können Sie mich jagen.“

Neben der Kasse lag plötzlich ein weiteres Buch, gerade so, als hätte es immer schon da gelegen. Ein subtiler Hinweis meiner Freunde, wen ich vor mir hatte. Ein Hauch Magie aus dem Buchland. Nicht handlungstragend, aber ein stimmungsvoller Effekt. Beiläufig schob ich also den Roman „Hexenherz*“ in ihr Blickfeld. Der Untertitel „Eisiger Zorn“ blitzte kurz im Strahl eines verirrten Sonnenstrahls auf.
„Oh! Das ist ja …“ Amüsiert beobachtete ich, wie meiner Besucherin das Blut in die Wangen schoss. „Äh, also … Haben Sie dieses Buch schon gelesen? Das da?“, stotterte sie. „Das ist nämlich, nun, also zufällig meins. Also nicht meins im Sinne, dass es mir gehört, sondern, also, ich habe es geschrieben.“
Langsam, fast ehrfürchtig machte sie einen Schritt nach vorne, lächelte, streckte die rechte Hand aus und strich zärtlich über das Cover ihres Buches.

„Sie sind also Frau Monika Loerchner?“ Ich tat überrascht. Dann deutete ich auf das Paperback. „Hexen! Ich tippe mal ganz vorsichtig, dass es kein Historienroman ist. Fantastik? Und inhaltlich eine emanzipierte Story über eine Frau, die sich in einem feindlichen Umfeld beweisen muss?“
Sie lachte. „Ein bisschen Historie ist es schon. Wenn Sie unbedingt ein Genre haben wollen, sehen Sie es als ‚Eventualgeschichte‘ an. Oder als ‚Alternative History‘, das klingt schmissiger. Mit der ‚emanzipierten Story über eine Frau‘ haben Sie aber ganz schön drumherum geredet. Tatsächlich sind es die Männer, die sich in ‚Eisiger Zorn‘ emanzipieren müssen. Was sie aber nicht können, weil sie über keine Magie verfügen.“
Ich beugte mich interessiert vor. „Also sind alle Frauen Hexen oder wie stelle ich mir das vor?“
Sie wog den Kopf auf eine Art hin und her, die wohl „Jein“ heißen soll. „Jein. Jede gebärfähige Frau ist auch der Magie fähig, sofern diese erweckt wurde und sie weder schwanger ist, noch die Zeit ihrer Magieerneuerung hat. Sie wissen schon: Einmal im Monat sind Frauen ja bekanntlich etwas anders … In dieser Zeit erneuert sich ihre Magie, das ist die große Schwachstelle der Hexen.“

Ich stutzte und erwischte mich dabei, dass ich die Stirn krauszog. „Und was genau ist daran jetzt eventualhistorisch?“
„Nun, ich gehe in meinem Buch davon aus, dass es Hexen wirklich gegeben hat. Nur hat die Inquisition mit ihren Vorstellungen völlig falsch gelegen: Zum einen war fast jede Frau eine Hexe, sie musste nur ihre Magie erwecken lassen. Zum anderen war dieses Wissen einer kleinen, machtgierigen Elite vorbehalten, die es eifersüchtig hütete. Bis eines Tages die Freundin zweier Hexen unschuldig, da unwissend und unerweckt, auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Daraufhin beschlossen die Schwestern, ihr Wissen mit der ganzen Welt zu teilen und die Magie jeder Frau zu erwecken. Es folgte der ultimative Kampf Frauen gegen Männer, die sogenannten ‚Hexenkriege‘. Wie das Ganze ablief, kann man anhand kleiner Auszüge aus den Geschichtsbüchern nachlesen, die ich im zweiten Teil des Buches den einzelnen Kapiteln vorangestellt habe. Die eigentliche Geschichte, Helenas Geschichte, spielt 550 Jahre später, im Jahr 2016, hier mitten in Deutschland. Oder besser gesagt“, sie lächelte breit, „inmitten des Goldenen Reiches, in dem natürlich die Frauen das Sagen haben. Und die Männer“, sie zuckte mit den Schultern, „Nun, sagen wir mal so: Frauen sind auch nicht besser darin, fair zu sein.“

Ich beschloss, die Dinge beim Namen zu nennen. „Also werden in Ihrem Buch die Männer diskriminiert?“
Sie nickte. „Ja. Und unfruchtbare Frauen, sogenannte ‚Fräulein‘.“
„Auch von der Hauptperson, dieser Helena?“
Meine Besucherin lachte. „Oh ja! Helena ist so etwas wie ein weiblicher Macho. Man muss ja bedenken, dass es in der Gesellschaft, in der sie lebt, seit Jahrhunderten vollkommen normal ist und als von der Göttin gewollt gilt, dass die Frauen die Oberhand haben.“
„Es gibt also eine weibliche Göttin?“
„Logisch: Warum sonst sollten nur Frauen über Magie verfügen? Wenn Frauen von einer höheren Macht so absolut bevorzugt werden, ist es klar, dass man diese höhere Macht dem Weiblichen zuordnet“
Ich ertappe mich, wie ich zustimmend nickte. Das ist tatsächlich logisch.

„Diskriminierung im Allgemeinen und der Kampf der Geschlechter im Speziellen wurden also verpackt in einem Roman? Denken Sie, dass Frauen, wenn sie denn die Führung übernehmen würden, tatsächlich ein Dominanzverhalten wie Männer an den Tag legen würden?“
„Hm.“ Sie neigte den Kopf leicht zur Seite und schwieg eine Weile. „Na ja“, begann sie dann, „um ehrlich zu sein glaube ich nicht, dass sich Männer und Frauen da groß unterscheiden. Fakt ist doch, dass sich oft erst, wenn ein Mensch absolute Macht bekommt, herausstellt, wie er wirklich ist. Erst wenn er tun kann was er will, zeigt sich doch, ob er wirklich gut oder schlecht ist. Macht hat schon vielen Menschen den Kopf verdreht, da sind Frauen keine Ausnahme. Natürlich sind Männer und Frauen nicht gleich. So denke ich etwa, dass es Homosexuelle in einem Matriarchat besser hätten; dafür denke ich sind Frauen untereinander harscher. In der Summe aber glaube ich nicht, dass es einen großen Unterschied machen würde, wenn ein Geschlecht allein an der Macht wäre, das ist immer schlecht und verkehrt: Wie soll die Welt funktionieren, wenn eine Hälfte die andere unterdrückt?“

„Ist die Geschichte als Metapher anzusehen, die zwischen den Zeilen unserer Gesellschaft einen Spiegel vorhalten möchte? Oder möchten Sie mit Ihrem Werk nur gut und spannend unterhalten?“
„Beides natürlich. Helena ist ja das perfekte Beispiel für nicht böse gemeinten, aber tatsächlich sehr schädlichen Alltagssexismus. Und der funktioniert in beide Richtungen. Aufzuzeigen, wie verquer manche Verhaltensweisen dem anderen Geschlecht gegenüber sind, hat auch mir selbst den Spiegel vorgehalten, ich bin da ja auch nicht perfekt.“
Während ihrer Ausführungen hat sich die Schriftstellerin bis an den Verkaufstresen herangeschoben, wo sie nun versuchte, möglichst unauffällig den Buchdeckel der Monte Christo-Gesamtausgabe zu heben und darunter zu schielen. Sie suchte nach dem Preis. Ich seufzte. Erstautoren verdienen oft nicht viel Geld und dieses besondere Dumas-Schätzchen hatte natürlich seinen Preis.

Mit einem Zwinkern drückte ich das Buch etwas näher an sie ran. Gleichzeitig lenkte ich die Aufmerksamkeit zurück auf ihr eigenes Werk. „Was war der Auslöser, die Keimzelle der Story?“
„Nach einer langen Pause begann ich wieder zu schreiben und nahm an einigen Schreibwettbewerben teil. Einer davon forderte den Beginn einer Geschichte, die es so noch nie gegeben hatte.“ Monika senkte ihre Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. „Und während ich darüber nachdachte, lief eine dieser Teenie-Fantasyserien im Fernsehen. Sie wissen schon: attraktive männliche Vampire, attraktive weibliche Hexen, alles immer im Verborgenen. Das hat mich genervt.“ Sie sprach wieder in normaler Lautstärke weiter. „Wie bei allen Verschwörungstheorien: Wenn es tatsächlich Vampire geben würde, dann würde das – wie etwa bei True Blood – herauskommen, in Sachen Hexen ebenso. Und schon war dieser ‚Was wäre wenn …?‘-Gedanke geboren. Dann kamen noch zig andere Dinge hinzu und eins ergab das Andere.“

„Romane mit einer zweiten Überschrift wie ‚Eisiger Zorn‘ lassen vermuten, dass es eine Fortsetzung gibt …“, stellte ich fest.
Wieder deutete sie per Kopfbewegungen ein „Jein“ an. „Tatsächlich erscheint das nächste Buch, das in der Hexenherzwelt spielt, im September 2018. Mir ist aber wichtig, keine Fortsetzung im klassischen Sinne zu schreiben, sondern eine neue Geschichte, die man auch ohne Vorwissen aus ‚Eisiger Zorn‘ lesen kann.“

