zu Besuch im Antiquariat: Leander Wattig

Es war einer dieser Tage, an denen es mir an innerer Ruhe fehlte. Auf der Straße lärmten die Autos, am Himmel dröhnten die Flugzeuge und Beatrice schob lautstark Möbel im Verkaufsraum meines Antiquariats hin und her. Meine Mitarbeiterin war mal wieder im Deko-Fieber. Werbebanner, Staffeleien, Poster. Sockel, Podeste, Ständer. Alles bekam heute einen neuen Platz zugewiesen.
Ich saß im angrenzenden Arbeitszimmer in meinem Ohrensessel und versuchte zu lesen. Doch als mir schließlich auffiel, dass ich diese verflixte Zeile nun zum vierten oder fünften Mal las, ohne sie tatsächlich zu verstehen, klappte ich meinen Stanislaw Lem zu.

„Beatrice!“, rief ich. „Haben Sie erbarmen. Bevor Sie bei mir angefangen haben, hat mein Laden auch ohne Werbung funktioniert!“
„Bevor ich bei Ihnen angefangen habe“, gab Beatrice keuchend zurück, „war Ihr Laden eine verstaubte Einöde, Herr Plana. Klappern gehört zum Geschäft.“ Die Geräuschkulisse unterstrich ihre Aussage: Klappernd – wie der für später erhoffte Werbeeffekt – zog sie ein Regal von der einen Seite zur anderen des Raumes. „Es würde helfen, wenn Sie kurz mit anfassen würden.“
Ich schnaubte. Das sollte als Antwort genügen. Dann nahm ich meinen Stock und schlurfte zu meiner Internetmaschine. Vielleicht würde mich eine kurze Reise in die Weiten des Webs etwas ablenken. Beatrice hatte mir doch neulich dieses „Twitter“ und dieses „Facebook“ erklärt. Mal sehen, wer was mit Büchern macht …

Den Rest des Nachmittags verbrachte ich mit einer unbestimmten Recherche zum Thema Literatur. Insbesondere über einen Namen stolperte ich dabei sprichwörtlich immer wieder. Ich ertappte mich dabei, wie ich leise sagte: „Diesen Herrn würde ich doch gerne mal kennenlernen.“
Just in diesem Moment klingelte das Messingglöckchen an der Ladentür. Ein junger Mann, ich schätzte ihn auf Mitte dreißig, betrat mein Antiquariat. Leger in Jeans und Shirt gekleidet machte er einen sehr … alltagsgeeigneten Eindruck auf mich.
„Guten Tag, Herr Wattig“, begrüßte ich ihn freundlich. Natürlich hatte ich ihn gleich erkannt. Es waren mir nicht gerade wenige Fotos dieser Person vorhin im Internet begegnet. Ich ignorierte sein Erstaunen und tat, als wäre es das Normalste der Welt, dass ich ihn mit Namen ansprach. Mit aller Selbstverständlichkeit führte ich ihn in mein Arbeitszimmer, bot ihm höflich einen Sitzplatz an und fragte dann: „Kaffee, Tee, Wasser oder Wein?“
„Zuhause würde ich schwarzen Tee bevorzugen.“ Mein Gast lächelte unverbindlich. „Aber ich glaube, ich möchte jetzt lieber einen Kaffee.“
Also mopste ich mir Beas Thermoskanne und schenkte uns zwei Tassen ein. „Was lockt Sie denn in mein bescheidenes Antiquariat?“
Herr Wattig lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und ließ seinen Blick über die Bücherregale streifen. „Ich liebe Antiquariate. Mein Großvater hatte selbst eines. Und sie sind ja absolut modern, indem die Buchausstattung auch für neue Bücher wieder wichtiger wird als Thema und Argument.“

Thema und Argument. So, so. Das war jemand, der offensichtlich nicht nur etwas mit Büchern machte, sondern auch gerne darüber redete. Wie schön! Eine gute Gelegenheit, ein kleines Interview anzufangen, dachte ich bei mir. Aber trotz meiner ganzen Infos, die mir das Internet eben beschert hatte, war ich mir immer noch nicht so richtig sicher, wen ich da eigentlich vor mir hatte. Das Einfachste wäre wohl, ihn zu fragen. „Es gibt im Literaturbetrieb die Autoren, die Lektoren, die Verleger und die Buchhändler. Und es gibt Leander Wattig. Wo ordnen Sie sich in dieses Gefüge ein?“
Herr Wattig lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander. Als er mir antwortete, strahlte er das Selbstbewusstsein eines geübten Redners aus. „All diese Leute und noch viele neue Gruppen dazu müssen ja miteinander ins Gespräch kommen – vor allem in diesen Zeiten des Wandels, die ganz neue Anforderungen stellen, die zudem zunächst einmal noch unbekannt sind. Da wird das immer wichtiger. Das unterstütze ich seit langem mit meinen eigenen und den Veranstaltungen im Auftrag, die ich organisiere.“

