zu Besuch im Antiquariat: Carsten Sebastian Henn

Schnuppernd hielt ich meine Nase in die Luft. Ich musste zugeben, dass mein Antiquariat schon lange nicht mehr so gut gerochen hatte. Nicht, dass mir der Duft von Staub und altem Papier nicht mehr behagte, doch die Aromen von Schokolade bildeten in meiner krummen Nase einen angenehmen Kontrast zur gewohnten Melange.
„Erwarten Sie einen Gast?“ Beatrice betrachtete misstrauisch den Tisch und die zwei Stühle, die ich in die Mitte des Verkaufsraums gezogen hatte. Weingläser, ein Riesling von der Mosel und erlesene Pralinen standen darauf bereit. „Haben Sie ein Rendezvous?“ Warum hörte sich das so … ungläubig an? „Damenbesuch?“, hakte sie nach.
Ich schnaubte. „Nein, kein Damenbesuch.“ Und um Missverständnissen vorzubeugen, sagte ich noch: „Kein Rendezvous.“
„Und ich dachte schon.“ Bea schmunzelte, was diesen Dialog auch nicht unbedingt besser machte.
„Wenn Sie es genau wissen möchten, meine Liebe“, sagte ich etwas pikiert, „mir ist aufgefallen, dass ich schon ziemlich lange kein kultiviertes Gespräch mehr geführt habe.“ Ob sie das als Spitze verstand? Sie ließ sich nichts anmerken. Deshalb redete ich einfach weiter. „Und da ich gerade einen kulinarischen Krimi ausgelesen habe, habe ich beschlossen, den Verfasser der kurzweiligen Lektüre einzuladen.“
„Kulinarischer Krimi?“
Ich deutete auf den Tisch. Wie von Zauberhand neben der Flasche platziert, lag dort nun eine Taschenbuchausgabe von „Die letzte Praline“.
„Aha“, machte Beatrice. Sie schaute demonstrativ auf ihre Armbanduhr, merkte etwas über ihren Feierabend an und verabschiedete sich.

Kurz darauf bimmelte das Türglöckchen aufgeregt und kündigte meinen Besucher an. Vor mir stand ein dunkelhaariger Mann, gekleidet in Jeans, Hemd und blauer Strickjacke. Ich schätzte ihn auf etwas über vierzig. „Guten Abend, Herr Henn. Wie schön, dass Sie sich die Zeit für mich und mein kleines Antiquariat nehmen.“
„Ich freu mich sehr, dass Sie mich in Ihr Reich eingeladen haben. Antiquariate ziehen mich immer magisch an – ich könnte dort ja ein altes Kochbuch finden.“ Er schaute sich um und nahm dann zielsicher Kurs auf das entsprechende Bücherregal. Vielleicht erkannte er einen Buchrücken – oder er roch es einfach.
„Ist ein Riesling das Richtige für Sie? Ich habe gehört, dass Sie Winzer sind. Oder doch lieber ein Kölsch?“
„Riesling geht immer.“ Er setzt sich und warft einen Blick auf das altertümliche Etikett. „Ist ja sogar einer von der Mosel. Da habe ich auch meine Weinberge in Steilstlagen, die ich zusammen mit Freunden bewirtschafte. Die Lage heißt St. Aldegunder Himmelreich und drohte brach zu fallen. Da haben wir uns zusammengetan, um sie zu retten und selbst zu bewirtschaften. Seitdem weiß ich was ‘im Schweiße seines Angesichts’ wirklich bedeutet – und bin sehr demütig geworden, was die Arbeit der Winzer betrifft.
