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zu Besuch im Antiquariat: Britta Röder

Der Juni war gekommen. Nachdem sich der Winter sich in diesem Jahr nur zögerlich verabschiedet hatte und der Frühling sich nur durch ein paar rasch verblühende Osterglocken bemerkbar gemacht hatte, jagten nun heftige Gewitterwolken die jüngste Hitzewelle vor sich her.
Genau so plötzlich wie Petrus sich für schlechtes Wetter entschieden hatte, entschied sich meine Bea dazu, den Laden auf Vordermann zu bringen. Sie polierte und wischte, räumte das Inventar von A nach B und vermutlich auch wieder zurück. Was man anscheinend so machen muss, wenn man den Frühjahrsputz verpasst hatte und … – wenn man nicht ich war.
Das Schaufenster dekorierte sie gleich auch neu. Als ich vorsichtig aus dem Arbeitszimmer hinüber in den Verkaufsraum blickte, achtete ich sorgsam darauf, dass sie mich nicht bemerkte. Es lag mir wirklich nichts daran, von meinem Personal zum Arbeiten abkommandiert zu werden. Immerhin lagen neben meinem Ohrensessel noch genug gute Bücher, die gelesen werden wollten.
Trotzdem obsiegte die Neugier. Ich wollte wissen, welche Werke es dieses Mal in die Auslage schaffen würden.
„Sie können ruhig herkommen“, sagte Beatrice, „und die Titel aus der Nähe begutachten. Ich habe hier unter anderem Cornelia Funke, Michael Ende und Walter Moers. Die möchten gerne auf saubere Staffeleien gestellt werden. Nehmen Sie sich einen Lappen und …“
„Bücher über Bücher?“, stellte ich begeistert fest. „Dann sollten auch noch Robin Sloan und Kai Mayer dazu. Und vielleicht noch Ihr Buchland, Beatrice.“
Meine Bea schnaubte. „Ich mach doch hier keine Werbung für das eigene Buch! Das wär‘ megapeinlich.“
„Klappern gehört zum Geschäft, liebe Bea. Sie sollten mal eine Signierstunde machen. Autogramme geben, oder so.“
„Autogramme?“ Sie drehte sich zu mir um. „Haben Sie noch andere Vorschläge? Sinnvolle? Für die Deko?“
„Hm“, machte ich. „Wie wäre es mit Britta Röder?“
„Britta Röder.“ Beatrice zog die Stirn kraus. „Wer ist das?“
Ich nahm dies zum Anlass, mit dem linken Auge zu zwinkern. Nicht in Beas Richtung. Meine konspirative Geste galt meinen lieben Büchern, die den unauffälligen Wink natürlich sofort verstanden.

Die Ladentür schwang auf und eine Frau betrat das Antiquariat. Schlicht gekleidet in Jeans, blauer Bluse, flachen Schuhen und einer schwarzen Umhängetasche, hätte man den Eindruck gewinnen können, dass sie in unserem Städtchen einen Urlaub verbringen wollte.

„Guten Morgen, Frau Röder“, begrüßte ich sie. „Wie schön, dass Sie den Weg in mein bescheidenes Antiquariat gefunden haben. Was für -ähm- ein Zufall. Wir haben uns gerade über Romane über Bücher unterhalten.“ Ich ließ ihr keine Zeit, sich zu wundern und ging direkt in medias res. „Ihr Roman ‚Die Buchwanderer*‘ reiht sich ja auch nahtlos in dieses Subgenre der Belletristik. Ich muss zu meinem Bedauern zugeben, dass ich ihn noch nicht gelesen habe. Möchten Sie mir etwas darüber erzählen?“
„Guten Morgen, Herr Plana. Die Freude ist ganz auf meiner Seite.“ Keineswegs überrascht lächelte sie mich an. „Ich muss gestehen, dass ich nicht ganz zufällig hier bin. Ich habe Sie nämlich schon gelesen und war nun sehr gespannt, ob ich Sie hier auch einmal ‚in Echt‘ treffen kann. Natürlich erzähle ich Ihnen gerne mehr zu meinem Roman ‚Die Buchwanderer‘. Als ich die Geschichte das erste Mal im Kopf hatte, da war mir überhaupt nicht bewusst, damit ein bestimmtes Genre zu bedienen. Ich lese einfach nur gerne und viel, wobei es mir die Klassiker schon immer sehr angetan haben. Ich habe einfach nur ein Buch geschrieben über das, was ich besonders liebe. Die Idee zum Buchtitel ‚Die Buchwanderer‘ hatte übrigens mein Mann an einem Sonntagmorgen beim Frühstück. Da lag das Manuskript bereits beim Verlag.

Ich deute auf eine Ausgabe von ‚Tintenblut‘. „Dass sich die Protagonisten in die Handlung einer Geschichte hineinlesen oder Figuren einem Buch entfliehen, hat es schon in anderen Storys gegeben. Was ist das Alleinstellungsmerkmal Ihrer Geschichte?“
Frau Röder schlenderte zu einem der Regale und zog Thor Heyerdahls Abenteuerbericht ‚Ra‘ heraus. Ich stellte fest, dass sie etwas kurzsichtig war. Ihr Blick folgte angestrengt den Zeilen des Klappentextes. Ob sie ihre Brille vergessen hatte? Sie steckte das Buch zurück an seinen Platz. „Meine Protagonisten wandern durch ‚Romeo und Julia‘, ‚Eugen Onegin‘ und ‚Don Quichote‘, sie begegnen den berühmten Figuren, sprechen mit ihnen, interagieren mit ihnen und erleben dabei dennoch ihre völlig eigene Geschichte. Obwohl sie sich innerhalb dieser berühmten Vorlagen bewegen, verändern sie diese nie. Die Originale bleiben intakt. Ganz bewusst habe ich Originaltextpassagen eingefügt und als solche gekennzeichnet. Trotzdem können sich meine Protagonisten dem Sog der jeweiligen Geschichte, in der sie sich bewegen, nicht immer ganz entziehen. Sie laufen Gefahr, mit ihrer Umgebung zu verschmelzen. Wobei sich die Frage stellt, ob es ihnen am Ende gelingt, ihre eigene Geschichte zu schreiben. Das eigene Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren. Ob das ein Alleinstellungsmerkmal ist, weiß ich nicht, aber das ist meine Idee hinter meinem Buch.“

