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Chaos und Ordnung

Der Tag war noch jung und frisch, als ich das Antiquariat betrat. Beatrice stand am rückwärtigen Verkaufsregal und räumte eines der Bretter leer. Die Bücher, aus ihrem staubigen Schlaf geweckt, stapelten sich nun auf dem Tresen neben der Kasse, warteten ungeduldig darauf, wieder zurück an ihren Platz gestellt zu werden.
Beatrice“ sagte ich verwundert, „was treiben Sie da?“
Ich mache sauber!“ Es klang tatsächlich etwas vorwurfsvoll. „Herr Plana, wann haben Sie das letzte Mal einen Lappen in der Hand gehabt?“
Einen Lappen?“ Ich war tatsächlich leicht perplex und das brachte mich in eine ungewohnte Defensive. Ich versuchte mich in einer Rechtfertigung: „Das ist ein Bücherantiquariat. Da gehört eine leichte Staubschicht zum guten Ton.“
Ich glaube nicht, dass eine Staublunge zu den üblichen Berufskrankheiten einer Buchhändlerin gehört.“
Dem konnte ich nicht widersprechen. Außerdem war sie ja meine Angestellte. Es war schließlich ihre Aufg …
Sie können sich den Staubwedel nehmen“, unterbrach sie meine Gedankengänge.
Just in diesem Augenblick bimmelte das Türglöckchen.
Eine Frau und ein Mann gesellten sich zu uns. Die Tatsache, dass sie Hand in Hand in den Laden kamen, verriet mir schon einiges. Doch ich nahm mir die Muße, sie eingehender zu betrachten.
Sie war mittelgroß, ziemlich schmal von Statur, hatte dunkelbraune Haare und ein sehr markantes Tattoo auf dem nackten Oberarm. Sie machte einen freundlichen, sympathischen Eindruck, wenngleich sie mir etwas träumerisch, entrückt vorkam.
Ihr Begleiter wirkte etwas kräftiger. Sein ebenfalls braunes Haar zeigte allerdings schon ein paar unschmeichelhafte, gräuliche Einschläge. Seine intelligenten Augen blitzten hinter runden Brillengläsern.
Beatrice schickte sich an, den Lappen aus der Hand zu legen. Doch da der Staubwedel für mich keine Option war, bedeutete ich ihr, dass sie mit ihrer Arbeit ruhig fortfahren könne.
Was kann ich für Sie tun?“
Man hat mir gesagt, dass sie neuerdings auch aktuelle Titel im Sortiment haben“, sagte der Mann. Ich wusste es noch nicht richtig einzuschätzen, aber irgendwie erschien mir das Gesagte herausfordernd und lauernd. „Und … Außerdem hat man mir gesagt, dass Sie Ihren Kunden an der Nasenspitze ansehen können, welches Buch Sie gerne hätten.“
Um mich herum setzte das Wispern der Bücher ein. Ich lauschte.
Das klappt nie, Heinz“ flüsterte die Frau ihrem Liebsten zu.
Wart’ ab, Judith“, raunte der Mann zurück.
Das Flüstern um mich herum verebbte. Nun wusste ich mehr. „Ich gehe recht in der Annahme, dass sie gerne einen Roman hätten? Vielleicht etwas aus der Fantastik?“
Misstrauisch und zögerlich nickte Judith. Heinz setzte ein triumphierendes „Hab-ich-doch-gesagt-Lächeln auf.

Es war für die beiden alles nur ein Spiel. Sie wollten nicht wirklich dieses Buch kaufen. Sie wollten nur wissen, ob ich es in meinem Sortiment führe. Wenn es doch immer so einfach wäre, Menschen glücklich zu machen! Ich ließ mich auf das Spiel ein und tat so, als würde ich nach einem passenden Buch suchen.
Entschuldigen Sie das Chaos. Meine Mitarbeiterin macht gerade etwas Ordnung.“ Jetzt griff ich fast blind in eine Auslage. Das entsprechende Buch hüpfte mir fast in die Hand. „Das hier dürfte genau das Richtige für Sie sein“, sagte ich süffisant lächelnd und reichte das Werk an die Frau. „Von J.H. Praßl. – dürfte ganz Ihr Geschmack sein.“

zu Besuch im Antiquariat: Andrea Bottlinger

Im AntiquariatNatürlich weiß ich, dass ich kein einfacher Mensch bin. Schon gar nicht, wenn ich erkältet bin. Und ich war nicht nur erkältet. Ich hatte eine schwere Grippe. Vielleicht stand ich auch schon kurz vor dem Ableben. Beatrice hätte das doch sehen müssen. Ich brauchte heißen Tee, meinen Ohrensessel und eine Decke. Gegen treue Fürsorge hätte ich auch nichts gehabt. Irgendwas, das mir gezeigt hätte, dass …
„Seien Sie nicht so wehleidig!“ Ich kommentierte Beas Aussage mit einem missmutigen Schniefen. Dann schnäuzte ich demonstrativ geräuschvoll meine verstopfte Nase. Mit dem anschließenden Versuch durch Selbige einzuatmen, erntete ich trotzdem nur mäßigen Erfolg.
Beatrice ließ sich davon nicht beeindrucken. „Lesen Sie was, dann geht es Ihnen bestimmt was besser. Es lenkt Sie von Ihrem Selbstmitleid ab.“
„Ich kann doch jetzt nicht’s les’n“, klagte ich, „wenn mir so die Aug’n trän’n. Ich kann mich auch gar nicht‘ konzentrieren.“
„Ein Groschenheft oder was Fan-Fiction strengt Ihre Hochliteratur gewöhnten Synapsen bestimmt nicht zu sehr an.“ Sie schnappte sich im Vorbeigehen ihren Mantel und schickte sich an zu gehen. Sie wollte tatsächlich erbarmungslos Feierabend machen und mich in meinem Antiquariat alleine lassen.
„Fan-Fiction? Ich habe doch keine Ahnung von sowas“, rief ich meiner Angestellten hinterher. Als ich ihr aus dem Arbeitszimmer in den Laden nachhinkte, sah ich gerade noch, wie sich die Tür hinter ihr schloss. „Fan-Fiction“ ich seufzte. „Nichts für mich.“

In diesem Moment öffnete sich die Tür. Eine verspätete Kundin, wie mir schien. Beatrice hatte offensichtlich beim Gehen nicht zugesperrt.
„Wir haben geschlossen“, knurrte ich, bevor ich richtig hingesehen hatte. „Wegen Krankheit“, schob ich vorwurfsvoll nach. „ich soll mich mit Fan-Fiction kurieren. Das kann dauern. Kommen Sie doch morgen wieder …“ Alter Mann, du hast keine Manieren. Mit Mühe zwang ich mich zu etwas mehr Freundlichkeit. Ich schaffte sogar ein gequältes Lächeln und musterte die junge Dame, die da vor mir stand. Sie blinzelte durch eine verkratzte Brille, das braue Haar hing ihr wirr ins Gesicht. Dazu kamen eine schwarze Hose und ein schwarzer Pulli, auf dem irgendwas über Zombies stand.
Ich räusperte mich. Wie mochte ich in ihren Augen aussehen? Wie ein grantiger Kauz? Irgendwie musste ich aus der Nummer rauskommen. „… es sei denn, Sie verstehen was von Fan-Fiction.“
„Zufälligerweise tue ich das tatsächlich. Ich habe mich in meiner Magisterarbeit unter anderem damit beschäftigt und in mehreren Büchern, die ich zusammen mit meinem Kollegen Christian Humberg geschrieben habe. Also nicht nur damit. Aber Fan-Fiction ist ein wichtiger Teil des Fanseins. Wenn einen ein Werk wirklich begeistert, dann möchte man oft eigene Geschichten in der entsprechenden Welt oder mit seinen Lieblingscharakteren erfinden.“
Das änderte natürlich alles. Das Buchland hatte mir mal wieder den passenden Gast geschickt. Schlagartig vergaß ich meine Beschwerden, schaltete mein Hirn auf „erwartungsvoll“. Ohne große Mühe schüttelte ich mein Missbefinden ab und fragte drauf los: „Sie scheinen eine Fachfrau für sowas zu sein. Sind Sie Autorin, Lektorin oder Herausgeberin? Darf ich Ihren Namen wissen?“
„Ich heiße Andrea Bottlinger und bin sowohl Autorin als auch Lektorin und hin und wieder auch Übersetzerin, vor allem im Bereich Fantasy, Horror und Science-Fiction.“
Das war wohl reinste Buchland-Magie! Fan-Fiction wurde gerade ein zunehmend interessantes Thema für mich. Nein, korrigierte ich mich. Mein Gast wurde zunehmen interessant. „Sie schreiben aber bestimmt nicht nur Literatur dieser Gattung, oder?“
„Also, Fan-Fiction schreibe ich gar nicht. Ich schreibe zum einen lustige Sachbücher über Fans und das Fandom. Da kommt Fan-Fiction gerne mal vor. Mit ‚Geek Pray Love‘ haben mein Co-Autor Christian Humberg und ich sogar den Deutschen Phantastik Preis gewonnen. Ansonsten bin ich die Exposéautorin der Horror-Reihe ‚Dorian Hunter‘, schreibe auch hin und wieder Hörspiele und habe den Urban Fantasy Roman ‚Aeternum‘ so wie die Cyberpunk-Reihe ‚Beyond‘ verfasst.“
Ich humpelte zum nächstbesten Verkaufsregal und natürlich fand ich direkt was ich suchte: Die Bücher von Andrea Bottlinger. Eine sechsbändige Reihe mit dem Titel Beyond, ein Taschenbuch namens „Aeternum“ und … einige Hefte. „Blah!“ Nein, das war keine Aussage meinerseits, sondern das, was dort als Überschrift stand.
„Blah?“, fragte ich.
„Dass das noch jemand kennt. Haben Sie die selbst ausgedruckt? Die gab es nämlich eigentlich nur als PDF. Das war ein Kurzgeschichten-Magazin, das ich als Studentin herausgegeben habe. Das hat sehr viel Spaß gemacht, nur leider hat mir irgendwann die Zeit gefehlt.“

