zu Besuch im Antiquariat: Carol Greyson

Bibliothek zu Babel

In der letzten Zeit hatten allerhand unbekanntere Autoren mein Antiquariat besucht. Ein Großteil von ihnen waren Indies – also unabhängige Schreiber – gewesen. Meine Erfahrungen mit ihnen waren, das musste ich mir eingestehen, recht angenehmer Natur gewesen.
„Nett von euch“, sagte ich in die ungefähre Richtung der Buchregale, „dass ihr mir so interessante Gäste geschickt habt.“ Auf einem Verkaufspodest lagen mehrere Dunkle Romantik Bücher. Ich ging zu ihnen, tätschelte eine kostbare Originalausgabe von „Juliette“ und strich Mary Shelleys „Frankenstein“ über den Rücken. Über den Buchrücken, selbstredend. Die alten Werke von Lord Byron, E.T.A. Hoffmann, Charles Baudelaire und Gustave Flaubert lagen dort einträchtig neben Poe und Nerval. „Hmm, alles Klassiker. Ich frage mich, ob dieses Genre vielleicht auch …“

Ich konnte meinen Satz nicht zu Ende sprechen, denn eine Frau betrat mein Ladenlokal. Da der Zufall mir nur selten auf die Schulter klopfte, ging ich erst mal davon aus, dass dies keine normale Kundin war. Deshalb machte ich mir die Mühe und musterte sie eingehender. Sie war eine sportlich-elegante Erscheinung. Sie machte auf mich einen – wie soll ich sagen? – britischen Eindruck. Hinter einer Brille warteten intelligente, neugierige Augen.

„Guten Tag, meine Gnä‘gste. Was darf ich für Sie tun?“ Hatte ich gerade Gnädigste gesagt? Mein Blick flog nochmal zu den Büchern auf dem Tisch. Kleine Ungeheuer!
„Carola Kickers“, stellte sie sich vor, „ich bin auf der Suche nach ein paar …“
… Büchern, wollte sie wohl sagen. Doch vermutlich nicht der treffendste Begriff. Ich half ihr den Satz richtig zu beenden: „… Inspirationen.“
„… Büchern“, korrigierte sie mich streng. Dann lächelte sie entwaffnend.
„Oh“, machte ich. „Entschuldigen Sie, Carola. Ich habe sie eventuell falsch eingeschätzt. Sie sind also keine Schriftstellerin?“
„Oh doch, sogar in verschiedenen Genres.“ Während sie sprach, ging Carola zu dem Tisch, betrachtete kurz die ausgelegten Bücher und schob dann einige von ihnen behutsam zu Seite. Dann lehnte sie sich mit dem Po sachte an die Tischkante. „Allerdings lese und rezensiere ich auch. Auch da bin ich in den Genres recht flexibel – von Krimi bis Liebesroman darf alles dabei sein – außer vielleicht Science-Fiction. Das ist nicht so sehr mein Thema.“ Sie nahm einen besonders alten Schmöker in die Hand, tastete vorsichtig über den ledernen Einband. Mit den Fingern zeichnete sie die eingeprägten Buchstaben nach. Ich selbst tat dies auch nur zu oft. Von daher ahnte ich ihre Gedanken: fühlbare Worte … Sie redete allerdings einfach weiter: „Aber natürlich ist beides bislang eher Hobby, wobei ich auch beruflich mit Sprachen zu tun habe – vorwiegend als freie Übersetzerin und Texterin. Und wenn ich mal von all den Buchstaben …“ Sie nahm die Hand fort von dem Buch, „… eine Auszeit brauche, arbeite ich alte Möbel auf, und zwar im sogenannten Shabby chic Stil.“
Nun richtete sich ihr Augenmerk plötzlich auf dem Tisch. Sie dachte offensichtlich darüber nach, was man daraus zaubern konnte. „Ich führe kein Möbelantiquariat“, merkte ich schmunzelnd an.
„Wie bitte?“
„Ach, nur so.“ Irgendwie sollte ich mich doch lieber nur auf tatsächlich Gesagtes beschränken. „Sie sind ganz schön fleißig!“, kommentierte ich also ehrlich beeindruckt Carolas Schaffen. „Wie bewältigt man so ein Pensum?“
„Mit zunehmendem Alter muss man Prioritäten setzen. Erst die Kunden, dann die Bücher. Manchmal schiebe ich auch einen ruhigen Tag dazwischen, an dem ich gerne im Garten arbeite – das natürlich vorwiegend im Frühjahr und Sommer oder bei gutem Wetter. Aber Sie haben Recht, als Freiberufler hat man keine geregelten Arbeitszeiten.“
„Kommt da das Schreiben nicht zu kurz?“, fragte ich.
Sie seufzte schwer. „Dieses Jahr schon, allein bedingt durch meinen Umzug. Dann kamen auch noch andere Dinge dazwischen wie die Augenoperation von meinem Katerchen Mr. Pattapu. Den kennen Sie doch hoffentlich?“
Irgendwo im Regal neben mir wackelte ein Büchlein. Als ich einen Blick dorthin warf, zwinkerte es mir zu. Ja, Bücher können zwinkern. Und ja, ich weiß, dass sie keine Augen haben.

