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Herr Plana und die Tropen

Vielleicht ist es wieder an der Zeit die Welt mit etwas Fachsimpelei zu langweilen. Wer weiß denn, was die Tropen sind? Na? … Also bitte: Ich möchte doch jetzt keine geographischen Erläuterungen hören!

Die Tropen (Singular: Tropus) gehören zu den rhetorischen Figuren. Sie sind Platzhalter. Lautmalerei gehört zum Beispiel mit dazu. Erika Fuchs, u. a. Übersetzerin der Micky Maus Heftchen, schuf mit ihrer speziellen Comicsprache ganz besondere Tropen, die heute liebevoll „Erikativ“ genannt werden. Schmatz!
Langweiler sagen auch Inflektiv dazu. Würg!

Andere Tropen sind Metapher, Ironie, Metonymie und Synekdoche. Doch darüber zu lamentieren ist gerade weniger unterhaltsam. Seufz. Also lasse ich es.

zu Besuch im Antiquariat: Uwe Kalkowski

Beinahe zärtlich strich ich über den Stoffbezug meines Ohrensessels. Mit einiger Mühe ignorierte ich die Staubflocken, die meine Finger dabei von der Armlehne aufwirbelten. Auch das leicht ölige Gefühl auf der Haut wollte ich nicht wahrnehmen. Meine Bea konnte ich leider nicht ausblenden.
„Herr Plana“, ereiferte sie sich, „schauen Sie sich doch mal um. Sie versauern hier doch. Ich muss ja Angst haben, dass ich Sie zwischen dem alten Papier und dem Pergament glattweg übersehe.“
„Äh“, sagte ich wenig geistreich, „wieso?“
„Sie sind blass. Sie sind fade.“
Wollte ich mir das von meiner Angestellten gefallen lassen? Ich wollte protestieren. Leider kam ich nicht zu Wort, denn sie redete einfach weiter.
„Sie sind seit Tagen nicht mehr draußen gewesen. Ins Arbeitszimmer haben Sie sich verkrochen und in Ihre Bücher vergraben. Es mag in Ihrer Lektüre ja tausende Welten geben, aber da draußen vor der Ladentür ist auch noch eine. Da scheint die Sonne, zwitschern Vögel und Leute gibt es da auch noch …“
„Leute?“
„Leute! Ja, verdammt!“ Sie war wirklich wütend. „Lernen Sie mal wieder menschlichen Umgang. Vielleicht fällt Ihnen dann auf, dass wir seit Tagen kaum noch miteinander sprechen. Die einfachsten Höflichkeitsregeln wie Begrüßen, oder … oder Verabschieden bekommen Sie kaum noch hin. Kommen sie mal wieder ins hier und jetzt zurück.“
„Pfft“, machte ich, was unseren Dialog nicht zwingend bereicherte. Ich betrachtete den Stapel Bücher, der sich neben meinem Sitzplatz auftürmte. Über ein Dutzend Bücher hatte ich in drei Tagen verschlungen. „Es gibt so viel zu lesen …“
„Sie müssen nicht alles lesen“, behauptete Beatrice. Dabei senkte sie ihre Tonlage ein wenig. Resigniert schüttelte sie dabei den Kopf.
„Mag sein“, gab ich zu. Es waren wirklich ein paar Titel dabei gewesen, die mir nur die Zeit geraubt haben. „Aber wie soll ich herausbekommen, welches Buch lesenswert ist und welches nicht? Dem Coverbild kann man seltenst ansehen, was sich unter der Kartonage verbirgt.“

In diesem Moment bimmelte das Glöckchen an der Ladentür und kündigte einen Besucher an. Und meine Freunde, die Bücher in den Regalen, begannen aufgeregt zu wispern. „Uwe Kalkowski … Ein Buchblogger?“, fragte ich sie irritiert. „Ein Kaffeehaussitzer?“
Mühsam drückte ich mich aus dem Sessel hoch, griff nach meinem Stock und mühte mich nach vorne in den Verkaufsraum.

„Guten Tag“, sagte ich, nicht nur, weil ich Beas kritischen Blick in meinem Rücken spürte. Die einfachsten Höflichkeitsregeln beherrschte ich eben doch.