„Jetzt haben ich Sie schon so ausgequetscht, Andrea. Ich habe ganz vergessen zu fragen, was Sie in meinen Laden geführt hat. Was kann ich für Sie tun?“
„Haben Sie ‚Lye Street‘ von Alan Campbell? Die Printversion war eine limitierte Ausgabe und irgendwann nur noch gebraucht für über 50 Euro zu haben. Inzwischen kriegt man es natürlich als eBook, aber Bücher, die mir wichtig sind, habe ich gerne im Toten-Baum-Format. Da weiß ich, dass ich sie auch in 30 Jahren noch lesen kann.“
Ah! Eine Frau, die die Vorzüge des Gedruckten zu erkennen weiß. „Ein dünneres Büchlein, wenn ich mich recht entsinne. Was für eingefleischte Leser der Dark Fantasy, oder? Ich finde, dass die Vorlieben in der Literatur viel über einen Menschen aussagen. Ich werde morgen mal in meinen Keller gehen und nachsehen, was ich für Sie tun kann. Schauen Sie dann doch einfach nochmal vorbei.“ Mit einem kurzen Lächeln flocht ich eine Pause ein. Jetzt wollte der Mann im Antiquariat mal beraten werden: „Meine Bea -äh- meine Mitarbeiterin hat mir empfohlen, dass ich etwas Fan-Fiction lesen soll. Was würden Sie mir empfehlen?“
Fanfiction-Empfehlungen? Das ist schwer. Aber es gibt eine Harry Potter Fanfiction, von einer Autorin und Künstlerin, die ich auch für ihre eigenen Werke sehr schätze. Der Text hat keinen Titel und ist von Ursula Vernon.“ Frau Bottlinger hob ein wenig das Kinn, betrachtete mich abschätzend. „Ich weiß wenig über Ihren Lesegeschmack, und normalerweise versuchen ich Bücher zu empfehlen, die mein Gegenüber tatsächlich mögen könnte. Aber Sie sehen mir aus wie ein Neil-Gaiman-Mensch. Versuchen Sie es zur Genesung vielleicht mal mit dem ‚Ozean am Ende der Straße‘. Das ist zwar keine Fan-Fiction, aber …“

Ich war wieder allein in meinem Antiquariat. Mein Unterbewusstsein teilte mir mit, dass ich mich vorhin wegen irgendwas unwohl gefühlt hatte. Doch dann war ich in den Keller gegangen, hatte drei Bücher geholt: Campbell, Gaiman und selbstverständlich Bottlinger.  Den Gaiman-Roman hob ich mir allerdings für später auf. Jetzt las ich erst mal amüsiert in ‚Geek Pray Love‘.
Dabei griff ich, ohne es recht zu merken, vollkommen unbewusst, nach einem Taschentuch. Keine Ahnung, warum.

Zu Besuch im Antiquariat: Richard Dübell

Bibliothek zu BabelNatürlich war es mir schon früh aufgefallen: Beatrice wollte pünktlich Feierabend machen. Sie räumte zeitig auf, wischte zwischen den Füßen der letzten stöbernden Kunden den Boden und zählte bereits eine Stunde vor Ladenschluss das Geld in der Kasse. Ich wäre nicht ich gewesen, wenn ich mir daraus nicht einen Spaß gemacht hätte, sie deshalb mit immer neuen Aufgaben zu behelligen. So schnell hatte sie noch nie Staub gewischt, die Auslage umsortiert und die Deckenlampe poliert. Naja, Letztere hatte sie eigentlich noch nie säubern müssen. Das hatte den Effekt, dass Beatrice begriff, dass ich Schabernack mit ihr trieb. Außerdem war es nun ungemütlich hell im Verkaufsraum. Beatrice klappte die Leiter zusammen, steckte den Lappen in den Putzeimer und schaute mich mit blitzenden Augen an. „Fällt Ihnen noch eine Schikane ein? Oder kann ich jetzt endlich gehen?“
Vorsicht Fräulein! Ich bin der Chef, dachte ich. Obendrein benahm ich mich gerade wie ein ausgemachtes Arschloch, bescheinigte ich mir. „Schikane?“ Ich tat harmlos. Doch dann zwinkerte ich ihr verschmitzt zu. „Wo soll’s denn heute hingehen?“
„Krimidinner. 19.00 Uhr! Ingo lädt mich ein.“
Ah, diese fast noch neumodischen Veranstaltungen mit mörderischen Literaturbezug. Nichts für mich. Ein guter Killer gehörte für mich zwischen die Seiten eines Buches gepresst. Trotzdem griff ich in die Kasse und zog ein paar Scheine heraus. „Hier“, hörte ich mich sagen. „Das Dessert geht auf mich. Grüßen Sie Ihren Mann von mir.“

Als Beatrice gegangen war, griff ich ins Fach unter dem Tresen. Irgendein Buch, das mir am Abend die Einsamkeit vertreiben sollte. Als ich die Buchstaben auf dem Deckel las, zog ich überrascht eine Augenbraue hoch. „Waverley oder ’s ist sechzig Jahre her“ Ein historischer Roman von Sir Walter Scott. Die Originalausgabe, die ich gerade in der Hand hielt, war so alt, dass sie selbst zum Gegenstand eines historischen Romans werden könnte. „Historische Romane“, sagte ich zu den Büchern um mich herum, „wären auch mal ein Thema zum Plaudern.“
Im selben Moment betrat ein Mann mein Antiquariat. Die sportliche Gestalt in Sportsakko, Hemd und Jeans gekleidet, hätte mit diesem ergrauten Ivanhoe-Bart vermutlich ebenso gut in ein mittelalterliches Gewand gepasst. Doch die Bikerstiefel starteten eine andere Assoziationskette in mir.
„Grüß Gott“, sagte er.
Natürlich bemühte ich mich um eine gleichwertige Antwort: „Gott zum Gruße.“ Ich musterte ihn nochmals und entschied mich dann, sein überaus freundliches Lächeln zu erwidern. „Ich tippe mal darauf, dass Sie Schriftsteller sind.“ Auf die spezielle Magie meines Buchlands konnte ich mich doch immer verlassen. „Um genau zu sein, dürften Historienromane Ihre Passion sein.“ Ich deutete auf meine Waverley-Ausgabe. „Wo in meinem Bücherregal finde ich Ihre Werke? In der Nähe von Ken Follet, neben Rebecca Gablé, Noah Gordon oder doch eher bei Alfred de Vigny?“
Mein Gast bemühte sich um ein sauberes Hochdeutsch. Doch er konnte nicht mal im Ansatz seinen niederbayrischen Dialekt abstellen. „Meine Bücher finden Sie vermutlich zwischen Raymond Chandler und Andreas Eschbach, was aber hauptsächlich daran liegt, dass mein Nachname mit D beginnt. Abgesehen davon würde ich mich auch rein schriftstellerisch geehrt fühlen, dort zu stehen, denn Chandler ist eines meiner großen Vorbilder, und Eschbach finde ich als Kollegen sehr sympathisch – ein hervorragender Erzähler am Abendessentisch mit trockenem Humor und dem gleichen Rotweingeschmack…
Ich würde mich aber auch neben Ken Follett wohlfühlen wegen des hohen Tempos in seinen Romanen, neben George MacDonald Fraser wegen seiner Fähigkeit, Historie und Story untrennbar miteinander zu verknüpfen, neben Stephen King wegen seiner lebensnahen Charakter und neben Terry Pratchett wegen seines überschäumenden Humors und der tiefen Menschlichkeit, die in seinen Geschichten aufscheint. An einen der zynisch-sozialkritischen Schmöker von Tom Wolfe würden sich meine Bücher auch gern mal ankuscheln.“
Das waren allerhand Hinweise. Ich sortierte sie geistig. Ein Autor aus Bayern mit einem D am Anfang … Eschenbach … Chandler … Dann kombinierte ich und wagte einen Schuss ins Blaue: „<a href=“http://www.duebell.de/“>Richard Dübell</a>? Sie sind Richard Dübell?“ Ein Nicken als Antwort. Also streckte ich ihm die Hand und neigte anerkennend mein Haupt. „‚Der Tuchhändler‘, ‚Die Teufelsbibel‘, ‚Der Jahrhundertsturm‘ und noch einige andere Bücher sind mir in angenehmer Erinnerung. Ich hätte gedacht, dass Sie älter si-“ ich unterbrach mich selbst und korrigierte dann die Richtung, in die das Gespräch gehen sollte. „Was steht für Sie denn an erster Stelle? Der Unterhaltungswert? Oder sind Sie ein großer Erklärer vergangener Zeiten? Sehen Sie einen Lehrauftrag im historischen Roman?“
Dübell verschränkte die Arme hinter dem Rücken und begann damit ein Wenig auf und ab zu gehen. „Für mich gibt es da keine Priorität. In einem historischen Roman müssen vier Dinge unbedingt eine Einheit bilden: die Epoche, der Ort der Handlung, die Story und die Charaktere. Ich halte es für falsch, eine x-beliebige Geschichte nur deshalb zum Beispiel ins Mittelalter zu versetzen, weil das Mittelalter gerade in ist. Oder mit Charakteren zu arbeiten, deren persönliche Entwicklung gegen jede historische Wahrscheinlichkeit geht, oder tatsächlich historische Persönlichkeiten ihres Wiedererkennungswertes agieren zu lassen, sich dann aber nicht die Mühe zu machen, sie so ‚echt‘ wie möglich zu gestalten. Oder – wenn man sich als historischer Autor einen schönen Handlungsort wie zum Beispiel Venedig aussucht, dann eine Geschichte zu erzählen, die auch überall anders hätte spielen können. Ich gebe mir immer die größte Mühe, alles so miteinander zu verweben, dass eine organisch wirkende Einheit daraus entsteht. Nur dann habe ich das Gefühl, meine Leserinnen und Leser nicht betrogen zu haben.
Daher sehe ich auch den Unterhaltungswert und den zweifellos vorhandenen Lehrauftrag des historischen Romans auf gleicher Höhe. Ich weiß, dass der Markt speziell den pädagogischen Wert nicht immer so ernst nimmt, sonst würden nicht zuweilen historische Romane Bestseller werden, bei denen die Integrität von Dramaturgie und Historie nicht so ganz stimmig ist. Aber was mich betrifft, werde ich meinen diesbezüglichen Standard nicht senken. Natürlich kann es vorkommen, dass der Ablauf geschichtlicher Ereignisse nicht ganz zur Dramaturgie passt. Meistens ist das der Fall, wenn die historischen Geschehnisse zu komplex sind oder zu langsam ablaufen. In solchen Fällen gestatte ich mir, die Dramaturgie über die historische Detailgenauigkeit zu stellen; und erkläre die Abweichungen dann im Nachwort. Bei der Konzeption meiner Geschichten versuche ich solche Konflikte aber schon von Haus zu vermeiden.“
„Der Weg zum Sachtext ist aber dennoch nicht weit, oder?“
Dübell blieb stehen und drehte sich zu mir um. „Sagen wir mal so – aus dem, was man bei den Recherchen herausgefunden hat, lassen sich jederzeit schöne, faktenreiche Sachtexte ableiten. Ich recherchiere ja nicht nur im Internet oder in Büchereien, sondern spreche&nbsp; vor Ort mit Historikern und Archivaren, besuche alle wichtigen Handlungsorte meiner Romane und mache auch ganz praktische hands-on-Recherche – historische Kochrezepte, die ich nachkoche, oder die Anfertigung historischer Gewänder, das Schwertkampftraining usw… Da kommt dann schon eine große Menge Fachwissen zusammen. Ab und zu habe ich die Möglichkeit genutzt, dieses Fachwissen in historischen Artikeln bei PM History auszubreiten, was immer jede Menge Spaß gemacht hat, besonders weil ich den ironischen Unterton, den ich in meinen Romanen anwende, auch in den Artikel beibehalten durfte.“
Geschichtliche Sachtexte für ein hochwertiges populärwissenschaftliches Magazin – ja, ich konnte mir gut vorstellen, dass das diesem Herrn lag.

