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Science-Fiction

Was man heute als Science-Fiction beginnt,
wird man morgen vielleicht
als Reportage zu Ende schreiben müssen.“
Norman Mailer

Als Gene Roddenberry seinem Captain James T. Kirk für das Jahr 2265 einen Kommunikator in die Hand drückte, hat er vermutlich nicht an I-Phones oder E-Books gedacht.
Isaac Asimov dachte auch nicht an Intell‘s Mikrochips. Das positronische Gehirn seiner Roboter war nur ein Ersatz für die noch nicht stattgefundene Miniaturisierung. Mit den seinerzeit üblichen Lochstreifen hätte er seine Blechmänner logischerweise nicht in Gang bringen können.

Science-Fiction–Fans dürfen unsere Gegenwart durchaus als interessant bezeichnen, denn wir leben in der Science-Fiction früherer Generation.

Was hätte ein Leonardo da Vinci über unsere Flugzeuge gesagt? Und Jules Verne über den ICE? In achtzig Tagen um die Welt gilt heute nicht als Hetzjagd. Es ist Müßiggang für die betuchteren Weltenbummler.
Gen-Mais und USB-Sticks, Quadrophonie und künstliche Hüftgelenke: Wir sind fest im Griff der Zukunft.

In den letzten zwei Jahrzehnten haben uns viele Zukunftsvisionen der Science-Fiction nicht nur eingeholt. Sie haben uns überrollt. Das Erstaunen darüber haben wir im Informationsüberfluss glatt versäumt. So chatten wir im Cyberspace, den wir zwar ganz sachlich Internet nennen, ohne zu bemerken, dass William Gibson 1984 bereits den nächsten Schritt entworfen hat. Erwarten uns nicht schon bald Implantate, mit denen wir über das WLAN mit unserem Kühlschrank über die zu tätigenden Einkäufe diskutieren? „Verdammt nochmal! Ich will kein Altbier. Bestell mir bei www.Trinkazon.de gefälligst ein Kölsch.“
Die Frage wird längst nicht mehr dem Machbaren gewidmet. Die Genetik – beispielsweise – wird allenfalls von ethischen Vorstellungen gebremst. Vielleicht.

Sicher: Den „Heiligen Gral“ des immer wieder bemühten Hyperraums hat die Wissenschaft noch nicht erreicht. Über die Unmöglichkeit des Zeitreisens wird immer noch genau so heftig diskutiert, wie damals, als Albert Einstein die Zeit relativierte. ET, Alien oder „die Götter aus dem All“ sind uns selbst mit dem SETI-Programm nicht auf den Leim gegangen.
Aber wer möchte heute noch einen Roman schreiben, der von der Kolonialisierung des Mars berichtet? Sämtliche vermeintlichen Fakten, die bislang über den Roten Planeten gesammelt wurden, könnten mit der nächsten NASA-Mission bereits überholt sein.

Überraschende Visionen über das Künftige darf man im Mainstream der Science-Fiction kaum mehr erwarten. Vermutlich kämpfen deshalb Computerprogramme auf der Kinoleinwand Kung-Fu. (Ich stelle mir das gerne in der Jetztzeit vor: Word verkloppt Open Office in der „Matrix“).
In Bezug auf Lichtschwerter und Protonenblaster sind die Waffenschmiede unserer Zeit zu weitaus effektiveren Methoden gekommen. Und das Töten im modernen Krieg erscheint mit ferngelenkten Drohnen virtuellerer Natur zu sein, als das tägliche Gemetzel auf der heimischen Spielkonsole. Sogar den nuklearen Overkill dürfen wir seit zwei Generationen zu unseren Möglichkeiten zählen. Der „Rote Knopf“ in der Kommandozentrale der Großmächte wäre in jeder fiktiven Geschichte nur eine Spaßbremse, die der Armee des Protagonisten eine Eliminierung des Evil Overlords unmöglich macht.

Endet also ein Genre in der Bedeutungslosigkeit der entwicklungstechnischen Geschwindigkeit unserer Gesellschaft? Ich denke nicht.

Das wirklich Spannende am Thema Science-Fiction, reduziert sich nicht auf das Wechselspiel zwischen dem Schriftsteller und dem Wissenschaftler. – Ohne Zweifel haben sie sich in der Vergangenheit oftmals gegenseitig beeinflusst. Aber es geht nicht um den wissenschaftichen Blick in die Zukunft. Nicht wirklich.

Science“ macht nur einen geringfügigen Teil der „Fiction“ aus. Das wirklich Mächtige in dieser Literatur-, Film- und Kunstgattung ist …

… der Spiegel, der hin und wieder gerne der Gesellschaft in die Hand gedrückt wird. Die Gegenwart reflektiert sich in der möglichen Zukunft auf faszinierende Weise. Man muss nur genau hinschauen.

