Buchland

zu Besuch im Antiquariat: Kerstin Fricke

Es war kurz vor Ladenschluss. Das Geld in der Kasse war bereits gezählt und Beatrice hatte die Lücken in den Regalen längst wieder aufgefüllt. Trotzdem galt es noch zehn Minuten totzuschlagen. Erst dann würde ich die Tür abschließen und das kleine Schildchen im Fenster umdrehen, damit der Schriftzug „geschlossen“ von draußen lesbar würde.
Meine Bea zückte ihr Smartphone und wischte darauf herum. Da ich diese allgegenwärtigen Taschencomputer nicht wirklich leiden konnte, fragte ich gereizt: „Was machen Sie da, Bea? Es ist noch nicht Feierabend.“
„Haben Sie noch was für mich zu tun?“ Das war weniger eine Frage, als eine Herausforderung. Doch da der Boden geputzt und auch die restliche Arbeit erledigt waren, fiel mir beim besten Willen keine sinnvolle Arbeitsanweisung ein. Sie hätte natürlich den Keller aufräumen können, aber das war wohl in der verbleibenden Zeit nicht gänzlich zu bewältigen …
„Ich bestelle Kinokarten für meinen Mann und mich“, erklärte sie und tippte wieder auf dem Display herum. „Da läuft nochmal The Shape of Water. Ich mag Guillermo del Toros Filme. Möchten Sie vielleicht mitkommen?“
Ich rümpfte die Nase. „Filme? Ich glaube, ich nehme mir lieber ein gutes Buch zur Hand.“
Als hätte Beatrice damit gerechnet, drückte sie mir prompt eine tiefblaue Softcoverausgabe in die Hand. „Na dann, viel Spaß damit.“

Misstrauisch beäugte ich den Titel. „The Shape of Water“ von Guillermo del Toro und Daniel Kraus. Ein Buch zum Film. Na ja, warum nicht? Ich schaute mir die Seite mit dem Impressum an. Übersetzerin ist eine gewisse Kerstin Fricke.
„Tja“, sagte ich. Meine Worte richteten sich nicht speziell an meine Angestellte. Ich redete mit dem Raum und war mir sicher, dass meine Freunde, die Bücher, gut zuhörten. „Ich könnte mir tatsächlich vorstellen, dass es interessant werden könnte, etwas mehr über Frau Fricke zu erfahren.“
„Über wen?“, fragte Beatrice, die das Impressum ja nicht gelesen hatte, verwirrt.
Da bimmelte auch schon das Glöckchen über der Tür.

In den Strahlen des hereinfallenden Sonnenlichts schien der Kopf der Frau, die den Raum betrat, in einer rötlichen Aura zu schweben. Doch als sie näher kam, wandelte sich der Zaubereffekt in langes rotes Haar. Die Silhouette ihres Körpers blieb aber dunkel, da Hose und Shirt schwarz waren. Einen einzigen Akzent setzte ihre Tasche, auf der ein „Simons Cat“ Motiv aufgedruckt war.
Ich griff nach meinem Gehstock und mühte mich nach vorne zu meinem Gast. „Guten Tag, Frau Fricke“, rief ich, gab mich betont gut gelaunt und plauderte einfach drauf los, damit gar nicht erst die Frage aufkam, woher ich ihren Namen wusste. „Plana mein Name. Mir gehört diese bescheidene Buchhandlung. Was darf ich für Sie tun? Ich schätze, Sie sind der Typ Mensch, der gerne in meiner Science Fiction Ecke stöbert. Oder doch lieber Fantasy? Vielleicht eine der anspruchsvolleren Graphic Novels? ‚Claudias Story‘ vielleicht? Da haben Sie eine gehörige Portion Fantastik drin …“
Ich musste Luft holen. Um dies zu überbrücken, wedelte ich kurz mit der Ausgabe „Shape of Water“. „Ihr Buch“, behauptete ich etwas zu atemlos. „Hab ich im Impressum gelesen. Sie haben es übersetzt …“ Dummer Fehler! Da gab ich mir so Mühe lästige Fragen zu vermeiden und gab dann prompt eine Steilvorlage.
„Mich würde schon interessieren“, sagte Frau Fricke mit einem Hauch Misstrauen in der Stimme, „wie viele Menschen sich tatsächlich das Impressum ansehen und den Namen des Übersetzers überhaupt registrieren.“ Ihr Blick flog kurz auf einige Übersetzungen von Andreas Brandhorst, die irgendwo im Regal herumstanden. „Es gibt ja einige bekannte Größen, aber im Allgemeinen hat man doch das Gefühl, dass es dem Leser völlig egal ist, wer ein Buch übersetzt hat. Nur wenn es etwas zu motzen gibt, ist der Übersetzer beziehungsweise die Übersetzerin natürlich an allem schuld.“
„Nuuun.“ Ich schmunzelte. „Nuuun. Dieses Antiquariat ist nicht wie andere Buchläden. Und deshalb ist es hier auch wichtig, wer ein Buch übersetzt hat … Glauben Sie mir: Hier ist es ganz und gar nicht egal, wer ein Buch übersetzt hat.“
Beatrice wuselte heran. Sie stellte wortlos ein paar Gläser und was zu trinken auf den Tresen, zwinkerte mir verschwörerisch zu, grüßte dann noch kurz zum Abschied, und entfloh in den Feierabend. Sie wollte ja ins Kino … Kino? Ach ja!
„Haben Sie zuerst den Film ‚The Shape of Water‘ gesehen“, fragte ich Frau Fricke, „oder hielten Sie zuerst das Skript in den Händen?“

