zu Besuch: Christa Kuczinski

Buchland

Mit herunterhängenden Schultern schaute ich hinaus auf die Straße. Trübsinnig. Diese Jahreszeit machte mich trübsinnig. Die Tropfen sprattelten gegen das Schaufenster und herangewehte Blätter klebten auf dem Glas wie schmutzige Herbstdeko. Zu allem Übel wurde es schon dunkel. Über den Häusern auf der gegenüberliegenden Seite ging der Vollmond auf, der sich zwischen den ekligen Wolken hervorzupressen schien. „Es fehlt nur noch, dass irgendwo ein Wolf heult“, sagte ich leise zu den Büchern in der Auslage, „dann wäre das Ambiente komplett.“
Beatrice hatte heute Morgen das Schaufenster dekoriert. Nun lagen da allerhand Bücher, wo leicht bekleidete Männer hinter leicht bekleideten Frauen standen, um sie in den Nacken zu küssen. Es konnten natürlich auch Nackenbeißer sein. Verliebte und erotische Vampire gab es zurzeit ja einige. „Frauen Fantasy“, hatte mir Beatrice erklärt, „ist im Moment sehr gefragt. Wir müssen ja nicht immer die Sachen anbieten, die nur Ihnen gefallen.“ Als ob sie ansonsten meinen Geschmack berücksichtigen würde …
Eigentlich hatte ich nicht wirklich etwas gegen dieses Untergenre. An Tagen wie diesen konnten Storys mit Spannung und Liebesgeschichte selbst mich auf andere Gedanken bringen.

Meine Hand bewegte sich fast automatisch zu einer kleinen Staffelei, auf der ein Taschenbuch stand. Ich nahm es und las den dünnen Schriftzug des Titels. „Roseend“, flüsterte ich, „Wölfin des Lichts. Ich frage mich, wer wohl diese Christa Kuczinski ist.“
Mir war, als würden die Bücher im Raum lauter wispern. Diskutierten sie? Ich zuckte mit den Schulter und legte das Buch zurück an seinen Platz. Just in diesem Moment öffnete sich die Tür und eine Frau trat über die Schwelle.
Lange Haare, ein bemerkenswert freundliches Lächeln und wache Augen hinter den Gläsern einer unauffälligen, aber eleganten Brille, versprachen mir angenehmen Besuch. „Guten Abend“, sprach ich meine potenzielle Kundin an, „was kann ich für Sie tun, Frau …?“
„Kuczinski. Christa Kuczinski.“
Mein Blick flog zur Auslage, zu den Büchern, zum aufgedruckten Autorennamen. „War ja klar“, entfuhr es mir.
„Wie bitte?“ Mein Gast war über meine Reaktion ehrlich verwirrt.
„Ach nichts. Meine Freunde“, ich deutete in eine unbestimmte Richtung und meinte insgeheim die anwesenden Bücher, „haben mich nur mit einer kleinen Überraschung aus dem Konzept gebracht. In so einem Buchantiquariat kann man manchmal“, ich tippte mir an den Kopf, „etwas merkwürdig werden. Vor allem, wenn man zu lang allein ist. Entschuldigen Sie.“ Ich erlaubte mir ein Seufzen, um meine nächsten Worte inhaltlich abzugrenzen. „Möchten Sie vielleicht etwas mit mir plaudern? Ich sehe Ihnen an der Nasenspitze an, dass Sie Literatur so sehr lieben, dass sie selbst gerne mal zum Stift greifen.“ Ok, der letzte Satz war ein wenig geflunkert, hatte ich doch eben noch ihren „Nackenbeißer“ in der Hand gehalten. Aber ich wollte mich nicht mit umständlichen Erklärungen aufhalten. Stattdessen sagte ich: „Sie sind doch Autorin, nicht wahr? Erzählen Sie mal was über sich.“
„Ja“, sagte Christa sichtlich erstaunt. „Ich bin Autorin. Woher wissen Sie …?“
Mit einem süffisanten Lächeln überging ich die Frage. Außerdem hob ich auffordernd meine Augenbraue. Sie verstand und plauderte tatsächlich drauf los.