Jules Verne schrieb einmal an seinen Vater: „Alles, was ein Mensch sich vorstellen kann, werden andere Menschen verwirklichen können.“

Da halte ich es wie Han Solo. „Ich kann mir eine ganze Menge vorstellen.“
Nicht nur in der Wissenschaft.

Herr Plana und die Allüren

Erwartungsvolle Stille. Gleich beginnt die Lesung. Der Schriftsteller betritt den kleinen Saal und setzt sich hoheitsvoll auf den Stuhl neben dem Bistrotisch. Das darauf arrangierte Buch und das Glas Wein werden neben der Inszenierung der Person zur Nebensächlichkeit, denn …

Inszenierung

… dieser Mann dort hat ein Buch geschrieben. Toll, nicht wahr? Es ist für ihn Anlass eine Pfeife zu rauchen (trotz des Rauchverbots), einen auffälligen, übergroßen, weißen Schal sowie einen breitkrempigen Hut zu tragen und – als besonderes Markenzeichen – einige klunkerhafte Siegelringe an den Fingern zu präsentieren.
Er lässt keinen Zweifel daran, dass er sich selbst als intellektuell betrachtet. Und es ist tatsächlich so, dass ihn sein Publikum in dieser Aufmachung akzeptiert. Denn er ist Künstler. Von Popstars, Schauspielern, Malern und manchmal eben auch Schriftstellern erwartet man einige Extravaganzen. Oder man entschuldigt sie zumindest.
Manche Schriftsteller sind halt ein wenig verrü… -äh- … exzentrisch. Aber warum muss man sich – wenn man ohnehin schon im Mittelpunkt steht – auch noch anziehen, wie ein Kölner zur fünften Jahreszeit?

Weil man Künstler ist

Weil man ein Buch geschrieben hat? Weil man so schön vorlesen kann? Weil man ausdrücken möchte, dass Kreativität etwas Besonderes ist? Eine Befähigung, die nicht jeder hat und deshalb bewundert werden soll?
Es hat mit Respekt zu tun. Respekt der eingefordert wird. „Seht her“, sagt dieser Schriftsteller mit Pfeife, Hut und Schal. „Ich habe etwas Tolles erschaffen. Meine Phantasie kann euch entführen. Eure Phantasie kann das nicht. Meine Phantasie gibt hier den Ton an. Für den Augenblick bin ich der Chef.“

Respekt ist ein ziemlich großes, bedeutungsschweres und gutes Wort. Es umfasst recht viel. Wenn man tatsächlich etwas kann, was andere nicht können, dann verdient man in der Tat Respekt …

Oder?

… Nun – ich kann keine Blumen binden. Ich kann keine Dächer decken. Ich kann keine Möbel zimmern. Respekt an alle, die dies können! Respekt an alle Hebammen, Straßenfeger, Kindergärtnerinnen und Kindergärtner, alle Krankenschwestern und -schwesterinnen. Respekt an all die anderen. Respekt an die Ungenannten und Fleißigen, an die Durchhalter, die Könner und die Macher.
Wie schön, dass ihr euch trotzdem normal zu kleiden versteht. Respekt!