Ich legte meinen Kopf schief und lauschte dem speziellen Wispern der Bücher, das nur ich hören konnte. Meine Freunde flüsterten mir etwas ungeduldig zu. Ich verstand den Namen nicht auf Anhieb. Doch dann entfuhr es mir beinahe entsetzt: „Perry Rhodan!“
Herr Dübell verstand meinen Ausruf als Frage und antwortete geflissentlich: „Ohne Perry Rhodan würde ich nicht hier stehen – oder den schönsten Beruf der Welt ausüben dürfen. Perry Rhodan hat mich zum Schreiben gebracht. Ich habe als Teenager und großer Perry-Rhodan-Fan zweimal bei Kurzgeschichtenwettbewerben des Pabel-Verlags mitgemacht und beide Male den ersten Preis gewonnen. Das hat mich motiviert, mich weiter mit dem Geschichtenerzählen zu befassen, und auch in Kontakt mit vielen anderen Fans gebracht, die gleichermaßen vom Schreiben begeistert waren.
Andreas Eschbach stammt aus dem Perry-Rhodan-Milieu; mit dem heutigen Chefredakteur von Perry Rhodan, Klaus N. Frick, habe ich damals auf Fan-Treffen ganze Nächte durchdiskutiert. Ich hege keine Scheu vor Groschenheften. Mir kommt es darauf an, dass eine Geschichte integer und gut erzählt ist. Solche Perlen lassen sich auch in Groschenheften finden; genauso wie sich nachlässig und schlampig hingeworfene Stories zwischen teuren Buchdeckeln finden. Ich habe es als große Ehre empfunden, 2012 als Gastautor zu einem Perry-Rhodan-Roman eingeladen worden zu sein. Der Band Nr. 2659 ist daraus entstanden. Er nimmt einen sehr stolzen Platz in meinem Buchregal ein. Derzeit bin ich in Gesprächen mit der Redaktion, einen weiteren Gastroman zu übernehmen.
Man könnte jetzt natürlich einwenden, dass zwischen Science Fiction und History schon ein extrem weiter Spagat nötig ist. Aber die Unterschiede sind gar noch so gewaltig. Beide Romangattungen spielen in Epochen und an Orten, die uns heutigen Lesern möglicherweise total fremd sind, die auf irgendeine Weise erklärt werden und in denen besonders lebensnahe Charaktere auftreten müssen, damit man als Leser über die Fremdartigkeit des Settings hinwegkommt.“

„Sie scheinen mir ein literarischer Tausendsassa zu sei“, sagte ich anerkennend. „Mittelalter in Kombination mit Futurismus. Und in der Gegenwart sind Sie bestimmt auch sehr aktiv. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie … wie soll ich sagen? … eine ziemliche Rampensau sein können.“
Die Auswahl meiner Worte schien meinen Gast nicht zu stören. Er redete gerne. „Es macht mir Spaß, mit Menschen in Kontakt treten zu können – und Geschichten zu erzählen. Ich liebe es, soviele Sinne wie möglich anzusprechen, nicht zuletzt, weil auch bei mir, wenn ich Geschichten oder Veranstaltungskonzepte erfinde, alle Sinne am Arbeiten sind. Dieses schöne Erlebnis möchte ich meinen Lesern/Gästen auch bieten. Meine Lesungen sind daher multimediale Auftritte, in denen ich meine Texte auf der Bühne mehr spiele als lese und den Vortrag mit Video-, Musik- und Geräuscheffekten unterstütze. In meiner Heimatstadt Landshut biete ich seit über zehn Jahren eine sehr erfolgreiche Erlebnisstadtführung mit kostümierten Schauspielern und der Einbeziehung der Teilnehmer an. Ein mittelalterliches Krimibankett, an das ich mich vor ein paar Jahren gewagt habe und das für 4 Aufführungen konzipiert war, wird kommenden März seine 25. Vorstellung erleben, und wir sind immer noch innerhalb weniger Tage ausverkauft, wenn wir die neuen Termine bekanntgeben. Schön ist es natürlich auch, wenn das Fernsehen sich für einen interessiert; nicht nur, um einen Bericht über einen zu bringen, sondern um eine Zusammenarbeit zu finden. Eine Reihe über außergewöhnliche historische Ereignisse, die ich im Auftrag von Pro7 konzipiert habe, wurde leider in letzter Minute doch nicht produziert; aber dafür habe ich einen Beitrag über Mittelaltermedizin für Welt der Wunder geschrieben und arbeite an einem weiteren über Wikinger. Und auch wenn Steven Spielberg noch immer nach meiner Telefonnummer sucht, tut sich was beim Thema Verfilmung. Das Bayerische Fernsehen verhandelt zur Zeit mit einer deutsch-österreichischen Produktionsfirma über die Verfilmung des ‚Tuchhändlers‘. Auf internationaler europäischer Ebene führe ich Gespräche über die mögliche Verfilmung weiterer historischer Romane.
Ich tue derzeit außerdem etwas, was mich mit großer Freude erfüllt – ich gebe in mehreren Klassen am hiesigen Gymnasium Aushilfsunterricht in Kunst. Ich habe bereits in der Vergangenheit ‚Schreiben‘ als Wahlfach angeboten, aber jetzt bin ich als Seiteneinsteiger in den richtigen Lehrbetrieb integriert, um eine in Mutterschutz gegangene Lehrerin zu vertreten. Jeder hat ja so seine Erinnerung an die Schule, als man selbst noch Schüler war. Jetzt die Chance zu bekommen, all das richtig zu machen, was man damals als falsch gemacht empfunden hat, ist ein großes Geschenk.“

„Irgendwie machen Sie alles“, stellte ich erstaunt fest.
„Nein“, sagte mein Gast. Dabei lächelte er vielsagend. „Wirklich nicht. Um Gotteswillen. Aber wenn ich was finde, was ich kann …“ Er schaute nun demonstrativ auf seine Armbanduhr. „Und deshalb muss ich jetzt sausen.“ Dübell hatte schon die Tür erreicht, als er sich nochmals zu mir umdrehte. „Vielen Dank fürs Zuhören!“
Ein eiliger Besuch. Aber sehr informativ. Ich schaute auch meine Uhr. Ja. Gleich 1900 Uhr. Um 19.00 Uhr würde für Beatrice das Krimidinner anfangen … Ich war mir gerade ziemlich sicher, wer dort der Hauptakteur sein mochte.

zu Besuch im Antiquariat: David Safier

Im AntiquariatKurz nachdem ich an diesem Morgen die Ladentür aufgesperrt hatte, lief ich mit dem Gesicht in ein Spinngewebe, das im Türrahmen hing. Wenn ein Tag so anfängt, dann setzt man seine Erwartungen für den weiteren Verlauf ziemlich niedrig an. Meine Laune war auf jeden Fall mit einem Schlag auf dem Tiefststand. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass die Kaffeemaschine kaputt war. Koffeinentzug kann für einen alten Mann wie mich ziemlich hart sein.
Ich grummelte leise fluchend in meinen nicht vorhandenen Bart und wischte mir mit leidlichem Erfolg die klebrigen Spinnfäden von der Stirn. „Wenn ich das kleine Miststück erwische …“
Natürlich gehören kleine, achtbeinige Krabbelviecher in einem Buchantiquariat quasi zum Inventar. Ihre Netze musste man als Deko betrachten. Sie waren unabdingbar, wie eine dünne Schicht Staub auf den Regalen und etwas nasser Sand im Fußabtreter. Aber trotzdem! „Wenn ich das kleine Miststück …“, wiederholte ich mich, „… erwische!“
In diesem Moment sah ich den Missetäter. Auf einem Tisch voller Bücher hatte es sich die Spinne auf einem kostbaren Folio mit dem Titel „Mr. William Shakespeare’s Comedies, Histories and Tragedies“ bequem gemacht.
Ich widersetzte mich dem Drang, das Tier sofort platt zu machen. Ein Blutfleck auf dem Buch wäre unverzeihlich. Ich holte mir also ein Glas, stülpte es über das Insekt und setzte es auf diese Weise gefangen. Dann beugte ich mich darüber und sagte, nicht ohne Häme: „Nicht dein Tag heute.“
Die Ladentür öffnete sich hinter mir. Schritte kam heran und ein Mann trat neben mich. Amüsiert lächelnd schaute auch er in das gläserne Minigefängnis. Das Spinnchen schaute zurück. „Da hat wohl jemand mieses Karma.“
Mit der Zeit hatte ich es verlernt, an Zufälle zu glauben. Ich richtete mich auf, musterte den Ankömmling und erkannte ihn beinahe sofort. „Safier?“, fragte ich überrascht. Meine Laune besserte sich schlagartig. Welche Ehre! „David Safier?“
„In persona.“

