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zu Besuch im Antiquariat: Rebecca Gablé

Normalerweise findet ihr an dieser Stelle kleine Prosatexte, in denen Herr Plana mit seinen Gästen plaudert. Heute ist Rebecca Gablé im Antiquariat zu Gast. Sie hat darum gebeten, die reine Form des Interviews zu verwenden. Herr Plana hat somit heute einen freien Tag …

Frage:
Rebecca Gablé ist Ihr Künstlername. Ein Akzent auf dem E bittet darum, das Pseudonym französisch auszusprechen. Wie entstand der Name und woher kommt der französische Bezug?

Antwort:
Gablé ist der Mädchenname meiner Mutter, die französische Vorfahren hatte, und Rebecca hätte ich beinah geheißen. Ich habe mir das Pseudonym auf Wunsch meines Verlages ausgedacht, weil man meinen bürgerlichen Namen dort zu lang und wenig einprägsam fand. Ich wollte aber einen Künstlernamen, der einen persönlichen Bezug hat.

Frage:
Sie erzählen auf Ihrer Homepage, wie „Das Lächeln der Fortuna“ entstand. Die Geschichte „wucherte“ und entstand auf eine recht organische Art und Weise. Bastei Lübbe erklärte sich bereit, das fertige Manuskript zu veröffentlichen. Allerdings mussten Sie Ihr Werk um sage und schreibe 300 Seiten kürzen. Aus dreihundert Seiten machen andere Autoren ein ganzes Buch. Da müssen doch bestimmt ganze Handlungsstränge amputiert worden sein. Was haben die Leser verpasst?

Antwort:
Eigentlich gar nichts, denn inzwischen gibt ist auch die ungekürzte Fassung im Handel. Es stimmt aber, dass für die ursprüngliche Veröffentlichung ein ganzer Handlungsstrang den Kürzungen zum Opfer gefallen ist. Davon abgesehen wurden viele Szenen gestrafft, Dialoge gekürzt etc. Außerdem habe ich in Absprache mit meiner Lektorin den Schluss umgeschrieben. Das ungekürzte Originalmanuskript war ein Jahrzehnt lang verschollen, und ich war glücklich, als es wieder auftauchte und für die ganz harten Waringham-Fans zugänglich gemacht werden konnte. Aber ganz ehrlich? Die gekürzte Fassung ist das bessere Buch.

Frage:
Historienromane, in denen so viel Recherche steckt, haben wenig mit z.B.  den alten Mantel- und Degenfilmen aus Hollywood bzw. Frankreich gemein. Sagen wir mal, Sie würden sich heute „Die drei Musketiere“ oder „Der Mann mit der eisernen Maske“ anschauen … Wäre die Darstellung  für Sie unfreiwillig komisch?

Antwort:
Die spielen im französischen Barock, nicht im Mittelalter. Vom Barock habe ich keine Ahnung, vom französischen schon mal gar nicht, darum kann ich diese grandiosen Abenteuergeschichten einfach genießen, ganz gleich, wie absurd sie in historischer Hinsicht sein mögen. Schwerer tue ich mich mit Verfilmungen historischer Stoffe, bei denen ich mich auskenne. Wenn in einem Film, der im 12. Jahrhundert spielt, etwa eine Kutsche durchs Bild rollt, bin ich geneigt, das Kino zu verlassen bzw. den DVD-Player anzuhalten. Noch viel schlimmer ist es, wenn historische Ereignisse wissentlich falsch dargestellt werden, weil es den Drehbuchautoren besser in den Kram passt – die erfolgreiche TV-Serie „Die Tudors“ ist dafür ein gutes Beispiel. Da heiratet z.B. die Schwester von Heinrich VIII. den König von Portugal, was niemals passiert ist. So etwas ist unseriös und eine erzählerische Bankrotterklärung.

Frage:
Angefangen haben Sie mit Kriminalromanen. Ein ziemlich weiter Spagat, der allerdings gelungen ist. Könnten Sie sich vorstellen, noch weitere Genres zu bedienen?