„Ich könnte mir vorstellen“, sagte ich, „dass Leute, die eine Liebeserklärung an die Literatur schreiben, eine ziemlich große Hausbibliothek ihr Eigen nennen. Wie groß ist Ihr Bücherregal?“
Ihre Antwort ließ mein Herz einen kleinen Hüpfer machen. „Meine Bücher zu zählen habe ich längst aufgegeben. Die Zahl liegt irgendwo im Vierstelligen Bereich. Aber im Vergleich zu anderen Viellesern bin ich noch recht harmlos. Früher wollte ich jedes gelesene Buch unbedingt auch besitzen. Bei über fünfzig Büchern im Jahr geht das aber irgendwann nicht mehr. Daher leihe ich mir sehr viel aus. Heute betrachte ich die Stadtbücherei Darmstadt als eine Verlängerung meines Bücherregals.“

„Und welche Titel fanden Sie besonders inspirierend? Oder war die Geschichte zu den Buchwanderern ‚schwupps‘ einfach da?“
„Inspirierend fand und finde ich vieles. Die Klassiker haben mich sehr geprägt, allen voran die der französischen und russischen Literatur, einfach weil ich diese während des Studiums so zahlreich gelesen habe. Ich bin schlicht begeistert von Büchern, die es schaffen über ihre eigene Zeit hinaus, ihrer Leserschaft etwas Unvergängliches mitzugeben. Bücher, die keiner Mode unterliegen, die zeitlos sind.
Aber auch Zeitgenössisches fesselt mich. Wobei ich es sehr schätze, wenn Literatur unbequem ist, d.h. den Leser aus seiner Komfortzone herausholt und ihn auch mit unbequemen Sichtweisen konfrontiert. Ganz im Sinne von Kafka, der in einem Brief an seinen Freund Oskar Pollak schrieb: ‚man sollte überhaupt nur noch solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? […] Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.‘“ Frau Röder machte eine kurze Pause, holte tief Luft und platzierte ein kurzes Lächeln in ihrer Rede. Dann sprach sie weiter. „Und zur Entstehung der Buchwanderer: Das, was schwupps einfach da war, das war die Idee. Die Geschichte selbst hat sich dann beim Schreiben entwickelt. Ich habe tatsächlich beim Schreiben erst entschieden, welchen Klassiker ich als nächsten mit einbeziehen werde. Wobei ich niemals lange überlegen musste. Ich habe mich einfach treiben lassen und im passenden Moment fiel mir der jeweils nächste Schritt ein. In diesem Sinne ist mein Roman ganz organisch gewachsen. Diese Art des Schreibens habe ich bisher nicht abgelegt. Ich plotte nicht. Ich habe eine Idee und schreibe darauf los. Natürlich habe ich einen Plan, weiß worauf ich hinaus will, aber wie ich dahin komme, ist am Anfang noch völlig offen. Daher bin ich beim Schreiben leider auch sehr langsam.“

Beatrice, die sich bis jetzt unauffällig im Hintergrund gehalten hatte, schob einen Bücherwagen zu uns herüber. Beinahe schüchtern brachte sie sich in unser Gespräch ein. „Ich hab‘ da noch was gefunden“, sagte sie, griff zwischen die sorgsam aneinandergereihten Titel und drückte mir alsdann ein Taschenbuch in die Hand.
Ich warf einen kurzen Blick auf das Cover. „Sie haben auch noch einen zweiten Roman geschrieben? Ein Roadmovie zum Lesen. Hört sich etwas unorthodox an. Ganz etwas anderes, oder?“
Zwischen den Atemzügen*“ ist eine klassische Roadstory“, erklärte Frau Röder. „Wenn Sie wollen, dann könnte man sagen, dass ich auch hier wieder ein belletristisches Genre bediene. Ist also absolut nicht unorthodox, ist einfach eine Reisegeschichte – und in diesem Sinne bleibe ich meinem Thema, das ich mit den Buchwanderern schon angeschnitten hatte, die ja auch Reisende sind, irgendwie treu.“

Irgendwie kamen mir prompt ein paar Roadmovies in den Sinn. Kevin Kostner, Dustin Hoffman und Dennis Hopper winkten mir von imaginären Leinwänden zu. „Wie kommt man darauf?“
Britta Röder grinste. Hatte sie meinen wirren Gedankengang erraten? „Ich reise gerne. Die Idee, einfach so ins Auto zu springen und alles hinter sich zu lassen, hat mich schon immer fasziniert. Nur macht das in der Realität natürlich kaum jemand. Außer es treiben einen besondere Umstände an. Und um die geht es in meinem Roman.“

