Herr Plana und die Allüren

Erwartungsvolle Stille. Gleich beginnt die Lesung. Der Schriftsteller betritt den kleinen Saal und setzt sich hoheitsvoll auf den Stuhl neben dem Bistrotisch. Das darauf arrangierte Buch und das Glas Wein werden neben der Inszenierung der Person zur Nebensächlichkeit, denn …

Inszenierung

… dieser Mann dort hat ein Buch geschrieben. Toll, nicht wahr? Es ist für ihn Anlass eine Pfeife zu rauchen (trotz des Rauchverbots), einen auffälligen, übergroßen, weißen Schal sowie einen breitkrempigen Hut zu tragen und – als besonderes Markenzeichen – einige klunkerhafte Siegelringe an den Fingern zu präsentieren.
Er lässt keinen Zweifel daran, dass er sich selbst als intellektuell betrachtet. Und es ist tatsächlich so, dass ihn sein Publikum in dieser Aufmachung akzeptiert. Denn er ist Künstler. Von Popstars, Schauspielern, Malern und manchmal eben auch Schriftstellern erwartet man einige Extravaganzen. Oder man entschuldigt sie zumindest.
Manche Schriftsteller sind halt ein wenig verrü… -äh- … exzentrisch. Aber warum muss man sich – wenn man ohnehin schon im Mittelpunkt steht – auch noch anziehen, wie ein Kölner zur fünften Jahreszeit?

Weil man Künstler ist

Weil man ein Buch geschrieben hat? Weil man so schön vorlesen kann? Weil man ausdrücken möchte, dass Kreativität etwas Besonderes ist? Eine Befähigung, die nicht jeder hat und deshalb bewundert werden soll?
Es hat mit Respekt zu tun. Respekt der eingefordert wird. „Seht her“, sagt dieser Schriftsteller mit Pfeife, Hut und Schal. „Ich habe etwas Tolles erschaffen. Meine Phantasie kann euch entführen. Eure Phantasie kann das nicht. Meine Phantasie gibt hier den Ton an. Für den Augenblick bin ich der Chef.“

Respekt ist ein ziemlich großes, bedeutungsschweres und gutes Wort. Es umfasst recht viel. Wenn man tatsächlich etwas kann, was andere nicht können, dann verdient man in der Tat Respekt …

Oder?

… Nun – ich kann keine Blumen binden. Ich kann keine Dächer decken. Ich kann keine Möbel zimmern. Respekt an alle, die dies können! Respekt an alle Hebammen, Straßenfeger, Kindergärtnerinnen und Kindergärtner, alle Krankenschwestern und -schwesterinnen. Respekt an all die anderen. Respekt an die Ungenannten und Fleißigen, an die Durchhalter, die Könner und die Macher.
Wie schön, dass ihr euch trotzdem normal zu kleiden versteht. Respekt!

Euer Herr Plana