Archiv der Kategorie: Buchmenschen

Buchland

Shakespears Enkel

Der Sommer döste mit dumpfer Stille in der Straße, legte eine alles erdrückende Schwüle wie eine Decke über die Häuser. Kein Mensch war dort draußen auf der Straße zu sehen. Keine Kundschaft. Einmal mehr kam es mir deshalb so vor, als würde in meinem kleinen Buchantiquariat die Zeit stillstehen.
Ich stand hinter dem Verkaufstresen und gab mich, entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten, ganz der gepflegten Langeweile hin. Selbst mir war es zum Lesen zu warm.
„Interessanter Besuch wäre jetzt schön“, stellte ich, nachdem mir das Ins-Leere-Starren schließlich doch zu dumm wurde, fest. Meine Freunde, die Bücher in den überfüllten Regalen, wisperten plötzlich miteinander. Es klang, als würden sie sich beratschlagen. Als ob sie nicht wüssten, welcherart Besuch für mich interessant wäre! Doch dann …

„Amen!“, war mein erster Gedanke, als sich dann plötzlich doch die Tür öffnete. Das Wort „interessant“ wurde in meinem Kopf augenblicklich durch „imposant“ ersetzt, denn ein hünenhafter Geistlicher betrat meinen Laden. Ihn schmückte ein schwarzer Habit mit Zingulum und Kapuze. Auf den zweiten Blick erkannte ich jedoch, dass die Aufmachung des Mannes vermutlich nur eine sehr hochwertige Kostümierung darstellte. War nicht irgendwo in der Nähe ein mittelalterliches Literaturfestival? Egal, denn er sah in dieser Aufmachung keineswegs lächerlich aus. Ganz im Gegentum! Das war jemand, der an einem Tag in schwarzer Kluft und mit offenem Haar bei einem Festival headbangen konnte um dann am nächsten Tag im feinen Anzug mit aller Autorität eine Rede auf einem Kongress hielt.

„Wen haben wir denn da?“, flüsterte ich vor mich hin. Und aus den Regalen bekam ich kaum hörbare Antwort: Björn Bedey. Ein eingefleischter Buchmensch, wie mir meine Freunde diskret versicherten. Aus dem Norden. Also begrüßte ich ihn mit einem allgemeingültigen „Moin!“

Was soll ich sagen? Buchmensch war schlicht eine Untertreibung, denn vor mir stand ein Schriftsteller, Verleger, Herausgeber und vermutlich einiges mehr. Dieser Mann lebte Literatur und es fiel mir nicht schwer, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Schon bald saßen wir beide in meinem Arbeitszimmer und plauderten über Buchmessen, Autoren, Verlage und über „Shakespears Enkel“, einer ganz speziellen Verlagsbuchhandlung.

Es kam mir fast so vor, als würden wir uns schon jahrelang kennen. Am liebsten hätte ich mit ihm einen kleinen Spaziergang durch mein Buchland gemacht. Stattdessen lenkte ich nochmal das Gespräch auf Shakespears Enkel. „Der Acabus-Verlag, Salomo Publishing, Lysandra Books und Edition Roter Drache haben also dieses Gemeinschaftsprojekt gestartet: Eine Verlagsbuchhandlung für unabhängige Verlage – warum braucht es sowas?“

Herr Bedey lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme ineinander. „Weil die Leser bessere Bücher verdient haben als die ewigen Übersetzungen, die in den großen Buchhandelsketten zu finden sind. Bücher von unabhängigen Verlagen, die eben meist nicht in den herkömmlichen Buchhandlungen zu finden sind. Interessierte Leser sind auf Messen angewiesen, um auch mal in solchen Büchern stöbern zu können. Ansonsten kann man dies nur virtuell auf den Verlagsseiten im Internet oder bei Online-Händlern tun. In unsere Buchhandlungen nach Dresden oder auch Meißen kommen Interessierte bis zu 100 Kilometer weit angereist, um in diesen Bücherschatz eintauchen zu können.“

Dresden gehört nicht unbedingt zum nördlichen Teil des Landes. „Moin“ sagte man dort vermutlich nicht mehr. „Nach welchen Kriterien wurde denn der Standort der ersten Buchhandlung in Dresden ausgewählt?“

„Nach dem Angebot“, erklärte Herr Bedey. „Katharina Salomo von Salomo Publishing hatte die Möglichkeit, günstig ein Ladenlokal zu mieten – dies war zugleich auch die Initialzündung des Projektes. Innerhalb der Verlegerschaft haben wir davor schon öfter über solch ein Projekt geredet, aber durch dieses Ladenlokal wurde es erst konkret.“

„Geht die Buchhandlung in Serie?“, fragte ich. „Wird es Filialen geben? Für den acabus Verlag würde sich zum Beispiel doch eher ein Ladenlokal in der Hamburger City anbieten.

„Das ist der Plan. In Meißen betreiben wir bereits eine zweite Buchhandlung.“ Bedey lächelte augenzwinkernd. „In jeder deutschen Stadt sollte eine Filiale von Shakespeares Enkel zu finden sein, die von unabhängigen Verlagen aus der Region betrieben wird. Wenn die Leser dieser Zeilen einen Vermieter kennen, der ein Ladengeschäft vermietet und sich mit einer kulturfördernden Miete um das Buch verdient machen möchte, bitte melden! In Hamburg sind wir leider noch nicht fündig geworden.“

„Leser dieser Zeilen“ … Ich stutzte kurz. Doch wenn man in einem Buchantiquariat zwischen all den geschriebenen Worten saß, dann konnte selbst ich manchmal die Perspektive verlieren. Es kam mir tatsächlich oftmals so vor, als wäre auch ich nur der Protagonist einer Geschichte. Ich räusperte mich und beschloss, lieber mein kleines Interview fortzuführen. „Eine Buchhandlung, die von Verlagen selbst bestückt wird. Hmmm. Wird da die Wertschöpfungskette um den klassischen Buchhändler gekürzt?“

Der Verleger schüttelte energisch den Kopf. „In der Buchhandlung werden Buchhändler arbeiten. Sobald eine Filiale auf eigenen Beinen stehen kann, soll das Tagesgeschäft von gelernten Buchhändlern versehen werden. Die haben das gelernt und sicher auch einen neutraleren Blick auf die Titel. Schließlich nehmen wir den anderen Buchhandlungen auch nichts weg – dort“, erklärte er mit einem gewissen Bedauern, „sind unsere Titel ja meist nicht zu finden.“ Vielleicht war das auch als kleiner Vorwurf zu verstehen.

„Hand auf’s Herz: ‚Unabhängige Verlage‘ ist eine Wortbeschönigung für Klein- und Kleinstverlag“, behauptete ich provokativ. „Oder begründet sich das Wort ‚unabhängig‘ im Vergleich zu den Global Playern irgendwie?“

„Naja – unabhängig meint schon, in der Programmplanung wirklich frei zu sein – dies sieht man vielen Verlagsprogrammen auch an. Ich persönlich finde ‚inhabergeführt‘ aussagekräftiger. Die Bandbreite hinsichtlich der Verlagsgröße ist aber schon immens. Von Kleinstverlagen, die im Nebenerwerb betrieben werden, bis hin zu mittelständischen Verlagen ist alles vertreten.“

Mir fiel plötzlich auf, dass ich mit Norman Liebold, Monica Loerchner, Britta Röder, Michael E. Vieten und Danise Juno bereits einige Autoren aus dem Verkaufssortiment der Verlagsbuchhandlung bei mir zu Gast hatte. „In Ihren Läden sind meines Wissens nur deutschsprachige Autoren zu finden. Hätte ‚Shakespeares Enkel‘ dann nicht lieber ‚Goethes Enkel‘ heißen sollen? Politisch korrekt gegendert, wo in der Literatur doch jedes Wort wichtig ist, hätte es vermutlich auch ‚Enkelkinder‘ heißen müssen, oder?“