Auch wenn es vielleicht unhöflich war, nahm ich mir die Zeit und blätterte ein wenig in den Seiten. Ein paar Zeilen Text drängten sich ganz besonders in mein Bewusstsein. „Denken Sie tatsächlich, dass nur auf den Tod und den Zufall Verlass ist? Oder haben Sie Ihre ganz eigene Lebensphilosophie?“
„Sie spielen auf das Eingangszitat meines Roman an.“ Frau Röder nickte. „Ja, ich stehe tatsächlich hinter diesem Zitat. Der Tod ist uns allen sicher. Auf ihn ist zu hundert Prozent Verlass. Sich der eigenen Sterblichkeit bewusst zu sein, hilft ungemein das Leben zu genießen, es zu schätzen. Dieses Bewusstsein macht einen demütig und dankbar für das kostbare Geschenk des Lebens und verleitet hoffentlich auch dazu Respekt zu haben, vor dem Leben anderer Menschen und vor dem Leben an sich.
Die Vorstellung, dass das eigene Leben dem Prinzip des Zufalls unterliegt, ist natürlich unbehaglich. Aber dadurch nicht weniger wahr. Auf die Umstände, in die wir hineingeboren werden, haben wir keinen Einfluss. Auf die Schläge, die das Leben austeilt, leider auch nicht. Egal ob man es Schicksal, Zufall, Fügung oder sonst wie nennt, die Karten, die uns das Leben zuspielt, sind zufällig.
Das bedeutet allerdings nicht, dass wir frei von jeglicher Selbstbestimmung wären. Im Gegenteil. Was wir aus dem machen, was wir bekommen, liegt ganz alleine bei uns. Die Freiheit, die aus diesem Chaos resultiert, ist grenzenlos und birgt eine gewaltige Aufgabe, eine Lebensaufgabe, für jeden von uns.“

Interessante Ansichten einer interessanten Person, dachte ich bei mir. Deshalb wollte ich mich mit ihr nicht nur über ihre Bücher unterhalten. „Von Berufswegen sind Sie nicht nur Autorin. Aber Sie haben trotzdem auch zum Broterwerb mit Worten zu tun, oder?“
„Ich arbeite in Frankfurt in einem richtig großen Fachzeitschriftenverlag. Egal ob im Verkauf, im Marketing oder wie derzeit in einer Redaktion (wir haben in unserem Verlag dutzende Redaktionen), das Wort ist schon immer mein Instrument gewesen.“

Ich überflog kurz die Auslage auf dem Bücherwagen. Aber ich sah nur noch Titel anderer Autoren. Hätte Frau Röder noch mehr veröffentlichen lassen, dann hätte es bestimmt auch hier gelegen. Hmmm. „Zwei Bücher – und dann lange Zeit nichts. Kommt denn da noch was? Oder haben Sie der Literatur schon den Rücken zugekehrt?“
Sie lachte laut auf und schüttelte den Kopf. „Oh nein, natürlich habe ich dem Schreiben nicht den Rücken gekehrt. Ich schreibe immer zu. Aber nebenbei bin ich auch noch in anderen Projekten aktiv. So zum Beispiel ehrenamtlich im Orga-Team der Riedbuchmesse, einer kleinen Buchmesse, die hier in meiner Nachbarschaft, in Stockstadt am Rhein, jährlich stattfindet. Dafür unterhalte ich ganzjährig ein News-Portal. Dann arbeite ich gerade redaktionell an einem regionalen Kulturatlas mit, der im September 2018 erscheinen wird. Dafür habe ich einige Interviews geführt und aufgezeichnet. Sehr spannend. Und ab und an schreibe ich kleine Kolumnen für ein ansässiges Stadtmagazin.
Das alles macht viel Freude, frisst aber leider auch einen Großteil der wenigen Zeit, die mir zum Schreiben bleibt. Doch ehrlich gesagt sind diese ganzen Aktionen auch eine perfekte Ausrede. Denn ich schreibe ja trotzdem ohne Unterlass. Zwei Romane liegen in der Schublade ebenso wie einige Kurzgeschichten. Wenn ich ganz ehrlich bin, dann muss ich gestehen, dass es mir inzwischen sehr schwer fällt, meine Texte loszulassen. Meine eigenen Ansprüche sind seit der ersten Veröffentlichung enorm gewachsen. Hinzu kommt, dass ich von Haus aus wirklich eine extreme Langsamschreiberin bin.
Aber aktuell arbeite ich gerade an einem Manuskript, das ich unbedingt, sobald es abgeschlossen ist, an meinen Verlag schicken werde.
Und auch meine Kurzgeschichten möchte ich gerne zu einem Band zusammenfassen. Ich bin also voller konkreter Pläne.“

Beatrice hatte den Buchwagen fortgeschoben und widmete sich wieder ihrem verspäteten Frühjahrsputz. Auch ich spürte, dass sich diese kleine Unterhaltung dem Ende näherte. Also wartete ich geduldig, dass Frau Röder sich vielleicht noch ein Buch aussuchen würde.
Sie tat es nicht.
Stattdessen griff sie in ihre Tasche. „Lieber Herr Plana“, sagte sie leise. Dabei beugte sie sich diskret vor. „Ich hätte da noch eine kleine Bitte.“
Ich spürte plötzlich Beas neugierigen Blick in meinem Nacken. Etwas verunsichert fragte ich: „Ja?“
Frau Röder zog eine Ausgabe von ‚Buchland*‘ heraus und reichte sie mir. „Es kommt ja nicht oft vor, dass einem eine leibhaftige Buchfigur begegnet.“ Sie drückte mir einen Kugelschreiber in die Hand. „Dürfte ich Sie um ein kleines Autogramm bitten?“

zu Besuch im Antiquariat: Monika Loerchner

Es begann ein neuer Tag im Antiquariat. Ich war bereit für allerhand Schandtaten und voller Motivation die Dinge, die mich erwarteten, in Angriff zu nehmen.
Nun …
Ehrlich gesagt, ist das ein wenig geflunkert. Der Tag war zwar tatsächlich neu, doch ich blieb noch der alte Mann, der ich anscheinend immer schon gewesen war. Der Blick in den Spiegel hatte mir das vorhin bewiesen. Entsprechend missmutig schlurfte ich die Stiege aus meiner Wohnung hinunter in das Antiquariat.
Eigentlich hätte ich vor einer Viertelstunde den Laden aufschließen müssen. Aber im August, mitten in der Urlaubszeit, verirrte sich sowieso niemand in meinen muffigen Bücherfundus. Wozu dann also die Eile?