Da ich keine Alte mit Warze auf der Nase vor mir hatte, ließ ich mich zu einer weiteren, nicht ganz ernst gemeinten Frage hinreißen: „Mich würde interessieren, wie es bei einer Hexenautorin daheim aussieht. Pentagramme auf dem Fußboden im Keller und vor der Haustür einen Kräutergarten?“
Sie lacht. „Tut mir leid, aber da muss ich Sie auf ganzer Linie enttäuschen! Wir mögen kräftige Farben, Kontraste und viel Licht. Und Grünpflanzen – obwohl die bei uns ein hartes Dasein fristen. Da mein Mann ein eigenes Hobbyzimmer hat, verteilen die Kinder und ich uns großzügig mit über das Wohnzimmer, sprich: Bücher und Spielzeug bilden ein mildes Grundchaos. Also eher Lego auf dem Fußboden, im Keller die Waschmaschine im Dauereinsatz und in der Küche vertrocknete Kräuter auf der Fensterbank.“

Das hörte sich wirklich nicht nach einer Hobbyhexe an. „Und was bringt Magie in Ihr Leben?“
„Mein Mann und meine Kinder natürlich. Familie und Freunde. Die ganze Welt. Sie wissen schon, wie beim Freiherrn von Eichendorf: ‚Schläft ein Lied …‘ – Man muss nur die Augen offen halten. Ach ja, und natürlich Bücher! Wie dieses hier.“ Sie hält den Dumas hoch. „Wie viel wollen Sie nochmal dafür haben …?“
Ich musste eine Antwort schuldig bleiben. Zwei Kinder stürmten in meinen Laden, gefolgt von einem Mann. „Sorry“, sagte er zu Frau Loerchner, „das Eis ist aufgegessen. Bist du hier fertig?“

Und so verließen sie kurz darauf meinen Antiquariat. Ob sie bemerkt hatte, dass ich ihr unauffällig den Graf von Monte Christo in die Tasche gesteckt hatte? Egal … Früher oder später würde sie es bemerken. Zufrieden blickte ich mein Spiegelbild, das sich im Schaufenster abzeichnete, an. Mit diesem verschmitzen Lächeln sah mein Gesicht gar nicht mehr so alt aus.

zu Besuch im Antiquariat: Leander Wattig

Es war einer dieser Tage, an denen es mir an innerer Ruhe fehlte. Auf der Straße lärmten die Autos, am Himmel dröhnten die Flugzeuge und Beatrice schob lautstark Möbel im Verkaufsraum meines Antiquariats hin und her. Meine Mitarbeiterin war mal wieder im Deko-Fieber. Werbebanner, Staffeleien, Poster. Sockel, Podeste, Ständer. Alles bekam heute einen neuen Platz zugewiesen.
Ich saß im angrenzenden Arbeitszimmer in meinem Ohrensessel und versuchte zu lesen. Doch als mir schließlich auffiel, dass ich diese verflixte Zeile nun zum vierten oder fünften Mal las, ohne sie tatsächlich zu verstehen, klappte ich meinen Stanislaw Lem zu.

„Beatrice!“, rief ich. „Haben Sie erbarmen. Bevor Sie bei mir angefangen haben, hat mein Laden auch ohne Werbung funktioniert!“
„Bevor ich bei Ihnen angefangen habe“, gab Beatrice keuchend zurück, „war Ihr Laden eine verstaubte Einöde, Herr Plana. Klappern gehört zum Geschäft.“ Die Geräuschkulisse unterstrich ihre Aussage: Klappernd – wie der für später erhoffte Werbeeffekt – zog sie ein Regal von der einen Seite zur anderen des Raumes. „Es würde helfen, wenn Sie kurz mit anfassen würden.“
Ich schnaubte. Das sollte als Antwort genügen. Dann nahm ich meinen Stock und schlurfte zu meiner Internetmaschine. Vielleicht würde mich eine kurze Reise in die Weiten des Webs etwas ablenken. Beatrice hatte mir doch neulich dieses „Twitter“ und dieses „Facebook“ erklärt. Mal sehen, wer was mit Büchern macht …

Den Rest des Nachmittags verbrachte ich mit einer unbestimmten Recherche zum Thema Literatur. Insbesondere über einen Namen stolperte ich dabei sprichwörtlich immer wieder. Ich ertappte mich dabei, wie ich leise sagte: „Diesen Herrn würde ich doch gerne mal kennenlernen.“
Just in diesem Moment klingelte das Messingglöckchen an der Ladentür. Ein junger Mann, ich schätzte ihn auf Mitte dreißig, betrat mein Antiquariat. Leger in Jeans und Shirt gekleidet machte er einen sehr … alltagsgeeigneten Eindruck auf mich.
„Guten Tag, Herr Wattig“, begrüßte ich ihn freundlich. Natürlich hatte ich ihn gleich erkannt. Es waren mir nicht gerade wenige Fotos dieser Person vorhin im Internet begegnet. Ich ignorierte sein Erstaunen und tat, als wäre es das Normalste der Welt, dass ich ihn mit Namen ansprach. Mit aller Selbstverständlichkeit führte ich ihn in mein Arbeitszimmer, bot ihm höflich einen Sitzplatz an und fragte dann: „Kaffee, Tee, Wasser oder Wein?“
„Zuhause würde ich schwarzen Tee bevorzugen.“ Mein Gast lächelte unverbindlich. „Aber ich glaube, ich möchte jetzt lieber einen Kaffee.“
Also mopste ich mir Beas Thermoskanne und schenkte uns zwei Tassen ein. „Was lockt Sie denn in mein bescheidenes Antiquariat?“
Herr Wattig lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und ließ seinen Blick über die Bücherregale streifen. „Ich liebe Antiquariate. Mein Großvater hatte selbst eines. Und sie sind ja absolut modern, indem die Buchausstattung auch für neue Bücher wieder wichtiger wird als Thema und Argument.“

Thema und Argument. So, so. Das war jemand, der offensichtlich nicht nur etwas mit Büchern machte, sondern auch gerne darüber redete. Wie schön! Eine gute Gelegenheit, ein kleines Interview anzufangen, dachte ich bei mir. Aber trotz meiner ganzen Infos, die mir das Internet eben beschert hatte, war ich mir immer noch nicht so richtig sicher, wen ich da eigentlich vor mir hatte. Das Einfachste wäre wohl, ihn zu fragen. „Es gibt im Literaturbetrieb die Autoren, die Lektoren, die Verleger und die Buchhändler. Und es gibt Leander Wattig. Wo ordnen Sie sich in dieses Gefüge ein?“
Herr Wattig lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander. Als er mir antwortete, strahlte er das Selbstbewusstsein eines geübten Redners aus. „All diese Leute und noch viele neue Gruppen dazu müssen ja miteinander ins Gespräch kommen – vor allem in diesen Zeiten des Wandels, die ganz neue Anforderungen stellen, die zudem zunächst einmal noch unbekannt sind. Da wird das immer wichtiger. Das unterstütze ich seit langem mit meinen eigenen und den Veranstaltungen im Auftrag, die ich organisiere.“

„Also gehören Sie zu den Menschen, die dafür sorgen, dass Schreiber, Leser und alle Leute dazwischen zueinander finden“, stellte ich lapidar fest. „Nicht nur im Internet, sondern auch in der wirklichen Welt.“ Ich nippte an meinem Kaffee und musterte nochmal meinen Gegenüber. ‚Ein Mensch, der so viel mit dem Internet zu tun hat‘, durchfuhr es mich, ‚hat vermutlich eine andere Einstellung zu Büchern, als ich.‘ „Woran erkennt man – wo sich scheinbar jeder dazu berufen fühlt, etwas zu veröffentlichen – ein gutes Buch?“
Herr Wattig antwortete nicht gleich. Der Moment, vielleicht nur ein Wimpernschlag, der verstrich, setzte auf die folgenden Sätze einen besonderen Akzent. „Ein gutes Buch ist erstmal eines, das gefällt. Das Schöne heute ist, dass das Publizieren so günstig geworden ist. Stichwort Self-Publishing. Früher wäre es unwirtschaftlich gewesen, diese eine Papageienbiografie zu publizieren, die am Ende 2,5 Leser findet. Heute ist das anders. Wenn diese Leser dann glücklich sind, ist alles fein. Das mag ich sehr an der Demokratisierung des Betriebes und da stört mich der Dünkel oft sehr, der aber zum Glück nachlässt. Ansonsten gibt es sicher Qualitätskriterien zu Inhalt und Form, die man anlegen kann. Das ist ein weites Feld. Am Ende können wir froh sein, wenn überhaupt gelesen wird.“

‚Das ist eine … schöne Argumentation‘, musste ich insgeheim zugeben. Zwei und ein halber Leser! Irgendwie fand ich die Vorstellung amüsant, dass man halbe Leser als Erfolg verbuchen konnte. Ich erlaubte mir ein Schmunzeln. Doch dann wollte ich rasch zurück zum Thema. „Wir leben in einer Zeit, in der im Internet lauthals erzählt wird, was man so macht. Insbesondere Autoren versuchen sich aus der Masse der Mitbewerber hervorzutun. Braucht man da wirklich noch einen Hashtag ‚Ich mach was mit Büchern‘?“
„Ich mach was mit Büchern“ habe ich 2009 gestartet, als diese Art Vernetzungsgedanke noch sehr neu war“, sagte Herr Wattig. „Entsprechend groß war die Resonanz von Hunderten Blogs und Hunderten Menschen. Die Berechtigung war groß. Heute gibt es da viel mehr und ich freue mich, dass der Grundgedanke sich durchgesetzt hat. Dazu war es ja gedacht. Die Plattform selbst ist heute einfach eine Art Blog, der Einblicke in den Buchbetrieb vermittelt und der treue Leser hat.“