Euer Herr Plana

Herr Plana plaudert über Schrift

BuchlandAm Anfang war das Wort.  Oder … Nein, wenn wir ehrlich sind, war es vermutlich ein Grunzen. Zumindest wird es irgendein fast vollkommen unartikulierter Laut gewesen sein, den vor zirka 450.000 Jahren einem unserer Vorvorvorfahren über die Lippen gekommen ist.
Das Besondere an diesem Grunzen lag in der Tatsache, dass es das Samenkorn zur Entwicklung der Sprache enthielt. Es trug Sinn. Vermutlich bedeutete es so viel wie: „Hör auf damit, sonst Keule auf Kopf.“ Ich kann mich diesbezüglich natürlich auch irren.
Sprache ist – so sagt man – eines der Definitionsmerkmale der Intelligenz. Und Schrift ist das Konservieren von Sprache. Beides machte erst das möglich, was wir heute Zivilisation nennen. Auf dem Wege zum Begriff „Schrift“ ritzten Jahrtausende nach besagtem ersten vorzeitlichen Grunzen die Phönizier ihre Keilschrift in Ton und die Chinesen malten ihre Ideogramme. Endlich konnte man Verträge schließen, Bestandslisten verfassen und „Hör auf damit, sonst Keule auf Kopf“ in brieflicher Form weitergeben.
Wenn wir einige Schritte in der Geschichte von Sprache und Schrift überspringen, dann kommen wir im Hier und Jetzt an …
… Wochenende. Ich sitze hinter meinem Antiquariat im Garten. Die halbstarken Jungs, die im benachbarten Spielplatz abhängen, versuchen ihren Mädels lautstark zu imponieren. Vögel zwitschern. Die Sonne scheint. Willkommen im Vorstadtidyll. Der richtige Ort, die richtige Zeit um nach einem Buch zu greifen. Soll ich vielleicht mit Bilbo Beutlin nach Beutelsend entfliehen? Tolkiens „Herr der Ringe“ bietet ein so wunderbares Beispiel. Das Werk ist ein in Worte gepresster Höhepunkt, der durch die Fähigkeit Sprache mit dem Stift festhalten, erst ermöglicht wurde. Schrift ist nicht nur reine Kommunikation. Denn unser Verstand erlaubt es uns, mit den Worten zu spielen.
Zwar sagt ein Bild manchmal mehr als tausend Worte, doch ebenso können tausend Worte wunderbare Bilder – sogar ganze Filme – in unseren Köpfen erzeugen, ohne dass wir sie tatsächlich sehen müssen. Literatur ist die Verzauberung der Schrift.
Welche Höhen hat unsere Kultur auf den Schwingen der Schrift erreicht! Lyrik, Prosa, Philosophie … Hach!
„Ey, voll krass, ey“, kreischt einer der Teenager auf dem Spielplatz. Das hecktische Klackern einer geschüttelten Spraydose erklingt und zieht mich zurück auf den Boden der Tatsachen.
Graffiti sollen ja angeblich auch eine Kunstform der Schrift sein. In wenigen Minuten wird das Wort „Fuck“ auf dem Altkleidercontainer stehen. Für mich ist das nicht mehr als ein vorkulturelles Grunzen.
Und ich würd‘ gern sagen: „Hört auf damit. Sonst Keule auf Kopf.“

Erotik in Büchern

Nun greifen wir tief in die Schublade, schieben die gewissen Hochglanzmagazine zur Seite und setzen uns die roten Ohren auf. Denn das verbotene Wort „Sex“ wird auch in der Literatur gebraucht. Böse Zungen behaupten sogar, dass sich bestimmte Bücher nur gerade deswegen verkaufen lassen.

Wir wollen das nicht. Uns interessiert selbstverständlich die Handlung des Romans. Wenn von Charlotte Roche bis Jean M. Auel so viele Autoren bereit sind, hinter die Schlafzimmertür zu schreiten, müssen wir ihnen ja nicht folgen. Blättern wir ganz schnell über die betreffende Stelle hinweg und schauen lieber, was danach Wichtiges passiert.

Okay. Kommando zurück. Wir sind schließlich alle erwachsen. Von Bienchen und Blümchen muss uns niemand mehr erzählen. Erotik hat nicht nur mit Fortpflanzung zu tun.  Warum also nicht darüber schreiben?

„Oh ja. Oh! Jaaa.“ Bei mir läuft gerade das Hörbuch von Ken Follett. „Die Säulen der Erde“. Ganz ehrlich? Ich muss jedes Mal schmunzeln, wenn mir die „gewissen“ Szenen vorgelesen werden.
Man stelle sich die Sprecher im Studio vor: Wie sie vor dem Mikrophon sitzen und in bester Nullhundertneunzig-Manier stöhnen und keuchen sollen. Sie schmatzen auch!
Hinter der Scheibe des Toningenieurs ist in jenem Augenblick der Regisseur nach Luft japsend vom Stuhl gekippt. Ganz blau angelaufen ist er. Lachkoller können weh tun!

Bleiben wir bei diesem Beispiel: Hätte der Roman über den Bau einer Kathedrale ohne Sexszene anders ausgesehen? Vermutlich nicht. Aber etwas Intimität mit den Protagonisten darf ruhig sein. Das macht Stimmung. Es vertieft die Bindung. Wir können uns leichter mit den Menschen zwischen den Zeilen identifizieren, wenn wir ihn auch in intimste Bereiche begleiten. Tabus sind ja auch gar nicht nötig. Da ist nur der Leser mit seinem Buch …

Stellen wir also fest: Tabus sind wirklich nicht nötig. Nicht bei den „Säulen der Erde“.
„Oh ja. Oh! Jaaa.“ Die gleiche wörtliche Rede hätte natürlich auch auf dem Lokus passieren können. Ganz ohne Sex. Der Prior der Kathedrale hatte nämlich bestimmt Verstopfung und Hämorrhoiden. Er freut sich so, dass …

Halt!
Nein, sooo sehr wollen wir uns mit dem Protagonisten denn doch nicht identifizieren …