Jemand pochte heftig gegen die Schaufensterscheibe und bat auf diese Weise ungeduldig um Einlass. „Wer hat es denn da so eilig in Planas Buchantiquariat zu kommen?“, fragte ich meine Freunde in den Verkaufsregalen. Ein vielstimmiges Wispern, das zwischen ihren Seiten raschelte, erhielt ich als prompte Antwort.
„Eine Schriftstellerin?“ Ich zog angenehm überrascht eine Augenbraue hoch. Literarischen Besuch hatte ich seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr bekommen. Neugierig schaute ich mir die Person durch das Fenster an, während ich gleichzeitig die Tür aufschloss.
Ich schätzte die dunkelhaarige Dame auf Mitte dreißig. Vielleicht etwas jünger. Sie machte einen recht sympathischen Eindruck.

„Guten Morgen und herzlich willkommen in meinem bescheidenen, kleinen Bücherladen“, begrüßte ich sie. „Was darf ich für Sie tun? Hier bleiben, wenn es sich um das geschriebene Wort handelt, keine Wünsche offen.“
„Guten Morgen“. Ihr Blick streifte mich nur beiläufig und wandte sich dann meinen geschätzten Freunden zu. Sie schloss die Augen und atmete tief ein und aus, was mir ein Schmunzeln entlockte. Endlich mal wieder eine Kundin, die das unverwechselbare Bouquet meiner Bücher zu schätzen wusste!

Mit einem leisen Seufzen öffnete sie die Augen. „Ich wollte mich eigentlich erstmal in Ruhe umschauen.“ Täuschte ich mich, oder schwang da ein leicht vorwurfsvoller Ton mit? So viel zu spät war ich doch gar nicht! „Aber wenn Sie mich schon fragen … Haben Sie zufällig eine illustrierte Ausgabe von Dumas‘ ‚Der Graf von Monte Christo‘ da?“
„Die sechs Einzelbände? Oder doch lieber eine Gesamtausgabe?“ Das Bisschen Angeberei konnte ich mir nicht verkneifen. „Ich hätte beides in einer ansonsten vergriffenen Auflage hier. Oder soll es ein Reprint sein?“ Ohne wirklich danach zu suchen, griff ich in eines der Regale und holte ein Exemplar der schmucken Gesamtausgabe hervor und legte sie auf den Verkauftresen. „Ist das Ihre übliche Lektüre? Sie müssen wissen: Ich schätze meine Mitmenschen gerne nach ihren Lesegewohnheiten ein. Was lesen Sie so in Ihrer Freizeit?“

Sie runzelte die Stirn. „Was ich lese? Fast alles, würde ich sagen. Solange die Qualität stimmt. Liebesgeschichten vertrage ich nur in geringem Maße und sie dürfen auch nicht zu schmalzig sein. Mit Erotik und zu viel Brutalität dagegen können Sie mich jagen.“

Neben der Kasse lag plötzlich ein weiteres Buch, gerade so, als hätte es immer schon da gelegen. Ein subtiler Hinweis meiner Freunde, wen ich vor mir hatte. Ein Hauch Magie aus dem Buchland. Nicht handlungstragend, aber ein stimmungsvoller Effekt. Beiläufig schob ich also den Roman „Hexenherz*“ in ihr Blickfeld. Der Untertitel „Eisiger Zorn“ blitzte kurz im Strahl eines verirrten Sonnenstrahls auf.
„Oh! Das ist ja …“ Amüsiert beobachtete ich, wie meiner Besucherin das Blut in die Wangen schoss. „Äh, also … Haben Sie dieses Buch schon gelesen? Das da?“, stotterte sie. „Das ist nämlich, nun, also zufällig meins. Also nicht meins im Sinne, dass es mir gehört, sondern, also, ich habe es geschrieben.“
Langsam, fast ehrfürchtig machte sie einen Schritt nach vorne, lächelte, streckte die rechte Hand aus und strich zärtlich über das Cover ihres Buches.

„Sie sind also Frau Monika Loerchner?“ Ich tat überrascht. Dann deutete ich auf das Paperback. „Hexen! Ich tippe mal ganz vorsichtig, dass es kein Historienroman ist. Fantastik? Und inhaltlich eine emanzipierte Story über eine Frau, die sich in einem feindlichen Umfeld beweisen muss?“
Sie lachte. „Ein bisschen Historie ist es schon. Wenn Sie unbedingt ein Genre haben wollen, sehen Sie es als ‚Eventualgeschichte‘ an. Oder als ‚Alternative History‘, das klingt schmissiger. Mit der ‚emanzipierten Story über eine Frau‘ haben Sie aber ganz schön drumherum geredet. Tatsächlich sind es die Männer, die sich in ‚Eisiger Zorn‘ emanzipieren müssen. Was sie aber nicht können, weil sie über keine Magie verfügen.“
Ich beugte mich interessiert vor. „Also sind alle Frauen Hexen oder wie stelle ich mir das vor?“
Sie wog den Kopf auf eine Art hin und her, die wohl „Jein“ heißen soll. „Jein. Jede gebärfähige Frau ist auch der Magie fähig, sofern diese erweckt wurde und sie weder schwanger ist, noch die Zeit ihrer Magieerneuerung hat. Sie wissen schon: Einmal im Monat sind Frauen ja bekanntlich etwas anders … In dieser Zeit erneuert sich ihre Magie, das ist die große Schwachstelle der Hexen.“

