zu Besuch im Antiquariat: Astrid Korten

Im AntiquariatAus irgendeinem Grunde hatte ich beschlossen, mal einen Tag mit Krimis und Thrillern einzulegen. Ich saß nun seit Stunden in meinem Ohrensessel und verschmolz vermutlich langsam mit dem durchgesessenen Polster. Neben mir stand ein Bücherwagen, übervoll mit dem, was das Genre hergab. Und das war nicht wenig, obwohl ich mich nur mit den deutschen Neuerscheinungen befasste.
Statistisch betrachtet galoppierte die Literatur der Realität davon. Im Jahr gibt es in unserem Lande nicht mal dreihundert Tötungsdelikte. Dem steht eine doppelte und dreifache Menge an geschriebenem Mord und Totschlag gegenüber. Aber das ist bestimmt auch besser so.
Ich hatte gerade ein weiteres Buch leergelesen. „Eiskalte Umarmung“. Nachdenklich betrachtete ich das Cover. Kalt, das passte. Das Design war in blassen Grau- und Blautönen gehalten. Allerdings gab es zusätzliche viel Blutsprattler quer über das Motiv. Rote Flecken waren für Grafikdesigner offensichtlich ein Muss.
„Kann mir mal einer sagen, warum jeder Thriller obligatorisch mit Körperflüssigkeiten eingesaut werden muss?“

Als kurz darauf das Glöckchen über der Ladentür bimmelte, wäre ich gerne überrascht gewesen. Ich war es nicht. Sicherheitshalber las ich auf dem Buchdeckel noch schnell den Namen der Autorin, stand dann auf und humpelte nach vorne in den Verkaufsraum. „Astrid Korten?“, fragte ich. Ohne ihre Antwort abzuwarten, ergriff ich mit beiden Händen ihre Rechte und begrüßte sie herzlich. „Willkommen in meinem bescheidenen Antiquariat. Was führt Sie zu mir?“
„Hallo Herr Plana“, erwiderte sie freundlich. „Darf ich mich ein wenig umsehen?“
„Natürlich gerne“, sagte ich. Vermutlich hätte ich noch mehr geredet, aber ich unterbrach mich, als ich sah, dass mein Gast kurz die Augen schloss, innehielt und … schnupperte.
„Ich liebe den Geruch von Büchern und versuche immer schöne Ersterscheinungen oder generell schöne Bücher aus den 40er und 50er Jahre zu ergattern. Möglichst in Leder gebundene Romane. Wo gibt’s das denn sonst noch, außer im Antiquariat. In den Niederlanden habe ich einige Erstexemplare gefunden. Und heute versuche ich mein Glück mal bei Ihnen.“
Oh, dachte ich, eine Sammlerin. Das sollte mich aber nicht ablenken. In erster Linie war diese Dame eine Autorin. „Ich habe gerade ein Buch von Ihnen gelesen. Sehr schön. Sehr spannend. ‚Ich bin die Sehnsucht, ein Prinz und schön wie die Liebe.‘ Solche Sätze machen Gänsehaut.“ Während ich sprach führte ich sie in mein Arbeitszimmer und bot ihr den Sitzplatz an meinem Sekretär an. Dabei nahm ich mir die Zeit, sie eingehender zu betrachten: Schwarze Lederjacke, schwarze Hose und im Kontrast dazu ein buntgetupfter Schal. Bei weitem auffälliger war aber die überaus fröhliche Natur der Frau. Ihre blauen Augen strahlten mit den roten Haaren förmlich um die Wette.
Erschrocken stellte ich etwas zu spät fest, dass sie meinen Blick erwiderte. Ich beeilte mich also, den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen: „Allerdings habe ich mich gerade gefragt, warum Thriller immer gleich präsentiert werden? Sind Verlage da vielleicht etwas uninspiriert, wenn sie nur nach ‚Schema F‘ präsentieren?“

Frau Korten schüttelte den Kopf. „Stimmt nicht. Jeder Verlag hat so seine eigene Vorstellung. Nicht jedes Cover wird mit Blut besprenkelt. Mein letzter Roman über die digitale Überwachung ‚Eiskalte Verschwörung‘ hat keinen einzigen Spritzer.
Eiskalte Umarmung war mein erstes Manuskript. Der Thriller hat so seine eigene Geschichte. Ich habe das Manuskript 2004 geschrieben und es hatte schon einige ‚Gesichter‘. Ich finde es grandios, dass es heute ein modernes Cover hat und insbesondere dieses. Die Hand ist das Symbol des Täters. Ich habe mit 13 meinen ersten Thriller geschrieben mit dem grauenvollen Titel „De hand om de hoek“. Insofern fand ich es großartig, dass der dotbooks-Verlag sich für dieses Cover entschieden hat. Heut steht „diese Hand“ für meinen Erfolg. Eiskalte Umarmung war ein Platz 1 Besteller als Ebook und stand in der Jahresbestsellerliste von Thalia. Es gibt auch eine Fortsetzung. Ansonsten können meine „eiskalten“ Titel unabhängig voneinander gelesen werden.“
„De hand om de hoek?“ Ich zählte eins und eins zusammen. „Sie sind Niederländerin? Das hört man gar nicht.“
Sie lachte. „„Ik kann het ook anders, als het moet. Königin Beatrix ist wie bei Hape Kerkeling meine Paraderolle im Freundeskreis. Nur …“ Sie zwinkerte verschwörerisch. „… bin ich besser als Hape.“
Inzwischen hatte ich mich in meinem Ohrensessel fallen lassen. Ich schlug die Beine übereinander, faltete die Hände im Schoß und beugte mich leicht vor. „Sie schreiben Suspence Thriller und Psychothriller. Das heißt, Sie erzeugen Spannung durch die Erwartungshaltung des Lesers und durch das emotionale Erleben Ihrer Romanfiguren. Oder würden Sie die beiden Untergenres anders beschreiben?“
„Ich spiele mit der Angst des Lesers, besonders in ‚Eiskalte Umarmung‘. Auch geht es in meinen Büchern manchmal sehr heftig zu.“ Die Autorin hob ironisch die Brauen. „Deshalb die Blutspritzer auf dem Cover.“ Dann erklärte sie: „Gewalt ist die Sprache der Sprachlosen. So wort- und weltgewandt meine Figuren auch sein mögen, so leiden sie doch unter emotionalem Analphabetismus. Ich zitiere jetzt mal die Kritik: ‚Um ihre Antagonisten noch furchteinflößender erscheinen zu lassen, evoziert Korten eine Ästhetik der Brutalität, die jedoch niemals als inflationäre Effekthascherei, sondern als behutsam dosiertes Stilmittel eingesetzt wird. Korten schafft somit eine beängstigende Atmosphäre kalter Sterilität, beherrscht aber gleichzeitig die Kunst, nicht gänzlich emotionslos zu verbleiben.‘ Gewalt steht hier als Metapher für den Missbrauch und ist nicht nur die Versehrung des Körpers.“
„Psychopathen sind ja in realen Leben eher spärlich gesät“, behauptete ich. „Im Genre sind sie jedoch recht häufig zu finden. Wird das Thema für eine Autorin nicht irgendwann langweilig und ausgereizt?“
„Oh, nein. Tagtäglich geschehen in Deutschland Verbrechen, nur stehen sie nicht immer in der Zeitung. Es ist faszinierend das Böse zu beschreiben, zumal es ein Alltagsgesicht hat. Als Autorin pervertiere ich das Böse auf poetische Weise wie es die Gebrüder Grimm bereits taten, benutze aber auch bewusst die milchig-glasige Darstellung, wie auch Dürrenmatt die Wahrnehmungsspiele ständig durchexerzierte, von den Physikern an. Er manifestiert es in seinen Ansprüchen an den Kriminalroman. Und ich treibe es auf die Spitze. Bei mir steht die Gewalt nicht nur für die Versehrung des menschlichen Körpers, sondern für das Böse.“
Es gibt auch viel Liebe in der Welt. Und auch das Gute. Aber spannender sind natürlich Thriller. Ich sprach meinen Gedankengang nicht laut aus. Stattdessen sagte ich: „Für einen stimmigen Thriller braucht es eine gute Recherche.“
„Mein ‚Grundstoff‘ ist immer ein aktuelles Thema wie die Schönheitsindustrie, der Sektenkult, der Missbrauch während einer Psychotherapie, oder in meinem brisanten Top-Thriller ‚Eiskalte Verschwörung‘, die digitale Überwachung. In einem Roman klassische Ermittlerarbeit zu beschreiben, das ist nicht so mein Ding. Das können andere Kollegen besser. Ich greife besondere Themen auf und schreibe ungewöhnliche Thriller, in denen die Fiktion durchaus Realität sein kann. Bei meinen Recherchen lasse ich mich von Forensikern, Psychologen, Gentechnologen, Pathologen und Mediziner oder anderen Experten beraten. Aus diesen Gesprächen leite ich die Handlung der Figuren ab.“
„Wie kommt man an so viele Fachberater? Ich meine: Sie gehen wohl kaum in die nächste Polizeidienststelle und fragen nach dem Pathologen.“
Frau Kortens Erwiderung erstaunte mich doch etwas: „Ganz einfach: Ich rufe sie an, erkläre mein Anliegen.“ Sie schob aber noch eine plausible Ergänzung hinterher. „Ich habe durch meine Tätigkeit als Unternehmerin sehr viele Kontakte. Und mittlerweile ein Beraterteam, das ich ansprechen kann. Recherche ist das A und O eines guten Romans.“
Ich erlaubte mir eine kurze Pause, in der ich dem Wispern der Bücher lauschte. Sie hatten mir noch viel über meinen Überraschungsgast zu erzählen. Emsig, emsig ist Frau Korten. Dazu wollte ich mehr erfahren. „Sie sehen mir aber nicht so aus, als würden Sie sich mit einem Thema zufriedengeben. Ich schätze, dass Sie noch mehr Projekte pflegen?“
„Ich schreibe Biografien, KGs wie ‚Kreislauf der Angst‘ oder ‚Sibirien‘ (stand im Finale Int. Writemovie Contest), und Kinderbücher wie Karo – eine Himmelsbotin, und Drehbücher.“
„Drehbücher auch?“ Wann war ich das letzte Mal im Kino? Äh, war ich überhaupt schon mal im Kino? Ich hatte doch meine lieben Bücher. „Habe ich schon mal ein Filmplakat oder einen Fernsehfilmabspann übersehen, wo Astrid Korten erwähnt wird?“
Frau Korten hob den Zeigefinger und wackelte mit ihm verneinend hin und her. „Drehbücher schreibe ich unter einem Pseudonym, das ich nicht preisgeben möchte.“
„Aha.“ Da war ich also in einer rhetorischen Sackgasse gelandet. Ein Themenwechsel war angebracht. „Was ist denn für Sie der besondere Reiz am Beruf der Autorin? Das Publikum? Der Schaffensprozess oder der schnöde Mammon?“
„Schreiben bedeutet für mich: ein Sternenfunkeln aus Wörtern, mitten ins Herz eines anderen Menschen. Oder wie meine Protagonistin es formuliert hat: Schreiben ist das Herz, das meinen Geist in Liebe aufsteigen lässt, als schwimmende Buchstaben mit Himmel und Hölle unter meinen Füßen oder tanzende Winde in der Nähe von den Engeln.“

Die Poesie der Worte hing angenehm in der staubigen Luft des Antiquariats. Astrid Korten war schon lange gegangen. Eigentlich wollte ich noch ein paar Thriller lesen. Auf dem Tisch warteten noch Michael Robotham, Ilona Bulazel, Catherine Shepherd, Andreas Gruber. Ich entschied mich dagegen. Auf den Covern war mir zu viel Blut.

zu Besuch im Antiquariat: Petra Rudolf

Im AntiquariatIch wachte etwas orientierungslos in meinem Sessel auf. Dabei zuckte ich wohl leicht, denn das Buch auf meinem Schoß rutschte von meinem Schoß und fiel lautstark zu Boden. Ich schmatzte zweimal. Mein Mund war ausgetrocknet, als hätte ich zwei Wochen nichts sagen dürfen. „Beim Lesen eingeschlafen, alter Mann“, diagnostizierte ich mir. Kein Wunder. Obwohl die Story an sich eigentlich gut war, war meine Lektüre nüchtern und schmucklos gewesen. Das schlichte Coverdesign mit dem wenig kreativ gezeichneten Raumschiff vor einem Kratermond hätte mich warnen müssen.
Naja. Vielleicht war ich dem Buch gegenüber unfair. Ich beschloss, dass ich es erst mal zur Seite legen würde. „Später“, sagte ich zu ihm. Dann griff ich nach meinem Stock und mühte mich nach vorne in den Verkaufsraum.

Beatrice war bereits in den Feierabend entschwunden. Etwas überhastet, wie mir schien, denn entgegen ihrer sonstigen Sorgfalt, hatte sie auf der Theke einige Bücher liegen lassen. Das war gar nicht ihre Art. Ich schaute genauer hin und musste feststellen, dass ich die Autoren zweier Werke kannte: Astrid Vollenbruch und Rebekka Mand. Außerdem waren da noch Bücher von Tädeus Fivaz, Liv Scales, Alexandra Bauer und Peter Semüller.
Instinktiv spürte ich, dass die Bücher nicht zufällig bei einander lagen. Was mochte der Grund sein? Also fragte ich, völlig folgerichtig: „Die Bücher liegen hier nicht zufällig bei einander. Was mag der Grund dafür sein?“

In diesem Augenblick bimmelte die Ladentür und eine Frau trat über die Schwelle. Zunächst stöberte sie in der Ecke mit den mittelalterlichen Tagebüchern, verlor aber doch bald wieder das Interesse. Sie suchte wohl was ganz Bestimmtes. Dann sah sie die Bücher vor mir und sagte: „Na, so ein Zufall, da hat jemand meine Belegexemplare geplündert.“
Irritiert schaute ich sie an. „Nein“, hörte ich mich sagen. „Es sei denn, Sie sind Frau Vollenbruchmandbauer.“ Einen ironischen Unterton konnte ich mir einfach nicht verkneifen.