Von vorne, aus dem Verkaufsraum hörten wir ein lautes Scheppern. Dann fluchte Beatrice. Ihre Worte möchte ich hier nicht wiederholen.  Aber sie sagte noch: „Sie brauchen mir nicht zu helfen!“ Das triefte vor Ironie, deshalb überhörte ich es geflissentlich.
„Werbung kann anstrengend sein, nicht wahr?“
Beatrice klang etwas angesäuert. „Ich. Komme. Klar.“

Wunderbar! Dann konnte ich ja mein Gespräch fortführen. „Vor fünf/sechs Jahren war Ihr Bücher-Hashtag auf Twitter ein Paradebeispiel für virales Marketing. Waren Sie davon überrascht oder war es geplant? Gibt es vielleicht ein Patentrezept für virales Marketing?“
Herr Wattig machte Anstalten, Beatrice helfen zu gehen. Ich bedeutete ihm mit einem Wink sitzen zu bleiben.
„Social Media ist ja letztlich nur eine Art, Informationen zu strukturieren, zu transportieren und zu filtern“, erklärte er mir. „Die Kommunikation wird dabei als Instrument genutzt. Der Hashtag wiederum dient einfach der Verschlagwortung – ein Prinzip, das Buchmenschen wohl bekannt ist. Insofern ist es in der Rückschau gar nicht überraschend, wenngleich in dem Moment nicht viele damit gerechnet haben, wie das ja immer so ist bei so neuen Feldner. Ein Patentrezept für Marketing gibt es nicht. Nur Erfahrungen, die man austauschen kann, um die Erfolgswahrscheinlichkeit zu erhöhen. Genau dafür veranstalte ich seit 2011 den Virenschleuder-Preis.“
Ich fragte: „War in der Anfangszeit damit Geld zu verdienen?“
„Marketing gibt ja eher Geld aus, als dass es welches verdient. Insgesamt werden die Leute natürlich geübter im Einsatz des Social-Media-Handwerkszeugs. Gleichzeitig wird der Kampf um Aufmerksamkeit aber natürlich immer intensiver, weil eben alle mitspielen. Alle schreiben ins Netz – das gilt im Bereich Social Media Marketing ebenso wie im Bereich Self-Publishing. Wir kennen das ja aus der Buchbranche seit langem: Viel Geld verdienen die wenigsten.“

‚Das ist eigentlich schade‘, dachte ich. ‚Bei der ganzen Arbeit, die dahinter steckt, sollte doch auch der Lohn stimmen.‘ Laut sagte ich nur: „Piraten, Raubkopierer, Gratismentalität … Wie sähe in Zeiten der unbegrenzten, digitalen Bücherwelt in Ihren Augen ein funktionierender Literaturbetrieb aus? Und wie verdienen künftig Autoren ihr Geld?“
Herr Wattig seufzte. „Gratismentalität ist ja ein oft bemühtes Stichwort. Die Buchbranche hat ja vielmehr das große Glück, dass der Buchnimbus so groß ist und das Verhalten so tief verankert ist, dass Menschen im Digitalen auch bereit sind, relevant Geld für Bücher auszugeben. Selbst wenn manche illegal herunterladen. Die Mehrheit der Leute zahlt gern mal für ein E-Book so viel, wie ein Monatsabo bei Spotify für gefühlt fast die ganze Musik dieser Welt kostet. Insofern gibt es auch Gründe, die Dinge nicht nur negativ zu sehen. Ohnehin muss auf solchen positiven Effekten aufgebaut werden, wenn man die Zukunft da erfolgreich gestalten will. Die Negativentwicklungen zu benennen ist jetzt keine Kunst.“

„Apropos Geldverdienen! Sind Sie hauptberuflich Buchmensch? Wie sieht denn ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?“
Ich erntete ein kurzes Lachen. Dann sagte Herr Wattig: „Selbst und ständig. Tatsächlich ist das sehr unterschiedlich. Ich bin viel auf Reisen, habe aber auch schnöde Office-Tage. Das hängt immer sehr von den Projekten ab. Gerade war ich drei Wochen auf Vortrags- und Pressereise in Brasilien und Mexiko, auch sowas gehört dazu. Aber auch nach 10 Jahren Selbstständigkeit macht all das großen Spaß und ich habe nicht vor, grundlegend etwas zu ändern.“
Das konnte ich mir vorstellen. Wer hätte gedacht, dass man im Auftrag der Bücher so weit herumkommt? Meine kleine Welt zwischen den Regalen meines Antiquariats kam mir ganz kurz zu klein vor. Dann erinnerte ich mich daran, dass gerade diese kleine Welt mein Tor ins Überall war.

Ich hob meine Hand und zählte an den Fingern ab: „Sie sind im Vorstand der Theodor Fontane Gesellschaft, sind Eventveranstalter, Gründer von Orbanism, Dozent an der Universität der Künste in Berlin und gern gesehener Redner.“ Nachdem ich beim Daumen angekommen war, hörte ich lieber auf, die Aktivitäten des Leander Wattig aufzulisten. „Sie scheinen mit Ihren Ideen und Ihrem Können oft offene Türen eingerannt zu haben. Täuscht der Eindruck?“
„So offen waren die oft nicht.“ Er schüttelte den Kopf. „Vielmehr bin ich oft mit der Nase dagegen gerannt. Manche haben sich dadurch weiter geöffnet. In der Rückschau wirkt das dann immer sehr folgerichtig. Wenn ich aber mit meinen Themen 2007/08 zu eingefleischten Branchenleuten kam, haben sie mich oft angeschaut, als wäre ich grad vom Mond gelandet. Aber das gehört eben dazu, wenn man seinen Weg gehen will: Man muss auf das eigene Urteil vertrauen.“

Irgendwann war es wohl Abend geworden. Der Lärm auf der Straße war verklungen, mein unverhoffter Besuch hatte sich verabschiedet und auch Beatrice war mit ihren Arbeiten fertig geworden. Das Schaufenster sah in der Tat sehr ansprechend aus. Alte Klassiker, aktuelle Bestseller und auch ein paar unbekanntere Independendbücher waren dort ausgestellt worden.

Eine kleine Familie – Vater, Mutter, Kind – schauten sich von draußen begeistert die Auslage an. Ich sah ihnen an den Nasenspitzen an, dass sie gleich hereinkommen würden, um ein Buch über irgendwelche Vögel zu kaufen. ‚Zwei Komma Fünf Leser‘, durchfuhr es mich.
Ganz schön schlau, dieser Herr Wattig.

zu Besuch im Antiquariat: Norman Liebold

In den Sommermonaten blieb es in meinem kleinen Buchantiquariat immer besonders ruhig. Dabei war es egal, ob ein Azorenhoch brütende Hitze oder ein Atlantiktief ständig Regen in die Straße trieb. Im muffigen Halbdunkel zwischen den staubigen Regalen, vollgestopft mit Büchern aller Art, machte ich in dieser Zeit meine ganz eigenen Kurzurlaube im Land der Phantasie. Wenn die Ladentür dann manchmal doch aufging, einen Kunden wie Strandgut hereinspülte und mich von den Gestaden ferner Welten zurückholte, empfand ich das eher als störend.

Es war an ein Tag Anfang August. Das Glöckchen im Rahmen der Tür kündigte einen Besucher an. Mit einem Seufzer warf ich „Navigator*“ beiseite, stemmte mich aus meinem Sessel hoch und schlurfte in den Verkaufsraum hinter den Tresen.
Dort stand ein Mann mit den Händen in den Hosentaschen. Ich musterte ihn: Den Kopf zierte eine Glatze, das Gesicht wurde von einem Bart und einer Brille dekoriert. Markant gekleidet mit einem Mittelalterhemd. Darüber trug er eine Lederschultertasche. An der Hüfte machte ich eine dazu passende Ledergürteltasche aus. Ich schätzte meinen Besucher auf vierzig. Oder so.
Einer Ahnung folgend, legte ich den Kopf schief, lauschte dem Wispern meiner Bücher und bekam auch rasch die Antwort, nach der mir verlangte: Als hätte ich es nicht geahnt! Das war der Verfasser meiner aktuellen Lektüre …

Deshalb bemühte ich mich, meinen zu mürrischen Gesichtsausdruck abzulegen, hob die Mundwinkel freundlich und fragte: „Was darf ich für Sie tun, Herr Liebold?“
„Ich…“, begann er und zog leicht die rechte Augenbraue nach oben, überlegte einen Moment. „Um ehrlich zu sein, weiß ich das nicht genau. Eigentlich wollte ich zum Bahnhof, aber dann konnte ich nicht an dieser Tür hier vorbeigehen. Etwas zog mich an. Oder hinein. Mh.“ Er schaute sich um. „Ein Antiquariat“, stellte er fest. Er schaute sich kurz um, dann begann er zu lächeln. „Ein wirklich Schönes… vielleicht können Sie wirklich etwas für mich tun. Ich suche schon länger ein paar Büchlein, die man nicht mehr aufgelegt hat.“ Er musterte mich mit einem schwer zu deutenden Blick, dann nannte er schnell hintereinander weg Bücher von Arno Gruen, Erich Fromm, Castaneda und einige heute reichlich verschollene Autoren. Als ich nickte und die Bücher ohne großes Suchen aus dem einen oder anderen Regal zog, wandelte sich der Blick in Erstaunen. Und das Erstaunen in die Freude eines kleinen Kindes.
Trotzdem hatte ich das Gefühl, er wolle mich testen. Sollte er ruhig. „Das ist beeindruckend.“ Er streichelte die Bücher, die ich vor hin hingelegt hatte. Dann grinste er mich an. „Haben Sie vielleicht sogar… nein, das ist absurd.“
„Nur zu. Fragen kostet schließlich nichts“, stellte ich fest.
„Nun ja… es ist ein Buch von mir. Manuskript und alle Dateien sind weg. Und es gab nur eine Auflage von 100 Stück. Und ich finde einfach keines. Das ist schon ziemlich lang her, wissen Sie. Ich habe die selbst heraus gebracht, Kopierladen und handzusammengetackert. Geschichten sind wie Kinder, und die sind verschollen.“