Ich stutzte und erwischte mich dabei, dass ich die Stirn krauszog. „Und was genau ist daran jetzt eventualhistorisch?“
„Nun, ich gehe in meinem Buch davon aus, dass es Hexen wirklich gegeben hat. Nur hat die Inquisition mit ihren Vorstellungen völlig falsch gelegen: Zum einen war fast jede Frau eine Hexe, sie musste nur ihre Magie erwecken lassen. Zum anderen war dieses Wissen einer kleinen, machtgierigen Elite vorbehalten, die es eifersüchtig hütete. Bis eines Tages die Freundin zweier Hexen unschuldig, da unwissend und unerweckt, auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Daraufhin beschlossen die Schwestern, ihr Wissen mit der ganzen Welt zu teilen und die Magie jeder Frau zu erwecken. Es folgte der ultimative Kampf Frauen gegen Männer, die sogenannten ‚Hexenkriege‘. Wie das Ganze ablief, kann man anhand kleiner Auszüge aus den Geschichtsbüchern nachlesen, die ich im zweiten Teil des Buches den einzelnen Kapiteln vorangestellt habe. Die eigentliche Geschichte, Helenas Geschichte, spielt 550 Jahre später, im Jahr 2016, hier mitten in Deutschland. Oder besser gesagt“, sie lächelte breit, „inmitten des Goldenen Reiches, in dem natürlich die Frauen das Sagen haben. Und die Männer“, sie zuckte mit den Schultern, „Nun, sagen wir mal so: Frauen sind auch nicht besser darin, fair zu sein.“

Ich beschloss, die Dinge beim Namen zu nennen. „Also werden in Ihrem Buch die Männer diskriminiert?“
Sie nickte. „Ja. Und unfruchtbare Frauen, sogenannte ‚Fräulein‘.“
„Auch von der Hauptperson, dieser Helena?“
Meine Besucherin lachte. „Oh ja! Helena ist so etwas wie ein weiblicher Macho. Man muss ja bedenken, dass es in der Gesellschaft, in der sie lebt, seit Jahrhunderten vollkommen normal ist und als von der Göttin gewollt gilt, dass die Frauen die Oberhand haben.“
„Es gibt also eine weibliche Göttin?“
„Logisch: Warum sonst sollten nur Frauen über Magie verfügen? Wenn Frauen von einer höheren Macht so absolut bevorzugt werden, ist es klar, dass man diese höhere Macht dem Weiblichen zuordnet“
Ich ertappe mich, wie ich zustimmend nickte. Das ist tatsächlich logisch.

„Diskriminierung im Allgemeinen und der Kampf der Geschlechter im Speziellen wurden also verpackt in einem Roman? Denken Sie, dass Frauen, wenn sie denn die Führung übernehmen würden, tatsächlich ein Dominanzverhalten wie Männer an den Tag legen würden?“
„Hm.“ Sie neigte den Kopf leicht zur Seite und schwieg eine Weile. „Na ja“, begann sie dann, „um ehrlich zu sein glaube ich nicht, dass sich Männer und Frauen da groß unterscheiden. Fakt ist doch, dass sich oft erst, wenn ein Mensch absolute Macht bekommt, herausstellt, wie er wirklich ist. Erst wenn er tun kann was er will, zeigt sich doch, ob er wirklich gut oder schlecht ist. Macht hat schon vielen Menschen den Kopf verdreht, da sind Frauen keine Ausnahme. Natürlich sind Männer und Frauen nicht gleich. So denke ich etwa, dass es Homosexuelle in einem Matriarchat besser hätten; dafür denke ich sind Frauen untereinander harscher. In der Summe aber glaube ich nicht, dass es einen großen Unterschied machen würde, wenn ein Geschlecht allein an der Macht wäre, das ist immer schlecht und verkehrt: Wie soll die Welt funktionieren, wenn eine Hälfte die andere unterdrückt?“

„Ist die Geschichte als Metapher anzusehen, die zwischen den Zeilen unserer Gesellschaft einen Spiegel vorhalten möchte? Oder möchten Sie mit Ihrem Werk nur gut und spannend unterhalten?“
„Beides natürlich. Helena ist ja das perfekte Beispiel für nicht böse gemeinten, aber tatsächlich sehr schädlichen Alltagssexismus. Und der funktioniert in beide Richtungen. Aufzuzeigen, wie verquer manche Verhaltensweisen dem anderen Geschlecht gegenüber sind, hat auch mir selbst den Spiegel vorgehalten, ich bin da ja auch nicht perfekt.“
Während ihrer Ausführungen hat sich die Schriftstellerin bis an den Verkaufstresen herangeschoben, wo sie nun versuchte, möglichst unauffällig den Buchdeckel der Monte Christo-Gesamtausgabe zu heben und darunter zu schielen. Sie suchte nach dem Preis. Ich seufzte. Erstautoren verdienen oft nicht viel Geld und dieses besondere Dumas-Schätzchen hatte natürlich seinen Preis.

Mit einem Zwinkern drückte ich das Buch etwas näher an sie ran. Gleichzeitig lenkte ich die Aufmerksamkeit zurück auf ihr eigenes Werk. „Was war der Auslöser, die Keimzelle der Story?“
„Nach einer langen Pause begann ich wieder zu schreiben und nahm an einigen Schreibwettbewerben teil. Einer davon forderte den Beginn einer Geschichte, die es so noch nie gegeben hatte.“ Monika senkte ihre Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. „Und während ich darüber nachdachte, lief eine dieser Teenie-Fantasyserien im Fernsehen. Sie wissen schon: attraktive männliche Vampire, attraktive weibliche Hexen, alles immer im Verborgenen. Das hat mich genervt.“ Sie sprach wieder in normaler Lautstärke weiter. „Wie bei allen Verschwörungstheorien: Wenn es tatsächlich Vampire geben würde, dann würde das – wie etwa bei True Blood – herauskommen, in Sachen Hexen ebenso. Und schon war dieser ‚Was wäre wenn …?‘-Gedanke geboren. Dann kamen noch zig andere Dinge hinzu und eins ergab das Andere.“