„Ja – wobei ich jetzt nicht den Herrn Goethe genommen hätte, sondern beispielsweise Herrn Hölderlin. Die Buchhandlungen werden zur Zeit von zwei Verlegerinnen und zwei Verlegern betrieben und die Benennung ‚Shakespeares Enkel‘ fand dort eine Mehrheit – ich kann aber gut damit leben – wer kennt heute noch Hölderlin?“
Hinter mir fiel vor Schreck ein alter Gedichtband aus dem Regal. Ich nahm meinen Gehstock, stand auf und ging zu dem Buch. Tröstend tätschelte ich seinen Rücken und stellte es zurück an seinen Platz. Dann drehte ich mich wieder zu meinem Gast um und antwortete. „Sie. Ich. Viele liebe Buchmenschen und … vielleicht auch Shakespears Enkel.“

zu Besuch im Antiquariat: Uwe Kalkowski

Beinahe zärtlich strich ich über den Stoffbezug meines Ohrensessels. Mit einiger Mühe ignorierte ich die Staubflocken, die meine Finger dabei von der Armlehne aufwirbelten. Auch das leicht ölige Gefühl auf der Haut wollte ich nicht wahrnehmen. Meine Bea konnte ich leider nicht ausblenden.
„Herr Plana“, ereiferte sie sich, „schauen Sie sich doch mal um. Sie versauern hier doch. Ich muss ja Angst haben, dass ich Sie zwischen dem alten Papier und dem Pergament glattweg übersehe.“
„Äh“, sagte ich wenig geistreich, „wieso?“
„Sie sind blass. Sie sind fade.“
Wollte ich mir das von meiner Angestellten gefallen lassen? Ich wollte protestieren. Leider kam ich nicht zu Wort, denn sie redete einfach weiter.
„Sie sind seit Tagen nicht mehr draußen gewesen. Ins Arbeitszimmer haben Sie sich verkrochen und in Ihre Bücher vergraben. Es mag in Ihrer Lektüre ja tausende Welten geben, aber da draußen vor der Ladentür ist auch noch eine. Da scheint die Sonne, zwitschern Vögel und Leute gibt es da auch noch …“
„Leute?“
„Leute! Ja, verdammt!“ Sie war wirklich wütend. „Lernen Sie mal wieder menschlichen Umgang. Vielleicht fällt Ihnen dann auf, dass wir seit Tagen kaum noch miteinander sprechen. Die einfachsten Höflichkeitsregeln wie Begrüßen, oder … oder Verabschieden bekommen Sie kaum noch hin. Kommen sie mal wieder ins hier und jetzt zurück.“
„Pfft“, machte ich, was unseren Dialog nicht zwingend bereicherte. Ich betrachtete den Stapel Bücher, der sich neben meinem Sitzplatz auftürmte. Über ein Dutzend Bücher hatte ich in drei Tagen verschlungen. „Es gibt so viel zu lesen …“
„Sie müssen nicht alles lesen“, behauptete Beatrice. Dabei senkte sie ihre Tonlage ein wenig. Resigniert schüttelte sie dabei den Kopf.
„Mag sein“, gab ich zu. Es waren wirklich ein paar Titel dabei gewesen, die mir nur die Zeit geraubt haben. „Aber wie soll ich herausbekommen, welches Buch lesenswert ist und welches nicht? Dem Coverbild kann man seltenst ansehen, was sich unter der Kartonage verbirgt.“

In diesem Moment bimmelte das Glöckchen an der Ladentür und kündigte einen Besucher an. Und meine Freunde, die Bücher in den Regalen, begannen aufgeregt zu wispern. „Uwe Kalkowski … Ein Buchblogger?“, fragte ich sie irritiert. „Ein Kaffeehaussitzer?“
Mühsam drückte ich mich aus dem Sessel hoch, griff nach meinem Stock und mühte mich nach vorne in den Verkaufsraum.

„Guten Tag“, sagte ich, nicht nur, weil ich Beas kritischen Blick in meinem Rücken spürte. Die einfachsten Höflichkeitsregeln beherrschte ich eben doch.

Ein Mann stand vor meinen Verkaufsregalen und durchblätterte ein Buch von Philippe Dian. Ich musterte ihn und stellte fest, dass sein Erscheinungsbild recht monochrom war. Oder eigentlich nur schwarz. Schwarze Hose, schwarzes Hemd, schwarze Schnürstiefel, schwarze Weste, schwarzes Cord-Sakko, schwarze Hornbrille. Die Haare waren nicht mehr so ganz schwarz, da die ein oder andere graue Strähne beschlossen hatte, den Gesamteindruck etwas aufzuhellen.
„Phantastisch“, hörte ich meinen Gast sagen, „Eine gebundene Ausgabe von ‚Betty Blue‘. Ein Buch, das eine ganze Dekade meines Leserlebens geprägt hat und das ich fast noch nie in gebundener Form gesehen habe. Ist gekauft.“
Ich ging zu ihm, nahm es ihm wortlos aus den Händen und packte es dann hinter dem Verkaufstresen sorgfältig in einen Bogen Papier. Dabei lauschte ich dem Wispern der Bücher, die mir einiges über meinen Gast verrieten.

Da mein Schweigen inzwischen eindeutig zu lange dauerte und Beatrice, die irgendwo hinter mir stand, sich deswegen unauffällig räusperte, begann ich ein kleines Gespräch: „Man kennt Sie als ‚Kaffeehaussitzer‘. Sie lesen also gerne und viel in der Öffentlichkeit? Ich bevorzuge ja den Ohrensessel, Ruhe und Abgeschiedenheit. Warum ist das bei Ihnen so extrem anders gelagert? Mögen Sie es, wenn man Sie im Lokal auf Ihre Lektüre anspricht?“
Herr Kalkowski trat zu uns hinüber. Wenn es ihn überraschte, dass ich seine Tätigkeit als Blogger zu kennen schien, zeigte er es nicht. Im Gegenteil: Er antwortete bereitwillig. „Nun, es gibt ja den bekannten Satz des österreichischen Erzählers Alfred Polgar, dass im Kaffeehaus Leute sitzen, die alleine sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen. Das macht für mich den Reiz aus. Außerdem liebe ich die Geräuschkulisse: Das Fauchen der Kaffeemaschine, gedämpftes Stimmengewirr, das Klappern von Besteck auf Porzellan – herrlich. Allerdings lässt mein Alltag den ausschweifenden Cafébesuch viel zu selten zu. Aber dafür gibt es dann ja mein virtuelles Kaffeehaus.“

Buchblogger. Beatrice las in der Mittagspause hin und wieder recht gerne Rezensionen im Internet. Ich machte mir hingegen für gewöhnlich mein eigenes Bild über ein literarisches Werk. Vermutlich hatte ich deshalb in den letzten Tagen zu viel Zeit im Ohrensessel verbracht. „Wie wichtig sind Navigatoren im Büchermeer?“, fragte ich.
„Bei den tausenden von neuen Büchern, mit denen der Markt jedes Jahr überschwemmt wird, sind Navigatoren für mich extrem wichtig“, stellte Uwe Kalkowski fest. „Bei mir sind dies in erster Linie die Buchhandlungen meines Vertrauens. Diejenigen, die ich betrete, um nur einmal kurz zu schauen. Und die ich dann mit ein, zwei, drei Büchern wieder verlasse. Bücher, von denen ich bis vor dem Öffnen der Türe noch gar nicht wusste, dass ich sie unbedingt brauche. Ebenso wichtig ist das Flanieren durch die bunte Welt der Literaturblogs – was mich für den Buchkauf wieder in die Buchhandlungen meines Vertrauens führt. Ein ewiger Kreislauf.“

Ich grinste, musste ich den guten Mann nach dieser Aussage doch prompt als bibliophil, als büchersüchtig, einstufen. „Läuft man als Buchblogger nicht Gefahr, dass das Lesen zum Zwang wird, weil man ein Publikum hat?“
Der Kaffeehaussitzer widersprach mir prompt. „Das kann ich so nicht bestätigen. Man sollte – finde ich – als Buchblogger aber auch nicht versuchen, der Novitätenflut der Verlage hinterherzuhecheln, um ständig die neuesten Romane vorstellen zu können. Zum einen schafft man das auf Dauer als Ein-Personen-Freizeit-Blogger nicht und zum anderen ist es auch völlig langweilig, wenn überall die gleichen, weil aktuellen Bücher vorgestellt werden. Nur ein Bruchteil der Bücher, die ich lese, findet überhaupt Erwähnung in meinem Blog, denn mehr als ein Beitrag in der Woche ist bei mir nicht drin. Und da erhalten dann nur die Bücher einen Platz, die mich begeistert oder nachdenklich gemacht haben. Die besonderen eben.“

Trotzdem verstand ich nicht so recht, was jemanden zum Bloggen antrieb. Ich meine: Blogs! Mir käme nie in den Sinn über Bücher oder Autoren zu bloggen … Ähm.
„Braucht man denn für das eigene Bücherregal und die eigene Meinung darüber überhaupt ein Publikum?“
Herr Kalkowski legte ein mildes Lächeln auf. Sein Blick fiel dabei auf die Staubflusen, die an meinem Ärmel klebten. Mir wurde bewusst, dass ich zu seinem gepflegten Äußeren einen starken Kontrast geben musste. „Natürlich ist das Lesen an sich eine einsame, ruhige Tätigkeit“, sagte er. „Und das genieße ich auch sehr daran. Leserunden, bei denen man sich während der Lektüre untereinander austauscht, sind so gar nicht mein Ding. Aber über gelesene Bücher sprechen – das ist schon seit vielen Jahren eine meiner Lieblingsbeschäftigungen und durch den Blog ist dies in einer wunderbar vielfältigen Weise möglich. Dabei sehe ich mich gerne als eine Art Buchbegeisterer, denn wenn ich ein Buch mochte, dann ist es mir geradezu ein Anliegen, so viele Menschen wie möglich mit dieser Begeisterung anzustecken. Wahrscheinlich so eine Art Buchhändler-Gen; denn obwohl ich schon lange nicht mehr in diesem Beruf arbeite: Einmal Buchhändler, immer Buchhändler.“