Ein Mann stand vor meinen Verkaufsregalen und durchblätterte ein Buch von Philippe Dian. Ich musterte ihn und stellte fest, dass sein Erscheinungsbild recht monochrom war. Oder eigentlich nur schwarz. Schwarze Hose, schwarzes Hemd, schwarze Schnürstiefel, schwarze Weste, schwarzes Cord-Sakko, schwarze Hornbrille. Die Haare waren nicht mehr so ganz schwarz, da die ein oder andere graue Strähne beschlossen hatte, den Gesamteindruck etwas aufzuhellen.
„Phantastisch“, hörte ich meinen Gast sagen, „Eine gebundene Ausgabe von ‚Betty Blue‘. Ein Buch, das eine ganze Dekade meines Leserlebens geprägt hat und das ich fast noch nie in gebundener Form gesehen habe. Ist gekauft.“
Ich ging zu ihm, nahm es ihm wortlos aus den Händen und packte es dann hinter dem Verkaufstresen sorgfältig in einen Bogen Papier. Dabei lauschte ich dem Wispern der Bücher, die mir einiges über meinen Gast verrieten.

Da mein Schweigen inzwischen eindeutig zu lange dauerte und Beatrice, die irgendwo hinter mir stand, sich deswegen unauffällig räusperte, begann ich ein kleines Gespräch: „Man kennt Sie als ‚Kaffeehaussitzer‘. Sie lesen also gerne und viel in der Öffentlichkeit? Ich bevorzuge ja den Ohrensessel, Ruhe und Abgeschiedenheit. Warum ist das bei Ihnen so extrem anders gelagert? Mögen Sie es, wenn man Sie im Lokal auf Ihre Lektüre anspricht?“
Herr Kalkowski trat zu uns hinüber. Wenn es ihn überraschte, dass ich seine Tätigkeit als Blogger zu kennen schien, zeigte er es nicht. Im Gegenteil: Er antwortete bereitwillig. „Nun, es gibt ja den bekannten Satz des österreichischen Erzählers Alfred Polgar, dass im Kaffeehaus Leute sitzen, die alleine sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen. Das macht für mich den Reiz aus. Außerdem liebe ich die Geräuschkulisse: Das Fauchen der Kaffeemaschine, gedämpftes Stimmengewirr, das Klappern von Besteck auf Porzellan – herrlich. Allerdings lässt mein Alltag den ausschweifenden Cafébesuch viel zu selten zu. Aber dafür gibt es dann ja mein virtuelles Kaffeehaus.“

Buchblogger. Beatrice las in der Mittagspause hin und wieder recht gerne Rezensionen im Internet. Ich machte mir hingegen für gewöhnlich mein eigenes Bild über ein literarisches Werk. Vermutlich hatte ich deshalb in den letzten Tagen zu viel Zeit im Ohrensessel verbracht. „Wie wichtig sind Navigatoren im Büchermeer?“, fragte ich.
„Bei den tausenden von neuen Büchern, mit denen der Markt jedes Jahr überschwemmt wird, sind Navigatoren für mich extrem wichtig“, stellte Uwe Kalkowski fest. „Bei mir sind dies in erster Linie die Buchhandlungen meines Vertrauens. Diejenigen, die ich betrete, um nur einmal kurz zu schauen. Und die ich dann mit ein, zwei, drei Büchern wieder verlasse. Bücher, von denen ich bis vor dem Öffnen der Türe noch gar nicht wusste, dass ich sie unbedingt brauche. Ebenso wichtig ist das Flanieren durch die bunte Welt der Literaturblogs – was mich für den Buchkauf wieder in die Buchhandlungen meines Vertrauens führt. Ein ewiger Kreislauf.“

Ich grinste, musste ich den guten Mann nach dieser Aussage doch prompt als bibliophil, als büchersüchtig, einstufen. „Läuft man als Buchblogger nicht Gefahr, dass das Lesen zum Zwang wird, weil man ein Publikum hat?“
Der Kaffeehaussitzer widersprach mir prompt. „Das kann ich so nicht bestätigen. Man sollte – finde ich – als Buchblogger aber auch nicht versuchen, der Novitätenflut der Verlage hinterherzuhecheln, um ständig die neuesten Romane vorstellen zu können. Zum einen schafft man das auf Dauer als Ein-Personen-Freizeit-Blogger nicht und zum anderen ist es auch völlig langweilig, wenn überall die gleichen, weil aktuellen Bücher vorgestellt werden. Nur ein Bruchteil der Bücher, die ich lese, findet überhaupt Erwähnung in meinem Blog, denn mehr als ein Beitrag in der Woche ist bei mir nicht drin. Und da erhalten dann nur die Bücher einen Platz, die mich begeistert oder nachdenklich gemacht haben. Die besonderen eben.“

