zu Besuch im Antiquariat: Michael E. Vieten

Natürlich gibt es sie: Diese schwierigen Kunden, die den Laden nach dem perfekten Buch absuchen und doch nicht fündig werden, weil sie ganz besondere …
„Wird dieses Buch Ihren Ansprüchen gerecht?“ Beatrice hielt der jungen Frau einen Thriller vor das Gesicht. Die Kundin hob ihre Brille, um unter dem Rand vorbei zu linsen. Nachdem sie die Überschrift gelesen hatte, rümpfte sie die Nase. Es war ihr sichtlich egal, was da als Klappentext auf der Rückseite stand. Offenbar gefiel ihr schon der Titel nicht. Vielleicht lag es auch einfach am Cover.
„Oder lieber jenes?“ Meine Bea reichte ihr mit schwindender Geduld den nächsten Krimi. Seit fast einer halben Stunde suchten sie nun nach einem Buch. Die antiquarischen Bände hatten sie gleich ausgelassen und ausschließlich die aktuelle Belletristik durchforstet. Jedoch zwischen all meinen Büchern gab es nicht das rechte Werk.
Wieder verneinte die Dame. Beatrice warf mir einen flehentlichen Blick zu. Ich schüttelte nur amüsiert den Kopf. Ist es nicht schön, der Chef zu sein? Wenn man keine Lust auf gewisse Leute hat, dann kann man sich rasch – wie Bea sagen würde – verpieseln.
„Herr Plana“, sagte Beatrice laut, „Sie hatten doch neulich davon gesprochen, dass es da dieses eine Buch gibt, das jeder mal gelesen haben sollte.“
Raffiniertes Aas! Über ein Buch, das jeder mal gelesen haben sollte, hatten wir selbstredend nie gesprochen. Trotzdem hatte meine Angestellte es mit diesem Kniff geschafft, mich in die Beratung einzubinden.
Ich griff blind in das Regal hinter mich. Unauffällig las ich noch schnell, welcher Autor mir da in die Finger gehuscht war. „Michael E. Vieten“, hörte ich mich sagen. „Lesen Sie unbedingt den -äh- Fall Siebenschön.“
Skeptisch schaute die Kundin zunächst mich und dann das Taschenbuch an.

Natürlich hatte die Dame das Buch nicht gekauft. „Das ist ja ein Regionalkrimi“, hatte sie abfällig behauptet. „Ich komme nicht aus Trier!“ Und dann war sie, ohne etwas zu kaufen, davon gerauscht.
Jetzt saß ich in meinem Ohrensessel im angrenzenden Arbeitszimmer und überflog die ersten Seiten von „Das Eisrosenkind“. Das war der Nachfolgeband zum „Fall Siebenschön.“
„Interessant“, stellte ich fest. „Diesen Herrn Vieten möchte ich gerne mal kennenlernen.“
Und weil ich bereits ahnte, was als Nächstes passieren würde, stemmte ich mich von meinem Sitzplatz hoch, griff nach meinem Stock und humpelte Richtung Tür. Dort trat gerade ein Mann in den Laden. Wie schön, dass die spezielle Magie meines Antiquariats so wunderbar und prompt funktionierte. „Guten Abend, Herr Vieten“, rief ich etwas zu schnell. Ich erntete ein Stirnrunzeln, denn mein Gegenüber hatte sich ja eigentlich noch gar nicht vorgestellt. Deshalb bemühte ich mich, rasch weiterzusprechen. „Willkommen in meinem bescheidenen Buchgeschäft. Was darf ich für Sie tun? Wonach würden Sie in einem Buchantiquariat suchen?“
Herr Vieten lächelte zum Gruß und fuhr sich dann beiläufig mit der Hand durchs Haar. „Wonach ich suchen würde? Oh, das ist ganz leicht zu beantworten. Wilhelm Buschs Gesamtwerk in sechs Bänden. Fackelverlag 1959 zum Beispiel. Eine wunderbare, unbeschädigte gebundene Ausgabe mit einem großen Bild vom Autor mit Signatur und all seinen herrlichen Illustrationen. Wenn ich es nicht schon hätte. Denn diesen Schatz fand ich vor Jahren in einem Antiquariat.“
„Hm“, machte ich, „sowas hätte ich natürlich auch gern.“ Bekam ich leuchtende Augen?
„Ich werde mich nie davon trennen, beeilte sich Herr Vieten zu sagen, „und es jemandem vererben, der es zu schätzen weiß. Nach etwas Ähnlichem würde ich also wieder suchen. Zum Beispiel Werke in verwandtem Zustand von Pearl S. Buck. Darüber würde ich mich sehr freuen.“
„Ah.“ Ich nickte eifrig. „Ich schaue gleich mal. Vielleicht habe ich hinten noch was von John Sedges.“ Selbstverständlich lief ich nicht direkt ins Arbeitszimmer. Viel zu neugierig war ich auf meinen Gast. Ich fragte deshalb: „Sie sind Autor, nicht wahr?“ Dabei musterte ich ihn unauffällig, denn das Aussehen einer Person verrät so einiges.