„Im gleichen Verlag – Stuber Publishing – habe ich bereits zwei Liebesromane veröffentlichen können: ‚…und das letzte Wort hat die Liebe‘ und ‚Der Modenkönig‘, meine aktuelle Neuerscheinung. Aber falls sie mich nur aus dem Dark Fantasy Bereich kennen sollten, sagt Ihnen die Vampirsaga um Jason Dawn vielleicht etwas oder ‚Die Götterbrut‘. Wenn Sie Lust haben, stöbern Sie doch einfach mal auf meiner Homepage.“
„Hm, viele Bücher sind das. Aber nicht alle bei einem Verlag. Warum?“
„Meine Erfahrungen mit Verlagen sind nicht die besten. Heute bin ich froh, größtenteils zu den Self-Publishern zu gehören. Allerdings hätte ich nichts dagegen, wieder bei so fleißigen Verlagen wie Stuber Publishing zu unterschreiben, die ihre Autoren auch unterstützen.“
Ja, ja. Verlag ist nicht gleich Verlag. Manchmal braucht es etwas länger, bis man als Autor das richtige Zuhause findet. Über dieses Thema könnte man lange diskutieren. Aber ich spürte, dass dafür gerade nicht der richtige Zeitpunkt war. Deshalb fragte ich nur: „Und aktuell?“

Carola stieß sich sachte vom Tisch ab, schob sorgsam die Bücher wieder zurück an ihren angestammten Platz. „Derzeit lasse ich das Jahr ruhig ausklingen. 2016 wird es dann das erste zweisprachige Kinderbuch mit schönen Illustrationen von mir geben. Aber darüber möchte ich noch nicht zuviel verraten. Von Mr. Pattapu ist der Comic auch noch in Arbeit, leider hat meine Illustratorin eine böse Sehnenscheidenentzündung, die bereits Wochen andauert. Ich hoffe aber, dass er auch 2016 fertig werden wird.“

Carola hatte sich nun vor ein Wandregal gestellt und las interessiert die diversen Titel. Es überraschte mich, dass sie ausgerechnet in dieser Ecke meines Ladens gedankenverloren mein Angebot bestaunte. Das war definitiv keine dunkle Romantik.
„Gute Besserung“, sagte ich.
Carola legte kurz die Stirn in Falten. „Was?“
„An die Illustratorin“, schob ich nach.
Sie nickte stumm, zog sich einen besonders kostbaren Band heraus. Als sie darin blätterte, hatte sie mich schon fast vollkommen vergessen.
„Auf der Suche nach Büchern …“, wiederholte ich den Anfang unseres Gesprächs.
Obwohl ich eigentlich mit mir selbst gesprochen hatte, antwortete Carola: „… Inspirationen.“
In der Hand hielt sie eine sehr, sehr alte Bibel.

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