Jetzt musste ich tatsächlich überlegen, ob ich mich so weit aus dem Fenster lehnen wollte. Natürlich würde ich das Buch im Keller finden – wie jedes andere Buch auch. Aber für ein Antiquariat, so gut es auch sein mochte, wäre das doch ein wenig zu … unwahrscheinlich. Andererseits wirkte der Mann mit seinem anachronistischen Hang, als würde ihn das eine oder andere Magische und Unwahrscheinliche nicht gleich aus der Bahn werfen.
Diplomatisch sagte ich also: „Schreiben Sie mir doch den Titel und das Erscheinungsjahr auf, und ich schaue, was ich tun kann. Übrigens …“ Ein Themenwechsel kam nun gerade recht. „… ich war gerade dabei ein Buch von Ihnen zu lesen. Überaus philosophisch muss ich sagen. Sind alle Ihre Bücher so?“

„Das kann ich nicht sagen.“ Seine Hand fuhr zum Bart und ordnete ein paar Strähnen, eine Geste der Unsicherheit, wollte mir scheinen. „Was ist denn philosophisch? ‚Navigator‘ dreht sich um unsere Gesellschaft und den Platz von uns in einem System, das mit Zahlen und Funktionen arbeitet, nicht mit Menschen und Schicksalen. Ich hoffe, es ist unterhaltsam. Und witzig, auch. Es sind Geschichten über ungewöhnliche Menschen, die dem – nennen wir’s mal so – System den Stinkefinger zeigen. Wenn das Philosophie für Sie ist – ein interessanter Standpunkt, den ich teilen könnte – dann ja. Dann sind alle meine Bücher irgendwie philosophisch.“ Wieder die Finger am Bart. „Aber letztendlich passiert das im Leser, oder? Oder auch nicht. Das ist seine Sache, finde ich.“

Na, da stapelte gerade jemand tief. Wer sich so viele Gedanken ums Menschsein macht, stellte schon gewisse Ansprüche an seine Leserschaft. Nun gut. „Allerdings sind die Handlungsstränge und auch die jeweiligen Botschaften im Subtext sehr – wie soll ich sagen – komprimiert. Sie möchten schnell auf den Punkt kommen und keinen Raum für Fehlinterpretation lassen, oder?“
Jetzt grinste er. „Sie würden staunen, was alles aus den Geschichten herausgelesen wird. Das finde ich großartig. Fehlinterpretationen würde ich das nicht nennen. Alles passiert beim Leser. Ich sehe es etwas anders. Bücher sind längere Briefe an Freunde. Diskussionen. Eine zugespitzte These formulieren weckt Widerspruch. Widerspruch lässt nachdenken. Über sich, über die eigene Haltung zum Thema. Manche finden meine Geschichten zu eindeutig. Ich finde, das Abenteuer fängt danach an – ich will keinem meine Meinung zwischen den Zeilen unterjubeln, dass er sie dann auch noch für seine eigene Idee hält. Ich stell sie vor ihn hin, provoziere ihn ein wenig, lade zum Widerspruch ein. Und… ich mag kurze, dichte, gut geschliffene Sachen. Nicht ganz kurz, aber auch nicht Fantasy-Schmöker von tausend Seiten und zwanzig Bänden. Ich mag es, einen Text am Stück zu lesen – intensiv zu lesen –  und dann noch über ihn nachdenken zu können. Novellen mag ich gern. Also schreibe ich meistens auch so. Und zum Vorlesen bei Lesungen finde ich sie auch am Schönsten: eine ganze Geschichte in einer fesselnden Stunde vortragen, keine Fetzen aus einem Roman. Aber klar, manchmal wirds dann doch ein Roman oder eine Kurzgeschichte. Die Geschichte weiß schon, was sie braucht.“

Ja, diese letzte Aussage konnte ich unterschreiben. Da fühlte sich wohl jemand in seinen Gedanken zuhause. „Kurzgeschichten und Romane; Science-Fiction, Fantasy und Gegenwartsliteratur – so richtig festlegen wollen Sie sich nicht. Wo sehen Sie Ihren Schwerpunkt?“
Herr Liebold schien ein bisschen empfindlich zu sein, er maß mich mit einem skeptischen Blick. „Sie bewerten gern, Herr Plana…“, sagte er.
Hatte ich mich vorgestellt? Jetzt war es an mir, überrascht zu sein. „Sie wissen, wer ich bin?“

Er lächelte mit leichtem Triumph. „Schuss ins Blaue. Ich gehe zum Bahnhof und finde mich in einem sehr malerischen Antiquariat wieder, von dem ich nichts wusste. Und ich liebe Antiquariate. Sie kennen meinen Namen, lesen gerade ein Buch von mir und haben äußerst schwer aufzutreibende Bücher griffbereit.“ Er legte den Kopf schief. „Ich habe Buchland gelesen, wissen Sie?“ Er machte eine vielsagende Pause, bevor er weitersprach. „Mit Geschichten ist das so eine Sache, das geht mir oft so. Ich schreibe etwas, dessen Thematik mich nicht loslassen will. Mir begegnen Dinge, die dazu gehören — oder die vielleicht meine subjektive Wahrnehmung zurechtbiegt, damit es so aussieht. Und Dinge passieren, als hätte ich sie schreibend in die Wirklichkeit geholt. Wahrscheinlich auch sehr einfach psychologisch zu erklären. Self fulfilling prophecy. Manchmal aber denke ich, es ist mehr als das…
Nein, ich beantworte schon ihre Frage. Das ist mein Schwerpunkt: die Wirklichkeit. Oder das, was Sie und ich und irgendein anderer dafür hält. Und was vielleicht wirklich dahinter steht. Oder auch nicht. Die Welt changiert, wir bauen sie zusammen aus dem, was uns begegnet – Vorgekautes, Gefiltertes aus den Medien, eigene Erlebnisse, Momente, wo man etwas mehr zu sehen scheint… einen Schritt beiseite treten, sehen, wie die Perspektive sich verschiebt. Der Kartenstempler, der an schaffe schaffe Häuslebaue, an Geldanlagen und Versicherungen glaubt, sollte den Nischenkünstler kennenlernen, der mit der Hand im Mund durch die Welt treibt und sich auch nicht sicherer oder unsicherer fühlt. Beides ist wahr und unwahr. Die meisten unserer Ängste, Weltbilder, Meinungen, Glauben sind kopfzusammengeschraubtes Konstrukt, das halt zeitweise ganz gut funktioniert. Bis Sand ins Getriebe kommt.
Entschuldigen Sie, ich ufere aus. Das ist halt mein Thema. Und ob das in Form eines Science-Fiction, Fantasy oder als versuchte Spiegelung der Gegenwart passiert, mh, ich habe das Gefühl, dass ich da nicht wirklich etwas zu entscheiden habe, das entscheidet die Geschichte. Und sie zielt immer auf die Seele und die Augen. Und ganz ehrlich. In dem Moment, wo ich glaube, die Wirklichkeit des Hier und Jetzt verstanden zu haben und sie als Geschichte abzubilden meine, schaffe ich letztlich auch nur Fantasy. Wer kann schon ernsthaft glauben, diese unendliche Komplexität verstanden zu haben? Wir basteln Modelle, bestenfalls.“