Tja, manchmal hat man geringe Erwartungen an den Tag und wird dann umgehend eines besseren belehrt. Das Buchland hielt für mich doch immer die richtigen Aufmunterungen bereit.
Und so plauderten mein Gast und ich ein wenig. Etwas Smalltalk. Doch im weiteren Verlauf des Gesprächs stellte ich fest, dass mir da ein paar Fragen auf der Zunge brannten. „Sie sind ein äußerst erfolgreicher Drehbuchautor. Adolf Grimme Preis, Emmy, deutscher Fernsehpreis. Dann ging es von der Mattscheibe fort zum gedruckten Buch: Das Romandebüt ‚Mieses Karma‘ traf den Nerv der Leser. Wo war das Hochgefühl größer? Zu sehen, wie die ersten selbstverfassten Dialoge verfilmt wurden? Oder das erste gedruckte Buch in den Händen zu halten? Oder war es von Anfang an nur reines Geschäft und Brotjob?“
Herr Safier lehnte lässig am Verkauftresen und strich sachte über das zerfurchte Holz der Tischplatte. Er mochte anscheinend das Holzwurm-Design. „Hach, Herr Plana, man kann doch nicht für Brot und Butter schreiben, das muss schon von Herzen kommen. Sie verkaufen Ihre Bücher doch auch von Herzen! Ein Hochgefühl haben mir beide Sachen bereitet. Und da gibt es ja viele Stellen im Prozess, wo man es bekommen kann. Zum Beispiel sieht man ja schon Drehmuster lange bevor Sachen auf die Mattscheibe kommen, oder man sieht sein Buch im Verlagskatalog, bevor es in die Läden kommt.“ Er machte eine kurze Pause. Dann betonte er: „Alles ist sehr aufregend.“
Im Regal neben mir fand ich eine Taschenbuchausgabe von „Jesus liebt mich“. Da lag es vollkommen verkehrt, denn zwischen den Schmuckausgaben vom Alten und Neuen Testament hatte es gewiss nichts zu suchen.
„Es folgten ziemlich kurz hintereinander die Romane ‚Plötzlich Shakespeare‘, ‚Happy Family‘ und ‚Muh!‘. Wenn ich diese Bücher hier im Laden einsortieren müsste, würde ich Sie wohl ins Genre Fantasy stellen. Obwohl: Elben und Orks kommen nicht drin vor und die obligatorische Landkarte einer frei erfundenen Welt sucht ein argloser Leser auch vergebens. Soll ich Ihre Bücher lieber der Komödie zuordnen?“
Ich erntete ein Lachen. „Tja, ein Mann im Verlag sagte zu mir: Du bist ein Autor ‚sui generis‘. Ich hatte natürlich keine Ahnung, was das heißen sollte (habe ja nur in Bremen mein Kleines Latinum gemacht). Er sagte, das bedeute so etwas wie ‚Ein Autor eigener Art‘. Wenn Sie es unbedingt einordnen wollen, würde ich sagen: Ich schreibe Komödien mit fantastischem Einschlag und Herz.“
„Hm, vielleicht sollte ich wirklich mal ein Verkaufsregal mit dem Genre ‚fantastischer Einschlag und Herz‘ einführen“, sagte ich. Insgeheim überlegte ich schon, welche Autoren ich dazu einsortieren könnte. Auf Anhieb fiel mir keiner ein. „Wie schreiben Sie? Exposition, Konfrontation und Auflösung? Sind Ihre Werke 3-Akter oder eher klassische 5-Akter? Folgen Sie einem strengen Plot oder haben Sie eine Ausgangssituation und schreiben dann nach Bauchgefühl?“„Ich habe als Drehbuchautor zwar sehr viel Handwerk gelernt in allen möglichen dramaturgischen Korsetten. Aber ich schreibe lieber drauf los, lasse mich von den Figuren selber entführen. Wie sagte Stephen King, der sicherlich bei Ihnen als großer amerikanischer Beschreiber des kleinstädtischen Amerikas ganze Regale füllt: ‚Wenn ich überrascht bin, was die Figuren tun, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es der Leser auch ist.‘“
Ein schönes Zitat. King und Safier in Beziehung zueinander gesetzt … Ich verwarf den Gedanken, deren Bücher in ein Regal zu stellen genau so rasch, wie er gekommen war.

Ich tippte mit dem Zeigefinger auf das gelbe Taschenbuch und sagte: „Ich habe festgestellt, dass Sie gerne eine weibliche Ich-Erzählerin verwenden. Ist das ein Zufall? Oder möchten Sie damit verhindern, dass Ihre Leser den realen David mit der fiktiven Figur der Erzählung ungewollt verbinden?“
„Nein.“ Herr Safier verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe ja eine ungewöhnliche Sicht auf die Dinge: Ich glaube ja, dass Männer und Frauen gar nicht so unterschiedlich sind. Es wird viele Frauen überraschen, aber auch wir Männer haben Gefühle. Wir können sie nur nicht so gut ausdrücken. Und da es in meinen Romanen viel um Gefühle geht, fällt es mir leichter aus der Perspektive einer Frau zu formulieren.“
Zielpublikum Frau? Ich wusste, dass dieser Mann auch anders konnte. „Nach so vielen lustigen Büchern war ich überrascht, dass Ihnen als nächstes ein Buch wie ‚28 Tage lang‘ aus Ihrer Feder floss.“ Während ich sprach, stellte ich „Jesus liebt mich“ geistesabwesend zurück an seinen alten Platz. „Trotzdem könnte ich mir vorstellen, dass es für Sie persönlich das wichtigste Werk ist. Erzählen Sie mir was darüber?“
Safiers Gesichtszüge wurde eine Spur ernsthafter. „Also grundsätzlich bedeuten mir all meine Bücher viel. Aber bei ‚28 Tage lang‘, einen Holocaust-Roman, spielt natürlich eine große Rolle, dass meine Familie väterlicherseits Opfer der Nationalsozialisten wurde. Mein Vater musste aus Wien fliehen, seine Eltern starben. Aber wichtig war für mich auch das Thema: Im Warschauer Ghetto kann man das Schlimmste sehen, wozu Menschen fähig sind, aber auch das Großartigste. Das hat mich seit über zwanzig Jahren fasziniert, und deswegen habe ich diesen Roman geschrieben.“

Das Glas, in dem sich die Spinne mit erfolglosen Fluchtversuchen abmühte, rückte wieder ins Zentrum meiner Aufmerksamkeit und somit auch der Ausgangspunkt unseres Gesprächs. „Jetzt steht ganz frisch die Fortsetzung von ‚Mieses Karma‘ in den Buchgeschäften. Ich darf also davon ausgehen, dass Sie der ‚Komödie mit fantastischem Einschlag und Herz‘ treu bleiben.“ Ich wartete keine Antwort auf meine rhetorische Frage ab, sondern redete einfach weiter. „Fortsetzungen … Hm, tja. Das schlägt die Brücke zurück zum Film. Sie sind momentan mit Kinofilmen beschäftigt. Ich bin so neugierig! Dürfen Sie mir darüber was verraten?“
„Na, wir sind ja hier in unserem Buchladen unter uns!“ Herr Safier winkte mich ganz nah zu sich heran. Als sich fast unsere Nasenspitzen berührten, flüsterte er: „‚Happy Family‘ wird ein großer Animationsfilm werden, der 2017 ins Kino kommen wird. Und auch an einer Verfilmung für ‚28 Tage lang‘ wird gearbeitet.“

Leider musste Herr Safier irgendwann gehen. Nachdem er den Laden verlassen hatte, nahm ich mir ein Blatt Papier, schob es vorsichtig unter das Glas. Das kleine Spinnengefängnis war nun transportabel.
Das Blatt auf der flachen Hand, die Spinne mittig darauf und darüber das umgestülpte Glas – so trat ich hinaus auf die Straße. Ich schlenderte zur nächsten Blumenrabatte und entließ das Insekt dort in die Freiheit.
Gutes Karma.

Linktipp: Gutes Karma

zu Besuch im Antiquariat: Danise Juno

Buchland

Es war einer dieser Tage. In meinem Kopf zogen sich die Gedanken wie weichgekauter Kaugummi in die Länge. Sortieren. Ich wollte die Bücher hinter dem Kassenbereich neu sortieren. Na ja. Wollen? Das war wohl das falsche Wort. Aber es wurde nötig. Jedoch … Wenn man versucht Autoren und ihre Werke nach einem vernünftigen Schema zu ordnen, stößt man irgendwann an gewisse Grenzen.
In den alten Bibliotheken vergangener Zeiten hatte man es sich einfach gemacht. Man hatte Folio zu Folio gestellt, Quart zu Quart, Oktav zu Oktav. Oder anders gesagt: Man hatte nach Größen sortiert. Angesichts der vielen Millionen Bücher, ist man – oh Wunder – von dieser Methode inzwischen abgekommen. Nach Farben zu sortieren, macht für gewöhnlich ebenso wenig Sinn.
Tja, dann bliebe noch die Möglichkeit nach Genre zu ordnen. Science-Fiction, Horror, Fantasy und so weiter. Das war mein Plan. Doch just in diesem Moment kamen mir die Bücher von Stephen King in die Finger. Der Gute war so ziemlich in jedem literarischen Tümpel mal fischen. Würde ich meinem Plan folgen und nach Genre sortieren, wären seine Bücher in diesem Raum beinahe in allen Regal zu finden.
„Ärks“, entfuhr es mir. Eventuell sollte ich doch lieber nach Nachnamen alphabetisch ordnen. Ja. Alle Kings, die hier im Laden verstreut waren, nebeneinander! Gesagt getan. Meine Laune hatte sich nach vollendeter Arbeit tatsächlich etwas gebessert, meine Hirnwindungen entknotet.
Dann fiel mein Blick auf den kleinen Stapel Bücher, die ich als nächstes einsortieren wollte. Richard Bachmann. „Das ist jetzt wohl ein Scherz“, beschwerte ich mich. Und ich hätte wetten können, dass da irgendwo jemand leise kicherte.