„Also gehören Sie zu den Menschen, die dafür sorgen, dass Schreiber, Leser und alle Leute dazwischen zueinander finden“, stellte ich lapidar fest. „Nicht nur im Internet, sondern auch in der wirklichen Welt.“ Ich nippte an meinem Kaffee und musterte nochmal meinen Gegenüber. ‚Ein Mensch, der so viel mit dem Internet zu tun hat‘, durchfuhr es mich, ‚hat vermutlich eine andere Einstellung zu Büchern, als ich.‘ „Woran erkennt man – wo sich scheinbar jeder dazu berufen fühlt, etwas zu veröffentlichen – ein gutes Buch?“
Herr Wattig antwortete nicht gleich. Der Moment, vielleicht nur ein Wimpernschlag, der verstrich, setzte auf die folgenden Sätze einen besonderen Akzent. „Ein gutes Buch ist erstmal eines, das gefällt. Das Schöne heute ist, dass das Publizieren so günstig geworden ist. Stichwort Self-Publishing. Früher wäre es unwirtschaftlich gewesen, diese eine Papageienbiografie zu publizieren, die am Ende 2,5 Leser findet. Heute ist das anders. Wenn diese Leser dann glücklich sind, ist alles fein. Das mag ich sehr an der Demokratisierung des Betriebes und da stört mich der Dünkel oft sehr, der aber zum Glück nachlässt. Ansonsten gibt es sicher Qualitätskriterien zu Inhalt und Form, die man anlegen kann. Das ist ein weites Feld. Am Ende können wir froh sein, wenn überhaupt gelesen wird.“

‚Das ist eine … schöne Argumentation‘, musste ich insgeheim zugeben. Zwei und ein halber Leser! Irgendwie fand ich die Vorstellung amüsant, dass man halbe Leser als Erfolg verbuchen konnte. Ich erlaubte mir ein Schmunzeln. Doch dann wollte ich rasch zurück zum Thema. „Wir leben in einer Zeit, in der im Internet lauthals erzählt wird, was man so macht. Insbesondere Autoren versuchen sich aus der Masse der Mitbewerber hervorzutun. Braucht man da wirklich noch einen Hashtag ‚Ich mach was mit Büchern‘?“
„Ich mach was mit Büchern“ habe ich 2009 gestartet, als diese Art Vernetzungsgedanke noch sehr neu war“, sagte Herr Wattig. „Entsprechend groß war die Resonanz von Hunderten Blogs und Hunderten Menschen. Die Berechtigung war groß. Heute gibt es da viel mehr und ich freue mich, dass der Grundgedanke sich durchgesetzt hat. Dazu war es ja gedacht. Die Plattform selbst ist heute einfach eine Art Blog, der Einblicke in den Buchbetrieb vermittelt und der treue Leser hat.“

Von vorne, aus dem Verkaufsraum hörten wir ein lautes Scheppern. Dann fluchte Beatrice. Ihre Worte möchte ich hier nicht wiederholen.  Aber sie sagte noch: „Sie brauchen mir nicht zu helfen!“ Das triefte vor Ironie, deshalb überhörte ich es geflissentlich.
„Werbung kann anstrengend sein, nicht wahr?“
Beatrice klang etwas angesäuert. „Ich. Komme. Klar.“

Wunderbar! Dann konnte ich ja mein Gespräch fortführen. „Vor fünf/sechs Jahren war Ihr Bücher-Hashtag auf Twitter ein Paradebeispiel für virales Marketing. Waren Sie davon überrascht oder war es geplant? Gibt es vielleicht ein Patentrezept für virales Marketing?“
Herr Wattig machte Anstalten, Beatrice helfen zu gehen. Ich bedeutete ihm mit einem Wink sitzen zu bleiben.
„Social Media ist ja letztlich nur eine Art, Informationen zu strukturieren, zu transportieren und zu filtern“, erklärte er mir. „Die Kommunikation wird dabei als Instrument genutzt. Der Hashtag wiederum dient einfach der Verschlagwortung – ein Prinzip, das Buchmenschen wohl bekannt ist. Insofern ist es in der Rückschau gar nicht überraschend, wenngleich in dem Moment nicht viele damit gerechnet haben, wie das ja immer so ist bei so neuen Feldner. Ein Patentrezept für Marketing gibt es nicht. Nur Erfahrungen, die man austauschen kann, um die Erfolgswahrscheinlichkeit zu erhöhen. Genau dafür veranstalte ich seit 2011 den Virenschleuder-Preis.“
Ich fragte: „War in der Anfangszeit damit Geld zu verdienen?“
„Marketing gibt ja eher Geld aus, als dass es welches verdient. Insgesamt werden die Leute natürlich geübter im Einsatz des Social-Media-Handwerkszeugs. Gleichzeitig wird der Kampf um Aufmerksamkeit aber natürlich immer intensiver, weil eben alle mitspielen. Alle schreiben ins Netz – das gilt im Bereich Social Media Marketing ebenso wie im Bereich Self-Publishing. Wir kennen das ja aus der Buchbranche seit langem: Viel Geld verdienen die wenigsten.“