„Nein“, widersprach sie, „Ich heiße Petra Rudolf.“
Das sagte mir jetzt erst mal nichts. Jedoch überkam mich die Neugier. Das könnte ein interessantes Gespräch werden. Irgendwie. Deshalb musterte ich die Dame etwas genauer.
Sie war vom modischen Standpunkt aus eine eher schlichte Type. Jeans und Shirt konnte man als halbwegs sportliches Outfit bezeichnen. Dazu passend trug sie ein Paar unauffällige Stiefel.
„Da Sie offensichtlich nicht die Autorin dieser Werke sind …“, begann ich, ohne zu wissen, wie ich den Satz beenden wollte.
Frau Rudolf erkannte meine Verlegenheit und half mir: „… muss ich die Illustratorin sein.“
Oh, das war ja wirklich eine ausgefallene Wendung. „Sie gestalten Buchcover?“
Sie lächelte. „Alles Mögliche. Cover, Concept Art für Spiele, Illustrationen für Pen&Paper-Rollenspiele und Innenillus für Bücher. Meistens für Kinderbücher, wir Erwachsenen brauchen solche visuellen Hilfestellungen ja nicht mehr.“ Ihre Stimme hatte bei letzterer Aussage einen merkwürdigen Unterton, der sagte: „Und ob gehören Illus auch in Bücher für Erwachsene!“ Schade, dass sie es nicht aussprach.
Ich fragte: „Wie kommt man denn zum passenden Motiv?“
Mit einem Nicken deutete Frau Rudolf in die vage Richtung der Bücher. „Manchmal sind es Ideen der Autoren, manchmal frage ich nach einer Textstelle aus dem Buch, die besonders viel darüber aussagt, und die als Titelmotiv gut passt. Ich mag es, wenn man einem Buch ansehen kann, was drin steckt, ohne, dass es gleich zum stereotypen Genreschinken wird.“
Stereotypen gab es in den Genres tatsächlich genug: der obligatorische Blutfleck auf dem Thriller, das Raumschiff vor dem Planeten oder der nackenbeißende Lover, der sein Liebchen ablutschte. Allerhand Beispiele fielen mir da auf Anhieb ein.
Mit Fotos arbeitete Frau Rudolf offensichtlich nicht. Ihre Motive schienen alle gemalt zu sein. Doch im Computerzeitalter wollte das nichts heißen. „Arbeiten Sie mit Pinsel und Stift oder voll digital?“
„Meistens digital mit dem Grafiktablett, manchmal auch mit dem Bleistift. Digital lassen sich die Bilder besser für den Druck optimieren, und es bieten sich ganz andere Möglichkeiten als mit traditionellen Methoden.“ Mein Gast zuckte kurz mit den Schultern und fügte dann sowas wie ein Geständnis an. „Ab und an kleckse ich auch mit Ölfarbe herum.“

Ölfarbe? Außergewöhnlich. Für diese Art zu malen musste man sich Zeit nehmen. Ich mag Leute, die sich Zeit nehmen. Deshalb schnappte ich mir mein Stock, ging kurz nach nebenan und kam dann mit zwei Tassen und einer Thermoskanne zurück. Ich goss uns beiden ein.
„Zeit hat man“, sagte ich verschmitzt, „oder man nimmt sie sich.“ Darauf erwartete ich keine Antwort. Also sprach ich, nachdem ich kurz an meiner Tasse genippt hatte, einfach weiter: „Für wie wichtig halten Sie denn die Grafik auf einem Buch? Was sagt ein Motiv über die Qualität des Inhalts aus?“
„Oft steckt hinter einem guten Cover auch ein gutes Buch, weil Künstler sich oft mehr Mühe geben, wenn sie nicht nur fürs Geld arbeiten, aber oft gibt es einfach zu wenig Informationen. Das ist mir zum Glück bisher erspart geblieben.“ Nun nippte sie an ihrem Kaffee. Ich versuchte zu erkennen, ob er ihr schmeckte. Ohne Erfolg. „Unter den Covern, die ich gestaltet und gemalt habe, ist nicht eines, das ich nicht mag, und etwas wie ein eindeutiges Lieblingscover habe ich auch nicht … weil ich an jedem gerne gearbeitet habe.
Man kann einem Cover ansehen, ob es nur fürs Marketing oder tatsächlich fürs Buch gemalt wurde. Eine Garantie für ein gutes Buch dahinter gibt es natürlich nicht. Und umgekehrt verstecken sich auch so einige hervorragende Bücher hinter Stockphotos.“

Während Frau Rudolf sprach, wanderte mein Blick wieder zu den Buchdeckeln. Aufwändige Ornamente, Comiczeichnungen, Landschaften und charismatische Charakterdarstellungen, mal bunt, mal blass, aber immer stimmig. „Einen festen Stil pflegen Sie nicht. Ihre Arbeit ist sehr wandelbar.“
Für mich war diese Aussage eine reine Feststellung. Frau Rudolf verstand es als Kompliment: „Danke. Daran liegt mir eine Menge.“
„Und wie und wo lernt man das? Und wie sieht dann ein Werdegang aus?“
„Angefangen habe ich mit Cartoons und Karikaturen. Beruflich ging’s dann ab in die Gamesbranche. Ein Studium dazu gab es damals noch nicht, also habe ich sowohl das Schreiben für Spiele wie auch Concept Art im Austausch mit anderen und in Eigenregie gelernt. Als ich mit selbständig gemacht habe, kam ein Comic dazu, ‚Wayfarers Moon‘.“

„Das hört sich nach einem kreativen Menschen an“, sagte ich. „Machen Sie nur Auftragsarbeiten? Oder haben Sie auch eigene Projekte?“ Insgeheim fragte ich mich, ob ich nicht vielleicht etwas von dieser jungen Dame irgendwo bei mir im Antiquariat finden konnte. Vielleicht eine Kurzgeschichte? Oder eine Grafic Novel?
„Eigene Comics hatte ich zwar angefangen, aber einer ist genug Arbeit. Zusammen mit dem Autor von ‚Wayfarers Moon‘ arbeite ich auch an einem Indie-Game.“ Frau Rudolf deute auf ihre Tasse. „Und wenn ich genug Zeit und Kaffee habe, schreibe ich.“

„Sie sind auch Autorin?“ Eigentlich hätte ich in diesem Moment überrascht die Augenbrauen hochziehen müssen. Ich tat es nicht, ganz einfach, weil es keine wirkliche Überraschung war. „In welchem Regal finde ich denn Ihren Roman?“
„Bei den ungeschriebenen Büchern. Im Regal steht bisher nur eine Kurzgeschichte in einer Anthologie: ‚Die Reise der Hexensteine‘. Und wenn’s auch etwas anderes als Prosa sein darf, ein paar Artikel über Gameskultur für das Bookazine ‚WASD‘.“
Unter der Kasse war eine Schublade mit dem üblichen Sammelsurium an Kugelschreibern, alten Bonbons und Quittungsblöcken. Ich kramte beiläufig darin herum und fand schließlich ein sauberes Blatt Papier sowie einen guten Bleistift. Beides schob ich der Illustratorin über die Tischfläche entgegen. „Ich bin neugierig“, sagte ich herausfordernd. „Mal angenommen ich hätte einen Krimi geschrieben. Eine alte Frau lebt mit ihren beiden Dobermännern und Personal – sagen wir mal Butler und Zimmermädchen – in einer großen Villa. Im Haus und im Garten passieren ein paar klassische Morde a la Miss Marple … Genre: Krimikomödie. Nur eine Skizze, bitte. Wie würde das bei einer Petra Rudolf aussehen?“
Und Petra Rudolf griff, während wir noch ein wenig plauderten, tatsächlich zu Stift und Papier. Was soll ich sagen? Das Bild wurde – wie von mir erwartet – einfach großartig!

zu Besuch im Antiquariat: Andreas Brandhorst

Planas BuchantiquariatNormalerweise findet ihr an dieser Stelle kleine Prosatexte, in denen Herr Plana mit seinen Gästen plaudert. Heute ist Andreas Brandhorst zu Gast. Er kann der Form des „Storytelling-Interviews“ leider nicht viel abgewinnen, weil ihm das zu sehr von der Person ablenke. Deshalb verzichte ich im Sinne meines Gastes darauf und beschränke mich auf die schlichten Fragen.

 

Frage:
Sie haben lange Zeit Terry Pratchett (und auch andere Autoren) übersetzt. Hat Sir  Pratchett Sie in Ihrer eigenen Art zu schreiben beeinflusst? Sind ihre eigenen Werke zum Beispiel philosophischer oder gar humoristischer geworden?

Antwort:
Terry Pratchett zählt zu den besten Schriftstellern der Welt, und nach den vielen von mir übersetzten Scheibenweltromanen wäre es gelogen zu sagen, dass er mich nicht beeinflusst hat. Jedes gute Buch hinterlässt Spuren – auf meiner Webseite habe ich darüber geschrieben, zum Beispiel hier: http://andreasbrandhorst.de/buecher-die-mich-beeindruckt-haben/ -, und die Bücher von Terry waren bzw. sind wirklich ausgezeichnet. So habe ich immer wieder über seine Fähigkeit gestaunt, zwei Personen auf einer Buchseite zu charakterisieren und lebendig werden zu lassen, manchmal nur durch ihren Dialog! Ich bedauere seinen Tod sehr. Über viele Jahre hinweg haben wir in Kontakt gestanden und uns ausgetauscht. Dass jemand wie er, einer der hellsten Köpfe überhaupt, ausgerechnet an Alzheimer sterben musste, hat mich sehr bestürzt. Welch eine bittere Ironie des Schicksals! Um auf die Frage zurückzukommen: Nein, philosophischer oder gar humoristischer sind meine Werke dadurch nicht geworden, aber vielleicht tiefgründiger.

Frage:
Die Leserbewertungen bei Terry Pratchetts Büchern sprechen eine deutliche Sprache: Seine letzten Werke sind im Durchschnitt schlechter bewertet worden. Liegt’s an den neuen Übersetzern oder an der Erkrankung Pratchetts?

Antwort:
Dazu kann ich nicht viel sagen. Ich kenne die Originale nicht, aber ich weiß, dass Terry Pratchetts Werke viele Klippen enthalten, die schwer zu umschiffen sind, und ich weiß auch, wie viel manchmal im Verlag noch am Text geändert wird. Terrys Erkrankung hat sicher eine Rolle gespielt, kein Zweifel.

Frage:
Ihre Kantaki-Romane waren Ihr Durchbruch in der Science Fiction. Zuvor sind sie als Autor von Heftromanen in Erscheinung getreten. Ihr Spektrum im Genre ist weit gesteckt. Der Hype geht aber im Augenblick mehr Richtung Star Wars. Können Sie dieser Art Storys etwas abgewinnen?

Antwort:
Als Autor von Heftromanen bin ich vor 40 Jahren in Erscheinung getreten – den letzten Heftroman habe ich, wenn ich mich richtig erinnere, vor etwa 35 Jahren geschrieben. Seitdem ist viel geschehen. Ich habe viel übersetzt und den Schwerpunkt meiner Arbeit zu Beginn des neuen Jahrtausends wieder auf das eigene Schreiben gelegt. Aber natürlich mit ganz anderen Voraussetzungen und einer ganz anderen Herangehensweise. Dass Star Wars derzeit enormen Erfolg hat, war vorauszusehen, aber er wäre falsch zu glauben, das würde eine Entwicklung auf dem Buchmarkt widerspiegeln. Dem ist nicht so. Die literarische SF bewegt und entwickelt sich unabhängig von SF-Filmen. Meine Romane sind anders aufgebaut als ein Star-Wars-Film, und es geht dabei auch um andere Themen – zum Glück sind sie erfolgreich genug, dass ich davon leben kann. Natürlich mag ich Star Wars, was da auf der großen Leinwand gezeigt wird, ist schon sehr beeindruckend. Aber es gibt einen SF-Film, der mich noch mehr beeindruckt hat: Interstellar. Die Figurenzeichnung von Vater und Tochter fand ich bemerkenswert gut gelungen; der Film hat mich tief bewegt.

Frage:
SciFi erhebt ja oft den Anspruch Spiegel unserer Zeit zu sein. In wie weit trifft das auf Ihre Romane zu? Oder haben Sie eine andere Intention beim Schreiben?

Antwort:
William Faulkner hat in seiner Nobelpreisrede gesagt, das Einzige, worüber es zu schreiben lohne, sei das menschliche Herz im Konflikt mit sich selbst. George R. R. Martin hat in einem Interview diese Worte von Faulkner zitiert und gemeint, dass es in erster Linie um die Figuren gehe – alles andere sei Kulisse. Recht hat er. Mir geht es immer um die Romanfiguren, und oft konfrontiere ich sie mit Dingen, die mich beschäftigen, wie zum Beispiel Unsterblichkeit und Maschinenintelligenz wie in „Das Schiff“, im Oktober 2015 bei Piper erschienen. Anders ausgedrückt: Ich schreibe immer über Menschen, auch wenn es um Aliens geht.

Frage:
Thomas Lockwood, Robert Lamont, Andreas Werning, Andreas Weiler und Horst Brand. Das sind allerhand Namen für ein und die selbe Person. Hat es einen Grund, dass sie so viele Pseudonyme zulegten?

Antwort:
Diese Pseudonyme hat ein anderer Andreas Brandhorst benutzt, vor 35 Jahren, als er Heftromane schrieb. Aber da ich seit damals keine Heftromane mehr schreibe, benutze ich auch keine Pseudonyme mehr. Der Andreas Brandhorst von heute, der dieses Jahr 60 wird, kommt seit vielen Jahren ohne sie aus.

 

Andreas Brandhorst im Web: http://andreasbrandhorst.de/
und auf Facebook: https://www.facebook.com/andreas.brandhorst.autor

 

Vielen Dank für das Interview.