Ich schätzte Michael E. Vieten auf über fünfzig. Sein Gesicht wurde von einem gepflegten Bart geziert. Er gab sich hemdsärmelig, leger. Seine Hände steckten tief in den Hosentaschen seiner Jeans. Markant war die Weste, die er trug. In den vielen Taschen schienen ihn allerhand Dinge durch seinen Alltag zu begleiten.
„Ich schreibe Romane und Erzählungen. Hin und wieder ein Gedicht. Aber ich bin kein echter Lyriker. Ich bevorzuge Prosa. Einfache Sprache. Kurze Sätze. Auch ein einzelnes Wort kann durchaus reichen, eine komplexe Situation oder Gefühle zu beschreiben.
Mit Kurzgeschichten fing es an. Mystery. „Unheimliche Begegnungen – Aus der Zwischenwelt“ wurde daraus. 10 Geschichten von Menschen aus dem Diesseits mit Begegnungen aus dem Jenseits.
Dann ein Drama. ‚Das Leben und Sterben des Jason wunderlich‘. Ein Roman über die Last des Lebens, unerfüllte Träume und verlorene Hoffnung. ‚Veronika beschließt zu sterben‘ von Paulo Coelho und überwiegend eigene Erlebnisse hatten mich inspiriert.
Beide Manuskripte fanden keinen Verlag. Ich veröffentlichte sie selbst und folgte dem Rat einer Literaturagentur. Ich schrieb meinen ersten Krimi. ‚Atemlos – beim Sterben ist jeder allein‘. Ein einsamer Kommissar jagt einen gefährlichen Serienmörder. Es folgte ‚Atemlos (2) – Von des Todes zarter Hand‘. Eine Ballade. Eine ‚Bonnie & Clyde-Geschichte‘. Ein rasanter Krimi aus Trier. Diese Manuskripte fanden trotzdem keinen Verlag, verkaufen sich aber ganz gut. Die Agentur gab inzwischen auf.
Erst mit meinem dritten Krimi, der aus den beiden ‚Atemlos‘ Bänden hervorging, fand ich Beachtung. Der acabus-Verlag schickte mir einen Vertrag. ‚Christine Bernard – der Fall Siebenschön‘ war der Auftakt zu einer Krimiserie. Eine junge Kommissarin von der Kriminalpolizei in Trier sucht eine verschwundene Frau und ihre sechs Töchter. Gerade erschien der zweite Fall für die sympathische Ermittlerin. ‚Christine Bernard – das Eisrosenkind‘. Sie ermittelt im Fall zweier verschwundener Kinder. Die Serie wird fortgesetzt.
Inzwischen werde ich von einer Agentin vertreten. Ihr liegt das Manuskript von ‚Herbstlicht‘ zur Vermittlung vor. Ein Roman für das Genre ‚Romance‘. Das Ergebnis meiner Schreibpausen zwischen zwei Fällen für die Reihe ‚Christine Bernard‘. Zur Zerstreuung, sozusagen. Meine Arbeit am Manuskript zu einem dritten Fall ist bereits abgeschlossen. Zur Auflockerung, bis ich mit Fall 4 beginne, schreibe ich diesmal einen Endzeitroman. Das wolle ich schon lange tun.“

