zu Besuch im Antiquariat: Danise Juno

Buchland

Es war einer dieser Tage. In meinem Kopf zogen sich die Gedanken wie weichgekauter Kaugummi in die Länge. Sortieren. Ich wollte die Bücher hinter dem Kassenbereich neu sortieren. Na ja. Wollen? Das war wohl das falsche Wort. Aber es wurde nötig. Jedoch … Wenn man versucht Autoren und ihre Werke nach einem vernünftigen Schema zu ordnen, stößt man irgendwann an gewisse Grenzen.
In den alten Bibliotheken vergangener Zeiten hatte man es sich einfach gemacht. Man hatte Folio zu Folio gestellt, Quart zu Quart, Oktav zu Oktav. Oder anders gesagt: Man hatte nach Größen sortiert. Angesichts der vielen Millionen Bücher, ist man – oh Wunder – von dieser Methode inzwischen abgekommen. Nach Farben zu sortieren, macht für gewöhnlich ebenso wenig Sinn.
Tja, dann bliebe noch die Möglichkeit nach Genre zu ordnen. Science-Fiction, Horror, Fantasy und so weiter. Das war mein Plan. Doch just in diesem Moment kamen mir die Bücher von Stephen King in die Finger. Der Gute war so ziemlich in jedem literarischen Tümpel mal fischen. Würde ich meinem Plan folgen und nach Genre sortieren, wären seine Bücher in diesem Raum beinahe in allen Regal zu finden.
„Ärks“, entfuhr es mir. Eventuell sollte ich doch lieber nach Nachnamen alphabetisch ordnen. Ja. Alle Kings, die hier im Laden verstreut waren, nebeneinander! Gesagt getan. Meine Laune hatte sich nach vollendeter Arbeit tatsächlich etwas gebessert, meine Hirnwindungen entknotet.
Dann fiel mein Blick auf den kleinen Stapel Bücher, die ich als nächstes einsortieren wollte. Richard Bachmann. „Das ist jetzt wohl ein Scherz“, beschwerte ich mich. Und ich hätte wetten können, dass da irgendwo jemand leise kicherte.

„Warum, vermaledeit nochmal, legen sich Autoren Pseudonyme zu? Bachmann ist King. King ist Bachmann. Das ist doch albern.“ Ich hätte mir meine Frage natürlich selbst beantworten können. Es gab viele Gründe für das Versteckspiel hinter fremden Namen. Aber …
„Vielleicht kann ich was dazu sagen“, sagte eine weibliche Stimme zu mir. Ich drehte mich erstaunt um. An der anderen Seite des Tresens stand eine Frau. Ich schätzte sie vielleicht auf knapp vierzig Lenze, oder so. Sie trug schwarze Jeans, halbhohe schwarze Stiefel mit flachem Absatz und eine dunkelrote Bluse in deren Spitzenärmel ihre Fingerspitzen kaum noch zu sehen waren. Darüber stach eine auffällige doppelreihige Kette aus schwarzen Perlen ins Auge. Die Haare: herbstdunkelrot, frisch geschnittener, kinnlanger Bob, offen, Seitenscheitel. „Markant“, dachte ich, „und selbstbewusst. Diese Frau brauchte bestimmt kein Pseudonym.“ Markant war auch das Make-up: Smoke Eyes und dunkler Lippenstift passend zur Bluse. Das bildete zur blassen Haut einen gewollt starken Kontrast.
„Guten Tag“, sagte ich leicht perplex, „Frau … äh.“
Sie zwinkerte mir mit ihren leuchtend grünen Augen zu: „Juno. Danise Juno.“
„Und, äh, was möchten Sie mir zu Pseudonymen erzählen?“
Sie tätschelte die oberste Ausgabe von „Todesmarsch“, als hätte das Buch etwas Trost verdient. „Es ist ganz und gar nicht albern ein Pseudonym zu verwenden. Manchmal ist ein Autor dazu sogar gezwungen, oder würden Sie einen blutigen Thriller von einer Autorin mit dem Namen Marianne Rosenzweig lesen wollen? Oder eine Liebesschmonzette von Bernhard Zipfelacker? Wie wäre es mit einem Horrorroman von Ingeborg Trautwein?“
Hm, dachte ich, ob sich Samuel Clemens deshalb wie eine Tiefenangabe der Bootsfahrer genannt hat? Mark Twain. Ich verkniff mir diese Randbemerkung. Stattdessen lauschte ich, mit leichtem Amüsement, dem Redefluss meines Gastes.

