Schlagwort-Archive: Markus Walther

zu Besuch im Antiquariat: Danise Juno

Buchland

Es war einer dieser Tage. In meinem Kopf zogen sich die Gedanken wie weichgekauter Kaugummi in die Länge. Sortieren. Ich wollte die Bücher hinter dem Kassenbereich neu sortieren. Na ja. Wollen? Das war wohl das falsche Wort. Aber es wurde nötig. Jedoch … Wenn man versucht Autoren und ihre Werke nach einem vernünftigen Schema zu ordnen, stößt man irgendwann an gewisse Grenzen.
In den alten Bibliotheken vergangener Zeiten hatte man es sich einfach gemacht. Man hatte Folio zu Folio gestellt, Quart zu Quart, Oktav zu Oktav. Oder anders gesagt: Man hatte nach Größen sortiert. Angesichts der vielen Millionen Bücher, ist man – oh Wunder – von dieser Methode inzwischen abgekommen. Nach Farben zu sortieren, macht für gewöhnlich ebenso wenig Sinn.
Tja, dann bliebe noch die Möglichkeit nach Genre zu ordnen. Science-Fiction, Horror, Fantasy und so weiter. Das war mein Plan. Doch just in diesem Moment kamen mir die Bücher von Stephen King in die Finger. Der Gute war so ziemlich in jedem literarischen Tümpel mal fischen. Würde ich meinem Plan folgen und nach Genre sortieren, wären seine Bücher in diesem Raum beinahe in allen Regal zu finden.
„Ärks“, entfuhr es mir. Eventuell sollte ich doch lieber nach Nachnamen alphabetisch ordnen. Ja. Alle Kings, die hier im Laden verstreut waren, nebeneinander! Gesagt getan. Meine Laune hatte sich nach vollendeter Arbeit tatsächlich etwas gebessert, meine Hirnwindungen entknotet.
Dann fiel mein Blick auf den kleinen Stapel Bücher, die ich als nächstes einsortieren wollte. Richard Bachmann. „Das ist jetzt wohl ein Scherz“, beschwerte ich mich. Und ich hätte wetten können, dass da irgendwo jemand leise kicherte.

„Warum, vermaledeit nochmal, legen sich Autoren Pseudonyme zu? Bachmann ist King. King ist Bachmann. Das ist doch albern.“ Ich hätte mir meine Frage natürlich selbst beantworten können. Es gab viele Gründe für das Versteckspiel hinter fremden Namen. Aber …
„Vielleicht kann ich was dazu sagen“, sagte eine weibliche Stimme zu mir. Ich drehte mich erstaunt um. An der anderen Seite des Tresens stand eine Frau. Ich schätzte sie vielleicht auf knapp vierzig Lenze, oder so. Sie trug schwarze Jeans, halbhohe schwarze Stiefel mit flachem Absatz und eine dunkelrote Bluse in deren Spitzenärmel ihre Fingerspitzen kaum noch zu sehen waren. Darüber stach eine auffällige doppelreihige Kette aus schwarzen Perlen ins Auge. Die Haare: herbstdunkelrot, frisch geschnittener, kinnlanger Bob, offen, Seitenscheitel. „Markant“, dachte ich, „und selbstbewusst. Diese Frau brauchte bestimmt kein Pseudonym.“ Markant war auch das Make-up: Smoke Eyes und dunkler Lippenstift passend zur Bluse. Das bildete zur blassen Haut einen gewollt starken Kontrast.
„Guten Tag“, sagte ich leicht perplex, „Frau … äh.“
Sie zwinkerte mir mit ihren leuchtend grünen Augen zu: „Juno. Danise Juno.“
„Und, äh, was möchten Sie mir zu Pseudonymen erzählen?“
Sie tätschelte die oberste Ausgabe von „Todesmarsch“, als hätte das Buch etwas Trost verdient. „Es ist ganz und gar nicht albern ein Pseudonym zu verwenden. Manchmal ist ein Autor dazu sogar gezwungen, oder würden Sie einen blutigen Thriller von einer Autorin mit dem Namen Marianne Rosenzweig lesen wollen? Oder eine Liebesschmonzette von Bernhard Zipfelacker? Wie wäre es mit einem Horrorroman von Ingeborg Trautwein?“
Hm, dachte ich, ob sich Samuel Clemens deshalb wie eine Tiefenangabe der Bootsfahrer genannt hat? Mark Twain. Ich verkniff mir diese Randbemerkung. Stattdessen lauschte ich, mit leichtem Amüsement, dem Redefluss meines Gastes.