Trotzdem verstand ich nicht so recht, was jemanden zum Bloggen antrieb. Ich meine: Blogs! Mir käme nie in den Sinn über Bücher oder Autoren zu bloggen … Ähm.
„Braucht man denn für das eigene Bücherregal und die eigene Meinung darüber überhaupt ein Publikum?“
Herr Kalkowski legte ein mildes Lächeln auf. Sein Blick fiel dabei auf die Staubflusen, die an meinem Ärmel klebten. Mir wurde bewusst, dass ich zu seinem gepflegten Äußeren einen starken Kontrast geben musste. „Natürlich ist das Lesen an sich eine einsame, ruhige Tätigkeit“, sagte er. „Und das genieße ich auch sehr daran. Leserunden, bei denen man sich während der Lektüre untereinander austauscht, sind so gar nicht mein Ding. Aber über gelesene Bücher sprechen – das ist schon seit vielen Jahren eine meiner Lieblingsbeschäftigungen und durch den Blog ist dies in einer wunderbar vielfältigen Weise möglich. Dabei sehe ich mich gerne als eine Art Buchbegeisterer, denn wenn ich ein Buch mochte, dann ist es mir geradezu ein Anliegen, so viele Menschen wie möglich mit dieser Begeisterung anzustecken. Wahrscheinlich so eine Art Buchhändler-Gen; denn obwohl ich schon lange nicht mehr in diesem Beruf arbeite: Einmal Buchhändler, immer Buchhändler.“

Ich erlaubte mir eine kleine Provokation: „Gehört eine Portion Eitelkeit zum Bücherexhibitionismus?“
Er zog kurz die Stirn kraus. „Mit Verlaub, ‚Bücherexhibitionismus‘ klingt recht abwertend. Aber es ist eine interessante Frage. Ich sage es mal so, wenn man bloggt, dann steht man in der Öffentlichkeit, auch wenn diese nur aus einer begrenzten Anzahl Menschen besteht. Man entscheidet sich dafür, Persönliches von sich preiszugeben, denn genau die persönliche Note macht einen Blog lesenswert. Hier befindet man sich stets auf einer Gratwanderung: Persönlich ja, aber nicht privat. So versuche ich das jedenfalls zu handhaben. Aber mit Eitelkeit hat das meiner Meinung nach nichts zu tun.“

Meine flüsternden Freunde waren der selben Meinung. Sie erzählten mir insgeheim ein wenig mehr über den Kaffeehaussitzer, was mich zu meiner nächsten Frage führte: „Was unterscheidet denn ein gutes Weblog von einem schlechten? Sie müssen das doch als bester Buchblogger 2017 wissen.“

„‚Gut‘ und ‚schlecht‘ sind zumindest gestalterisch subjektive Kriterien. Was mir gefällt, finden andere vielleicht langweilig, dafür finde ich so manches Blogdesign gruselig, von dem andere entzückt sind.“ Herr Kalkowski machte eine kurze Pause, dann sprach er weiter. „Aber ich denke, dass man als Blogger einen hohen Anspruch an seinen Inhalt haben sollte, denn der Blog ist meine Visitenkarte, mein öffentliches Wohnzimmer oder eben mein Kaffeehaus im Netz. Texte voller Rechtschreibfehler sind da eher peinlich. Außerdem möchte ich als Leser eines Blogs gerne wissen, wer da eigentlich schreibt, denn wie schon gesagt, ist gerade das Persönliche das, was Blogs auszeichnet. In einem guten Blog erscheinen regelmäßig neue Beiträge, die eine Meinung, eine Haltung erkennen lassen. Buchblogs, bei denen nur der Inhalt der vorgestellten Bücher wiedergegeben wird, brauche ich nicht zu lesen.“

„Wie würden Sie Ihre Lesevorlieben beschreiben? Mögen Sie es lieber politisch, anspruchsvoll, avantgardistisch oder humorvoll? Gehört Mainstream oder sogar Fantastik in Ihr Bücherregal?“ Ich lehnte mich über den Tresen. „Würde ich eventuell sogar ein ‚Groschenheft‘ unter ihrem Wohnzimmertisch finden?“
„Das Genre ist mir erst einmal egal. Was zählt, ist immer die Sprache, um mich für ein Buch zu begeistern. Wenn mich die Handlung, nach ein, zwei Kapiteln nicht gepackt hat, dann lese ich meistens nicht weiter. Dabei ist mein Lieblingsheld eher tragischer Natur; ein Einzelgänger, einer der schon viel eingesteckt hat, dem das Schicksal übel mitspielt. Einer der sich zwischen Fatalismus und Zorn noch einmal aufbäumt. Am liebsten erzählt in einem melancholischen, klaren und kargen Stil. Und ein Happy End ist völlig überbewertet – ich mag es, wenn das Ende völlig offen bleibt und das Kopfkino weiterläuft.“