„Unbewusst verbindet man den Klang eines Namens mit gewissen Erwartungen. Sie brauchen nur an Haustiernamen zu denken. Es gilt inzwischen schon als Scherz seinen Dobermann Püppi zu nennen, weil man damit eher einen niedlichen, stupsnasigen Handtaschenhund assoziiert, statt eines großen Muskelpaketes mit Stachelhalsband.
Was bleibt einem da als Autor schon anderes übrig. Und selbst wenn sie als Autor das Glück haben sollten, einen solch klangvollen Namen wie Georg Held oder Barbara Falk zu tragen; wenn die Leser sie nach einigen Romanen als DEN Thriller Autor kennen und plötzlich haben sie Lust etwas ganz anderes auszuprobieren und schreiben einen High Fantasy Epos, dann werden viele ihrer eingefleischten Fans enttäuscht sein, weil sie von ihnen etwas ganz anderes erwarten.“
So einen langen Monolog hätte ich der Frau gar nicht zugetraut. Sie wirkte beim Betreten des Raumes doch eher anders. Aber sie war mit mir noch nicht fertig. Ihr flammendes Plädoyer für Pseudonyme brauchte seinen Platz.
„Aber jetzt denken wir noch einen Schritt weiter. Was passiert denn, wenn sie völlig unerwartet den großen Wurf, den Wahnsinnsbestseller geschrieben haben, der sich millionenfach verkauft?
Richtig, der Autor hat es geschafft. Großartig. Und dann kommen die Reporter, wühlen in ihrer Abfalltonne herum, befragen ihre Freunde und Verwandten auf der Suche nach Skandalen und Skandälchen, ihre Kinder werden belauert, vielleicht Schlimmeres. Man zahlt den Preis der Berühmtheit.
Das sind die Gründe, warum auch ich mich für ein Pseudonym entschieden habe. Mein Name klingt altbacken, ich will mich im Genre noch nicht wirklich festlegen und ich möchte nicht berühmt sein.“
„Ach“, sagte ich. „Sie sind Autorin?“ Beiläufig schaute ich mich um. Und tatsächlich lag auf dem Verkaufstresen plötzlich ein graues Taschenbuch. „Herbstlilie – Limbergens vergessene Kinder“ von Danise Juno. Ein geheimnisvolles, leicht gruseliges Motiv, lud darunter zum Lesen ein. Das konnte nur ein Mysterybuch sein. Vielleicht auch ein Thriller. „Danise Juno? Das ist ein Pseudonym? Wie kommt man an so einen Namen?“

Danise holte tief Luft, seufzte und redete dann ein wenig langsamer und entspannter. „Einen geeigneten Künstlernamen zu finden ist nicht einfach. Wer die Wahl hat, hat die Qual. Der Doktor des Raumschiffs Voyager hat Jahrzehnte gebraucht, um sich auf einen Namen festzulegen.“
„Siehe da!“, sagte ich, „Ein Trekkie.“ Aber sie ging nicht darauf ein.
„Ich hatte nicht ganz so viel Zeit und doch tat ich mich damit nicht leicht.“
„Wie kam es also zu Danise Juno?“
„Eigentlich hatte ich mich bei der Namenssuche vertippt und schrieb Denise falsch. Als ich feststellte, dass es keine Suchbegriffstreffer gab, glaubte ich den perfekten Vornamen gefunden. Im Anschluss suchte ich nach einem Monatsnamen – oder ähnlich einfachem und kam auf den rheinischen Ausdruck für Juni – schließlich bin ich Rheinländerin. So entstand Juno. Doch was es mit diesem Namen tatsächlich auf sich hat, begriff ich erst viel später. Ein Bekannter stieß mich mit der Nase darauf, doch tat ich seine Feststellung mit einem Lächeln ab. Das war zu abwegig. Erst als kurz darauf zwei weitere Freunde unabhängig voneinander denselben Gedanken hatten und mich fragten, ob es eine Konvergenz der Namen meiner beiden Kinder sei, betrachtete ich mein Pseudonym genauer. Ich bekam eine Gänsehaut, als mit klar wurde, welch seltsame Dinge das Unterbewusstsein doch mit einem anstellt. Ich hatte, ohne es zu merken, eine weibliche Form von Dario und Julie gewählt.“

Schmunzelnd dachte ich an mein Buchland und die unglaubliche Magie, die darin steckte. „Geschichten sind so“, stellte ich fest. „Manchmal suchen sie sich klammheimlich ihren Weg in die Realität.“ Ich griff nach „Herbstlilie“ und ließ die Seiten am Daumen vorbei gleiten. Beim Blättern erahnte ich die komplexe Geschichte, die auf den Seiten auf ihre Leser wartete. „Verschwindende Grenzen zwischen Realität und Geschichte scheinen auch für Sie ein Thema zu sein.“