„Warum, vermaledeit nochmal, legen sich Autoren Pseudonyme zu? Bachmann ist King. King ist Bachmann. Das ist doch albern.“ Ich hätte mir meine Frage natürlich selbst beantworten können. Es gab viele Gründe für das Versteckspiel hinter fremden Namen. Aber …
„Vielleicht kann ich was dazu sagen“, sagte eine weibliche Stimme zu mir. Ich drehte mich erstaunt um. An der anderen Seite des Tresens stand eine Frau. Ich schätzte sie vielleicht auf knapp vierzig Lenze, oder so. Sie trug schwarze Jeans, halbhohe schwarze Stiefel mit flachem Absatz und eine dunkelrote Bluse in deren Spitzenärmel ihre Fingerspitzen kaum noch zu sehen waren. Darüber stach eine auffällige doppelreihige Kette aus schwarzen Perlen ins Auge. Die Haare: herbstdunkelrot, frisch geschnittener, kinnlanger Bob, offen, Seitenscheitel. „Markant“, dachte ich, „und selbstbewusst. Diese Frau brauchte bestimmt kein Pseudonym.“ Markant war auch das Make-up: Smoke Eyes und dunkler Lippenstift passend zur Bluse. Das bildete zur blassen Haut einen gewollt starken Kontrast.
„Guten Tag“, sagte ich leicht perplex, „Frau … äh.“
Sie zwinkerte mir mit ihren leuchtend grünen Augen zu: „Juno. Danise Juno.“
„Und, äh, was möchten Sie mir zu Pseudonymen erzählen?“
Sie tätschelte die oberste Ausgabe von „Todesmarsch“, als hätte das Buch etwas Trost verdient. „Es ist ganz und gar nicht albern ein Pseudonym zu verwenden. Manchmal ist ein Autor dazu sogar gezwungen, oder würden Sie einen blutigen Thriller von einer Autorin mit dem Namen Marianne Rosenzweig lesen wollen? Oder eine Liebesschmonzette von Bernhard Zipfelacker? Wie wäre es mit einem Horrorroman von Ingeborg Trautwein?“
Hm, dachte ich, ob sich Samuel Clemens deshalb wie eine Tiefenangabe der Bootsfahrer genannt hat? Mark Twain. Ich verkniff mir diese Randbemerkung. Stattdessen lauschte ich, mit leichtem Amüsement, dem Redefluss meines Gastes.

„Unbewusst verbindet man den Klang eines Namens mit gewissen Erwartungen. Sie brauchen nur an Haustiernamen zu denken. Es gilt inzwischen schon als Scherz seinen Dobermann Püppi zu nennen, weil man damit eher einen niedlichen, stupsnasigen Handtaschenhund assoziiert, statt eines großen Muskelpaketes mit Stachelhalsband.
Was bleibt einem da als Autor schon anderes übrig. Und selbst wenn sie als Autor das Glück haben sollten, einen solch klangvollen Namen wie Georg Held oder Barbara Falk zu tragen; wenn die Leser sie nach einigen Romanen als DEN Thriller Autor kennen und plötzlich haben sie Lust etwas ganz anderes auszuprobieren und schreiben einen High Fantasy Epos, dann werden viele ihrer eingefleischten Fans enttäuscht sein, weil sie von ihnen etwas ganz anderes erwarten.“
So einen langen Monolog hätte ich der Frau gar nicht zugetraut. Sie wirkte beim Betreten des Raumes doch eher anders. Aber sie war mit mir noch nicht fertig. Ihr flammendes Plädoyer für Pseudonyme brauchte seinen Platz.
„Aber jetzt denken wir noch einen Schritt weiter. Was passiert denn, wenn sie völlig unerwartet den großen Wurf, den Wahnsinnsbestseller geschrieben haben, der sich millionenfach verkauft?
Richtig, der Autor hat es geschafft. Großartig. Und dann kommen die Reporter, wühlen in ihrer Abfalltonne herum, befragen ihre Freunde und Verwandten auf der Suche nach Skandalen und Skandälchen, ihre Kinder werden belauert, vielleicht Schlimmeres. Man zahlt den Preis der Berühmtheit.
Das sind die Gründe, warum auch ich mich für ein Pseudonym entschieden habe. Mein Name klingt altbacken, ich will mich im Genre noch nicht wirklich festlegen und ich möchte nicht berühmt sein.“
„Ach“, sagte ich. „Sie sind Autorin?“ Beiläufig schaute ich mich um. Und tatsächlich lag auf dem Verkaufstresen plötzlich ein graues Taschenbuch. „Herbstlilie – Limbergens vergessene Kinder“ von Danise Juno. Ein geheimnisvolles, leicht gruseliges Motiv, lud darunter zum Lesen ein. Das konnte nur ein Mysterybuch sein. Vielleicht auch ein Thriller. „Danise Juno? Das ist ein Pseudonym? Wie kommt man an so einen Namen?“

Danise holte tief Luft, seufzte und redete dann ein wenig langsamer und entspannter. „Einen geeigneten Künstlernamen zu finden ist nicht einfach. Wer die Wahl hat, hat die Qual. Der Doktor des Raumschiffs Voyager hat Jahrzehnte gebraucht, um sich auf einen Namen festzulegen.“
„Siehe da!“, sagte ich, „Ein Trekkie.“ Aber sie ging nicht darauf ein.
„Ich hatte nicht ganz so viel Zeit und doch tat ich mich damit nicht leicht.“
„Wie kam es also zu Danise Juno?“
„Eigentlich hatte ich mich bei der Namenssuche vertippt und schrieb Denise falsch. Als ich feststellte, dass es keine Suchbegriffstreffer gab, glaubte ich den perfekten Vornamen gefunden. Im Anschluss suchte ich nach einem Monatsnamen – oder ähnlich einfachem und kam auf den rheinischen Ausdruck für Juni – schließlich bin ich Rheinländerin. So entstand Juno. Doch was es mit diesem Namen tatsächlich auf sich hat, begriff ich erst viel später. Ein Bekannter stieß mich mit der Nase darauf, doch tat ich seine Feststellung mit einem Lächeln ab. Das war zu abwegig. Erst als kurz darauf zwei weitere Freunde unabhängig voneinander denselben Gedanken hatten und mich fragten, ob es eine Konvergenz der Namen meiner beiden Kinder sei, betrachtete ich mein Pseudonym genauer. Ich bekam eine Gänsehaut, als mit klar wurde, welch seltsame Dinge das Unterbewusstsein doch mit einem anstellt. Ich hatte, ohne es zu merken, eine weibliche Form von Dario und Julie gewählt.“

Schmunzelnd dachte ich an mein Buchland und die unglaubliche Magie, die darin steckte. „Geschichten sind so“, stellte ich fest. „Manchmal suchen sie sich klammheimlich ihren Weg in die Realität.“ Ich griff nach „Herbstlilie“ und ließ die Seiten am Daumen vorbei gleiten. Beim Blättern erahnte ich die komplexe Geschichte, die auf den Seiten auf ihre Leser wartete. „Verschwindende Grenzen zwischen Realität und Geschichte scheinen auch für Sie ein Thema zu sein.“

Danise nickte ernst. „Mein Bestreben ist es, diese Grenzen zumindest in einigen meiner Geschichten zu sprengen. Viel zu selten werfen wir einen Blick zurück über unsere Schulter. Wo kamen wir her? Und inwieweit beeinflusst das unsere eigene Zukunft? Damit meine ich nicht die Aufzählung von Heerführern in den Geschichtsbüchern, die Taten großer Männer und Frauen und ihrer unterlegenen Kontrahenten. Den wenigsten von uns ist es vergönnt, eine solch einflussreiche Persönlichkeit zu werden. Ich meine damit unsere eigenen Vorfahren, die vielleicht Bergarbeiter, Bauern, Dienstboten oder einfache Handwerker waren. Was haben sie geleistet, welchen Beitrag haben sie an dem, was aus uns wurde, wie haben sie gelebt? Auch sie haben gefühlt, gelitten und gelacht, doch ist ihre Geschichte mehr und mehr im grauen Nebel der Zeit verloren gegangen. Vielleicht verklärt zu Sagen und Legenden – reduziert auf einfache Überlieferungen, kleine Familiengeschichten und Anekdoten. Wäre es nicht schön zu wissen, wie sich die Ereignisse tatsächlich ereignet haben und mehr zu erfahren, als bloße Namen und Daten der Personen um die es sich in der Geschichte dreht.
In meinem Roman ‚Herbstlilie – Limbergens vergessene Kinder‘ versuche ich auf eindrückliche Art zu schildern, wie eine Legende entsteht und stelle ihr die wirklichen Ereignisse gegenüber. Meine Protagonistin Julia versucht in der heutigen Zeit diesen Sagen auf den Grund zu gehen und findet immer mehr Indizien zu den Personen aus diesen Legenden heraus, bis sich ein lebendiges Bild von ihnen zeichnen lässt. In den Kapiteln, die in der Vergangenheit spielen, biete ich dem Leser einen Einblick in das Leben und Fühlen dieser Menschen. Es ist, als würde man durch ein Fenster sehen und man kann die Ereignisse so erfahren, als sei man selbst dabei gewesen. Vielleicht mag man es sogar als lebendig gewordene Ahnenforschung bezeichnen.“

Danise Juno. Ich ertappte mich dabei, dass ich darüber nachdachte, wie die Autorin wirklich heißen mochte. Wenn sie sich noch nicht auf ein Genre festgelegt hatte und dann eventuell unter anderem Namen veröffentlichen wollte, wäre es doch interessant zu wissen, unter welchem Namen das passieren würde. Oder wenigstens den Titel des nächsten Werkes wollte ich wissen. Das galt es in einer Frage zu formulieren: „Ich würde gerne den Titel Ihres nächsten Werkes wissen.“ Äh, welch abweichender Sprachgebrauch zu meinen Gedanken, nicht?
„Nächsten Frühsommer ist die Veröffentlichung eines Thrillers geplant, der den Titel ‚Death Cache‘ trägt. Es handelt sich um einen Geocaching-Thriller. Auch dort wird es wieder Rückblenden geben, die jedoch dieses Mal nicht ganz so weit zurückreichen, wie bei Herbstlilie. Man darf gespannt sein auf Geheimnisse, die in der Vergangenheit meiner Protagonisten lauern.
Des Weiteren ist eine Familiensaga geplant. Ich bin mir noch nicht schlüssig, ob der Aufbau wie bei Herbstlilie, verschlungenen Pfaden folgen wird, oder ob ich es einmal mit einer chronologischen Reihenfolge versuchen werde. Es warten dort viele Geheimnisse, ein großer Schuss Mystik und ein paar Legenden.
Erst danach wird es ein Wiedersehen mit Frank und Julia Meinert geben, die erneut das Münsterland unsicher machen werden. Julia kommt einer Legende auf die Spur, die sich in der Vergangenheit tatsächlich genau so ereignet haben soll. Ich bin schon gespannt, was sie so alles zu Tage fördern wird. Hoffentlich kann sie am Ende ihre Familie und ihre Ehe retten.“