Ich zog die Augenbrauen zusammen. „Lyrik, Balladen und Thriller?“
„Und sogar einen Bildband zum Thema: ‚Zufriedenheit‘“.
„Das ist aber ein weiter literarischer Spagat“, stellte ich fest.
„Stimmt, aus mir wurde noch kein Genreautor. Aber ich konzentriere mich auf Prosa. Ich überlasse es meinen Lesern, mich einem bestimmten Genre zuzuordnen. Vielleicht, wenn ich irgendwann alle meine Manuskripte geschrieben habe, an denen mir so viel liegt, konzentriere ich mich auf das Genre, in dem ich am besten wahrgenommen werde.“

„Lyrik ist ja nicht gerade das, was zurzeit gekauft wird“, sagte ich. „Von Balladen kennt man eher die alten Sachen aus dem Schulunterricht …“
Herr Vieten zuckte mit den Schultern. „Die großen und kleinen Dramen im Leben von Menschen interessieren mich und ich verarbeite sie gerne zu Balladen. Die beiden ‚Atemlos‘-Bände zum Beispiel. Tragische Protagonisten. Erst überlegt handelnd, dann vom Schicksal getrieben.“
Plötzlich musste ich wieder an die eigenwillige Kundin von vorhin denken. Ich zeigte meinem Gast die Ausgabe „Siebenschön“, in der ich gerade eben noch gelesen hatte. Das Buch in meinen Händen zu sehen, erfreute ihn sichtlich. Die Lachfältchen machten ihn gleich nochmal so sympathisch. Ich fragte: „Würden Sie Ihre Christine Bernard Bücher als Regionalkrimis bezeichnen? Und wenn ja: Schränkt das nicht die Leserschaft zu sehr ein? Ein Sachse liest vermutlich selten Storys von der Mosel.“
„Wenn es der Sache dient, dürfen diese Krimis auch als „regional“ bezeichnet werden. Vielleicht dient diese Romanserie eines Tages mal als Vorlage für einen Trier-Tatort? Wer weiß das?
Aber ist nicht jedes Buch regional? Ein Krimi, der in New York spielt, ist ein Regionalkrimi. Eben in New York.
Wer sich für den Schauplatz nicht interessiert, der legt das Buch aus der Hand.
Ein Sachse liest vielleicht gerne etwas von woanders, oder er bevorzugt heimische Schauplätze, weil er sich dort auskennt. Vielleicht lebt er aber auch nicht mehr in Sachsen, und er liest deswegen gerne etwas aus der Heimat. Oder hat er vielleicht keine guten Erinnerungen an seine alte Heimat? Dann wird er… Oder er war an der Mosel im Urlaub… Oder er wollte da immer schon mal hin? Vielleicht hat er eine Flasche Wein von dort geschenkt bekommen?
Ich mache mir darüber nicht so viele Gedanken. Wenn ein Leser eines meiner Bücher kauft, freue ich mich darüber sehr. Aus welchen Beweggründen auch immer er zugegriffen hat.“
„Christine Bernard – das würde ich jetzt instinktiv französisch aussprechen“, stellte ich fest. „Lieschen Schmitz als Name der Protagonistin wäre vermutlich zu regional gewesen?“
Herr Vieten nickte. „Ich gebe es zu. Dahinter steckt Kalkül. Christine Bernard ist in Luxemburg geboren und in Deutschland aufgewachsen. Ihr Vater ist Luxemburger, ihre Mutter Portugiesin. Ein durchaus denkbarer Lebenslauf in der Gegend rund um Trier.
Und wenn mein Verlag meinem Gedankengang folgt, dann läge eine Übersetzung ins Französische für die Märkte Luxemburg/Belgien und Frankreich nahe.