„Unbewusst verbindet man den Klang eines Namens mit gewissen Erwartungen. Sie brauchen nur an Haustiernamen zu denken. Es gilt inzwischen schon als Scherz seinen Dobermann Püppi zu nennen, weil man damit eher einen niedlichen, stupsnasigen Handtaschenhund assoziiert, statt eines großen Muskelpaketes mit Stachelhalsband.
Was bleibt einem da als Autor schon anderes übrig. Und selbst wenn sie als Autor das Glück haben sollten, einen solch klangvollen Namen wie Georg Held oder Barbara Falk zu tragen; wenn die Leser sie nach einigen Romanen als DEN Thriller Autor kennen und plötzlich haben sie Lust etwas ganz anderes auszuprobieren und schreiben einen High Fantasy Epos, dann werden viele ihrer eingefleischten Fans enttäuscht sein, weil sie von ihnen etwas ganz anderes erwarten.“
So einen langen Monolog hätte ich der Frau gar nicht zugetraut. Sie wirkte beim Betreten des Raumes doch eher anders. Aber sie war mit mir noch nicht fertig. Ihr flammendes Plädoyer für Pseudonyme brauchte seinen Platz.
„Aber jetzt denken wir noch einen Schritt weiter. Was passiert denn, wenn sie völlig unerwartet den großen Wurf, den Wahnsinnsbestseller geschrieben haben, der sich millionenfach verkauft?
Richtig, der Autor hat es geschafft. Großartig. Und dann kommen die Reporter, wühlen in ihrer Abfalltonne herum, befragen ihre Freunde und Verwandten auf der Suche nach Skandalen und Skandälchen, ihre Kinder werden belauert, vielleicht Schlimmeres. Man zahlt den Preis der Berühmtheit.
Das sind die Gründe, warum auch ich mich für ein Pseudonym entschieden habe. Mein Name klingt altbacken, ich will mich im Genre noch nicht wirklich festlegen und ich möchte nicht berühmt sein.“
„Ach“, sagte ich. „Sie sind Autorin?“ Beiläufig schaute ich mich um. Und tatsächlich lag auf dem Verkaufstresen plötzlich ein graues Taschenbuch. „Herbstlilie – Limbergens vergessene Kinder*“ von Danise Juno. Ein geheimnisvolles, leicht gruseliges Motiv, lud darunter zum Lesen ein. Das konnte nur ein Mysterybuch sein. Vielleicht auch ein Thriller. „Danise Juno? Das ist ein Pseudonym? Wie kommt man an so einen Namen?“

Danise holte tief Luft, seufzte und redete dann ein wenig langsamer und entspannter. „Einen geeigneten Künstlernamen zu finden ist nicht einfach. Wer die Wahl hat, hat die Qual. Der Doktor des Raumschiffs Voyager hat Jahrzehnte gebraucht, um sich auf einen Namen festzulegen.“
„Siehe da!“, sagte ich, „Ein Trekkie.“ Aber sie ging nicht darauf ein.
„Ich hatte nicht ganz so viel Zeit und doch tat ich mich damit nicht leicht.“
„Wie kam es also zu Danise Juno?“
„Eigentlich hatte ich mich bei der Namenssuche vertippt und schrieb Denise falsch. Als ich feststellte, dass es keine Suchbegriffstreffer gab, glaubte ich den perfekten Vornamen gefunden. Im Anschluss suchte ich nach einem Monatsnamen – oder ähnlich einfachem und kam auf den rheinischen Ausdruck für Juni – schließlich bin ich Rheinländerin. So entstand Juno. Doch was es mit diesem Namen tatsächlich auf sich hat, begriff ich erst viel später. Ein Bekannter stieß mich mit der Nase darauf, doch tat ich seine Feststellung mit einem Lächeln ab. Das war zu abwegig. Erst als kurz darauf zwei weitere Freunde unabhängig voneinander denselben Gedanken hatten und mich fragten, ob es eine Konvergenz der Namen meiner beiden Kinder sei, betrachtete ich mein Pseudonym genauer. Ich bekam eine Gänsehaut, als mit klar wurde, welch seltsame Dinge das Unterbewusstsein doch mit einem anstellt. Ich hatte, ohne es zu merken, eine weibliche Form von Dario und Julie gewählt.“

Schmunzelnd dachte ich an mein Buchland und die unglaubliche Magie, die darin steckte. „Geschichten sind so“, stellte ich fest. „Manchmal suchen sie sich klammheimlich ihren Weg in die Realität.“ Ich griff nach „Herbstlilie“ und ließ die Seiten am Daumen vorbei gleiten. Beim Blättern erahnte ich die komplexe Geschichte, die auf den Seiten auf ihre Leser wartete. „Verschwindende Grenzen zwischen Realität und Geschichte scheinen auch für Sie ein Thema zu sein.“

Danise nickte ernst. „Mein Bestreben ist es, diese Grenzen zumindest in einigen meiner Geschichten zu sprengen. Viel zu selten werfen wir einen Blick zurück über unsere Schulter. Wo kamen wir her? Und inwieweit beeinflusst das unsere eigene Zukunft? Damit meine ich nicht die Aufzählung von Heerführern in den Geschichtsbüchern, die Taten großer Männer und Frauen und ihrer unterlegenen Kontrahenten. Den wenigsten von uns ist es vergönnt, eine solch einflussreiche Persönlichkeit zu werden. Ich meine damit unsere eigenen Vorfahren, die vielleicht Bergarbeiter, Bauern, Dienstboten oder einfache Handwerker waren. Was haben sie geleistet, welchen Beitrag haben sie an dem, was aus uns wurde, wie haben sie gelebt? Auch sie haben gefühlt, gelitten und gelacht, doch ist ihre Geschichte mehr und mehr im grauen Nebel der Zeit verloren gegangen. Vielleicht verklärt zu Sagen und Legenden – reduziert auf einfache Überlieferungen, kleine Familiengeschichten und Anekdoten. Wäre es nicht schön zu wissen, wie sich die Ereignisse tatsächlich ereignet haben und mehr zu erfahren, als bloße Namen und Daten der Personen um die es sich in der Geschichte dreht.
In meinem Roman ‚Herbstlilie – Limbergens vergessene Kinder‘ versuche ich auf eindrückliche Art zu schildern, wie eine Legende entsteht und stelle ihr die wirklichen Ereignisse gegenüber. Meine Protagonistin Julia versucht in der heutigen Zeit diesen Sagen auf den Grund zu gehen und findet immer mehr Indizien zu den Personen aus diesen Legenden heraus, bis sich ein lebendiges Bild von ihnen zeichnen lässt. In den Kapiteln, die in der Vergangenheit spielen, biete ich dem Leser einen Einblick in das Leben und Fühlen dieser Menschen. Es ist, als würde man durch ein Fenster sehen und man kann die Ereignisse so erfahren, als sei man selbst dabei gewesen. Vielleicht mag man es sogar als lebendig gewordene Ahnenforschung bezeichnen.“