„Romane mit einer zweiten Überschrift wie ‚Eisiger Zorn‘ lassen vermuten, dass es eine Fortsetzung gibt …“, stellte ich fest.
Wieder deutete sie per Kopfbewegungen ein „Jein“ an. „Tatsächlich erscheint das nächste Buch, das in der Hexenherzwelt spielt, im September 2018. Mir ist aber wichtig, keine Fortsetzung im klassischen Sinne zu schreiben, sondern eine neue Geschichte, die man auch ohne Vorwissen aus ‚Eisiger Zorn‘ lesen kann.“

Da ich keine Alte mit Warze auf der Nase vor mir hatte, ließ ich mich zu einer weiteren, nicht ganz ernst gemeinten Frage hinreißen: „Mich würde interessieren, wie es bei einer Hexenautorin daheim aussieht. Pentagramme auf dem Fußboden im Keller und vor der Haustür einen Kräutergarten?“
Sie lacht. „Tut mir leid, aber da muss ich Sie auf ganzer Linie enttäuschen! Wir mögen kräftige Farben, Kontraste und viel Licht. Und Grünpflanzen – obwohl die bei uns ein hartes Dasein fristen. Da mein Mann ein eigenes Hobbyzimmer hat, verteilen die Kinder und ich uns großzügig mit über das Wohnzimmer, sprich: Bücher und Spielzeug bilden ein mildes Grundchaos. Also eher Lego auf dem Fußboden, im Keller die Waschmaschine im Dauereinsatz und in der Küche vertrocknete Kräuter auf der Fensterbank.“

Das hörte sich wirklich nicht nach einer Hobbyhexe an. „Und was bringt Magie in Ihr Leben?“
„Mein Mann und meine Kinder natürlich. Familie und Freunde. Die ganze Welt. Sie wissen schon, wie beim Freiherrn von Eichendorf: ‚Schläft ein Lied …‘ – Man muss nur die Augen offen halten. Ach ja, und natürlich Bücher! Wie dieses hier.“ Sie hält den Dumas hoch. „Wie viel wollen Sie nochmal dafür haben …?“
Ich musste eine Antwort schuldig bleiben. Zwei Kinder stürmten in meinen Laden, gefolgt von einem Mann. „Sorry“, sagte er zu Frau Loerchner, „das Eis ist aufgegessen. Bist du hier fertig?“

Und so verließen sie kurz darauf meinen Antiquariat. Ob sie bemerkt hatte, dass ich ihr unauffällig den Graf von Monte Christo in die Tasche gesteckt hatte? Egal … Früher oder später würde sie es bemerken. Zufrieden blickte ich mein Spiegelbild, das sich im Schaufenster abzeichnete, an. Mit diesem verschmitzen Lächeln sah mein Gesicht gar nicht mehr so alt aus.

zu Besuch im Antiquariat: Norman Liebold

In den Sommermonaten blieb es in meinem kleinen Buchantiquariat immer besonders ruhig. Dabei war es egal, ob ein Azorenhoch brütende Hitze oder ein Atlantiktief ständig Regen in die Straße trieb. Im muffigen Halbdunkel zwischen den staubigen Regalen, vollgestopft mit Büchern aller Art, machte ich in dieser Zeit meine ganz eigenen Kurzurlaube im Land der Phantasie. Wenn die Ladentür dann manchmal doch aufging, einen Kunden wie Strandgut hereinspülte und mich von den Gestaden ferner Welten zurückholte, empfand ich das eher als störend.

Es war an ein Tag Anfang August. Das Glöckchen im Rahmen der Tür kündigte einen Besucher an. Mit einem Seufzer warf ich „Navigator*“ beiseite, stemmte mich aus meinem Sessel hoch und schlurfte in den Verkaufsraum hinter den Tresen.
Dort stand ein Mann mit den Händen in den Hosentaschen. Ich musterte ihn: Den Kopf zierte eine Glatze, das Gesicht wurde von einem Bart und einer Brille dekoriert. Markant gekleidet mit einem Mittelalterhemd. Darüber trug er eine Lederschultertasche. An der Hüfte machte ich eine dazu passende Ledergürteltasche aus. Ich schätzte meinen Besucher auf vierzig. Oder so.
Einer Ahnung folgend, legte ich den Kopf schief, lauschte dem Wispern meiner Bücher und bekam auch rasch die Antwort, nach der mir verlangte: Als hätte ich es nicht geahnt! Das war der Verfasser meiner aktuellen Lektüre …

Deshalb bemühte ich mich, meinen zu mürrischen Gesichtsausdruck abzulegen, hob die Mundwinkel freundlich und fragte: „Was darf ich für Sie tun, Herr Liebold?“
„Ich…“, begann er und zog leicht die rechte Augenbraue nach oben, überlegte einen Moment. „Um ehrlich zu sein, weiß ich das nicht genau. Eigentlich wollte ich zum Bahnhof, aber dann konnte ich nicht an dieser Tür hier vorbeigehen. Etwas zog mich an. Oder hinein. Mh.“ Er schaute sich um. „Ein Antiquariat“, stellte er fest. Er schaute sich kurz um, dann begann er zu lächeln. „Ein wirklich Schönes… vielleicht können Sie wirklich etwas für mich tun. Ich suche schon länger ein paar Büchlein, die man nicht mehr aufgelegt hat.“ Er musterte mich mit einem schwer zu deutenden Blick, dann nannte er schnell hintereinander weg Bücher von Arno Gruen, Erich Fromm, Castaneda und einige heute reichlich verschollene Autoren. Als ich nickte und die Bücher ohne großes Suchen aus dem einen oder anderen Regal zog, wandelte sich der Blick in Erstaunen. Und das Erstaunen in die Freude eines kleinen Kindes.
Trotzdem hatte ich das Gefühl, er wolle mich testen. Sollte er ruhig. „Das ist beeindruckend.“ Er streichelte die Bücher, die ich vor hin hingelegt hatte. Dann grinste er mich an. „Haben Sie vielleicht sogar… nein, das ist absurd.“
„Nur zu. Fragen kostet schließlich nichts“, stellte ich fest.
„Nun ja… es ist ein Buch von mir. Manuskript und alle Dateien sind weg. Und es gab nur eine Auflage von 100 Stück. Und ich finde einfach keines. Das ist schon ziemlich lang her, wissen Sie. Ich habe die selbst heraus gebracht, Kopierladen und handzusammengetackert. Geschichten sind wie Kinder, und die sind verschollen.“