Ich erlaubte mir eine kleine Provokation: „Gehört eine Portion Eitelkeit zum Bücherexhibitionismus?“
Er zog kurz die Stirn kraus. „Mit Verlaub, ‚Bücherexhibitionismus‘ klingt recht abwertend. Aber es ist eine interessante Frage. Ich sage es mal so, wenn man bloggt, dann steht man in der Öffentlichkeit, auch wenn diese nur aus einer begrenzten Anzahl Menschen besteht. Man entscheidet sich dafür, Persönliches von sich preiszugeben, denn genau die persönliche Note macht einen Blog lesenswert. Hier befindet man sich stets auf einer Gratwanderung: Persönlich ja, aber nicht privat. So versuche ich das jedenfalls zu handhaben. Aber mit Eitelkeit hat das meiner Meinung nach nichts zu tun.“

Meine flüsternden Freunde waren der selben Meinung. Sie erzählten mir insgeheim ein wenig mehr über den Kaffeehaussitzer, was mich zu meiner nächsten Frage führte: „Was unterscheidet denn ein gutes Weblog von einem schlechten? Sie müssen das doch als bester Buchblogger 2017 wissen.“

„‚Gut‘ und ‚schlecht‘ sind zumindest gestalterisch subjektive Kriterien. Was mir gefällt, finden andere vielleicht langweilig, dafür finde ich so manches Blogdesign gruselig, von dem andere entzückt sind.“ Herr Kalkowski machte eine kurze Pause, dann sprach er weiter. „Aber ich denke, dass man als Blogger einen hohen Anspruch an seinen Inhalt haben sollte, denn der Blog ist meine Visitenkarte, mein öffentliches Wohnzimmer oder eben mein Kaffeehaus im Netz. Texte voller Rechtschreibfehler sind da eher peinlich. Außerdem möchte ich als Leser eines Blogs gerne wissen, wer da eigentlich schreibt, denn wie schon gesagt, ist gerade das Persönliche das, was Blogs auszeichnet. In einem guten Blog erscheinen regelmäßig neue Beiträge, die eine Meinung, eine Haltung erkennen lassen. Buchblogs, bei denen nur der Inhalt der vorgestellten Bücher wiedergegeben wird, brauche ich nicht zu lesen.“

„Wie würden Sie Ihre Lesevorlieben beschreiben? Mögen Sie es lieber politisch, anspruchsvoll, avantgardistisch oder humorvoll? Gehört Mainstream oder sogar Fantastik in Ihr Bücherregal?“ Ich lehnte mich über den Tresen. „Würde ich eventuell sogar ein ‚Groschenheft‘ unter ihrem Wohnzimmertisch finden?“
„Das Genre ist mir erst einmal egal. Was zählt, ist immer die Sprache, um mich für ein Buch zu begeistern. Wenn mich die Handlung, nach ein, zwei Kapiteln nicht gepackt hat, dann lese ich meistens nicht weiter. Dabei ist mein Lieblingsheld eher tragischer Natur; ein Einzelgänger, einer der schon viel eingesteckt hat, dem das Schicksal übel mitspielt. Einer der sich zwischen Fatalismus und Zorn noch einmal aufbäumt. Am liebsten erzählt in einem melancholischen, klaren und kargen Stil. Und ein Happy End ist völlig überbewertet – ich mag es, wenn das Ende völlig offen bleibt und das Kopfkino weiterläuft.“

Während wir so plauderten, stellte Beatrice sich einen Klappstuhl auf. Sie setzte sich demonstrativ gelassen hin, verschränkte die Arme vor der Brust und verfolgte mit unverhohlenem Amüsement meine Bemühungen Konversation zu betreiben. Wirkte ich so eingerostet?
Ich räusperte mich. „Herr Kalkowski, Sie arbeiten auch in der Buchbranche. Hat man da als Blogger einen anderen Ausgangspunkt?“
„Seit 1993 arbeite ich in der Buchbranche, damals begann meine Buchhändlerlehre. Seit 2001 bin ich im Verlagswesen tätig und beschäftige mich mit dem Marketing für Fachliteratur. Zwar weiß ich, wie die Abläufe in Verlagen und Buchhandlungen funktionieren und habe auch viele Kontakte in der Branche – aber als 2013 der Blog online ging, war das trotzdem eine Reise ins Ungewisse, da ich vollkommen ohne Plan in die Welt der Literaturblogs gestartet bin.“

„Wie landet man als ausgewiesener Literaturliebhaber ausgerechnet bei einem Fachbuchverlag? Inhaltlich sind Fachbücher doch eher … darf ich ‚langweilig‘ sagen?“
Jetzt wirkte mein Gegenüber doch ein wenig empört. „Das Wort „langweilig“ passt ganz und gar nicht. Natürlich sind die Inhalte keine Thematiken, an denen mein literarisches Herzblut hängt. Aber Anbieter von Fachinformationen sind viel, viel mehr vom Medienwandel betroffen, als belletristische Verlage. Und Teil dieses Medienwandels zu sein, ist eine sehr spannende Sache. Das Thema E-Books etwa ist hier eine vollkommene Nebensache, etwas, das im Vorbeigehen erledigt wird, da bei uns eine medienneutrale Datenproduktion schon seit einem Jahrzehnt selbstverständlich ist. Denn das eigentlich Entscheidende sind die Datenbanken, in denen die Informationen – man könnte auch Bücher sagen – untergebracht werden müssen, damit sie Relevanz haben. Und das ist sicherlich noch lange nicht das Ende der Entwicklung, hier wird sich in den nächsten Jahren noch sehr viel tun. Das alles ist dabei ein schöner Gegensatz zu meinen persönlichen Lesevorlieben, bei denen ich ein gedrucktes Buch allem anderen vorziehe. Wenn möglich, mit Lesebändchen.“

„Viele Blogger ächzten in den vergangenen Monaten über die Datenschutzgrundverordnung“, sagte ich. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass meine Bea überrascht die Brauen hob. Ja, meine Liebe, tagespolitisch war ich durchaus auf dem Laufenden. Es gibt ja Zeitungen. „Und dann war da ja noch die riesige Diskussion ums Urheberrecht im Web, wenn ich mich richtig erinnere. Die Politik und die Rechtsprechung haben das Internet nun doch etwas mehr in den Fokus genommen. Als ‚Medienmensch‘ haben Sie doch bestimmt eine Meinung dazu …“

Mit einer Frage schien ich einen Nerv getroffen zu haben. Herr Kalkowski antwortete mir sehr ausführlich. „Die Politik und das Internet sind bei uns leider zwei verschiedene paar Schuhe. Die DSGVO ist dafür ein schönes, eher ein trauriges Beispiel, dass hier wieder einmal mit Kanonen auf Spatzen geschossen wurde. Im Prinzip ist das Thema Datenschutz ein sehr wichtiges und die Diskussion hat dazu geführt, sich mehr Gedanken darüber zu machen. Das ist das Positive an der ganzen Geschichte.“ Er seufzte. „Die rechtliche Ausgestaltung wiederum ist zum Teil so absurd, dass sie selbst von Experten kaum noch nachzuvollziehen ist. Was bedeutet, dass viele Blogs oder andere private Seiten aufgegeben haben, weil sie einfach Angst vor Sanktionen hatten; eine Entwicklung, die allerdings durch viel Panikmache im Netz noch befeuert wurde. Dabei sind die eigentlichen Datenkraken kaum von den rechtlichen Vorgaben betroffen: Denn viele Menschen halten es für Fortschritt, sich Amazons Spionage-Alexa ins Wohnzimmer zu stellen. Unfassbar naiv, DSGVO hin oder her.
Beim Thema Urheberrecht ist die Diskussion ebenfalls etwas aus dem Ruder gelaufen. Das VG-Wort-Urteil des Bundesgerichthofes war vor zweieinhalb Jahren ein Schlag ins Gesicht für die Buchkultur in Deutschland, zeugt sie doch von einer erschreckenden Unkenntnis und Kurzsichtigkeit. Die Entscheidung, dass die VG-Wort-Ausschüttungen nur noch den Autoren zustehen sollen, drängt Verlage in die Rolle der ‚Verwerter‘ – und das sind sie nicht.
Denn Verlage sind Partner der Autoren. Wer einmal erlebt hat, wie ein Manuskript in einem Verlag eingegangen und was am Ende daraus geworden ist, wird verstehen, was ich meine. Natürlich liegt die geistige Urheberschaft alleinig beim Autor, aber um aus einem Text ein Buch entstehen zu lassen, dieses zu lektorieren und zu redigieren, es zu bewerben und zu verkaufen, den Autor bekannt zu machen, ihn aufzubauen – an diesem Prozess sind keine „Verwerter“ beteiligt, sondern engagierte Menschen in Verlagen. Und nur diese Zusammenarbeit macht einen Text zu einem Buch. ‚Verlegen‘ kommt dabei bekanntlich von ‚vorlegen‘, denn das wirtschaftliche Risiko trägt der Verlag alleine. Besonders hart trifft die Entwicklung der letzten Zeit die kleinen und unabhängigen Verlage, die Trüffelsucher in der Verlagslandschaft. Hier erscheinen fernab des Mainstreams interessante neue Autoren, werden Texte entdeckt, literarische Experimente gewagt und Nischen erkundet. Alles auf einem wirtschaftlichen Niveau, das meistens gerade so zum Überleben reicht. Im Moment wird ja für eine gesetzliche Regelung geworben, um die VG-Wort-Gelder wieder gerecht zu verteilen.“ Er verstummte kurz, holte Luft und schob dann noch einen leiseren Satz hinterher. „Es ist zu hoffen, dass hier bald eine Lösung gefunden wird.“