Danise Juno. Ich ertappte mich dabei, dass ich darüber nachdachte, wie die Autorin wirklich heißen mochte. Wenn sie sich noch nicht auf ein Genre festgelegt hatte und dann eventuell unter anderem Namen veröffentlichen wollte, wäre es doch interessant zu wissen, unter welchem Namen das passieren würde. Oder wenigstens den Titel des nächsten Werkes wollte ich wissen. Das galt es in einer Frage zu formulieren: „Ich würde gerne den Titel Ihres nächsten Werkes wissen.“ Äh, welch abweichender Sprachgebrauch zu meinen Gedanken, nicht?
„Nächsten Frühsommer ist die Veröffentlichung eines Thrillers geplant, der den Titel ‚Death Cache*‘ trägt. Es handelt sich um einen Geocaching-Thriller. Auch dort wird es wieder Rückblenden geben, die jedoch dieses Mal nicht ganz so weit zurückreichen, wie bei Herbstlilie. Man darf gespannt sein auf Geheimnisse, die in der Vergangenheit meiner Protagonisten lauern.
Des Weiteren ist eine Familiensaga geplant. Ich bin mir noch nicht schlüssig, ob der Aufbau wie bei Herbstlilie, verschlungenen Pfaden folgen wird, oder ob ich es einmal mit einer chronologischen Reihenfolge versuchen werde. Es warten dort viele Geheimnisse, ein großer Schuss Mystik und ein paar Legenden.
Erst danach wird es ein Wiedersehen mit Frank und Julia Meinert geben, die erneut das Münsterland unsicher machen werden. Julia kommt einer Legende auf die Spur, die sich in der Vergangenheit tatsächlich genau so ereignet haben soll. Ich bin schon gespannt, was sie so alles zu Tage fördern wird. Hoffentlich kann sie am Ende ihre Familie und ihre Ehe retten.“

Das hörte sich alles sehr interessant an. Viele Projekte waren das. Viele Bücher würden das werden. Bücher, die ich später auch noch einsortieren musste. Den Platz sollte ich dafür auch noch vormerken. „Ähm“, machte ich, „würden Sie Ihre Werke nach Namen oder nach Genre hier einsortieren?“
Ausnahmsweise war Danises Antwort nicht so umfangreich. Ich bekam nur ein Schulterzucken von ihr zu sehen …

 

 

zu Besuch: Rebekka Mand

Im AntiquariatDer Stapel Bücher auf meinem Sekretär hatte eine Höhe erreicht, die ihn leicht schwanken ließ. Da waren allerhand Sachbücher und ein paar Prosatexte. Da waren die Bücher von Régis Boyer und Snorri Sturlunson neben den Romanen von Bernard Cornwell, Frans G. Begntsson, Kari Köster-Lösche und Rebecca Gable.

Auf den ersten Blick mochte die Auswahl willkürlich erscheinen, aber inhaltlich ließen sie sich alle über ein Thema aus: Wikinger. Naja. Um korrekt zu bleiben, muss ich eigentlich den Begriff Nordmänner bemühen. Die rauen Kerle waren anhand ihrer Beutezüge, ihren Vikings, bekannt geworden, doch bot die Lektüre weitaus mehr als epische Schlachten a la Hollywood oder Schlägereien im kindgerechten Zeichentrick.

In den letzten Stunden hatte ich mich eingelesen. Einfach so. Aus Lust und Laune. Überrascht hatte ich feststellen müssen, dass das Nordvolk mich zu fesseln wusste. Das meine ich natürlich im literarischen Sinne.

„Inspirierend“, resümierte ich, nachdem ich den letzten Band der „Uthred-Saga“ zugeschlagen hatte. „Es wäre schön, wenn man in das Regal noch ein paar Titel mehr einsortieren könnte. Was Prosaisches zum Beispiel. Nicht staubtrocken zu lesen, weniger Historienroman, dafür mehr Abenteuer mit einem Schuss Lovestory“, zählte ich meine Wünsche auf.

Die Bücher um mich herum tuschelten leise. Doch ich verstand nicht wirklich. Ich schaute mich um, ob sich vielleicht irgendwo ein Schatten im Regal nach vorne schob, ob sich etwas auf dem Beistellwagen unauffällig manifestierte oder sich sonst irgendwas seinen Weg aus den Tiefen des Buchlandes zu mir suchte.

Nichts dergleichen geschah. Stattdessen klingelte das Türglöckchen im Laden und eine junge Frau trat herein. „Kundschaft“, seufzte ich. Da Beatrice mal wieder nicht da war, musste ich mich nach vorne bemühen. Ich murmelte unwirsch vor mich hin, da ich leicht angesäuert war, dass mein spezieller Bücherwunsch nicht erfüllt worden war. Auf meinen Gast musste das ziemlich grantig wirken. Da kam ein alter Antiquar auf sie zu, brabbelte unverständlich und knurrte dann relativ unhöflich: „Sie wünschen?“ Ich sollte dringend mein Benehmen aufpolieren! Mühsam streckte ich also mein Kreuz in eine aufrechtere Position und malte ein freundlicheres Lächeln in mein Gesicht.