Jetzt musste ich tatsächlich überlegen, ob ich mich so weit aus dem Fenster lehnen wollte. Natürlich würde ich das Buch im Keller finden – wie jedes andere Buch auch. Aber für ein Antiquariat, so gut es auch sein mochte, wäre das doch ein wenig zu … unwahrscheinlich. Andererseits wirkte der Mann mit seinem anachronistischen Hang, als würde ihn das eine oder andere Magische und Unwahrscheinliche nicht gleich aus der Bahn werfen.
Diplomatisch sagte ich also: „Schreiben Sie mir doch den Titel und das Erscheinungsjahr auf, und ich schaue, was ich tun kann. Übrigens …“ Ein Themenwechsel kam nun gerade recht. „… ich war gerade dabei ein Buch von Ihnen zu lesen. Überaus philosophisch muss ich sagen. Sind alle Ihre Bücher so?“

„Das kann ich nicht sagen.“ Seine Hand fuhr zum Bart und ordnete ein paar Strähnen, eine Geste der Unsicherheit, wollte mir scheinen. „Was ist denn philosophisch? ‚Navigator‘ dreht sich um unsere Gesellschaft und den Platz von uns in einem System, das mit Zahlen und Funktionen arbeitet, nicht mit Menschen und Schicksalen. Ich hoffe, es ist unterhaltsam. Und witzig, auch. Es sind Geschichten über ungewöhnliche Menschen, die dem – nennen wir’s mal so – System den Stinkefinger zeigen. Wenn das Philosophie für Sie ist – ein interessanter Standpunkt, den ich teilen könnte – dann ja. Dann sind alle meine Bücher irgendwie philosophisch.“ Wieder die Finger am Bart. „Aber letztendlich passiert das im Leser, oder? Oder auch nicht. Das ist seine Sache, finde ich.“

Na, da stapelte gerade jemand tief. Wer sich so viele Gedanken ums Menschsein macht, stellte schon gewisse Ansprüche an seine Leserschaft. Nun gut. „Allerdings sind die Handlungsstränge und auch die jeweiligen Botschaften im Subtext sehr – wie soll ich sagen – komprimiert. Sie möchten schnell auf den Punkt kommen und keinen Raum für Fehlinterpretation lassen, oder?“
Jetzt grinste er. „Sie würden staunen, was alles aus den Geschichten herausgelesen wird. Das finde ich großartig. Fehlinterpretationen würde ich das nicht nennen. Alles passiert beim Leser. Ich sehe es etwas anders. Bücher sind längere Briefe an Freunde. Diskussionen. Eine zugespitzte These formulieren weckt Widerspruch. Widerspruch lässt nachdenken. Über sich, über die eigene Haltung zum Thema. Manche finden meine Geschichten zu eindeutig. Ich finde, das Abenteuer fängt danach an – ich will keinem meine Meinung zwischen den Zeilen unterjubeln, dass er sie dann auch noch für seine eigene Idee hält. Ich stell sie vor ihn hin, provoziere ihn ein wenig, lade zum Widerspruch ein. Und… ich mag kurze, dichte, gut geschliffene Sachen. Nicht ganz kurz, aber auch nicht Fantasy-Schmöker von tausend Seiten und zwanzig Bänden. Ich mag es, einen Text am Stück zu lesen – intensiv zu lesen –  und dann noch über ihn nachdenken zu können. Novellen mag ich gern. Also schreibe ich meistens auch so. Und zum Vorlesen bei Lesungen finde ich sie auch am Schönsten: eine ganze Geschichte in einer fesselnden Stunde vortragen, keine Fetzen aus einem Roman. Aber klar, manchmal wirds dann doch ein Roman oder eine Kurzgeschichte. Die Geschichte weiß schon, was sie braucht.“

Ja, diese letzte Aussage konnte ich unterschreiben. Da fühlte sich wohl jemand in seinen Gedanken zuhause. „Kurzgeschichten und Romane; Science-Fiction, Fantasy und Gegenwartsliteratur – so richtig festlegen wollen Sie sich nicht. Wo sehen Sie Ihren Schwerpunkt?“
Herr Liebold schien ein bisschen empfindlich zu sein, er maß mich mit einem skeptischen Blick. „Sie bewerten gern, Herr Plana…“, sagte er.
Hatte ich mich vorgestellt? Jetzt war es an mir, überrascht zu sein. „Sie wissen, wer ich bin?“