Antwort:
Ich hätte da eine Idee für einen Schauerroman.

Frage:
Gleich die erste Veröffentlichung „Jagdfieber“ wurde für den Friedrich-Glauser-Krimipreis nominiert. Die Welle des Erfolgs riss danach nicht ab. Fällt es da nicht schwer, „auf dem Teppich zu bleiben“?

Antwort:
Ich bin sehr dankbar für meinen Erfolg, und mir ist bewusst, dass viele Autorinnen und Autoren ihn niemals haben, obwohl sie ihn mindestens genauso verdient hätten. Aber man muss sich immer klar machen, dass die Unterhaltungsbranche (und dazu gehört der Buchmarkt, ob er nun will oder nicht), unberechenbar ist und der Erfolg auch morgen ganz plötzlich vorbei sein kann. Man sollte ihn also nicht überbewerten – es gibt eine Menge anderer Dinge im Leben, die wichtiger sind.

Frage:
Kleiner Hausbesuch: Wie viel Mittelalter begegnet einem Gast im Hause Gablé? Schwerter an der Wand, Minnesänger im CD-Player und ein gewaltiger offener Kamin?

Antwort:
Mittelalter findet man bei mir nur in den Bücherregalen – hauptsächlich in Form von Fachliteratur. Ich besitze allerdings ein Schwert, das mein verstorbener Verleger Stefan Lübbe mir geschenkt hat. Es ist nicht alt, aber wir haben zusammen einen Tag in einer Schmiede verbracht und zugeschaut, wie es entstand.

 

Frau Gablé, ich bedanke mich für das Interview.

 

 

zu Besuch im Antiquariat: Astrid Korten

Aus irgendeinem Grunde hatte ich beschlossen, mal einen Tag mit Krimis und Thrillern einzulegen. Ich saß nun seit Stunden in meinem Ohrensessel und verschmolz vermutlich langsam mit dem durchgesessenen Polster. Neben mir stand ein Bücherwagen, übervoll mit dem, was das Genre hergab. Und das war nicht wenig, obwohl ich mich nur mit den deutschen Neuerscheinungen befasste.
Statistisch betrachtet galoppierte die Literatur der Realität davon. Im Jahr gibt es in unserem Lande nicht mal dreihundert Tötungsdelikte. Dem steht eine doppelte und dreifache Menge an geschriebenem Mord und Totschlag gegenüber. Aber das ist bestimmt auch besser so.
Ich hatte gerade ein weiteres Buch leergelesen. „Eiskalte Umarmung“. Nachdenklich betrachtete ich das Cover. Kalt, das passte. Das Design war in blassen Grau- und Blautönen gehalten. Allerdings gab es zusätzliche viel Blutsprattler quer über das Motiv. Rote Flecken waren für Grafikdesigner offensichtlich ein Muss.
„Kann mir mal einer sagen, warum jeder Thriller obligatorisch mit Körperflüssigkeiten eingesaut werden muss?“