„Rebekka Mand“, stellte sich die Frau vor. Dabei hob sie die Hände in einer zunächst abwehrenden Geste zwischen uns. Mit der Linken hielt sie ein Buch, das auf diese Weise in mein Blickfeld kam. „Von den Grenzen der Erde“, las ich. Ein hübsches, sehr aussagekräftiges Cover. Die Künstlerin, die das gestaltet hatte, hatte echt was drauf. Als ich das Bild genauer betrachtete, erkannte ich unter anderem die Silhouette eines Wikingerbootes.

„Ah“, machte ich, verzichtete aber darauf, meine plötzliche Begeisterung zu erläutern. Ich fragte auch gar nicht, was sie zu mir führte. Buchlandmagie reichte mir vollkommen als Erklärung. „Frau Mand! Sie bringen mir ein Buch mit. Wie schön!“ Ich musterte sie.

Gekleidet in einer hellbraunen Lederjacke, darunter ein schlichter, langer Pullover, Jeans und schwarze Boots, stand sie vor mir. Ein buntes Tuch setzte einen besonderen Akzent zum Outfit. Viel markanter fand ich allerdings die rotgefärbten Haare, die sich keck bis zum Kinn streckten. Sie ließ meine stumme Bewertung ihrer Person unbeteiligt über sich ergehen. Lieber schaute sie flüchtig im Laden um.

„Eine Autorin“, stellte ich fest, „kein Zweifel. Was haben Sie denn da für ein Buch?“ Sie richtete ihre Aufmerksamkeit nun doch auf meine Person und versuchte meine Grantigkeit von gerade eben, mit einem ausgewählt freundlichen Lächeln zu entwaffnen.

„Von den Grenzen der Erde“, antwortete sie. Und ja: Ich konnte dieses stolze Funkeln in ihren Augen aufblitzen sehen. Da hatte jemand das Erstlingswerk in der Hand und am Schreiben so richtig Blut geleckt.

„Wovon handelt es?“, fragte ich ehrlich interessiert.

„Es ist ein klassischer Abenteuerroman mit einer Prise Fantastik.“

„Wikinger?“

„Nordmänner!“ Korrigierte sie mich beiläufig. „Erzählt werden zunächst zwei Geschichten, die sich irgendwann zu einer verbinden. Da wäre zum einen die Geschichte von Lynn, einer irischen Königstochter, deren Dorf von Nordmännern angegriffen wird. Während Lynn und ihre Mutter als Sklavinnen nach Norwegen gebracht werden, stirbt Lynns Vater bei dem Überfall. Dank Lynns besonderer Gabe, den Toten ins Jenseits zu folgen, erfährt sie von ihrem Vater von einem Schatz, den er für sie versteckt haben soll. Fortan verfolgt Lynn das Ziel, zurück nach Hause zu gelangen und den Schatz zu finden. Und dann ist da Eirik, jüngster Sohn einer dänischen Sippe, dem nichts Wichtiger ist als sein Schiff und seine Freiheit. Als er beides zu verlieren droht, kommt ihm Lynns Schatz gerade recht.“ An dieser Stelle holte Rebekka kurz Luft. „Es ist eine Geschichte von Familie, Heimat , Freundschaft und Verrat. Und ja, auch von Liebe.“

Wie bestellt, dachte ich bei mir. Ich zwinkerte dem Buchregal hinter dem Verkaufstresen kurz zu. Ich bin mir sicher, wenn Bücher hätten zurückzwinkern können, sie hätten es just in diesem Moment getan.

Ich nahm Rebekka das Taschenbuch aus der Hand und blätterte nicht zu schnell durch die eng bedruckten Seiten. Dabei fragte ich: „Wie viel davon ist Prosa? Und was davon ist historisch?“

„Die Geschichte und ihre Figuren entspringen komplett meiner Fantasie. Was das Setting betrifft, habe ich mir jedoch sehr viel Mühe gegeben, dieses arg klischeegebeutelte Völkchen so authentisch wie möglich darzustellen. So findet z.B. Lynn in Norwegen keine wilden Barbaren vor, sondern Menschen wie sie. Sie knüpft dort Freundschaften und findet ein Stück Heimat.

Es war mir wichtig, das Alltagsleben der Nordmänner, ihre Kultur und die mythologischen Aspekte möglichst realistisch darzustellen, die Figuren ihrer Zeit und ihren Werten gemäß handeln zu lassen. Aber in erster Linie soll das Buch natürlich Spaß machen.“

Ich gab meinem Gast das Buch nicht zurück. Stattdessen legte ich es neben die Kasse. Um von meinem Tun ein wenig abzulenken, fragte ich: „Wie kommt man denn gerade auf Nordmänner? Ich meine, mittelalterliche Königshäuser, ein Medicus oder eine Päbstin verkaufen sich doch bestimmt viel besser.“

„Aber davon gibt es doch schon so viele! Ich habe mich nicht hingesetzt und mir bewusst dieses Thema ausgesucht. Die Geschichten finden mich, nicht anders herum …“ Diese Aussage machte mir diese Rebekka doch glatt sympathisch! Ich hätte es ihr gesagt, doch ich wollte ihre Rede nicht unterbrechen. „… in diesem Fall waren es die Nordmänner, und je mehr ich mich mit ihnen befasste, umso mehr war ich davon überzeugt, dass es genau diese Geschichte und dieses Volk ist, worüber ich schreiben muss.“

