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zu Besuch im Antiquariat: Petra Rudolf

Im AntiquariatIch wachte etwas orientierungslos in meinem Sessel auf. Dabei zuckte ich wohl leicht, denn das Buch auf meinem Schoß rutschte von meinem Schoß und fiel lautstark zu Boden. Ich schmatzte zweimal. Mein Mund war ausgetrocknet, als hätte ich zwei Wochen nichts sagen dürfen. „Beim Lesen eingeschlafen, alter Mann“, diagnostizierte ich mir. Kein Wunder. Obwohl die Story an sich eigentlich gut war, war meine Lektüre nüchtern und schmucklos gewesen. Das schlichte Coverdesign mit dem wenig kreativ gezeichneten Raumschiff vor einem Kratermond hätte mich warnen müssen.
Naja. Vielleicht war ich dem Buch gegenüber unfair. Ich beschloss, dass ich es erst mal zur Seite legen würde. „Später“, sagte ich zu ihm. Dann griff ich nach meinem Stock und mühte mich nach vorne in den Verkaufsraum.

Beatrice war bereits in den Feierabend entschwunden. Etwas überhastet, wie mir schien, denn entgegen ihrer sonstigen Sorgfalt, hatte sie auf der Theke einige Bücher liegen lassen. Das war gar nicht ihre Art. Ich schaute genauer hin und musste feststellen, dass ich die Autoren zweier Werke kannte: Astrid Vollenbruch und Rebekka Mand. Außerdem waren da noch Bücher von Tädeus Fivaz, Liv Scales, Alexandra Bauer und Peter Semüller.
Instinktiv spürte ich, dass die Bücher nicht zufällig bei einander lagen. Was mochte der Grund sein? Also fragte ich, völlig folgerichtig: „Die Bücher liegen hier nicht zufällig bei einander. Was mag der Grund dafür sein?“

In diesem Augenblick bimmelte die Ladentür und eine Frau trat über die Schwelle. Zunächst stöberte sie in der Ecke mit den mittelalterlichen Tagebüchern, verlor aber doch bald wieder das Interesse. Sie suchte wohl was ganz Bestimmtes. Dann sah sie die Bücher vor mir und sagte: „Na, so ein Zufall, da hat jemand meine Belegexemplare geplündert.“
Irritiert schaute ich sie an. „Nein“, hörte ich mich sagen. „Es sei denn, Sie sind Frau Vollenbruchmandbauer.“ Einen ironischen Unterton konnte ich mir einfach nicht verkneifen.

„Nein“, widersprach sie, „Ich heiße Petra Rudolf.“
Das sagte mir jetzt erst mal nichts. Jedoch überkam mich die Neugier. Das könnte ein interessantes Gespräch werden. Irgendwie. Deshalb musterte ich die Dame etwas genauer.
Sie war vom modischen Standpunkt aus eine eher schlichte Type. Jeans und Shirt konnte man als halbwegs sportliches Outfit bezeichnen. Dazu passend trug sie ein Paar unauffällige Stiefel.
„Da Sie offensichtlich nicht die Autorin dieser Werke sind …“, begann ich, ohne zu wissen, wie ich den Satz beenden wollte.
Frau Rudolf erkannte meine Verlegenheit und half mir: „… muss ich die Illustratorin sein.“
Oh, das war ja wirklich eine ausgefallene Wendung. „Sie gestalten Buchcover?“
Sie lächelte. „Alles Mögliche. Cover, Concept Art für Spiele, Illustrationen für Pen&Paper-Rollenspiele und Innenillus für Bücher. Meistens für Kinderbücher, wir Erwachsenen brauchen solche visuellen Hilfestellungen ja nicht mehr.“ Ihre Stimme hatte bei letzterer Aussage einen merkwürdigen Unterton, der sagte: „Und ob gehören Illus auch in Bücher für Erwachsene!“ Schade, dass sie es nicht aussprach.
Ich fragte: „Wie kommt man denn zum passenden Motiv?“
Mit einem Nicken deutete Frau Rudolf in die vage Richtung der Bücher. „Manchmal sind es Ideen der Autoren, manchmal frage ich nach einer Textstelle aus dem Buch, die besonders viel darüber aussagt, und die als Titelmotiv gut passt. Ich mag es, wenn man einem Buch ansehen kann, was drin steckt, ohne, dass es gleich zum stereotypen Genreschinken wird.“
Stereotypen gab es in den Genres tatsächlich genug: der obligatorische Blutfleck auf dem Thriller, das Raumschiff vor dem Planeten oder der nackenbeißende Lover, der sein Liebchen ablutschte. Allerhand Beispiele fielen mir da auf Anhieb ein.
Mit Fotos arbeitete Frau Rudolf offensichtlich nicht. Ihre Motive schienen alle gemalt zu sein. Doch im Computerzeitalter wollte das nichts heißen. „Arbeiten Sie mit Pinsel und Stift oder voll digital?“
„Meistens digital mit dem Grafiktablett, manchmal auch mit dem Bleistift. Digital lassen sich die Bilder besser für den Druck optimieren, und es bieten sich ganz andere Möglichkeiten als mit traditionellen Methoden.“ Mein Gast zuckte kurz mit den Schultern und fügte dann sowas wie ein Geständnis an. „Ab und an kleckse ich auch mit Ölfarbe herum.“