Hinzu kommt die verbreitete Frankophilie im englischsprachigen Raum. Alles Französische ist überwiegend positiv besetzt. Ein riesiges Potential. Habe ich mir so ausgedacht.“
Ich ließ meinen Blick kurz über die anderen Thriller im Verkaufraum streifen. Beatrice hatte auf einem Tisch die Top Ten dekoriert. „Blutrünstig ist der Fall Siebenschön ja nicht. Dabei gehören doch möglichst brutale Ausgangssituationen, Obduktionen und Gewaltorgien zurzeit fest ins Genre. Sehen Sie sich eher als ein Erbe der alten Klassiker von Doyle und Christie?“
„Eher Mankell oder Larsson, aber ich lehne Verrohung in der Literatur und natürlich in unserer Gesellschaft grundsätzlich ab. Ich werde keinen Beitrag dazu leisten.“ War das ein politisches Statement? Bestimmt. Doch der Autor redete dann doch lieber über den Schreibstil weiter: „Dass etwas Schlimmes passiert ist, darf ich andeuten, aber nicht bis in jedes Detail beschreiben. Ich möchte lieber erzählen, wie sich Menschen deswegen fühlen und wie sie es bewältigen. Oder auch nicht. ‚Jason Wunderlich‘ zum Beispiel hat die Last des Lebens überwältigt. Und die Mutter eines entführten und getöteten Kindes in ‚Christine Bernard – Das Eisrosenkind‘ ebenfalls.
Ich bevorzuge Empathie anstelle primitiver Reize. Wie dünn die Zivilisationsschicht über dem Tier in uns ist, können wir beinahe täglich im Fernsehen sehen. Ich möchte nicht dazu beitragen, es hervorzulocken.“
Wow! Der Mann sprach mir aus der Seele. Bei vielen Texten und Filmen ging es in meinen Augen nur noch um eine möglichst kreative und sensationshaschende Darstellung. Ich finde es gut, dass es da Ausnahmen gibt. Aber da gab es bestimmt so viel andere Meinungen, wie es Bücher gab.
„Eine einfache Frage, die manchmal lange und komplizierte Antworten bekommt: Warum schreiben Sie?“
Herr Vieten legte den Kopf schief und zog ein wenig die Schultern hoch. „An einem Tag, ein paar Jahre vor meinem 50. Geburtstag, habe ich mir die Frage gestellt: ‚Was hast du aus den Talenten gemacht, die Gott dir auf deinen Weg mitgab?‘
Sofort stellte sich mir die nächste Frage: ‚Was genau sind denn deine Talente?‘
Ich begann, darüber nachzudenken und Menschen, die mir nahestehen, danach zu fragen. Ihre Antworten deckten sich mit dem, was ich immer schon gerne getan habe: Erzählen, Geschichten erfinden. Dann begann ich damit, sie zu veröffentlichen.“

Später am Abend. Herr Vieten war längst gegangen. Ich saß wieder in meinem Ohrensessel, ein Glas Rotwein in der Hand. „Vielleicht“, sagte ich zu mir, „gibt es keine Bücher, die man unbedingt gelesen haben muss. Aber es gibt Bücher, die muss man sehr empfehlen.“ Ich prostete meinen Freunden in den Regalen kurz zu und las weiter.

5 Gedanken zu „zu Besuch im Antiquariat: Michael E. Vieten

  1. Ich bin mit dem Autor persönlich sehr gut befreundet und haben diesen Text sehr genossen. Ein Autor, der über sich selbst schreibt, sich selbst auf diese außergewöhnliche Art und Weise vorstellt. Und den man in seiner Geschichte sofort wiederfindet. Ich glaube nicht, dass ich etwas Ähnliches vorher schon mal gelesen habe. Einfach gut. Ich liebe es! 🙂

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