Auf dem Buchcover fand ich ein kleines weißes Logo: „Qindie“. Das war doch die Bezeichnung von diesem Autorenkollektiv, das sich aus Indieautoren mit Qualitätsanspruch geformt hatte. Ich gab mich entsetzt, denn gute Bücher brauchten in meinen Augen einfach ein gutes Verlagshaus.: „Sie haben den Weg der Selbstveröffentlichung gewählt … Warum?“

Rebekka guckte mich etwas verständnislos an. „Ja, warum denn nicht, lieber Herr Plana? Als Indie-Autorin stehen mir alle Wege offen. Ich entscheide selbst, welchen davon ich gehen möchte. Ich habe mich sehr lange damit auseinandergesetzt und mich ganz bewusst dafür entschieden. Tatsächlich hat kein Verlag jemals ein Exposé des Romans gesehen. Böse Zungen mögen jetzt munkeln, dass es die Angst vor dem Scheitern ist, die mich davon abgehalten hat. Ich will nicht abstreiten, dass dieser Aspekt anfangs eine Rolle gespielt haben könnte. Inzwischen jedoch habe ich genug positives Feedback erhalten, um meine Position als Selfpublisherin selbstbewusst vertreten zu können. Wenn jetzt ein Verlag anklopfen und mir ein Angebot unterbreiten würde, müsste ich schon sehr genau darüber nachdenken, ob ich es annehme.“

„Ich bin wohl ein ewig Gestriger“, gab ich zu. „Selfpublisher, eBooks und der ganze Kram sind für einen alten Bibliothekar weder im Kopf noch im Regal leicht einzuordnen. Entschuldigen Sie, Rebekka.“

Ich gab Rebekka ihr Buch nun doch zurück. Im matten Licht des Antiquariats fiel ihr nicht auf, dass meine Freunde in den Regalen einen kleinen Zaubertrick vollführt hatten. Egal ob Indie oder nicht: Das Buchland mochte ganz offensichtlich die Wikinger in diesem Buch, denn die Brauntöne auf dem Buchcover hatten sich in ein dezentes Grün verwandelt. Auch das Motiv war nun ein anderes. Die verschnörkelten Buchstaben kündeten nun von einem neuem Abenteuer und „Von den Hütern der Schlange“.

„Wie lebt es sich denn bei einer Wikinger-Autorin?“, fragte ich beiläufig. „Hängen im Haus überall Holzschilde und Schwerter rum?“

„Ich muss Sie leider enttäuschen, werter Herr Plana. Ich lebe nicht in einem Skáli (so nannten die Nordmänner ihre Langhäuser) und schlafe auch nicht mit meinen Angehörigen auf Fellen auf einer Schlafbank. Wir, das heißt mein Mann, unser Sohn, der Hund und ich, leben ganz stinknormal in einem Einfamilienhäuschen in einem Neubaugebiet in der Nähe von Köln. Wir haben das Haus erst letztes Jahr fertig gebaut, leben also gewissermaßen noch halb auf einer Baustelle. Das einzige Zugeständnis an mein großes Interessensgebiet ist ein Wikingertrinkhorn in unserem Wohnzimmerschrank.“ Rebekka machte eine kurze Pause und gestand dann mit einer entschuldigenden Geste: „Allerdings besuchen wir sehr gerne Mittelaltermärkte und tauchen ein in frühere Zeiten. Gerade zur Weihnachtszeit üben diese Spektakel einen besonderen Reiz auf mich aus.“

„Das hört sich irgendwie alles ein wenig nach Hobby an. Ist das Schreiben für Sie noch kein Beruf?“

Rebekka schüttelte den Kopf. „Wenn ich nicht schreibe, gehe ich meiner Arbeit als Sozialarbeiterin nach, denn leider kann ich allein von den Buchverkäufen (wie die meisten) nicht leben.“

„Das ist bedauerlich“, sagte ich, „aber in Zeiten, wo Urheberrecht kaum noch was wert ist … Denken Sie auch, dass ein gedrucktes Buch immer noch den besten Kopierschutz bietet? Oder mögen Sie die digitalen Ausgaben Ihres Werks lieber?“

Rebekka dachte mit furchtsamem Blick auf die vielen Bücher gründlich nach, bevor sie antwortete. „Ich gehöre zu jenen, die ein echtes Buch in den Händen zu schätzen wissen, aber ich bin auch dankbar für die digitalen Medien. Mein eigenes Buch in den Händen zu halten ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl, viel schöner, als es auf einem E-Reader zu betrachten. Und ein Haus ohne Bücher ist für mich sowieso ein leeres Haus. Deshalb biete ich meine Bücher sowohl in gedruckter, als auch in digitaler Form an. Ich selbst habe meine Lieblingsbücher gerne zum Anfassen um mich herum – jedoch lese ich sie inzwischen lieber auf meinem Reader, weil er so schön praktisch und handlich ist. Anfangs war ich sehr skeptisch, ob diese Technik sich überhaupt durchsetzen würde. Inzwischen gehöre ich zu jenen, die davon profitieren. Die eBook-Ausgabe meines Romans verkauft sich um ein Vielfaches besser, als die gedruckte.“

„Schöne neue eBook-Welt“, murmelte ich. Das Mittelalter verpackt in einem Gerät der Zukunft. Unabhängig. Independent. Ich gestattete mir ein Seufzen. „Ich werde mich wohl nie mit diesen Dingern anfreunden können.“ Ich schüttelte diese Gedanken ab und konzentrierte mich wieder auf diese nette Person vor mir. „Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen, Rebekka Mand. Ich weiß, Ihre Nordmänner sind was ganz Besonderes. Ich bin schon ganz gespannt auf den Print Ihrer Hüter der Schlange …“

Erstaunt unterbrach sie mich: „Woher wissen Sie von meinem neuen …?“

Ja huch, da hätte ich mir doch beinahe meinen kleinen magischen Scherz versaut.