Das hörte sich alles sehr interessant an. Viele Projekte waren das. Viele Bücher würden das werden. Bücher, die ich später auch noch einsortieren musste. Den Platz sollte ich dafür auch noch vormerken. „Ähm“, machte ich, „würden Sie Ihre Werke nach Namen oder nach Genre hier einsortieren?“
Ausnahmsweise war Danises Antwort nicht so umfangreich. Ich bekam nur ein Schulterzucken von ihr zu sehen …

 

 

zu Besuch: Rebekka Mand

Im AntiquariatDer Stapel Bücher auf meinem Sekretär hatte eine Höhe erreicht, die ihn leicht schwanken ließ. Da waren allerhand Sachbücher und ein paar Prosatexte. Da waren die Bücher von Régis Boyer und Snorri Sturlunson neben den Romanen von Bernard Cornwell, Frans G. Begntsson, Kari Köster-Lösche und Rebecca Gable.

Auf den ersten Blick mochte die Auswahl willkürlich erscheinen, aber inhaltlich ließen sie sich alle über ein Thema aus: Wikinger. Naja. Um korrekt zu bleiben, muss ich eigentlich den Begriff Nordmänner bemühen. Die rauen Kerle waren anhand ihrer Beutezüge, ihren Vikings, bekannt geworden, doch bot die Lektüre weitaus mehr als epische Schlachten a la Hollywood oder Schlägereien im kindgerechten Zeichentrick.

In den letzten Stunden hatte ich mich eingelesen. Einfach so. Aus Lust und Laune. Überrascht hatte ich feststellen müssen, dass das Nordvolk mich zu fesseln wusste. Das meine ich natürlich im literarischen Sinne.

„Inspirierend“, resümierte ich, nachdem ich den letzten Band der „Uthred-Saga“ zugeschlagen hatte. „Es wäre schön, wenn man in das Regal noch ein paar Titel mehr einsortieren könnte. Was Prosaisches zum Beispiel. Nicht staubtrocken zu lesen, weniger Historienroman, dafür mehr Abenteuer mit einem Schuss Lovestory“, zählte ich meine Wünsche auf.

Die Bücher um mich herum tuschelten leise. Doch ich verstand nicht wirklich. Ich schaute mich um, ob sich vielleicht irgendwo ein Schatten im Regal nach vorne schob, ob sich etwas auf dem Beistellwagen unauffällig manifestierte oder sich sonst irgendwas seinen Weg aus den Tiefen des Buchlandes zu mir suchte.

Nichts dergleichen geschah. Stattdessen klingelte das Türglöckchen im Laden und eine junge Frau trat herein. „Kundschaft“, seufzte ich. Da Beatrice mal wieder nicht da war, musste ich mich nach vorne bemühen. Ich murmelte unwirsch vor mich hin, da ich leicht angesäuert war, dass mein spezieller Bücherwunsch nicht erfüllt worden war. Auf meinen Gast musste das ziemlich grantig wirken. Da kam ein alter Antiquar auf sie zu, brabbelte unverständlich und knurrte dann relativ unhöflich: „Sie wünschen?“ Ich sollte dringend mein Benehmen aufpolieren! Mühsam streckte ich also mein Kreuz in eine aufrechtere Position und malte ein freundlicheres Lächeln in mein Gesicht.

„Rebekka Mand“, stellte sich die Frau vor. Dabei hob sie die Hände in einer zunächst abwehrenden Geste zwischen uns. Mit der Linken hielt sie ein Buch, das auf diese Weise in mein Blickfeld kam. „Von den Grenzen der Erde“, las ich. Ein hübsches, sehr aussagekräftiges Cover. Die Künstlerin, die das gestaltet hatte, hatte echt was drauf. Als ich das Bild genauer betrachtete, erkannte ich unter anderem die Silhouette eines Wikingerbootes.

„Ah“, machte ich, verzichtete aber darauf, meine plötzliche Begeisterung zu erläutern. Ich fragte auch gar nicht, was sie zu mir führte. Buchlandmagie reichte mir vollkommen als Erklärung. „Frau Mand! Sie bringen mir ein Buch mit. Wie schön!“ Ich musterte sie.

Gekleidet in einer hellbraunen Lederjacke, darunter ein schlichter, langer Pullover, Jeans und schwarze Boots, stand sie vor mir. Ein buntes Tuch setzte einen besonderen Akzent zum Outfit. Viel markanter fand ich allerdings die rotgefärbten Haare, die sich keck bis zum Kinn streckten. Sie ließ meine stumme Bewertung ihrer Person unbeteiligt über sich ergehen. Lieber schaute sie flüchtig im Laden um.

„Eine Autorin“, stellte ich fest, „kein Zweifel. Was haben Sie denn da für ein Buch?“ Sie richtete ihre Aufmerksamkeit nun doch auf meine Person und versuchte meine Grantigkeit von gerade eben, mit einem ausgewählt freundlichen Lächeln zu entwaffnen.

„Von den Grenzen der Erde“, antwortete sie. Und ja: Ich konnte dieses stolze Funkeln in ihren Augen aufblitzen sehen. Da hatte jemand das Erstlingswerk in der Hand und am Schreiben so richtig Blut geleckt.

„Wovon handelt es?“, fragte ich ehrlich interessiert.

„Es ist ein klassischer Abenteuerroman mit einer Prise Fantastik.“

„Wikinger?“

„Nordmänner!“ Korrigierte sie mich beiläufig. „Erzählt werden zunächst zwei Geschichten, die sich irgendwann zu einer verbinden. Da wäre zum einen die Geschichte von Lynn, einer irischen Königstochter, deren Dorf von Nordmännern angegriffen wird. Während Lynn und ihre Mutter als Sklavinnen nach Norwegen gebracht werden, stirbt Lynns Vater bei dem Überfall. Dank Lynns besonderer Gabe, den Toten ins Jenseits zu folgen, erfährt sie von ihrem Vater von einem Schatz, den er für sie versteckt haben soll. Fortan verfolgt Lynn das Ziel, zurück nach Hause zu gelangen und den Schatz zu finden. Und dann ist da Eirik, jüngster Sohn einer dänischen Sippe, dem nichts Wichtiger ist als sein Schiff und seine Freiheit. Als er beides zu verlieren droht, kommt ihm Lynns Schatz gerade recht.“ An dieser Stelle holte Rebekka kurz Luft. „Es ist eine Geschichte von Familie, Heimat , Freundschaft und Verrat. Und ja, auch von Liebe.“

Wie bestellt, dachte ich bei mir. Ich zwinkerte dem Buchregal hinter dem Verkaufstresen kurz zu. Ich bin mir sicher, wenn Bücher hätten zurückzwinkern können, sie hätten es just in diesem Moment getan.

Ich nahm Rebekka das Taschenbuch aus der Hand und blätterte nicht zu schnell durch die eng bedruckten Seiten. Dabei fragte ich: „Wie viel davon ist Prosa? Und was davon ist historisch?“

„Die Geschichte und ihre Figuren entspringen komplett meiner Fantasie. Was das Setting betrifft, habe ich mir jedoch sehr viel Mühe gegeben, dieses arg klischeegebeutelte Völkchen so authentisch wie möglich darzustellen. So findet z.B. Lynn in Norwegen keine wilden Barbaren vor, sondern Menschen wie sie. Sie knüpft dort Freundschaften und findet ein Stück Heimat.

Es war mir wichtig, das Alltagsleben der Nordmänner, ihre Kultur und die mythologischen Aspekte möglichst realistisch darzustellen, die Figuren ihrer Zeit und ihren Werten gemäß handeln zu lassen. Aber in erster Linie soll das Buch natürlich Spaß machen.“

Ich gab meinem Gast das Buch nicht zurück. Stattdessen legte ich es neben die Kasse. Um von meinem Tun ein wenig abzulenken, fragte ich: „Wie kommt man denn gerade auf Nordmänner? Ich meine, mittelalterliche Königshäuser, ein Medicus oder eine Päbstin verkaufen sich doch bestimmt viel besser.“

„Aber davon gibt es doch schon so viele! Ich habe mich nicht hingesetzt und mir bewusst dieses Thema ausgesucht. Die Geschichten finden mich, nicht anders herum …“ Diese Aussage machte mir diese Rebekka doch glatt sympathisch! Ich hätte es ihr gesagt, doch ich wollte ihre Rede nicht unterbrechen. „… in diesem Fall waren es die Nordmänner, und je mehr ich mich mit ihnen befasste, umso mehr war ich davon überzeugt, dass es genau diese Geschichte und dieses Volk ist, worüber ich schreiben muss.“

Auf dem Buchcover fand ich ein kleines weißes Logo: „Qindie“. Das war doch die Bezeichnung von diesem Autorenkollektiv, das sich aus Indieautoren mit Qualitätsanspruch geformt hatte. Ich gab mich entsetzt, denn gute Bücher brauchten in meinen Augen einfach ein gutes Verlagshaus.: „Sie haben den Weg der Selbstveröffentlichung gewählt … Warum?“

Rebekka guckte mich etwas verständnislos an. „Ja, warum denn nicht, lieber Herr Plana? Als Indie-Autorin stehen mir alle Wege offen. Ich entscheide selbst, welchen davon ich gehen möchte. Ich habe mich sehr lange damit auseinandergesetzt und mich ganz bewusst dafür entschieden. Tatsächlich hat kein Verlag jemals ein Exposé des Romans gesehen. Böse Zungen mögen jetzt munkeln, dass es die Angst vor dem Scheitern ist, die mich davon abgehalten hat. Ich will nicht abstreiten, dass dieser Aspekt anfangs eine Rolle gespielt haben könnte. Inzwischen jedoch habe ich genug positives Feedback erhalten, um meine Position als Selfpublisherin selbstbewusst vertreten zu können. Wenn jetzt ein Verlag anklopfen und mir ein Angebot unterbreiten würde, müsste ich schon sehr genau darüber nachdenken, ob ich es annehme.“

„Ich bin wohl ein ewig Gestriger“, gab ich zu. „Selfpublisher, eBooks und der ganze Kram sind für einen alten Bibliothekar weder im Kopf noch im Regal leicht einzuordnen. Entschuldigen Sie, Rebekka.“

Ich gab Rebekka ihr Buch nun doch zurück. Im matten Licht des Antiquariats fiel ihr nicht auf, dass meine Freunde in den Regalen einen kleinen Zaubertrick vollführt hatten. Egal ob Indie oder nicht: Das Buchland mochte ganz offensichtlich die Wikinger in diesem Buch, denn die Brauntöne auf dem Buchcover hatten sich in ein dezentes Grün verwandelt. Auch das Motiv war nun ein anderes. Die verschnörkelten Buchstaben kündeten nun von einem neuem Abenteuer und „Von den Hütern der Schlange“.