„Ich … Ich bin schon den ganzen  Vormittag unterwegs; das Weihnachtsshopping vor dem ersten Ansturm zu erledigen, ist mir inzwischen zu einer liebgewordenen Tradition geworden.“ Sie deutete zum Schaufenster. „Ihre wundervollen Bücher in der Auslage sind ein bezaubernder und offenbar auch magischer Anblick. Sie sind schuld daran, dass ich an diesem Ort gestrandet bin.“ Eine Windbö schlug klatschend gegen das Fenster und unterstrich ihren nächsten Satz stimmungsvoll. „Hier ist ein perfektes Plätzchen, um kurz zu verschnaufen. Ganz nach meinem Geschmack.“
Nun beäugte sie interessiert die Bücher im Regal zu ihrer Rechten. Dabei nestelte sie gedankenverloren mit einer Hand am Saum ihres bunt gestreiften Wollpullovers, den sie lässig über einer verwaschenen Jeans trug. Mir drängte sich der Eindruck auf, dass sie lieber in den Büchern geschmökert hätte, als sich mit mir zu unterhalten. Ich übte mich in Geduld. Zeit war eine Messeinheit, die innerhalb meines kleinen Reichs anders tickte.
„Sie möchten also etwas über mich erfahren.“ Ihre Aufmerksamkeit galt nun plötzlich doch nicht mehr den Büchern. Sie schaute mir herausfordern in die Augen. „Nun ja … Wissen Sie ..? Ich bin über Ihr ‚Buchland‘ und auch über Sie im Bilde.“ Sie hielt inne, zwinkerte den  Büchern, denen sie nun wieder mehr Beachtung schenkte als mir, verschwörerisch zu. Sie ließ mir jedoch keine Zeit nachzufragen, wie sie das meinte. Sie sprach einfach weiter. „Da ist es nur gerecht, dass Sie auch etwas über mich erfahren. Vermutlich fragen sie sich, ob ich mich in einer Vollmondnacht in den bösen Wolf verwandle und anstelle meiner braunen Haare, gar schwarzes, oder graues Fell besitze. Letzteres könnte sich in einigen Jahren bewahrheiten, ich stehe nicht unbedingt auf Friseursalons, in denen man sich die Wartezeit, mit saisonalen Bubiköpfen und spektakulären Friseurkreationen, die vor dem heimischen Spielgel eher zu einer Lachnummer ausarten, die Zeit vertreibt. Daher rührt vermutlich auch meine Vorliebe für lange Haare …“ Jetzt griff ihre Hand prüfend nach dem Haarband, das ihre seidigen Haare zusammenhielt und auf diese Weise verhinderte, dass sie ein Eigenleben entwickelten.

„Na, über Frisuren habe ich mich schon lange nicht mehr unterhalten.“ Vom Regalbrett unter der Verkaufstheke holte ich zwei Gläser und eine Flasche Wasser und goss uns ein. „Na ja, über Werwölfe im Grunde auch nicht“, gab ich zu. „Sie schreiben also Werwolfromane. Neben Elben, Orks, Zombies und Vampiren gibt es da ja inzwischen allerhand davon. Was glauben Sie, liebe Christa, macht den Reiz dieser Gattung aus? Und was ist das Besondere Ihrer Werke. Haben Sie ein Alleinstellungsmerkmal im Genre?“
Die Autorin nippte an ihrem Glas, als wäre es ein kostbarer Wein, besann sich dann aber des tatsächlichen Inhalts und nahm einen großen Schluck. „Vermutlich ist es das Mysterium des Übersinnlichen, des Weiteren eine, hoffentlich gesunde Mischung an attraktiven Protagonisten und ein spürbares Gefahrenpotenzial, das die Neugier der Menschen zu wecken vermag. Okay, bei Orks lässt die Attraktivität zu Wünschen übrig. Aber Elben, Vampire, Werwölfe und inzwischen auch vereinzelt Zombies; wer den Film ‚Warm Bodies‘ kennt, stimmt mir vermutlich zu, reflektieren in der heutigen Literatur eine großherzige Männlichkeit gepaart mit einem ausgeprägten Beschützerinstinkt. Eine explosive und reizvolle Mischung.“ Christa lächelte versonnen. „In Roseend wollte ich den Spieß keinesfalls drehen, sondern zu meinen Gunsten verbiegen. Es schien mir reizvoll, weiblichen Werwölfen eine Chance zu geben und zwischenmenschliche und …  ‚wölfische‘ Beziehungen und die daraus resultierende Konflikte in den Vordergrund zu stellen“, fügte sie hinzu, während ihre grünen Augen einen verträumten Ausdruck annahmen. Die Begeisterung, für dieses phantastische Genre spiegelte sich wahrlich in ihrem Gesicht wider.