Zu Besuch im Antiquariat: Richard Dübell

Bibliothek zu BabelNatürlich war es mir schon früh aufgefallen: Beatrice wollte pünktlich Feierabend machen. Sie räumte zeitig auf, wischte zwischen den Füßen der letzten stöbernden Kunden den Boden und zählte bereits eine Stunde vor Ladenschluss das Geld in der Kasse. Ich wäre nicht ich gewesen, wenn ich mir daraus nicht einen Spaß gemacht hätte, sie deshalb mit immer neuen Aufgaben zu behelligen. So schnell hatte sie noch nie Staub gewischt, die Auslage umsortiert und die Deckenlampe poliert. Naja, Letztere hatte sie eigentlich noch nie säubern müssen. Das hatte den Effekt, dass Beatrice begriff, dass ich Schabernack mit ihr trieb. Außerdem war es nun ungemütlich hell im Verkaufsraum. Beatrice klappte die Leiter zusammen, steckte den Lappen in den Putzeimer und schaute mich mit blitzenden Augen an. „Fällt Ihnen noch eine Schikane ein? Oder kann ich jetzt endlich gehen?“
Vorsicht Fräulein! Ich bin der Chef, dachte ich. Obendrein benahm ich mich gerade wie ein ausgemachtes Arschloch, bescheinigte ich mir. „Schikane?“ Ich tat harmlos. Doch dann zwinkerte ich ihr verschmitzt zu. „Wo soll’s denn heute hingehen?“
„Krimidinner. 19.00 Uhr! Ingo lädt mich ein.“
Ah, diese fast noch neumodischen Veranstaltungen mit mörderischen Literaturbezug. Nichts für mich. Ein guter Killer gehörte für mich zwischen die Seiten eines Buches gepresst. Trotzdem griff ich in die Kasse und zog ein paar Scheine heraus. „Hier“, hörte ich mich sagen. „Das Dessert geht auf mich. Grüßen Sie Ihren Mann von mir.“

Als Beatrice gegangen war, griff ich ins Fach unter dem Tresen. Irgendein Buch, das mir am Abend die Einsamkeit vertreiben sollte. Als ich die Buchstaben auf dem Deckel las, zog ich überrascht eine Augenbraue hoch. „Waverley oder ’s ist sechzig Jahre her“ Ein historischer Roman von Sir Walter Scott. Die Originalausgabe, die ich gerade in der Hand hielt, war so alt, dass sie selbst zum Gegenstand eines historischen Romans werden könnte. „Historische Romane“, sagte ich zu den Büchern um mich herum, „wären auch mal ein Thema zum Plaudern.“
Im selben Moment betrat ein Mann mein Antiquariat. Die sportliche Gestalt in Sportsakko, Hemd und Jeans gekleidet, hätte mit diesem ergrauten Ivanhoe-Bart vermutlich ebenso gut in ein mittelalterliches Gewand gepasst. Doch die Bikerstiefel starteten eine andere Assoziationskette in mir.
„Grüß Gott“, sagte er.
Natürlich bemühte ich mich um eine gleichwertige Antwort: „Gott zum Gruße.“ Ich musterte ihn nochmals und entschied mich dann, sein überaus freundliches Lächeln zu erwidern. „Ich tippe mal darauf, dass Sie Schriftsteller sind.“ Auf die spezielle Magie meines Buchlands konnte ich mich doch immer verlassen. „Um genau zu sein, dürften Historienromane Ihre Passion sein.“ Ich deutete auf meine Waverley-Ausgabe. „Wo in meinem Bücherregal finde ich Ihre Werke? In der Nähe von Ken Follet, neben Rebecca Gablé, Noah Gordon oder doch eher bei Alfred de Vigny?“
Mein Gast bemühte sich um ein sauberes Hochdeutsch. Doch er konnte nicht mal im Ansatz seinen niederbayrischen Dialekt abstellen. „Meine Bücher finden Sie vermutlich zwischen Raymond Chandler und Andreas Eschbach, was aber hauptsächlich daran liegt, dass mein Nachname mit D beginnt. Abgesehen davon würde ich mich auch rein schriftstellerisch geehrt fühlen, dort zu stehen, denn Chandler ist eines meiner großen Vorbilder, und Eschbach finde ich als Kollegen sehr sympathisch – ein hervorragender Erzähler am Abendessentisch mit trockenem Humor und dem gleichen Rotweingeschmack…
Ich würde mich aber auch neben Ken Follett wohlfühlen wegen des hohen Tempos in seinen Romanen, neben George MacDonald Fraser wegen seiner Fähigkeit, Historie und Story untrennbar miteinander zu verknüpfen, neben Stephen King wegen seiner lebensnahen Charakter und neben Terry Pratchett wegen seines überschäumenden Humors und der tiefen Menschlichkeit, die in seinen Geschichten aufscheint. An einen der zynisch-sozialkritischen Schmöker von Tom Wolfe würden sich meine Bücher auch gern mal ankuscheln.“
Das waren allerhand Hinweise. Ich sortierte sie geistig. Ein Autor aus Bayern mit einem D am Anfang … Eschenbach … Chandler … Dann kombinierte ich und wagte einen Schuss ins Blaue: „<a href=“http://www.duebell.de/“>Richard Dübell</a>? Sie sind Richard Dübell?“ Ein Nicken als Antwort. Also streckte ich ihm die Hand und neigte anerkennend mein Haupt. „‚Der Tuchhändler‘, ‚Die Teufelsbibel‘, ‚Der Jahrhundertsturm‘ und noch einige andere Bücher sind mir in angenehmer Erinnerung. Ich hätte gedacht, dass Sie älter si-“ ich unterbrach mich selbst und korrigierte dann die Richtung, in die das Gespräch gehen sollte. „Was steht für Sie denn an erster Stelle? Der Unterhaltungswert? Oder sind Sie ein großer Erklärer vergangener Zeiten? Sehen Sie einen Lehrauftrag im historischen Roman?“
Dübell verschränkte die Arme hinter dem Rücken und begann damit ein Wenig auf und ab zu gehen. „Für mich gibt es da keine Priorität. In einem historischen Roman müssen vier Dinge unbedingt eine Einheit bilden: die Epoche, der Ort der Handlung, die Story und die Charaktere. Ich halte es für falsch, eine x-beliebige Geschichte nur deshalb zum Beispiel ins Mittelalter zu versetzen, weil das Mittelalter gerade in ist. Oder mit Charakteren zu arbeiten, deren persönliche Entwicklung gegen jede historische Wahrscheinlichkeit geht, oder tatsächlich historische Persönlichkeiten ihres Wiedererkennungswertes agieren zu lassen, sich dann aber nicht die Mühe zu machen, sie so ‚echt‘ wie möglich zu gestalten. Oder – wenn man sich als historischer Autor einen schönen Handlungsort wie zum Beispiel Venedig aussucht, dann eine Geschichte zu erzählen, die auch überall anders hätte spielen können. Ich gebe mir immer die größte Mühe, alles so miteinander zu verweben, dass eine organisch wirkende Einheit daraus entsteht. Nur dann habe ich das Gefühl, meine Leserinnen und Leser nicht betrogen zu haben.
Daher sehe ich auch den Unterhaltungswert und den zweifellos vorhandenen Lehrauftrag des historischen Romans auf gleicher Höhe. Ich weiß, dass der Markt speziell den pädagogischen Wert nicht immer so ernst nimmt, sonst würden nicht zuweilen historische Romane Bestseller werden, bei denen die Integrität von Dramaturgie und Historie nicht so ganz stimmig ist. Aber was mich betrifft, werde ich meinen diesbezüglichen Standard nicht senken. Natürlich kann es vorkommen, dass der Ablauf geschichtlicher Ereignisse nicht ganz zur Dramaturgie passt. Meistens ist das der Fall, wenn die historischen Geschehnisse zu komplex sind oder zu langsam ablaufen. In solchen Fällen gestatte ich mir, die Dramaturgie über die historische Detailgenauigkeit zu stellen; und erkläre die Abweichungen dann im Nachwort. Bei der Konzeption meiner Geschichten versuche ich solche Konflikte aber schon von Haus zu vermeiden.“
„Der Weg zum Sachtext ist aber dennoch nicht weit, oder?“
Dübell blieb stehen und drehte sich zu mir um. „Sagen wir mal so – aus dem, was man bei den Recherchen herausgefunden hat, lassen sich jederzeit schöne, faktenreiche Sachtexte ableiten. Ich recherchiere ja nicht nur im Internet oder in Büchereien, sondern spreche&nbsp; vor Ort mit Historikern und Archivaren, besuche alle wichtigen Handlungsorte meiner Romane und mache auch ganz praktische hands-on-Recherche – historische Kochrezepte, die ich nachkoche, oder die Anfertigung historischer Gewänder, das Schwertkampftraining usw… Da kommt dann schon eine große Menge Fachwissen zusammen. Ab und zu habe ich die Möglichkeit genutzt, dieses Fachwissen in historischen Artikeln bei PM History auszubreiten, was immer jede Menge Spaß gemacht hat, besonders weil ich den ironischen Unterton, den ich in meinen Romanen anwende, auch in den Artikel beibehalten durfte.“
Geschichtliche Sachtexte für ein hochwertiges populärwissenschaftliches Magazin – ja, ich konnte mir gut vorstellen, dass das diesem Herrn lag.

Ich legte meinen Kopf schief und lauschte dem speziellen Wispern der Bücher, das nur ich hören konnte. Meine Freunde flüsterten mir etwas ungeduldig zu. Ich verstand den Namen nicht auf Anhieb. Doch dann entfuhr es mir beinahe entsetzt: „Perry Rhodan!“
Herr Dübell verstand meinen Ausruf als Frage und antwortete geflissentlich: „Ohne Perry Rhodan würde ich nicht hier stehen – oder den schönsten Beruf der Welt ausüben dürfen. Perry Rhodan hat mich zum Schreiben gebracht. Ich habe als Teenager und großer Perry-Rhodan-Fan zweimal bei Kurzgeschichtenwettbewerben des Pabel-Verlags mitgemacht und beide Male den ersten Preis gewonnen. Das hat mich motiviert, mich weiter mit dem Geschichtenerzählen zu befassen, und auch in Kontakt mit vielen anderen Fans gebracht, die gleichermaßen vom Schreiben begeistert waren.
Andreas Eschbach stammt aus dem Perry-Rhodan-Milieu; mit dem heutigen Chefredakteur von Perry Rhodan, Klaus N. Frick, habe ich damals auf Fan-Treffen ganze Nächte durchdiskutiert. Ich hege keine Scheu vor Groschenheften. Mir kommt es darauf an, dass eine Geschichte integer und gut erzählt ist. Solche Perlen lassen sich auch in Groschenheften finden; genauso wie sich nachlässig und schlampig hingeworfene Stories zwischen teuren Buchdeckeln finden. Ich habe es als große Ehre empfunden, 2012 als Gastautor zu einem Perry-Rhodan-Roman eingeladen worden zu sein. Der Band Nr. 2659 ist daraus entstanden. Er nimmt einen sehr stolzen Platz in meinem Buchregal ein. Derzeit bin ich in Gesprächen mit der Redaktion, einen weiteren Gastroman zu übernehmen.
Man könnte jetzt natürlich einwenden, dass zwischen Science Fiction und History schon ein extrem weiter Spagat nötig ist. Aber die Unterschiede sind gar noch so gewaltig. Beide Romangattungen spielen in Epochen und an Orten, die uns heutigen Lesern möglicherweise total fremd sind, die auf irgendeine Weise erklärt werden und in denen besonders lebensnahe Charaktere auftreten müssen, damit man als Leser über die Fremdartigkeit des Settings hinwegkommt.“

„Sie scheinen mir ein literarischer Tausendsassa zu sei“, sagte ich anerkennend. „Mittelalter in Kombination mit Futurismus. Und in der Gegenwart sind Sie bestimmt auch sehr aktiv. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie … wie soll ich sagen? … eine ziemliche Rampensau sein können.“
Die Auswahl meiner Worte schien meinen Gast nicht zu stören. Er redete gerne. „Es macht mir Spaß, mit Menschen in Kontakt treten zu können – und Geschichten zu erzählen. Ich liebe es, soviele Sinne wie möglich anzusprechen, nicht zuletzt, weil auch bei mir, wenn ich Geschichten oder Veranstaltungskonzepte erfinde, alle Sinne am Arbeiten sind. Dieses schöne Erlebnis möchte ich meinen Lesern/Gästen auch bieten. Meine Lesungen sind daher multimediale Auftritte, in denen ich meine Texte auf der Bühne mehr spiele als lese und den Vortrag mit Video-, Musik- und Geräuscheffekten unterstütze. In meiner Heimatstadt Landshut biete ich seit über zehn Jahren eine sehr erfolgreiche Erlebnisstadtführung mit kostümierten Schauspielern und der Einbeziehung der Teilnehmer an. Ein mittelalterliches Krimibankett, an das ich mich vor ein paar Jahren gewagt habe und das für 4 Aufführungen konzipiert war, wird kommenden März seine 25. Vorstellung erleben, und wir sind immer noch innerhalb weniger Tage ausverkauft, wenn wir die neuen Termine bekanntgeben. Schön ist es natürlich auch, wenn das Fernsehen sich für einen interessiert; nicht nur, um einen Bericht über einen zu bringen, sondern um eine Zusammenarbeit zu finden. Eine Reihe über außergewöhnliche historische Ereignisse, die ich im Auftrag von Pro7 konzipiert habe, wurde leider in letzter Minute doch nicht produziert; aber dafür habe ich einen Beitrag über Mittelaltermedizin für Welt der Wunder geschrieben und arbeite an einem weiteren über Wikinger. Und auch wenn Steven Spielberg noch immer nach meiner Telefonnummer sucht, tut sich was beim Thema Verfilmung. Das Bayerische Fernsehen verhandelt zur Zeit mit einer deutsch-österreichischen Produktionsfirma über die Verfilmung des ‚Tuchhändlers‘. Auf internationaler europäischer Ebene führe ich Gespräche über die mögliche Verfilmung weiterer historischer Romane.
Ich tue derzeit außerdem etwas, was mich mit großer Freude erfüllt – ich gebe in mehreren Klassen am hiesigen Gymnasium Aushilfsunterricht in Kunst. Ich habe bereits in der Vergangenheit ‚Schreiben‘ als Wahlfach angeboten, aber jetzt bin ich als Seiteneinsteiger in den richtigen Lehrbetrieb integriert, um eine in Mutterschutz gegangene Lehrerin zu vertreten. Jeder hat ja so seine Erinnerung an die Schule, als man selbst noch Schüler war. Jetzt die Chance zu bekommen, all das richtig zu machen, was man damals als falsch gemacht empfunden hat, ist ein großes Geschenk.“

„Irgendwie machen Sie alles“, stellte ich erstaunt fest.
„Nein“, sagte mein Gast. Dabei lächelte er vielsagend. „Wirklich nicht. Um Gotteswillen. Aber wenn ich was finde, was ich kann …“ Er schaute nun demonstrativ auf seine Armbanduhr. „Und deshalb muss ich jetzt sausen.“ Dübell hatte schon die Tür erreicht, als er sich nochmals zu mir umdrehte. „Vielen Dank fürs Zuhören!“
Ein eiliger Besuch. Aber sehr informativ. Ich schaute auch meine Uhr. Ja. Gleich 1900 Uhr. Um 19.00 Uhr würde für Beatrice das Krimidinner anfangen … Ich war mir gerade ziemlich sicher, wer dort der Hauptakteur sein mochte.

zu Besuch im Antiquariat: Astrid Vollenbruch

BuchlandWeihnachtsendspurt. Während Beatrice im Verkaufsraum sich die Hacken heiß lief, hatte ich es mir in meinem Ohrensessel gemütlich gemacht. Hier hinten im Arbeitszimmer drang wenig vom adventlichen Stress durch. Mit einem aufgeschlagenen Manuskript auf dem Schoß und geschlossenen Augen zählte ich, wie oft das Türglöckchen bimmelte. Dabei sehnte ich mich insgeheim nach den vergangenen ruhigeren Zeiten.

„Na“, sagte ich schließlich zu der losen Blattsammlung, die mal ein Buch werden wollten, „dann will ich es nochmal mit dir versuchen.“ Ich hatte Mühe mich in des Werk zu vertiefen. Natürlich konnte es daran liegen, dass mich der Trubel im Verkaufsraum doch etwas zu sehr ablenkte. Jedoch befürchtete ich, dass der mit Maschine getippte Text schlicht und ergreifend schlecht war. Das war sehr schade, denn ich spürte, dass jede einzelne Seite mit sehr viel Herzblut verfasst worden war. Aber zwischen „gut“ und „gut gemeint“ lagen in diesem Falle Welten. Der Verfasser dieser Zeilen, ein gewisser John Doe, hatte mir sein Skript überlassen, weil er meine Meinung dazu hören wollte. Tja … Müder Plot, unglaubhafte Charaktere und eine endlose Liste handwerklicher Fehler. Die Grundidee war so toll! Nur leider fehlte Herrn Doe allerhand schriftstellerisches Wissen. „Der gute Mann braucht Hilfe“, sagte ich schließlich. „Fundierte Hilfe.“

„Herr Plana?“ Beatrice lugte um die Ecke. „Hier ist Besuch für Sie.“

Neben ihr erschien eine Frau. Sie war von kräftiger Statur, trug eine Brille und war sehr schlicht, mit dunkelgrauem Wintermantel und schwarzer Hose gekleidet. Einziger Farbtupfer war der türkisfarbene Pulli. Auf Schminke jedweder Art hatte sie verzichtet. Ich schätzte sie auf etwa 50 Jahre.