Meine Besucherin entschied sich dazu, ihre Verwunderung abzulegen. „Ich habe lustigerweise zuerst den Trailer gesehen und in der Woche darauf die Anfrage bekommen, ob ich den Roman übersetzen möchte. Das Buch war längst im Druck, als der Film in die Kinos kam …
Während des Übersetzens hatte ich übrigens nicht die geringste Ahnung, dass sich Buch und Film teilweise stark voneinander unterscheiden, und da ich vom Film nichts außer dem Trailer kannte, machte es mich schon ziemlich nervös, dass darin einiges anders aussah, als es im Buch beschrieben wurde. Da es leider keinen Kontakt zur Synchronisationsfirma gab, hatte ich schon ein bisschen Sorge, dass ich manches anders übersetzen würde, als es letztlich im Film auftaucht. Zum Glück sind mir da jedoch nur einige Kleinigkeiten im Kino aufgefallen.“

Ich blätterte fahrig durch die Seiten. Eine Geschichte, die eigentlich woanders schon erzählt wurde. „Wenn man bislang nur den Film gesehen hat, warum sollte man sich auch noch das Buch zulegen?“
Frau Fricke lächelte. „Der Film und das Buch unterscheiden sich in mancherlei Hinsicht. Nur die Hauptstory entstand in Zusammenarbeit von Guillermo del Toro und Daniel Kraus; alles Weitere haben sie unabhängig voneinander geschrieben. Insofern lohnt es sich durchaus, nach dem Kinobesuch das Buch zur Hand zu nehmen, da man darin viel mehr Hintergrundinformationen bekommt und auch den Geschichten von Nebenfiguren wie beispielsweise Stricklands Ehefrau Lainie oder Elisas Nachbar Giles viel mehr Platz eingeräumt wird.“

„Wie viel Eigenes darf in eine Übersetzung mit einfließen?“, fragte ich. „Nicht jeder Humor, nicht jede Redewendung lässt sich aus anderen Sprachen übertragen. Da muss man als Übersetzerin doch gewiss improvisieren.“
„Klar.“ Jetzt lachte sie sogar. „Das Übersetzen gleicht im Grunde genommen einem Drahtseilakt, da man einerseits möglichst nah am Original bleiben, andererseits aber auch eine gut lesbare deutsche Fassung abliefern muss. Demzufolge muss man immer wieder abwägen, wie man schwer übersetzbare Passagen übertragen und was man notfalls auch mal weglassen oder erklären sollte. Als Übersetzer steht man jedoch nicht allein da, sondern kann sich im Zweifelsfall auch mit dem Lektorat und dem Ansprechpartner im Verlag beraten.
Manchmal zermartert man sich dann bei Wortspielen, Witzen oder Reimen schon ziemlich das Gehirn, aber das gehört zum Job dazu, und wenn man hinterher eine gute Lösung gefunden hat, freut man sich umso mehr – erst recht, wenn es auch den Lesern positiv auffällt.“