 

zu Besuch: Angela Gäde

Ich rieb mir mit Daumen und Mittelfinger müde über die Augen. Die staubige Luft und die alten Schriften hatten mich mehr ermüdet, als ich es mir hätte eingestehen wollen. Und jetzt war da auch noch dieser Termin. Eine junge Autorin hatte sich angemeldet. Außerhalb der Geschäftszeiten!
Ich schaute auf meine Taschenuhr. Oh, mein Besuch würde ja schon gleich kommen. Also griff ich nach meinem Stock, der dienstbereit am Ohrensessel lehnte, und stemmte mich mit seiner Hilfe mühsam in die Senkrechte. Den Weg nach vorne in den Verkaufsraum bewältigte ich leise fluchend. Nächstes Mal würde ich Beatrice herbestellen. Wofür hatte man denn Personal?
„Alles muss man selber machen“, flüsterte ich mir selbst zu, dann griff ich nach dem Schlüssel und schloss die Ladentür auf. Wie auf Bestellung trat auch schon mein Gast vor das Antiquariat. Ihr Blick streifte kurz die Auslage in meinem Schaufenster. Entgegen meiner sonstigen Angewohnheiten hatte ich ein paar Urban Fantasy Titel darin dekoriert. Ganz unpassend dazu standen an der Seite noch einige Liebesromane. Natürlich hatte ich es mir verkniffen ‚Frühlingserinnerungen‘ oder einen Roman mit dieser Emma hinzustellen. Nein, das ist nicht meine Art. Trotzdem hatte ich mich zu einem -zugegebenermaßen etwas fiesen- Entgegenkommen entschieden. ‚Kartoffel, Reis und Döner‘, das zurzeit nicht mehr im Buchhandel erhältlich war, wurde von einem Spotlicht angestrahlt. Auf diese wenig subtile Weise bildete es den Blickfänger im Schaufenster.

Das Glöckchen bimmelte und sie trat ein. „Fräulein Gäde!“, sagte ich und reichte der jungen Frau freundlich die Hand. Dabei musterte ich sie. Natürlich blieb mein Blick zunächst an ihrer Haarpracht hängen. Diese Naturlocken machten selbst Curly Sue eine ernsthafte Konkurrenz. Daran änderte auch der schwarze Bowler nichts, der die rotblonde Mähne nur leidlich zu bedecken vermochte.
Gekleidet war sie mit einer schwarzen Lederjacke, die bis zur Hüfte reichte. Ein rot-kariertes Hemd schaute unter der Jacke hervor. Blue Jeans und und blue -äh- blaue Chucks. Das würde ich nicht als graue Maus bezeichnen. Das buntes Halstuch unterstrich das kecke Outfit auf charmante Weise.
„Herr Plana?“
„Höchstpersönlich“, sagte ich.
Sie lächelte in höflicher Zurückhaltung. „Nabend.“
Ah, Ruhrpott dachte ich bei mir. Deshalb erwiderte ich ebenfalls mit „Nabend“ den Gruß.

Mit einer auffordernden Geste bat ich sie nach hinten ins Arbeitszimmer. Ich bot ihr als Sitzplatz den Bürostuhl am Sekretär und setzte mich selbst wieder in meinen Ohrensessel. Das war vielleicht nicht zu hundert Prozent galant, weil ich es nun eindeutig bequemer hatte, aber es fühlte sich irgendwie richtig an. Es schien sie nicht zu stören, denn ihre Aufmerksamkeit galt ganz diesem besonderen Zimmer. Ihr Blick huschte über die Bücher in meinen Regalen. Freude und verträumte Abwesenheit spiegelten sich auf ihrem Gesicht. Umgeben von Büchern machte sie auf mich den Eindruck, die Aufmerksamkeitsspanne einer Fliege zu haben. Aber das mochte täuschen.
„Schön hier?“, fragte ich amüsiert.
Die Antwort war ein ehrfürchtiges Nicken. Ah! So eine war sie. Ohne Zweifel eine Buchliebhaberin, die Einbände streichelte, Respekt vor alten Werken hatte und in Literatur mehr als eine Aneinanderreihung von Worten sah.
Trotzdem mussten wir jetzt irgendwie einen Anfang finden. Ich deutete auf ihre auffällig rote Tasche, die immer noch an einem Riemen über ihrer Schulter hing: „Haben Sie Ihre Bücher dabei? Welche sind es denn?“
„Eines meiner Bücher liegt schon vorne im Fenster …“
„Ach“, machte ich scheinheilig. „Erzählen Sie mal.“
„Darüber gibt es nicht viel zu erzählen. Es ist nicht mehr erhältlich und wartet auf eine Überarbeitung, allerdings ist dafür noch nicht die richtige Zeit. Das ist die Krux an der Sache, die Geschichten oder Bücher sagen mir, wann sie geschrieben werden wollen. Nur leider haben die nicht immer das beste Timing oder ich durchschaue es nicht.“