Obwohl sie augenscheinlich eine imposante Persönlichkeit zu sein schien, erweckte sie den Eindruck am liebsten die Flucht zu ergreifen. Beatrice war schon wieder in den Laden entschwunden. Somit lag es wohl an mir, ein Gespräch zu beginnen. Also versuchte ich es mit einem Lächeln: „Hm. Ich habe keine keine Ahnung, warum das Schicksal Sie zu mir geführt hat. Ich muss gestehen, dass es mich nicht gewundert hätte, wenn ein gewissen John Doe hier auf der Matte gestanden hätte …“ Ich unterbrach mich selbst, dachte kurz an meine Worte von vorhin. Fundierte Hilfe für John Doe. „Sie sind nicht zufällig Schriftstellerin, Lektorin oder Erste Hilfe für Autoren?“

Meine Besucherin antwortete zunächst recht zögerlich. Es lag ihr anscheinend nicht, über sich selbst zu reden. „Ein bisschen von allem. Ich habe ein paar Bücher geschrieben, ein paar weitere lektoriert oder korrigiert, ein paar Karten gezeichnet und 2007 ein Forum für Textkritik gegründet, das Federfeuer, in dem Autoren und Autorinnen Texte vorstellen, an denen sie gerade arbeiten. Nicht, um Lob für ‚Das habe ich gerade geschrieben‘ einzuheimsen, sondern um sich fachliche Kritik anderer Autoren abzuholen.“ Oh, das war ein Thema, das ihr lag. Sie kam richtig in Fahrt. „Wir klopfen Texte auf Plot, Handwerk und Sprache ab und helfen uns gegenseitig, handwerkliche Fehler zu erkennen. Das klingt jetzt einfach, ist es aber nicht. Als Autor ist man gegenüber den eigenen Texten meist betriebsblind – logisch, denn wenn man die eigenen Fehler selber sofort sehen könnte, würde man sie nicht machen. Da hilft der Blick anderer Schreiberlinge enorm. Und zweitens ist es eine schwierige Sache, mit Kritik umzugehen. Deshalb legen wir sehr viel Wert darauf, nicht den Autor zu kritisieren („Du kannst nicht schreiben, lern lieber töpfern“), sondern zu sagen, was uns am Text seltsam vorkommt oder was logisch, technisch oder sprachlich nicht funktioniert. Aber obwohl wir dabei so freundlich und sachlich wie möglich vorgehen, sind die meisten Autoren doch zunächst mal am Boden zerstört. Kritik tut immer weh, auch wenn sie berechtigt ist, und obwohl alle sagen, dass sie extra wegen der Kritik gekommen sind, ändert das nichts daran, dass es weh tut. Das darf man nicht unterschätzen. Deshalb haben wir auch einen sozialen Bereich, in dem wir uns gegenseitig wieder auffangen.“

Etwas unvermittelt endete ihre begeisterte Rede und eine Lücke entstand. Ich reagierte einen Hauch zu spät, weil mein Kleinhirn wegen irgendwas protestierte: Ich hatte etwas vergessen. „Ich Bauer!“, stellte ich plötzlich fest und streckte endlich die Hand zum Gruße aus. „Wir haben uns noch gar nicht miteinander bekannt gemacht. Plana, mein Name. Guten Tag!“

„Guten Tag, Herr Plana“, sagte mein Gast. „Ich bin Astrid. Astrid Vollenbruch.“

„Astrid Vollenbruch?“ Ich lauschte in mich hinein. Nein, eigentlich lauschte ich, was meine Freunde tuschelten. Die Bücher um uns herum waren mit einem Mal ziemlich aufgeregt. „Sie haben die ‚Drei Fragezeichen‘ geschrieben.“

„Hm, ja, das ist jetzt aber auch schon Jahre her. Ich bin durch André Marx, mit dem ich seit Ewigkeiten befreundet bin, an die ??? geraten. Eines Tages fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, einen Band beizusteuern. Ich war und bin kein Fan der Reihe, aber es reizte mich, es auszuprobieren. Also habe ich sechs Einzelbände, eine Trilogie und zwei Bücher zu den Filmen geschrieben, zwei Bücher übersetzt und dann beschlossen, dass ich lieber wieder zur Fantasy zurückkehren wollte. Es war eine spannende Zeit, in der ich viel über Fans, Autoren und das Verlagswesen gelernt habe. Außerdem habe ich auch gelernt, wie es sich anfühlt, wenn ein eigenes Buch plötzlich gerichtlich verboten wird, weil meine Arbeit für Kosmos genau in die Zeit des Rechtsstreites mit EUROPA fiel.“

„Seltsam, dass ich bisher kein Bild mit Ihnen verbinden konnte.“ Ich hoffte, dass ich Astrid mit meiner nächsten Frage nicht zu nahe trat. „Sind Sie sehr Öffentlichkeitsscheu? Interviews oder Lesungen mit Ihnen sind mir nicht bekannt.“

Ihre Antwort war gleichsam überraschend, wie überzeugend: „Wenn ich sichtbar sein wollte, wäre ich Schauspielerin geworden, nicht Autorin. Ich rede nicht gerne über mich selbst. Hin und wieder habe ich Interviews gegeben, per Email, am Telefon oder auch auf der Buchmesse in Frankfurt, aber Lesungen lehne ich strikt ab. Ich bin der Meinung, dass niemand zwischen einem Leser und einem Buch stehen sollte, am wenigsten der Autor. Solange ich ein Buch schreibe, gehört es mir, aber sobald ich es veröffentliche, gehört es den Lesern und Leserinnen, und ich verschwinde. Das ist natürlich eine radikale Position, aber ich verlange ja nicht, dass alle sie teilen.“

Nun, der alte Antiquar in diesem Raum fand diese Ansicht überaus erfrischend. In erster Linie sollte das Wort und nicht die Person dahinter zählen. Mancher egozentrische Schriftsteller mit samt seinen Allüren konnte sich da eine Scheibe von abschneiden.

Die Bücher wisperten wieder, versuchten mir etwas über Astrid zu erzählen. Ich verstand sie nicht richtig. Also fragte ich nach: „Wurdest Du nicht sogar mal durch eine Komparsin ersetzt, weil du selbst nicht kommen wolltest?“

Astrid schüttelte den Kopf. „Nein, das war ein bisschen anders. Das Hörspiel zu meiner ???-Trilogie ‚Geisterbucht‘ wurde von Ohrkanus zum besten Hörspiel des Jahres 2012 gewählt. Ich habe an der Preisverleihung nicht teilgenommen, weil ich dafür nicht extra nach Berlin fahren konnte und weil ich mit der Hörspielproduktion nichts zu tun hatte. Stattdessen kamen wie üblich die Sprecher der ??? auf die Bühne. Ich weiß nicht einmal, was es für ein Preis war und wer ihn letztlich mitgenommen hat.“

Die Schöpferin des Werks offenkundig nicht, komplettierte ich im Geiste die Erzählung. Wie schade …

Ich setzte mich in Bewegung und schlenderte unauffällig die Regalreihen entlang. Natürlich fand ich prompt, was ich suchte in einem der Regale. Astrid Vollenbruch. Alle Titel. Es war, als hätten sich die Bücher ganz von selbst dort eingefunden, nur um just von mir entdeckt zu werden. Überrascht zog ich die Augenbraue hoch. „Glitzende Pferde?“

„Die sind aber auch auffällig…“ Lag da ein Hauch Sarkasmus in ihrer Stimme? „’Einhornzauber‘ beruht auf einer Idee von Kosmos. Sie wollten etwas Ähnliches wie ‚Sternenschweif‘, nur für eine ältere Zielgruppe von 10-12 Jahren. Fantasy ist ja mein bevorzugtes Genre, aber rosa Glitzer jetzt nicht so. Also habe ich gesagt: Gut, ich schreibe es, aber mein Einhorn ist schwarz. Und die Geschichte spielt auf meiner eigenen Welt, die ich schon seit dreißig Jahren entwickle. Der Verlag war einverstanden, gab mir freie Hand, und ich schrieb drauflos. Es wurde eine recht solide Fantasygeschichte, die bis heute treue Leserinnen findet und die ich seit Band 7 in Eigenregie weiterführe. Ohne Glitzercover. Den siebten Band, ‚Seelendieb‘, kann man als E-Book bei Amazon und als gedrucktes Buch direkt bei mir kaufen.“

Das Zielpublikum schien mir damit festgezurrt. Aber aus dem Augenwinkel erkannte ich, dass neben den ganzen Kinder- und Jugendbüchern noch mehr stand. „Sie sind also eingefleischte Kinder- und Jugendbuchautorin?“

„Ähm, nein. Eigentlich überhaupt nicht. Ich schreibe Fantasy“ Das sagte sie recht resolut. „In den Jugendbuchbereich bin ich durch Freundschaft und Zufall geraten. Die ??? haben Spaß gemacht, und Einhornzauber beschäftigt mich bis heute, aber seit den 70er Jahren bin ich rettungslos der High Fantasy verfallen. Ich fing mit Fanfiction zum ‚Mabinogion‘ an (das ist eine uralte keltische Sagensammlung), suchte eine Weile herum und fand schließlich mein Thema mit ‚Rabenzeit‘.“

Meine Hand verselbständigte sich und griff sich ein schwarzes Buch. Sinnigerweise war eine Möwe darauf abgebildet. Ich beschloss, nicht darauf einzugehen. Vielmehr blätterte ich interessiert im Innern des Werkes. „Fantasy? So richtig mit Karte, Orks und Elben?“ Ich war ehrlich erstaunt. „Sind Sie eine von Tolkiens zahlreichen Erben und Erbinnen? Oder hat Rabenzeit andere literarische Eltern?“

Sie zählte an zwei Fingern ab: „Fantasy, ja, Karte, ja.“ Den dritten Finger hob sie nicht. „Orks und Elben, nein. Natürlich hat Tolkiens ‚Herr der Ringe‘ mich beeinflusst, ebenso wie viele andere. In den 70ern machte sich die Fantasy auf die Reise in andere Gedankenwelten. Es ging um ungewöhnliche, exotische Schauplätze, aber auch um Alternativgesellschaften, fremde Kulturen und die Definition dessen, was Menschsein bedeutet, wenn es andere Grundbedingungen vorfindet. Als sich die meisten männlichen Autoren entweder in technische SF-Spielereien oder in immer neue Mordmethoden mit Schwert und Magie verabschiedeten, folgte ich Autorinnen wie C.J. Cherryh, Tanith Lee, Ursula K. Le Guin. Marion Zimmer Bradley war vom feministischen Standpunkt aus interessant, bis ich merkte, dass sie auf der Entweder-Oder-Schwelle stehengeblieben war: Sie schrieb über Kulturen, in denen Männer dominierten und Frauen nur die Wahl hatten, entweder behütete Sexsklavin oder unberührbare Kriegerin zu sein. Das war mir zu wenig. Also fing ich an, zu überlegen, wie eine Welt aussehen könnte, in der es den krankhaften Frauenhass unserer Welt nie gegeben hat. Araun fing als klassische pseudomittelalterliche Fantasywelt an und entwickelte sich zu einem lebendigen Organismus ohne den Dualismus, auf dem hier so viel gründet. Es gibt keine klassische Abgrenzung von Völkern wie ‚Mensche‘, ‚Zwerge‘ oder ‚Orks‘, sondern Dutzende von intelligenten Arten, die sich teilweise auch noch mit Elementargeistern verbunden haben. Und die Menschen sind auch keineswegs die ‚Krone der Schöpfung‘, sondern höchstens irgendwo im Mittelfeld kulturschaffender Spezies. Es gibt keinen Monotheismus und kein Schwarz/Weiß/Entweder/Oder, und die Götter sind keine menschliche Erfindung, sondern Geister mit unterschiedlicher Macht.

‚Rabenzeit‘ spielt allerdings in einem Land, in dem die Menschen glauben, dass von Elementargeistern eine schreckliche Bedrohung ausgeht. Deshalb wird die Magie seit Jahrhunderten unterdrückt und zerstört. Die Geschichte erzählt davon, wie sich der junge König von Ryondar mit diesem Erbe auseinandersetzt, während ihm gleichzeitig ein Pulverfass politischer Intrigen um die Ohren fliegt. Er ist die zentrale Figur, aber die Handlung wird von drei Frauen getragen: von seiner Schwester, einer Handwerkerin und einer Musikantin.“

Das war alles sehr interessant. So interessant, dass ich ‚Rabenzeit‘ schon mal griffbereit in meinen Ohrensessel legte. Gleich würde ich es mir zu Gemüte führen. Sobald ich endlich allein war. Meine Neugierde wollte eilig befriedigt sein. Nur das Buch und sein Leser. Nicht die Autorin. Niemand sollte zwischen mir und dem Buche stehen …

Vorher musste ich aber noch etwas anderes erledigen: Ich drückte John Does Manuskript Astrid in die Hand. „Das ist genau das Richtige für Sie. Glauben sie mir“, sagte ich. „Genau das Richtige. Für Sie und Ihr Federfeuer.“

zu Besuch im Antiquariat: David Safier

Im AntiquariatKurz nachdem ich an diesem Morgen die Ladentür aufgesperrt hatte, lief ich mit dem Gesicht in ein Spinngewebe, das im Türrahmen hing. Wenn ein Tag so anfängt, dann setzt man seine Erwartungen für den weiteren Verlauf ziemlich niedrig an. Meine Laune war auf jeden Fall mit einem Schlag auf dem Tiefststand. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass die Kaffeemaschine kaputt war. Koffeinentzug kann für einen alten Mann wie mich ziemlich hart sein.
Ich grummelte leise fluchend in meinen nicht vorhandenen Bart und wischte mir mit leidlichem Erfolg die klebrigen Spinnfäden von der Stirn. „Wenn ich das kleine Miststück erwische …“
Natürlich gehören kleine, achtbeinige Krabbelviecher in einem Buchantiquariat quasi zum Inventar. Ihre Netze musste man als Deko betrachten. Sie waren unabdingbar, wie eine dünne Schicht Staub auf den Regalen und etwas nasser Sand im Fußabtreter. Aber trotzdem! „Wenn ich das kleine Miststück …“, wiederholte ich mich, „… erwische!“
In diesem Moment sah ich den Missetäter. Auf einem Tisch voller Bücher hatte es sich die Spinne auf einem kostbaren Folio mit dem Titel „Mr. William Shakespeare’s Comedies, Histories and Tragedies“ bequem gemacht.
Ich widersetzte mich dem Drang, das Tier sofort platt zu machen. Ein Blutfleck auf dem Buch wäre unverzeihlich. Ich holte mir also ein Glas, stülpte es über das Insekt und setzte es auf diese Weise gefangen. Dann beugte ich mich darüber und sagte, nicht ohne Häme: „Nicht dein Tag heute.“
Die Ladentür öffnete sich hinter mir. Schritte kam heran und ein Mann trat neben mich. Amüsiert lächelnd schaute auch er in das gläserne Minigefängnis. Das Spinnchen schaute zurück. „Da hat wohl jemand mieses Karma.“
Mit der Zeit hatte ich es verlernt, an Zufälle zu glauben. Ich richtete mich auf, musterte den Ankömmling und erkannte ihn beinahe sofort. „Safier?“, fragte ich überrascht. Meine Laune besserte sich schlagartig. Welche Ehre! „David Safier?“
„In persona.“

