zu Besuch: Rebekka Mand

Im AntiquariatDer Stapel Bücher auf meinem Sekretär hatte eine Höhe erreicht, die ihn leicht schwanken ließ. Da waren allerhand Sachbücher und ein paar Prosatexte. Da waren die Bücher von Régis Boyer und Snorri Sturlunson neben den Romanen von Bernard Cornwell, Frans G. Begntsson, Kari Köster-Lösche und Rebecca Gable.

Auf den ersten Blick mochte die Auswahl willkürlich erscheinen, aber inhaltlich ließen sie sich alle über ein Thema aus: Wikinger. Naja. Um korrekt zu bleiben, muss ich eigentlich den Begriff Nordmänner bemühen. Die rauen Kerle waren anhand ihrer Beutezüge, ihren Vikings, bekannt geworden, doch bot die Lektüre weitaus mehr als epische Schlachten a la Hollywood oder Schlägereien im kindgerechten Zeichentrick.

In den letzten Stunden hatte ich mich eingelesen. Einfach so. Aus Lust und Laune. Überrascht hatte ich feststellen müssen, dass das Nordvolk mich zu fesseln wusste. Das meine ich natürlich im literarischen Sinne.

„Inspirierend“, resümierte ich, nachdem ich den letzten Band der „Uthred-Saga“ zugeschlagen hatte. „Es wäre schön, wenn man in das Regal noch ein paar Titel mehr einsortieren könnte. Was Prosaisches zum Beispiel. Nicht staubtrocken zu lesen, weniger Historienroman, dafür mehr Abenteuer mit einem Schuss Lovestory“, zählte ich meine Wünsche auf.

Die Bücher um mich herum tuschelten leise. Doch ich verstand nicht wirklich. Ich schaute mich um, ob sich vielleicht irgendwo ein Schatten im Regal nach vorne schob, ob sich etwas auf dem Beistellwagen unauffällig manifestierte oder sich sonst irgendwas seinen Weg aus den Tiefen des Buchlandes zu mir suchte.

Nichts dergleichen geschah. Stattdessen klingelte das Türglöckchen im Laden und eine junge Frau trat herein. „Kundschaft“, seufzte ich. Da Beatrice mal wieder nicht da war, musste ich mich nach vorne bemühen. Ich murmelte unwirsch vor mich hin, da ich leicht angesäuert war, dass mein spezieller Bücherwunsch nicht erfüllt worden war. Auf meinen Gast musste das ziemlich grantig wirken. Da kam ein alter Antiquar auf sie zu, brabbelte unverständlich und knurrte dann relativ unhöflich: „Sie wünschen?“ Ich sollte dringend mein Benehmen aufpolieren! Mühsam streckte ich also mein Kreuz in eine aufrechtere Position und malte ein freundlicheres Lächeln in mein Gesicht.

„Rebekka Mand“, stellte sich die Frau vor. Dabei hob sie die Hände in einer zunächst abwehrenden Geste zwischen uns. Mit der Linken hielt sie ein Buch, das auf diese Weise in mein Blickfeld kam. „Von den Grenzen der Erde“, las ich. Ein hübsches, sehr aussagekräftiges Cover. Die Künstlerin, die das gestaltet hatte, hatte echt was drauf. Als ich das Bild genauer betrachtete, erkannte ich unter anderem die Silhouette eines Wikingerbootes.

„Ah“, machte ich, verzichtete aber darauf, meine plötzliche Begeisterung zu erläutern. Ich fragte auch gar nicht, was sie zu mir führte. Buchlandmagie reichte mir vollkommen als Erklärung. „Frau Mand! Sie bringen mir ein Buch mit. Wie schön!“ Ich musterte sie.

Gekleidet in einer hellbraunen Lederjacke, darunter ein schlichter, langer Pullover, Jeans und schwarze Boots, stand sie vor mir. Ein buntes Tuch setzte einen besonderen Akzent zum Outfit. Viel markanter fand ich allerdings die rotgefärbten Haare, die sich keck bis zum Kinn streckten. Sie ließ meine stumme Bewertung ihrer Person unbeteiligt über sich ergehen. Lieber schaute sie flüchtig im Laden um.

„Eine Autorin“, stellte ich fest, „kein Zweifel. Was haben Sie denn da für ein Buch?“ Sie richtete ihre Aufmerksamkeit nun doch auf meine Person und versuchte meine Grantigkeit von gerade eben, mit einem ausgewählt freundlichen Lächeln zu entwaffnen.

„Von den Grenzen der Erde“, antwortete sie. Und ja: Ich konnte dieses stolze Funkeln in ihren Augen aufblitzen sehen. Da hatte jemand das Erstlingswerk in der Hand und am Schreiben so richtig Blut geleckt.