Ich bedankte mich artig bei meinem Gast für das Gespräch. Eine faszinierende Person, die zur Literatur so wundervoll viel zu sagen hat.
Als er den Laden verlassen hatte, ging ich zum Kleiderhaken, nahm den Mantel, den Hut und meinen Stock. „Beatice!“
„Ja?“
„Wo bleiben Sie?“
„Was?“
„Wo bleiben Sie?“
„Wie, wo bleibe ich?“
Ich drehte mich zu ihr um. „Jacke anziehen! Laden abschließen! Sie müssen hier mal raus. Konversation betreiben. Ich lade Sie auf einen Kaffee ein.“

Cafehaussitzer
Uwe Kalkowski ist auf Twitter als @cafehaussitzer aktiv
Buchland

zu Besuch im Antiquariat: Kerstin Fricke

Es war kurz vor Ladenschluss. Das Geld in der Kasse war bereits gezählt und Beatrice hatte die Lücken in den Regalen längst wieder aufgefüllt. Trotzdem galt es noch zehn Minuten totzuschlagen. Erst dann würde ich die Tür abschließen und das kleine Schildchen im Fenster umdrehen, damit der Schriftzug „geschlossen“ von draußen lesbar würde.
Meine Bea zückte ihr Smartphone und wischte darauf herum. Da ich diese allgegenwärtigen Taschencomputer nicht wirklich leiden konnte, fragte ich gereizt: „Was machen Sie da, Bea? Es ist noch nicht Feierabend.“
„Haben Sie noch was für mich zu tun?“ Das war weniger eine Frage, als eine Herausforderung. Doch da der Boden geputzt und auch die restliche Arbeit erledigt waren, fiel mir beim besten Willen keine sinnvolle Arbeitsanweisung ein. Sie hätte natürlich den Keller aufräumen können, aber das war wohl in der verbleibenden Zeit nicht gänzlich zu bewältigen …
„Ich bestelle Kinokarten für meinen Mann und mich“, erklärte sie und tippte wieder auf dem Display herum. „Da läuft nochmal The Shape of Water. Ich mag Guillermo del Toros Filme. Möchten Sie vielleicht mitkommen?“
Ich rümpfte die Nase. „Filme? Ich glaube, ich nehme mir lieber ein gutes Buch zur Hand.“
Als hätte Beatrice damit gerechnet, drückte sie mir prompt eine tiefblaue Softcoverausgabe in die Hand. „Na dann, viel Spaß damit.“

Misstrauisch beäugte ich den Titel. „The Shape of Water“ von Guillermo del Toro und Daniel Kraus. Ein Buch zum Film. Na ja, warum nicht? Ich schaute mir die Seite mit dem Impressum an. Übersetzerin ist eine gewisse Kerstin Fricke.
„Tja“, sagte ich. Meine Worte richteten sich nicht speziell an meine Angestellte. Ich redete mit dem Raum und war mir sicher, dass meine Freunde, die Bücher, gut zuhörten. „Ich könnte mir tatsächlich vorstellen, dass es interessant werden könnte, etwas mehr über Frau Fricke zu erfahren.“
„Über wen?“, fragte Beatrice, die das Impressum ja nicht gelesen hatte, verwirrt.
Da bimmelte auch schon das Glöckchen über der Tür.

In den Strahlen des hereinfallenden Sonnenlichts schien der Kopf der Frau, die den Raum betrat, in einer rötlichen Aura zu schweben. Doch als sie näher kam, wandelte sich der Zaubereffekt in langes rotes Haar. Die Silhouette ihres Körpers blieb aber dunkel, da Hose und Shirt schwarz waren. Einen einzigen Akzent setzte ihre Tasche, auf der ein „Simons Cat“ Motiv aufgedruckt war.
Ich griff nach meinem Gehstock und mühte mich nach vorne zu meinem Gast. „Guten Tag, Frau Fricke“, rief ich, gab mich betont gut gelaunt und plauderte einfach drauf los, damit gar nicht erst die Frage aufkam, woher ich ihren Namen wusste. „Plana mein Name. Mir gehört diese bescheidene Buchhandlung. Was darf ich für Sie tun? Ich schätze, Sie sind der Typ Mensch, der gerne in meiner Science Fiction Ecke stöbert. Oder doch lieber Fantasy? Vielleicht eine der anspruchsvolleren Graphic Novels? ‚Claudias Story‘ vielleicht? Da haben Sie eine gehörige Portion Fantastik drin …“
Ich musste Luft holen. Um dies zu überbrücken, wedelte ich kurz mit der Ausgabe „Shape of Water“. „Ihr Buch“, behauptete ich etwas zu atemlos. „Hab ich im Impressum gelesen. Sie haben es übersetzt …“ Dummer Fehler! Da gab ich mir so Mühe lästige Fragen zu vermeiden und gab dann prompt eine Steilvorlage.
„Mich würde schon interessieren“, sagte Frau Fricke mit einem Hauch Misstrauen in der Stimme, „wie viele Menschen sich tatsächlich das Impressum ansehen und den Namen des Übersetzers überhaupt registrieren.“ Ihr Blick flog kurz auf einige Übersetzungen von Andreas Brandhorst, die irgendwo im Regal herumstanden. „Es gibt ja einige bekannte Größen, aber im Allgemeinen hat man doch das Gefühl, dass es dem Leser völlig egal ist, wer ein Buch übersetzt hat. Nur wenn es etwas zu motzen gibt, ist der Übersetzer beziehungsweise die Übersetzerin natürlich an allem schuld.“
„Nuuun.“ Ich schmunzelte. „Nuuun. Dieses Antiquariat ist nicht wie andere Buchläden. Und deshalb ist es hier auch wichtig, wer ein Buch übersetzt hat … Glauben Sie mir: Hier ist es ganz und gar nicht egal, wer ein Buch übersetzt hat.“
Beatrice wuselte heran. Sie stellte wortlos ein paar Gläser und was zu trinken auf den Tresen, zwinkerte mir verschwörerisch zu, grüßte dann noch kurz zum Abschied, und entfloh in den Feierabend. Sie wollte ja ins Kino … Kino? Ach ja!
„Haben Sie zuerst den Film ‚The Shape of Water‘ gesehen“, fragte ich Frau Fricke, „oder hielten Sie zuerst das Skript in den Händen?“

Meine Besucherin entschied sich dazu, ihre Verwunderung abzulegen. „Ich habe lustigerweise zuerst den Trailer gesehen und in der Woche darauf die Anfrage bekommen, ob ich den Roman übersetzen möchte. Das Buch war längst im Druck, als der Film in die Kinos kam …
Während des Übersetzens hatte ich übrigens nicht die geringste Ahnung, dass sich Buch und Film teilweise stark voneinander unterscheiden, und da ich vom Film nichts außer dem Trailer kannte, machte es mich schon ziemlich nervös, dass darin einiges anders aussah, als es im Buch beschrieben wurde. Da es leider keinen Kontakt zur Synchronisationsfirma gab, hatte ich schon ein bisschen Sorge, dass ich manches anders übersetzen würde, als es letztlich im Film auftaucht. Zum Glück sind mir da jedoch nur einige Kleinigkeiten im Kino aufgefallen.“

Ich blätterte fahrig durch die Seiten. Eine Geschichte, die eigentlich woanders schon erzählt wurde. „Wenn man bislang nur den Film gesehen hat, warum sollte man sich auch noch das Buch zulegen?“
Frau Fricke lächelte. „Der Film und das Buch unterscheiden sich in mancherlei Hinsicht. Nur die Hauptstory entstand in Zusammenarbeit von Guillermo del Toro und Daniel Kraus; alles Weitere haben sie unabhängig voneinander geschrieben. Insofern lohnt es sich durchaus, nach dem Kinobesuch das Buch zur Hand zu nehmen, da man darin viel mehr Hintergrundinformationen bekommt und auch den Geschichten von Nebenfiguren wie beispielsweise Stricklands Ehefrau Lainie oder Elisas Nachbar Giles viel mehr Platz eingeräumt wird.“