Das Bücher zu ganz bestimmten Zeiten geschrieben werden wollten, das kannte ich. Die Ansicht, dass es vielleicht ein ganz besonders gutes oder schlechtes Timing für die Veröffentlichung geben solle, fand ich allerdings … interessant. „Was wäre denn ein gutes Timing?“, hörte ich mich laut fragen.
Angela legte den Kopf schief, kaute kurz auf der Unterlippe und flocht dann auf amüsante Weise ein Zitat von Winston Churchill in ihre Antwort: „Wenn man den Statistiken, die man nicht selber gefälscht hat, glauben darf, dann sind Liebesromane im Sommer, Krimis im Herbst und Kinderbücher im Winter die Verkaufsschlager. Mein Liebesroman ‚Frühlingserinnerungen‘ erschien im September.“
Ich erlaubte mir ein Schmunzeln. Da hatte wohl jemand Hintergrundwissen in Sachen Buchmarketing und nutzte es nicht. „Ach, die liebe Inkonsequenz“, dachte ich still. Vernehmlich sagte ich stattdessen: „Mögen Sie mir etwas über Ihre anderen Bücher erzählen? Die ‚Hexe von Hitchwick‘ zum Beispiel. Die Namensgebung des Romans erinnert mich irgendwie an einen Titel von John Updike.“ Ich erlaubte mir ein hinterlistiges Schmunzeln. „Liegt Hitchwick in der Nähe von Eastwick?“
„Richtig!“ Angela lachte herzlich, „Eastwick liegt nur ein paar Meilen östlich von Hitchwick. Spaß beiseite, zu meiner Schande muss ich gestehen, die Ähnlichkeit ist mir bis zu einer Rezension von J. Mertens nicht aufgefallen. Peinlich. Ich habe mit Begriffen und Ortsnamen gespielt und plötzlich stand da Hitchwick. So ungefähr kam auch die Idee der Geschichte zustande. Inspiriert hat mich eine Halloween-Folge der Simpsons und Inspektor Barnaby. Idyllisches, englisches Dorf, das der Legende nach von einer Hexe heimgesucht wird, die es auf junge Mädchen abgesehen hat. Daraus wurde eine Kurzgeschichte, die im Endeffekt den Anfang des Buchs bildete. Als die Kurzgeschichte fertig war, ließen mich die Figuren und die Frage, was mit den Mädchen geschehen ist, nicht mehr los. Deswegen setzte ich Sug und Morgan auf den Fall an, schließlich sind sie Mitleider der Gesellschaft zur Wahrung des Wissens von Alexandria. Durch den hauseigenen Blog der Gesellschaft, http://uebersinnliche-geschichten.blogspot.de/, wurde zuerst Sug auf die Geschichte aufmerksam und die schickte den Link an Morgan weiter. Genau an der Stelle beginnt das Buch. Da sind wir auch schon bei dem Punkt, den ich an Büchern liebe und der das Besondere meiner eigenen Bücher darstellt. Das Verweben von Phantasie und Realität. Der Blog ‚Geschichten des Übersinnlichen‘ existiert wirklich. In ‚Emma, Zaunreiterin‘ lasse ich das Dortmund der Hexenverfolgung auferstehen. Die Emma und Agathe Reihe befasst sich mit Magie, Hexerei, Alchemie, was Sinn macht, da Emma eine Haguzza ist. Auf meiner Homepage, findet man eine Art Lexikon zu Emmas mystischer Welt, in dem Kräuter, Orte oder Rituale eingehender erläutert werden. Möglicherweise habe ich auch nur einen kleinen Recherche-Tick, den ich so ausleben kann.“
„Hm-m“, machte ich. Meine Gedanken wanderten nochmal zurück zu den ‚Frühlingserinnerungen‘. Das hat meines Wissens nichts mit Hexen zu tun … „Liebesromane! Ein großer Sprung in ein anderes Genre, wenn man sich sonst in fantastischen Regionen herumtreibt. Frühlingserinnerungen passt als Buch nicht unbedingt zwischen die Titel der Emma und Agatha Reihe. Welches Genre ist Ihnen denn lieber?“
Angela stand auf, schritt an meinen Regalen entlang und überflog die Titel, die auf die Buchrücken gedruckt und geprägt waren. Sie blieb unerwartet bei einer Ausgabe von ‚Die Muschelsucher‘ stehen. „Bei Emma und Agathe, aber noch mehr bei Sug und Morgan, kann ich mich so richtig ausleben. Blut tropft oder spritzt. Die Figuren zittern vor Angst, wenn sie allein in der Dunkelheit sitzen. In einem Liebesroman kommt das eher weniger gut an, wobei … Aber lassen wir das. Die Geschichte ‚Frühlingserinnerungen‘ war plötzlich da und wollte geschrieben werden, was nicht einfach war. In Liebesromanen Spannung zu erzeugen ist schwierig und ich habe großen Respekt vor einer Rosamunde Pilcher. Das meine ich ernst. Ich möchte mich nicht nur auf ein Genre beschränken. Es ist viel zu spannend, immer mal etwas Neues auszuprobieren.“
Wirklich kreative Geister scheinen sich da allesamt zu gleichen, stellte ich zufrieden fest. Ein Genre durfte, meiner Ansicht nach, nicht zu einem Gefängnis des Geistes werden.
Das machte mir die junge Frau ehrlich sympathisch.
Trotzdem musste ich ihr diese eine bestimmte Frage in jedem Fall noch stellen: „eBook oder richtiges Buch? Was nimmt eine Angela Gäde lieber in die Hand?“
„Welch eine diabolische Frage in einem Raum voll wunderschöner, ehrfurchtgebietender Bücher.“ Oh! Da begriff jemand die spezielle Magie in diesem Zimmer. „Lobe ich eBooks, befürchte ich von einem dieser Meisterwerke angefallen zu werden. Nun wäre es jedoch ziemlich heuchlerisch von mir, gegen eBooks zu sein, wenn meine Bücher ebenso in diesem Format erhältlich sind. Ich nehme die Gefahr auf mich. Ich mag eBooks.“ Ein Augenblick bedrückender Stille folgte. In dieser kurzen Pause blickte sich Angela um. Vielleicht schien sie sich tatsächlich etwas davor zu fürchten, dass ihr ein Buch an den Kopf flog. „Ein dickes Buch auf dem Reader zu lesen schont Nacken und Handgelenke. Meine Mutter muss sich zum Beispiel nicht mehr beschweren, dass die Schrift zu winzig ist, da man alles einstellen kann. Trotzdem bevorzuge ich gebundene Bücher. Ich arbeite viel am Computer, da fühlt sich mein Blick auf Papier wohler. Zudem bin ich einfach gern von ihnen umgeben.“
Das bedrohliche Knurren, das bei ihren Worten zunächst in der Luft gehangen hatte, vernahm nur ich. Mit den letzten drei Sätzen hatte es sich gottlob in ein entspanntes Schnurren verwandelt. Meine Freunde in den Regalen ließen sich heute leicht besänftigen.
Ich nickte ihnen zu, schenkte dann aber unserem Gast wieder meine volle Aufmerksamkeit. „Als was, liebe Angela, sehen Sie sich denn? Als Autorin oder als Schriftstellerin?“
„Ich bin Autorin und Schriftstellerin. Posts, Gastbeiträge, Auftragsarbeiten erledige ich als Autorin.“ Sie sagte dies mit einem sehr geschäftsmäßigen Unterton. Doch dann wurde ihre Stimme weicher. „Setze ich mich an meine Bücher, bin ich Schriftstellerin.“
„Können Sie vom Schreiben denn leben?“, setzte ich nach.
„Wenn ich abwechselnd auf eine Wohnung oder Essen verzichte, dann ja. Als Schriftsteller hat man meistens kein festes Einkommen. In manchen Monaten ist das Konto zufrieden, in anderen bekommt es Heulkrämpfe. Wichtig ist, dass der Kater genug Trockenfutter hat. Das ist schon fast ein Klischee. Mit zerzausten Haaren brütet der Schriftsteller über seinem Manuskript, während auf den anderen Papieren eine Katze friedlich schnurrt. Wo wir gerade dabei sind, lege ich noch ein Klischee drauf. Seit letztem Jahr leben wir auf dem Land. Meine bessere Hälfte hat in Hadamar eine tolle Arbeit bekommen und so zogen wir von Dortmund nach Hessen. Wenn wir so durch die Gegend gurken und z.B. an Maisfeldern vorbeikommen, muss ich automatisch an Stephen King denken. Ich weiß gar nicht warum … Die Landschaft ist unglaublich schön und inspirierend. Dafür ist Hessisch allerdings sehr schwer zu verstehen. Natürlich konnte ich mich nicht davon abhalten, alle Bücher über die Historie der Gegend auszuleihen. Zufälligerweise wohnen wir an einem Weg, der den Namen ‚Hexenschlucht‘ trägt.“
Castle in Maine in Verbindung mit den ländlichen Regionen von Hessen zu setzen … Das hatte was! In einer Hexenschlucht zu leben, bestimmt auch. Irgendwas sagte mir aber, dass es meine Besucherin nun eben dorthin zog. Sie wollte nach Hause. Es war also an der Zeit, das Gespräch zu beenden.