„Wovon handelt es?“, fragte ich ehrlich interessiert.

„Es ist ein klassischer Abenteuerroman mit einer Prise Fantastik.“

„Wikinger?“

„Nordmänner!“ Korrigierte sie mich beiläufig. „Erzählt werden zunächst zwei Geschichten, die sich irgendwann zu einer verbinden. Da wäre zum einen die Geschichte von Lynn, einer irischen Königstochter, deren Dorf von Nordmännern angegriffen wird. Während Lynn und ihre Mutter als Sklavinnen nach Norwegen gebracht werden, stirbt Lynns Vater bei dem Überfall. Dank Lynns besonderer Gabe, den Toten ins Jenseits zu folgen, erfährt sie von ihrem Vater von einem Schatz, den er für sie versteckt haben soll. Fortan verfolgt Lynn das Ziel, zurück nach Hause zu gelangen und den Schatz zu finden. Und dann ist da Eirik, jüngster Sohn einer dänischen Sippe, dem nichts Wichtiger ist als sein Schiff und seine Freiheit. Als er beides zu verlieren droht, kommt ihm Lynns Schatz gerade recht.“ An dieser Stelle holte Rebekka kurz Luft. „Es ist eine Geschichte von Familie, Heimat , Freundschaft und Verrat. Und ja, auch von Liebe.“

Wie bestellt, dachte ich bei mir. Ich zwinkerte dem Buchregal hinter dem Verkaufstresen kurz zu. Ich bin mir sicher, wenn Bücher hätten zurückzwinkern können, sie hätten es just in diesem Moment getan.

Ich nahm Rebekka das Taschenbuch aus der Hand und blätterte nicht zu schnell durch die eng bedruckten Seiten. Dabei fragte ich: „Wie viel davon ist Prosa? Und was davon ist historisch?“

„Die Geschichte und ihre Figuren entspringen komplett meiner Fantasie. Was das Setting betrifft, habe ich mir jedoch sehr viel Mühe gegeben, dieses arg klischeegebeutelte Völkchen so authentisch wie möglich darzustellen. So findet z.B. Lynn in Norwegen keine wilden Barbaren vor, sondern Menschen wie sie. Sie knüpft dort Freundschaften und findet ein Stück Heimat.

Es war mir wichtig, das Alltagsleben der Nordmänner, ihre Kultur und die mythologischen Aspekte möglichst realistisch darzustellen, die Figuren ihrer Zeit und ihren Werten gemäß handeln zu lassen. Aber in erster Linie soll das Buch natürlich Spaß machen.“

Ich gab meinem Gast das Buch nicht zurück. Stattdessen legte ich es neben die Kasse. Um von meinem Tun ein wenig abzulenken, fragte ich: „Wie kommt man denn gerade auf Nordmänner? Ich meine, mittelalterliche Königshäuser, ein Medicus oder eine Päbstin verkaufen sich doch bestimmt viel besser.“

„Aber davon gibt es doch schon so viele! Ich habe mich nicht hingesetzt und mir bewusst dieses Thema ausgesucht. Die Geschichten finden mich, nicht anders herum …“ Diese Aussage machte mir diese Rebekka doch glatt sympathisch! Ich hätte es ihr gesagt, doch ich wollte ihre Rede nicht unterbrechen. „… in diesem Fall waren es die Nordmänner, und je mehr ich mich mit ihnen befasste, umso mehr war ich davon überzeugt, dass es genau diese Geschichte und dieses Volk ist, worüber ich schreiben muss.“

Auf dem Buchcover fand ich ein kleines weißes Logo: „Qindie“. Das war doch die Bezeichnung von diesem Autorenkollektiv, das sich aus Indieautoren mit Qualitätsanspruch geformt hatte. Ich gab mich entsetzt, denn gute Bücher brauchten in meinen Augen einfach ein gutes Verlagshaus.: „Sie haben den Weg der Selbstveröffentlichung gewählt … Warum?“

Rebekka guckte mich etwas verständnislos an. „Ja, warum denn nicht, lieber Herr Plana? Als Indie-Autorin stehen mir alle Wege offen. Ich entscheide selbst, welchen davon ich gehen möchte. Ich habe mich sehr lange damit auseinandergesetzt und mich ganz bewusst dafür entschieden. Tatsächlich hat kein Verlag jemals ein Exposé des Romans gesehen. Böse Zungen mögen jetzt munkeln, dass es die Angst vor dem Scheitern ist, die mich davon abgehalten hat. Ich will nicht abstreiten, dass dieser Aspekt anfangs eine Rolle gespielt haben könnte. Inzwischen jedoch habe ich genug positives Feedback erhalten, um meine Position als Selfpublisherin selbstbewusst vertreten zu können. Wenn jetzt ein Verlag anklopfen und mir ein Angebot unterbreiten würde, müsste ich schon sehr genau darüber nachdenken, ob ich es annehme.“