Als kurz darauf das Glöckchen über der Ladentür bimmelte, wäre ich gerne überrascht gewesen. Ich war es nicht. Sicherheitshalber las ich auf dem Buchdeckel noch schnell den Namen der Autorin, stand dann auf und humpelte nach vorne in den Verkaufsraum. „Astrid Korten?“, fragte ich. Ohne ihre Antwort abzuwarten, ergriff ich mit beiden Händen ihre Rechte und begrüßte sie herzlich. „Willkommen in meinem bescheidenen Antiquariat. Was führt Sie zu mir?“
„Hallo Herr Plana“, erwiderte sie freundlich. „Darf ich mich ein wenig umsehen?“
„Natürlich gerne“, sagte ich. Vermutlich hätte ich noch mehr geredet, aber ich unterbrach mich, als ich sah, dass mein Gast kurz die Augen schloss, innehielt und … schnupperte.
„Ich liebe den Geruch von Büchern und versuche immer schöne Ersterscheinungen oder generell schöne Bücher aus den 40er und 50er Jahre zu ergattern. Möglichst in Leder gebundene Romane. Wo gibt’s das denn sonst noch, außer im Antiquariat. In den Niederlanden habe ich einige Erstexemplare gefunden. Und heute versuche ich mein Glück mal bei Ihnen.“
Oh, dachte ich, eine Sammlerin. Das sollte mich aber nicht ablenken. In erster Linie war diese Dame eine Autorin. „Ich habe gerade ein Buch von Ihnen gelesen. Sehr schön. Sehr spannend. ‚Ich bin die Sehnsucht, ein Prinz und schön wie die Liebe.‘ Solche Sätze machen Gänsehaut.“ Während ich sprach führte ich sie in mein Arbeitszimmer und bot ihr den Sitzplatz an meinem Sekretär an. Dabei nahm ich mir die Zeit, sie eingehender zu betrachten: Schwarze Lederjacke, schwarze Hose und im Kontrast dazu ein buntgetupfter Schal. Bei weitem auffälliger war aber die überaus fröhliche Natur der Frau. Ihre blauen Augen strahlten mit den roten Haaren förmlich um die Wette.
Erschrocken stellte ich etwas zu spät fest, dass sie meinen Blick erwiderte. Ich beeilte mich also, den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen: „Allerdings habe ich mich gerade gefragt, warum Thriller immer gleich präsentiert werden? Sind Verlage da vielleicht etwas uninspiriert, wenn sie nur nach ‚Schema F‘ präsentieren?“