Er lächelte mit leichtem Triumph. „Schuss ins Blaue. Ich gehe zum Bahnhof und finde mich in einem sehr malerischen Antiquariat wieder, von dem ich nichts wusste. Und ich liebe Antiquariate. Sie kennen meinen Namen, lesen gerade ein Buch von mir und haben äußerst schwer aufzutreibende Bücher griffbereit.“ Er legte den Kopf schief. „Ich habe Buchland gelesen, wissen Sie?“ Er machte eine vielsagende Pause, bevor er weitersprach. „Mit Geschichten ist das so eine Sache, das geht mir oft so. Ich schreibe etwas, dessen Thematik mich nicht loslassen will. Mir begegnen Dinge, die dazu gehören — oder die vielleicht meine subjektive Wahrnehmung zurechtbiegt, damit es so aussieht. Und Dinge passieren, als hätte ich sie schreibend in die Wirklichkeit geholt. Wahrscheinlich auch sehr einfach psychologisch zu erklären. Self fulfilling prophecy. Manchmal aber denke ich, es ist mehr als das…
Nein, ich beantworte schon ihre Frage. Das ist mein Schwerpunkt: die Wirklichkeit. Oder das, was Sie und ich und irgendein anderer dafür hält. Und was vielleicht wirklich dahinter steht. Oder auch nicht. Die Welt changiert, wir bauen sie zusammen aus dem, was uns begegnet – Vorgekautes, Gefiltertes aus den Medien, eigene Erlebnisse, Momente, wo man etwas mehr zu sehen scheint… einen Schritt beiseite treten, sehen, wie die Perspektive sich verschiebt. Der Kartenstempler, der an schaffe schaffe Häuslebaue, an Geldanlagen und Versicherungen glaubt, sollte den Nischenkünstler kennenlernen, der mit der Hand im Mund durch die Welt treibt und sich auch nicht sicherer oder unsicherer fühlt. Beides ist wahr und unwahr. Die meisten unserer Ängste, Weltbilder, Meinungen, Glauben sind kopfzusammengeschraubtes Konstrukt, das halt zeitweise ganz gut funktioniert. Bis Sand ins Getriebe kommt.
Entschuldigen Sie, ich ufere aus. Das ist halt mein Thema. Und ob das in Form eines Science-Fiction, Fantasy oder als versuchte Spiegelung der Gegenwart passiert, mh, ich habe das Gefühl, dass ich da nicht wirklich etwas zu entscheiden habe, das entscheidet die Geschichte. Und sie zielt immer auf die Seele und die Augen. Und ganz ehrlich. In dem Moment, wo ich glaube, die Wirklichkeit des Hier und Jetzt verstanden zu haben und sie als Geschichte abzubilden meine, schaffe ich letztlich auch nur Fantasy. Wer kann schon ernsthaft glauben, diese unendliche Komplexität verstanden zu haben? Wir basteln Modelle, bestenfalls.“

Ich nahm mir eine Papiertüte und legte die zwischen uns liegenden Bücher vorsichtig hinein. Das Knistern und Rascheln überbrückte das entstandene Schweigen. Die Tüten vom Antiquariat waren das einzige unbedruckte Papier im Haus, denn Wort-Werbung für Worte wollte ich nicht. Es gibt genug davon.
Ich schaute meinen Gegenüber an und sagte: „Als Autor muss man sich in der heutigen Zeit mehr denn je selbst inszenieren. Zumindest habe ich manchmal den entsprechenden Eindruck. Facebook, Twitter und das ganze Zeugs gehört da zum Pflichtprogramm. Gibt es im Web Selfies von Norman Liebold? Oder gehen Sie andere Wege um eine Leserschaft zu finden?“
„Das ist eine schwierige Frage. Relevant ist der Moment, wo ich vor meinen Zuhörern sitze, stehe, herumspringe und ihnen eine Geschichte zu besten gebe. Relevant ist der Moment, wo ein Leser in einer meiner Erzählungen versinkt. Relevant ist der Moment, wo mein Füller über das Papier gleitet. Alles andere – ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Muss man das? Mein Herz sagt: alles Unsinn, der vom Eigentlichen ablenkt und die Zeit von den relevanten Dingen stielt. Aber da ist die Angst, dass es dieses Pflichtprogramm gibt. Dass es ohne nicht geht. Der Weg als Autor heute und vielleicht schon immer, zumal mit Texten abseits dess Mainstreams, ist schon schwierig. Unzählige ringen um die Aufmerksamkeit potentieller Leser. Oft sind die am Lautesten, deren Zeug man wohl in dem Brei der Halle der überflüssigen Bücher wiederfinden würde und die viel Zeit zu haben scheinen, Twitter, Facebook, das Web und was weiß ich noch alles mit aufmerksamkeitsdefizitärer Selbstdarstellung zu füttern. Ob das etwas bringt? Ich weiß es nicht. Bemerke ich es bei einem Autor, frage ich mich, ob er nichts besseres zu tun und das nötig hat. Auf der anderen Seite… so gern ich den ganzen Kram einfach ignorieren würde, ich mach schon ein Stück weit mit. Ich hoffe so, dass die, die es interessiert, finden, was sie wollen und ich denen, die es nicht interessiert, nicht auf die Nerven falle. Selfies gibt es nicht, Bilder schon. Photos, die von mir gemacht wurden auf der Bühne. Manchmal stelle ich auch ein paar Bilder ein von einer neuen Grafik, einem schönen Ort, der in einer Story auftauchen wird, ein Bild vom Manuskript, wenn sich eine Geschichte der Vollendung nähert. Ja, ich schreibe noch – oder richtiger: wieder – von Hand. Und ich hoffe, irgendwann entweder die Gewissheit zu haben, dass nur die drei relevanten Dinge relevant genug sind, dass ich jede Form von Selbstddarstellung sein lassen kann – abgesehen von der auf der Bühne, um eine Geschichte zum Leben zu erwecken für mein Publikum.“

Eine interessante Persönlichkeit, dieser Herr Liebold. Wir plauderten noch ein Weilchen angeregt über Gott und die Welt, über Bühne und Bild, über Sinn und System. Vor allem aber über Literatur. Als sich schlussendlich die Ladentür hinter ihm schloss, sah ich ihm nach; wartete bis seine Silhouette im Licht der bereits untergehenden Sonne verschwand. „Manchmal ist es doch recht angenehm“, sagte ich zu meinen Freunden in den Regalen, „von den Gestaden ferner Welten zurückgeholt zu werden.“ Dann schaute ich erwartungsvoll zur anderen Seite der Straßenschlucht. „Ich bin gespannt, welches Strandgut als nächstes hereingespült wird.“