Während wir so plauderten, stellte Beatrice sich einen Klappstuhl auf. Sie setzte sich demonstrativ gelassen hin, verschränkte die Arme vor der Brust und verfolgte mit unverhohlenem Amüsement meine Bemühungen Konversation zu betreiben. Wirkte ich so eingerostet?
Ich räusperte mich. „Herr Kalkowski, Sie arbeiten auch in der Buchbranche. Hat man da als Blogger einen anderen Ausgangspunkt?“
„Seit 1993 arbeite ich in der Buchbranche, damals begann meine Buchhändlerlehre. Seit 2001 bin ich im Verlagswesen tätig und beschäftige mich mit dem Marketing für Fachliteratur. Zwar weiß ich, wie die Abläufe in Verlagen und Buchhandlungen funktionieren und habe auch viele Kontakte in der Branche – aber als 2013 der Blog online ging, war das trotzdem eine Reise ins Ungewisse, da ich vollkommen ohne Plan in die Welt der Literaturblogs gestartet bin.“

„Wie landet man als ausgewiesener Literaturliebhaber ausgerechnet bei einem Fachbuchverlag? Inhaltlich sind Fachbücher doch eher … darf ich ‚langweilig‘ sagen?“
Jetzt wirkte mein Gegenüber doch ein wenig empört. „Das Wort „langweilig“ passt ganz und gar nicht. Natürlich sind die Inhalte keine Thematiken, an denen mein literarisches Herzblut hängt. Aber Anbieter von Fachinformationen sind viel, viel mehr vom Medienwandel betroffen, als belletristische Verlage. Und Teil dieses Medienwandels zu sein, ist eine sehr spannende Sache. Das Thema E-Books etwa ist hier eine vollkommene Nebensache, etwas, das im Vorbeigehen erledigt wird, da bei uns eine medienneutrale Datenproduktion schon seit einem Jahrzehnt selbstverständlich ist. Denn das eigentlich Entscheidende sind die Datenbanken, in denen die Informationen – man könnte auch Bücher sagen – untergebracht werden müssen, damit sie Relevanz haben. Und das ist sicherlich noch lange nicht das Ende der Entwicklung, hier wird sich in den nächsten Jahren noch sehr viel tun. Das alles ist dabei ein schöner Gegensatz zu meinen persönlichen Lesevorlieben, bei denen ich ein gedrucktes Buch allem anderen vorziehe. Wenn möglich, mit Lesebändchen.“

„Viele Blogger ächzten in den vergangenen Monaten über die Datenschutzgrundverordnung“, sagte ich. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass meine Bea überrascht die Brauen hob. Ja, meine Liebe, tagespolitisch war ich durchaus auf dem Laufenden. Es gibt ja Zeitungen. „Und dann war da ja noch die riesige Diskussion ums Urheberrecht im Web, wenn ich mich richtig erinnere. Die Politik und die Rechtsprechung haben das Internet nun doch etwas mehr in den Fokus genommen. Als ‚Medienmensch‘ haben Sie doch bestimmt eine Meinung dazu …“

Mit einer Frage schien ich einen Nerv getroffen zu haben. Herr Kalkowski antwortete mir sehr ausführlich. „Die Politik und das Internet sind bei uns leider zwei verschiedene paar Schuhe. Die DSGVO ist dafür ein schönes, eher ein trauriges Beispiel, dass hier wieder einmal mit Kanonen auf Spatzen geschossen wurde. Im Prinzip ist das Thema Datenschutz ein sehr wichtiges und die Diskussion hat dazu geführt, sich mehr Gedanken darüber zu machen. Das ist das Positive an der ganzen Geschichte.“ Er seufzte. „Die rechtliche Ausgestaltung wiederum ist zum Teil so absurd, dass sie selbst von Experten kaum noch nachzuvollziehen ist. Was bedeutet, dass viele Blogs oder andere private Seiten aufgegeben haben, weil sie einfach Angst vor Sanktionen hatten; eine Entwicklung, die allerdings durch viel Panikmache im Netz noch befeuert wurde. Dabei sind die eigentlichen Datenkraken kaum von den rechtlichen Vorgaben betroffen: Denn viele Menschen halten es für Fortschritt, sich Amazons Spionage-Alexa ins Wohnzimmer zu stellen. Unfassbar naiv, DSGVO hin oder her.
Beim Thema Urheberrecht ist die Diskussion ebenfalls etwas aus dem Ruder gelaufen. Das VG-Wort-Urteil des Bundesgerichthofes war vor zweieinhalb Jahren ein Schlag ins Gesicht für die Buchkultur in Deutschland, zeugt sie doch von einer erschreckenden Unkenntnis und Kurzsichtigkeit. Die Entscheidung, dass die VG-Wort-Ausschüttungen nur noch den Autoren zustehen sollen, drängt Verlage in die Rolle der ‚Verwerter‘ – und das sind sie nicht.
Denn Verlage sind Partner der Autoren. Wer einmal erlebt hat, wie ein Manuskript in einem Verlag eingegangen und was am Ende daraus geworden ist, wird verstehen, was ich meine. Natürlich liegt die geistige Urheberschaft alleinig beim Autor, aber um aus einem Text ein Buch entstehen zu lassen, dieses zu lektorieren und zu redigieren, es zu bewerben und zu verkaufen, den Autor bekannt zu machen, ihn aufzubauen – an diesem Prozess sind keine „Verwerter“ beteiligt, sondern engagierte Menschen in Verlagen. Und nur diese Zusammenarbeit macht einen Text zu einem Buch. ‚Verlegen‘ kommt dabei bekanntlich von ‚vorlegen‘, denn das wirtschaftliche Risiko trägt der Verlag alleine. Besonders hart trifft die Entwicklung der letzten Zeit die kleinen und unabhängigen Verlage, die Trüffelsucher in der Verlagslandschaft. Hier erscheinen fernab des Mainstreams interessante neue Autoren, werden Texte entdeckt, literarische Experimente gewagt und Nischen erkundet. Alles auf einem wirtschaftlichen Niveau, das meistens gerade so zum Überleben reicht. Im Moment wird ja für eine gesetzliche Regelung geworben, um die VG-Wort-Gelder wieder gerecht zu verteilen.“ Er verstummte kurz, holte Luft und schob dann noch einen leiseren Satz hinterher. „Es ist zu hoffen, dass hier bald eine Lösung gefunden wird.“