Leider musste ich nach fünf Jahren meine Arbeit 2017 einem Winzer übertragen, da ich gerade jede freie Minute für den neuen Roman brauche. Vielleicht stapfe ich demnächst wieder selbst in den Wingert.“
Ich betrachtete meinen Gast genauer. Ein freundlicher Zeitgenosse, der eher introvertiert wirkte. Er sprach ruhig, konnte aber sein rheinisches Naturell dadurch nicht verbergen. Ich schenkte ihm ein. „Wird man zum Winzer, weil man kulinarische Literatur verfasst? Oder verfasst man kulinarische Literatur, weil man Winzer ist?“
„Man verfasst kulinarische Literatur und wird Winzer, weil man Wein und Speisen liebt, und seiner Leidenschaft gefolgt ist. Normalerweise führt diese Leidenschaft dazu, dass ich zunehme.“ Er strich liebevoll über seinen Bauch. „Durch die Schufterei im Weinberg gleicht sich das erfreulicherweise etwas aus.“ Carsten Henn zog etwas aus seiner grauen Filzumhängetasche. „Habe Ihnen eine Flasche mitgebracht, passt hervorragend zu einem historischen Roman, der italienisch zubereitet ist.“ Er zwinkerte mir zu und stellte die Flasche, die ein Etikett mit Rebstock zierte, auf den Tisch.
„Danke.“ Angenehm überrascht zog ich eine Augenbraue hoch und strich mit dem Daumen über das Motiv. Dann deutete ich aber auf das Buch auf der Tischplatte. „Die Reihe Ihrer Veröffentlichungen ist lang. Sachbücher und Romane – Sie schreiben gerne übers Essen und Trinken. Aus Passion oder weil es eine Nische im Literaturbetrieb ist, die Sie gut bedienen können?“
„Wer ein Thema wählt, weil es eine unbesetzte Nische ist, wird vielleicht erfolgreich, völlig glücklich wird er damit aber nicht. Denn der Erfolg oder das Lob wäre für etwas, das nicht aus dem Herzen entsprungen ist. Ich schreibe immer nur nach dem Lustprinzip. Also über das Thema, auf das ich die größte Lust habe. Karrieretechnisch ist das nicht immer clever, aber das ist mir schlicht egal.“
Ich musste feststellen, dass mir diese Antwort irgendwie imponierte. Andererseits gab ihm der Erfolg durchaus recht. „Um einen Roman über Whiskey oder Champagner zu schreiben“, stellte ich fest, „muss man bestimmt viel recherchieren. Nicht nur in heimischen Regionen. Das kostet bestimmt viel Zeit und Geld. Außerdem braucht man die richtigen Kontakte. Wie muss ich mir das vorstellen? Sagt Ihr Verleger: Machen Sie mal drei Wochen Urlaub in Frankreich, besuchen Sie diese vorgegebenen Personen, interviewen Sie sie zum Thema Essen und dann machen Sie einen lustigen Krimi daraus! Die Spesenrechnung bitte an die Rechnungsabteilung.
„Ach, wäre das schön!“ Er lachte und nahm einen langen Schluck Riesling. „Zwar lassen sich Recherchereisen steuerlich absetzen, aber die Verlage zahlen nichts an Spesen. Dabei ist die Recherche so essenziell, sie inspiriert enorm und vor allem vermittelt sie einem Gerüche, Geräusche, Geschmäcker und ein Gefühl für einen Handlungsort, wie es kein Reiseführer könnte. Das Schöne ist, dass Menschen einem Schriftsteller bei der Recherche gerne helfen – vielleicht spekulieren sie darauf, im Buch als besonders schöne Leiche zu enden.“ Er zwinkerte mir zu.
