Lesezeichen

Buchland

Natürlich gibt es sie, diese Banausen, die bei jeder kurzen Lesepause einem Buch Gewalt antun. Mit einem dämonischen Handgriff verunstalten sie die zuletzt gelesene Seite. Rohe Gewalt an der oberen Ecke des Papiers: ein Eselsohr. Ein Knick in der Kultur der Wörter.
Um wie vieles kultivierter ist da das Lesezeichen! Der Platzhalter des Zeigefingers, der erst später wieder über die Zeilen huschen wird, um den Augen den Weg zu geleiten.

Lesezeichen sagen viel über den Leser aus.

Da gibt es diese eleganten Hochglanzkartons mit Motiv und Lesebändchen für die gehobenen Lesegewohnheiten. Oder der preiswerte Werbeträger im Paperback des Discountlesers. Der Kassenbon der Buchhandlung oder der Registrierstreifen der Bücherei mussten vermutlich ebenso oft als Lesezeichen herhalten, wie der PostIt-Zettel in neongelb. Schnupfnasen verwenden manchmal -allzeit bereit- Taschentücher. Das ist allerdings nicht zu empfehlen, denn die Verleimung der Seiten leidet darunter mit der Zeit Ist ein Fahrschein zwischen den Seiten zu finden, dann enttarnt sich ein belesener Berufspendler als bibliophil. Kontrolleure bringen diese Lesezeichenverwender immer wieder in arge Schwierigkeiten.

Aber wie erwähnt, ist alles besser, als ein Eselsohr. Der richtige Umgang mit einem Buch hat etwas mit Respekt zu tun.
Erinnern wir uns an die Zeit, als Bücher selten waren und von daher kostbar. Dass wir es uns heutzutage erlauben dürfen, Papier im Überfluss zu verbrauchen, es zu knicken, zu zerkneulen, zu zerreißen und wegzuwerfen ist ein ungeheures Privileg. Ein Privileg, dass uns erst seit wenigen Generationen zuteil wird. Das Setzen, Drucken, Binden ist inzwischen so preiswert, dass sich selbst Kleinstauflagen profitabel verlegen lassen.

Das geschriebene Wort wird zum Wegwerfartikel.
Von Ebooks möchte ich an dieser Stelle mal nicht reden, obwohl … Ich sag nur: „gratis“ und „1,- Euro“ oder „Raubkopie“

Es ist nicht mehr wirklich schade, wenn ein Buch mal im Müll landet. Man kann es jederzeit in unbegrenzter Menge nachbestellen. Da vergisst man schnell, wie außergewöhnlich es ist, lesen zu können und lesen zu dürfen. Also bitte: Keine Eselsohren!
Obwohl … Es gibt Augenblicke im Leben eines Lesers, da … Vor einiger Zeit habe ich einen Teil meiner ausgelesenen Bücher verschenkt. Eine Freundin, sammelte für eine Jugendbücherei. Beim Sichten der kleinen Wortschätze fiel ein von mir vergessenes „Lesezeichen“ heraus. Von der Luft getragen segelte es, einer Feder gleich, hin und her. In unschuldigem Weiß entlarvte es einen Teil meiner Lesegewohnheiten. Es verriet meinen mangelnden Respekt vor dem geschriebenen Wort.

Ich Banause!

Dass ich Bücher nicht an angemessenen Orten lese.
Eine quälende Sekunde später berührte das „Lesezeichen“ den Boden.
„Jetzt weiß sie, wo du deine Bücher liest“, schien das dreilagige Papier zu flüstern.

Schreibe einen Kommentar