‚Das ist eigentlich schade‘, dachte ich. ‚Bei der ganzen Arbeit, die dahinter steckt, sollte doch auch der Lohn stimmen.‘ Laut sagte ich nur: „Piraten, Raubkopierer, Gratismentalität … Wie sähe in Zeiten der unbegrenzten, digitalen Bücherwelt in Ihren Augen ein funktionierender Literaturbetrieb aus? Und wie verdienen künftig Autoren ihr Geld?“
Herr Wattig seufzte. „Gratismentalität ist ja ein oft bemühtes Stichwort. Die Buchbranche hat ja vielmehr das große Glück, dass der Buchnimbus so groß ist und das Verhalten so tief verankert ist, dass Menschen im Digitalen auch bereit sind, relevant Geld für Bücher auszugeben. Selbst wenn manche illegal herunterladen. Die Mehrheit der Leute zahlt gern mal für ein E-Book so viel, wie ein Monatsabo bei Spotify für gefühlt fast die ganze Musik dieser Welt kostet. Insofern gibt es auch Gründe, die Dinge nicht nur negativ zu sehen. Ohnehin muss auf solchen positiven Effekten aufgebaut werden, wenn man die Zukunft da erfolgreich gestalten will. Die Negativentwicklungen zu benennen ist jetzt keine Kunst.“

„Apropos Geldverdienen! Sind Sie hauptberuflich Buchmensch? Wie sieht denn ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?“
Ich erntete ein kurzes Lachen. Dann sagte Herr Wattig: „Selbst und ständig. Tatsächlich ist das sehr unterschiedlich. Ich bin viel auf Reisen, habe aber auch schnöde Office-Tage. Das hängt immer sehr von den Projekten ab. Gerade war ich drei Wochen auf Vortrags- und Pressereise in Brasilien und Mexiko, auch sowas gehört dazu. Aber auch nach 10 Jahren Selbstständigkeit macht all das großen Spaß und ich habe nicht vor, grundlegend etwas zu ändern.“
Das konnte ich mir vorstellen. Wer hätte gedacht, dass man im Auftrag der Bücher so weit herumkommt? Meine kleine Welt zwischen den Regalen meines Antiquariats kam mir ganz kurz zu klein vor. Dann erinnerte ich mich daran, dass gerade diese kleine Welt mein Tor ins Überall war.

Ich hob meine Hand und zählte an den Fingern ab: „Sie sind im Vorstand der Theodor Fontane Gesellschaft, sind Eventveranstalter, Gründer von Orbanism, Dozent an der Universität der Künste in Berlin und gern gesehener Redner.“ Nachdem ich beim Daumen angekommen war, hörte ich lieber auf, die Aktivitäten des Leander Wattig aufzulisten. „Sie scheinen mit Ihren Ideen und Ihrem Können oft offene Türen eingerannt zu haben. Täuscht der Eindruck?“
„So offen waren die oft nicht.“ Er schüttelte den Kopf. „Vielmehr bin ich oft mit der Nase dagegen gerannt. Manche haben sich dadurch weiter geöffnet. In der Rückschau wirkt das dann immer sehr folgerichtig. Wenn ich aber mit meinen Themen 2007/08 zu eingefleischten Branchenleuten kam, haben sie mich oft angeschaut, als wäre ich grad vom Mond gelandet. Aber das gehört eben dazu, wenn man seinen Weg gehen will: Man muss auf das eigene Urteil vertrauen.“

Irgendwann war es wohl Abend geworden. Der Lärm auf der Straße war verklungen, mein unverhoffter Besuch hatte sich verabschiedet und auch Beatrice war mit ihren Arbeiten fertig geworden. Das Schaufenster sah in der Tat sehr ansprechend aus. Alte Klassiker, aktuelle Bestseller und auch ein paar unbekanntere Independendbücher waren dort ausgestellt worden.

Eine kleine Familie – Vater, Mutter, Kind – schauten sich von draußen begeistert die Auslage an. Ich sah ihnen an den Nasenspitzen an, dass sie gleich hereinkommen würden, um ein Buch über irgendwelche Vögel zu kaufen. ‚Zwei Komma Fünf Leser‘, durchfuhr es mich.
Ganz schön schlau, dieser Herr Wattig.

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