„Wie lebt es sich denn bei einer Wikinger-Autorin?“, fragte ich beiläufig. „Hängen im Haus überall Holzschilde und Schwerter rum?“

„Ich muss Sie leider enttäuschen, werter Herr Plana. Ich lebe nicht in einem Skáli (so nannten die Nordmänner ihre Langhäuser) und schlafe auch nicht mit meinen Angehörigen auf Fellen auf einer Schlafbank. Wir, das heißt mein Mann, unser Sohn, der Hund und ich, leben ganz stinknormal in einem Einfamilienhäuschen in einem Neubaugebiet in der Nähe von Köln. Wir haben das Haus erst letztes Jahr fertig gebaut, leben also gewissermaßen noch halb auf einer Baustelle. Das einzige Zugeständnis an mein großes Interessensgebiet ist ein Wikingertrinkhorn in unserem Wohnzimmerschrank.“ Rebekka machte eine kurze Pause und gestand dann mit einer entschuldigenden Geste: „Allerdings besuchen wir sehr gerne Mittelaltermärkte und tauchen ein in frühere Zeiten. Gerade zur Weihnachtszeit üben diese Spektakel einen besonderen Reiz auf mich aus.“

„Das hört sich irgendwie alles ein wenig nach Hobby an. Ist das Schreiben für Sie noch kein Beruf?“

Rebekka schüttelte den Kopf. „Wenn ich nicht schreibe, gehe ich meiner Arbeit als Sozialarbeiterin nach, denn leider kann ich allein von den Buchverkäufen (wie die meisten) nicht leben.“

„Das ist bedauerlich“, sagte ich, „aber in Zeiten, wo Urheberrecht kaum noch was wert ist … Denken Sie auch, dass ein gedrucktes Buch immer noch den besten Kopierschutz bietet? Oder mögen Sie die digitalen Ausgaben Ihres Werks lieber?“

Rebekka dachte mit furchtsamem Blick auf die vielen Bücher gründlich nach, bevor sie antwortete. „Ich gehöre zu jenen, die ein echtes Buch in den Händen zu schätzen wissen, aber ich bin auch dankbar für die digitalen Medien. Mein eigenes Buch in den Händen zu halten ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl, viel schöner, als es auf einem E-Reader zu betrachten. Und ein Haus ohne Bücher ist für mich sowieso ein leeres Haus. Deshalb biete ich meine Bücher sowohl in gedruckter, als auch in digitaler Form an. Ich selbst habe meine Lieblingsbücher gerne zum Anfassen um mich herum – jedoch lese ich sie inzwischen lieber auf meinem Reader, weil er so schön praktisch und handlich ist. Anfangs war ich sehr skeptisch, ob diese Technik sich überhaupt durchsetzen würde. Inzwischen gehöre ich zu jenen, die davon profitieren. Die eBook-Ausgabe meines Romans verkauft sich um ein Vielfaches besser, als die gedruckte.“

„Schöne neue eBook-Welt“, murmelte ich. Das Mittelalter verpackt in einem Gerät der Zukunft. Unabhängig. Independent. Ich gestattete mir ein Seufzen. „Ich werde mich wohl nie mit diesen Dingern anfreunden können.“ Ich schüttelte diese Gedanken ab und konzentrierte mich wieder auf diese nette Person vor mir. „Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen, Rebekka Mand. Ich weiß, Ihre Nordmänner sind was ganz Besonderes. Ich bin schon ganz gespannt auf den Print Ihrer Hüter der Schlange …“

Erstaunt unterbrach sie mich: „Woher wissen Sie von meinem neuen …?“

Ja huch, da hätte ich mir doch beinahe meinen kleinen magischen Scherz versaut.

 

zu Besuch: Angela Gäde

Ich rieb mir mit Daumen und Mittelfinger müde über die Augen. Die staubige Luft und die alten Schriften hatten mich mehr ermüdet, als ich es mir hätte eingestehen wollen. Und jetzt war da auch noch dieser Termin. Eine junge Autorin hatte sich angemeldet. Außerhalb der Geschäftszeiten!
Ich schaute auf meine Taschenuhr. Oh, mein Besuch würde ja schon gleich kommen. Also griff ich nach meinem Stock, der dienstbereit am Ohrensessel lehnte, und stemmte mich mit seiner Hilfe mühsam in die Senkrechte. Den Weg nach vorne in den Verkaufsraum bewältigte ich leise fluchend. Nächstes Mal würde ich Beatrice herbestellen. Wofür hatte man denn Personal?
„Alles muss man selber machen“, flüsterte ich mir selbst zu, dann griff ich nach dem Schlüssel und schloss die Ladentür auf. Wie auf Bestellung trat auch schon mein Gast vor das Antiquariat. Ihr Blick streifte kurz die Auslage in meinem Schaufenster. Entgegen meiner sonstigen Angewohnheiten hatte ich ein paar Urban Fantasy Titel darin dekoriert. Ganz unpassend dazu standen an der Seite noch einige Liebesromane. Natürlich hatte ich es mir verkniffen ‚Frühlingserinnerungen‘ oder einen Roman mit dieser Emma hinzustellen. Nein, das ist nicht meine Art. Trotzdem hatte ich mich zu einem -zugegebenermaßen etwas fiesen- Entgegenkommen entschieden. ‚Kartoffel, Reis und Döner‘, das zurzeit nicht mehr im Buchhandel erhältlich war, wurde von einem Spotlicht angestrahlt. Auf diese wenig subtile Weise bildete es den Blickfänger im Schaufenster.

Das Glöckchen bimmelte und sie trat ein. „Fräulein Gäde!“, sagte ich und reichte der jungen Frau freundlich die Hand. Dabei musterte ich sie. Natürlich blieb mein Blick zunächst an ihrer Haarpracht hängen. Diese Naturlocken machten selbst Curly Sue eine ernsthafte Konkurrenz. Daran änderte auch der schwarze Bowler nichts, der die rotblonde Mähne nur leidlich zu bedecken vermochte.
Gekleidet war sie mit einer schwarzen Lederjacke, die bis zur Hüfte reichte. Ein rot-kariertes Hemd schaute unter der Jacke hervor. Blue Jeans und und blue -äh- blaue Chucks. Das würde ich nicht als graue Maus bezeichnen. Das buntes Halstuch unterstrich das kecke Outfit auf charmante Weise.
„Herr Plana?“
„Höchstpersönlich“, sagte ich.
Sie lächelte in höflicher Zurückhaltung. „Nabend.“
Ah, Ruhrpott dachte ich bei mir. Deshalb erwiderte ich ebenfalls mit „Nabend“ den Gruß.

Mit einer auffordernden Geste bat ich sie nach hinten ins Arbeitszimmer. Ich bot ihr als Sitzplatz den Bürostuhl am Sekretär und setzte mich selbst wieder in meinen Ohrensessel. Das war vielleicht nicht zu hundert Prozent galant, weil ich es nun eindeutig bequemer hatte, aber es fühlte sich irgendwie richtig an. Es schien sie nicht zu stören, denn ihre Aufmerksamkeit galt ganz diesem besonderen Zimmer. Ihr Blick huschte über die Bücher in meinen Regalen. Freude und verträumte Abwesenheit spiegelten sich auf ihrem Gesicht. Umgeben von Büchern machte sie auf mich den Eindruck, die Aufmerksamkeitsspanne einer Fliege zu haben. Aber das mochte täuschen.
„Schön hier?“, fragte ich amüsiert.
Die Antwort war ein ehrfürchtiges Nicken. Ah! So eine war sie. Ohne Zweifel eine Buchliebhaberin, die Einbände streichelte, Respekt vor alten Werken hatte und in Literatur mehr als eine Aneinanderreihung von Worten sah.
Trotzdem mussten wir jetzt irgendwie einen Anfang finden. Ich deutete auf ihre auffällig rote Tasche, die immer noch an einem Riemen über ihrer Schulter hing: „Haben Sie Ihre Bücher dabei? Welche sind es denn?“
„Eines meiner Bücher liegt schon vorne im Fenster …“
„Ach“, machte ich scheinheilig. „Erzählen Sie mal.“
„Darüber gibt es nicht viel zu erzählen. Es ist nicht mehr erhältlich und wartet auf eine Überarbeitung, allerdings ist dafür noch nicht die richtige Zeit. Das ist die Krux an der Sache, die Geschichten oder Bücher sagen mir, wann sie geschrieben werden wollen. Nur leider haben die nicht immer das beste Timing oder ich durchschaue es nicht.“