„Wie viel Eigenes darf in eine Übersetzung mit einfließen?“, fragte ich. „Nicht jeder Humor, nicht jede Redewendung lässt sich aus anderen Sprachen übertragen. Da muss man als Übersetzerin doch gewiss improvisieren.“
„Klar.“ Jetzt lachte sie sogar. „Das Übersetzen gleicht im Grunde genommen einem Drahtseilakt, da man einerseits möglichst nah am Original bleiben, andererseits aber auch eine gut lesbare deutsche Fassung abliefern muss. Demzufolge muss man immer wieder abwägen, wie man schwer übersetzbare Passagen übertragen und was man notfalls auch mal weglassen oder erklären sollte. Als Übersetzer steht man jedoch nicht allein da, sondern kann sich im Zweifelsfall auch mit dem Lektorat und dem Ansprechpartner im Verlag beraten.
Manchmal zermartert man sich dann bei Wortspielen, Witzen oder Reimen schon ziemlich das Gehirn, aber das gehört zum Job dazu, und wenn man hinterher eine gute Lösung gefunden hat, freut man sich umso mehr – erst recht, wenn es auch den Lesern positiv auffällt.“

„Filmbücher, ich denke da zum Beispiel an ‚Star Wars‘ oder ‚Terminator‘, sind ja eigentlich nur eine weitere Methode, um mit einer teuren Lizenz mehr Geld zu verdienen“ behauptete ich. Etwas Provokation konnte ja nicht schaden. „Jedoch locken sie die Fans des Franchises oft mit zusätzlichen Szenen, Hintergrundwissen und besonderen Einblicken in die emotionalen Entwicklungen des Protagonisten. Dagegen wirft man Buchverfilmungen vor, dass sie meist oberflächlich und zudem falsch besetzt sind.
Da fragt man sich doch, woran es liegt, dass man mit Filmen mehr Geld verdient. Oder?“
„Puh, schwierige Frage. Ich habe schon früh gern das Buch zum Film gelesen – angefangen mit ‚Star Wars – , um die Bilder noch einmal Revue passieren zu lassen.“ Sie grinste, als sie einen kleinen Nebensatz einschob: „So was wie das Internet gab es ja damals noch nicht.“ Sie nahm einen Schluck Wasser aus einem Glas. „Das Schwierige bei Buchverfilmungen ist meiner Ansicht nach, dass man als Leser ja schon ein relativ festes Bild der Charaktere im Kopf hat – und bei jedem unterschiedlich sein kann. Daher ist es nahezu unmöglich, diesen Erwartungen zu entsprechen. Gut gelöst wurde es beispielsweise bei ‚Der Herr der Ringe‘ oder ‚Game of Thrones‘. Wahrscheinlich ist der Durchschnittsmensch jedoch eher lesefaul und lässt sich lieber berieseln, was den Erfolg von Kinofilmen und auch Streaming-Diensten erklärt, während die Buchverkäufe ja immer weiter zurückgehen.“
Ein kleiner, schweigsamer Moment schlich sich melancholisch durch mein Antiquariat.

Damit diese Pause nicht zu lang wurde, bemühte ich mich, den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen: „Zurück zu Ihrem Beruf! Wie sieht denn so ein Werdegang aus? Wie wird man Übersetzerin und Lektorin für einen so großen Verlag wie Knaur?“
„Na, da bin ich wirklich kein klassisches Beispiel. Viele Übersetzer haben das klassisch studiert, während ich Quereinsteiger bin. Während meines Informatikstudiums bekam ich die Gelegenheit, nebenbei an der Übersetzung von Computerspielen mitzuarbeiten, und irgendwann hatte ich dann auch Lust, mich mal an einen Roman zu wagen. Anfangs habe ich vor allem für einige Kleinverlage gearbeitet, doch mit zunehmender Erfahrung kamen dann auch von größeren Verlagen schöne Aufträge.“

Meine nächste Frage wollte ich mit ein paar prominenten Namen zu würzen. „Del Toro, George R. R. Martin, Emily Bleeker, Nanci Haviland und sehr viele andere ließen bereits ihre Werke von Ihnen übersetzen. Wie gut ist der Kontakt bei der Arbeit zu den einzelnen Autoren?“
„Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal bekommt man vom Verlag gleich bei Auftragsübernahme zu hören, dass der Kontakt zum Autor nur über den Verlag zu laufen hat“, gab sie zu, „aber meist ist es völlig in Ordnung, wenn ich die Autoren selbst kontaktiere, was ja oft problemlos über die sozialen Medien möglich ist. Bisher bekam ich immer ein sehr positives Feedback von den Autoren, die auch sehr bestrebt darum sind, Fragen zu beantworten oder mögliche Fehler oder Ungereimtheiten auszumerzen.“
„Diese Auswahl an Autoren umfasst ein breites Spektrum. Von Liebesroman bis Fantastik scheint alles dabei zu sein. Darunter sind Bestseller und nicht ganz so bekannte Titel. Welche Übersetzungsarbeiten machen da am meisten Spaß?“
„Am meisten Spaß machen mir die Genres, die ich auch ‚privat‘ gern lese, also Scifi, Fantasy und Krimis/Thriller. Dabei ist die Bekanntheit des Autors/der Autorin zweitrangig; solange es eine spannende, interessante, ungewöhnliche Geschichte ist, die mich auch als Leserin fesseln würde, setze ich mich morgens noch viel lieber an den Schreibtisch. Wobei ich das mit den Genres vielleicht relativieren sollte, denn ich hatte auch schon richtig unterhaltsame und gut geschriebene Liebesromane ebenso wie schlechte Krimis auf dem Tisch. Es ist schon ein paarmal vorgekommen, dass ich mich mit Feuer und Flamme an eine Übersetzung gemacht habe und mit der Zeit merkte, dass das ein ziemlicher Murks ist, was der Autor/die Autorin da zu Papier gebracht hat.“
Meine Neugier siegte. Und da Bea ja weg war und wir, beinahe, vollkommen unter uns, fragte ich: „Haben Sie vielleicht eine kleine Geschichte aus dem Nähkästchen für mich?“
Sie beugte sich vor. „Lustigerweise hat sich die Tatsache, dass ich Computerspiele übersetze und auch spiele durchaus auf die Buchübersetzungen ausgewirkt.
Meinen ersten größeren Sciencefiction-Roman durfte ich tatsächlich aufgrund der Tatsache übersetzen, dass ich am Warhammer-MMO mitgearbeitet hatte und der Lektor, der damals das Projekt betreute, ein großer Warhammer-Fan war und ist und sich deshalb an mich erinnerte. Eine andere Reihe wurde mir beispielsweise angeboten, weil ich großer ‚Mass Effect‘- und ‚Dragon Age‘-Fan bin, ebenso wie die Lektorin. Und mit einem anderen Verlagslektor habe ich mich, als ich mich auf der Buchmesse bei ihm vorstellte, erst einmal eine Viertelstunde lang über Comics und Graphic Novels unterhalten. In dieser Hinsicht ist es anscheinend von Vorteil für mich, ein Nerd zu sein, weil man bei abgefahrenen Projekten gern mal an mich denkt – wogegen ich rein gar nichts einzuwenden habe.“

Langsam humpelte ich wieder in die Ecke mit den fantastischen Büchern. Ich hätte den Stock mitnehmen sollen. „Welches ist denn Ihr allerliebstes Genre? Oder haben Sie, wenn Sie Feierabend machen, genug von Literatur?“
„Wenn ich richtig tief in einer Buchübersetzung stecke und die auch noch eilig ist, habe ich abends tatsächlich keine Muße mehr zum Lesen und schaue mir lieber eine Serie an, aber im Allgemeinen habe ich immer mindestens ein Buch auf dem Nachtisch und eins für längere U-Bahn-Fahrten in der Tasche. Dabei lese momentan vor allem Scifi und habe ein paar neue, großartige Autoren und Autorinnen für mich entdeckt.“
Neue Autoren? Das legte eine ganz andere Frage nahe, fand ich. Es war eine Frage, die ich schon länger stellen wollte. Eigentlich die ganze Zeit über. Es war eine jener Fragen, die quasi im Raum schwebten. „Schreiben Sie auch eigene Bücher? Ich meine, dass das ja irgendwie fast schon zwangsläufig der Fall sein muss.“
Als Antwort bekam ich wieder ein Lächeln. Es war eines dieser speziellen Art: Es konnte alles oder auch gar nichts sagen: „Bisher noch nicht; aber das kann vielleicht noch kommen …“
Inzwischen hatte ich das Bücherregal erreicht. Ich drückte und schob die verschiedenen Bände ein wenig zusammen, so dass etwas Platz entstand. Eine Lücke, in der man ziemlich genau noch ein Buch hineinschieben konnte. Mit einer einladenden Geste deutete ich darauf und sagte nur: „Reserviert.“

 

Planas Buchantiquariat

zu Besuch im Antiquariat: Bianca Bolduan

Da die Welt ja nicht nur aus Büchern besteht und auch die realen Geschicke, die mich in meinem Antiquariat nur selten erreichten, in gedruckter Form festgehalten wurden, griff ich heute mal wieder zur Zeitung. Die tagesaktuellen Berichte überflog ich nur. Die kommunale Politik stritt über Kindergärten und die internationale Politik erinnerte an eben einen jener Kindergärten. Nicht gerade ein Stimmungsaufheller. Den Sportteil ignorierte ich geflissentlich und landete somit zügig im Kulturteil.