Ich nahm mir eine Papiertüte und legte die zwischen uns liegenden Bücher vorsichtig hinein. Das Knistern und Rascheln überbrückte das entstandene Schweigen. Die Tüten vom Antiquariat waren das einzige unbedruckte Papier im Haus, denn Wort-Werbung für Worte wollte ich nicht. Es gibt genug davon.
Ich schaute meinen Gegenüber an und sagte: „Als Autor muss man sich in der heutigen Zeit mehr denn je selbst inszenieren. Zumindest habe ich manchmal den entsprechenden Eindruck. Facebook, Twitter und das ganze Zeugs gehört da zum Pflichtprogramm. Gibt es im Web Selfies von Norman Liebold? Oder gehen Sie andere Wege um eine Leserschaft zu finden?“
„Das ist eine schwierige Frage. Relevant ist der Moment, wo ich vor meinen Zuhörern sitze, stehe, herumspringe und ihnen eine Geschichte zu besten gebe. Relevant ist der Moment, wo ein Leser in einer meiner Erzählungen versinkt. Relevant ist der Moment, wo mein Füller über das Papier gleitet. Alles andere – ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Muss man das? Mein Herz sagt: alles Unsinn, der vom Eigentlichen ablenkt und die Zeit von den relevanten Dingen stielt. Aber da ist die Angst, dass es dieses Pflichtprogramm gibt. Dass es ohne nicht geht. Der Weg als Autor heute und vielleicht schon immer, zumal mit Texten abseits dess Mainstreams, ist schon schwierig. Unzählige ringen um die Aufmerksamkeit potentieller Leser. Oft sind die am Lautesten, deren Zeug man wohl in dem Brei der Halle der überflüssigen Bücher wiederfinden würde und die viel Zeit zu haben scheinen, Twitter, Facebook, das Web und was weiß ich noch alles mit aufmerksamkeitsdefizitärer Selbstdarstellung zu füttern. Ob das etwas bringt? Ich weiß es nicht. Bemerke ich es bei einem Autor, frage ich mich, ob er nichts besseres zu tun und das nötig hat. Auf der anderen Seite… so gern ich den ganzen Kram einfach ignorieren würde, ich mach schon ein Stück weit mit. Ich hoffe so, dass die, die es interessiert, finden, was sie wollen und ich denen, die es nicht interessiert, nicht auf die Nerven falle. Selfies gibt es nicht, Bilder schon. Photos, die von mir gemacht wurden auf der Bühne. Manchmal stelle ich auch ein paar Bilder ein von einer neuen Grafik, einem schönen Ort, der in einer Story auftauchen wird, ein Bild vom Manuskript, wenn sich eine Geschichte der Vollendung nähert. Ja, ich schreibe noch – oder richtiger: wieder – von Hand. Und ich hoffe, irgendwann entweder die Gewissheit zu haben, dass nur die drei relevanten Dinge relevant genug sind, dass ich jede Form von Selbstddarstellung sein lassen kann – abgesehen von der auf der Bühne, um eine Geschichte zum Leben zu erwecken für mein Publikum.“

Eine interessante Persönlichkeit, dieser Herr Liebold. Wir plauderten noch ein Weilchen angeregt über Gott und die Welt, über Bühne und Bild, über Sinn und System. Vor allem aber über Literatur. Als sich schlussendlich die Ladentür hinter ihm schloss, sah ich ihm nach; wartete bis seine Silhouette im Licht der bereits untergehenden Sonne verschwand. „Manchmal ist es doch recht angenehm“, sagte ich zu meinen Freunden in den Regalen, „von den Gestaden ferner Welten zurückgeholt zu werden.“ Dann schaute ich erwartungsvoll zur anderen Seite der Straßenschlucht. „Ich bin gespannt, welches Strandgut als nächstes hereingespült wird.“

zu Besuch im Antiquariat: Michael E. Vieten

Natürlich gibt es sie: Diese schwierigen Kunden, die den Laden nach dem perfekten Buch absuchen und doch nicht fündig werden, weil sie ganz besondere …
„Wird dieses Buch Ihren Ansprüchen gerecht?“ Beatrice hielt der jungen Frau einen Thriller vor das Gesicht. Die Kundin hob ihre Brille, um unter dem Rand vorbei zu linsen. Nachdem sie die Überschrift gelesen hatte, rümpfte sie die Nase. Es war ihr sichtlich egal, was da als Klappentext auf der Rückseite stand. Offenbar gefiel ihr schon der Titel nicht. Vielleicht lag es auch einfach am Cover.
„Oder lieber jenes?“ Meine Bea reichte ihr mit schwindender Geduld den nächsten Krimi. Seit fast einer halben Stunde suchten sie nun nach einem Buch. Die antiquarischen Bände hatten sie gleich ausgelassen und ausschließlich die aktuelle Belletristik durchforstet. Jedoch zwischen all meinen Büchern gab es nicht das rechte Werk.
Wieder verneinte die Dame. Beatrice warf mir einen flehentlichen Blick zu. Ich schüttelte nur amüsiert den Kopf. Ist es nicht schön, der Chef zu sein? Wenn man keine Lust auf gewisse Leute hat, dann kann man sich rasch – wie Bea sagen würde – verpieseln.
„Herr Plana“, sagte Beatrice laut, „Sie hatten doch neulich davon gesprochen, dass es da dieses eine Buch gibt, das jeder mal gelesen haben sollte.“
Raffiniertes Aas! Über ein Buch, das jeder mal gelesen haben sollte, hatten wir selbstredend nie gesprochen. Trotzdem hatte meine Angestellte es mit diesem Kniff geschafft, mich in die Beratung einzubinden.
Ich griff blind in das Regal hinter mich. Unauffällig las ich noch schnell, welcher Autor mir da in die Finger gehuscht war. „Michael E. Vieten“, hörte ich mich sagen. „Lesen Sie unbedingt den -äh- Fall Siebenschön*.“
Skeptisch schaute die Kundin zunächst mich und dann das Taschenbuch an.

Natürlich hatte die Dame das Buch nicht gekauft. „Das ist ja ein Regionalkrimi“, hatte sie abfällig behauptet. „Ich komme nicht aus Trier!“ Und dann war sie, ohne etwas zu kaufen, davon gerauscht.
Jetzt saß ich in meinem Ohrensessel im angrenzenden Arbeitszimmer und überflog die ersten Seiten von „Das Eisrosenkind*“. Das war der Nachfolgeband zum „Fall Siebenschön.“
„Interessant“, stellte ich fest. „Diesen Herrn Vieten möchte ich gerne mal kennenlernen.“
Und weil ich bereits ahnte, was als Nächstes passieren würde, stemmte ich mich von meinem Sitzplatz hoch, griff nach meinem Stock und humpelte Richtung Tür. Dort trat gerade ein Mann in den Laden. Wie schön, dass die spezielle Magie meines Antiquariats so wunderbar und prompt funktionierte. „Guten Abend, Herr Vieten“, rief ich etwas zu schnell. Ich erntete ein Stirnrunzeln, denn mein Gegenüber hatte sich ja eigentlich noch gar nicht vorgestellt. Deshalb bemühte ich mich, rasch weiterzusprechen. „Willkommen in meinem bescheidenen Buchgeschäft. Was darf ich für Sie tun? Wonach würden Sie in einem Buchantiquariat suchen?“
Herr Vieten lächelte zum Gruß und fuhr sich dann beiläufig mit der Hand durchs Haar. „Wonach ich suchen würde? Oh, das ist ganz leicht zu beantworten. Wilhelm Buschs Gesamtwerk in sechs Bänden. Fackelverlag 1959 zum Beispiel. Eine wunderbare, unbeschädigte gebundene Ausgabe mit einem großen Bild vom Autor mit Signatur und all seinen herrlichen Illustrationen. Wenn ich es nicht schon hätte. Denn diesen Schatz fand ich vor Jahren in einem Antiquariat.“
„Hm“, machte ich, „sowas hätte ich natürlich auch gern.“ Bekam ich leuchtende Augen?
„Ich werde mich nie davon trennen, beeilte sich Herr Vieten zu sagen, „und es jemandem vererben, der es zu schätzen weiß. Nach etwas Ähnlichem würde ich also wieder suchen. Zum Beispiel Werke in verwandtem Zustand von Pearl S. Buck. Darüber würde ich mich sehr freuen.“
„Ah.“ Ich nickte eifrig. „Ich schaue gleich mal. Vielleicht habe ich hinten noch was von John Sedges.“ Selbstverständlich lief ich nicht direkt ins Arbeitszimmer. Viel zu neugierig war ich auf meinen Gast. Ich fragte deshalb: „Sie sind Autor, nicht wahr?“ Dabei musterte ich ihn unauffällig, denn das Aussehen einer Person verrät so einiges.

Ich schätzte Michael E. Vieten auf über fünfzig. Sein Gesicht wurde von einem gepflegten Bart geziert. Er gab sich hemdsärmelig, leger. Seine Hände steckten tief in den Hosentaschen seiner Jeans. Markant war die Weste, die er trug. In den vielen Taschen schienen ihn allerhand Dinge durch seinen Alltag zu begleiten.
„Ich schreibe Romane und Erzählungen. Hin und wieder ein Gedicht. Aber ich bin kein echter Lyriker. Ich bevorzuge Prosa. Einfache Sprache. Kurze Sätze. Auch ein einzelnes Wort kann durchaus reichen, eine komplexe Situation oder Gefühle zu beschreiben.
Mit Kurzgeschichten fing es an. Mystery. „Unheimliche Begegnungen – Aus der Zwischenwelt“ wurde daraus. 10 Geschichten von Menschen aus dem Diesseits mit Begegnungen aus dem Jenseits.
Dann ein Drama. ‚Das Leben und Sterben des Jason wunderlich‘. Ein Roman über die Last des Lebens, unerfüllte Träume und verlorene Hoffnung. ‚Veronika beschließt zu sterben‘ von Paulo Coelho und überwiegend eigene Erlebnisse hatten mich inspiriert.
Beide Manuskripte fanden keinen Verlag. Ich veröffentlichte sie selbst und folgte dem Rat einer Literaturagentur. Ich schrieb meinen ersten Krimi. ‚Atemlos – beim Sterben ist jeder allein‘. Ein einsamer Kommissar jagt einen gefährlichen Serienmörder. Es folgte ‚Atemlos (2) – Von des Todes zarter Hand‘. Eine Ballade. Eine ‚Bonnie & Clyde-Geschichte‘. Ein rasanter Krimi aus Trier. Diese Manuskripte fanden trotzdem keinen Verlag, verkaufen sich aber ganz gut. Die Agentur gab inzwischen auf.
Erst mit meinem dritten Krimi, der aus den beiden ‚Atemlos‘ Bänden hervorging, fand ich Beachtung. Der acabus-Verlag schickte mir einen Vertrag. ‚Christine Bernard – der Fall Siebenschön‘ war der Auftakt zu einer Krimiserie. Eine junge Kommissarin von der Kriminalpolizei in Trier sucht eine verschwundene Frau und ihre sechs Töchter. Gerade erschien der zweite Fall für die sympathische Ermittlerin. ‚Christine Bernard – das Eisrosenkind‘. Sie ermittelt im Fall zweier verschwundener Kinder. Die Serie wird fortgesetzt.
Inzwischen werde ich von einer Agentin vertreten. Ihr liegt das Manuskript von ‚Herbstlicht‘ zur Vermittlung vor. Ein Roman für das Genre ‚Romance‘. Das Ergebnis meiner Schreibpausen zwischen zwei Fällen für die Reihe ‚Christine Bernard‘. Zur Zerstreuung, sozusagen. Meine Arbeit am Manuskript zu einem dritten Fall ist bereits abgeschlossen. Zur Auflockerung, bis ich mit Fall 4 beginne, schreibe ich diesmal einen Endzeitroman. Das wolle ich schon lange tun.“