Das Bücher zu ganz bestimmten Zeiten geschrieben werden wollten, das kannte ich. Die Ansicht, dass es vielleicht ein ganz besonders gutes oder schlechtes Timing für die Veröffentlichung geben solle, fand ich allerdings … interessant. „Was wäre denn ein gutes Timing?“, hörte ich mich laut fragen.
Angela legte den Kopf schief, kaute kurz auf der Unterlippe und flocht dann auf amüsante Weise ein Zitat von Winston Churchill in ihre Antwort: „Wenn man den Statistiken, die man nicht selber gefälscht hat, glauben darf, dann sind Liebesromane im Sommer, Krimis im Herbst und Kinderbücher im Winter die Verkaufsschlager. Mein Liebesroman ‚Frühlingserinnerungen‘ erschien im September.“
Ich erlaubte mir ein Schmunzeln. Da hatte wohl jemand Hintergrundwissen in Sachen Buchmarketing und nutzte es nicht. „Ach, die liebe Inkonsequenz“, dachte ich still. Vernehmlich sagte ich stattdessen: „Mögen Sie mir etwas über Ihre anderen Bücher erzählen? Die ‚Hexe von Hitchwick‘ zum Beispiel. Die Namensgebung des Romans erinnert mich irgendwie an einen Titel von John Updike.“ Ich erlaubte mir ein hinterlistiges Schmunzeln. „Liegt Hitchwick in der Nähe von Eastwick?“
„Richtig!“ Angela lachte herzlich, „Eastwick liegt nur ein paar Meilen östlich von Hitchwick. Spaß beiseite, zu meiner Schande muss ich gestehen, die Ähnlichkeit ist mir bis zu einer Rezension von J. Mertens nicht aufgefallen. Peinlich. Ich habe mit Begriffen und Ortsnamen gespielt und plötzlich stand da Hitchwick. So ungefähr kam auch die Idee der Geschichte zustande. Inspiriert hat mich eine Halloween-Folge der Simpsons und Inspektor Barnaby. Idyllisches, englisches Dorf, das der Legende nach von einer Hexe heimgesucht wird, die es auf junge Mädchen abgesehen hat. Daraus wurde eine Kurzgeschichte, die im Endeffekt den Anfang des Buchs bildete. Als die Kurzgeschichte fertig war, ließen mich die Figuren und die Frage, was mit den Mädchen geschehen ist, nicht mehr los. Deswegen setzte ich Sug und Morgan auf den Fall an, schließlich sind sie Mitleider der Gesellschaft zur Wahrung des Wissens von Alexandria. Durch den hauseigenen Blog der Gesellschaft, http://uebersinnliche-geschichten.blogspot.de/, wurde zuerst Sug auf die Geschichte aufmerksam und die schickte den Link an Morgan weiter. Genau an der Stelle beginnt das Buch. Da sind wir auch schon bei dem Punkt, den ich an Büchern liebe und der das Besondere meiner eigenen Bücher darstellt. Das Verweben von Phantasie und Realität. Der Blog ‚Geschichten des Übersinnlichen‘ existiert wirklich. In ‚Emma, Zaunreiterin‘ lasse ich das Dortmund der Hexenverfolgung auferstehen. Die Emma und Agathe Reihe befasst sich mit Magie, Hexerei, Alchemie, was Sinn macht, da Emma eine Haguzza ist. Auf meiner Homepage, findet man eine Art Lexikon zu Emmas mystischer Welt, in dem Kräuter, Orte oder Rituale eingehender erläutert werden. Möglicherweise habe ich auch nur einen kleinen Recherche-Tick, den ich so ausleben kann.“
„Hm-m“, machte ich. Meine Gedanken wanderten nochmal zurück zu den ‚Frühlingserinnerungen‘. Das hat meines Wissens nichts mit Hexen zu tun … „Liebesromane! Ein großer Sprung in ein anderes Genre, wenn man sich sonst in fantastischen Regionen herumtreibt. Frühlingserinnerungen passt als Buch nicht unbedingt zwischen die Titel der Emma und Agatha Reihe. Welches Genre ist Ihnen denn lieber?“
Angela stand auf, schritt an meinen Regalen entlang und überflog die Titel, die auf die Buchrücken gedruckt und geprägt waren. Sie blieb unerwartet bei einer Ausgabe von ‚Die Muschelsucher‘ stehen. „Bei Emma und Agathe, aber noch mehr bei Sug und Morgan, kann ich mich so richtig ausleben. Blut tropft oder spritzt. Die Figuren zittern vor Angst, wenn sie allein in der Dunkelheit sitzen. In einem Liebesroman kommt das eher weniger gut an, wobei … Aber lassen wir das. Die Geschichte ‚Frühlingserinnerungen‘ war plötzlich da und wollte geschrieben werden, was nicht einfach war. In Liebesromanen Spannung zu erzeugen ist schwierig und ich habe großen Respekt vor einer Rosamunde Pilcher. Das meine ich ernst. Ich möchte mich nicht nur auf ein Genre beschränken. Es ist viel zu spannend, immer mal etwas Neues auszuprobieren.“
Wirklich kreative Geister scheinen sich da allesamt zu gleichen, stellte ich zufrieden fest. Ein Genre durfte, meiner Ansicht nach, nicht zu einem Gefängnis des Geistes werden.
Das machte mir die junge Frau ehrlich sympathisch.
Trotzdem musste ich ihr diese eine bestimmte Frage in jedem Fall noch stellen: „eBook oder richtiges Buch? Was nimmt eine Angela Gäde lieber in die Hand?“
„Welch eine diabolische Frage in einem Raum voll wunderschöner, ehrfurchtgebietender Bücher.“ Oh! Da begriff jemand die spezielle Magie in diesem Zimmer. „Lobe ich eBooks, befürchte ich von einem dieser Meisterwerke angefallen zu werden. Nun wäre es jedoch ziemlich heuchlerisch von mir, gegen eBooks zu sein, wenn meine Bücher ebenso in diesem Format erhältlich sind. Ich nehme die Gefahr auf mich. Ich mag eBooks.“ Ein Augenblick bedrückender Stille folgte. In dieser kurzen Pause blickte sich Angela um. Vielleicht schien sie sich tatsächlich etwas davor zu fürchten, dass ihr ein Buch an den Kopf flog. „Ein dickes Buch auf dem Reader zu lesen schont Nacken und Handgelenke. Meine Mutter muss sich zum Beispiel nicht mehr beschweren, dass die Schrift zu winzig ist, da man alles einstellen kann. Trotzdem bevorzuge ich gebundene Bücher. Ich arbeite viel am Computer, da fühlt sich mein Blick auf Papier wohler. Zudem bin ich einfach gern von ihnen umgeben.“
Das bedrohliche Knurren, das bei ihren Worten zunächst in der Luft gehangen hatte, vernahm nur ich. Mit den letzten drei Sätzen hatte es sich gottlob in ein entspanntes Schnurren verwandelt. Meine Freunde in den Regalen ließen sich heute leicht besänftigen.
Ich nickte ihnen zu, schenkte dann aber unserem Gast wieder meine volle Aufmerksamkeit. „Als was, liebe Angela, sehen Sie sich denn? Als Autorin oder als Schriftstellerin?“
„Ich bin Autorin und Schriftstellerin. Posts, Gastbeiträge, Auftragsarbeiten erledige ich als Autorin.“ Sie sagte dies mit einem sehr geschäftsmäßigen Unterton. Doch dann wurde ihre Stimme weicher. „Setze ich mich an meine Bücher, bin ich Schriftstellerin.“
„Können Sie vom Schreiben denn leben?“, setzte ich nach.
„Wenn ich abwechselnd auf eine Wohnung oder Essen verzichte, dann ja. Als Schriftsteller hat man meistens kein festes Einkommen. In manchen Monaten ist das Konto zufrieden, in anderen bekommt es Heulkrämpfe. Wichtig ist, dass der Kater genug Trockenfutter hat. Das ist schon fast ein Klischee. Mit zerzausten Haaren brütet der Schriftsteller über seinem Manuskript, während auf den anderen Papieren eine Katze friedlich schnurrt. Wo wir gerade dabei sind, lege ich noch ein Klischee drauf. Seit letztem Jahr leben wir auf dem Land. Meine bessere Hälfte hat in Hadamar eine tolle Arbeit bekommen und so zogen wir von Dortmund nach Hessen. Wenn wir so durch die Gegend gurken und z.B. an Maisfeldern vorbeikommen, muss ich automatisch an Stephen King denken. Ich weiß gar nicht warum … Die Landschaft ist unglaublich schön und inspirierend. Dafür ist Hessisch allerdings sehr schwer zu verstehen. Natürlich konnte ich mich nicht davon abhalten, alle Bücher über die Historie der Gegend auszuleihen. Zufälligerweise wohnen wir an einem Weg, der den Namen ‚Hexenschlucht‘ trägt.“
Castle in Maine in Verbindung mit den ländlichen Regionen von Hessen zu setzen … Das hatte was! In einer Hexenschlucht zu leben, bestimmt auch. Irgendwas sagte mir aber, dass es meine Besucherin nun eben dorthin zog. Sie wollte nach Hause. Es war also an der Zeit, das Gespräch zu beenden.

„Nun …“ Ich deutete auf die Tasche. „Mir scheint, dass Ihre Werke wirklich hierher gehören. Lassen Sie sie einfach da liegen.“
Ich hätte mit einigen Reaktionen ihrerseits gerechnet – allerdings nicht, mit einem hinterlistigen Grinsen. „Nun ja, da ihr Antiquariat etwas ganz Besonderes ist, habe ich Ihnen auch etwas Besonderes mitgebracht.“ Sie verbreiterte ihr Lächeln, griff in ihre Tasche und legte einen höchst interessant aussehenden eBook-Reader auf den Tisch. „Zufälligerweise fand ich diesen hier in einem kleinen Laden die Straße runter. Dort gibt es jede Menge Kuriositäten. Ich kenne Ihre Meinung zu eBooks, aber vielleicht kann ich sie doch verführen einen Blick zu riskieren“, sage sie und tippte mit dem Zeigefinger auf den Reader. „Sie finden dort alle meine Bücher. Aber natürlich lasse ich Ihnen die Wahl.“ Mit Bedacht zog sie ein Buch nach dem anderen aus ihrer Tasche und legte sie mir neben das Gerät. „Vielleicht sind Ihnen meine Bücher auch so besonders genug.“
Nun musste ich doch aufstehen. Und dann gab ich dieser Autorin, … dieser Schriftstellerin, meine Hand. Dabei deutete ich eine kurze Verbeugung an. „Nicht nur die Bücher sind mir besonders genug“, sagte ich augenzwinkernd.
Unauffällig ließ ich dabei das Lesegerät zurück in ihre offene Tasche gleiten.