„Nun …“ Ich deutete auf die Tasche. „Mir scheint, dass Ihre Werke wirklich hierher gehören. Lassen Sie sie einfach da liegen.“
Ich hätte mit einigen Reaktionen ihrerseits gerechnet – allerdings nicht, mit einem hinterlistigen Grinsen. „Nun ja, da ihr Antiquariat etwas ganz Besonderes ist, habe ich Ihnen auch etwas Besonderes mitgebracht.“ Sie verbreiterte ihr Lächeln, griff in ihre Tasche und legte einen höchst interessant aussehenden eBook-Reader auf den Tisch. „Zufälligerweise fand ich diesen hier in einem kleinen Laden die Straße runter. Dort gibt es jede Menge Kuriositäten. Ich kenne Ihre Meinung zu eBooks, aber vielleicht kann ich sie doch verführen einen Blick zu riskieren“, sage sie und tippte mit dem Zeigefinger auf den Reader. „Sie finden dort alle meine Bücher. Aber natürlich lasse ich Ihnen die Wahl.“ Mit Bedacht zog sie ein Buch nach dem anderen aus ihrer Tasche und legte sie mir neben das Gerät. „Vielleicht sind Ihnen meine Bücher auch so besonders genug.“
Nun musste ich doch aufstehen. Und dann gab ich dieser Autorin, … dieser Schriftstellerin, meine Hand. Dabei deutete ich eine kurze Verbeugung an. „Nicht nur die Bücher sind mir besonders genug“, sagte ich augenzwinkernd.
Unauffällig ließ ich dabei das Lesegerät zurück in ihre offene Tasche gleiten.