Ich bedankte mich artig bei meinem Gast für das Gespräch. Eine faszinierende Person, die zur Literatur so wundervoll viel zu sagen hat.
Als er den Laden verlassen hatte, ging ich zum Kleiderhaken, nahm den Mantel, den Hut und meinen Stock. „Beatice!“
„Ja?“
„Wo bleiben Sie?“
„Was?“
„Wo bleiben Sie?“
„Wie, wo bleibe ich?“
Ich drehte mich zu ihr um. „Jacke anziehen! Laden abschließen! Sie müssen hier mal raus. Konversation betreiben. Ich lade Sie auf einen Kaffee ein.“

Cafehaussitzer
Uwe Kalkowski ist auf Twitter als @cafehaussitzer aktiv

zu Besuch im Antiquariat: Carsten Sebastian Henn

Schnuppernd hielt ich meine Nase in die Luft. Ich musste zugeben, dass mein Antiquariat schon lange nicht mehr so gut gerochen hatte. Nicht, dass mir der Duft von Staub und altem Papier nicht mehr behagte, doch die Aromen von Schokolade bildeten in meiner krummen Nase einen angenehmen Kontrast zur gewohnten Melange.
„Erwarten Sie einen Gast?“ Beatrice betrachtete misstrauisch den Tisch und die zwei Stühle, die ich in die Mitte des Verkaufsraums gezogen hatte. Weingläser, ein Riesling von der Mosel und erlesene Pralinen standen darauf bereit. „Haben Sie ein Rendezvous?“ Warum hörte sich das so … ungläubig an? „Damenbesuch?“, hakte sie nach.
Ich schnaubte. „Nein, kein Damenbesuch.“ Und um Missverständnissen vorzubeugen, sagte ich noch: „Kein Rendezvous.“
„Und ich dachte schon.“ Bea schmunzelte, was diesen Dialog auch nicht unbedingt besser machte.
„Wenn Sie es genau wissen möchten, meine Liebe“, sagte ich etwas pikiert, „mir ist aufgefallen, dass ich schon ziemlich lange kein kultiviertes Gespräch mehr geführt habe.“ Ob sie das als Spitze verstand? Sie ließ sich nichts anmerken. Deshalb redete ich einfach weiter. „Und da ich gerade einen kulinarischen Krimi ausgelesen habe, habe ich beschlossen, den Verfasser der kurzweiligen Lektüre einzuladen.“
„Kulinarischer Krimi?“
Ich deutete auf den Tisch. Wie von Zauberhand neben der Flasche platziert, lag dort nun eine Taschenbuchausgabe von „Die letzte Praline“.
„Aha“, machte Beatrice. Sie schaute demonstrativ auf ihre Armbanduhr, merkte etwas über ihren Feierabend an und verabschiedete sich.