Frau Korten schüttelte den Kopf. „Stimmt nicht. Jeder Verlag hat so seine eigene Vorstellung. Nicht jedes Cover wird mit Blut besprenkelt. Mein letzter Roman über die digitale Überwachung ‚Eiskalte Verschwörung‘ hat keinen einzigen Spritzer.
Eiskalte Umarmung war mein erstes Manuskript. Der Thriller hat so seine eigene Geschichte. Ich habe das Manuskript 2004 geschrieben und es hatte schon einige ‚Gesichter‘. Ich finde es grandios, dass es heute ein modernes Cover hat und insbesondere dieses. Die Hand ist das Symbol des Täters. Ich habe mit 13 meinen ersten Thriller geschrieben mit dem grauenvollen Titel „De hand om de hoek“. Insofern fand ich es großartig, dass der dotbooks-Verlag sich für dieses Cover entschieden hat. Heut steht „diese Hand“ für meinen Erfolg. Eiskalte Umarmung war ein Platz 1 Besteller als Ebook und stand in der Jahresbestsellerliste von Thalia. Es gibt auch eine Fortsetzung. Ansonsten können meine „eiskalten“ Titel unabhängig voneinander gelesen werden.“
„De hand om de hoek?“ Ich zählte eins und eins zusammen. „Sie sind Niederländerin? Das hört man gar nicht.“
Sie lachte. „„Ik kann het ook anders, als het moet. Königin Beatrix ist wie bei Hape Kerkeling meine Paraderolle im Freundeskreis. Nur …“ Sie zwinkerte verschwörerisch. „… bin ich besser als Hape.“
Inzwischen hatte ich mich in meinem Ohrensessel fallen lassen. Ich schlug die Beine übereinander, faltete die Hände im Schoß und beugte mich leicht vor. „Sie schreiben Suspence Thriller und Psychothriller. Das heißt, Sie erzeugen Spannung durch die Erwartungshaltung des Lesers und durch das emotionale Erleben Ihrer Romanfiguren. Oder würden Sie die beiden Untergenres anders beschreiben?“
„Ich spiele mit der Angst des Lesers, besonders in ‚Eiskalte Umarmung‘. Auch geht es in meinen Büchern manchmal sehr heftig zu.“ Die Autorin hob ironisch die Brauen. „Deshalb die Blutspritzer auf dem Cover.“ Dann erklärte sie: „Gewalt ist die Sprache der Sprachlosen. So wort- und weltgewandt meine Figuren auch sein mögen, so leiden sie doch unter emotionalem Analphabetismus. Ich zitiere jetzt mal die Kritik: ‚Um ihre Antagonisten noch furchteinflößender erscheinen zu lassen, evoziert Korten eine Ästhetik der Brutalität, die jedoch niemals als inflationäre Effekthascherei, sondern als behutsam dosiertes Stilmittel eingesetzt wird. Korten schafft somit eine beängstigende Atmosphäre kalter Sterilität, beherrscht aber gleichzeitig die Kunst, nicht gänzlich emotionslos zu verbleiben.‘ Gewalt steht hier als Metapher für den Missbrauch und ist nicht nur die Versehrung des Körpers.“
„Psychopathen sind ja in realen Leben eher spärlich gesät“, behauptete ich. „Im Genre sind sie jedoch recht häufig zu finden. Wird das Thema für eine Autorin nicht irgendwann langweilig und ausgereizt?“
„Oh, nein. Tagtäglich geschehen in Deutschland Verbrechen, nur stehen sie nicht immer in der Zeitung. Es ist faszinierend das Böse zu beschreiben, zumal es ein Alltagsgesicht hat. Als Autorin pervertiere ich das Böse auf poetische Weise wie es die Gebrüder Grimm bereits taten, benutze aber auch bewusst die milchig-glasige Darstellung, wie auch Dürrenmatt die Wahrnehmungsspiele ständig durchexerzierte, von den Physikern an. Er manifestiert es in seinen Ansprüchen an den Kriminalroman. Und ich treibe es auf die Spitze. Bei mir steht die Gewalt nicht nur für die Versehrung des menschlichen Körpers, sondern für das Böse.“
Es gibt auch viel Liebe in der Welt. Und auch das Gute. Aber spannender sind natürlich Thriller. Ich sprach meinen Gedankengang nicht laut aus. Stattdessen sagte ich: „Für einen stimmigen Thriller braucht es eine gute Recherche.“
„Mein ‚Grundstoff‘ ist immer ein aktuelles Thema wie die Schönheitsindustrie, der Sektenkult, der Missbrauch während einer Psychotherapie, oder in meinem brisanten Top-Thriller ‚Eiskalte Verschwörung‘, die digitale Überwachung. In einem Roman klassische Ermittlerarbeit zu beschreiben, das ist nicht so mein Ding. Das können andere Kollegen besser. Ich greife besondere Themen auf und schreibe ungewöhnliche Thriller, in denen die Fiktion durchaus Realität sein kann. Bei meinen Recherchen lasse ich mich von Forensikern, Psychologen, Gentechnologen, Pathologen und Mediziner oder anderen Experten beraten. Aus diesen Gesprächen leite ich die Handlung der Figuren ab.“
„Wie kommt man an so viele Fachberater? Ich meine: Sie gehen wohl kaum in die nächste Polizeidienststelle und fragen nach dem Pathologen.“
Frau Kortens Erwiderung erstaunte mich doch etwas: „Ganz einfach: Ich rufe sie an, erkläre mein Anliegen.“ Sie schob aber noch eine plausible Ergänzung hinterher. „Ich habe durch meine Tätigkeit als Unternehmerin sehr viele Kontakte. Und mittlerweile ein Beraterteam, das ich ansprechen kann. Recherche ist das A und O eines guten Romans.“
Ich erlaubte mir eine kurze Pause, in der ich dem Wispern der Bücher lauschte. Sie hatten mir noch viel über meinen Überraschungsgast zu erzählen. Emsig, emsig ist Frau Korten. Dazu wollte ich mehr erfahren. „Sie sehen mir aber nicht so aus, als würden Sie sich mit einem Thema zufriedengeben. Ich schätze, dass Sie noch mehr Projekte pflegen?“
„Ich schreibe Biografien, KGs wie ‚Kreislauf der Angst‘ oder ‚Sibirien‘ (stand im Finale Int. Writemovie Contest), und Kinderbücher wie Karo – eine Himmelsbotin, und Drehbücher.“
„Drehbücher auch?“ Wann war ich das letzte Mal im Kino? Äh, war ich überhaupt schon mal im Kino? Ich hatte doch meine lieben Bücher. „Habe ich schon mal ein Filmplakat oder einen Fernsehfilmabspann übersehen, wo Astrid Korten erwähnt wird?“
Frau Korten hob den Zeigefinger und wackelte mit ihm verneinend hin und her. „Drehbücher schreibe ich unter einem Pseudonym, das ich nicht preisgeben möchte.“
„Aha.“ Da war ich also in einer rhetorischen Sackgasse gelandet. Ein Themenwechsel war angebracht. „Was ist denn für Sie der besondere Reiz am Beruf der Autorin? Das Publikum? Der Schaffensprozess oder der schnöde Mammon?“
„Schreiben bedeutet für mich: ein Sternenfunkeln aus Wörtern, mitten ins Herz eines anderen Menschen. Oder wie meine Protagonistin es formuliert hat: Schreiben ist das Herz, das meinen Geist in Liebe aufsteigen lässt, als schwimmende Buchstaben mit Himmel und Hölle unter meinen Füßen oder tanzende Winde in der Nähe von den Engeln.“

