Chaos und Ordnung

Der Tag war noch jung und frisch, als ich das Antiquariat betrat. Beatrice stand am rückwärtigen Verkaufsregal und räumte eines der Bretter leer. Die Bücher, aus ihrem staubigen Schlaf geweckt, stapelten sich nun auf dem Tresen neben der Kasse, warteten ungeduldig darauf, wieder zurück an ihren Platz gestellt zu werden.
Beatrice“ sagte ich verwundert, „was treiben Sie da?“
Ich mache sauber!“ Es klang tatsächlich etwas vorwurfsvoll. „Herr Plana, wann haben Sie das letzte Mal einen Lappen in der Hand gehabt?“
Einen Lappen?“ Ich war tatsächlich leicht perplex und das brachte mich in eine ungewohnte Defensive. Ich versuchte mich in einer Rechtfertigung: „Das ist ein Bücherantiquariat. Da gehört eine leichte Staubschicht zum guten Ton.“
Ich glaube nicht, dass eine Staublunge zu den üblichen Berufskrankheiten einer Buchhändlerin gehört.“
Dem konnte ich nicht widersprechen. Außerdem war sie ja meine Angestellte. Es war schließlich ihre Aufg …
Sie können sich den Staubwedel nehmen“, unterbrach sie meine Gedankengänge.
Just in diesem Augenblick bimmelte das Türglöckchen.
Eine Frau und ein Mann gesellten sich zu uns. Die Tatsache, dass sie Hand in Hand in den Laden kamen, verriet mir schon einiges. Doch ich nahm mir die Muße, sie eingehender zu betrachten.
Sie war mittelgroß, ziemlich schmal von Statur, hatte dunkelbraune Haare und ein sehr markantes Tattoo auf dem nackten Oberarm. Sie machte einen freundlichen, sympathischen Eindruck, wenngleich sie mir etwas träumerisch, entrückt vorkam.
Ihr Begleiter wirkte etwas kräftiger. Sein ebenfalls braunes Haar zeigte allerdings schon ein paar unschmeichelhafte, gräuliche Einschläge. Seine intelligenten Augen blitzten hinter runden Brillengläsern.
Beatrice schickte sich an, den Lappen aus der Hand zu legen. Doch da der Staubwedel für mich keine Option war, bedeutete ich ihr, dass sie mit ihrer Arbeit ruhig fortfahren könne.
Was kann ich für Sie tun?“
Man hat mir gesagt, dass sie neuerdings auch aktuelle Titel im Sortiment haben“, sagte der Mann. Ich wusste es noch nicht richtig einzuschätzen, aber irgendwie erschien mir das Gesagte herausfordernd und lauernd. „Und … Außerdem hat man mir gesagt, dass Sie Ihren Kunden an der Nasenspitze ansehen können, welches Buch Sie gerne hätten.“
Um mich herum setzte das Wispern der Bücher ein. Ich lauschte.
Das klappt nie, Heinz“ flüsterte die Frau ihrem Liebsten zu.
Wart’ ab, Judith“, raunte der Mann zurück.
Das Flüstern um mich herum verebbte. Nun wusste ich mehr. „Ich gehe recht in der Annahme, dass sie gerne einen Roman hätten? Vielleicht etwas aus der Fantastik?“
Misstrauisch und zögerlich nickte Judith. Heinz setzte ein triumphierendes „Hab-ich-doch-gesagt-Lächeln auf.

Es war für die beiden alles nur ein Spiel. Sie wollten nicht wirklich dieses Buch kaufen. Sie wollten nur wissen, ob ich es in meinem Sortiment führe. Wenn es doch immer so einfach wäre, Menschen glücklich zu machen! Ich ließ mich auf das Spiel ein und tat so, als würde ich nach einem passenden Buch suchen.
Entschuldigen Sie das Chaos. Meine Mitarbeiterin macht gerade etwas Ordnung.“ Jetzt griff ich fast blind in eine Auslage. Das entsprechende Buch hüpfte mir fast in die Hand. „Das hier dürfte genau das Richtige für Sie sein“, sagte ich süffisant lächelnd und reichte das Werk an die Frau. „Von J.H. Praßl. – dürfte ganz Ihr Geschmack sein.“