Kurz darauf bimmelte das Türglöckchen aufgeregt und kündigte meinen Besucher an. Vor mir stand ein dunkelhaariger Mann, gekleidet in Jeans, Hemd und blauer Strickjacke. Ich schätzte ihn auf etwas über vierzig. „Guten Abend, Herr Henn. Wie schön, dass Sie sich die Zeit für mich und mein kleines Antiquariat nehmen.“
„Ich freu mich sehr, dass Sie mich in Ihr Reich eingeladen haben. Antiquariate ziehen mich immer magisch an – ich könnte dort ja ein altes Kochbuch finden.“ Er schaute sich um und nahm dann zielsicher Kurs auf das entsprechende Bücherregal. Vielleicht erkannte er einen Buchrücken – oder er roch es einfach.
„Ist ein Riesling das Richtige für Sie? Ich habe gehört, dass Sie Winzer sind. Oder doch lieber ein Kölsch?“
„Riesling geht immer.“ Er setzt sich und warft einen Blick auf das altertümliche Etikett. „Ist ja sogar einer von der Mosel. Da habe ich auch meine Weinberge in Steilstlagen, die ich zusammen mit Freunden bewirtschafte. Die Lage heißt St. Aldegunder Himmelreich und drohte brach zu fallen. Da haben wir uns zusammengetan, um sie zu retten und selbst zu bewirtschaften. Seitdem weiß ich was ‘im Schweiße seines Angesichts’ wirklich bedeutet – und bin sehr demütig geworden, was die Arbeit der Winzer betrifft.
Leider musste ich nach fünf Jahren meine Arbeit 2017 einem Winzer übertragen, da ich gerade jede freie Minute für den neuen Roman brauche. Vielleicht stapfe ich demnächst wieder selbst in den Wingert.“
Ich betrachtete meinen Gast genauer. Ein freundlicher Zeitgenosse, der eher introvertiert wirkte. Er sprach ruhig, konnte aber sein rheinisches Naturell dadurch nicht verbergen. Ich schenkte ihm ein. „Wird man zum Winzer, weil man kulinarische Literatur verfasst? Oder verfasst man kulinarische Literatur, weil man Winzer ist?“
„Man verfasst kulinarische Literatur und wird Winzer, weil man Wein und Speisen liebt, und seiner Leidenschaft gefolgt ist. Normalerweise führt diese Leidenschaft dazu, dass ich zunehme.“ Er strich liebevoll über seinen Bauch. „Durch die Schufterei im Weinberg gleicht sich das erfreulicherweise etwas aus.“ Carsten Henn zog etwas aus seiner grauen Filzumhängetasche. „Habe Ihnen eine Flasche mitgebracht, passt hervorragend zu einem historischen Roman, der italienisch zubereitet ist.“ Er zwinkerte mir zu und stellte die Flasche, die ein Etikett mit Rebstock zierte, auf den Tisch.
„Danke.“ Angenehm überrascht zog ich eine Augenbraue hoch und strich mit dem Daumen über das Motiv. Dann deutete ich aber auf das Buch auf der Tischplatte. „Die Reihe Ihrer Veröffentlichungen ist lang. Sachbücher und Romane – Sie schreiben gerne übers Essen und Trinken. Aus Passion oder weil es eine Nische im Literaturbetrieb ist, die Sie gut bedienen können?“
„Wer ein Thema wählt, weil es eine unbesetzte Nische ist, wird vielleicht erfolgreich, völlig glücklich wird er damit aber nicht. Denn der Erfolg oder das Lob wäre für etwas, das nicht aus dem Herzen entsprungen ist. Ich schreibe immer nur nach dem Lustprinzip. Also über das Thema, auf das ich die größte Lust habe. Karrieretechnisch ist das nicht immer clever, aber das ist mir schlicht egal.“
Ich musste feststellen, dass mir diese Antwort irgendwie imponierte. Andererseits gab ihm der Erfolg durchaus recht. „Um einen Roman über Whiskey oder Champagner zu schreiben“, stellte ich fest, „muss man bestimmt viel recherchieren. Nicht nur in heimischen Regionen. Das kostet bestimmt viel Zeit und Geld. Außerdem braucht man die richtigen Kontakte. Wie muss ich mir das vorstellen? Sagt Ihr Verleger: Machen Sie mal drei Wochen Urlaub in Frankreich, besuchen Sie diese vorgegebenen Personen, interviewen Sie sie zum Thema Essen und dann machen Sie einen lustigen Krimi daraus! Die Spesenrechnung bitte an die Rechnungsabteilung.
„Ach, wäre das schön!“ Er lachte und nahm einen langen Schluck Riesling. „Zwar lassen sich Recherchereisen steuerlich absetzen, aber die Verlage zahlen nichts an Spesen. Dabei ist die Recherche so essenziell, sie inspiriert enorm und vor allem vermittelt sie einem Gerüche, Geräusche, Geschmäcker und ein Gefühl für einen Handlungsort, wie es kein Reiseführer könnte. Das Schöne ist, dass Menschen einem Schriftsteller bei der Recherche gerne helfen – vielleicht spekulieren sie darauf, im Buch als besonders schöne Leiche zu enden.“ Er zwinkerte mir zu.
Deshalb erlaubte ich es mir, etwas mehr die Mundwinkel zu heben. Nein, ich lächelte sogar. „Und nach der Recherche“, fragte ich, „beginnt regelmäßig die Diät beziehungsweise der -äh- Entzug?“
„Sollte! Aber ich bin ja ein durch und durch inkonsequenter Mensch, was lustvolles Genießen betrifft. Da kann eine Diät dann auch mal nur einen Nachmittag dauern.“
Das sah man dem Guten nun wirklich nicht an. „So ein Roman mit Vorgabe spult ja eine ganze Menge an Wissen ab. Haben Sie manchmal Bedenken, dass sich die Story zu sehr um das Thema beugen muss? Ein Leser möchte ja in erster Linie unterhalten, aber nicht belehrt werden. Driften Sie vielleicht hin und wieder in den ‚Infodump‘?“
„Das ist immer eine Gefahr, da man so viel faszinierendes Wissen anhäuft, das man mit den Leserinnen und Lesern teilen möchte. Deshalb habe ich schon beim ersten Roman ein Glossar im Anhang entworfen, um das alles hineinzupacken. Der Fluss eines Romans darf nicht durch Informationsvermittlung gestört werden. Meine Hauptfigur Prof. Dr. Dr. Dr. Adalbert Bietigheim doziert allerdings gerne, so dass ganz automatisch viel über ein Thema seinen Weg zwischen die Seiten findet. Ich hoffe, auf augenzwinkernde Art.“

