Archiv der Kategorie: Plaudereien

Nachlese: Herr Plana auf der Buchmesse

Eigentlich mag ich ja die Stille, die Ruhe und den Ohrensessel in meinem Antiquariat. Aber meine Bea meinte, dass ich mich wenigstens aus beruflichem Interesse mal in die Ferne wagen solle. Also hat sie mich in meinen alten Käfer gesetzt, mir Frankfurt auf der Landkarte gezeigt und mich Richtung Süden geschickt. Das Gedränge war wirklich nicht meins. Diese Marktschreierei im Namen der Literatur entspricht nicht meiner Mentalität. Und diese allgegenwärtigen verkleideten Leute, diese Cosplayer, schienen Realität mit Fiktion zu verwechseln (was sie mir aber eigentlich richtig sympatisch machte).

Ich wollte gerade gehen, da fand ich diese Abteilung mit antiquarischen Büchern. Ab diesem Moment war es um mich geschehen …

alte Bücher
Wurderbar erhalten. Ein Schmuckstück in der antiquarischen Abteilung
Galaries Historiques de Versailles
Würde in Planas Buchantiquariat einen Ehrenplatz bekommen
Terry Pratchett als Buchstütze
Terry Pratchett als Buchstütze. Nicht antiquarisch – aber schön anzusehen.
Buch mit Schließen
Dieses Buch wird ein paar Kilo wiegen. Herrlich anzusehen!
History of England
History of England
Geschnitzte Bücher
Holzbücher für Holzköpfe? Nein, das ist Kunst.
Kunst im Buch
Kunst im Buch als Sonderformat, damit die Bilder in Originalgröße dargestellt werden können.

 

Herr Plana plaudert über Schrift

BuchlandAm Anfang war das Wort.  Oder … Nein, wenn wir ehrlich sind, war es vermutlich ein Grunzen. Zumindest wird es irgendein fast vollkommen unartikulierter Laut gewesen sein, den vor zirka 450.000 Jahren einem unserer Vorvorvorfahren über die Lippen gekommen ist.
Das Besondere an diesem Grunzen lag in der Tatsache, dass es das Samenkorn zur Entwicklung der Sprache enthielt. Es trug Sinn. Vermutlich bedeutete es so viel wie: „Hör auf damit, sonst Keule auf Kopf.“ Ich kann mich diesbezüglich natürlich auch irren.
Sprache ist – so sagt man – eines der Definitionsmerkmale der Intelligenz. Und Schrift ist das Konservieren von Sprache. Beides machte erst das möglich, was wir heute Zivilisation nennen. Auf dem Wege zum Begriff „Schrift“ ritzten Jahrtausende nach besagtem ersten vorzeitlichen Grunzen die Phönizier ihre Keilschrift in Ton und die Chinesen malten ihre Ideogramme. Endlich konnte man Verträge schließen, Bestandslisten verfassen und „Hör auf damit, sonst Keule auf Kopf“ in brieflicher Form weitergeben.
Wenn wir einige Schritte in der Geschichte von Sprache und Schrift überspringen, dann kommen wir im Hier und Jetzt an …
… Wochenende. Ich sitze hinter meinem Antiquariat im Garten. Die halbstarken Jungs, die im benachbarten Spielplatz abhängen, versuchen ihren Mädels lautstark zu imponieren. Vögel zwitschern. Die Sonne scheint. Willkommen im Vorstadtidyll. Der richtige Ort, die richtige Zeit um nach einem Buch zu greifen. Soll ich vielleicht mit Bilbo Beutlin nach Beutelsend entfliehen? Tolkiens „Herr der Ringe“ bietet ein so wunderbares Beispiel. Das Werk ist ein in Worte gepresster Höhepunkt, der durch die Fähigkeit Sprache mit dem Stift festhalten, erst ermöglicht wurde. Schrift ist nicht nur reine Kommunikation. Denn unser Verstand erlaubt es uns, mit den Worten zu spielen.
Zwar sagt ein Bild manchmal mehr als tausend Worte, doch ebenso können tausend Worte wunderbare Bilder – sogar ganze Filme – in unseren Köpfen erzeugen, ohne dass wir sie tatsächlich sehen müssen. Literatur ist die Verzauberung der Schrift.
Welche Höhen hat unsere Kultur auf den Schwingen der Schrift erreicht! Lyrik, Prosa, Philosophie … Hach!
„Ey, voll krass, ey“, kreischt einer der Teenager auf dem Spielplatz. Das hecktische Klackern einer geschüttelten Spraydose erklingt und zieht mich zurück auf den Boden der Tatsachen.
Graffiti sollen ja angeblich auch eine Kunstform der Schrift sein. In wenigen Minuten wird das Wort „Fuck“ auf dem Altkleidercontainer stehen. Für mich ist das nicht mehr als ein vorkulturelles Grunzen.
Und ich würd‘ gern sagen: „Hört auf damit. Sonst Keule auf Kopf.“

Erotik in Büchern

Nun greifen wir tief in die Schublade, schieben die gewissen Hochglanzmagazine zur Seite und setzen uns die roten Ohren auf. Denn das verbotene Wort „Sex“ wird auch in der Literatur gebraucht. Böse Zungen behaupten sogar, dass sich bestimmte Bücher nur gerade deswegen verkaufen lassen.

Wir wollen das nicht. Uns interessiert selbstverständlich die Handlung des Romans. Wenn von Charlotte Roche bis Jean M. Auel so viele Autoren bereit sind, hinter die Schlafzimmertür zu schreiten, müssen wir ihnen ja nicht folgen. Blättern wir ganz schnell über die betreffende Stelle hinweg und schauen lieber, was danach Wichtiges passiert.