„Ich bin wohl ein ewig Gestriger“, gab ich zu. „Selfpublisher, eBooks und der ganze Kram sind für einen alten Bibliothekar weder im Kopf noch im Regal leicht einzuordnen. Entschuldigen Sie, Rebekka.“

Ich gab Rebekka ihr Buch nun doch zurück. Im matten Licht des Antiquariats fiel ihr nicht auf, dass meine Freunde in den Regalen einen kleinen Zaubertrick vollführt hatten. Egal ob Indie oder nicht: Das Buchland mochte ganz offensichtlich die Wikinger in diesem Buch, denn die Brauntöne auf dem Buchcover hatten sich in ein dezentes Grün verwandelt. Auch das Motiv war nun ein anderes. Die verschnörkelten Buchstaben kündeten nun von einem neuem Abenteuer und „Von den Hütern der Schlange“.

„Wie lebt es sich denn bei einer Wikinger-Autorin?“, fragte ich beiläufig. „Hängen im Haus überall Holzschilde und Schwerter rum?“

„Ich muss Sie leider enttäuschen, werter Herr Plana. Ich lebe nicht in einem Skáli (so nannten die Nordmänner ihre Langhäuser) und schlafe auch nicht mit meinen Angehörigen auf Fellen auf einer Schlafbank. Wir, das heißt mein Mann, unser Sohn, der Hund und ich, leben ganz stinknormal in einem Einfamilienhäuschen in einem Neubaugebiet in der Nähe von Köln. Wir haben das Haus erst letztes Jahr fertig gebaut, leben also gewissermaßen noch halb auf einer Baustelle. Das einzige Zugeständnis an mein großes Interessensgebiet ist ein Wikingertrinkhorn in unserem Wohnzimmerschrank.“ Rebekka machte eine kurze Pause und gestand dann mit einer entschuldigenden Geste: „Allerdings besuchen wir sehr gerne Mittelaltermärkte und tauchen ein in frühere Zeiten. Gerade zur Weihnachtszeit üben diese Spektakel einen besonderen Reiz auf mich aus.“

„Das hört sich irgendwie alles ein wenig nach Hobby an. Ist das Schreiben für Sie noch kein Beruf?“

Rebekka schüttelte den Kopf. „Wenn ich nicht schreibe, gehe ich meiner Arbeit als Sozialarbeiterin nach, denn leider kann ich allein von den Buchverkäufen (wie die meisten) nicht leben.“

„Das ist bedauerlich“, sagte ich, „aber in Zeiten, wo Urheberrecht kaum noch was wert ist … Denken Sie auch, dass ein gedrucktes Buch immer noch den besten Kopierschutz bietet? Oder mögen Sie die digitalen Ausgaben Ihres Werks lieber?“

Rebekka dachte mit furchtsamem Blick auf die vielen Bücher gründlich nach, bevor sie antwortete. „Ich gehöre zu jenen, die ein echtes Buch in den Händen zu schätzen wissen, aber ich bin auch dankbar für die digitalen Medien. Mein eigenes Buch in den Händen zu halten ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl, viel schöner, als es auf einem E-Reader zu betrachten. Und ein Haus ohne Bücher ist für mich sowieso ein leeres Haus. Deshalb biete ich meine Bücher sowohl in gedruckter, als auch in digitaler Form an. Ich selbst habe meine Lieblingsbücher gerne zum Anfassen um mich herum – jedoch lese ich sie inzwischen lieber auf meinem Reader, weil er so schön praktisch und handlich ist. Anfangs war ich sehr skeptisch, ob diese Technik sich überhaupt durchsetzen würde. Inzwischen gehöre ich zu jenen, die davon profitieren. Die eBook-Ausgabe meines Romans verkauft sich um ein Vielfaches besser, als die gedruckte.“

„Schöne neue eBook-Welt“, murmelte ich. Das Mittelalter verpackt in einem Gerät der Zukunft. Unabhängig. Independent. Ich gestattete mir ein Seufzen. „Ich werde mich wohl nie mit diesen Dingern anfreunden können.“ Ich schüttelte diese Gedanken ab und konzentrierte mich wieder auf diese nette Person vor mir. „Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen, Rebekka Mand. Ich weiß, Ihre Nordmänner sind was ganz Besonderes. Ich bin schon ganz gespannt auf den Print Ihrer Hüter der Schlange …“

Erstaunt unterbrach sie mich: „Woher wissen Sie von meinem neuen …?“

Ja huch, da hätte ich mir doch beinahe meinen kleinen magischen Scherz versaut.

 

Ein Gedanke zu „zu Besuch: Rebekka Mand

Schreibe einen Kommentar