„Anzahl der Unternehmen im Einzelhandel mit Büchern geht zurück.“

Diese Überschrift beanspruchte natürlich direkt meine ganze Aufmerksamkeit. Nachdem ich den dazugehörigen Artikel zu Ende gelesen hatte, befand sich meine Laune endgültig im Keller.
Ich seufzte schwer.
„Was gibt’s?“, fragte Beatrice, die vom Laden aus in mein Arbeitszimmer sah.
„5127“, sagte ich lakonisch.
„Äh … Ja?“
„2003 gab es noch 5127 Buchgeschäfte in Deutschland.“
Beatrice kam ein paar Schritte heran. „Was möchten Sie mir damit sagen?“
Mit dem Finger tippte ich wütend auf die Zeitung. „Jetzt sind es nur noch 3600.“
Beatrice zuckte mit den Schultern. In ihrem Gesicht spiegelte sich dennoch ein Anflug von Betroffenheit. „Der Kampf gegen die Internetriesen ist hart. Da werden viele Alteingesessene einfach aufgegeben haben.“
Ich kannte zwar schon vorher die Antwort auf meine Frage, doch ich stellte sie trotzdem: „Aber kommen nicht auch ein paar neue Buchhändler nach?“
„Dazu braucht man verdammt viel Mut“, stellte Beatrice fest, „und vielleicht ein bisschen Wahnsinn.“
„Man muss verrückt sein, wenn man sich mit einem Buchladen selbstständig macht?“ Jetzt war ich wirklich deprimiert.

In diesem Moment bimmelte das Glöckchen an der Tür. Eine Frau betrat den Laden, orientierte sich kurz und schritt dann zielsicher zu den Büchern von Marion Zimmer Bradley. Sie schien sich für „Avalon“ und „Trapez“ zu begeistern. Eine gute Wahl, dachte ich.
Da es in meinem Buchantiquariat nur selten Zufälle gab, wartete ich geduldig ab. Und wirklich! Dieses leise Wispern drang wieder leise und vielstimmig an mein Ohr. Es drang aus den Regalen zu mir heran und verriet mir, mit wem ich es zu tun hatte: „Bianca Bolduan.“
„Eine Buchhändlerin?“, rief ich erstaunt.
Sie quittierte es mir mit einem amüsierten Grinsen.
Ich betrachtete meine Besucherin genauer. Eine schlanke Frau Mitte Fünfzig, graumelierte Haare, lässig gekleidet in Boots, Jeans und T-Shirt. Die kleinen Accessoires waren vermutlich das Auffälligste an ihr: ein Lederarmband, ein Silberarmreif, ein Lederband mit Edelstein um den Hals und jede Menge Lachfalten um die Augen. Ein Stubenhocker war sie offenbar nicht, denn die Sommersonne hatte ihr einen braunen Teint verliehen.

„Plana“, sagte ich und reichte ihr zum Gruß die Hand. „Herr Plana. Mir gehört dieses bescheidene Antiquariat. Bücher sind …“ Ich schmunzelte über mein kleines Wortspiel, das vermutlich nur ich selbst verstand. „… mein Leben.“
„… Wo Sie doch Ihr eigenes haben …“ Ihr Grinsen verbreiterte sich zu einem ironischen Lächeln.
„Sie sind Buchhändlerin?“ Ich ließ ihre Hand los, schritt um den Verkaufstresen herum, auf die Seite des Verkäufers, und beugte mich interessiert über die Tischfläche. „Wie lange denn schon?“
Frau Bolduan nahm den gegenüberliegenden Platz ein: Die Seite der Leser. „Lieber Herr Plana, ich sehe mich gar nicht so sehr als Händlerin, eher als Brückenbauer zwischen Büchern von Selfpublishern und interessierten Lesern. Deshalb habe ich 2015 die ‚Wortwerke Buchhandlungen‘ gegründet. Inzwischen habe ich vier Filialen – und es sollen noch viel mehr werden.“

Ich zog, einigermaßen verblüfft, die Augenbrauen hoch. Vier Filialen in so kurzer Zeit? „Meine Mitarbeiterin würde eine Geschäftsgründung als verr … mutig bezeichenen. Im Augenblick schließen so viele Mitbewerber. Wenn sich Ihr Geschäft trotz der schwierigen Marktlage behauptet, muss es ein außergewöhnliches Konzept haben, vermute ich.“
Das Wort, dass mir statt „mutig“ um ein Haar über die Lippen gekommen wäre, war ihr nicht entgangen. „Ein wenig verrückt muss man sein, um ein solches Projekt aus dem Boden zu stampfen. Überall gehen Buchhandlungen kaputt – und ich baue welche auf. Aber unser Konzept ist ein etwas anderes: Wir vermieten Regalplätze für Bücher von selbstverlegenden Autoren und dem Programm aus kleinen Verlagen. Für einen geringen monatlichen Betrag wird das Buch in drei Filialen präsentiert. Und wir verzichten auf das Arbeiten mit Margen. Die Verkaufserlöse werden zu 100% ausgezahlt.“
Ich richtete mich auf. „Und das funktioniert?“
Jetzt stützte sich Frau Bolduan auf den Tresen, nahm den von mir freigegebenen Platz ein. „Ja, durchaus, obwohl wir das Konzept gerade noch einmal dem recht schnellen Wachstum anpassen mussten. Geplant war das in der Form ja auch nie. Ich wollte einen Laden machen, in dem ich meine Bücher verkaufe, Seminare gebe, Workshops anbiete und – weil ich ja eh im Laden bin – auch die Bücher meiner Autorenkollegen mit anbiete. Das war im Frühjahr 2015. Inzwischen ist ‚Wortwerke‘ ein Franchise-Unternehmen mit vier Standorten geworden – und weitere sollen dazukommen.“

„Da kann man schon stolz drauf sein“, mischte sich Beatrice unvermittelt in unser Gespräch ein. Unverholene Bewunderung lag in ihrer Stimme.
„Als ich mit ‚Wortwerke‘ anfing“, sagte Frau Bolduan, „stieß ich auf die Videoclips bei Youtube, die vom Börsenverband des deutschen Buchhandels gedreht wurden und immer die schönsten Buchhandlungen Deutschlands zeigen. Damals dachte ich, dass es ja so toll wäre, wenn mein kleiner ‚Wortwerke‘-Laden eines Tages auch diesen Titel tragen würde. Toll, aber unvorstellbar. Und, was soll ich sagen? Seit April 2018 gehören wir mit unserer Filiale in Halle in die Reihe der ‚schönsten Buchhandlungen Deutschlands‘! Ob ich stolz darauf bin? Aber sowas von!!!“
Beatrice kam zu uns herüber. Ihre Gedanken waren ihr ins Gesicht geschrieben. Sie hatten nichts mit meinem staubigen kleinen Laden zu tun. Sie dachte an lichtdurchflutete Geschäftsräume mit freundlichem Ambiente. „So ein Erfolg kommt nicht von selbst. Da steckt bestimmt viel Arbeit drin. Wie sieht bei Ihnen denn ein typischer Arbeitstag aus?“
Frau Bolduan lachte herzlich. „Wenn es eines gab, was mir als junger Mensch schon klar war, dann, dass ich nie einen ‚typischen Arbeitstag‘ haben wollte. Deshalb bin ich auch nicht nur Unternehmerin, sondern auch Coach und arbeite ganz aktiv im Tierschutz. Und Autorin bin ich auch noch. Deshalb beginnt mein Tag immer sehr früh und teilt sich locker flockig in die Bereiche ‚Wortwerke-Büroarbeit‘, ‚Schreiben‘, ‚Seminare vorbereiten und geben‘ und meinen Pflegehunden auf. Dazu kommen ein riesiger Garten und jede Menge eigenes Viehzeug.
Mein durchschnittlicher aktiver Teil eines Tages hat rund 16 Stunden, doch ich sehe es nicht als ‚Arbeit‘ im herkömmlichen Sinne an. Ich bin so vielschichtig unterwegs, das ‚Arbeit‘ und ‚Freizeit‘ nahtlos ineinander übergehen. Manche Bereiche liegen mir gar nicht. Öde Buchhaltung nervt mich, aber das gehört halt dazu. Doch es kann eben jeden Tag sein, dass ich plötzlich eine gute Idee für das Coaching habe und sofort anfangen kann. Ich habe keinen Chef, der mir im Nacken sitzt, ich bin in der glücklichen Lage, jederzeit arbeiten oder Freizeit machen zu können. Fünf-Tage-Woche? Kenne ich nicht. Ich lebe sieben Tage in der Woche, ich ‚arbeite‘ auch an sieben Tagen in der Woche. Und Freizeit habe ich auch an sieben Tagen in der Woche. Klingt ‚ver-rückt‘, nicht? Ist es auch.“

