zu Besuch im Antiquariat: Prinz Rupi

Im Antiquariat

Es war lange nach Ladenschluss. Im Laden hatte ich einen Klapptisch und zwei Stühle aufgebaut. Ein guter Roter, Mineralwasser, bauchige Weingläser und etwas Weißbrot standen bereit. Ich war also bestens vorbereitet. Trotzdem war ich ein wenig nervös.
Nein, ich erwartete keinen Damenbesuch. In einem Buchantiquariat machte man keine Candle-Light-Dinner. Schon gar nicht ohne Candle. Ich hatte einen Herrn eingeladen, seines Zeichens ein Prinz. Außerdem war er Autor, Selfpublisher und Publisher. Ich mochte weder diese englischen Begriffe, noch mochte ich alles, was mit Druckkostenzuschüssen zu tun hatte. Und doch war ich neugierig. Neugierig auf die Person, neugierig auf ihr Tun und neugierig auf …

Die Türglocke bimmelte. „Guten Abend“, sagte der Prinz beim Hereintreten und stellte sich auch sogleich vor. „Wilhelm Ruprecht Frieling. Aber Freunde nennen mich Rupi.“
Viel Gesicht zeigte der Kopf. Hinter der hohen Stirn wuchsen graue, vergleichsweise lange, graue Haare. Wache, humorvoller Augen blitzten mich durch eine dezente Brille an. Er trug einen Anzug, ein hellblaues Hemd und keine Krawatte. Ich war beinahe enttäuscht, dass er mir nicht auf Anhieb unsympathisch war.
„Wie schön, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind“, sagte ich höflich. Ich ging ihm entgegen, reichte ihm die Hand und lud ihn dann mit einer Geste an meine improvisierte kleine Tafel. Als wir platzgenommen hatten, deutete ich auf die Flaschen: „Burgunder oder Wasser?“
Rupi lehnte sich entspannt zurück und überraschte mich dann mit leicht gehobener Sprache: „Danke, mein Lieber. Einen Tropfen vom Elixier der Könige von Burgund und dazu ein stilles Wasser nehme ich gern.“
Also goss ich ihm ein. „Wie kommt’s denn zu dem royalen Beinamen? Prinz … So einen royalen Titel verleiht man sich doch nicht selbst.“
„Der stammt aus einer Zeit, in der ich täglich ein Buch produzierte und damit schnell Verleger von mehr als zehntausend Büchern war“, erklärte Rupi gelassen. „Die Presse bezeichnete mich daraufhin als ‚Bücherprinz‘, und daraus ist erst im Freundeskreis, dann in der Öffentlichkeit ‚Prinz Rupi‘ geworden.“