Ich zog die Augenbrauen zusammen. „Lyrik, Balladen und Thriller?“
„Und sogar einen Bildband zum Thema: ‚Zufriedenheit‘“.
„Das ist aber ein weiter literarischer Spagat“, stellte ich fest.
„Stimmt, aus mir wurde noch kein Genreautor. Aber ich konzentriere mich auf Prosa. Ich überlasse es meinen Lesern, mich einem bestimmten Genre zuzuordnen. Vielleicht, wenn ich irgendwann alle meine Manuskripte geschrieben habe, an denen mir so viel liegt, konzentriere ich mich auf das Genre, in dem ich am besten wahrgenommen werde.“

„Lyrik ist ja nicht gerade das, was zurzeit gekauft wird“, sagte ich. „Von Balladen kennt man eher die alten Sachen aus dem Schulunterricht …“
Herr Vieten zuckte mit den Schultern. „Die großen und kleinen Dramen im Leben von Menschen interessieren mich und ich verarbeite sie gerne zu Balladen. Die beiden ‚Atemlos‘-Bände zum Beispiel. Tragische Protagonisten. Erst überlegt handelnd, dann vom Schicksal getrieben.“
Plötzlich musste ich wieder an die eigenwillige Kundin von vorhin denken. Ich zeigte meinem Gast die Ausgabe „Siebenschön“, in der ich gerade eben noch gelesen hatte. Das Buch in meinen Händen zu sehen, erfreute ihn sichtlich. Die Lachfältchen machten ihn gleich nochmal so sympathisch. Ich fragte: „Würden Sie Ihre Christine Bernard Bücher als Regionalkrimis bezeichnen? Und wenn ja: Schränkt das nicht die Leserschaft zu sehr ein? Ein Sachse liest vermutlich selten Storys von der Mosel.“
„Wenn es der Sache dient, dürfen diese Krimis auch als „regional“ bezeichnet werden. Vielleicht dient diese Romanserie eines Tages mal als Vorlage für einen Trier-Tatort? Wer weiß das?
Aber ist nicht jedes Buch regional? Ein Krimi, der in New York spielt, ist ein Regionalkrimi. Eben in New York.
Wer sich für den Schauplatz nicht interessiert, der legt das Buch aus der Hand.
Ein Sachse liest vielleicht gerne etwas von woanders, oder er bevorzugt heimische Schauplätze, weil er sich dort auskennt. Vielleicht lebt er aber auch nicht mehr in Sachsen, und er liest deswegen gerne etwas aus der Heimat. Oder hat er vielleicht keine guten Erinnerungen an seine alte Heimat? Dann wird er… Oder er war an der Mosel im Urlaub… Oder er wollte da immer schon mal hin? Vielleicht hat er eine Flasche Wein von dort geschenkt bekommen?
Ich mache mir darüber nicht so viele Gedanken. Wenn ein Leser eines meiner Bücher kauft, freue ich mich darüber sehr. Aus welchen Beweggründen auch immer er zugegriffen hat.“
„Christine Bernard – das würde ich jetzt instinktiv französisch aussprechen“, stellte ich fest. „Lieschen Schmitz als Name der Protagonistin wäre vermutlich zu regional gewesen?“
Herr Vieten nickte. „Ich gebe es zu. Dahinter steckt Kalkül. Christine Bernard ist in Luxemburg geboren und in Deutschland aufgewachsen. Ihr Vater ist Luxemburger, ihre Mutter Portugiesin. Ein durchaus denkbarer Lebenslauf in der Gegend rund um Trier.
Und wenn mein Verlag meinem Gedankengang folgt, dann läge eine Übersetzung ins Französische für die Märkte Luxemburg/Belgien und Frankreich nahe.
Hinzu kommt die verbreitete Frankophilie im englischsprachigen Raum. Alles Französische ist überwiegend positiv besetzt. Ein riesiges Potential. Habe ich mir so ausgedacht.“
Ich ließ meinen Blick kurz über die anderen Thriller im Verkaufraum streifen. Beatrice hatte auf einem Tisch die Top Ten dekoriert. „Blutrünstig ist der Fall Siebenschön ja nicht. Dabei gehören doch möglichst brutale Ausgangssituationen, Obduktionen und Gewaltorgien zurzeit fest ins Genre. Sehen Sie sich eher als ein Erbe der alten Klassiker von Doyle und Christie?“
„Eher Mankell oder Larsson, aber ich lehne Verrohung in der Literatur und natürlich in unserer Gesellschaft grundsätzlich ab. Ich werde keinen Beitrag dazu leisten.“ War das ein politisches Statement? Bestimmt. Doch der Autor redete dann doch lieber über den Schreibstil weiter: „Dass etwas Schlimmes passiert ist, darf ich andeuten, aber nicht bis in jedes Detail beschreiben. Ich möchte lieber erzählen, wie sich Menschen deswegen fühlen und wie sie es bewältigen. Oder auch nicht. ‚Jason Wunderlich‘ zum Beispiel hat die Last des Lebens überwältigt. Und die Mutter eines entführten und getöteten Kindes in ‚Christine Bernard – Das Eisrosenkind‘ ebenfalls.
Ich bevorzuge Empathie anstelle primitiver Reize. Wie dünn die Zivilisationsschicht über dem Tier in uns ist, können wir beinahe täglich im Fernsehen sehen. Ich möchte nicht dazu beitragen, es hervorzulocken.“
Wow! Der Mann sprach mir aus der Seele. Bei vielen Texten und Filmen ging es in meinen Augen nur noch um eine möglichst kreative und sensationshaschende Darstellung. Ich finde es gut, dass es da Ausnahmen gibt. Aber da gab es bestimmt so viel andere Meinungen, wie es Bücher gab.
„Eine einfache Frage, die manchmal lange und komplizierte Antworten bekommt: Warum schreiben Sie?“
Herr Vieten legte den Kopf schief und zog ein wenig die Schultern hoch. „An einem Tag, ein paar Jahre vor meinem 50. Geburtstag, habe ich mir die Frage gestellt: ‚Was hast du aus den Talenten gemacht, die Gott dir auf deinen Weg mitgab?‘
Sofort stellte sich mir die nächste Frage: ‚Was genau sind denn deine Talente?‘
Ich begann, darüber nachzudenken und Menschen, die mir nahestehen, danach zu fragen. Ihre Antworten deckten sich mit dem, was ich immer schon gerne getan habe: Erzählen, Geschichten erfinden. Dann begann ich damit, sie zu veröffentlichen.“

Später am Abend. Herr Vieten war längst gegangen. Ich saß wieder in meinem Ohrensessel, ein Glas Rotwein in der Hand. „Vielleicht“, sagte ich zu mir, „gibt es keine Bücher, die man unbedingt gelesen haben muss. Aber es gibt Bücher, die muss man sehr empfehlen.“ Ich prostete meinen Freunden in den Regalen kurz zu und las weiter.

zu Besuch im Antiquariat: Andrea Bottlinger

Im AntiquariatNatürlich weiß ich, dass ich kein einfacher Mensch bin. Schon gar nicht, wenn ich erkältet bin. Und ich war nicht nur erkältet. Ich hatte eine schwere Grippe. Vielleicht stand ich auch schon kurz vor dem Ableben. Beatrice hätte das doch sehen müssen. Ich brauchte heißen Tee, meinen Ohrensessel und eine Decke. Gegen treue Fürsorge hätte ich auch nichts gehabt. Irgendwas, das mir gezeigt hätte, dass …
„Seien Sie nicht so wehleidig!“ Ich kommentierte Beas Aussage mit einem missmutigen Schniefen. Dann schnäuzte ich demonstrativ geräuschvoll meine verstopfte Nase. Mit dem anschließenden Versuch durch Selbige einzuatmen, erntete ich trotzdem nur mäßigen Erfolg.
Beatrice ließ sich davon nicht beeindrucken. „Lesen Sie was, dann geht es Ihnen bestimmt was besser. Es lenkt Sie von Ihrem Selbstmitleid ab.“
„Ich kann doch jetzt nicht’s les’n“, klagte ich, „wenn mir so die Aug’n trän’n. Ich kann mich auch gar nicht‘ konzentrieren.“
„Ein Groschenheft oder was Fan-Fiction strengt Ihre Hochliteratur gewöhnten Synapsen bestimmt nicht zu sehr an.“ Sie schnappte sich im Vorbeigehen ihren Mantel und schickte sich an zu gehen. Sie wollte tatsächlich erbarmungslos Feierabend machen und mich in meinem Antiquariat alleine lassen.
„Fan-Fiction? Ich habe doch keine Ahnung von sowas“, rief ich meiner Angestellten hinterher. Als ich ihr aus dem Arbeitszimmer in den Laden nachhinkte, sah ich gerade noch, wie sich die Tür hinter ihr schloss. „Fan-Fiction“ ich seufzte. „Nichts für mich.“