Deshalb erlaubte ich es mir, etwas mehr die Mundwinkel zu heben. Nein, ich lächelte sogar. „Und nach der Recherche“, fragte ich, „beginnt regelmäßig die Diät beziehungsweise der -äh- Entzug?“
„Sollte! Aber ich bin ja ein durch und durch inkonsequenter Mensch, was lustvolles Genießen betrifft. Da kann eine Diät dann auch mal nur einen Nachmittag dauern.“
Das sah man dem Guten nun wirklich nicht an. „So ein Roman mit Vorgabe spult ja eine ganze Menge an Wissen ab. Haben Sie manchmal Bedenken, dass sich die Story zu sehr um das Thema beugen muss? Ein Leser möchte ja in erster Linie unterhalten, aber nicht belehrt werden. Driften Sie vielleicht hin und wieder in den ‚Infodump‘?“
„Das ist immer eine Gefahr, da man so viel faszinierendes Wissen anhäuft, das man mit den Leserinnen und Lesern teilen möchte. Deshalb habe ich schon beim ersten Roman ein Glossar im Anhang entworfen, um das alles hineinzupacken. Der Fluss eines Romans darf nicht durch Informationsvermittlung gestört werden. Meine Hauptfigur Prof. Dr. Dr. Dr. Adalbert Bietigheim doziert allerdings gerne, so dass ganz automatisch viel über ein Thema seinen Weg zwischen die Seiten findet. Ich hoffe, auf augenzwinkernde Art.“

„Sie sind auch Journalist, nicht wahr? Welcher Berufswunsch stand denn während Ihrer Jugend an erster Stelle?“, fragte ich.
„Ich unterscheide da nicht“, antworte Herr Henn und bediente sich vom Teller mit den Pralinen. „Schon in der Grundschule wollte ich schreiben, habe selber eine Schülerzeitung gemacht und kopiert. Ich liebe es mit Worten zu arbeiten, das ist mein Werkstoff – journalistisch wie literarisch.“
Da ich wusste, dass seine kulinarischen Geschichten nicht nur als Print veröffentlicht wurden, hatte ich noch eine weitere Frage in petto: „Die Hörbücher zu Ihren Romanen werden zum Teil von prominenten Persönlichkeiten eingelesen. Sie sind aber auch schon selbst ins Tonstudio gegangen. Was ist Ihnen lieber?“
„Wenn Jürgen von der Lippe oder Bernd Stelter meine Texte vortragen, finde ich das wahnsinnig spannend. Sie haben ihre ganz eigene Interpretation meiner Geschichten – und lesen viel besser vor als ich.“

Man glaubt gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht, wenn man den Gaumen mit Köstlichkeiten verwöhnt. Wir plauderten noch ein Weilchen über Kochbücher, Krimis und Komödien. Doch schließlich zog es meinen Gast zu den Reiseführern. Er fand ein Exemplar, das sich mit dem Ort seines aktuellen Romans beschäftigte. Ich bot es ihm als kleines Geschenk an.
„Ich kaufe stets mit großer Vorfreude viel zu viele Bücher, die ich dann nicht gelesen bekomme, was mich immer ein wenig traurig macht“, gestand er. „Aber ich kann es nicht ändern!“ Und so wanderte auch dieses Buch in seine Tasche. Ich war mir sicher, dass es ein gutes Zuhause finden würde.
„Dann bin ich gespannt, was für ein Krimi daraus wird.“ Ich schmunzelte und korrigierte mich dann selbst. „Natürlich meine ich, was für ein kulinarischer Krimi daraus wird.“
Krimi?“ Herr Henn steckte unschuldig seine Hände in die Hosentaschen, zog die Schultern hoch und legte den Kopf schief. „Mein neuestes Buch ist eine Liebeskomödie, in der es darum geht, ob Liebe berechenbar ist.“ Er wollte wohl darauf aufmerksam machen, dass er auch anderes schreiben konnte.
Das zweifelte ich nicht an. Aber trotzdem fragte ich: „Eine Liebeskomödie?“
„Sie handelt von Sternen am Himmel und in Champagnergläsern …“
„Eine Liebeskomödie?“, bohrte ich.
„Sie heißt Eine Prise Sterne …“
„Eine Liebeskomödie?“
„… und spielt in meiner Heimatstadt Köln, was immer zu einem besonders persönlichen Schreibprozess führt.“
„Eine Liebeskomödie?“, hakte ich nochmals nach. Ich hätte das Spiel den ganzen Abend fortsetzen können.
Herr Henn sah es ein und gab seufzend auf. „Ja, eine Liebeskomödie … eine kulinarische Liebeskomödie.“
Ich wusste es.