„Täglich ein Buch? Puh.“ Ich rümpfte die Nase „Das hört sich ziemlich nach Quantität und nicht nach Qualität an. … Ich mache keinen Hehl draus: Ich mag keine eBooks. Eben aus diesem Grunde. Wenn alles und jeder veröffentlichen kann und in diesem Tempo Bücher auf den Markt wirft, dann entwertet sich das geschriebene Wort. Ein guter Wein braucht doch auch seine Zeit. Ich biete Ihnen doch auch keinen Rotwein aus dem TetraPack an.“
Mein Gegenüber hob beschwichtigend die Hände. „Nun, die Bücher stammten doch nicht aus meiner Feder, sondern von den jeweiligen Autoren. Und Qualität bemisst sich nicht unbedingt nach dem quantitativen Output eines Verlages. Damals waren es auch noch Papierbücher; die E-Book-Revolution begann in Deutschland erst 2011 und auch die belegt eigentlich erst einmal nur, wie viele Autoren mit dem dringenden Wunsch unterwegs sind, veröffentlicht zu werden.“
„Ach, das hörte sich eingangs so an, als wären das alles eigene Buchprojekte gewesen.“ Ich räusperte mich. „Entschuldigung.“ Dann nippte ich an meinem Glas. „Hier spricht also der Verleger, nicht der Autor. Trotzdem ist es erstaunlich viel. Wie bemessen Sie sie denn den Wert eines Manuskripts, dass Sie veröffentlichen?“
„Als Verleger war ich bis 2003 tätig. Maxime war, jedem Autor die Möglichkeit einzuräumen, sein Buch so optimal wie möglich an den Start zu bringen. Ich war mit diesem Konzept eine Art Early Adopter im Buchmarkt. ‚Wert‘ ist ein Begriff, den ich in diesem Zusammenhang für vermessen halte. Sicherlich gibt es einen ‚Marktwert‘, den letztlich das Publikum durch seine Nachfrage bestimmt. Dann misst jeder Autor seinem Werk einen eigenen ‚Wert‘ bei. Als Verleger musste ich über die subjektive Wertigkeit eines Buchprojekts hinwegsehen, was nicht bedeutet, dass mir persönlich nicht das ein oder andere Vorhaben besonders wertig erschien. Worin liegt denn für Sie der Wert einer Veröffentlichung?“
Ich schaute mich kurz in meinem Antiquariat um. Hier standen einträchtig Klassiker und Raritäten neben einigen neueren Hardcovern. Sie warteten auf meine gescheite Erwiderung auf Rupis Frage. „Hm, das würde eine ziemlich lange Antwort meinerseits werden. Aber in erster Linie würde ich sagen, dass der Verleger nicht nur dem Autoren, sondern auch dem Leser verpflichtet sein sollte. Immerhin bezahlt dieser den Preis für ein Buch, von dem er erwartet, dass es seinen Ansprüchen genügt. Die Aufgabe eines Verlags ist ja nicht nur Papier bedrucken zu lassen und dann in der Welt zu verbreiten.“

Der Bücherprinz beugte sich vor und erklärte leise: „Jeder Autor sehnt sich danach, einen Verlag zu finden, der ihm Heimat ist und Brücken zum Publikum baut. Als Verleger hielt ich es mit Alfred Döblin: ‚Der Verleger schielt mit einem Auge nach dem Schriftsteller, mit dem anderen nach dem Publikum. Aber das dritte Auge, das Auge der Weisheit, blickt unbeirrt ins Portemonnaie.‘ Insofern sind gute Autoren das Kapital jedes gesunden Verlages.“
„Hm-m.“ Ich zog eine Augenbraue hoch und verschränkte die Arme. „Wenn ich mal ganz böse fragen darf: Womit hat der Verleger Prinz Rupi denn damals mehr Geld verdient? An dem Bedürfnis des Autors oder an den Lesern der Vanity Press?“
„Worin liegt die Boshaftigkeit der Frage???“ Mein Gegenüber gab sich überrascht. Doch er lächelte dabei freundlich. „Geld verdient habe ich mit der Dienstleistung für unsere Autoren. Und da wir gute Arbeit geleistet haben, haben wir auch gut verdient.“
„Warum haben Sie dann als Verleger dann Schluss gemacht?“
Rupi wurde plötzlich sehr ernst. „Eine zweite Chemotherapie ließ mir keine andere Wahl. Diese für mich persönlich harte Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit fand aber im genau richtigen Augenblick statt, denn „the next big thing“ – die E-Book-Revolution und die Marktreife der On-Demand-Druckereien zeichnete sich ab.“ Er machte eine kurze Pause, nutzte sie, um sich dem Wein zu widmen. „Mein Leben als Verleger erzähle ich übrigens in meiner Lebensabschnittsgeschichte ‚Der Bücherprinz‘.“