In diesem Moment öffnete sich die Tür. Eine verspätete Kundin, wie mir schien. Beatrice hatte offensichtlich beim Gehen nicht zugesperrt.
„Wir haben geschlossen“, knurrte ich, bevor ich richtig hingesehen hatte. „Wegen Krankheit“, schob ich vorwurfsvoll nach. „ich soll mich mit Fan-Fiction kurieren. Das kann dauern. Kommen Sie doch morgen wieder …“ Alter Mann, du hast keine Manieren. Mit Mühe zwang ich mich zu etwas mehr Freundlichkeit. Ich schaffte sogar ein gequältes Lächeln und musterte die junge Dame, die da vor mir stand. Sie blinzelte durch eine verkratzte Brille, das braue Haar hing ihr wirr ins Gesicht. Dazu kamen eine schwarze Hose und ein schwarzer Pulli, auf dem irgendwas über Zombies stand.
Ich räusperte mich. Wie mochte ich in ihren Augen aussehen? Wie ein grantiger Kauz? Irgendwie musste ich aus der Nummer rauskommen. „… es sei denn, Sie verstehen was von Fan-Fiction.“
„Zufälligerweise tue ich das tatsächlich. Ich habe mich in meiner Magisterarbeit unter anderem damit beschäftigt und in mehreren Büchern, die ich zusammen mit meinem Kollegen Christian Humberg* geschrieben habe. Also nicht nur damit. Aber Fan-Fiction ist ein wichtiger Teil des Fanseins. Wenn einen ein Werk wirklich begeistert, dann möchte man oft eigene Geschichten in der entsprechenden Welt oder mit seinen Lieblingscharakteren erfinden.“
Das änderte natürlich alles. Das Buchland hatte mir mal wieder den passenden Gast geschickt. Schlagartig vergaß ich meine Beschwerden, schaltete mein Hirn auf „erwartungsvoll“. Ohne große Mühe schüttelte ich mein Missbefinden ab und fragte drauf los: „Sie scheinen eine Fachfrau für sowas zu sein. Sind Sie Autorin, Lektorin oder Herausgeberin? Darf ich Ihren Namen wissen?“
„Ich heiße Andrea Bottlinger und bin sowohl Autorin als auch Lektorin und hin und wieder auch Übersetzerin, vor allem im Bereich Fantasy, Horror und Science-Fiction.“
Das war wohl reinste Buchland-Magie! Fan-Fiction wurde gerade ein zunehmend interessantes Thema für mich. Nein, korrigierte ich mich. Mein Gast wurde zunehmen interessant. „Sie schreiben aber bestimmt nicht nur Literatur dieser Gattung, oder?“
„Also, Fan-Fiction schreibe ich gar nicht. Ich schreibe zum einen lustige Sachbücher über Fans und das Fandom. Da kommt Fan-Fiction gerne mal vor. Mit ‚Geek Pray Love*‘ haben mein Co-Autor Christian Humberg und ich sogar den Deutschen Phantastik Preis gewonnen. Ansonsten bin ich die Exposéautorin der Horror-Reihe ‚Dorian Hunter*‘, schreibe auch hin und wieder Hörspiele und habe den Urban Fantasy Roman ‚Aeternum‘ so wie die Cyberpunk-Reihe ‚Beyond‘ verfasst.“
Ich humpelte zum nächstbesten Verkaufsregal und natürlich fand ich direkt was ich suchte: Die Bücher von Andrea Bottlinger. Eine sechsbändige Reihe mit dem Titel Beyond, ein Taschenbuch namens „Aeternum“ und … einige Hefte. „Blah!“ Nein, das war keine Aussage meinerseits, sondern das, was dort als Überschrift stand.
„Blah?“, fragte ich.
„Dass das noch jemand kennt. Haben Sie die selbst ausgedruckt? Die gab es nämlich eigentlich nur als PDF. Das war ein Kurzgeschichten-Magazin, das ich als Studentin herausgegeben habe. Das hat sehr viel Spaß gemacht, nur leider hat mir irgendwann die Zeit gefehlt.“

„Jetzt haben ich Sie schon so ausgequetscht, Andrea. Ich habe ganz vergessen zu fragen, was Sie in meinen Laden geführt hat. Was kann ich für Sie tun?“
„Haben Sie ‚Lye Street‘ von Alan Campbell? Die Printversion war eine limitierte Ausgabe und irgendwann nur noch gebraucht für über 50 Euro zu haben. Inzwischen kriegt man es natürlich als eBook, aber Bücher, die mir wichtig sind, habe ich gerne im Toten-Baum-Format. Da weiß ich, dass ich sie auch in 30 Jahren noch lesen kann.“
Ah! Eine Frau, die die Vorzüge des Gedruckten zu erkennen weiß. „Ein dünneres Büchlein, wenn ich mich recht entsinne. Was für eingefleischte Leser der Dark Fantasy, oder? Ich finde, dass die Vorlieben in der Literatur viel über einen Menschen aussagen. Ich werde morgen mal in meinen Keller gehen und nachsehen, was ich für Sie tun kann. Schauen Sie dann doch einfach nochmal vorbei.“ Mit einem kurzen Lächeln flocht ich eine Pause ein. Jetzt wollte der Mann im Antiquariat mal beraten werden: „Meine Bea -äh- meine Mitarbeiterin hat mir empfohlen, dass ich etwas Fan-Fiction lesen soll. Was würden Sie mir empfehlen?“
Fanfiction-Empfehlungen? Das ist schwer. Aber es gibt eine Harry Potter Fanfiction, von einer Autorin und Künstlerin, die ich auch für ihre eigenen Werke sehr schätze. Der Text hat keinen Titel und ist von Ursula Vernon.“ Frau Bottlinger hob ein wenig das Kinn, betrachtete mich abschätzend. „Ich weiß wenig über Ihren Lesegeschmack, und normalerweise versuchen ich Bücher zu empfehlen, die mein Gegenüber tatsächlich mögen könnte. Aber Sie sehen mir aus wie ein Neil-Gaiman-Mensch. Versuchen Sie es zur Genesung vielleicht mal mit dem ‚Ozean am Ende der Straße‘. Das ist zwar keine Fan-Fiction, aber …“

Ich war wieder allein in meinem Antiquariat. Mein Unterbewusstsein teilte mir mit, dass ich mich vorhin wegen irgendwas unwohl gefühlt hatte. Doch dann war ich in den Keller gegangen, hatte drei Bücher geholt: Campbell, Gaiman und selbstverständlich Bottlinger.  Den Gaiman-Roman hob ich mir allerdings für später auf. Jetzt las ich erst mal amüsiert in ‚Geek Pray Love‘.
Dabei griff ich, ohne es recht zu merken, vollkommen unbewusst, nach einem Taschentuch. Keine Ahnung, warum.

zu Besuch im Antiquariat: Astrid Korten

Im AntiquariatAus irgendeinem Grunde hatte ich beschlossen, mal einen Tag mit Krimis und Thrillern einzulegen. Ich saß nun seit Stunden in meinem Ohrensessel und verschmolz vermutlich langsam mit dem durchgesessenen Polster. Neben mir stand ein Bücherwagen, übervoll mit dem, was das Genre hergab. Und das war nicht wenig, obwohl ich mich nur mit den deutschen Neuerscheinungen befasste.
Statistisch betrachtet galoppierte die Literatur der Realität davon. Im Jahr gibt es in unserem Lande nicht mal dreihundert Tötungsdelikte. Dem steht eine doppelte und dreifache Menge an geschriebenem Mord und Totschlag gegenüber. Aber das ist bestimmt auch besser so.
Ich hatte gerade ein weiteres Buch leergelesen. „Eiskalte Umarmung“. Nachdenklich betrachtete ich das Cover. Kalt, das passte. Das Design war in blassen Grau- und Blautönen gehalten. Allerdings gab es zusätzliche viel Blutsprattler quer über das Motiv. Rote Flecken waren für Grafikdesigner offensichtlich ein Muss.
„Kann mir mal einer sagen, warum jeder Thriller obligatorisch mit Körperflüssigkeiten eingesaut werden muss?“