Tja, manchmal hat man geringe Erwartungen an den Tag und wird dann umgehend eines besseren belehrt. Das Buchland hielt für mich doch immer die richtigen Aufmunterungen bereit.
Und so plauderten mein Gast und ich ein wenig. Etwas Smalltalk. Doch im weiteren Verlauf des Gesprächs stellte ich fest, dass mir da ein paar Fragen auf der Zunge brannten. „Sie sind ein äußerst erfolgreicher Drehbuchautor. Adolf Grimme Preis, Emmy, deutscher Fernsehpreis. Dann ging es von der Mattscheibe fort zum gedruckten Buch: Das Romandebüt ‚Mieses Karma‘ traf den Nerv der Leser. Wo war das Hochgefühl größer? Zu sehen, wie die ersten selbstverfassten Dialoge verfilmt wurden? Oder das erste gedruckte Buch in den Händen zu halten? Oder war es von Anfang an nur reines Geschäft und Brotjob?“
Herr Safier lehnte lässig am Verkauftresen und strich sachte über das zerfurchte Holz der Tischplatte. Er mochte anscheinend das Holzwurm-Design. „Hach, Herr Plana, man kann doch nicht für Brot und Butter schreiben, das muss schon von Herzen kommen. Sie verkaufen Ihre Bücher doch auch von Herzen! Ein Hochgefühl haben mir beide Sachen bereitet. Und da gibt es ja viele Stellen im Prozess, wo man es bekommen kann. Zum Beispiel sieht man ja schon Drehmuster lange bevor Sachen auf die Mattscheibe kommen, oder man sieht sein Buch im Verlagskatalog, bevor es in die Läden kommt.“ Er machte eine kurze Pause. Dann betonte er: „Alles ist sehr aufregend.“
Im Regal neben mir fand ich eine Taschenbuchausgabe von „Jesus liebt mich“. Da lag es vollkommen verkehrt, denn zwischen den Schmuckausgaben vom Alten und Neuen Testament hatte es gewiss nichts zu suchen.
„Es folgten ziemlich kurz hintereinander die Romane ‚Plötzlich Shakespeare‘, ‚Happy Family‘ und ‚Muh!‘. Wenn ich diese Bücher hier im Laden einsortieren müsste, würde ich Sie wohl ins Genre Fantasy stellen. Obwohl: Elben und Orks kommen nicht drin vor und die obligatorische Landkarte einer frei erfundenen Welt sucht ein argloser Leser auch vergebens. Soll ich Ihre Bücher lieber der Komödie zuordnen?“
Ich erntete ein Lachen. „Tja, ein Mann im Verlag sagte zu mir: Du bist ein Autor ‚sui generis‘. Ich hatte natürlich keine Ahnung, was das heißen sollte (habe ja nur in Bremen mein Kleines Latinum gemacht). Er sagte, das bedeute so etwas wie ‚Ein Autor eigener Art‘. Wenn Sie es unbedingt einordnen wollen, würde ich sagen: Ich schreibe Komödien mit fantastischem Einschlag und Herz.“
„Hm, vielleicht sollte ich wirklich mal ein Verkaufsregal mit dem Genre ‚fantastischer Einschlag und Herz‘ einführen“, sagte ich. Insgeheim überlegte ich schon, welche Autoren ich dazu einsortieren könnte. Auf Anhieb fiel mir keiner ein. „Wie schreiben Sie? Exposition, Konfrontation und Auflösung? Sind Ihre Werke 3-Akter oder eher klassische 5-Akter? Folgen Sie einem strengen Plot oder haben Sie eine Ausgangssituation und schreiben dann nach Bauchgefühl?“„Ich habe als Drehbuchautor zwar sehr viel Handwerk gelernt in allen möglichen dramaturgischen Korsetten. Aber ich schreibe lieber drauf los, lasse mich von den Figuren selber entführen. Wie sagte Stephen King, der sicherlich bei Ihnen als großer amerikanischer Beschreiber des kleinstädtischen Amerikas ganze Regale füllt: ‚Wenn ich überrascht bin, was die Figuren tun, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es der Leser auch ist.‘“
Ein schönes Zitat. King und Safier in Beziehung zueinander gesetzt … Ich verwarf den Gedanken, deren Bücher in ein Regal zu stellen genau so rasch, wie er gekommen war.

Ich tippte mit dem Zeigefinger auf das gelbe Taschenbuch und sagte: „Ich habe festgestellt, dass Sie gerne eine weibliche Ich-Erzählerin verwenden. Ist das ein Zufall? Oder möchten Sie damit verhindern, dass Ihre Leser den realen David mit der fiktiven Figur der Erzählung ungewollt verbinden?“
„Nein.“ Herr Safier verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe ja eine ungewöhnliche Sicht auf die Dinge: Ich glaube ja, dass Männer und Frauen gar nicht so unterschiedlich sind. Es wird viele Frauen überraschen, aber auch wir Männer haben Gefühle. Wir können sie nur nicht so gut ausdrücken. Und da es in meinen Romanen viel um Gefühle geht, fällt es mir leichter aus der Perspektive einer Frau zu formulieren.“
Zielpublikum Frau? Ich wusste, dass dieser Mann auch anders konnte. „Nach so vielen lustigen Büchern war ich überrascht, dass Ihnen als nächstes ein Buch wie ‚28 Tage lang‘ aus Ihrer Feder floss.“ Während ich sprach, stellte ich „Jesus liebt mich“ geistesabwesend zurück an seinen alten Platz. „Trotzdem könnte ich mir vorstellen, dass es für Sie persönlich das wichtigste Werk ist. Erzählen Sie mir was darüber?“
Safiers Gesichtszüge wurde eine Spur ernsthafter. „Also grundsätzlich bedeuten mir all meine Bücher viel. Aber bei ‚28 Tage lang‘, einen Holocaust-Roman, spielt natürlich eine große Rolle, dass meine Familie väterlicherseits Opfer der Nationalsozialisten wurde. Mein Vater musste aus Wien fliehen, seine Eltern starben. Aber wichtig war für mich auch das Thema: Im Warschauer Ghetto kann man das Schlimmste sehen, wozu Menschen fähig sind, aber auch das Großartigste. Das hat mich seit über zwanzig Jahren fasziniert, und deswegen habe ich diesen Roman geschrieben.“

Das Glas, in dem sich die Spinne mit erfolglosen Fluchtversuchen abmühte, rückte wieder ins Zentrum meiner Aufmerksamkeit und somit auch der Ausgangspunkt unseres Gesprächs. „Jetzt steht ganz frisch die Fortsetzung von ‚Mieses Karma‘ in den Buchgeschäften. Ich darf also davon ausgehen, dass Sie der ‚Komödie mit fantastischem Einschlag und Herz‘ treu bleiben.“ Ich wartete keine Antwort auf meine rhetorische Frage ab, sondern redete einfach weiter. „Fortsetzungen … Hm, tja. Das schlägt die Brücke zurück zum Film. Sie sind momentan mit Kinofilmen beschäftigt. Ich bin so neugierig! Dürfen Sie mir darüber was verraten?“
„Na, wir sind ja hier in unserem Buchladen unter uns!“ Herr Safier winkte mich ganz nah zu sich heran. Als sich fast unsere Nasenspitzen berührten, flüsterte er: „‚Happy Family‘ wird ein großer Animationsfilm werden, der 2017 ins Kino kommen wird. Und auch an einer Verfilmung für ‚28 Tage lang‘ wird gearbeitet.“

Leider musste Herr Safier irgendwann gehen. Nachdem er den Laden verlassen hatte, nahm ich mir ein Blatt Papier, schob es vorsichtig unter das Glas. Das kleine Spinnengefängnis war nun transportabel.
Das Blatt auf der flachen Hand, die Spinne mittig darauf und darüber das umgestülpte Glas – so trat ich hinaus auf die Straße. Ich schlenderte zur nächsten Blumenrabatte und entließ das Insekt dort in die Freiheit.
Gutes Karma.

Linktipp: Gutes Karma

zu Besuch im Antiquariat: Prinz Rupi

Im Antiquariat

Es war lange nach Ladenschluss. Im Laden hatte ich einen Klapptisch und zwei Stühle aufgebaut. Ein guter Roter, Mineralwasser, bauchige Weingläser und etwas Weißbrot standen bereit. Ich war also bestens vorbereitet. Trotzdem war ich ein wenig nervös.
Nein, ich erwartete keinen Damenbesuch. In einem Buchantiquariat machte man keine Candle-Light-Dinner. Schon gar nicht ohne Candle. Ich hatte einen Herrn eingeladen, seines Zeichens ein Prinz. Außerdem war er Autor, Selfpublisher und Publisher. Ich mochte weder diese englischen Begriffe, noch mochte ich alles, was mit Druckkostenzuschüssen zu tun hatte. Und doch war ich neugierig. Neugierig auf die Person, neugierig auf ihr Tun und neugierig auf …

Die Türglocke bimmelte. „Guten Abend“, sagte der Prinz beim Hereintreten und stellte sich auch sogleich vor. „Wilhelm Ruprecht Frieling. Aber Freunde nennen mich Rupi.“
Viel Gesicht zeigte der Kopf. Hinter der hohen Stirn wuchsen graue, vergleichsweise lange, graue Haare. Wache, humorvoller Augen blitzten mich durch eine dezente Brille an. Er trug einen Anzug, ein hellblaues Hemd und keine Krawatte. Ich war beinahe enttäuscht, dass er mir nicht auf Anhieb unsympathisch war.
„Wie schön, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind“, sagte ich höflich. Ich ging ihm entgegen, reichte ihm die Hand und lud ihn dann mit einer Geste an meine improvisierte kleine Tafel. Als wir platzgenommen hatten, deutete ich auf die Flaschen: „Burgunder oder Wasser?“
Rupi lehnte sich entspannt zurück und überraschte mich dann mit leicht gehobener Sprache: „Danke, mein Lieber. Einen Tropfen vom Elixier der Könige von Burgund und dazu ein stilles Wasser nehme ich gern.“
Also goss ich ihm ein. „Wie kommt’s denn zu dem royalen Beinamen? Prinz … So einen royalen Titel verleiht man sich doch nicht selbst.“
„Der stammt aus einer Zeit, in der ich täglich ein Buch produzierte und damit schnell Verleger von mehr als zehntausend Büchern war“, erklärte Rupi gelassen. „Die Presse bezeichnete mich daraufhin als ‚Bücherprinz‘, und daraus ist erst im Freundeskreis, dann in der Öffentlichkeit ‚Prinz Rupi‘ geworden.“

„Täglich ein Buch? Puh.“ Ich rümpfte die Nase „Das hört sich ziemlich nach Quantität und nicht nach Qualität an. … Ich mache keinen Hehl draus: Ich mag keine eBooks. Eben aus diesem Grunde. Wenn alles und jeder veröffentlichen kann und in diesem Tempo Bücher auf den Markt wirft, dann entwertet sich das geschriebene Wort. Ein guter Wein braucht doch auch seine Zeit. Ich biete Ihnen doch auch keinen Rotwein aus dem TetraPack an.“
Mein Gegenüber hob beschwichtigend die Hände. „Nun, die Bücher stammten doch nicht aus meiner Feder, sondern von den jeweiligen Autoren. Und Qualität bemisst sich nicht unbedingt nach dem quantitativen Output eines Verlages. Damals waren es auch noch Papierbücher; die E-Book-Revolution begann in Deutschland erst 2011 und auch die belegt eigentlich erst einmal nur, wie viele Autoren mit dem dringenden Wunsch unterwegs sind, veröffentlicht zu werden.“
„Ach, das hörte sich eingangs so an, als wären das alles eigene Buchprojekte gewesen.“ Ich räusperte mich. „Entschuldigung.“ Dann nippte ich an meinem Glas. „Hier spricht also der Verleger, nicht der Autor. Trotzdem ist es erstaunlich viel. Wie bemessen Sie sie denn den Wert eines Manuskripts, dass Sie veröffentlichen?“
„Als Verleger war ich bis 2003 tätig. Maxime war, jedem Autor die Möglichkeit einzuräumen, sein Buch so optimal wie möglich an den Start zu bringen. Ich war mit diesem Konzept eine Art Early Adopter im Buchmarkt. ‚Wert‘ ist ein Begriff, den ich in diesem Zusammenhang für vermessen halte. Sicherlich gibt es einen ‚Marktwert‘, den letztlich das Publikum durch seine Nachfrage bestimmt. Dann misst jeder Autor seinem Werk einen eigenen ‚Wert‘ bei. Als Verleger musste ich über die subjektive Wertigkeit eines Buchprojekts hinwegsehen, was nicht bedeutet, dass mir persönlich nicht das ein oder andere Vorhaben besonders wertig erschien. Worin liegt denn für Sie der Wert einer Veröffentlichung?“
Ich schaute mich kurz in meinem Antiquariat um. Hier standen einträchtig Klassiker und Raritäten neben einigen neueren Hardcovern. Sie warteten auf meine gescheite Erwiderung auf Rupis Frage. „Hm, das würde eine ziemlich lange Antwort meinerseits werden. Aber in erster Linie würde ich sagen, dass der Verleger nicht nur dem Autoren, sondern auch dem Leser verpflichtet sein sollte. Immerhin bezahlt dieser den Preis für ein Buch, von dem er erwartet, dass es seinen Ansprüchen genügt. Die Aufgabe eines Verlags ist ja nicht nur Papier bedrucken zu lassen und dann in der Welt zu verbreiten.“