Schön geantwortet, dachte ich bei mir. Ob sie sich vielleicht etwas aus der Reserve locken ließ? Das wollte ich mal ausprobieren: „Gibt es Bücher oder Filme, die Sie zu ‚Roseend‘ inspiriert haben?“
„Ein netter Versuch mehr oder weniger unverfänglich auf ‚Twillight‘ anzuspielen. Es überrascht mich etwas, dass sie diesen Trend mitverfolgen“, sagte sie und schenkte mir ein verschmitztes Lächeln. „Der erste Band, ‚Wölfin des Lichts‘, entstand tatsächlich etwa zur selben Zeit, in der ‚Twillight‘ in aller Munde war. Damals hatte ich mich allerdings dafür entschieden, weder die Bücher zu lesen, noch mir die Filme anzusehen, um einer Beeinflussung zu entgehen. Außerdem war ich zu sehr mit meiner eigenen Schreibe beschäftigt, um nachzuschauen, was oder wer genau gerade die Bestsellerliste erschüttert.“
„Aha“, sagte ich langsam. Also nicht der Bestsellerliste hinterhergehechelt. Schön! Trotzdem fragte ich: „Wie viel Erotik gibt es denn in Ihren Büchern? ich hab mir sagen lassen, dass der Buchmarkt ja förmlich nach heißen Szenen schreit.“
Christa überraschte mich mit ihrer Antwort ein wenig. „So zumindest hat es den Anschein. Dennoch denke ich, dass heiße Szenen allein, nicht genügen, um Leser dauerhaft an ein Genre zu binden. Erotik findet Frau natürlich auch in ‚Roseend‘, aber ich stehe eher auf Anspielungen anstelle heruntergelassener Schlüpfer. Daran wird sich auch zukünftig nicht viel ändern.“

„Wie geht es jetzt weiter? Bleiben Sie dem Genre treu? Ich meine … Nackenbeißer und so.“
Während ich sprach, trank sie nochmal, verschluckte sich prompt und prustete dann beinahe laut los. Sie fing sich, fixierte mich tadelnd mit dem Blick und rieb sich dabei die Nase. Da war wohl etwas Kohlensäure im Riecher gelandet … „Entschuldigen Sie, dass ich lache, aber das Wort  Nackenbeißer erinnert mich seltsamerweise an die Serie ‚The Walking Dead‘. Unter einem Werwolf-Biss stelle ich mir lieber ein animalisch anmutiges Knabbern vor. Wenn Sie das phantastische Genre meinen: ja. Zumindest für zwei weitere Romane. Einer davon, ‚Aberness‘, ist ein Jugendroman, der im Sommer 2016 veröffentlicht wird. Des Weiteren liegt noch ein Plot für einen weiteren überaus phantastischen Roman herum. Aber vermutlich schreibe ich im Dezember erst einen völlig magiefreien Frauenroman, der mir seit Längerem durch den Kopf geistert. Gerade die dunkle Jahreszeit wirkt auf mich überaus inspirierend.“

Beiläufig drehte ich mich kurz zum Bücherregal hinter mir, griff routiniert nach einem Band, der vor ein paar Sekunden vielleicht noch nicht da gestanden hatte. Wer weiß? Ein Hauch Magie durfte justament nicht fehlen.

Während ich das Buch sorgsam in einer Tüte verpackte, führte ich mein kleines Interview einfach fort: „Ich denke, dass Sie kein Selfpublisher sind. Was für Erfahrungen haben Sie denn mit Verlagen gemacht?“
Plötzlich wurde sie ganz ernst: „Gute und Schlechte. Gerade in Anfangszeiten, stolpert man gern in gut getarnte Fallen. Aber am Ende ist alles gut ausgegangen.“ Schon kam das Lächeln wieder in ihr Gesicht zurück. „Momentan arbeite ich mit zwei Verlagen zusammen und bin sehr zufrieden.“
Das war schön zu hören. Vor mir stand eine Frau, die auch ein paar Rückschläge hatte hinnehmen müssen und sich trotzdem die Leidenschaft fürs Schreiben immer bewahrt hat. Jetzt hatte sie also ihren Weg gefunden. „Aktuell schreiben Sie auch etwas?“
„Es wäre furchtbar (für mich und hoffentlich auch für meine Leser), wenn dem nicht so wäre. Ich schreibe an einem weiteren Jugendroman, ‚Ava‘. Das ist der Name meiner Hauptprotagonisten. Über einen treffenderen Titel mache ich mir, wie bei jedem meiner Romane, erst Gedanken, wenn das Projekt mit dem berühmt gefürchteten Wort ‚Ende‘ abgeschlossen ist.“

Ende? Was für ein gutes Stichwort! Zwar plauderten wir noch ein wenig, aber irgendwann geleitete ich meinen Gast doch zur Tür. Das Wetter war inzwischen besser geworden. Meine Stimmung sowieso. Wegen der Vorfreude. Ja. Ich freute mich auf Christas überraschtes Gesicht, das sie machen würde, wenn sie zuhause die Tüte mit meinem Geschenk aufmachen würde. Es war ein Buch.
Ein Buch.
Ein Buch, das sich noch nicht öffnen ließ. Das konnte man erst, wenn es an der Zeit war. Doch das war nicht die einzige Besonderheit an meinem Geschenk. Ja, ich freute mich auf ihr überraschtes Gesicht, auch wenn ich es hier nicht sehen würde. Denn das Cover und der Buchrücken des Buches waren noch fast leer. Nur ganz wenig Text: Christa Kuczinski stand oben. Drei schlichte große Buchstaben darunter. „AVA“.

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