Als kurz darauf das Glöckchen über der Ladentür bimmelte, wäre ich gerne überrascht gewesen. Ich war es nicht. Sicherheitshalber las ich auf dem Buchdeckel noch schnell den Namen der Autorin, stand dann auf und humpelte nach vorne in den Verkaufsraum. „Astrid Korten?“, fragte ich. Ohne ihre Antwort abzuwarten, ergriff ich mit beiden Händen ihre Rechte und begrüßte sie herzlich. „Willkommen in meinem bescheidenen Antiquariat. Was führt Sie zu mir?“
„Hallo Herr Plana“, erwiderte sie freundlich. „Darf ich mich ein wenig umsehen?“
„Natürlich gerne“, sagte ich. Vermutlich hätte ich noch mehr geredet, aber ich unterbrach mich, als ich sah, dass mein Gast kurz die Augen schloss, innehielt und … schnupperte.
„Ich liebe den Geruch von Büchern und versuche immer schöne Ersterscheinungen oder generell schöne Bücher aus den 40er und 50er Jahre zu ergattern. Möglichst in Leder gebundene Romane. Wo gibt’s das denn sonst noch, außer im Antiquariat. In den Niederlanden habe ich einige Erstexemplare gefunden. Und heute versuche ich mein Glück mal bei Ihnen.“
Oh, dachte ich, eine Sammlerin. Das sollte mich aber nicht ablenken. In erster Linie war diese Dame eine Autorin. „Ich habe gerade ein Buch von Ihnen gelesen. Sehr schön. Sehr spannend. ‚Ich bin die Sehnsucht, ein Prinz und schön wie die Liebe.‘ Solche Sätze machen Gänsehaut.“ Während ich sprach führte ich sie in mein Arbeitszimmer und bot ihr den Sitzplatz an meinem Sekretär an. Dabei nahm ich mir die Zeit, sie eingehender zu betrachten: Schwarze Lederjacke, schwarze Hose und im Kontrast dazu ein buntgetupfter Schal. Bei weitem auffälliger war aber die überaus fröhliche Natur der Frau. Ihre blauen Augen strahlten mit den roten Haaren förmlich um die Wette.
Erschrocken stellte ich etwas zu spät fest, dass sie meinen Blick erwiderte. Ich beeilte mich also, den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen: „Allerdings habe ich mich gerade gefragt, warum Thriller immer gleich präsentiert werden? Sind Verlage da vielleicht etwas uninspiriert, wenn sie nur nach ‚Schema F‘ präsentieren?“

Frau Korten schüttelte den Kopf. „Stimmt nicht. Jeder Verlag hat so seine eigene Vorstellung. Nicht jedes Cover wird mit Blut besprenkelt. Mein letzter Roman über die digitale Überwachung ‚Eiskalte Verschwörung‘ hat keinen einzigen Spritzer.
Eiskalte Umarmung war mein erstes Manuskript. Der Thriller hat so seine eigene Geschichte. Ich habe das Manuskript 2004 geschrieben und es hatte schon einige ‚Gesichter‘. Ich finde es grandios, dass es heute ein modernes Cover hat und insbesondere dieses. Die Hand ist das Symbol des Täters. Ich habe mit 13 meinen ersten Thriller geschrieben mit dem grauenvollen Titel „De hand om de hoek“. Insofern fand ich es großartig, dass der dotbooks-Verlag sich für dieses Cover entschieden hat. Heut steht „diese Hand“ für meinen Erfolg. Eiskalte Umarmung war ein Platz 1 Besteller als Ebook und stand in der Jahresbestsellerliste von Thalia. Es gibt auch eine Fortsetzung. Ansonsten können meine „eiskalten“ Titel unabhängig voneinander gelesen werden.“
„De hand om de hoek?“ Ich zählte eins und eins zusammen. „Sie sind Niederländerin? Das hört man gar nicht.“
Sie lachte. „„Ik kann het ook anders, als het moet. Königin Beatrix ist wie bei Hape Kerkeling meine Paraderolle im Freundeskreis. Nur …“ Sie zwinkerte verschwörerisch. „… bin ich besser als Hape.“
Inzwischen hatte ich mich in meinem Ohrensessel fallen lassen. Ich schlug die Beine übereinander, faltete die Hände im Schoß und beugte mich leicht vor. „Sie schreiben Suspence Thriller und Psychothriller. Das heißt, Sie erzeugen Spannung durch die Erwartungshaltung des Lesers und durch das emotionale Erleben Ihrer Romanfiguren. Oder würden Sie die beiden Untergenres anders beschreiben?“
„Ich spiele mit der Angst des Lesers, besonders in ‚Eiskalte Umarmung‘. Auch geht es in meinen Büchern manchmal sehr heftig zu.“ Die Autorin hob ironisch die Brauen. „Deshalb die Blutspritzer auf dem Cover.“ Dann erklärte sie: „Gewalt ist die Sprache der Sprachlosen. So wort- und weltgewandt meine Figuren auch sein mögen, so leiden sie doch unter emotionalem Analphabetismus. Ich zitiere jetzt mal die Kritik: ‚Um ihre Antagonisten noch furchteinflößender erscheinen zu lassen, evoziert Korten eine Ästhetik der Brutalität, die jedoch niemals als inflationäre Effekthascherei, sondern als behutsam dosiertes Stilmittel eingesetzt wird. Korten schafft somit eine beängstigende Atmosphäre kalter Sterilität, beherrscht aber gleichzeitig die Kunst, nicht gänzlich emotionslos zu verbleiben.‘ Gewalt steht hier als Metapher für den Missbrauch und ist nicht nur die Versehrung des Körpers.“
„Psychopathen sind ja in realen Leben eher spärlich gesät“, behauptete ich. „Im Genre sind sie jedoch recht häufig zu finden. Wird das Thema für eine Autorin nicht irgendwann langweilig und ausgereizt?“
„Oh, nein. Tagtäglich geschehen in Deutschland Verbrechen, nur stehen sie nicht immer in der Zeitung. Es ist faszinierend das Böse zu beschreiben, zumal es ein Alltagsgesicht hat. Als Autorin pervertiere ich das Böse auf poetische Weise wie es die Gebrüder Grimm bereits taten, benutze aber auch bewusst die milchig-glasige Darstellung, wie auch Dürrenmatt die Wahrnehmungsspiele ständig durchexerzierte, von den Physikern an. Er manifestiert es in seinen Ansprüchen an den Kriminalroman. Und ich treibe es auf die Spitze. Bei mir steht die Gewalt nicht nur für die Versehrung des menschlichen Körpers, sondern für das Böse.“
Es gibt auch viel Liebe in der Welt. Und auch das Gute. Aber spannender sind natürlich Thriller. Ich sprach meinen Gedankengang nicht laut aus. Stattdessen sagte ich: „Für einen stimmigen Thriller braucht es eine gute Recherche.“
„Mein ‚Grundstoff‘ ist immer ein aktuelles Thema wie die Schönheitsindustrie, der Sektenkult, der Missbrauch während einer Psychotherapie, oder in meinem brisanten Top-Thriller ‚Eiskalte Verschwörung‘, die digitale Überwachung. In einem Roman klassische Ermittlerarbeit zu beschreiben, das ist nicht so mein Ding. Das können andere Kollegen besser. Ich greife besondere Themen auf und schreibe ungewöhnliche Thriller, in denen die Fiktion durchaus Realität sein kann. Bei meinen Recherchen lasse ich mich von Forensikern, Psychologen, Gentechnologen, Pathologen und Mediziner oder anderen Experten beraten. Aus diesen Gesprächen leite ich die Handlung der Figuren ab.“
„Wie kommt man an so viele Fachberater? Ich meine: Sie gehen wohl kaum in die nächste Polizeidienststelle und fragen nach dem Pathologen.“
Frau Kortens Erwiderung erstaunte mich doch etwas: „Ganz einfach: Ich rufe sie an, erkläre mein Anliegen.“ Sie schob aber noch eine plausible Ergänzung hinterher. „Ich habe durch meine Tätigkeit als Unternehmerin sehr viele Kontakte. Und mittlerweile ein Beraterteam, das ich ansprechen kann. Recherche ist das A und O eines guten Romans.“
Ich erlaubte mir eine kurze Pause, in der ich dem Wispern der Bücher lauschte. Sie hatten mir noch viel über meinen Überraschungsgast zu erzählen. Emsig, emsig ist Frau Korten. Dazu wollte ich mehr erfahren. „Sie sehen mir aber nicht so aus, als würden Sie sich mit einem Thema zufriedengeben. Ich schätze, dass Sie noch mehr Projekte pflegen?“
„Ich schreibe Biografien, KGs wie ‚Kreislauf der Angst‘ oder ‚Sibirien‘ (stand im Finale Int. Writemovie Contest), und Kinderbücher wie Karo – eine Himmelsbotin, und Drehbücher.“
„Drehbücher auch?“ Wann war ich das letzte Mal im Kino? Äh, war ich überhaupt schon mal im Kino? Ich hatte doch meine lieben Bücher. „Habe ich schon mal ein Filmplakat oder einen Fernsehfilmabspann übersehen, wo Astrid Korten erwähnt wird?“
Frau Korten hob den Zeigefinger und wackelte mit ihm verneinend hin und her. „Drehbücher schreibe ich unter einem Pseudonym, das ich nicht preisgeben möchte.“
„Aha.“ Da war ich also in einer rhetorischen Sackgasse gelandet. Ein Themenwechsel war angebracht. „Was ist denn für Sie der besondere Reiz am Beruf der Autorin? Das Publikum? Der Schaffensprozess oder der schnöde Mammon?“
„Schreiben bedeutet für mich: ein Sternenfunkeln aus Wörtern, mitten ins Herz eines anderen Menschen. Oder wie meine Protagonistin es formuliert hat: Schreiben ist das Herz, das meinen Geist in Liebe aufsteigen lässt, als schwimmende Buchstaben mit Himmel und Hölle unter meinen Füßen oder tanzende Winde in der Nähe von den Engeln.“

Die Poesie der Worte hing angenehm in der staubigen Luft des Antiquariats. Astrid Korten war schon lange gegangen. Eigentlich wollte ich noch ein paar Thriller lesen. Auf dem Tisch warteten noch Michael Robotham, Ilona Bulazel, Catherine Shepherd, Andreas Gruber. Ich entschied mich dagegen. Auf den Covern war mir zu viel Blut.