Die Poesie der Worte hing angenehm in der staubigen Luft des Antiquariats. Astrid Korten war schon lange gegangen. Eigentlich wollte ich noch ein paar Thriller lesen. Auf dem Tisch warteten noch Michael Robotham, Ilona Bulazel, Catherine Shepherd, Andreas Gruber. Ich entschied mich dagegen. Auf den Covern war mir zu viel Blut.

zu Besuch im Antiquariat: David Safier

Im AntiquariatKurz nachdem ich an diesem Morgen die Ladentür aufgesperrt hatte, lief ich mit dem Gesicht in ein Spinngewebe, das im Türrahmen hing. Wenn ein Tag so anfängt, dann setzt man seine Erwartungen für den weiteren Verlauf ziemlich niedrig an. Meine Laune war auf jeden Fall mit einem Schlag auf dem Tiefststand. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass die Kaffeemaschine kaputt war. Koffeinentzug kann für einen alten Mann wie mich ziemlich hart sein.
Ich grummelte leise fluchend in meinen nicht vorhandenen Bart und wischte mir mit leidlichem Erfolg die klebrigen Spinnfäden von der Stirn. „Wenn ich das kleine Miststück erwische …“
Natürlich gehören kleine, achtbeinige Krabbelviecher in einem Buchantiquariat quasi zum Inventar. Ihre Netze musste man als Deko betrachten. Sie waren unabdingbar, wie eine dünne Schicht Staub auf den Regalen und etwas nasser Sand im Fußabtreter. Aber trotzdem! „Wenn ich das kleine Miststück …“, wiederholte ich mich, „… erwische!“
In diesem Moment sah ich den Missetäter. Auf einem Tisch voller Bücher hatte es sich die Spinne auf einem kostbaren Folio mit dem Titel „Mr. William Shakespeare’s Comedies, Histories and Tragedies“ bequem gemacht.
Ich widersetzte mich dem Drang, das Tier sofort platt zu machen. Ein Blutfleck auf dem Buch wäre unverzeihlich. Ich holte mir also ein Glas, stülpte es über das Insekt und setzte es auf diese Weise gefangen. Dann beugte ich mich darüber und sagte, nicht ohne Häme: „Nicht dein Tag heute.“
Die Ladentür öffnete sich hinter mir. Schritte kam heran und ein Mann trat neben mich. Amüsiert lächelnd schaute auch er in das gläserne Minigefängnis. Das Spinnchen schaute zurück. „Da hat wohl jemand mieses Karma.“
Mit der Zeit hatte ich es verlernt, an Zufälle zu glauben. Ich richtete mich auf, musterte den Ankömmling und erkannte ihn beinahe sofort. „Safier?“, fragte ich überrascht. Meine Laune besserte sich schlagartig. Welche Ehre! „David Safier?“
„In persona.“