Der Bücherprinz beugte sich vor und erklärte leise: „Jeder Autor sehnt sich danach, einen Verlag zu finden, der ihm Heimat ist und Brücken zum Publikum baut. Als Verleger hielt ich es mit Alfred Döblin: ‚Der Verleger schielt mit einem Auge nach dem Schriftsteller, mit dem anderen nach dem Publikum. Aber das dritte Auge, das Auge der Weisheit, blickt unbeirrt ins Portemonnaie.‘ Insofern sind gute Autoren das Kapital jedes gesunden Verlages.“
„Hm-m.“ Ich zog eine Augenbraue hoch und verschränkte die Arme. „Wenn ich mal ganz böse fragen darf: Womit hat der Verleger Prinz Rupi denn damals mehr Geld verdient? An dem Bedürfnis des Autors oder an den Lesern der Vanity Press?“
„Worin liegt die Boshaftigkeit der Frage???“ Mein Gegenüber gab sich überrascht. Doch er lächelte dabei freundlich. „Geld verdient habe ich mit der Dienstleistung für unsere Autoren. Und da wir gute Arbeit geleistet haben, haben wir auch gut verdient.“
„Warum haben Sie dann als Verleger dann Schluss gemacht?“
Rupi wurde plötzlich sehr ernst. „Eine zweite Chemotherapie ließ mir keine andere Wahl. Diese für mich persönlich harte Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit fand aber im genau richtigen Augenblick statt, denn „the next big thing“ – die E-Book-Revolution und die Marktreife der On-Demand-Druckereien zeichnete sich ab.“ Er machte eine kurze Pause, nutzte sie, um sich dem Wein zu widmen. „Mein Leben als Verleger erzähle ich übrigens in meiner Lebensabschnittsgeschichte ‚Der Bücherprinz‘.“

Ja, ich sollte tatsächlich meinen Gast endlich auf seine Tätigkeit als Schreiber ansprechen. „Als Sachbuchautor richten Sie sich immer noch an Schriftsteller und solche, die es werden wollen. Möchten Sie mir ein wenig darüber erzählen?“
„Mir hat die Welt der Autoren viel gegeben. Ich bewege mich jetzt bald ein halbes Jahrhundert darin, und so ist es mir ein Bedürfnis, ein wenig von den gesammelten Erfahrungen zurückzugeben. Deshalb schreibe ich Ratgeber für Autoren und solche, die es werden wollen.“
„Und als Schriftsteller der Belletristik sind Sie auch aktiv“, sagte ich, „was ist denn da Ihr Alleinstellungsmerkmal?“
„Einer meiner Schwerpunkte sind Opernverführer.“ Prinz Rupi zwinkerte verschmitzt. „Mein Alleinstellungsmerkmal ist, dass ich als einziger Autor Opern wie ‚Der Ring des Nibelungen‘ so erzähle, dass auch Laien dem komplexen Geschehen auf der Bühne folgen können.“
„Eine tolle Idee“, stellte ich amüsiert fest. „Wie kommt man darauf? Ich meine Opern und Otto-Normal-Verbraucher …“
Rupi stand auf. Sein Glas Wein, das ich vorausschauend nochmals aufgefüllt hatte, nahm er mit. Er schlenderte an den Buchregalen vorbei und erlaubte sich eine etwas ausgiebigere Rede. „Ich möchte Ihnen, lieber Herr Plana, ein Geheimnis verraten. Ich entstamme einer Generation, die mit den ‚Beatles‘ und den ‚Rolling Stones‘, mit Jimi Hendrix und den ‚Cream‘ aufgewachsen ist. Ich war ein begeisterter Hippie, trampte durch die Welt und ließ mein Haarkleid meterlang wachsen. Mit klassischer Musik wurde ich in meiner Jugend erstmals konfrontiert, als Gruppen wie die ‚Nice‘ und die holländischen ‚Ekseption‘ klassische Stücke für die Popmusik aufbereiteten. Durch Ian Anderson, besser bekannt als ‚Jethro Tull‘, wurde mir Bach erschlossen. – Aber die Oper?“ Rupi schwenkte sachte das Glas, nahm dann einen Schluck des Roten, kaute ihn andächtig, bevor er ihn schluckte. „Die Oper war für mich ein Ort, in dem sich alte Leute mit grauen Gesichtern in schwarzen Roben trafen. Das war kein Beat Club, kein Underground-Schuppen, keine Musikhalle. Nun gut, ich schaute mir Mozarts phantasievolle ‚Zauberflöte‘ an. Ich fand auch Gefallen an den angeblich leichten italienischen Komponisten und vergoss manche Träne bei ‚Madame Butterfly‘ und ‚La Bohème‘. – Aber Wagner?
Richard Wagner, der schrieb doch die Musik, bei der sich massige Frauen und tumbe Typen stundenlang ansingen und ihre Sätze immer wiederholen, obwohl sie dadurch nicht verständlicher werden. Und da war doch auch noch diese Geschichte mit den Nazis, die ihn gut fanden. Nee, diesen Wagner, den wollte ich nicht mal mit der Kohlenzange anfassen.
Das Leben meinte es gut mit mir. Eines Tage besuchte mich ein guter Freund, der beruflich mit der Oper verknüpft ist und sich den ‚Ring des Nibelungen‘ in der Berliner Staatsoper ansehen wollte. Ich konnte es nicht fassen: Ein Mann, der nach San Francisco flog, um ‚Grateful Dead‘- Konzerte zu besuchen, wollte sich Wagner reinziehen und fand den auch noch toll? Ich begleitete ihn zur Oper und ließ mir in der S-Bahn die Handlung des ‚Ring‘ erzählen. Wow, das klang ganz anders, als was ich bisher gehört und in den klugen Feuilletons gelesen hatte! Die Geschichte faszinierte mich derart, dass ich am liebsten gleich mit in die Aufführung gekommen wäre. Doch dummerweise war alles ausverkauft.
Neugierig geworden hörte ich mir das Werk auf CD an, und versank innerhalb kürzester Zeit tief in Wagners vierteiligem Monumentalwerk. Immer tiefer tauchte ich in den Rhein ein, besuchte die Welt der Zwerge und begegnete Menschen, deren Schicksal weitgehend von Göttern vorbestimmt schien. Und da ich mich vorher mit der Handlung der Oper befasst hatte, wurde sie mir plötzlich transparent und leicht verständlich. Dann kam die Musik, die mich sofort packte: Das war purer Rock ‚n‘ Roll. Es war genau diese Art des musikalischen Gesamtkunstwerks, von dem wir in Zeiten von Love, Peace und Happiness geträumt hatten. Ich war ergriffen, ich war begeistert, ich war fasziniert. So wurde ich Wagnerianer. Das ist zwanzig Jahre her.“ Der Prinz blickte gedankenverloren in das Glas, als könnten sich dort vergangene Zeiten auf der Oberfläche des Getränks spiegeln. Sie taten es nicht. Nach einem kurzen Seufzen sprach er deshalb einfach weiter. „Heute bin ich überzeugt, dass über den inhaltlichen Einstieg Richard Wagners ‚Ring des Nibelungen‘ erschlossen werden kann. Das ist einer der Gründe, warum ich einen Opernverführer verfasst habe. Deshalb unterstütze ich Künstler, die Wagner einem jungen Publikum erschließen wollen. Deshalb werbe ich hier für den Ring.“ Jetzt holte er tief Luft und hob die Stimme. Er intonierte richtig! „Tauchen wir also ein in die Welt der Götter und Halbgötter, die vieles wissen, und manches vorausahnend die Geschicke der Welt leiten. Da sie nicht alles selber machen können, bedienen sie sich der Menschen, und um diese für ihren quasi göttlichen Erfüllungsauftrag vorzubereiten, setzen sie die gleich selbst in die Welt. Das macht ja auch viel mehr Spaß!
Nun ist es aber so, dass Neid und Gier das Leben auf der Erde wesentlich mitbestimmen, und da sind es besonders die Zwerge, die sich unrühmlich hervortun. Denn tief unter dem Rhein, und hier beginnt unsere Geschichte, existiert ein unheimliches Zwergenreich, dass ‚Nibelheim‘ genannt wird. Hier wiederum herrscht ein Widerling namens Alberich. Der ist so abgrundtief hässlich und schmuddelig ist, dass sich selbst in der dunkelsten Ecke keine findet, die ihn lieben mag. Dieser Nibelung ist es nun, der aus seiner tiefen Höhle emporkrabbelt, um dem Gesang der drei Rheintöchter Wellgunde, Woglinde und Floßhilde zu lauschen, die im schimmernden Rhein baden …“
Ruprecht verstummte plötzlich, schaute sich um, als hätte er für den Moment die Orientierung verloren. Er nahm wieder Platz. Tja, auch das war ein Stück der speziellen Magie meines Ladens. Manchmal vergaß man sich und alles um sich herum beim Parlieren.

Bevor die Stille im Raum zu groß wurde, ergriff ich also lieber das Wort: „Da frage ich mich: Sie sind Verleger, Redakteur, Schriftsteller, außerdem – soweit ich weiß – Journalist, Fotograf und Internetpionier. In Sachen Wort und Bild scheinen Sie mir die ‚eierlegende Wollmilchsau‘ zu sein. Was können Sie nicht? Oder machen Sie nicht?“
Rupi nahm sich ein Stück vom Brot, formte lässig es zwischen Daumen und Zeigefinger zu einem Kügelchen und warf es sich in den Mund. Hap! Weg war es. „Fotograf ist mein erster erlernter Beruf, danach habe ich den Journalismus von der Pike auf gelernt. Ansonsten trete ich mit meinem Programm ‚Prinz Rupi erzählt den Ring‘ auf, teile mein Wissen als Referenz auf Veranstaltungen wie Barcamps und dem Selfpublisher-Day und bin auch organisatorisch als 2. Vorsitzender des Selfpubisher-Verbandes tätig. Was ich nicht kann? Ich kann keine Romane schreiben, die fehlen in meinem Portfolio.“

Irgendwie konnte ich mir das nicht so recht vorstellen. Da saß ein Mann vor mir, dem die Kreativität fast zu den Ohren rauskam und behauptete, keine Romane schreiben zu können. „Und was darf man als Nächstes von Ihnen erwarten?“
„Als Nächstes gibt es von mir einen Band mit biographischen Miniaturen unter dem Titel ‚Der Mann, der wie Jesus wirkte‘. Darin schildere ich Begegnungen mit ungewöhnlichen Menschen, die mir persönlich oder literarisch begegneten.“
„Literarische Begegnungen?“ Ich prostete dem Bücherprinz zu. „Sowas sollte ich auch mal ins Auge fassen …“

zu Besuch im Antiquariat: Danise Juno

Buchland

Es war einer dieser Tage. In meinem Kopf zogen sich die Gedanken wie weichgekauter Kaugummi in die Länge. Sortieren. Ich wollte die Bücher hinter dem Kassenbereich neu sortieren. Na ja. Wollen? Das war wohl das falsche Wort. Aber es wurde nötig. Jedoch … Wenn man versucht Autoren und ihre Werke nach einem vernünftigen Schema zu ordnen, stößt man irgendwann an gewisse Grenzen.
In den alten Bibliotheken vergangener Zeiten hatte man es sich einfach gemacht. Man hatte Folio zu Folio gestellt, Quart zu Quart, Oktav zu Oktav. Oder anders gesagt: Man hatte nach Größen sortiert. Angesichts der vielen Millionen Bücher, ist man – oh Wunder – von dieser Methode inzwischen abgekommen. Nach Farben zu sortieren, macht für gewöhnlich ebenso wenig Sinn.
Tja, dann bliebe noch die Möglichkeit nach Genre zu ordnen. Science-Fiction, Horror, Fantasy und so weiter. Das war mein Plan. Doch just in diesem Moment kamen mir die Bücher von Stephen King in die Finger. Der Gute war so ziemlich in jedem literarischen Tümpel mal fischen. Würde ich meinem Plan folgen und nach Genre sortieren, wären seine Bücher in diesem Raum beinahe in allen Regal zu finden.
„Ärks“, entfuhr es mir. Eventuell sollte ich doch lieber nach Nachnamen alphabetisch ordnen. Ja. Alle Kings, die hier im Laden verstreut waren, nebeneinander! Gesagt getan. Meine Laune hatte sich nach vollendeter Arbeit tatsächlich etwas gebessert, meine Hirnwindungen entknotet.
Dann fiel mein Blick auf den kleinen Stapel Bücher, die ich als nächstes einsortieren wollte. Richard Bachmann. „Das ist jetzt wohl ein Scherz“, beschwerte ich mich. Und ich hätte wetten können, dass da irgendwo jemand leise kicherte.

„Warum, vermaledeit nochmal, legen sich Autoren Pseudonyme zu? Bachmann ist King. King ist Bachmann. Das ist doch albern.“ Ich hätte mir meine Frage natürlich selbst beantworten können. Es gab viele Gründe für das Versteckspiel hinter fremden Namen. Aber …
„Vielleicht kann ich was dazu sagen“, sagte eine weibliche Stimme zu mir. Ich drehte mich erstaunt um. An der anderen Seite des Tresens stand eine Frau. Ich schätzte sie vielleicht auf knapp vierzig Lenze, oder so. Sie trug schwarze Jeans, halbhohe schwarze Stiefel mit flachem Absatz und eine dunkelrote Bluse in deren Spitzenärmel ihre Fingerspitzen kaum noch zu sehen waren. Darüber stach eine auffällige doppelreihige Kette aus schwarzen Perlen ins Auge. Die Haare: herbstdunkelrot, frisch geschnittener, kinnlanger Bob, offen, Seitenscheitel. „Markant“, dachte ich, „und selbstbewusst. Diese Frau brauchte bestimmt kein Pseudonym.“ Markant war auch das Make-up: Smoke Eyes und dunkler Lippenstift passend zur Bluse. Das bildete zur blassen Haut einen gewollt starken Kontrast.
„Guten Tag“, sagte ich leicht perplex, „Frau … äh.“
Sie zwinkerte mir mit ihren leuchtend grünen Augen zu: „Juno. Danise Juno.“
„Und, äh, was möchten Sie mir zu Pseudonymen erzählen?“
Sie tätschelte die oberste Ausgabe von „Todesmarsch“, als hätte das Buch etwas Trost verdient. „Es ist ganz und gar nicht albern ein Pseudonym zu verwenden. Manchmal ist ein Autor dazu sogar gezwungen, oder würden Sie einen blutigen Thriller von einer Autorin mit dem Namen Marianne Rosenzweig lesen wollen? Oder eine Liebesschmonzette von Bernhard Zipfelacker? Wie wäre es mit einem Horrorroman von Ingeborg Trautwein?“
Hm, dachte ich, ob sich Samuel Clemens deshalb wie eine Tiefenangabe der Bootsfahrer genannt hat? Mark Twain. Ich verkniff mir diese Randbemerkung. Stattdessen lauschte ich, mit leichtem Amüsement, dem Redefluss meines Gastes.

