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Herr Plana plaudert über Schrift

BuchlandAm Anfang war das Wort.  Oder … Nein, wenn wir ehrlich sind, war es vermutlich ein Grunzen. Zumindest wird es irgendein fast vollkommen unartikulierter Laut gewesen sein, den vor zirka 450.000 Jahren einem unserer Vorvorvorfahren über die Lippen gekommen ist.
Das Besondere an diesem Grunzen lag in der Tatsache, dass es das Samenkorn zur Entwicklung der Sprache enthielt. Es trug Sinn. Vermutlich bedeutete es so viel wie: „Hör auf damit, sonst Keule auf Kopf.“ Ich kann mich diesbezüglich natürlich auch irren.
Sprache ist – so sagt man – eines der Definitionsmerkmale der Intelligenz. Und Schrift ist das Konservieren von Sprache. Beides machte erst das möglich, was wir heute Zivilisation nennen. Auf dem Wege zum Begriff „Schrift“ ritzten Jahrtausende nach besagtem ersten vorzeitlichen Grunzen die Phönizier ihre Keilschrift in Ton und die Chinesen malten ihre Ideogramme. Endlich konnte man Verträge schließen, Bestandslisten verfassen und „Hör auf damit, sonst Keule auf Kopf“ in brieflicher Form weitergeben.
Wenn wir einige Schritte in der Geschichte von Sprache und Schrift überspringen, dann kommen wir im Hier und Jetzt an …
… Wochenende. Ich sitze hinter meinem Antiquariat im Garten. Die halbstarken Jungs, die im benachbarten Spielplatz abhängen, versuchen ihren Mädels lautstark zu imponieren. Vögel zwitschern. Die Sonne scheint. Willkommen im Vorstadtidyll. Der richtige Ort, die richtige Zeit um nach einem Buch zu greifen. Soll ich vielleicht mit Bilbo Beutlin nach Beutelsend entfliehen? Tolkiens „Herr der Ringe“ bietet ein so wunderbares Beispiel. Das Werk ist ein in Worte gepresster Höhepunkt, der durch die Fähigkeit Sprache mit dem Stift festhalten, erst ermöglicht wurde. Schrift ist nicht nur reine Kommunikation. Denn unser Verstand erlaubt es uns, mit den Worten zu spielen.
Zwar sagt ein Bild manchmal mehr als tausend Worte, doch ebenso können tausend Worte wunderbare Bilder – sogar ganze Filme – in unseren Köpfen erzeugen, ohne dass wir sie tatsächlich sehen müssen. Literatur ist die Verzauberung der Schrift.
Welche Höhen hat unsere Kultur auf den Schwingen der Schrift erreicht! Lyrik, Prosa, Philosophie … Hach!
„Ey, voll krass, ey“, kreischt einer der Teenager auf dem Spielplatz. Das hecktische Klackern einer geschüttelten Spraydose erklingt und zieht mich zurück auf den Boden der Tatsachen.
Graffiti sollen ja angeblich auch eine Kunstform der Schrift sein. In wenigen Minuten wird das Wort „Fuck“ auf dem Altkleidercontainer stehen. Für mich ist das nicht mehr als ein vorkulturelles Grunzen.
Und ich würd‘ gern sagen: „Hört auf damit. Sonst Keule auf Kopf.“

Erotik in Büchern

Nun greifen wir tief in die Schublade, schieben die gewissen Hochglanzmagazine zur Seite und setzen uns die roten Ohren auf. Denn das verbotene Wort „Sex“ wird auch in der Literatur gebraucht. Böse Zungen behaupten sogar, dass sich bestimmte Bücher nur gerade deswegen verkaufen lassen.

Wir wollen das nicht. Uns interessiert selbstverständlich die Handlung des Romans. Wenn von Charlotte Roche bis Jean M. Auel so viele Autoren bereit sind, hinter die Schlafzimmertür zu schreiten, müssen wir ihnen ja nicht folgen. Blättern wir ganz schnell über die betreffende Stelle hinweg und schauen lieber, was danach Wichtiges passiert.

Okay. Kommando zurück. Wir sind schließlich alle erwachsen. Von Bienchen und Blümchen muss uns niemand mehr erzählen. Erotik hat nicht nur mit Fortpflanzung zu tun.  Warum also nicht darüber schreiben?

„Oh ja. Oh! Jaaa.“ Bei mir läuft gerade das Hörbuch von Ken Follett. „Die Säulen der Erde“. Ganz ehrlich? Ich muss jedes Mal schmunzeln, wenn mir die „gewissen“ Szenen vorgelesen werden.
Man stelle sich die Sprecher im Studio vor: Wie sie vor dem Mikrophon sitzen und in bester Nullhundertneunzig-Manier stöhnen und keuchen sollen. Sie schmatzen auch!
Hinter der Scheibe des Toningenieurs ist in jenem Augenblick der Regisseur nach Luft japsend vom Stuhl gekippt. Ganz blau angelaufen ist er. Lachkoller können weh tun!

Bleiben wir bei diesem Beispiel: Hätte der Roman über den Bau einer Kathedrale ohne Sexszene anders ausgesehen? Vermutlich nicht. Aber etwas Intimität mit den Protagonisten darf ruhig sein. Das macht Stimmung. Es vertieft die Bindung. Wir können uns leichter mit den Menschen zwischen den Zeilen identifizieren, wenn wir ihn auch in intimste Bereiche begleiten. Tabus sind ja auch gar nicht nötig. Da ist nur der Leser mit seinem Buch …

Stellen wir also fest: Tabus sind wirklich nicht nötig. Nicht bei den „Säulen der Erde“.
„Oh ja. Oh! Jaaa.“ Die gleiche wörtliche Rede hätte natürlich auch auf dem Lokus passieren können. Ganz ohne Sex. Der Prior der Kathedrale hatte nämlich bestimmt Verstopfung und Hämorrhoiden. Er freut sich so, dass …

Halt!
Nein, sooo sehr wollen wir uns mit dem Protagonisten denn doch nicht identifizieren …