„Sie sind auch Journalist, nicht wahr? Welcher Berufswunsch stand denn während Ihrer Jugend an erster Stelle?“, fragte ich.
„Ich unterscheide da nicht“, antworte Herr Henn und bediente sich vom Teller mit den Pralinen. „Schon in der Grundschule wollte ich schreiben, habe selber eine Schülerzeitung gemacht und kopiert. Ich liebe es mit Worten zu arbeiten, das ist mein Werkstoff – journalistisch wie literarisch.“
Da ich wusste, dass seine kulinarischen Geschichten nicht nur als Print veröffentlicht wurden, hatte ich noch eine weitere Frage in petto: „Die Hörbücher zu Ihren Romanen werden zum Teil von prominenten Persönlichkeiten eingelesen. Sie sind aber auch schon selbst ins Tonstudio gegangen. Was ist Ihnen lieber?“
„Wenn Jürgen von der Lippe oder Bernd Stelter meine Texte vortragen, finde ich das wahnsinnig spannend. Sie haben ihre ganz eigene Interpretation meiner Geschichten – und lesen viel besser vor als ich.“

Man glaubt gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht, wenn man den Gaumen mit Köstlichkeiten verwöhnt. Wir plauderten noch ein Weilchen über Kochbücher, Krimis und Komödien. Doch schließlich zog es meinen Gast zu den Reiseführern. Er fand ein Exemplar, das sich mit dem Ort seines aktuellen Romans beschäftigte. Ich bot es ihm als kleines Geschenk an.
„Ich kaufe stets mit großer Vorfreude viel zu viele Bücher, die ich dann nicht gelesen bekomme, was mich immer ein wenig traurig macht“, gestand er. „Aber ich kann es nicht ändern!“ Und so wanderte auch dieses Buch in seine Tasche. Ich war mir sicher, dass es ein gutes Zuhause finden würde.
„Dann bin ich gespannt, was für ein Krimi daraus wird.“ Ich schmunzelte und korrigierte mich dann selbst. „Natürlich meine ich, was für ein kulinarischer Krimi daraus wird.“
Krimi?“ Herr Henn steckte unschuldig seine Hände in die Hosentaschen, zog die Schultern hoch und legte den Kopf schief. „Mein neuestes Buch ist eine Liebeskomödie, in der es darum geht, ob Liebe berechenbar ist.“ Er wollte wohl darauf aufmerksam machen, dass er auch anderes schreiben konnte.
Das zweifelte ich nicht an. Aber trotzdem fragte ich: „Eine Liebeskomödie?“
„Sie handelt von Sternen am Himmel und in Champagnergläsern …“
„Eine Liebeskomödie?“, bohrte ich.
„Sie heißt ‚Eine Prise Sterne‘ …“
„Eine Liebeskomödie?“
„… und spielt in meiner Heimatstadt Köln, was immer zu einem besonders persönlichen Schreibprozess führt.“
„Eine Liebeskomödie?“, hakte ich nochmals nach. Ich hätte das Spiel den ganzen Abend fortsetzen können.
Herr Henn sah es ein und gab seufzend auf. „Ja, eine Liebeskomödie … eine kulinarische Liebeskomödie.“
Ich wusste es.