Tja, manchmal hat man geringe Erwartungen an den Tag und wird dann umgehend eines besseren belehrt. Das Buchland hielt für mich doch immer die richtigen Aufmunterungen bereit.
Und so plauderten mein Gast und ich ein wenig. Etwas Smalltalk. Doch im weiteren Verlauf des Gesprächs stellte ich fest, dass mir da ein paar Fragen auf der Zunge brannten. „Sie sind ein äußerst erfolgreicher Drehbuchautor. Adolf Grimme Preis, Emmy, deutscher Fernsehpreis. Dann ging es von der Mattscheibe fort zum gedruckten Buch: Das Romandebüt ‚Mieses Karma‘ traf den Nerv der Leser. Wo war das Hochgefühl größer? Zu sehen, wie die ersten selbstverfassten Dialoge verfilmt wurden? Oder das erste gedruckte Buch in den Händen zu halten? Oder war es von Anfang an nur reines Geschäft und Brotjob?“
Herr Safier lehnte lässig am Verkauftresen und strich sachte über das zerfurchte Holz der Tischplatte. Er mochte anscheinend das Holzwurm-Design. „Hach, Herr Plana, man kann doch nicht für Brot und Butter schreiben, das muss schon von Herzen kommen. Sie verkaufen Ihre Bücher doch auch von Herzen! Ein Hochgefühl haben mir beide Sachen bereitet. Und da gibt es ja viele Stellen im Prozess, wo man es bekommen kann. Zum Beispiel sieht man ja schon Drehmuster lange bevor Sachen auf die Mattscheibe kommen, oder man sieht sein Buch im Verlagskatalog, bevor es in die Läden kommt.“ Er machte eine kurze Pause. Dann betonte er: „Alles ist sehr aufregend.“
Im Regal neben mir fand ich eine Taschenbuchausgabe von „Jesus liebt mich“. Da lag es vollkommen verkehrt, denn zwischen den Schmuckausgaben vom Alten und Neuen Testament hatte es gewiss nichts zu suchen.
„Es folgten ziemlich kurz hintereinander die Romane ‚Plötzlich Shakespeare‘, ‚Happy Family‘ und ‚Muh!‘. Wenn ich diese Bücher hier im Laden einsortieren müsste, würde ich Sie wohl ins Genre Fantasy stellen. Obwohl: Elben und Orks kommen nicht drin vor und die obligatorische Landkarte einer frei erfundenen Welt sucht ein argloser Leser auch vergebens. Soll ich Ihre Bücher lieber der Komödie zuordnen?“
Ich erntete ein Lachen. „Tja, ein Mann im Verlag sagte zu mir: Du bist ein Autor ‚sui generis‘. Ich hatte natürlich keine Ahnung, was das heißen sollte (habe ja nur in Bremen mein Kleines Latinum gemacht). Er sagte, das bedeute so etwas wie ‚Ein Autor eigener Art‘. Wenn Sie es unbedingt einordnen wollen, würde ich sagen: Ich schreibe Komödien mit fantastischem Einschlag und Herz.“
„Hm, vielleicht sollte ich wirklich mal ein Verkaufsregal mit dem Genre ‚fantastischer Einschlag und Herz‘ einführen“, sagte ich. Insgeheim überlegte ich schon, welche Autoren ich dazu einsortieren könnte. Auf Anhieb fiel mir keiner ein. „Wie schreiben Sie? Exposition, Konfrontation und Auflösung? Sind Ihre Werke 3-Akter oder eher klassische 5-Akter? Folgen Sie einem strengen Plot oder haben Sie eine Ausgangssituation und schreiben dann nach Bauchgefühl?“„Ich habe als Drehbuchautor zwar sehr viel Handwerk gelernt in allen möglichen dramaturgischen Korsetten. Aber ich schreibe lieber drauf los, lasse mich von den Figuren selber entführen. Wie sagte Stephen King, der sicherlich bei Ihnen als großer amerikanischer Beschreiber des kleinstädtischen Amerikas ganze Regale füllt: ‚Wenn ich überrascht bin, was die Figuren tun, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es der Leser auch ist.‘“
Ein schönes Zitat. King und Safier in Beziehung zueinander gesetzt … Ich verwarf den Gedanken, deren Bücher in ein Regal zu stellen genau so rasch, wie er gekommen war.