Danise nickte ernst. „Mein Bestreben ist es, diese Grenzen zumindest in einigen meiner Geschichten zu sprengen. Viel zu selten werfen wir einen Blick zurück über unsere Schulter. Wo kamen wir her? Und inwieweit beeinflusst das unsere eigene Zukunft? Damit meine ich nicht die Aufzählung von Heerführern in den Geschichtsbüchern, die Taten großer Männer und Frauen und ihrer unterlegenen Kontrahenten. Den wenigsten von uns ist es vergönnt, eine solch einflussreiche Persönlichkeit zu werden. Ich meine damit unsere eigenen Vorfahren, die vielleicht Bergarbeiter, Bauern, Dienstboten oder einfache Handwerker waren. Was haben sie geleistet, welchen Beitrag haben sie an dem, was aus uns wurde, wie haben sie gelebt? Auch sie haben gefühlt, gelitten und gelacht, doch ist ihre Geschichte mehr und mehr im grauen Nebel der Zeit verloren gegangen. Vielleicht verklärt zu Sagen und Legenden – reduziert auf einfache Überlieferungen, kleine Familiengeschichten und Anekdoten. Wäre es nicht schön zu wissen, wie sich die Ereignisse tatsächlich ereignet haben und mehr zu erfahren, als bloße Namen und Daten der Personen um die es sich in der Geschichte dreht.
In meinem Roman ‚Herbstlilie – Limbergens vergessene Kinder‘ versuche ich auf eindrückliche Art zu schildern, wie eine Legende entsteht und stelle ihr die wirklichen Ereignisse gegenüber. Meine Protagonistin Julia versucht in der heutigen Zeit diesen Sagen auf den Grund zu gehen und findet immer mehr Indizien zu den Personen aus diesen Legenden heraus, bis sich ein lebendiges Bild von ihnen zeichnen lässt. In den Kapiteln, die in der Vergangenheit spielen, biete ich dem Leser einen Einblick in das Leben und Fühlen dieser Menschen. Es ist, als würde man durch ein Fenster sehen und man kann die Ereignisse so erfahren, als sei man selbst dabei gewesen. Vielleicht mag man es sogar als lebendig gewordene Ahnenforschung bezeichnen.“

Danise Juno. Ich ertappte mich dabei, dass ich darüber nachdachte, wie die Autorin wirklich heißen mochte. Wenn sie sich noch nicht auf ein Genre festgelegt hatte und dann eventuell unter anderem Namen veröffentlichen wollte, wäre es doch interessant zu wissen, unter welchem Namen das passieren würde. Oder wenigstens den Titel des nächsten Werkes wollte ich wissen. Das galt es in einer Frage zu formulieren: „Ich würde gerne den Titel Ihres nächsten Werkes wissen.“ Äh, welch abweichender Sprachgebrauch zu meinen Gedanken, nicht?
„Nächsten Frühsommer ist die Veröffentlichung eines Thrillers geplant, der den Titel ‚Death Cache‘ trägt. Es handelt sich um einen Geocaching-Thriller. Auch dort wird es wieder Rückblenden geben, die jedoch dieses Mal nicht ganz so weit zurückreichen, wie bei Herbstlilie. Man darf gespannt sein auf Geheimnisse, die in der Vergangenheit meiner Protagonisten lauern.
Des Weiteren ist eine Familiensaga geplant. Ich bin mir noch nicht schlüssig, ob der Aufbau wie bei Herbstlilie, verschlungenen Pfaden folgen wird, oder ob ich es einmal mit einer chronologischen Reihenfolge versuchen werde. Es warten dort viele Geheimnisse, ein großer Schuss Mystik und ein paar Legenden.
Erst danach wird es ein Wiedersehen mit Frank und Julia Meinert geben, die erneut das Münsterland unsicher machen werden. Julia kommt einer Legende auf die Spur, die sich in der Vergangenheit tatsächlich genau so ereignet haben soll. Ich bin schon gespannt, was sie so alles zu Tage fördern wird. Hoffentlich kann sie am Ende ihre Familie und ihre Ehe retten.“

Das hörte sich alles sehr interessant an. Viele Projekte waren das. Viele Bücher würden das werden. Bücher, die ich später auch noch einsortieren musste. Den Platz sollte ich dafür auch noch vormerken. „Ähm“, machte ich, „würden Sie Ihre Werke nach Namen oder nach Genre hier einsortieren?“
Ausnahmsweise war Danises Antwort nicht so umfangreich. Ich bekam nur ein Schulterzucken von ihr zu sehen …

 

 

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