In der festen Absicht, das Gespräch wieder an mich zu reißen, fragte ich: „Und dazu kommen dann Messebesuche und so was?“
„Mit „Wortwerke“ sind wir inzwischen auch zwei Mal auf der Leipziger Buchmesse gewesen. Mein Ding ist das nicht. Und unter dem Strich bringt es auch nichts, rein wirtschaftlich gesehen. Waren Sie schon einmal auf einer Buchmesse?“
Ja“, warf ich kurz ein.
Doch Frau Bolduan sprach schon weiter. „Millionen von Büchern, fünf überfüllte Hallen und jede Menge Menschen. Wer, bitte, erinnert sich einen Monat später noch an all die Bücher, die er sich angesehen hat? Wir von ‚Wortwerke‘ überlegen gerade, wie wir auf andere Art unser Sortiment filialübergreifend präsentieren können.“

„Da bleibt aber nicht viel Zeit für Eigenes, oder?“ Meine wispernden Freunde legten ihr Veto ein und ich erinnerte mich rechtzeitig, an das, was Frau Bolduan über ihren Tagesablauf erzählt hatte. Bevor Frau Bolduan mir also antworten konnte, hatte ich deshalb schon eine bessere Frage parat: „Sie sind auch Autorin*?“
„Ja, und zwar schon sehr lange. Die ersten Veröffentlichungen hatte ich mit 14 Jahren, dann kamen einige Jahre mit einer künstlerischen Pause, dann wieder Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften u.ä.
Meine erste Publizierung als ‚Selfpublisher-Voll-Autorin‘ war 2010, seither habe ich dreizehn Bücher veröffentlicht. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Diese Kreativität ist das, was ich jeden Tag tun ‚muss‘, um mich wirklich lebendig zu fühlen. Ich kann gut einmal ohne Bücher sein, selbst eine Zeit ohne Pflegehunde gönne ich mir hin und wieder.“ Sie machte eine kaum merkliche Pause. „Aber ein Tag ohne das Schreiben ist für mich wirklich ein unglücklicher Tag. Dabei ist es mir gleich, ob ich an einem Manuskript schreibe, einen Blogbeitrag vorbereite oder an einer Rede bastle, die Hauptsache ist, mein Sprachapparat läuft auf Hochtouren.“

„Bei all der Literatur in Ihrem Leben, muss da sehr viel Herzblut drin stecken. Kommt da die Familie und das Privatleben nicht zu kurz?“
„Ich habe das große Glück, eine sehr aktive Familie zu haben. Andere würden uns verrückt nennen, ich nenne uns kreativ. Mein Partner ist Tierarzt bei ‚Tierärzte ohne Grenzen‘ und oft in Krisengebieten unterwegs. Meine Tochter, mein Schwiegersohn und meine Enkelkinder sind jeweils im Sport sehr erfolgreich und ich bin mehrmals im Jahr mit den Hunden auf Tour und dann einige hundert Kilometer zu Fuß unterwegs. Und trotz unserer Unterschiedlichkeit und unserem oft Nicht-Dasein verbringen wir die Zeit, die wir dann haben, sehr intensiv mit ‚Qualitätsfreizeit‘. Ich liiiiebe meine Enkelkinder und verbringe gern Zeit mit ihnen. Dennoch stehe ich nicht jederzeit zur Verfügung. Und genau aus diesen zugegebenermaßen oft nur wenigen Stunden in der Woche, die ich mit meiner Familie und meinen Freunden verbringe, ziehe ich meine Kraft für all das, was ich mache. Nichts in meinem Leben wäre ohne all das andere möglich.“

Am Abend, Frau Bolduan hatte mein Antiquariat längst verlassen, ließ ich meinen Blick durch den Verkaufsraum streifen. Hier war alles wie ehedem. Ja … Wie ehedem.
Auf dem Tresen lag die Zeitung. Der Artikel mit dem sperrigen Titel „Anzahl der Unternehmen im Einzelhandel mit Büchern geht zurück“ war noch immer aufgeschlagen. Irgendwo in den Zeilen und Spalten stand anklagend die Zahl 3600.
„Harte Zeiten“, sagte ich zu den Büchern. Sie widersprachen mir nicht. „Vielleicht braucht man hin und wieder ein paar Leute, die verrückt sind. Verrückt genug, neue Wege zu gehen.“ Ich nahm die Zeitung und warf sie in den Papierkorb. „3604.“

zu Besuch im Antiquariat: Leander Wattig

Es war einer dieser Tage, an denen es mir an innerer Ruhe fehlte. Auf der Straße lärmten die Autos, am Himmel dröhnten die Flugzeuge und Beatrice schob lautstark Möbel im Verkaufsraum meines Antiquariats hin und her. Meine Mitarbeiterin war mal wieder im Deko-Fieber. Werbebanner, Staffeleien, Poster. Sockel, Podeste, Ständer. Alles bekam heute einen neuen Platz zugewiesen.
Ich saß im angrenzenden Arbeitszimmer in meinem Ohrensessel und versuchte zu lesen. Doch als mir schließlich auffiel, dass ich diese verflixte Zeile nun zum vierten oder fünften Mal las, ohne sie tatsächlich zu verstehen, klappte ich meinen Stanislaw Lem zu.

„Beatrice!“, rief ich. „Haben Sie erbarmen. Bevor Sie bei mir angefangen haben, hat mein Laden auch ohne Werbung funktioniert!“
„Bevor ich bei Ihnen angefangen habe“, gab Beatrice keuchend zurück, „war Ihr Laden eine verstaubte Einöde, Herr Plana. Klappern gehört zum Geschäft.“ Die Geräuschkulisse unterstrich ihre Aussage: Klappernd – wie der für später erhoffte Werbeeffekt – zog sie ein Regal von der einen Seite zur anderen des Raumes. „Es würde helfen, wenn Sie kurz mit anfassen würden.“
Ich schnaubte. Das sollte als Antwort genügen. Dann nahm ich meinen Stock und schlurfte zu meiner Internetmaschine. Vielleicht würde mich eine kurze Reise in die Weiten des Webs etwas ablenken. Beatrice hatte mir doch neulich dieses „Twitter“ und dieses „Facebook“ erklärt. Mal sehen, wer was mit Büchern macht …

Den Rest des Nachmittags verbrachte ich mit einer unbestimmten Recherche zum Thema Literatur. Insbesondere über einen Namen stolperte ich dabei sprichwörtlich immer wieder. Ich ertappte mich dabei, wie ich leise sagte: „Diesen Herrn würde ich doch gerne mal kennenlernen.“
Just in diesem Moment klingelte das Messingglöckchen an der Ladentür. Ein junger Mann, ich schätzte ihn auf Mitte dreißig, betrat mein Antiquariat. Leger in Jeans und Shirt gekleidet machte er einen sehr … alltagsgeeigneten Eindruck auf mich.
„Guten Tag, Herr Wattig“, begrüßte ich ihn freundlich. Natürlich hatte ich ihn gleich erkannt. Es waren mir nicht gerade wenige Fotos dieser Person vorhin im Internet begegnet. Ich ignorierte sein Erstaunen und tat, als wäre es das Normalste der Welt, dass ich ihn mit Namen ansprach. Mit aller Selbstverständlichkeit führte ich ihn in mein Arbeitszimmer, bot ihm höflich einen Sitzplatz an und fragte dann: „Kaffee, Tee, Wasser oder Wein?“
„Zuhause würde ich schwarzen Tee bevorzugen.“ Mein Gast lächelte unverbindlich. „Aber ich glaube, ich möchte jetzt lieber einen Kaffee.“
Also mopste ich mir Beas Thermoskanne und schenkte uns zwei Tassen ein. „Was lockt Sie denn in mein bescheidenes Antiquariat?“
Herr Wattig lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und ließ seinen Blick über die Bücherregale streifen. „Ich liebe Antiquariate. Mein Großvater hatte selbst eines. Und sie sind ja absolut modern, indem die Buchausstattung auch für neue Bücher wieder wichtiger wird als Thema und Argument.“

Thema und Argument. So, so. Das war jemand, der offensichtlich nicht nur etwas mit Büchern machte, sondern auch gerne darüber redete. Wie schön! Eine gute Gelegenheit, ein kleines Interview anzufangen, dachte ich bei mir. Aber trotz meiner ganzen Infos, die mir das Internet eben beschert hatte, war ich mir immer noch nicht so richtig sicher, wen ich da eigentlich vor mir hatte. Das Einfachste wäre wohl, ihn zu fragen. „Es gibt im Literaturbetrieb die Autoren, die Lektoren, die Verleger und die Buchhändler. Und es gibt Leander Wattig. Wo ordnen Sie sich in dieses Gefüge ein?“
Herr Wattig lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander. Als er mir antwortete, strahlte er das Selbstbewusstsein eines geübten Redners aus. „All diese Leute und noch viele neue Gruppen dazu müssen ja miteinander ins Gespräch kommen – vor allem in diesen Zeiten des Wandels, die ganz neue Anforderungen stellen, die zudem zunächst einmal noch unbekannt sind. Da wird das immer wichtiger. Das unterstütze ich seit langem mit meinen eigenen und den Veranstaltungen im Auftrag, die ich organisiere.“