Ja, ich sollte tatsächlich meinen Gast endlich auf seine Tätigkeit als Schreiber ansprechen. „Als Sachbuchautor richten Sie sich immer noch an Schriftsteller und solche, die es werden wollen. Möchten Sie mir ein wenig darüber erzählen?“
„Mir hat die Welt der Autoren viel gegeben. Ich bewege mich jetzt bald ein halbes Jahrhundert darin, und so ist es mir ein Bedürfnis, ein wenig von den gesammelten Erfahrungen zurückzugeben. Deshalb schreibe ich Ratgeber für Autoren und solche, die es werden wollen.“
„Und als Schriftsteller der Belletristik sind Sie auch aktiv“, sagte ich, „was ist denn da Ihr Alleinstellungsmerkmal?“
„Einer meiner Schwerpunkte sind Opernverführer.“ Prinz Rupi zwinkerte verschmitzt. „Mein Alleinstellungsmerkmal ist, dass ich als einziger Autor Opern wie ‚Der Ring des Nibelungen‘ so erzähle, dass auch Laien dem komplexen Geschehen auf der Bühne folgen können.“
„Eine tolle Idee“, stellte ich amüsiert fest. „Wie kommt man darauf? Ich meine Opern und Otto-Normal-Verbraucher …“
Rupi stand auf. Sein Glas Wein, das ich vorausschauend nochmals aufgefüllt hatte, nahm er mit. Er schlenderte an den Buchregalen vorbei und erlaubte sich eine etwas ausgiebigere Rede. „Ich möchte Ihnen, lieber Herr Plana, ein Geheimnis verraten. Ich entstamme einer Generation, die mit den ‚Beatles‘ und den ‚Rolling Stones‘, mit Jimi Hendrix und den ‚Cream‘ aufgewachsen ist. Ich war ein begeisterter Hippie, trampte durch die Welt und ließ mein Haarkleid meterlang wachsen. Mit klassischer Musik wurde ich in meiner Jugend erstmals konfrontiert, als Gruppen wie die ‚Nice‘ und die holländischen ‚Ekseption‘ klassische Stücke für die Popmusik aufbereiteten. Durch Ian Anderson, besser bekannt als ‚Jethro Tull‘, wurde mir Bach erschlossen. – Aber die Oper?“ Rupi schwenkte sachte das Glas, nahm dann einen Schluck des Roten, kaute ihn andächtig, bevor er ihn schluckte. „Die Oper war für mich ein Ort, in dem sich alte Leute mit grauen Gesichtern in schwarzen Roben trafen. Das war kein Beat Club, kein Underground-Schuppen, keine Musikhalle. Nun gut, ich schaute mir Mozarts phantasievolle ‚Zauberflöte‘ an. Ich fand auch Gefallen an den angeblich leichten italienischen Komponisten und vergoss manche Träne bei ‚Madame Butterfly‘ und ‚La Bohème‘. – Aber Wagner?
Richard Wagner, der schrieb doch die Musik, bei der sich massige Frauen und tumbe Typen stundenlang ansingen und ihre Sätze immer wiederholen, obwohl sie dadurch nicht verständlicher werden. Und da war doch auch noch diese Geschichte mit den Nazis, die ihn gut fanden. Nee, diesen Wagner, den wollte ich nicht mal mit der Kohlenzange anfassen.
Das Leben meinte es gut mit mir. Eines Tage besuchte mich ein guter Freund, der beruflich mit der Oper verknüpft ist und sich den ‚Ring des Nibelungen‘ in der Berliner Staatsoper ansehen wollte. Ich konnte es nicht fassen: Ein Mann, der nach San Francisco flog, um ‚Grateful Dead‘- Konzerte zu besuchen, wollte sich Wagner reinziehen und fand den auch noch toll? Ich begleitete ihn zur Oper und ließ mir in der S-Bahn die Handlung des ‚Ring‘ erzählen. Wow, das klang ganz anders, als was ich bisher gehört und in den klugen Feuilletons gelesen hatte! Die Geschichte faszinierte mich derart, dass ich am liebsten gleich mit in die Aufführung gekommen wäre. Doch dummerweise war alles ausverkauft.
Neugierig geworden hörte ich mir das Werk auf CD an, und versank innerhalb kürzester Zeit tief in Wagners vierteiligem Monumentalwerk. Immer tiefer tauchte ich in den Rhein ein, besuchte die Welt der Zwerge und begegnete Menschen, deren Schicksal weitgehend von Göttern vorbestimmt schien. Und da ich mich vorher mit der Handlung der Oper befasst hatte, wurde sie mir plötzlich transparent und leicht verständlich. Dann kam die Musik, die mich sofort packte: Das war purer Rock ‚n‘ Roll. Es war genau diese Art des musikalischen Gesamtkunstwerks, von dem wir in Zeiten von Love, Peace und Happiness geträumt hatten. Ich war ergriffen, ich war begeistert, ich war fasziniert. So wurde ich Wagnerianer. Das ist zwanzig Jahre her.“ Der Prinz blickte gedankenverloren in das Glas, als könnten sich dort vergangene Zeiten auf der Oberfläche des Getränks spiegeln. Sie taten es nicht. Nach einem kurzen Seufzen sprach er deshalb einfach weiter. „Heute bin ich überzeugt, dass über den inhaltlichen Einstieg Richard Wagners ‚Ring des Nibelungen‘ erschlossen werden kann. Das ist einer der Gründe, warum ich einen Opernverführer verfasst habe. Deshalb unterstütze ich Künstler, die Wagner einem jungen Publikum erschließen wollen. Deshalb werbe ich hier für den Ring.“ Jetzt holte er tief Luft und hob die Stimme. Er intonierte richtig! „Tauchen wir also ein in die Welt der Götter und Halbgötter, die vieles wissen, und manches vorausahnend die Geschicke der Welt leiten. Da sie nicht alles selber machen können, bedienen sie sich der Menschen, und um diese für ihren quasi göttlichen Erfüllungsauftrag vorzubereiten, setzen sie die gleich selbst in die Welt. Das macht ja auch viel mehr Spaß!
Nun ist es aber so, dass Neid und Gier das Leben auf der Erde wesentlich mitbestimmen, und da sind es besonders die Zwerge, die sich unrühmlich hervortun. Denn tief unter dem Rhein, und hier beginnt unsere Geschichte, existiert ein unheimliches Zwergenreich, dass ‚Nibelheim‘ genannt wird. Hier wiederum herrscht ein Widerling namens Alberich. Der ist so abgrundtief hässlich und schmuddelig ist, dass sich selbst in der dunkelsten Ecke keine findet, die ihn lieben mag. Dieser Nibelung ist es nun, der aus seiner tiefen Höhle emporkrabbelt, um dem Gesang der drei Rheintöchter Wellgunde, Woglinde und Floßhilde zu lauschen, die im schimmernden Rhein baden …“
Ruprecht verstummte plötzlich, schaute sich um, als hätte er für den Moment die Orientierung verloren. Er nahm wieder Platz. Tja, auch das war ein Stück der speziellen Magie meines Ladens. Manchmal vergaß man sich und alles um sich herum beim Parlieren.