Ölfarbe? Außergewöhnlich. Für diese Art zu malen musste man sich Zeit nehmen. Ich mag Leute, die sich Zeit nehmen. Deshalb schnappte ich mir mein Stock, ging kurz nach nebenan und kam dann mit zwei Tassen und einer Thermoskanne zurück. Ich goss uns beiden ein.
„Zeit hat man“, sagte ich verschmitzt, „oder man nimmt sie sich.“ Darauf erwartete ich keine Antwort. Also sprach ich, nachdem ich kurz an meiner Tasse genippt hatte, einfach weiter: „Für wie wichtig halten Sie denn die Grafik auf einem Buch? Was sagt ein Motiv über die Qualität des Inhalts aus?“
„Oft steckt hinter einem guten Cover auch ein gutes Buch, weil Künstler sich oft mehr Mühe geben, wenn sie nicht nur fürs Geld arbeiten, aber oft gibt es einfach zu wenig Informationen. Das ist mir zum Glück bisher erspart geblieben.“ Nun nippte sie an ihrem Kaffee. Ich versuchte zu erkennen, ob er ihr schmeckte. Ohne Erfolg. „Unter den Covern, die ich gestaltet und gemalt habe, ist nicht eines, das ich nicht mag, und etwas wie ein eindeutiges Lieblingscover habe ich auch nicht … weil ich an jedem gerne gearbeitet habe.
Man kann einem Cover ansehen, ob es nur fürs Marketing oder tatsächlich fürs Buch gemalt wurde. Eine Garantie für ein gutes Buch dahinter gibt es natürlich nicht. Und umgekehrt verstecken sich auch so einige hervorragende Bücher hinter Stockphotos.“

Während Frau Rudolf sprach, wanderte mein Blick wieder zu den Buchdeckeln. Aufwändige Ornamente, Comiczeichnungen, Landschaften und charismatische Charakterdarstellungen, mal bunt, mal blass, aber immer stimmig. „Einen festen Stil pflegen Sie nicht. Ihre Arbeit ist sehr wandelbar.“
Für mich war diese Aussage eine reine Feststellung. Frau Rudolf verstand es als Kompliment: „Danke. Daran liegt mir eine Menge.“
„Und wie und wo lernt man das? Und wie sieht dann ein Werdegang aus?“
„Angefangen habe ich mit Cartoons und Karikaturen. Beruflich ging’s dann ab in die Gamesbranche. Ein Studium dazu gab es damals noch nicht, also habe ich sowohl das Schreiben für Spiele wie auch Concept Art im Austausch mit anderen und in Eigenregie gelernt. Als ich mit selbständig gemacht habe, kam ein Comic dazu, ‚Wayfarers Moon‘.“

„Das hört sich nach einem kreativen Menschen an“, sagte ich. „Machen Sie nur Auftragsarbeiten? Oder haben Sie auch eigene Projekte?“ Insgeheim fragte ich mich, ob ich nicht vielleicht etwas von dieser jungen Dame irgendwo bei mir im Antiquariat finden konnte. Vielleicht eine Kurzgeschichte? Oder eine Grafic Novel?
„Eigene Comics hatte ich zwar angefangen, aber einer ist genug Arbeit. Zusammen mit dem Autor von ‚Wayfarers Moon‘ arbeite ich auch an einem Indie-Game.“ Frau Rudolf deute auf ihre Tasse. „Und wenn ich genug Zeit und Kaffee habe, schreibe ich.“

„Sie sind auch Autorin?“ Eigentlich hätte ich in diesem Moment überrascht die Augenbrauen hochziehen müssen. Ich tat es nicht, ganz einfach, weil es keine wirkliche Überraschung war. „In welchem Regal finde ich denn Ihren Roman?“
„Bei den ungeschriebenen Büchern. Im Regal steht bisher nur eine Kurzgeschichte in einer Anthologie: ‚Die Reise der Hexensteine‘. Und wenn’s auch etwas anderes als Prosa sein darf, ein paar Artikel über Gameskultur für das Bookazine ‚WASD‘.“
Unter der Kasse war eine Schublade mit dem üblichen Sammelsurium an Kugelschreibern, alten Bonbons und Quittungsblöcken. Ich kramte beiläufig darin herum und fand schließlich ein sauberes Blatt Papier sowie einen guten Bleistift. Beides schob ich der Illustratorin über die Tischfläche entgegen. „Ich bin neugierig“, sagte ich herausfordernd. „Mal angenommen ich hätte einen Krimi geschrieben. Eine alte Frau lebt mit ihren beiden Dobermännern und Personal – sagen wir mal Butler und Zimmermädchen – in einer großen Villa. Im Haus und im Garten passieren ein paar klassische Morde a la Miss Marple … Genre: Krimikomödie. Nur eine Skizze, bitte. Wie würde das bei einer Petra Rudolf aussehen?“
Und Petra Rudolf griff, während wir noch ein wenig plauderten, tatsächlich zu Stift und Papier. Was soll ich sagen? Das Bild wurde – wie von mir erwartet – einfach großartig!