„Also gehören Sie zu den Menschen, die dafür sorgen, dass Schreiber, Leser und alle Leute dazwischen zueinander finden“, stellte ich lapidar fest. „Nicht nur im Internet, sondern auch in der wirklichen Welt.“ Ich nippte an meinem Kaffee und musterte nochmal meinen Gegenüber. ‚Ein Mensch, der so viel mit dem Internet zu tun hat‘, durchfuhr es mich, ‚hat vermutlich eine andere Einstellung zu Büchern, als ich.‘ „Woran erkennt man – wo sich scheinbar jeder dazu berufen fühlt, etwas zu veröffentlichen – ein gutes Buch?“
Herr Wattig antwortete nicht gleich. Der Moment, vielleicht nur ein Wimpernschlag, der verstrich, setzte auf die folgenden Sätze einen besonderen Akzent. „Ein gutes Buch ist erstmal eines, das gefällt. Das Schöne heute ist, dass das Publizieren so günstig geworden ist. Stichwort Self-Publishing. Früher wäre es unwirtschaftlich gewesen, diese eine Papageienbiografie zu publizieren, die am Ende 2,5 Leser findet. Heute ist das anders. Wenn diese Leser dann glücklich sind, ist alles fein. Das mag ich sehr an der Demokratisierung des Betriebes und da stört mich der Dünkel oft sehr, der aber zum Glück nachlässt. Ansonsten gibt es sicher Qualitätskriterien zu Inhalt und Form, die man anlegen kann. Das ist ein weites Feld. Am Ende können wir froh sein, wenn überhaupt gelesen wird.“

‚Das ist eine … schöne Argumentation‘, musste ich insgeheim zugeben. Zwei und ein halber Leser! Irgendwie fand ich die Vorstellung amüsant, dass man halbe Leser als Erfolg verbuchen konnte. Ich erlaubte mir ein Schmunzeln. Doch dann wollte ich rasch zurück zum Thema. „Wir leben in einer Zeit, in der im Internet lauthals erzählt wird, was man so macht. Insbesondere Autoren versuchen sich aus der Masse der Mitbewerber hervorzutun. Braucht man da wirklich noch einen Hashtag ‚Ich mach was mit Büchern‘?“
„Ich mach was mit Büchern“ habe ich 2009 gestartet, als diese Art Vernetzungsgedanke noch sehr neu war“, sagte Herr Wattig. „Entsprechend groß war die Resonanz von Hunderten Blogs und Hunderten Menschen. Die Berechtigung war groß. Heute gibt es da viel mehr und ich freue mich, dass der Grundgedanke sich durchgesetzt hat. Dazu war es ja gedacht. Die Plattform selbst ist heute einfach eine Art Blog, der Einblicke in den Buchbetrieb vermittelt und der treue Leser hat.“

Von vorne, aus dem Verkaufsraum hörten wir ein lautes Scheppern. Dann fluchte Beatrice. Ihre Worte möchte ich hier nicht wiederholen.  Aber sie sagte noch: „Sie brauchen mir nicht zu helfen!“ Das triefte vor Ironie, deshalb überhörte ich es geflissentlich.
„Werbung kann anstrengend sein, nicht wahr?“
Beatrice klang etwas angesäuert. „Ich. Komme. Klar.“

Wunderbar! Dann konnte ich ja mein Gespräch fortführen. „Vor fünf/sechs Jahren war Ihr Bücher-Hashtag auf Twitter ein Paradebeispiel für virales Marketing. Waren Sie davon überrascht oder war es geplant? Gibt es vielleicht ein Patentrezept für virales Marketing?“
Herr Wattig machte Anstalten, Beatrice helfen zu gehen. Ich bedeutete ihm mit einem Wink sitzen zu bleiben.
„Social Media ist ja letztlich nur eine Art, Informationen zu strukturieren, zu transportieren und zu filtern“, erklärte er mir. „Die Kommunikation wird dabei als Instrument genutzt. Der Hashtag wiederum dient einfach der Verschlagwortung – ein Prinzip, das Buchmenschen wohl bekannt ist. Insofern ist es in der Rückschau gar nicht überraschend, wenngleich in dem Moment nicht viele damit gerechnet haben, wie das ja immer so ist bei so neuen Feldner. Ein Patentrezept für Marketing gibt es nicht. Nur Erfahrungen, die man austauschen kann, um die Erfolgswahrscheinlichkeit zu erhöhen. Genau dafür veranstalte ich seit 2011 den Virenschleuder-Preis.“
Ich fragte: „War in der Anfangszeit damit Geld zu verdienen?“
„Marketing gibt ja eher Geld aus, als dass es welches verdient. Insgesamt werden die Leute natürlich geübter im Einsatz des Social-Media-Handwerkszeugs. Gleichzeitig wird der Kampf um Aufmerksamkeit aber natürlich immer intensiver, weil eben alle mitspielen. Alle schreiben ins Netz – das gilt im Bereich Social Media Marketing ebenso wie im Bereich Self-Publishing. Wir kennen das ja aus der Buchbranche seit langem: Viel Geld verdienen die wenigsten.“

‚Das ist eigentlich schade‘, dachte ich. ‚Bei der ganzen Arbeit, die dahinter steckt, sollte doch auch der Lohn stimmen.‘ Laut sagte ich nur: „Piraten, Raubkopierer, Gratismentalität … Wie sähe in Zeiten der unbegrenzten, digitalen Bücherwelt in Ihren Augen ein funktionierender Literaturbetrieb aus? Und wie verdienen künftig Autoren ihr Geld?“
Herr Wattig seufzte. „Gratismentalität ist ja ein oft bemühtes Stichwort. Die Buchbranche hat ja vielmehr das große Glück, dass der Buchnimbus so groß ist und das Verhalten so tief verankert ist, dass Menschen im Digitalen auch bereit sind, relevant Geld für Bücher auszugeben. Selbst wenn manche illegal herunterladen. Die Mehrheit der Leute zahlt gern mal für ein E-Book so viel, wie ein Monatsabo bei Spotify für gefühlt fast die ganze Musik dieser Welt kostet. Insofern gibt es auch Gründe, die Dinge nicht nur negativ zu sehen. Ohnehin muss auf solchen positiven Effekten aufgebaut werden, wenn man die Zukunft da erfolgreich gestalten will. Die Negativentwicklungen zu benennen ist jetzt keine Kunst.“

„Apropos Geldverdienen! Sind Sie hauptberuflich Buchmensch? Wie sieht denn ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?“
Ich erntete ein kurzes Lachen. Dann sagte Herr Wattig: „Selbst und ständig. Tatsächlich ist das sehr unterschiedlich. Ich bin viel auf Reisen, habe aber auch schnöde Office-Tage. Das hängt immer sehr von den Projekten ab. Gerade war ich drei Wochen auf Vortrags- und Pressereise in Brasilien und Mexiko, auch sowas gehört dazu. Aber auch nach 10 Jahren Selbstständigkeit macht all das großen Spaß und ich habe nicht vor, grundlegend etwas zu ändern.“
Das konnte ich mir vorstellen. Wer hätte gedacht, dass man im Auftrag der Bücher so weit herumkommt? Meine kleine Welt zwischen den Regalen meines Antiquariats kam mir ganz kurz zu klein vor. Dann erinnerte ich mich daran, dass gerade diese kleine Welt mein Tor ins Überall war.

Ich hob meine Hand und zählte an den Fingern ab: „Sie sind im Vorstand der Theodor Fontane Gesellschaft, sind Eventveranstalter, Gründer von Orbanism, Dozent an der Universität der Künste in Berlin und gern gesehener Redner.“ Nachdem ich beim Daumen angekommen war, hörte ich lieber auf, die Aktivitäten des Leander Wattig aufzulisten. „Sie scheinen mit Ihren Ideen und Ihrem Können oft offene Türen eingerannt zu haben. Täuscht der Eindruck?“
„So offen waren die oft nicht.“ Er schüttelte den Kopf. „Vielmehr bin ich oft mit der Nase dagegen gerannt. Manche haben sich dadurch weiter geöffnet. In der Rückschau wirkt das dann immer sehr folgerichtig. Wenn ich aber mit meinen Themen 2007/08 zu eingefleischten Branchenleuten kam, haben sie mich oft angeschaut, als wäre ich grad vom Mond gelandet. Aber das gehört eben dazu, wenn man seinen Weg gehen will: Man muss auf das eigene Urteil vertrauen.“

Irgendwann war es wohl Abend geworden. Der Lärm auf der Straße war verklungen, mein unverhoffter Besuch hatte sich verabschiedet und auch Beatrice war mit ihren Arbeiten fertig geworden. Das Schaufenster sah in der Tat sehr ansprechend aus. Alte Klassiker, aktuelle Bestseller und auch ein paar unbekanntere Independendbücher waren dort ausgestellt worden.

Eine kleine Familie – Vater, Mutter, Kind – schauten sich von draußen begeistert die Auslage an. Ich sah ihnen an den Nasenspitzen an, dass sie gleich hereinkommen würden, um ein Buch über irgendwelche Vögel zu kaufen. ‚Zwei Komma Fünf Leser‘, durchfuhr es mich.
Ganz schön schlau, dieser Herr Wattig.