Okay. Kommando zurück. Wir sind schließlich alle erwachsen. Von Bienchen und Blümchen muss uns niemand mehr erzählen. Erotik hat nicht nur mit Fortpflanzung zu tun.  Warum also nicht darüber schreiben?

„Oh ja. Oh! Jaaa.“ Bei mir läuft gerade das Hörbuch von Ken Follett. „Die Säulen der Erde“. Ganz ehrlich? Ich muss jedes Mal schmunzeln, wenn mir die „gewissen“ Szenen vorgelesen werden.
Man stelle sich die Sprecher im Studio vor: Wie sie vor dem Mikrophon sitzen und in bester Nullhundertneunzig-Manier stöhnen und keuchen sollen. Sie schmatzen auch!
Hinter der Scheibe des Toningenieurs ist in jenem Augenblick der Regisseur nach Luft japsend vom Stuhl gekippt. Ganz blau angelaufen ist er. Lachkoller können weh tun!

Bleiben wir bei diesem Beispiel: Hätte der Roman über den Bau einer Kathedrale ohne Sexszene anders ausgesehen? Vermutlich nicht. Aber etwas Intimität mit den Protagonisten darf ruhig sein. Das macht Stimmung. Es vertieft die Bindung. Wir können uns leichter mit den Menschen zwischen den Zeilen identifizieren, wenn wir ihn auch in intimste Bereiche begleiten. Tabus sind ja auch gar nicht nötig. Da ist nur der Leser mit seinem Buch …

Stellen wir also fest: Tabus sind wirklich nicht nötig. Nicht bei den „Säulen der Erde“.
„Oh ja. Oh! Jaaa.“ Die gleiche wörtliche Rede hätte natürlich auch auf dem Lokus passieren können. Ganz ohne Sex. Der Prior der Kathedrale hatte nämlich bestimmt Verstopfung und Hämorrhoiden. Er freut sich so, dass …

Halt!
Nein, sooo sehr wollen wir uns mit dem Protagonisten denn doch nicht identifizieren …

Lesezeichen

Buchland

Natürlich gibt es sie, diese Banausen, die bei jeder kurzen Lesepause einem Buch Gewalt antun. Mit einem dämonischen Handgriff verunstalten sie die zuletzt gelesene Seite. Rohe Gewalt an der oberen Ecke des Papiers: ein Eselsohr. Ein Knick in der Kultur der Wörter.
Um wie vieles kultivierter ist da das Lesezeichen! Der Platzhalter des Zeigefingers, der erst später wieder über die Zeilen huschen wird, um den Augen den Weg zu geleiten.

Lesezeichen sagen viel über den Leser aus.

Da gibt es diese eleganten Hochglanzkartons mit Motiv und Lesebändchen für die gehobenen Lesegewohnheiten. Oder der preiswerte Werbeträger im Paperback des Discountlesers. Der Kassenbon der Buchhandlung oder der Registrierstreifen der Bücherei mussten vermutlich ebenso oft als Lesezeichen herhalten, wie der PostIt-Zettel in neongelb. Schnupfnasen verwenden manchmal -allzeit bereit- Taschentücher. Das ist allerdings nicht zu empfehlen, denn die Verleimung der Seiten leidet darunter mit der Zeit Ist ein Fahrschein zwischen den Seiten zu finden, dann enttarnt sich ein belesener Berufspendler als bibliophil. Kontrolleure bringen diese Lesezeichenverwender immer wieder in arge Schwierigkeiten.

Aber wie erwähnt, ist alles besser, als ein Eselsohr. Der richtige Umgang mit einem Buch hat etwas mit Respekt zu tun.
Erinnern wir uns an die Zeit, als Bücher selten waren und von daher kostbar. Dass wir es uns heutzutage erlauben dürfen, Papier im Überfluss zu verbrauchen, es zu knicken, zu zerkneulen, zu zerreißen und wegzuwerfen ist ein ungeheures Privileg. Ein Privileg, dass uns erst seit wenigen Generationen zuteil wird. Das Setzen, Drucken, Binden ist inzwischen so preiswert, dass sich selbst Kleinstauflagen profitabel verlegen lassen.

Das geschriebene Wort wird zum Wegwerfartikel.
Von Ebooks möchte ich an dieser Stelle mal nicht reden, obwohl … Ich sag nur: „gratis“ und „1,- Euro“ oder „Raubkopie“

Es ist nicht mehr wirklich schade, wenn ein Buch mal im Müll landet. Man kann es jederzeit in unbegrenzter Menge nachbestellen. Da vergisst man schnell, wie außergewöhnlich es ist, lesen zu können und lesen zu dürfen. Also bitte: Keine Eselsohren!
Obwohl … Es gibt Augenblicke im Leben eines Lesers, da … Vor einiger Zeit habe ich einen Teil meiner ausgelesenen Bücher verschenkt. Eine Freundin, sammelte für eine Jugendbücherei. Beim Sichten der kleinen Wortschätze fiel ein von mir vergessenes „Lesezeichen“ heraus. Von der Luft getragen segelte es, einer Feder gleich, hin und her. In unschuldigem Weiß entlarvte es einen Teil meiner Lesegewohnheiten. Es verriet meinen mangelnden Respekt vor dem geschriebenen Wort.

Ich Banause!

Dass ich Bücher nicht an angemessenen Orten lese.
Eine quälende Sekunde später berührte das „Lesezeichen“ den Boden.
„Jetzt weiß sie, wo du deine Bücher liest“, schien das dreilagige Papier zu flüstern.