Ich tippte mit dem Zeigefinger auf das gelbe Taschenbuch und sagte: „Ich habe festgestellt, dass Sie gerne eine weibliche Ich-Erzählerin verwenden. Ist das ein Zufall? Oder möchten Sie damit verhindern, dass Ihre Leser den realen David mit der fiktiven Figur der Erzählung ungewollt verbinden?“
„Nein.“ Herr Safier verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe ja eine ungewöhnliche Sicht auf die Dinge: Ich glaube ja, dass Männer und Frauen gar nicht so unterschiedlich sind. Es wird viele Frauen überraschen, aber auch wir Männer haben Gefühle. Wir können sie nur nicht so gut ausdrücken. Und da es in meinen Romanen viel um Gefühle geht, fällt es mir leichter aus der Perspektive einer Frau zu formulieren.“
Zielpublikum Frau? Ich wusste, dass dieser Mann auch anders konnte. „Nach so vielen lustigen Büchern war ich überrascht, dass Ihnen als nächstes ein Buch wie ‚28 Tage lang‘ aus Ihrer Feder floss.“ Während ich sprach, stellte ich „Jesus liebt mich“ geistesabwesend zurück an seinen alten Platz. „Trotzdem könnte ich mir vorstellen, dass es für Sie persönlich das wichtigste Werk ist. Erzählen Sie mir was darüber?“
Safiers Gesichtszüge wurde eine Spur ernsthafter. „Also grundsätzlich bedeuten mir all meine Bücher viel. Aber bei ‚28 Tage lang‘, einen Holocaust-Roman, spielt natürlich eine große Rolle, dass meine Familie väterlicherseits Opfer der Nationalsozialisten wurde. Mein Vater musste aus Wien fliehen, seine Eltern starben. Aber wichtig war für mich auch das Thema: Im Warschauer Ghetto kann man das Schlimmste sehen, wozu Menschen fähig sind, aber auch das Großartigste. Das hat mich seit über zwanzig Jahren fasziniert, und deswegen habe ich diesen Roman geschrieben.“

Das Glas, in dem sich die Spinne mit erfolglosen Fluchtversuchen abmühte, rückte wieder ins Zentrum meiner Aufmerksamkeit und somit auch der Ausgangspunkt unseres Gesprächs. „Jetzt steht ganz frisch die Fortsetzung von ‚Mieses Karma‘ in den Buchgeschäften. Ich darf also davon ausgehen, dass Sie der ‚Komödie mit fantastischem Einschlag und Herz‘ treu bleiben.“ Ich wartete keine Antwort auf meine rhetorische Frage ab, sondern redete einfach weiter. „Fortsetzungen … Hm, tja. Das schlägt die Brücke zurück zum Film. Sie sind momentan mit Kinofilmen beschäftigt. Ich bin so neugierig! Dürfen Sie mir darüber was verraten?“
„Na, wir sind ja hier in unserem Buchladen unter uns!“ Herr Safier winkte mich ganz nah zu sich heran. Als sich fast unsere Nasenspitzen berührten, flüsterte er: „‚Happy Family‘ wird ein großer Animationsfilm werden, der 2017 ins Kino kommen wird. Und auch an einer Verfilmung für ‚28 Tage lang‘ wird gearbeitet.“

Leider musste Herr Safier irgendwann gehen. Nachdem er den Laden verlassen hatte, nahm ich mir ein Blatt Papier, schob es vorsichtig unter das Glas. Das kleine Spinnengefängnis war nun transportabel.
Das Blatt auf der flachen Hand, die Spinne mittig darauf und darüber das umgestülpte Glas – so trat ich hinaus auf die Straße. Ich schlenderte zur nächsten Blumenrabatte und entließ das Insekt dort in die Freiheit.
Gutes Karma.