Nachlese: Herr Plana auf der Buchmesse

Eigentlich mag ich ja die Stille, die Ruhe und den Ohrensessel in meinem Antiquariat. Aber meine Bea meinte, dass ich mich wenigstens aus beruflichem Interesse mal in die Ferne wagen solle. Also hat sie mich in meinen alten Käfer gesetzt, mir Frankfurt auf der Landkarte gezeigt und mich Richtung Süden geschickt. Das Gedränge war wirklich nicht meins. Diese Marktschreierei im Namen der Literatur entspricht nicht meiner Mentalität. Und diese allgegenwärtigen verkleideten Leute, diese Cosplayer, schienen Realität mit Fiktion zu verwechseln (was sie mir aber eigentlich richtig sympatisch machte).

Ich wollte gerade gehen, da fand ich diese Abteilung mit antiquarischen Büchern. Ab diesem Moment war es um mich geschehen …

alte Bücher
Wurderbar erhalten. Ein Schmuckstück in der antiquarischen Abteilung
Galaries Historiques de Versailles
Würde in Planas Buchantiquariat einen Ehrenplatz bekommen
Terry Pratchett als Buchstütze
Terry Pratchett als Buchstütze. Nicht antiquarisch – aber schön anzusehen.
Buch mit Schließen
Dieses Buch wird ein paar Kilo wiegen. Herrlich anzusehen!
History of England
History of England
Geschnitzte Bücher
Holzbücher für Holzköpfe? Nein, das ist Kunst.
Kunst im Buch
Kunst im Buch als Sonderformat, damit die Bilder in Originalgröße dargestellt werden können.

 

Erotik in Büchern

Nun greifen wir tief in die Schublade, schieben die gewissen Hochglanzmagazine zur Seite und setzen uns die roten Ohren auf. Denn das verbotene Wort „Sex“ wird auch in der Literatur gebraucht. Böse Zungen behaupten sogar, dass sich bestimmte Bücher nur gerade deswegen verkaufen lassen.

Wir wollen das nicht. Uns interessiert selbstverständlich die Handlung des Romans. Wenn von Charlotte Roche bis Jean M. Auel so viele Autoren bereit sind, hinter die Schlafzimmertür zu schreiten, müssen wir ihnen ja nicht folgen. Blättern wir ganz schnell über die betreffende Stelle hinweg und schauen lieber, was danach Wichtiges passiert.

Okay. Kommando zurück. Wir sind schließlich alle erwachsen. Von Bienchen und Blümchen muss uns niemand mehr erzählen. Erotik hat nicht nur mit Fortpflanzung zu tun.  Warum also nicht darüber schreiben?

„Oh ja. Oh! Jaaa.“ Bei mir läuft gerade das Hörbuch von Ken Follett. „Die Säulen der Erde“. Ganz ehrlich? Ich muss jedes Mal schmunzeln, wenn mir die „gewissen“ Szenen vorgelesen werden.
Man stelle sich die Sprecher im Studio vor: Wie sie vor dem Mikrophon sitzen und in bester Nullhundertneunzig-Manier stöhnen und keuchen sollen. Sie schmatzen auch!
Hinter der Scheibe des Toningenieurs ist in jenem Augenblick der Regisseur nach Luft japsend vom Stuhl gekippt. Ganz blau angelaufen ist er. Lachkoller können weh tun!

Bleiben wir bei diesem Beispiel: Hätte der Roman über den Bau einer Kathedrale ohne Sexszene anders ausgesehen? Vermutlich nicht. Aber etwas Intimität mit den Protagonisten darf ruhig sein. Das macht Stimmung. Es vertieft die Bindung. Wir können uns leichter mit den Menschen zwischen den Zeilen identifizieren, wenn wir ihn auch in intimste Bereiche begleiten. Tabus sind ja auch gar nicht nötig. Da ist nur der Leser mit seinem Buch …

Stellen wir also fest: Tabus sind wirklich nicht nötig. Nicht bei den „Säulen der Erde“.
„Oh ja. Oh! Jaaa.“ Die gleiche wörtliche Rede hätte natürlich auch auf dem Lokus passieren können. Ganz ohne Sex. Der Prior der Kathedrale hatte nämlich bestimmt Verstopfung und Hämorrhoiden. Er freut sich so, dass …

Halt!
Nein, sooo sehr wollen wir uns mit dem Protagonisten denn doch nicht identifizieren …