„Unbewusst verbindet man den Klang eines Namens mit gewissen Erwartungen. Sie brauchen nur an Haustiernamen zu denken. Es gilt inzwischen schon als Scherz seinen Dobermann Püppi zu nennen, weil man damit eher einen niedlichen, stupsnasigen Handtaschenhund assoziiert, statt eines großen Muskelpaketes mit Stachelhalsband.
Was bleibt einem da als Autor schon anderes übrig. Und selbst wenn sie als Autor das Glück haben sollten, einen solch klangvollen Namen wie Georg Held oder Barbara Falk zu tragen; wenn die Leser sie nach einigen Romanen als DEN Thriller Autor kennen und plötzlich haben sie Lust etwas ganz anderes auszuprobieren und schreiben einen High Fantasy Epos, dann werden viele ihrer eingefleischten Fans enttäuscht sein, weil sie von ihnen etwas ganz anderes erwarten.“
So einen langen Monolog hätte ich der Frau gar nicht zugetraut. Sie wirkte beim Betreten des Raumes doch eher anders. Aber sie war mit mir noch nicht fertig. Ihr flammendes Plädoyer für Pseudonyme brauchte seinen Platz.
„Aber jetzt denken wir noch einen Schritt weiter. Was passiert denn, wenn sie völlig unerwartet den großen Wurf, den Wahnsinnsbestseller geschrieben haben, der sich millionenfach verkauft?
Richtig, der Autor hat es geschafft. Großartig. Und dann kommen die Reporter, wühlen in ihrer Abfalltonne herum, befragen ihre Freunde und Verwandten auf der Suche nach Skandalen und Skandälchen, ihre Kinder werden belauert, vielleicht Schlimmeres. Man zahlt den Preis der Berühmtheit.
Das sind die Gründe, warum auch ich mich für ein Pseudonym entschieden habe. Mein Name klingt altbacken, ich will mich im Genre noch nicht wirklich festlegen und ich möchte nicht berühmt sein.“
„Ach“, sagte ich. „Sie sind Autorin?“ Beiläufig schaute ich mich um. Und tatsächlich lag auf dem Verkaufstresen plötzlich ein graues Taschenbuch. „Herbstlilie – Limbergens vergessene Kinder“ von Danise Juno. Ein geheimnisvolles, leicht gruseliges Motiv, lud darunter zum Lesen ein. Das konnte nur ein Mysterybuch sein. Vielleicht auch ein Thriller. „Danise Juno? Das ist ein Pseudonym? Wie kommt man an so einen Namen?“

Danise holte tief Luft, seufzte und redete dann ein wenig langsamer und entspannter. „Einen geeigneten Künstlernamen zu finden ist nicht einfach. Wer die Wahl hat, hat die Qual. Der Doktor des Raumschiffs Voyager hat Jahrzehnte gebraucht, um sich auf einen Namen festzulegen.“
„Siehe da!“, sagte ich, „Ein Trekkie.“ Aber sie ging nicht darauf ein.
„Ich hatte nicht ganz so viel Zeit und doch tat ich mich damit nicht leicht.“
„Wie kam es also zu Danise Juno?“
„Eigentlich hatte ich mich bei der Namenssuche vertippt und schrieb Denise falsch. Als ich feststellte, dass es keine Suchbegriffstreffer gab, glaubte ich den perfekten Vornamen gefunden. Im Anschluss suchte ich nach einem Monatsnamen – oder ähnlich einfachem und kam auf den rheinischen Ausdruck für Juni – schließlich bin ich Rheinländerin. So entstand Juno. Doch was es mit diesem Namen tatsächlich auf sich hat, begriff ich erst viel später. Ein Bekannter stieß mich mit der Nase darauf, doch tat ich seine Feststellung mit einem Lächeln ab. Das war zu abwegig. Erst als kurz darauf zwei weitere Freunde unabhängig voneinander denselben Gedanken hatten und mich fragten, ob es eine Konvergenz der Namen meiner beiden Kinder sei, betrachtete ich mein Pseudonym genauer. Ich bekam eine Gänsehaut, als mit klar wurde, welch seltsame Dinge das Unterbewusstsein doch mit einem anstellt. Ich hatte, ohne es zu merken, eine weibliche Form von Dario und Julie gewählt.“

Schmunzelnd dachte ich an mein Buchland und die unglaubliche Magie, die darin steckte. „Geschichten sind so“, stellte ich fest. „Manchmal suchen sie sich klammheimlich ihren Weg in die Realität.“ Ich griff nach „Herbstlilie“ und ließ die Seiten am Daumen vorbei gleiten. Beim Blättern erahnte ich die komplexe Geschichte, die auf den Seiten auf ihre Leser wartete. „Verschwindende Grenzen zwischen Realität und Geschichte scheinen auch für Sie ein Thema zu sein.“

Danise nickte ernst. „Mein Bestreben ist es, diese Grenzen zumindest in einigen meiner Geschichten zu sprengen. Viel zu selten werfen wir einen Blick zurück über unsere Schulter. Wo kamen wir her? Und inwieweit beeinflusst das unsere eigene Zukunft? Damit meine ich nicht die Aufzählung von Heerführern in den Geschichtsbüchern, die Taten großer Männer und Frauen und ihrer unterlegenen Kontrahenten. Den wenigsten von uns ist es vergönnt, eine solch einflussreiche Persönlichkeit zu werden. Ich meine damit unsere eigenen Vorfahren, die vielleicht Bergarbeiter, Bauern, Dienstboten oder einfache Handwerker waren. Was haben sie geleistet, welchen Beitrag haben sie an dem, was aus uns wurde, wie haben sie gelebt? Auch sie haben gefühlt, gelitten und gelacht, doch ist ihre Geschichte mehr und mehr im grauen Nebel der Zeit verloren gegangen. Vielleicht verklärt zu Sagen und Legenden – reduziert auf einfache Überlieferungen, kleine Familiengeschichten und Anekdoten. Wäre es nicht schön zu wissen, wie sich die Ereignisse tatsächlich ereignet haben und mehr zu erfahren, als bloße Namen und Daten der Personen um die es sich in der Geschichte dreht.
In meinem Roman ‚Herbstlilie – Limbergens vergessene Kinder‘ versuche ich auf eindrückliche Art zu schildern, wie eine Legende entsteht und stelle ihr die wirklichen Ereignisse gegenüber. Meine Protagonistin Julia versucht in der heutigen Zeit diesen Sagen auf den Grund zu gehen und findet immer mehr Indizien zu den Personen aus diesen Legenden heraus, bis sich ein lebendiges Bild von ihnen zeichnen lässt. In den Kapiteln, die in der Vergangenheit spielen, biete ich dem Leser einen Einblick in das Leben und Fühlen dieser Menschen. Es ist, als würde man durch ein Fenster sehen und man kann die Ereignisse so erfahren, als sei man selbst dabei gewesen. Vielleicht mag man es sogar als lebendig gewordene Ahnenforschung bezeichnen.“

Danise Juno. Ich ertappte mich dabei, dass ich darüber nachdachte, wie die Autorin wirklich heißen mochte. Wenn sie sich noch nicht auf ein Genre festgelegt hatte und dann eventuell unter anderem Namen veröffentlichen wollte, wäre es doch interessant zu wissen, unter welchem Namen das passieren würde. Oder wenigstens den Titel des nächsten Werkes wollte ich wissen. Das galt es in einer Frage zu formulieren: „Ich würde gerne den Titel Ihres nächsten Werkes wissen.“ Äh, welch abweichender Sprachgebrauch zu meinen Gedanken, nicht?
„Nächsten Frühsommer ist die Veröffentlichung eines Thrillers geplant, der den Titel ‚Death Cache‘ trägt. Es handelt sich um einen Geocaching-Thriller. Auch dort wird es wieder Rückblenden geben, die jedoch dieses Mal nicht ganz so weit zurückreichen, wie bei Herbstlilie. Man darf gespannt sein auf Geheimnisse, die in der Vergangenheit meiner Protagonisten lauern.
Des Weiteren ist eine Familiensaga geplant. Ich bin mir noch nicht schlüssig, ob der Aufbau wie bei Herbstlilie, verschlungenen Pfaden folgen wird, oder ob ich es einmal mit einer chronologischen Reihenfolge versuchen werde. Es warten dort viele Geheimnisse, ein großer Schuss Mystik und ein paar Legenden.
Erst danach wird es ein Wiedersehen mit Frank und Julia Meinert geben, die erneut das Münsterland unsicher machen werden. Julia kommt einer Legende auf die Spur, die sich in der Vergangenheit tatsächlich genau so ereignet haben soll. Ich bin schon gespannt, was sie so alles zu Tage fördern wird. Hoffentlich kann sie am Ende ihre Familie und ihre Ehe retten.“

Das hörte sich alles sehr interessant an. Viele Projekte waren das. Viele Bücher würden das werden. Bücher, die ich später auch noch einsortieren musste. Den Platz sollte ich dafür auch noch vormerken. „Ähm“, machte ich, „würden Sie Ihre Werke nach Namen oder nach Genre hier einsortieren?“
Ausnahmsweise war Danises Antwort nicht so umfangreich. Ich bekam nur ein Schulterzucken von ihr zu sehen …

 

 

zu Besuch im Antiquariat: Carol Greyson

Bibliothek zu Babel

In der letzten Zeit hatten allerhand unbekanntere Autoren mein Antiquariat besucht. Ein Großteil von ihnen waren Indies – also unabhängige Schreiber – gewesen. Meine Erfahrungen mit ihnen waren, das musste ich mir eingestehen, recht angenehmer Natur gewesen.
„Nett von euch“, sagte ich in die ungefähre Richtung der Buchregale, „dass ihr mir so interessante Gäste geschickt habt.“ Auf einem Verkaufspodest lagen mehrere Dunkle Romantik Bücher. Ich ging zu ihnen, tätschelte eine kostbare Originalausgabe von „Juliette“ und strich Mary Shelleys „Frankenstein“ über den Rücken. Über den Buchrücken, selbstredend. Die alten Werke von Lord Byron, E.T.A. Hoffmann, Charles Baudelaire und Gustave Flaubert lagen dort einträchtig neben Poe und Nerval. „Hmm, alles Klassiker. Ich frage mich, ob dieses Genre vielleicht auch …“

Ich konnte meinen Satz nicht zu Ende sprechen, denn eine Frau betrat mein Ladenlokal. Da der Zufall mir nur selten auf die Schulter klopfte, ging ich erst mal davon aus, dass dies keine normale Kundin war. Deshalb machte ich mir die Mühe und musterte sie eingehender. Sie war eine sportlich-elegante Erscheinung. Sie machte auf mich einen – wie soll ich sagen? – britischen Eindruck. Hinter einer Brille warteten intelligente, neugierige Augen.

„Guten Tag, meine Gnä‘gste. Was darf ich für Sie tun?“ Hatte ich gerade Gnädigste gesagt? Mein Blick flog nochmal zu den Büchern auf dem Tisch. Kleine Ungeheuer!
„Carola Kickers“, stellte sie sich vor, „ich bin auf der Suche nach ein paar …“
… Büchern, wollte sie wohl sagen. Doch vermutlich nicht der treffendste Begriff. Ich half ihr den Satz richtig zu beenden: „… Inspirationen.“
„… Büchern“, korrigierte sie mich streng. Dann lächelte sie entwaffnend.
„Oh“, machte ich. „Entschuldigen Sie, Carola. Ich habe sie eventuell falsch eingeschätzt. Sie sind also keine Schriftstellerin?“
„Oh doch, sogar in verschiedenen Genres.“ Während sie sprach, ging Carola zu dem Tisch, betrachtete kurz die ausgelegten Bücher und schob dann einige von ihnen behutsam zu Seite. Dann lehnte sie sich mit dem Po sachte an die Tischkante. „Allerdings lese und rezensiere ich auch. Auch da bin ich in den Genres recht flexibel – von Krimi bis Liebesroman darf alles dabei sein – außer vielleicht Science-Fiction. Das ist nicht so sehr mein Thema.“ Sie nahm einen besonders alten Schmöker in die Hand, tastete vorsichtig über den ledernen Einband. Mit den Fingern zeichnete sie die eingeprägten Buchstaben nach. Ich selbst tat dies auch nur zu oft. Von daher ahnte ich ihre Gedanken: fühlbare Worte … Sie redete allerdings einfach weiter: „Aber natürlich ist beides bislang eher Hobby, wobei ich auch beruflich mit Sprachen zu tun habe – vorwiegend als freie Übersetzerin und Texterin. Und wenn ich mal von all den Buchstaben …“ Sie nahm die Hand fort von dem Buch, „… eine Auszeit brauche, arbeite ich alte Möbel auf, und zwar im sogenannten Shabby chic Stil.“
Nun richtete sich ihr Augenmerk plötzlich auf dem Tisch. Sie dachte offensichtlich darüber nach, was man daraus zaubern konnte. „Ich führe kein Möbelantiquariat“, merkte ich schmunzelnd an.
„Wie bitte?“
„Ach, nur so.“ Irgendwie sollte ich mich doch lieber nur auf tatsächlich Gesagtes beschränken. „Sie sind ganz schön fleißig!“, kommentierte ich also ehrlich beeindruckt Carolas Schaffen. „Wie bewältigt man so ein Pensum?“
„Mit zunehmendem Alter muss man Prioritäten setzen. Erst die Kunden, dann die Bücher. Manchmal schiebe ich auch einen ruhigen Tag dazwischen, an dem ich gerne im Garten arbeite – das natürlich vorwiegend im Frühjahr und Sommer oder bei gutem Wetter. Aber Sie haben Recht, als Freiberufler hat man keine geregelten Arbeitszeiten.“
„Kommt da das Schreiben nicht zu kurz?“, fragte ich.
Sie seufzte schwer. „Dieses Jahr schon, allein bedingt durch meinen Umzug. Dann kamen auch noch andere Dinge dazwischen wie die Augenoperation von meinem Katerchen Mr. Pattapu. Den kennen Sie doch hoffentlich?“
Irgendwo im Regal neben mir wackelte ein Büchlein. Als ich einen Blick dorthin warf, zwinkerte es mir zu. Ja, Bücher können zwinkern. Und ja, ich weiß, dass sie keine Augen haben.