„Filmbücher, ich denke da zum Beispiel an ‚Star Wars‘ oder ‚Terminator‘, sind ja eigentlich nur eine weitere Methode, um mit einer teuren Lizenz mehr Geld zu verdienen“ behauptete ich. Etwas Provokation konnte ja nicht schaden. „Jedoch locken sie die Fans des Franchises oft mit zusätzlichen Szenen, Hintergrundwissen und besonderen Einblicken in die emotionalen Entwicklungen des Protagonisten. Dagegen wirft man Buchverfilmungen vor, dass sie meist oberflächlich und zudem falsch besetzt sind.
Da fragt man sich doch, woran es liegt, dass man mit Filmen mehr Geld verdient. Oder?“
„Puh, schwierige Frage. Ich habe schon früh gern das Buch zum Film gelesen – angefangen mit ‚Star Wars – , um die Bilder noch einmal Revue passieren zu lassen.“ Sie grinste, als sie einen kleinen Nebensatz einschob: „So was wie das Internet gab es ja damals noch nicht.“ Sie nahm einen Schluck Wasser aus einem Glas. „Das Schwierige bei Buchverfilmungen ist meiner Ansicht nach, dass man als Leser ja schon ein relativ festes Bild der Charaktere im Kopf hat – und bei jedem unterschiedlich sein kann. Daher ist es nahezu unmöglich, diesen Erwartungen zu entsprechen. Gut gelöst wurde es beispielsweise bei ‚Der Herr der Ringe‘ oder ‚Game of Thrones‘. Wahrscheinlich ist der Durchschnittsmensch jedoch eher lesefaul und lässt sich lieber berieseln, was den Erfolg von Kinofilmen und auch Streaming-Diensten erklärt, während die Buchverkäufe ja immer weiter zurückgehen.“
Ein kleiner, schweigsamer Moment schlich sich melancholisch durch mein Antiquariat.

Damit diese Pause nicht zu lang wurde, bemühte ich mich, den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen: „Zurück zu Ihrem Beruf! Wie sieht denn so ein Werdegang aus? Wie wird man Übersetzerin und Lektorin für einen so großen Verlag wie Knaur?“
„Na, da bin ich wirklich kein klassisches Beispiel. Viele Übersetzer haben das klassisch studiert, während ich Quereinsteiger bin. Während meines Informatikstudiums bekam ich die Gelegenheit, nebenbei an der Übersetzung von Computerspielen mitzuarbeiten, und irgendwann hatte ich dann auch Lust, mich mal an einen Roman zu wagen. Anfangs habe ich vor allem für einige Kleinverlage gearbeitet, doch mit zunehmender Erfahrung kamen dann auch von größeren Verlagen schöne Aufträge.“