Bevor die Stille im Raum zu groß wurde, ergriff ich also lieber das Wort: „Da frage ich mich: Sie sind Verleger, Redakteur, Schriftsteller, außerdem – soweit ich weiß – Journalist, Fotograf und Internetpionier. In Sachen Wort und Bild scheinen Sie mir die ‚eierlegende Wollmilchsau‘ zu sein. Was können Sie nicht? Oder machen Sie nicht?“
Rupi nahm sich ein Stück vom Brot, formte lässig es zwischen Daumen und Zeigefinger zu einem Kügelchen und warf es sich in den Mund. Hap! Weg war es. „Fotograf ist mein erster erlernter Beruf, danach habe ich den Journalismus von der Pike auf gelernt. Ansonsten trete ich mit meinem Programm ‚Prinz Rupi erzählt den Ring‘ auf, teile mein Wissen als Referenz auf Veranstaltungen wie Barcamps und dem Selfpublisher-Day und bin auch organisatorisch als 2. Vorsitzender des Selfpubisher-Verbandes tätig. Was ich nicht kann? Ich kann keine Romane schreiben, die fehlen in meinem Portfolio.“

Irgendwie konnte ich mir das nicht so recht vorstellen. Da saß ein Mann vor mir, dem die Kreativität fast zu den Ohren rauskam und behauptete, keine Romane schreiben zu können. „Und was darf man als Nächstes von Ihnen erwarten?“
„Als Nächstes gibt es von mir einen Band mit biographischen Miniaturen unter dem Titel ‚Der Mann, der wie Jesus wirkte‘. Darin schildere ich Begegnungen mit ungewöhnlichen Menschen, die mir persönlich oder literarisch begegneten.“
„Literarische Begegnungen?“ Ich prostete dem Bücherprinz zu. „Sowas sollte ich auch mal ins Auge fassen …“

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