„Im gleichen Verlag – Stuber Publishing – habe ich bereits zwei Liebesromane veröffentlichen können: ‚…und das letzte Wort hat die Liebe‘ und ‚Der Modenkönig‘, meine aktuelle Neuerscheinung. Aber falls sie mich nur aus dem Dark Fantasy Bereich kennen sollten, sagt Ihnen die Vampirsaga um Jason Dawn vielleicht etwas oder ‚Die Götterbrut‘. Wenn Sie Lust haben, stöbern Sie doch einfach mal auf meiner Homepage.“
„Hm, viele Bücher sind das. Aber nicht alle bei einem Verlag. Warum?“
„Meine Erfahrungen mit Verlagen sind nicht die besten. Heute bin ich froh, größtenteils zu den Self-Publishern zu gehören. Allerdings hätte ich nichts dagegen, wieder bei so fleißigen Verlagen wie Stuber Publishing zu unterschreiben, die ihre Autoren auch unterstützen.“
Ja, ja. Verlag ist nicht gleich Verlag. Manchmal braucht es etwas länger, bis man als Autor das richtige Zuhause findet. Über dieses Thema könnte man lange diskutieren. Aber ich spürte, dass dafür gerade nicht der richtige Zeitpunkt war. Deshalb fragte ich nur: „Und aktuell?“

Carola stieß sich sachte vom Tisch ab, schob sorgsam die Bücher wieder zurück an ihren angestammten Platz. „Derzeit lasse ich das Jahr ruhig ausklingen. 2016 wird es dann das erste zweisprachige Kinderbuch mit schönen Illustrationen von mir geben. Aber darüber möchte ich noch nicht zuviel verraten. Von Mr. Pattapu ist der Comic auch noch in Arbeit, leider hat meine Illustratorin eine böse Sehnenscheidenentzündung, die bereits Wochen andauert. Ich hoffe aber, dass er auch 2016 fertig werden wird.“

Carola hatte sich nun vor ein Wandregal gestellt und las interessiert die diversen Titel. Es überraschte mich, dass sie ausgerechnet in dieser Ecke meines Ladens gedankenverloren mein Angebot bestaunte. Das war definitiv keine dunkle Romantik.
„Gute Besserung“, sagte ich.
Carola legte kurz die Stirn in Falten. „Was?“
„An die Illustratorin“, schob ich nach.
Sie nickte stumm, zog sich einen besonders kostbaren Band heraus. Als sie darin blätterte, hatte sie mich schon fast vollkommen vergessen.
„Auf der Suche nach Büchern …“, wiederholte ich den Anfang unseres Gesprächs.
Obwohl ich eigentlich mit mir selbst gesprochen hatte, antwortete Carola: „… Inspirationen.“
In der Hand hielt sie eine sehr, sehr alte Bibel.

zu Besuch: Rebekka Mand

Im AntiquariatDer Stapel Bücher auf meinem Sekretär hatte eine Höhe erreicht, die ihn leicht schwanken ließ. Da waren allerhand Sachbücher und ein paar Prosatexte. Da waren die Bücher von Régis Boyer und Snorri Sturlunson neben den Romanen von Bernard Cornwell, Frans G. Begntsson, Kari Köster-Lösche und Rebecca Gable.

Auf den ersten Blick mochte die Auswahl willkürlich erscheinen, aber inhaltlich ließen sie sich alle über ein Thema aus: Wikinger. Naja. Um korrekt zu bleiben, muss ich eigentlich den Begriff Nordmänner bemühen. Die rauen Kerle waren anhand ihrer Beutezüge, ihren Vikings, bekannt geworden, doch bot die Lektüre weitaus mehr als epische Schlachten a la Hollywood oder Schlägereien im kindgerechten Zeichentrick.

In den letzten Stunden hatte ich mich eingelesen. Einfach so. Aus Lust und Laune. Überrascht hatte ich feststellen müssen, dass das Nordvolk mich zu fesseln wusste. Das meine ich natürlich im literarischen Sinne.

„Inspirierend“, resümierte ich, nachdem ich den letzten Band der „Uthred-Saga“ zugeschlagen hatte. „Es wäre schön, wenn man in das Regal noch ein paar Titel mehr einsortieren könnte. Was Prosaisches zum Beispiel. Nicht staubtrocken zu lesen, weniger Historienroman, dafür mehr Abenteuer mit einem Schuss Lovestory“, zählte ich meine Wünsche auf.

Die Bücher um mich herum tuschelten leise. Doch ich verstand nicht wirklich. Ich schaute mich um, ob sich vielleicht irgendwo ein Schatten im Regal nach vorne schob, ob sich etwas auf dem Beistellwagen unauffällig manifestierte oder sich sonst irgendwas seinen Weg aus den Tiefen des Buchlandes zu mir suchte.

Nichts dergleichen geschah. Stattdessen klingelte das Türglöckchen im Laden und eine junge Frau trat herein. „Kundschaft“, seufzte ich. Da Beatrice mal wieder nicht da war, musste ich mich nach vorne bemühen. Ich murmelte unwirsch vor mich hin, da ich leicht angesäuert war, dass mein spezieller Bücherwunsch nicht erfüllt worden war. Auf meinen Gast musste das ziemlich grantig wirken. Da kam ein alter Antiquar auf sie zu, brabbelte unverständlich und knurrte dann relativ unhöflich: „Sie wünschen?“ Ich sollte dringend mein Benehmen aufpolieren! Mühsam streckte ich also mein Kreuz in eine aufrechtere Position und malte ein freundlicheres Lächeln in mein Gesicht.

„Rebekka Mand“, stellte sich die Frau vor. Dabei hob sie die Hände in einer zunächst abwehrenden Geste zwischen uns. Mit der Linken hielt sie ein Buch, das auf diese Weise in mein Blickfeld kam. „Von den Grenzen der Erde“, las ich. Ein hübsches, sehr aussagekräftiges Cover. Die Künstlerin, die das gestaltet hatte, hatte echt was drauf. Als ich das Bild genauer betrachtete, erkannte ich unter anderem die Silhouette eines Wikingerbootes.

„Ah“, machte ich, verzichtete aber darauf, meine plötzliche Begeisterung zu erläutern. Ich fragte auch gar nicht, was sie zu mir führte. Buchlandmagie reichte mir vollkommen als Erklärung. „Frau Mand! Sie bringen mir ein Buch mit. Wie schön!“ Ich musterte sie.

Gekleidet in einer hellbraunen Lederjacke, darunter ein schlichter, langer Pullover, Jeans und schwarze Boots, stand sie vor mir. Ein buntes Tuch setzte einen besonderen Akzent zum Outfit. Viel markanter fand ich allerdings die rotgefärbten Haare, die sich keck bis zum Kinn streckten. Sie ließ meine stumme Bewertung ihrer Person unbeteiligt über sich ergehen. Lieber schaute sie flüchtig im Laden um.

„Eine Autorin“, stellte ich fest, „kein Zweifel. Was haben Sie denn da für ein Buch?“ Sie richtete ihre Aufmerksamkeit nun doch auf meine Person und versuchte meine Grantigkeit von gerade eben, mit einem ausgewählt freundlichen Lächeln zu entwaffnen.

„Von den Grenzen der Erde“, antwortete sie. Und ja: Ich konnte dieses stolze Funkeln in ihren Augen aufblitzen sehen. Da hatte jemand das Erstlingswerk in der Hand und am Schreiben so richtig Blut geleckt.

„Wovon handelt es?“, fragte ich ehrlich interessiert.

„Es ist ein klassischer Abenteuerroman mit einer Prise Fantastik.“

„Wikinger?“

„Nordmänner!“ Korrigierte sie mich beiläufig. „Erzählt werden zunächst zwei Geschichten, die sich irgendwann zu einer verbinden. Da wäre zum einen die Geschichte von Lynn, einer irischen Königstochter, deren Dorf von Nordmännern angegriffen wird. Während Lynn und ihre Mutter als Sklavinnen nach Norwegen gebracht werden, stirbt Lynns Vater bei dem Überfall. Dank Lynns besonderer Gabe, den Toten ins Jenseits zu folgen, erfährt sie von ihrem Vater von einem Schatz, den er für sie versteckt haben soll. Fortan verfolgt Lynn das Ziel, zurück nach Hause zu gelangen und den Schatz zu finden. Und dann ist da Eirik, jüngster Sohn einer dänischen Sippe, dem nichts Wichtiger ist als sein Schiff und seine Freiheit. Als er beides zu verlieren droht, kommt ihm Lynns Schatz gerade recht.“ An dieser Stelle holte Rebekka kurz Luft. „Es ist eine Geschichte von Familie, Heimat , Freundschaft und Verrat. Und ja, auch von Liebe.“

Wie bestellt, dachte ich bei mir. Ich zwinkerte dem Buchregal hinter dem Verkaufstresen kurz zu. Ich bin mir sicher, wenn Bücher hätten zurückzwinkern können, sie hätten es just in diesem Moment getan.

Ich nahm Rebekka das Taschenbuch aus der Hand und blätterte nicht zu schnell durch die eng bedruckten Seiten. Dabei fragte ich: „Wie viel davon ist Prosa? Und was davon ist historisch?“

„Die Geschichte und ihre Figuren entspringen komplett meiner Fantasie. Was das Setting betrifft, habe ich mir jedoch sehr viel Mühe gegeben, dieses arg klischeegebeutelte Völkchen so authentisch wie möglich darzustellen. So findet z.B. Lynn in Norwegen keine wilden Barbaren vor, sondern Menschen wie sie. Sie knüpft dort Freundschaften und findet ein Stück Heimat.

Es war mir wichtig, das Alltagsleben der Nordmänner, ihre Kultur und die mythologischen Aspekte möglichst realistisch darzustellen, die Figuren ihrer Zeit und ihren Werten gemäß handeln zu lassen. Aber in erster Linie soll das Buch natürlich Spaß machen.“

Ich gab meinem Gast das Buch nicht zurück. Stattdessen legte ich es neben die Kasse. Um von meinem Tun ein wenig abzulenken, fragte ich: „Wie kommt man denn gerade auf Nordmänner? Ich meine, mittelalterliche Königshäuser, ein Medicus oder eine Päbstin verkaufen sich doch bestimmt viel besser.“

„Aber davon gibt es doch schon so viele! Ich habe mich nicht hingesetzt und mir bewusst dieses Thema ausgesucht. Die Geschichten finden mich, nicht anders herum …“ Diese Aussage machte mir diese Rebekka doch glatt sympathisch! Ich hätte es ihr gesagt, doch ich wollte ihre Rede nicht unterbrechen. „… in diesem Fall waren es die Nordmänner, und je mehr ich mich mit ihnen befasste, umso mehr war ich davon überzeugt, dass es genau diese Geschichte und dieses Volk ist, worüber ich schreiben muss.“

Auf dem Buchcover fand ich ein kleines weißes Logo: „Qindie“. Das war doch die Bezeichnung von diesem Autorenkollektiv, das sich aus Indieautoren mit Qualitätsanspruch geformt hatte. Ich gab mich entsetzt, denn gute Bücher brauchten in meinen Augen einfach ein gutes Verlagshaus.: „Sie haben den Weg der Selbstveröffentlichung gewählt … Warum?“

Rebekka guckte mich etwas verständnislos an. „Ja, warum denn nicht, lieber Herr Plana? Als Indie-Autorin stehen mir alle Wege offen. Ich entscheide selbst, welchen davon ich gehen möchte. Ich habe mich sehr lange damit auseinandergesetzt und mich ganz bewusst dafür entschieden. Tatsächlich hat kein Verlag jemals ein Exposé des Romans gesehen. Böse Zungen mögen jetzt munkeln, dass es die Angst vor dem Scheitern ist, die mich davon abgehalten hat. Ich will nicht abstreiten, dass dieser Aspekt anfangs eine Rolle gespielt haben könnte. Inzwischen jedoch habe ich genug positives Feedback erhalten, um meine Position als Selfpublisherin selbstbewusst vertreten zu können. Wenn jetzt ein Verlag anklopfen und mir ein Angebot unterbreiten würde, müsste ich schon sehr genau darüber nachdenken, ob ich es annehme.“

„Ich bin wohl ein ewig Gestriger“, gab ich zu. „Selfpublisher, eBooks und der ganze Kram sind für einen alten Bibliothekar weder im Kopf noch im Regal leicht einzuordnen. Entschuldigen Sie, Rebekka.“

Ich gab Rebekka ihr Buch nun doch zurück. Im matten Licht des Antiquariats fiel ihr nicht auf, dass meine Freunde in den Regalen einen kleinen Zaubertrick vollführt hatten. Egal ob Indie oder nicht: Das Buchland mochte ganz offensichtlich die Wikinger in diesem Buch, denn die Brauntöne auf dem Buchcover hatten sich in ein dezentes Grün verwandelt. Auch das Motiv war nun ein anderes. Die verschnörkelten Buchstaben kündeten nun von einem neuem Abenteuer und „Von den Hütern der Schlange“.

„Wie lebt es sich denn bei einer Wikinger-Autorin?“, fragte ich beiläufig. „Hängen im Haus überall Holzschilde und Schwerter rum?“

„Ich muss Sie leider enttäuschen, werter Herr Plana. Ich lebe nicht in einem Skáli (so nannten die Nordmänner ihre Langhäuser) und schlafe auch nicht mit meinen Angehörigen auf Fellen auf einer Schlafbank. Wir, das heißt mein Mann, unser Sohn, der Hund und ich, leben ganz stinknormal in einem Einfamilienhäuschen in einem Neubaugebiet in der Nähe von Köln. Wir haben das Haus erst letztes Jahr fertig gebaut, leben also gewissermaßen noch halb auf einer Baustelle. Das einzige Zugeständnis an mein großes Interessensgebiet ist ein Wikingertrinkhorn in unserem Wohnzimmerschrank.“ Rebekka machte eine kurze Pause und gestand dann mit einer entschuldigenden Geste: „Allerdings besuchen wir sehr gerne Mittelaltermärkte und tauchen ein in frühere Zeiten. Gerade zur Weihnachtszeit üben diese Spektakel einen besonderen Reiz auf mich aus.“

„Das hört sich irgendwie alles ein wenig nach Hobby an. Ist das Schreiben für Sie noch kein Beruf?“

Rebekka schüttelte den Kopf. „Wenn ich nicht schreibe, gehe ich meiner Arbeit als Sozialarbeiterin nach, denn leider kann ich allein von den Buchverkäufen (wie die meisten) nicht leben.“

„Das ist bedauerlich“, sagte ich, „aber in Zeiten, wo Urheberrecht kaum noch was wert ist … Denken Sie auch, dass ein gedrucktes Buch immer noch den besten Kopierschutz bietet? Oder mögen Sie die digitalen Ausgaben Ihres Werks lieber?“

Rebekka dachte mit furchtsamem Blick auf die vielen Bücher gründlich nach, bevor sie antwortete. „Ich gehöre zu jenen, die ein echtes Buch in den Händen zu schätzen wissen, aber ich bin auch dankbar für die digitalen Medien. Mein eigenes Buch in den Händen zu halten ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl, viel schöner, als es auf einem E-Reader zu betrachten. Und ein Haus ohne Bücher ist für mich sowieso ein leeres Haus. Deshalb biete ich meine Bücher sowohl in gedruckter, als auch in digitaler Form an. Ich selbst habe meine Lieblingsbücher gerne zum Anfassen um mich herum – jedoch lese ich sie inzwischen lieber auf meinem Reader, weil er so schön praktisch und handlich ist. Anfangs war ich sehr skeptisch, ob diese Technik sich überhaupt durchsetzen würde. Inzwischen gehöre ich zu jenen, die davon profitieren. Die eBook-Ausgabe meines Romans verkauft sich um ein Vielfaches besser, als die gedruckte.“

„Schöne neue eBook-Welt“, murmelte ich. Das Mittelalter verpackt in einem Gerät der Zukunft. Unabhängig. Independent. Ich gestattete mir ein Seufzen. „Ich werde mich wohl nie mit diesen Dingern anfreunden können.“ Ich schüttelte diese Gedanken ab und konzentrierte mich wieder auf diese nette Person vor mir. „Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen, Rebekka Mand. Ich weiß, Ihre Nordmänner sind was ganz Besonderes. Ich bin schon ganz gespannt auf den Print Ihrer Hüter der Schlange …“

Erstaunt unterbrach sie mich: „Woher wissen Sie von meinem neuen …?“

Ja huch, da hätte ich mir doch beinahe meinen kleinen magischen Scherz versaut.