Meine nächste Frage wollte ich mit ein paar prominenten Namen zu würzen. „Del Toro, George R. R. Martin, Emily Bleeker, Nanci Haviland und sehr viele andere ließen bereits ihre Werke von Ihnen übersetzen. Wie gut ist der Kontakt bei der Arbeit zu den einzelnen Autoren?“
„Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal bekommt man vom Verlag gleich bei Auftragsübernahme zu hören, dass der Kontakt zum Autor nur über den Verlag zu laufen hat“, gab sie zu, „aber meist ist es völlig in Ordnung, wenn ich die Autoren selbst kontaktiere, was ja oft problemlos über die sozialen Medien möglich ist. Bisher bekam ich immer ein sehr positives Feedback von den Autoren, die auch sehr bestrebt darum sind, Fragen zu beantworten oder mögliche Fehler oder Ungereimtheiten auszumerzen.“
„Diese Auswahl an Autoren umfasst ein breites Spektrum. Von Liebesroman bis Fantastik scheint alles dabei zu sein. Darunter sind Bestseller und nicht ganz so bekannte Titel. Welche Übersetzungsarbeiten machen da am meisten Spaß?“
„Am meisten Spaß machen mir die Genres, die ich auch ‚privat‘ gern lese, also Scifi, Fantasy und Krimis/Thriller. Dabei ist die Bekanntheit des Autors/der Autorin zweitrangig; solange es eine spannende, interessante, ungewöhnliche Geschichte ist, die mich auch als Leserin fesseln würde, setze ich mich morgens noch viel lieber an den Schreibtisch. Wobei ich das mit den Genres vielleicht relativieren sollte, denn ich hatte auch schon richtig unterhaltsame und gut geschriebene Liebesromane ebenso wie schlechte Krimis auf dem Tisch. Es ist schon ein paarmal vorgekommen, dass ich mich mit Feuer und Flamme an eine Übersetzung gemacht habe und mit der Zeit merkte, dass das ein ziemlicher Murks ist, was der Autor/die Autorin da zu Papier gebracht hat.“
Meine Neugier siegte. Und da Bea ja weg war und wir, beinahe, vollkommen unter uns, fragte ich: „Haben Sie vielleicht eine kleine Geschichte aus dem Nähkästchen für mich?“
Sie beugte sich vor. „Lustigerweise hat sich die Tatsache, dass ich Computerspiele übersetze und auch spiele durchaus auf die Buchübersetzungen ausgewirkt.
Meinen ersten größeren Sciencefiction-Roman durfte ich tatsächlich aufgrund der Tatsache übersetzen, dass ich am Warhammer-MMO mitgearbeitet hatte und der Lektor, der damals das Projekt betreute, ein großer Warhammer-Fan war und ist und sich deshalb an mich erinnerte. Eine andere Reihe wurde mir beispielsweise angeboten, weil ich großer ‚Mass Effect‘- und ‚Dragon Age‘-Fan bin, ebenso wie die Lektorin. Und mit einem anderen Verlagslektor habe ich mich, als ich mich auf der Buchmesse bei ihm vorstellte, erst einmal eine Viertelstunde lang über Comics und Graphic Novels unterhalten. In dieser Hinsicht ist es anscheinend von Vorteil für mich, ein Nerd zu sein, weil man bei abgefahrenen Projekten gern mal an mich denkt – wogegen ich rein gar nichts einzuwenden habe.“

Langsam humpelte ich wieder in die Ecke mit den fantastischen Büchern. Ich hätte den Stock mitnehmen sollen. „Welches ist denn Ihr allerliebstes Genre? Oder haben Sie, wenn Sie Feierabend machen, genug von Literatur?“
„Wenn ich richtig tief in einer Buchübersetzung stecke und die auch noch eilig ist, habe ich abends tatsächlich keine Muße mehr zum Lesen und schaue mir lieber eine Serie an, aber im Allgemeinen habe ich immer mindestens ein Buch auf dem Nachtisch und eins für längere U-Bahn-Fahrten in der Tasche. Dabei lese momentan vor allem Scifi und habe ein paar neue, großartige Autoren und Autorinnen für mich entdeckt.“
Neue Autoren? Das legte eine ganz andere Frage nahe, fand ich. Es war eine Frage, die ich schon länger stellen wollte. Eigentlich die ganze Zeit über. Es war eine jener Fragen, die quasi im Raum schwebten. „Schreiben Sie auch eigene Bücher? Ich meine, dass das ja irgendwie fast schon zwangsläufig der Fall sein muss.“
Als Antwort bekam ich wieder ein Lächeln. Es war eines dieser speziellen Art: Es konnte alles oder auch gar nichts sagen: „Bisher noch nicht; aber das kann vielleicht noch kommen …“
Inzwischen hatte ich das Bücherregal erreicht. Ich drückte und schob die verschiedenen Bände ein wenig zusammen, so dass etwas Platz entstand. Eine Lücke, in der man ziemlich genau noch ein Buch hineinschieben konnte. Mit einer einladenden Geste deutete ich darauf und sagte nur: „Reserviert.“